Getagged: Wilfred Owen

143. Abgesang auf Kriege

Verschiedene Chöre und Orchester, darunter das Akademische Orchester Zürich, intonieren gemeinsam Ende Mai das «War Requiem» von Benjamin Britten. ETH Life verlost für die Konzerte in Zürich und im KKL Luzern je 5×2 Tickets.

… Er verband die katholischen Requiems mit Texten des englischen Kriegspoeten Wilfred Owen. Dieser starb am 4. November 1918 – eine Woche vor Kriegsende – und hinterliess Gedichte, die er in den zwei letzten Kriegsjahren geschrieben hatte. Britten wählte neun davon aus. Die Verwendung der Verse beeinflusst den Aufbau des Werkes stark. Die vertonten Gedichte werden nicht nur zwischen die einzelnen Sätze des Requiems geschoben, sondern teilweise mitten hinein. Die englischen Gedichte Owens bilden zudem in vielerlei Hinsicht einen Kontrast zum lateinischen Text.

Britten ordnet dem Text der Totenmesse das grosse Orchester, den Chor und Knabenchor und die weibliche Solistin zu. Owens Gedichte hingegen werden von einem Kammerorchester, dem Tenor und dem Bariton vorgetragen. Die Dramaturgie des Werkes ist von dieser Gegenüberstellung geprägt. / ETH Zürich Life

68. “I am: yet what I am none cares or knows”

I Am

I am: yet what I am none cares or knows,
My friends forsake me like a memory lost;
I am the self-consumer of my woes,
They rise and vanish in oblivious host,
Like shades in love and death’s oblivion lost;
And yet I am! and live with shadows tost

Into the nothingness of scorn and noise,
Into the living sea of waking dreams,
Where there is neither sense of life nor joys,
But the vast shipwreck of my life’s esteems;
And e’en the dearest–that I loved the best–
Are strange–nay, rather stranger than the rest.

I long for scenes where man has never trod;
A place where woman never smil’d or wept;
There to abide with my creator, God,
And sleep as I in childhood sweetly slept:
Untroubling and untroubled where I lie;
The grass below–above the vaulted sky.

John Clare schrieb dieses Gedicht in einer “Irrenanstalt”, einem Madhouse, in dem er 19 Jahre seines Lebens verbrachte.

Kaum glaublich aber wahr: In meiner langjährigen Lieblingsanthologie, Palgrave’s Golden Treasury (erschienen zuerst 1861, dann unzählige Male seit 1907 “with additional poems”, besonders häufig während des Krieges 1914-18, wo insgesamt 9 Auflagen erschienen, zwei- und dreimal pro Jahr) fehlt dieses Gedicht, das heute wohl sein bekanntestes ist. Ja der Autor fehlt ganz: obwohl seine Generationsgefährten Byron, Keats und Shelley ebenso drin sind wie die jüngeren Browning, Tennyson, FitzGerald (Rubaiyat!) und noch die viel jüngeren Hopkins, Housman, Swinburne, Whitman – dieser freilich nur mit dem schwachen “O Captain, my captain” auf den Tod Lincolns – und noch Yeats und Sassoon. Aber es fehlt auch John Donne! Auch Blake! Der Geschmack änderte sich erst mählich. Erst in der erstmals 1924 erscheinenden Anthologie “Golden Treasury of Modern Lyrics” ist Clare dabei – als ältester Autor mit Jahrgang 1793, genau 100 Jahre vor Wilfred Owen, dessen “Anthem for Doomed Youth” drin steht. Aber nicht “I am” ist darin, sondern – zunächst, sage ich – drei Gedichte auf Natur und Landleben. Die beklemmend genaue Selbsterkenntnis eines Irren paßte wohl noch nicht ganz ins Bild. Haltbare, präzise und atemberaubend schöne Zeilen und Gedichte! Ist es nicht an der Zeit, den “verrückten Bauerndichter” auch für Deutschland zu entdecken? Die vierbändige Anthologie “Englische und amerikanische Dichtung” (von Koppenfels/ Pfister) bringt 5 Gedichte von Clare, darunter auch dieses. Die Übersetzung Manfred Pfisters ist achtbar, überträgt aber den klassisch-knappen fünfhebigen in fünf- bis siebenhebigen Jambus, was die Präzision abtötet, buchstäblich ab der ersten Zeile:

Ich bin – doch was, weiß niemand, kümmert keinen.

[Die Schlußformel schon zerstört alles in dem durch Pause mittig unterbrochenen Siebensilbler! None cares or knows! Vier Trommelschläge, Schluß! Ebenso, wenn die vierte Zeile zum Alexandriner wird, "Sie heben sich und gehn, wohin Vergessen führt" ist nicht "into oblivion's host", immer wird aus direktem indirektes, "poetisches" Sagen. Dichter mit den mehrsilbigen lateinischstämmigen Wörtern sind eben leichter zu übersetzen als "Bauerndichter" mit ihren Einsilblern!]

1860 schrieb ein Lyrikliebhaber einen Brief an den Leiter der Nervenklinik, um sich nach dem Befinden des Naturdichters John Clare zu erkundigen (der, ein echter Landarbeiter und Autodidakt, 1820 mit “Poems Descriptive of Rural Life and Scenery*” in die Literatur trat, aber von den Berufsdichtern und -liebhabern bald vergessen wurde). Clare, damals 66, schrieb ihm:

March 8th 1860
Dear Sir
I am in a Madhouse & quite forget your Name or who you are you must excuse me for I have nothing to commu[n]icate or tell of & why I am shutup I dont know I have nothing to say so I conclude
yours respectfully

John Clare

(Hölderlin, in ähnlichem Status, war knapp 17 Jahre vorher gestorben)

Hier noch ein Abschiedsgedicht Clares:

Farewell

Farewell to the bushy clump close to the river
And the flags where the butter-bump hides in forever;
Farewell to the weedy nook, hemmed in by waters;
Farewell to the miller’s brook and his three bonny daughters;
Farewell to them all while in prison I lie–
In the prison a thrall sees naught but the sky.

Shut out are the green fields and birds in the bushes;
In the prison yard nothing builds, blackbirds or thrushes.
Farewell to the old mill and dash of waters,
To the miller and, dearer still, to his three bonny daughters.

In the nook, the larger burdock grows near the green willow;
In the flood, round the moor-cock dashes under the billow;
To the old mill farewell, to the lock, pens, and waters,
To the miller himsel’, and his three bonny daughters.

In L&Poe:

2003    Okt    #    3 000 Gedichte
2003    Dez    #    The poetry and madness of John Clare
2004    Jan    #    Genauigkeit, schockierende Klarheit (Weiter mit John Clare)
2004    Feb    #40.    Mad John Clare sings the Blues
2005    Mrz    #96.    Plazierungen
2005    Mrz    #98.    Über die Rehabilitierung des verrückten “Bauerndichters”
2006    Okt    #74.    Clares Leier
2007    Jun    #44.    Sex is a Nazi
2009    Jun    #66.    In Bienen

*) Das Buch kann man hier als pdf oder in anderen Formaten herunterladen oder online lesen. Es gibt zumindest für den englischsprachigen Bereich fast alles! Was bisher nur sehr betuchte Kunden von Antiquaren lesen konnten, die Erstausgaben der alten Dichter, kann im Moment jeder in seinem Wohnzimmer kostenlos lesen. Aber man muß zugreifen, bevor es Google gelingt, eine Bezahllösung durchzusetzen – die arbeiten ganz sicher daran!

46. Der 11. November

… ist nicht nur Martinstag* und Enzensbergers Geburtstag (und nebenbei der von Heinrich IV., Paracelsus, Dostojewski, Paul Signac, René Clair, Kurt Vonnegut, Carlos Fuentes, Andreas Reimann (Glückwunsch!), Demi Moore, Ally McBeal, Leonardo DiCaprio and the lot), sondern in Großbritannien Armistice Day – Gedenktag zum Waffenstillstand von 1918. Der wird bis heute begangen (praktischerweise hat man 1939 die zwei Schweigeminuten auf den nächstliegenden Sonntag verschoben), so auch in der Lyrik. Heute veröffentlicht das First World War Poetry Digital Archive der Universität Oxford eine digitale Sammlung der Manuskripte des Dichters Siegfried Loraine Sassoon (1886–1967).

Das Archiv enthält auch Sammlungen von Wilfred Owen, Isaac Rosenberg, Robert Graves, Vera Brittain und Edward Thomas.

Bericht im Guardian vom 11.11.

Sassoon war eine komplexe Persönlichkeit: britischer Patriot mit teutonischem Namen, tollkühner und dekorierter Soldat und Deserteur, Jude und Katholik (jeweils nicht unbedingt gleichzeitig, abgesehen von Ersterem), war poet und anti war poet. “They” heißt ein berühmtes Gedicht – hier ist nicht der Feind gemeint, sondern “they”, die Kirche, die den Krieg beweihräuchert, und “they”, die Jungs aus den Schützengräben. Wäre es nicht an der Zeit, es auch in den deutschen Kanon aufzunehmen?

*) vgl. 28. Gedicht