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39. Bizarre Städte

Asteris Kutulas
Bizarre Städte im Fadenkreuz
Ein unmelancholischer Rückblick 20 Jahre später

Das Projekt Bizarre Städte entsprang einem elementaren Freiheitsbedürfnis: sich nämlich nicht von vergreisten, kleinbürgerlichen und ungebildeten Herren vorschreiben zu lassen, was man zu denken, zu lesen, abzubilden und wie man zu leben hat. Die BS waren keine Publikation von oder für Dissidenten, ja, ich würde sagen, nicht mal von Oppositionellen im landläufigen Verständnis, sondern eher Ausdruck eines anarchischen Lebensgefühls gegenüber der uns damals umgebenden kulturellen Wirklichkeit und deren opportunistischer und größtenteils dümmlicher Repräsentanten, die da alle Ebenen des öffentlichen Lebens der DDR abweideten und in einigen Fällen ihre Machtgelüste und/oder ihren Kleingartenfrieden auslebten: Verlagsmenschen, Zeitschriftenredakteure, Kulturfunktionäre, Schallplatten- und Rundfunkproduzenten, Fernsehreporter, Festival- und Konzertveranstalter, Abteilungsleiter, Sekretäre, Jugendklubbetreiber etc. etc. (…)

Ich schreibe all das, weil sich die BS seltsamerweise nicht nur im Fadenkreuz staatlicher Ermittlungen, sondern auch im Fadenkreuz der „Szene-Regierung“ befanden, denn Anderson & Schedlinski agierten wie deren Premier- und Propaganda-Minister – dabei nicht nur die politischen, sondern auch und vor allem die geschäftlichen und bilateralen Beziehungen zum Westen regelnd. Diese beiden mal farbschillernderen, mal blasseren Oberhäupter hatten die geistige und teilweise auch faktische Regentschaft über das Erscheinen einiger „Untergrund“-Publikationen in Prenzlauer Berg und anderswo inne und wähnten sich kompetent genug, festlegen zu dürfen, wer in dieser Szene salonfähig war und wer nicht, waren also ebenfalls kleinbürgerlich, wenn auch mit abgetretenen Kelimteppichen und Ledersesseln, khakifarben von Alterspatina, in den Arbeitsräumen und/oder bekleidet mit einer ewigen beuys-kreuz- und -flecken-dekorierten Weste.

Trotz dieser doppelten „Restriktion“, die unsere Arbeit ständig begleitete, will ich nicht behaupten, dass die BS in gesellschaftlicher oder kultureller Hinsicht „wichtig“ waren, aber sie veränderten immerhin in konstruktiver Weise die persönlichen Produktions- und Dialog-Bedingungen einiger Leute, die sich mit Kunst und Literatur beschäftigten, und wurden damit zu einem selbstbewussten Ausdruck unserer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ in diesem seltsamen Niemands-Land DDR. Immerhin veröffentlichten wir einige Texte, die sonst keine Chance auf Publikation hatten, wie z.B. Annett Gröschners „Maria im Schnee“, Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee IV“, Matthias „Baader“ Holsts Gedichte oder Frank Lanzendörfers Foto-Text-Collage „Garuna, ich bin“, um nur einige zu nennen. / Bizarre Städte

120. Einer von der Internationale der literarischen Opposition

Als Heidelberger Anglistik-Student gründete Weissner 1965 sein Literaturmagazin Klectoveedsedsteen, benannt nach einem Titel von Charlie Parker. »Ein kompletter Satz liegt heute wahrscheinlich nur in der New York Library, von der Ausgabe mit der Schallplatte hab’ ich selber kein Exemplar.« Die Rowohlt-Anthologie »Beat« und zwei Sondernummern des Times Literary Supplement über Underground-Literatur hatten ihn inspiriert. Deutsches veröffentlichte er nicht, und »das Heft hat hier vielleicht mal zwölf Stück verkauft«. Aber es erreichte die Internationale der literarischen Opposition. Bukowski, Burroughs, Ginsberg schickten ihm Texte. …

Die bahnbrechende Anthologie »Acid« von Brinkmann/Rygulla war sein Einstieg ins Übersetzen. 1970 pushte und übersetzte er das erste Buch des bei uns unbekannten Charles Bukowski, und mit »Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang« kam der Durchbruch, der ohne Weissner ziemlich sicher nicht stattgefunden hätte, und nicht bei einem großen, sondern beim kleinen Maro Verlag.

Der eigentliche Punkt bei Carls Karriere war, daß diese Autoren ihn als einen der ihren ansahen, er veröffentlichte in vielen Magazinen, in denen ihre Texte erschienen und, ja, er schrieb englisch. »Das war einer der besten Texte, der mir in den letzten Jahren untergekommen ist«, kommentierte Bukowski in einem Brief, »das Ding hat mich fast zum Heulen gebracht.« / Franz Dobler, junge Welt 27.1.

37. Addition der tradierten Differenzen

Rainer Schedlinski war einer der Herausgeber des essayistisch veranlagten Periodikums ariadnefabrik. (Der Name des zweiten Herausgebers soll an dieser Stelle ungenannt bleiben, da es als sicher gelten kann, dass er keinerlei Wert darauf legt, mit einer Hefte-Folge in Verbindung gebracht zu werden, deren Abonnent das Ministerium für Staatssicherheit war.) Über den Denunzianten Rainer Schedlinski zu sprechen bedeutet in der üblichen Weise, zumeist über den Dichter und Denker zu schweigen. Und dies meint wohl kaum die vielzitierte Trennung von Dichter und Werk, welche ohnehin nach Belieben aufgehoben ist, wenn es darum geht, die Gedichte und Essays als persönliche Verpflichtungserklärung oder als verspiegeltes Geständnis gegenzulesen. Rainer Schedlinski war ja nicht nur ein inoffizieller Mitarbeiter, sondern auch ein bekennender Struktualist.

(Nein, soviel Zartsinn vermag ich nicht aufzubringen. Da mach ich gern den Spielverderber. “Einer wird hier überhaupt nicht erwähnt”. Das schrieb Andreas Koziol im Gedicht “Tradition der Differenzen”, in: Andreas Koziol: sammlung. edition qwert zui opü 1996, S. 29. Das Gedicht ist eine Replik auf sein Szenegedicht “Addition der Differenzen”. Der eine, der hier überhaupt nicht erwähnt wird: oder sind es zwei? Die Abwesenheit ist ja eine Grundfigur des Strukturalismus, das Paradigma. Andreas Koziol war der zweite Herausgeber der Ariadnefabrik. Weglassen ist immer Verarmen, Moral fehl am Platze, wenn es um Verstehen geht. 1990 erschien “Abriß der Ariadnefabrik” in der Edition Galrev, da waren Anderson und Schedlinski noch nicht enttarnt, glaub ich.) Weiter im Text:

Seine Gedichte sind von einer kargen Sprache, deren Nüchternheit an Teilnahmslosigkeit grenzt. Die Worte sind nur das, was sie sagen, ihre Eindeutigkeit zielt auf eine unverstellte Sicht der Dinge. Auf den Irrsinn eines verrückten Systems weisend, denken seine Essays die Verhältnisse vom Kern ihres ganzheitlichen Irrtums her. Sie erkannten, was offensichtlich war und dennoch offensichtlich neben der Erkenntnis lag.

Man liegt nicht falsch, Rainer Schedlinski einen aufgeklärten Geist zu nennen, der Kritik an der Aufklärung übte. Die Aufklärung rotierte ihm um Denkfiguren, die nicht von der tatsächlichen Gestalt eines gesellschaftlichen Phänomens ausgingen, sondern von einem Ideal, welches sie postulierte und damit sozusagen zielgerichtet verfehlte. Die Einsichten Schedlinskis hatten durch ihre zirkuläre Verbreitung eine äußerst begrenzte Wirkung und absurderweise war er als Stasi-Zuträger auch noch subversiv gegen die eigene Subkultur, welche letztlich seine einzige, aber betrogene Leserschaft darstellte. Dennoch waren seine Aufsätze im Idealstaat DDR von einiger Brisanz, selbst wenn damals alles brisant war, was vom Staatsnarzismus abwich. Die Brisanz seiner Essays machte jedoch vor dem Irrsinn der eigenen Person halt. Er predigte Einsicht in die Verhältnisse und agierte verdeckt in ihnen.

Hier geht es ja nicht allein um die Umwandlung von Wärme in Energie, es ist die Wandlung von Poesie in ihr Gegenteil, in eine reine Funktionalität. Letztlich wird diese Entwicklung aber auch der Erkenntnis geschuldet sein, dass die eigene Sprache nicht länger imstande ist, Energien freizusetzen, indem sie z.B. Wärme oder Kälte erzeugt. Den Texten war es nicht länger möglich, durch eine runtergeregelte Empathie zu glänzen, mit der Rainer Schedlinski einmal sprach: ernst sind die äcker & ernst / die häuser vor den äckern / die hecken sind / ernst und gezeichnet.

Heute schreibt er: thermalforce.de liefert thermoelektrische Generatoren, Zubehör für deren thermische und elektrische Montage, sowie einsatzbereite Generatorenmodule. Zudem finden Sie hier eine große Auswahl an Kühlkörpern, Wärmetauschern, Anschlüssen, Pumpen, Reglern, Wärmeleitmitteln, Meßgeräten und sonstigem Zubehör. Dies ist der Gebrauchstext für ein neutrales Sujet, die Lyrik einer kalten Funktionalität und daher die Fortsetzung der Poesie mit anderen Mitteln. Die tradierte Lesart einer solchen Wandlung wäre wohl die des Verräters, der zum biederen Einzelhändler wird. Es ergäbe wenig Sinn und würde der Person Schedlinskis nicht gerecht, einen Denunzianten zu denunzieren.

Aufgeladener ist die Interpretation, dass sich der Dichter eines kühlen Sprechens dem Handel von Wärmeleitmitteln widmet. So abwegig diese Entwicklung scheinen mag, sie ist geradlinig. Rainer Schedlinski könnte erkannt haben, dass es ein letzter Akt des Sprechens ist, zu schweigen, wenn einem niemand mehr eine Zeile abnimmt, geschweige denn ein Wort glaubt. Die Hingabe an die Erzeugung von Energie durch Wärme mag eine Folge der Kälte sein, mit der man seiner Person heute begegnet. / Henryk Gericke, der Freitag

 

Die Freitag-Sonderausgabe zu 20 Jahren Einheit. Mit Beiträgen von Sascha Anderson, Daniela Dahn, Samy Deluxe, Rainald Goetz, Jakob Hein, Jana Hensel, Tom Kummer, Jonathan Meese, Harry Rowohlt u.v.a  Jetzt am Kiosk oder hier auf freitag.de

 

Uwe Warnke / Ingeborg Quaas (Hg.): “Die Addition der Differenzen. Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989. Berlin: Verbrecher Verlag 2009. (Darin enthalten die beiden “Differenzen”-Gedichte von Koziol)

98. Poesie des Untergrunds

Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989

Freitag, 24.9.

20:00 Uhr / Koeppenhaus – Literaturzentrum

Kuratoren: Ingeborg Quaas, Uwe Warnke & Thomas Günther

In der letzten langen Dekade des kurzen Daseins der DDR geriet Ostberlin in Bewegung. Jedenfalls aus künstlerischer Sicht. Speziell im heruntergekommenen Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg, jenseits des staatlichen Kunst- und Kulturbetriebs, entfaltete und entwickelte sich eine Szene, die in ihren Aktivitäten und in ihrer Arbeit eine von ideologischen Grenzziehungen nicht kontaminierte Sprache suchte und fand.

Diese Suche entsprach durchaus einer Unabhängigkeitserklärung. Sie mündete in eine Poesie des Untergrunds, die zwar unter halblegalen und illegalen Bedingungen entstand und Verbreitung fand, sich aber einer ständigen Bezüglichkeit auf die Diktatur verweigerte.

Die Künstler nutzten die zunehmende Unsicherheit des Staates und die sich dadurch öffnenden Freiräume. Ihre Netzwerke erlaubten ihnen eine völlig neue Art der Kreativität. Es arbeiteten Dichter mit bildenden Künstlern, mit Fotografen, mit Bands und Zeitschriftenmachern zusammen. Es gab Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, Modenschauen oder Theater- und Filmaufführungen in privaten Wohnungen, Ateliers und auf Dachböden oder Hinterhöfen und es entwickelte sich eine eigenständige zweite Kultur, die ihren Niederschlag u. a. in den originalgrafischen Zeitschriften und in den zahlreichen Künstlerbüchern fand.

Die geistigen Zeugnisse und materiellen Hinterlassenschaften dieser Szene sichtbar zu machen, ist Ziel der Ausstellung „Poesie des Untergrunds“. Die Exposition, welche im Herbst 2009 im Prenzlauer Berg-Museum in Berlin ihren Auftakt hatte und bereits an verschiedenen Orten gezeigt worden ist, präsentiert die verschiedenen Facetten dieser künstlerischen Arbeit. So werden in der Greifswalder Präsentation Grafiken, Fotografien, Plakate, Untergrundzeitschriften, Künstlerbücher sowie einige andere Dokumente aus dieser Zeit zu sehen sein.

Mit freundlicher Unterstützung des Quartiersbüros Fleischervorstadt, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Landeszentrale für politische Bildung MV, der Universitäts- und Hansestadt Greifswald und des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Zur Eröffnung der Ausstellung wird Thomas Günther eine Einführung in das Thema und die Ausstellung geben. Im Anschluss daran werden Ingeborg Quaas und Uwe Warnke Texte aus den 80er Jahren lesen.

Parallel zur Ausstellung ist der von Uwe Warnke und Ingeborg Quaas herausgegebene Band „Die Addition der Differenzen“ (Verbrecher Verlag, Berlin, 2009) erschienen.

160. Ausstellung

Als Dr. Peter Böthig 1988 die DDR verließ, hatte er einen Rucksack und zwei Koffer dabei. In einem Koffer befanden sich Texte, Bilder und Poesie des DDR-Untergrunds.

Auf die Frage eines Grenzers, was er denn in den Koffern habe, antwortete der heutige Leiter des Rheinsberger Kurt Tucholsky Literaturmuseums: “Ach, nur Bastelkram!” Der Grenzer glaubte es, Böthig reiste aus und mit ihm einige der faszinierendsten Hinterlassenschaften Ostberliner Künstler.

Einige dieser Bücher, Gedichte und Bilder können Besucher nun im Rheinsberger Literaturmuseum bestaunen, wo am Sonnabend die Ausstellung “Poesie des Untergrunds – Die Ostberliner Literaten- und Künstlerszene 1979 bis 1989″ eröffnet wurde. / Märkische Zeitung / Ruppiner Anzeiger 30.11.

111. Poesie des Untergrunds, aufgetaucht

Nur gut, dass das Bett von Elke Erb zusammengebrochen ist. Darunter kam ein Bettkasten zum Vorschein, der allerlei Bilder und Manuskripte enthielt. Die Lyrikerin meldete sich bei den Kuratoren der Ausstellung „Poesie des Untergrunds – Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989“: Sie sollten kommen und holen, was sie brauchen könnten. Denn wenn das Bett erst repariert wäre, dann verschwinde die Kiste wieder für die nächsten zehn Jahre.

Die DDR-Geschichte versinkt mit atemraubendem Tempo in der Vergangenheit, so dass selbst deren Protagonisten sich ihrer Herkunft immer wieder versichern müssen und überrascht sind, was unter ihren Betten zum Vorschein kommt. Das ist wohl der Hauptzweck dieser Schau, die eben keine Ausstellung über die Kunstszene ist, sondern eine Selbstdarstellung der Beteiligten: Seht her, es war schön, und wir waren viele! Es gehe darum, „die Deutungshoheit über unsere eigene Geschichte zurückzugewinnen“, sagte der Kunstwissenschaftler Christoph Tannert bei der überfüllten Eröffnung am Freitagabend. Die Bereitschaft, Erinnerungsstücke zur Verfügung zu stellen, war groß, leicht hätten größere Hallen gefüllt werden können als das Prenzlauer-Berg-Museum. In einer parallelen zweiten Ausstellung, die kommenden Samstag im Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg eröffnet werden wird, sind deshalb ganz andere Exponate zu sehen.

Die Ausstellung beginnt mit einem Gruppenfoto aus dem Jahr 1981, das nach einer Lesung in der Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß entstand. Im Hintergrund Flaschen, Bilder und alte Schränke. Davor haben sie sich aufgebaut wie für ein Mannschaftsfoto: Helden einer Zeit, in der man karierte Hemden trug. Wer kennt sie noch: Eberhard Häfner oder Roland Manzke, Michael Rom oder Rüdiger Rosenthal? Nur wenige wie Jan Faktor oder Uwe Kolbe haben sich über die Wende hinaus als Schriftsteller etabliert. Die älteren, berühmteren, wie Wolfgang Hilbig, Adolf Endler, Elke Erb oder die mit ihren Bildern heute so erfolgreiche Malerin Cornelia Schleime, fehlen auf diesem Foto. Der bekannteste ist wohl der als Stasi-Spitzel enttarnte Sascha Anderson, der auch hier im Mittelpunkt sitzt. Einer seiner IM-Berichte – genaue und ausführliche Psychogramme aller befreundeten Künstler – ist das womöglich interessanteste Dokument der Ausstellung. / Jörg Magenau, Tagesspiegel 22.11.

Bis 7. Februar, Prenzlauer Berg Museum, Prenzlauer Allee 227/228, Sa–Do 10–18 Uhr, Eintritt frei.

Begleitbuch zur Ausstellung: Uwe Warnke, Ingeborg Quaas (Hrsg.): Die Addition der Differenzen. Verbrecher-Verlag Berlin, 2009. 290 S., 19,90 €.

Beim Leipziger textenet-Festival gibt es gegenwärtig Zeichnungen aus diesem Umkreis zu sehen

Nur noch bis 23.11. (!) in der Werkstatt für Kunstprojekte, Karl Heine Straße 46-48

Proben siehe

98. Bert Papenfuß und Ronald Lippok

6. “Vor den ersten Sachen die letzten Dinge”

Vernissage

Werkstatt für Kunstprojekte, Karl Heine Straße 46, Leipzig

Mittwoch 4.11. 20.00 Uhr

Artefakte einer langjährigen Kollaboration, begonnen zu DDR-Untergrund-Zeiten, fortgeführt in den Nischen des Jetzt. Bert Papenfuß, dichtende Leuchtgestalt der Prenzlauer Berg-Connection, und Ronald Lippok, Maler und Musiker (von Rosa Extra über Ornament&Verbrechen bis zu Tarwater und To Rococo Rot) stellen Zeichnungen, Lithografien und Siebdrucke zu Lyrik-Grafik- Editionen, Büchern oder Zeitschriften aus, flankiert von Einzelarbeiten, gekrönt von der Installation “Kuhlmann- Altar” und klanglich gerahmt von musikalischen Kooperationen.

Bert Papenfuß liest & spricht, Ronald Lippok (Tarwater / To Rococo Rot) musiziert und legt mit Alexander Pehlemann (Herausgeber des Zonic Magazin) dunkle Klassiker des Gegenpop auf.  Ausstellung bis 23.11. 2009

Am gleichen Ort eröffnet gleichfalls:

“Ehrliche Fälschungen”

Begegnungen mit Carlfriedrich Claus

Ende 1979 übersiedelt Valeri Scherstjanoi aus der UdSSR ins Erzgebirge. Dort begegnet er bald Carlfriedrich Claus. In jahrelanger Auseinandersetzung mit dessen Sprachblättern und mit dem russischen Futurismus entwickelt er nach und nach sein eigenes Zeichensystem, die “Ars Scribendi”, einerseits scribentische Notation, andererseits auch Poesia Sonora. Die Ausstellung zeigt diesen Prozess unter Einbezug einiger Originale von Carlfriedrich Claus.

29. Schweriner Literaturtage

Mit «100 Gedichten aus der DDR» beginnen an diesem Dienstag die 14. Schweriner Literaturtage. Das Mauerfall- Jubiläum prägt das Programm bis zum 14. November insgesamt: Nach der Gedichte-Sammlung des Verlegers Klaus Wagenbach gehe es weiter mit einer Deutschlandreise von Christoph Dieckmann mit dem Titel «Mich wundert, dass ich fröhlich bin» und Rayk Wielands grotesker Einladung zu einem Forum der «Untergrunddichter der DDR», teilte am Montag die Stadtverwaltung mit. / Ostseezeitung 5.10.

(Das eigentlich Interessante: wer, was oder warum grotesk?, erfahren wir aus der Meldung leider nicht)

9. Leipziger Literaturverlag

P R E S S E M I T T E I L U N G

Veranstaltung am 9. Oktober 2009 in Leipzig: Im Schatten der Kolossalfiguren

In diesem Herbst durchbricht der Leipziger Literaturverlag seine strikte Ausrichtung auf belletristische und künstlerische Titel und bringt keine sogenannten Wenderomane, sondern drei Sondereditionen zu den historischen Ereignissen von 1989 heraus und eröffnet aus diesem Anlaß

am Freitag, den 9.10.2009, um 20 Uhr in den Räumen des Verlags

die Ausstellung “Im Schatten der Kolossalfiguren”.

Das gleichnamige Buch “IM SCHATTEN DER KOLOSSALFIGUREN” versammelt wichtige Dokumente des Leipziger Aufbruchs im Herbst 1989, zur Rolle Leipziger Schriftsteller und des Einflusses der Stasi auf die Leipziger Literaturszene. Es geht um Zivilcourage und Ungehorsam, um Demokratie und Denunziation, Emanzipation und Duckmäusertum. Die Ursprünge der Leipziger Bürgerrechtsbewegung gerieten zunehmend in Vergessenheit oder wurden durch den Heldenstadtmythos und seine wendehalsigen Protagonisten verschleiert.

Die von Sylvia Kabus und Reinhard Bernhof herausgegebene Untergrundzeitschrift “UMFELDBLÄTTER” aus den Jahren 1988/89 ist nicht im Schutz von Kirchendächern entstanden, sondern in Privatwohnungen. Die Texte von Wilhelm Bartsch, Thomas Böhme, Kurt Drawert, Horst Drescher, Volker Ebersbach, Elke Erb, Rolf Henrich, Dieter Mucke, Kristian Pech, Hans-Ullrich Prautzsch, Winfried Völlger reflektieren über Verantwortung gegen Naturzerstörung und lügnerische Verklärung, “ein gerade noch genügendes Vorhandensein von Natur”, wie Kristian Pech es nannte.

Der Fotoband “DRESDEN 1. MAI 1989″ dokumentiert die letzte offizielle Maidemonstration, im Frühjahr vor der Herbstrevolution – sie erscheint heute harmlos, war eine friedliche Demonstration, keine Revolution. Die Staatsmacht zeigte sich in bunten Uniformen – in Ausgehuniform, nicht im Kampfanzug. Der Umzug bot ein Bild der Lächerlichkeit und jeder wußte es…

Zur Ausstellungseröffnung am 9. Oktober 2009 zeigen wir erstmals überhaupt das im September 1989 illegal in der Michaeliskirche aufgenommene Video von Peter Franke von einem der ersten Auftritte der Mitglieder des Leipziger Neuen Forums, als derartige Aktionen noch von Inhaftierung und Verfolgung bedroht waren.

Zur Ausstellungseröffnung und Buchpremiere lesen die Autoren Sylvia Kabus, Christian Pech, Horst Drescher und Reinhard Bernhof.

Die Ausstellung dauert bis 04.12.2009.
Beginn um 20.00 Uhr in der Brockhausstraße 56, 04229 Leipzig.

Neuerscheinungen zum Herbst 1989 im Leipziger Literaturverlag:

Reinhard Bernhof & Silke Brohm (Hg.), Im Schatten der Kolossalfiguren
Basisdokumente
ISBN 978-3-86660-081-2

Dresden 1. Mai 1989
Bilder eines unbekannten Fotografen
ISBN 978-3-86660-073-3

Sylvia Kabus & Reinhard Bernhof (Hg.), Umfeldblätter
Reprint einer illegalen Kleinzeitschrift, erschienen im Samisdat 1988/89
ISBN 978-3-86660-082-9

Weitere Neuerscheinungen im Leipziger Literaturverlag:

Gennadij Ajgi, Immer anders auf die Erde
Gedichte. Aus dem Russischen von Walter Thümler
ISBN 978-3-86660-075-1

Michael Goller & Mike Wassermann, Konkretes Vergessen
Gedichte & Zeichnungen
ISBN 978-3-86660-076-8

Axel Helbig & Ulf Großmann (Hg.), Skeptische Zärtlichkeit
Junge deutschsprachige Lyrik
ISBN 978-3-86660-077-5

Inskriptionen No. 2, paranoia, pink
Anthologie, handgedruckt, zweifarbig
ISBN 978-3-86660-074-4

Carsten Zimmermann, licht etc.
Gedichte
ISBN 978-3-86660-083-6

26. Döring-Etüden

Alexander Krohn schreibt:

Stefan Döring (geb. 1954), neben Bert Papenfuß, Jan Faktor und Sascha Anderson einer der wichtigsten Vertreter der späten DDR-Untergrund-Literatur, veröffentlichte in den 80ern ein Buch und in den 90ern noch eins. Zum Ausklang dieses Jahrzehnts erscheint nun «Drei Etüden».

Distillery 33
Stefan Döring. Drei Etüden
Mit einer Einbandgrafik nach einer
Vorlage von Marika Kammerer.
1. Auflage 2009.
Brosch. 40 S.
ISBN 978-3-941330-24-5
7 Euro