112. «Wilne schtot fun gajst un tmimes»

«Wilne schtot fun gajst un tmimes», Wilna, Stadt des Geistes und der Vollkommenheit – so beginnt ein jiddisches Gedicht aus dem 18. Jahrhundert, das, zu einem Lied umgearbeitet, den Beginn einer Theaterveranstaltung im Ghetto markierte. Dass die Juden sogar unter den existenziell dramatischen Umständen im Ghetto in diesem Lied Trost fanden, zeigt ihre besondere Anhänglichkeit an die Stadt, die in Europa «litauisches Jerusalem» genannt wurde.

Tatsächlich war Wilne, wie die Stadt auf Jiddisch heisst, eine jüdische Stadt: eine Hochburg jüdischer und jiddischer Gelehrsamkeit, ein zentraler Ort sowohl des Chassidismus als auch der Haskala und darüber hinaus eine bedeutende Verlags-, Literatur- und Theaterstadt. Vielleicht auch deshalb hatte die Wilnaer Haskala, die jüdische Aufklärung, anders als die Berliner Haskala, kein assimilatorisches Ansinnen. Während die jüdischen Intellektuellen in Berlin Jiddisch abschätzig als Jargon bezeichneten und das Idiom ablegten, um deutsche Gelehrte, Philosophen und Dichter zu werden, wurde Wilna das Zentrum der jiddischen Literatur und des Jüdischen überhaupt. Zu den bedeutendsten Kultureinrichtungen in Wilna gehörte das Jüdische Wissenschaftliche Institut, an dem Abraham Sutzkever lernte, bevor er sich dem avantgardistischen jüdischen Schriftsteller- und Künstlerkreis Jung-Wilne anschloss. Sutzkever, 1913 in Smorgon geboren und in Wilna aufgewachsen, gehört zu jenen jiddischen Dichtern, die den «Jargon» zu einer literarischen Sprache umformten.

Sein dichterisches Schaffen wird nun zusammen mit seiner dokumentarischen Darstellung des Wilnaer Ghettos in einer zweibändigen Ausgabe vorgestellt, die zu den letzten Grosstaten des Ammann-Verlags gehören wird. Hubert Witt hat eine schöne Auswahl der Gedichte getroffen und sie angemessen, also in einer behutsamen Gratwanderung zwischen Rhythmus, Reim und Sprachbildern, übersetzt. In «Wilner Getto», das jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, beschreibt Sutzkever die Ghetto-Wirklichkeit und zugleich die Entstehung der Gedichte, die ihrerseits diese Wirklichkeit festhalten. So stellt diese Ausgabe den Lyriker als Zeitzeugen und den Zeitzeugen als Lyriker vor.

Sutzkevers erstes Gedicht erschien 1932. Danach veröffentlichte er in regelmässigen Abständen Prosa und Verse in jiddischen Zeitschriften, und 1937 erschien sein erster Gedichtband, «Lider» – Gesänge. In diesen Gedichten schafft er suggestive Sprachbilder, um seelische Landschaften zu zeichnen, und kombiniert archaische mit modernen Ausdrücken – wie man in der von Hubert Witt nun besorgten Auswahl der Gedichte erkennen kann. Aber der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Wilna unterbrach abrupt seine gerade begonnene literarische Karriere und setzte einem Kapitel jüdischer Geschichte ein absolutes Ende: «Als ich am 22. Juni frühmorgens das Radio anschloss, da sprang es mir entgegen wie ein Knäuel Eidechsen: ein hysterisches Geschrei in deutscher Sprache.» So beginnt Sutzkevers Bericht «Wilner Getto». / Stefana Sabin, NZZ 21.11.

Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941–1944 / Gesänge vom Meer des Todes. Gedichte. Aus dem Jiddischen von Hubert Witt. Ammann-Verlag, Zürich 2009. 2 Bände in Schuber, 272 und 192 S., Fr. 67.90.

Da die Ausgabe leider nicht zweisprachig ist, hier ein Hinweis auf ein Originalgedicht Sutzkevers auf Jiddisch (mit hebräischer und lateinischer Schrift) und eine Übersetzung von Paul Spinger. Die erste Strophe geht so:

אונטער דײַנע ווײַסע שטערן
שטרעק צו מיר בײַן װײַסע האַנט.
מײַנע װערטער זײַנען טרערן
װילן רוען אין דײַן האַנט.
זע, אעס טונקלט וײער פֿינקל
אין מײַן קעלערדיקן בליק
און איך האָב גאָרניט קײן װינקל
זײ צו שענקען דיר צוריק.

unter dayne vayse shtern
shtrek tsu mir dayn vayse hant.
mayne verter zaynen trern,
viln ruen in dayn hant.
ze, es tunklt zeyer finkl
in mayn kelerdikn blik,
un ikh hob gornit keyn vinkl
zey tsu shenken dir tsurik.

Unter deinen weißen Sternen,
Reich mir deine weiße Hand.
Meine Wörter sind wie Tränen,
Wollen ruhn in deiner Hand.
Sieh, wie sich der Glanz verdunkelt
Unter meinem finstern Blick;
Ich hab keinen Ort gefunden;
Wie geb ich sie dir zurück?

(In Huberts Witts Übersetzung hat das Gedicht vierzeilige Strophen)

Hier Paul Spingers Sammlung jiddischer Lyrik

Unbedingt lesenswert! Am bewegendsten das Gedicht eines jüdischen Mädchens, das etwa 1944 im Alter von 12 Jahren in Bergen-Belsen ums Leben kam: Ester Shtub, Das Lied vom Barackenbauen. Ein gar nicht kindliches, starkes Gedicht des durch Not frühreifen Kindes. Ich zitiere die erste Strophe:

eyns, tsvey, dray –
ven veln mir zayn fray?
hungerik, borves, opgerisn,
fun tate-mame gor nisht visn –
got! vi tut dos vey.

(v lies w, z lies stimmhaftes s. borves = barfuß, tate = Papa)

Und ein um 1350 geschriebenes jiddisches Liebesgedicht, lid fun der hertsalerlibst, überliefert als Glosse in einem Kommentar des Rabbi Solomon ben Yitskhok.

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