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98. Karte der Realpoesie


Karte der Realpoesie nach dem Stand vom 23.10. 2012 (c) Michael Gratz

56. Gnadengesuch

GNADENGESUCH
bei praesident dr Fischer angekuendet:

Um mich + meine kunstform
vor der vernichtung
durch richter dr. Peter Wimmer des gerichts wien-innere stadt
doch noch zu retten:

Man will mich 6 wochen einsperren.

Weil die wiener linien meine kunstaktionen nicht wollen+pausenlos zerstoern.
(Bereits 1 MILLION ! meiner zettelgedichte wurden amtlich vernichtet ! )

Die zeit im gefaengnis kann ich und werd ich nicht ueberleben.

Ich hab mich in gewaltfreier, mildester form zum 1x gewehrt!
Und den zusammengeknaeulten papier-+klebeband-haufen, den stationswarte+betriebs-kontrollore aus meinen gedichten machten, durch die offene sprechluke der station schwedenplatz durchgeschoben.

Dabei soll angeblich eine kleine schraube verbogen worden sein.

Dafuer wurdi wegen vorsaetzlicher sachbeschaedigung zu 6 wochen unbedingt verurteilt.
Demnaechst berufungsverhandlung.

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Foerderung weiterer aktionen:
BIC: OPSKATWW

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44. Wiener Feedback

Da nehmen sie die Poesie noch ernst. Helmut Seethaler, der Wiener “Zettelpoet”, wird für seine für Nichtwiener harmlosen Aktionen, bei denen keine Fassaden beschädigt werden, von Justiz und “Wiener Linien” verfolgt, was ihm 1000 Anzeigen, 1 Million abgerissener Zettel und jetzt sogar eine Haftstrafe einbringt. Und Briefe wie diesen, Walter heißt er:

Du hinicha stadt-verschmutzer!
Wenn ich di amoi life seh: gibts ane in dei blede fressn! Walter heiss ich. Dass das nur wasst! Du debb du! Pickst daham auf de scheiss zeddln. du unnetiga.

119. Die erste Lesung

1963 fand im Wiener Café Hawelka die erste öffentliche literarische Lesung in Österreich statt: Elfriede Gerstl trug Gedichte vor, die sie unter dem Titel «Gesellschaftsspiele mit mir» gesammelt hatte. Die Jüdin, die, mit ihrer Mutter von Wohnung zu Wohnung fliehend, den Verfolgungen des Nationalsozialismus entkommen war, begründete damit eine Einrichtung des literarischen Lebens, die sich schliesslich in allen grossen Städten zu Literaturhäusern auswuchs.

Gerstls «wenig übliche Gedichte» – so der Untertitel ihrer Sammlung – würden im Literaturhaus von heute aber kaum noch Anklang finden. Zwar das erste Wort, das damals erklang, «Ophelia», und das folgende Gedicht möchten noch immer ein auf Erzählung, Moral und Verständlichkeit achtendes Publikum zufriedenstellen: «Sie hatte ihren Namen vergessen / sie ging auf lautlosen Zehen / rund um den Mondhof / ging um / um ihren Namen / Ophelia / in einem grossen Kreis.»

Der verträumte Klang des Gedichts ist anrührend, aber nicht typisch für die Poetin. Schon in anderen Texten ihrer ersten Sammlung deuten sich Ironie und Selbstironie an, wie sie dann aus allen ihren Werken, neben Gedichten Hörspiele und Romane, dem Leser entgegentreten. Bereits bei dieser ersten Lesung hatte Gerstl ihre ungewisse Position im Kreis der Zuhörer, zu denen Oswald Wieler [! Wiener] und Konrad Bayer gehörten, skeptisch charakterisiert: «und noch in weitem Umkreis standen Pessimisten / Skeptizisten / und Agnostizisten / die wärmten sich alle / an meiner Begeisterung / und rieben sich die Hände.» Wer von der Begeisterung der anderen redet, ist selbst nicht begeistert: «Etwas wie Pathos», so schreibt die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek über die befreundete Dichterin, «hat sich bei ihr gar nicht erst her getraut.» Pathos sei vielleicht «auf die Länge eines Kleinen Braunen» geduldet gewesen, dann aber habe es sich davongeschlichen, um «kühler, klarer Unbestechlichkeit mit feingeschliffenem Witz an den Kanten» Platz zu machen.

Die «Wiener Gruppe», in der die Veranstaltung stattfand, ging später in die «Grazer Autorenversammlung» über. Diese experimentelle Richtung der österreichischen Literatur wandte sich gegen die grosse Erzählung und den hohen Ton der traditionellen Dichtung, ebenso aber auch gegen die neusachlichen und politischen Tendenzen der Linken. / Hannelore Schlaffer, NZZ 29.8.

Elfriede Gerstl: Mittellange Minis. Werke Band 1. Hrsg. von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer. Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 206 S., Fr. 34.40. Elfriede Gerstl: wer ist denn schon zu hause bei sich. Band 19 der Reihe Profile. Hrsg. von Christa Gürtler und Martin Wedl. Zsolnay- Verlag, Wien 2012. 317 S., Fr. 29.90.

45. “Poesie zum Pflücken” vom Zetteldichter

Kaum ein Wiener hat nicht schon einmal einen Zettel mit seinen Zeilen in den Händen gehalten: Für die einen ist Helmut Seethaler, der Zetteldichter, ein Genie – für andere ein Störenfried. Auf seiner alten Schreibmaschine verfasst er “Poesie zum Pflücken” angeheftet an Brückengeländern, Bäumen und Gebäuden. / tagesschau.de – Die Nachrichten der ARD am 11. Juli 2012

19. Realpoesie!

Große Dinge bereiten sich vor, wenn die Zeitschrift “Das Gedicht” ihren 20. Geburtstag feiert:

Am Dienstag, den 20. November 2012 findet in der Donaumetropole unter dem Titel »Endlich Realpoesie! – zwei Jahrzehnte ohne Angst vor Lyrik« ein Lesungsabend mit Podiumsdiskussion statt, der gemeinsam von der Alten Schmiede Kunstverein Wien und der Hauptbücherei Wien veranstaltet wird.

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1. Erich Fried Preis 2012 für Nico Bleutge

Der junge* deutsche Dichter Nico Bleutge erhält den mit 15.000 Euro dotierten Erich Fried Preis 2012 – so hat es in diesem Jahr der alleinige Juror, der Autor Lutz Seiler, bestimmt.

Die Preisverleihung findet am Sonntag, den 25. November 2012 im Literaturhaus Wien statt

Lutz Seiler in seiner Jurybegründung:

Bleutges Gedichte befreien die Natur im Gedicht von den üblichen metaphorischen Rahmungen; mit einem sanften, fein rhythmisierten Sprechen, das sich vom Schauen und Hören leiten lässt, erreicht er eine besondere, vollkommen eigene Bildqualität. Ich sehe in Bleutges Werk einen vielversprechenden Ansatz für die Erneuerung des sogenannten Naturgedichts; allerdings ist der Begriff ohnehin unbrauchbar, also besser: für die Erneuerung von Natur-Wahrnehmung in der Sprache des Gedichts.

Seine Gedichte öffnen dem Leser die Sinne, sie lassen ihn teilnehmen am Schauen und Lauschen. Zarte Konturen.

Man könnte sagen: Bei Bleutge geht es um Sprach- und Wahrnehmungszustände vor der Natur, in denen das Gedicht – das ist die Utopie, die diesem Schreiben innewohnt – einen authentischen, also von Vorurteilen und Wertkontexten freien Ausgang nehmen möchte.

Was mich an Bleutge überzeugt: Dass ich den (angenehmen) Eindruck habe, sein Text sei nicht vorrangig dem Willen zum Gedicht gefolgt, sondern nur sich selbst, das heißt dem Schauen und der es begleitenden oder anführenden Sprachschau. Die dieser Sprachschau innewohnende Diktion tendiert zur Prosa, was ich als Teil eines umfassenderen Bemühens verstehe, alles Avancierte und Ambitionierte, das die lyrische Gattung selbst schon mitzubringen scheint, zu vermeiden.

Seine Gedichte sind bis ins Detail ausgearbeitet, feinstes Gewebe.**

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*) wie lange gilt man als junger Dichter? Bis 50 vielleicht – da hat er noch 10 Jahre Zeit.

**) Die Sprache, mit der Gedichte belobt werden, hat oft etwas Auratisches. Einschüchterndes. Nicht beim Kritiker Bleutge, übrigens. Bei seinem Lobredner aber schon. So hält man den uneingeweihten Leser auf Distanz, Dilthey, Staiger hättens nicht besser gekonnt: “Seine Gedichte öffnen dem Leser die Sinne, sie lassen ihn teilnehmen am Schauen und Lauschen. Zarte Konturen.”  Im Unterschied zu anderen Autoren sind sie authentisch – “also von Vorurteilen und Wertkontexten frei”. Die Surrealisten machten das mit Schlafentzug oder Drogen, wie machts der Herr vom Huchelhaus? Immerhin übt er subtil Selbstkritik, wenn man das richtig heraushört. Was man bei dieser Sprache nie wissen kann.

Link: Seiler über Bleutge

46. Nicht neidisch

In der Wiener Kleeblattgasse hat Ende Jänner ein Buchshop eröffnet, in dem ausschließlich Romane und Abhandlungen von Frauen verkauft werden. Und Theorien über Feminismus. / Wiener Zeitung

Die Theorien können anscheinend auch von Männern sein, wenn ich die Formulierung mal ernst nehme. Aber egal: Keine Gedichte? Bin ich nicht neidisch. Sie werden schon kriegen, was sie verdienen. :-)

40. NEUES AUS DER SCHWEIZER LITERATUR – zweite Lieferung

09.02.2012
Alte Schmiede
1010 , Wien

1. Abend: Lebens-Werk KLAUS MERZ Präsentation der WERKAUSGABE (in sieben Bänden; Haymon Verlag, ab 2011) • MARKUS BUNDI (Herausgeber, Zürich) positioniert den Autor und sein Werk • Klaus Merz (Unterkulm, Aargau) liest aus Die Lamellen stehen offen. Frühe Lyrik 1963-1991 (Band 1), In der Dunkelkammer. Frühe Prosa 1971-1982 (Band 2), Fährdienst. Prosa 1983-1995 (Band 3 der Werkausgabe) • Begrüßung: GEORG HASIBEDER (Programmleiter, Haymon Verlag) • in Zusammenarbeit mit dem Haymon Verlag, Innsbruck, mit freundlicher Unterstützung durch PRO HELVETIA, Schweizer Kulturstiftung