89. „Heimliches Nicken / im übertragenen Sinn“

Zumeist sind diese Texte knapp, die Zeilen kurz und alle Formulierungen auf ganz Konkretes fokussiert. Auch wenn ihr Sinn vielfach verrätselt scheinen mag und gängiger Bedeutungssuche zunächst wenig zugänglich, entsteht ihr Reiz und Witz oftmals im Spielerischen, als wollten sie die Welt- und Sprachpartikel erst einmal gründlich durchschütteln, um sodann zu erkunden, was sich neu daraus ergibt: „Satzteile schütteln / wie den Flaum / in der Schneekugel- / so ähnlich wie der Schlaf / im Lebensmüll wühlt. / Jedes Gedicht sagt: ‚Ich verzweifle‘ / dann: ‚Alles muss raus!‘“ In dieser Weise umspielt Armantrouts Lyrik die Verzweiflung, indem sie danach forscht, wie in und mit der Sprache überhaupt je was herauskommt, das heißt auf welche Weise wir der Wirklichkeit je mit Schriftzeichen und Wörtern beikommen: „Es ergibt Sinn / um die Ecke zu biegen / in einer schwarzen Limousine / und aufzuschreiben / was alles passiert. / In einer roten Strickmütze / die Straße entlang zu steppen / ein einziges Mal.“

Darin erneuert sich die Tradition der sogenannten „Language Poets“, einer Gruppe der amerikanischen Avantgarde, die sich in den siebziger Jahren in Kalifornien formiert hat und seither nach Möglichkeiten sucht, den gesellschaftlichen Aufbruch jener Zeit mit der Erbschaft der großen Modernisten wie William Carlos Williams oder Gertrude Stein aufs Neue zu verbinden. Jeder Indienstnahme von Wörtern zur Bezeichnung vorfindlicher Wirklichkeit steht hier die Auffassung entgegen, dass Sprache sehr viel mehr und sehr viel anderes leistet, als bloß Mittel eines derart fremden Zwecks zu sein. Im Verzicht auf alles Mittelbare dennoch nicht das Mitteilbare sprachlicher Hervorbringungen aufzugeben bildet daher das Programm; es versucht, das Eigentliche aller Sprache dadurch freizulegen, dass es die uneigentliche Redeweise unseres Sprachgebrauchs herausstellt, beispielsweise in den gängigen Naturbeschreibungen: „Zweige spreizen / die Finger. / Naturliebe ist eine Übersetzung. / Heimliches Nicken / im übertragenen Sinn“. / Tobias Döring, FAZ 17.4.

Rae Armantrout: „Narrativ“. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling und Matthias Göritz. Mit einem Nachwort von Marjorie Perloff und Fotografien. Lux Verlag, Wiesbaden 2009.

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