41. Sprache des verlorenen Paradieses – Pasolinis „Dunckler Enthusiasmo“ auf der Bühne

Das poesiefestival berlin bringt am 12.6.2010 den Gedichtband „Dunckler Enthusiasmo“ von Pier Paolo Pasolini auf die Bühne.

Ursprünglichkeit und Unschuld: das war die lebenslange, ungestillte Sehnsucht des Dichters Pier Paolo Pasolini. Die Sprache des verlorenen Paradieses und der Auflehnung gegen die Gesellschaft war für ihn der Dialekt der Mutter, das Friaulische. Unter der Regie von Leopold von Verschuer führt das poesiefestival berlin am 12. Juni um 20 Uhr in der Akademie der Künste die Gedichtesammlung „Dunckler Enthusiasmo“ des italienischen Autors auf. Die Übersetzung stammt von Christian Filips, der für diesen Zweck eine eigene Sprache entwarf aus Mittelhochdeutsch, Lutherisch, Sozio- und Dialekten ebenso wie aus Journalisten- und Fachsprachen.

Der junge Pasolini evoziert in seinem Frühwerk mit dem Friulanischen das Dorf und die Landschaft im Friaul, im Nordosten Italiens. Er kreiert eine antibürgerliche Utopie, das Bild von einem einfachen Leben, einer „besseren Jugend“. Dieses Ideal hat Pasolini während seiner gesamten bewegten Karriere als Schriftsteller und Filmemacher niemals aufgegeben. Kurz vor seinem Tod griff er die frühen Gedichte wieder auf, variierte und kommentierte sie. Die konstruierte Idylle verbindet sich hier mit einer wortgewaltigen Klage über die konsumorientierte Massengesellschaft und einer Abrechnung mit Italiens faschistischer Vergangenheit. Nirgendwo sonst in Pasolinis Schaffen tritt dessen obsessives Leiden an der Moderne und seine Suche nach einer Alternative deutlicher zu Tage.

Die Fassung für das Theater greift die Dichotomie zwischen Kindheitsutopie und einer als tragisch empfundenen  Realität durch eine Zweiteilung des Bühnenraumes auf. Das mütterliche Dorf steht auf der einen Seite, die globalisierte Welt auf der anderen. Es entstehen zwei Echoräume, die einander beständig antworten. Die späten Gedichte reagieren auf die frühen – und umgekehrt.  Dabei wird deutlich, dass Pasolinis politischer Kampf gegen die Massenkultur für eine „archaische, agrarische Ordnung“ nicht zu gewinnen ist. Die ursprüngliche Welt des Friaul muss dem Neuen weichen, der Dichter ist aus seinem Paradies vertrieben.

Die Musik stammt von dem Schweizer Komponisten Bo Wiget, einem „Glücksfall für die Theatermusik“ (Diedrich Diederichsen).

Pier Paolo Pasolini (*1922 Bologna, † 1975 Ostia) war einer der wichtigsten und wegen seines skandalträchtigen Lebens und seiner politischen Einstellung auch umstrittensten italienischen Schriftsteller und Filmemacher. Im November 1975 kam er unter noch immer nicht ganz geklärten Umständen gewaltsam ums Leben.

Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.

Mit freundlicher Unterstützung der MARITIM Hotels Berlin.

Langpoem: Dunckler Enthusiasmo
Pier Paolo Pasolini
Sa. 12. Juni 2010, 20.00 Uhr
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Mit: Leopold von Verschuer (Regie, Schauspiel), Bo Wiget (Musik), Eva Brunner (Schauspielerin), Linda Olsansky (Schauspielerin), Christian Lindhorst (Chorleitung)

Poesiegespräch: Prophet Pasolini?

Sa 12. Juni 2010, 18.30 Uhr

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Mit Christian Filips (Übersetzer, Berlin), Durs Grünbein (Autor, Berlin), Leopold von Verschuer (Regisseur, Berlin)

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