117. Meine Anthologie 42: Michel Houellebecq, L´amour, l´amour

L´ AMOUR, L´ AMOUR.

Kurzatmige Rentner in einem Pornokino
Verfolgten ohne rechten Glauben
Die schlecht gefilmten Spiele zweier lasziver Paare;
Eine Handlung gab es nicht.

Da hast du, so dachte ich, das Gesicht der Liebe,
Ihr urechtes Gesicht.
Die einen sind verführerisch; sie verführen immer,
Die anderen schwimmen so mit.

Es gibt weder Schicksal noch Treue,
Nur Körper, die einander begehren.
Ohne jede Zuneigung und vor allem ohne Mitleid,
Man spielt und man zerreißt.

Manche sind verführerisch und daher viel geliebt;
Sie dürfen den Orgasmus erleben.
Doch so viele andere sind müde und haben keinerlei Geheimnis,
Nicht mal Phantasien mehr;

Nur noch Einsamkeit, vertieft durch
Die schamlose Freude der Frauen;
Nur noch eine Gewissheit: »Das ist nicht für mich«,
Ein unscheinbares kleines Drama.

Im Sterben werden sie, das ist sicher, recht ernüchtert sein,
Von poetischen Illusionen befreit;
Sie werden die Kunst des Selbsthasses gründlich beherrschen,
Ganz automatisch.

Ich wende mich an alle, die nie jemand geliebt hat,
Die nie zu gefallen wussten;
Ich wende mich an die, die im befreiten Sex nicht vorkommen,
Im rohen Sinnengenuss.

Fürchtet euch nicht, Freunde, da verpasst ihr kaum etwas:
Die Liebe gibt es nirgendwo.
Das hier ist nur ein grausames Spiel, und ihr seid die Opfer;
Ein Spiel für Spezialisten nur.

L´ AMOUR, L´ AMOUR.

Dans un ciné porno, des retraités poussifs
Contemplaient, sans y croire,
Les ébats mal filmés de deux couples lascifs;
Il n’y avait pas d’histoire.

Et voila, me disais-je, le visage de l’amour,
L’authentique visage.
Certains sont seduisants; ils seduisent toujours,
Et les autres surnagent.

Il n’y a pas de destin ni de fidélité,
Mais des corps qui s’attirent.
Sans nul attachement et surtout sans pitié,
On joue et on déchire.

Certains sont seduisants et partant tres aimés;
Ils connaîtront l’orgasme.
Mais tant d’autres sont las et n’ont rien à cacher,
Même plus de fantasmes;

Juste une solitude aggravée par la joie
Impudique des femmes;
Juste une certitude: «Cela n’est pas pour moi»,
Un obscur petit drame.

Ils mourront c’est certain un peu désabusés,
Sans illusions lyriques;
Ils pratiqueront à fond l’art de se mépriser,
Ce sera mécanique.

Je m’adresse a tous ceux qu’on n’a jamais aimés,
Qui n’ont jamais su plaire;
Je m’adresse aux absents du sexe liberé,
Du plaisir ordinaire.

Ne craignez rien, amis, votre perte est minimé:
Nulle part l’amour n’existe.
C’est juste un jeu cruel dont vous êtes les victimes;
Un jeu de spécialistes.

Aus: Michel Houellebecq: Suche nach Glück. Gedichte. Frz.-Dt. Übertragen von Hinrich Schmidt-Henkel. Köln: DuMont 2000, S. 34-37

7 Comments on “117. Meine Anthologie 42: Michel Houellebecq, L´amour, l´amour

    • lieber ulf,
      wenn dus nur zugibst – alles andere ist doch egal. in einer modernen offenen beziehung kann man doch ganz un-geheim verschiedene ansichten haben, oder nicht? solln die leit denken was sie wollen.
      ich grüße dich: herzlich!

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  1. lieber michael,

    ich bin ein großer verehrer deiner seite und deiner person – aber dieses schauerliche gedicht mit der schauerlichsten aller gedichtzeilen, die ich kenne und die mich schon seit jahren verfolgt: „sie dürfen den orgasmus erleben.“ – dieses gedicht wirft doch einen schatten auf unsere beziehung!

    ganz herzlich, dein ulf

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    • lieber ulf,
      darauf kann ich zunächst nur einfach sagen: daß die von dir monierte Beziehung ja paar Jahre vor unserer Bekanntschaft stattfand. Ich hatte eben ein Leben vor dir. Gedicht #42 wurde von mir vor 10 Jahren in meine Anthologie gestellt, und pure Chronistenpflicht verbietet mir nachträgliche Korrekturen. Kurz: gibst du mir noch eine Chance?
      Aber dann: Hast dus im Original gelesen? Tatsächlich finde ich das Original, ja: charmant. Tut mir leid! Vergleich doch mal:

      Certains sont seduisants et partant tres aimés;
      Ils connaîtront l’orgasme.
      Mais tant d’autres sont las et n’ont rien à cacher,
      Même plus de fantasmes;

      „Ils connaîtront l’orgasme.“ – das finde ich nicht schauerlich. Dann ist es auch gereimt, und rhythmischer als das ungelenk klingende Deutsche. D’accord? Schauerlich finde ich in der Tat die deutsche Fassung:

      Manche sind verführerisch und daher viel geliebt;
      Sie dürfen den Orgasmus erleben.
      Doch so viele andere sind müde und haben keinerlei Geheimnis,
      Nicht mal Phantasien mehr;

      Wieso „Phantasien“? Fantasme ist doch nicht fantaisie. Fantasme ist viel beziehungsreicher: Halluzination, Wahnvorstellung, Hirngespinst, Phantasma, Traumwelt… Ils connaîtront l’orgasme. / Même plus de fantasmes: neinnein, schauerlich ist das nicht. Gibs zu, sonst…

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  2. wahnsinn! genial! bin schon länger sein fan, nachdem ich ihn zunächst verschmäht hatte, weil seine „negativität“ so PUR ankam, daß ich IHN selbst für negativ hielt. ich idiot vergaß die figur des „lyrischen ich“ vor lauter intensität! und empfinde ihn auch gar nicht mehr als negativ sondern einfach wunderbar KRITISCH ÜBERKLAR 🙂 das präfix „über“ soll hier auf freud anspielen, da houellebecq hier ja mal wieder den unbewußten „ES“-sumpf ans tageslicht befördert… und so sind seine poeme: zwar keine psychedelische poesie, aber immerhin psychoanalytische, das ist doch schonmal ein anfang! ich schieb ihm dann gern ein echtes „E.S.“-liebesgedicht hinterher, um den posiTIEFen bereich abzudecken, denn NUR kritik (ohne vision) gilt nicht 😉

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