Getagged: Tom Bresemann
42. Arbeitsstipendien 2013
Arbeitsstipendien 2013 an Schriftstellerinnen und Schriftsteller vergeben
Berlin, den 22.04.2013
Auch in diesem Jahr wird die Kulturverwaltung des Berliner Senats an 13 in Berlin lebende Autorinnen und Autoren Arbeitsstipendien in Höhe von insgesamt 156.000 € vergeben. Die Stipendiaten erhalten ein sechsmonatiges Stipendium in Höhe von 12.000 € (Monatssatz 2.000 €).
Die diesjährigen Stipendiatinnen und Stipendiaten sind:
Konstantin Ames, Maxim Biller, Rabea Edel, Gerhard Falkner, Patrick Jon Findeis, Günter Herburger, Lioba Happel, Dr. Thomas Hettche, Dr. Gabriela Hift, Georg Leß, Thorsten Palzhoff, Tom Schulz und Ellen Wesemüller.
Der Jury zur Vergabe der Arbeitsstipendien gehörten dieses Jahr an: Verena Auffermann, Ulrike Baureithel, Tom Bresemann, Gregor Dotzauer, Christian Hippe und Dr. Dieter Stolz.
Die Jury hatte über 343 Bewerbungen zu entscheiden.
Die Stipendiatinnen und Stipendiaten werden sich und ihre Arbeiten im Rahmen einer vom Literaturforum im Brecht-Haus organisierten Veranstaltung Ende Oktober oder Anfang November 2013 im Berliner Ensemble präsentieren. Der Termin wird der Öffentlichkeit vorher bekannt gegeben.
64. Was Poesie sei
„Ich traf eins und fragte es, was Poesie sei. Es versetzte mir, Nützlichkeit sei das Letzte. Und dieses heißt Reißwolf und jenes heißt Ökoöl. Oder Poesie per Livestream. Oder Life Conditioner. Eine seltene Säure. Jeder Engel geht einem schrecklich auf die Nerven. Andere Gerichte sind Elegien. Viel Glück beim Sampling! Oder bei der Engführung. Da falle ich aus den Wolken. Wir, das Volk, Ich das Ich, lebendig und auf jedem Dokuspaßkanal. Wer Geschichtsknoppers liebt, sollte jetzt besser gehen. Zu wünschenswert. Sagt ‚Tschüss‘ dem dreifach gesattelten Pferd.“
Ames, Bresemann, Genschel, Kornappel und Lange lesen Gedichte & der Josquin-DJ macht Musik.
Samstag, 23.2.
20:00
playing with eels
Urbanstraße 32, 10967 Berlin
137. Affirmation / gebrochen
„Nicht von Arbeitern ist hier die Rede“, wie es in Höllerers Langgedicht „Die Stimme von Blake“ in der „Randnummer“ heißt, nicht „von Industrie und Proletariat, es ist die / Rede von jungen Technikern, die // mit dem flippenden Geräusch einer angeblichen / Nichtanstrengung die Sicht / verändern und eine / dahinstreichende Zeit“. Die Welt der Programmierer beginnt ihre Bewohner zu konditionieren und ruft nach Verweigerung; „die scharfe Linie der Affirmation / gebrochen / und dann die Versuchsanordnung / dem Phantastischen Benennbares abzugewinnen / durch / auf ja-und-nein-Futter / abgerichtete / Insekten“.
Gräfs Hang zur Kanonisierung, der den Dichter zwischen amerikanischen Beat Poets und Rolf Dieter Brinkmann ansiedelt, und Bresemanns Neigung, aus Höllerers sprachanalytischer Kybernetik noch einmal Subversionsfunken zu schlagen, mögen zwei Seiten derselben Sache sein. Das überraschende Interesse am Dichter Höllerer dürfte ansonsten aber weiterhin der seltenen Dreieinigkeit von Schriftsteller, Literaturwissenschaftler an der Technischen Universität und Erfinder des „Literarischen Colloquiums“ am Wannsee geschuldet sein.
/ Gregor Dotzauer, Tagesspiegel
- Randnummer Nr. 5, 8,00 Euro + 1,40 Euro Versand; 256 Seiten
- Sprache im technischen Zeitalter Nr. 203, Oktober 2012
90. randnummer – lesung zur 5. ausgabe
103. Offene Poetik
Gleich zwei Literaturzeitschriften, das sehr experimentierfreudige Literaturheft „randnummer“ und die dereinst von Höllerer selbst begründete Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“, haben nun bislang unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlass des 2003 verstorbenen Höllerer ausgegraben, die im Umfeld des Bandes „Systeme“ anzusiedeln sind. Der Berliner Dichter und Veranstaltungsmacher Tom Bresemann hat vor einiger Zeit im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg ein Typoskript mit Höllerer-Gedichten gefunden, die vielleicht auch wegen ihrer formalen Kühnheit nie zur Veröffentlichung gelangt waren. In der aktuellen Ausgabe, dem Heft 5 der „randnummer“ hat Bresemann nun einige Funde zusammengetragen und in einem kleinen Vorwort kommentiert.
Im aktuellen Heft 203 von „Sprache im technischen Zeitalter“ werden weitere Höllerer-Gedichte im Faksimile präsentiert und in einem kundigen Aufsatz von Dieter M. Gräf in ihrem literaturhistorischen Kontext erschlossen. Gräf verweist zum Beispiel auf die berühmten „Thesen zum langen Gedicht“, in denen Höllerer bereits 1965 den Weg zu einer offenen Poetik bahnte, die dann in seinem Band „Systeme“ Gestalt annahm. In diesen Thesen spricht Höllerer dem langen Gedicht eine besondere Beweglichkeit zu: „die Entscheidung für ganze Sätze und längere Zeilen bedeutet Antriebskraft für Bewegliches.“ Die offene poetische Form manifestiert sich in den Nachlass-Gedichten in dem Umstand, dass die einzelnen Verse systematisch aus der Reihe tanzen und sich auf der Buchseite in vielfach aufgefächerten, sehr unregelmäßigen, oft auch fragmentierten Gedichtzeilen gruppieren. Diese sehr freie Versform ist zum Teil auch ein Import aus der modernen amerikanischen Poesie, den Höllerer in den frühen 1960er Jahren selbst organisiert hat. (…)
Es geht bei dieser Ausgrabung der nachgelassenen Gedichte Walter Höllerers jedoch nicht um bloße Literatur-Archäologie. Denn die „randnummer“ nutzt diese offene Poetik Höllerers ganz offenkundig als literarisches Leitbild. Neben die Höllerer-Gedichte platziert die Redaktion sehr reizvolle visuelle Poeme der Autorin Angelika Janz, in denen durch verschiedene Montagetechniken Zeitungsausrisse oder kleine Malereien in die poetische Textur integriert werden. Das ist ebenso als eine widerständige Poesie in Bewegung zu begreifen wie die hier abgedruckten Gedichte von Norbert Lange, Léonce Lupette oder Jan Skudlarek, in denen Verfahren der Überschreibung, der semantischen De-Regulierung oder gar des Rückbaus von Texten angewandt werden. Jan Skudlarek beispielsweise reduziert expressionistische Großstadtgedichte von Georg Heym oder Ernst Blass auf wenige Wörter, um sie damit gleichzeitig semantisch ungeheuer aufzuladen. Überhaupt ist dieses neue Heft der „randnummer“ als ein vielversprechendes Manifest der offenen Poetik und ihrer avanciertesten Autoren aus der jungen Generation zu lesen. / Michael Braun, Poetenladen
- randnummer, No 05

c/o Simone Kornappel, Okerstr. 43, 12049 Berlin. 252 Seiten, 8 Euro. - Ostragehege, No 67

c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden, 70 Seiten, 4,90 Euro - Edit, No 59

Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 112 Seiten, 5 Euro. - Sinn und Form, 5/2012

Postfach 2102 50, 10502 Berlin. 130 Seiten, 9 Euro. - Idiome, No 4

c/o Florian Neuner, Lübecker Str. 3, 10559 Berlin.104 Seiten, 9,90 Euro.
14. Frontbericht
Auch das Publikum – Leute um die 30, die stets an den richtigen Stellen kichern – ist eher nicht von hier, sondern extra angereist. Insofern hat die Lesung nichts mehr mit der Idee der Poet’s Corner zu tun, wie sich das die Literaturwerkstatt im Rahmen des Berliner Poesiefestivals überlegt hat: dass die Gedichte raussollen, in die Kieze, unter Leute, die sonst nichts mit Lyrik am Hut haben.
Macht aber nichts. Denn die Stimmung im Körnerpark ist gut: Das liegt am schönen Licht in der Orangerie, es liegt am Blick auf die erwähnten Kastanien und die Palmen in Kübeln, es liegt aber vor allem an der expressiven Lyrik der Lesenden – allen voran die Werke der Berliner Dichterin Jinn Pogy, Redakteurin und Mitherausgeberin der Berliner Zeitschrift für Lyrik und Prosa Lauter Niemand. Schöne Sätze wie der vom „Recht auf ein Versteck, das von Körperwärme beheizt wird“, sausen durch den Raum. Man müsste viel öfter Gedichte lesen, idealerweise eins am Tag, denkt man noch, aber da geht es schon weiter. …
Dann betritt ein großer, dürrer Mann Mitte 30 die Bühne. Er trägt himmelblaues Hemd, schwarzen Anzug und Krawatte, Kapitän-Ahab-Bart, einen Pferdeschwanz und wirkt überhaupt wie einer dieser exzentrischen Leichenbestatter aus der TV-Serie „Six Feet Under“.
Der Mann heißt Tom Bresemann und liest, als sei er Mitglied der weltbesten Lesebühne: Mit charmantem Berliner Akzent, sehr präsent und pointiert. Seine Gedichte, die er zuletzt unter dem Titel „Berliner Fenster“ im Berlin Verlag veröffentlicht hat, beinhalten witzige Wortspiele mit neudeutschen Unworten, zum Beispiel „Contents aller Länder, vereinigt euch“. Recht schnell muss er sich leider schon wieder um seinen Hund kümmern, der plötzlich anfängt zu jaulen, vor allem aber um sein Baby, das es nicht mehr aushält im Kinderwagen – all das macht ihn nicht weniger sympathisch.
Das scheint auch der grinsende Björn Kuhligk in seinem Lehnsessel am Rande so zu sehen, der nun Tom Bresemann das Baby in den Arm drückt und die Bühne betritt. Kuhligk ist einer der einflussreichsten jüngeren Lyriker Berlins. … Seine Gedichte sind kompliziert, wimmeln aber auch vor tollen Reimen, die hängen bleiben. Zum Beispiel: „Die Liebe ist ein Milchmädchen. Spricht sie, ich liebe dich, ist sie drei Liter tief.“ / Susanne Messmer, taz
7. Lyrikmarkt
Samstag, 02.06.
Poets’ Corner
Sa 2.6. ab 13:00
Uhr
In den Bezirken, Eintritt frei
Die Dichter Berlins erobern die Stadt. Sommerlesungen in den Bezirken.
13:00–15:00 Uhr
Neukölln: open air. Vor dem Kreativraum an der Galerie im Körnerpark.
Mit Norbert Lange, Jinn Pogy, Jan Skudlarek, Jan Wagner, Fiona Wright
15:00–17:00 Uhr
Treptow-Köpenick: Wagendorf Lohmühle, Lohmühlenstraße, Ecke Kiefholzstraße. Bei schlechtem Wetter ebenfalls dort.
Mit Shane Anderson, Nora Bossong, Tom Bresemann, Catherine Hales, Björn Kuhligk, Ron Winkler, Mathias Traxler Jazz: Christopher Dell (vibraphon) / Christian Lillinger (drums)
15:00–16:30 Uhr
Tempelhof-Schöneberg: HAUS am KLEISTPARK,
Grunewaldstraße 6–7. Bei schlechtem Wetter ebenfalls dort.
Mit Norbert Hummelt, Hendrik Jackson, Nadja Küchenmeister, Dana Ranga, Tom Schulz, Asmus Trautsch
15:00–16:30 Uhr
Charlottenburg-Wilmersdorf: Kurfürstendamm / Ecke Uhlandstraße
Mit Simone Kornappel, Birgit Kreipe, Stephan Reich, Johann Reißer, Lutz Steinbrück
17:00–18:30 Uhr
Lichtenberg: Studio im Hochhaus, Zingster Straße 25. Bei schlechtem Wetter ebenfalls dort.
Mit Rebecca Ciesielski, Max Czollek, Maria Natt, Friederike Scheffler, Ilja Winther
Poesiegespräch: Gegenschein
Sa 2.6. 17:00 Uhr
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Clubraum, Eintritt € 5 / 3
Michael Palmer Dichter und Übersetzer, USA, im Gespräch mit Daniela Seel Dichterin, Verlegerin, Berlin
96. Guerillalyrik
Die Gedichte aus “Berliner Fenster” bleiben Guerillalyrik, poetische Street Art. Ein hässlicher Fleck, der sich als Spiegel entpuppt. Sie würden sich exzellent auf Hausfassaden machen. Nicht an denen der sogenannten Problembezirke, nicht in Neukölln. Sie würden sich perfekt einpassen auf der Friedrichstraße, der Kö, dem Jungfernstieg, der Maximilianstraße. Mit Laufpublikum, das herausgefordert wird. Nicht von ungefähr beendet Bresemann seine Erklärungen mit den Worten: “Willkommen in der Mündigkeit.” / KRISTOFFER CORNILS, taz 26.5.
Tom Bresemann: ”Berliner Fenster”. Berlin Verlag, Berlin 2011, 80 Seiten, 16 Euro
38. Eine Facebook-Debatte
Die Welt als Fragment und Collage: Michael Fiedlers “Geometrie und Fertigteile” – Leipziger Internet Zeitung
Der Leipziger Poetenladen, der schon mit mehreren beherzten Veröffentlichungen dazu beigetragen hat, die Lyrikszene in der Region populärer zu machen, hat jetzt eine eigene Lyrikreihe gestartet mit dem ambitionierten Titel “Neue Lyrik”. Zwei Bände sind jetzt erschienen und feiern am Abend des 3. Feb…
Klausef Neider
leute, ich weiß die führende mehrzahl der köpfe oder führenden köpfe der mehrzahl sieht es anders und schüttelt womöglich den kopf: den titel des bandes finde ich faszinierend und vielversprechend, die arbeit, die in dem band steckt ist schätzenswert, die methoden arriviert und sanktioniert als zeitgemäße kunst generierend, nur mir kommen im ggs dazu die gedichte/texte, das ergebnis davon – wohl aufgrund des waltenden poetischen bewußtseins und wissens als oberste assemblierungs instanz – doch recht banal vor und “repetierend”, im vergleich zu, sagen wir den stilbildenden & dann trend gewordenen konventionell geschaffenen oder hergestellten … ( so ähnlich wie einige ansätze der multimedia- oder später computergenerierten kunst, an der oberfläche, im ergebnis, mit einem komplizierten aufwand & der neuen technik das erzeugten, was z.B. die graphik der nachkriegszeit, der siebdruck oder konstruktivismus bereits, mit anderen mitteln an- & dargeboten hatten (–> wie es sehr aufschlußreich und fast schon exemplarisch anthologisch in sachen formensprache, farbexplosivität und bildgestaltungsregister … in dem musical bzw. tanzfilm “ein amerikaner in paris” zu sehen ist; so einige jahrzehnte davor.
20. März um 16:27
Tom Bresemann
wer sagt dass “wir” das anders sehen
?
20. März um 16:28
Klausef Neider
dasselbe pronomen in der einzahl … (das mit dem plural, sich selbst, angesichts der hg. und ver/teiler und besprecher als wohlweislich mutmaßlich dezidiert anderer meinung seiend, als sich damit der ansicht wieder exponierend empfand .. in etwa so!)
20. März um 16:32
Klausef Neider
ermittele auch, komm ich grad darauf, warum dann so eine arbeit, pradon artwork, nicht gleich vom rechner machen läßt? und dann interaktive oder sich wandelnder ergebnisse entsprechender programmierung.
20. März um 17:02
Michael Gratz
hast du den band gelesen? ich wette, das kann kein computer. empfehle im übrigen bertrams kommentar zur sache
20. März um 17:03
Klausef Neider
zu meinem letzten kommentar: bin sicher dazu wird uns unsere informatikfachkraft noch einiges sagen. gedichte liest sie ja nicht aber auch dazu. den band euer ehren bekenn ich gelesen zu haben! erhielt ihn von jemandem zugeschickt. das damit ihrs mir glaubt, sonst bin ich wie beim jobcenter bzw. sozialamt unglaubwürdig & beweispflichtig in sachen ausgaben & finanzielle verhältnisse – so dass ihr mich nur noch darüber informieren müsstet, wo der besagte kommentar des reinecke zu finden ist; am besten ohne porto, nur mit link(s deinerseits!)
20. März um 17:06
Michael Gratz
lyrikzeitung
20. März um 17:09
Richard Felix Duraj
weil du mich schon ins spiel bringst, klaus, nur soviel: es gibt bei doctor who, einer britischen soft-sf-serie, antagonisten des doktors namens ‘silence’, die auf dauer für alle unerkannt bleiben, weil sich nur an sie erinnert, wer sie grade auch tatsächlich ansieht, und sofort vergisst, ist der blick auf etwas anderes gerichtet. so geht es mir mit fiedlers gedichten. nichts bleibt hängen. also zucke ich nur mit den schultern und winke durch, wem es wohl gefällt.
20. März um 17:26
Richard Felix Duraj
und ja, hübscher titel.
20. März um 17:31
Michael Gratz
habt ihr mich noch lieb wenn ich zugebe, daß mir vom ersten lesen (wahrscheinlich in engelers zwischen den zeilen so vor 2 jahren) was hängengeblieben ist?
20. März um 17:35
Richard Felix Duraj
schadet nichts.
20. März um 17:42
Tom Bresemann
solang du dich noch selbst liebhaben kannst , trotz dessen , is doch alles gut !
20. März um 17:43
Michael Gratz
:-(
20. März um 17:47
Michael Gratz
ich merke, hier kann ich mir ironie nicht erlauben
20. März um 18:01
Christian Kreis
Ganz unironisch: Vielleicht ist die Gattungsbezeichnung irreführend, und es sollte unter dem Titel eher Sprachinstallation stehen als Gedichte.
20. März um 18:35
Klausef Neider
@ Christian: das hätte was! und auch nicht nur auf papier beschränkt bleiben, als rauminstallation kann ich mir vorstellen, das sie anders wirken …
20. März um 19:39
Bertram Reinecke
na ich finde “irreführend” ist etwas übertrieben, es sei denn, man nähme für sich in Anspruch, genau zu wissen, was ein Gedicht ist: Lesung Rudolf-Fiedler in der MB. Plötzlich passten die Sachen wunderbar zusammen und es wirkte erstaunlich aus einem Guss. Macht nun Rudolph auch eher Sprachinstallationen (eher kontraintuitiv für mich), macht er manchmal welche? Wie soll man sprechen? … Aber klar: Du hast ja eine sehr klare Vorstellung, was ein Gedicht (für Dich) ist …
20. März um 19:42
Klausef Neider
werde mir das nochmals & unter dem aspekt + hinweis ansehen (weiß nicht, ob mich dann eine gewisse konventionalität der einzelnen bilder, verszeilen usw. (ja, auch wenn das verweise und travestien sind u.a.m. / es bleibt ein grundsätzlicher zweifel an dem montierten, der montage, da sie ja immer rekurriert und oft nur neu adaptiert, inkl brüche & deko =struktionelnes) weniger stört und dem ganzen adäquat erscheinen läßt?) –> Dominik Dombrowski, Fixpoetry:
Fiedlers Texte sind alles andere als ein willkürliches Spiel, sie sind es vielleicht für eine gewisse Zeit während des Vorarbeitens, ehe sich dann aus der Montagetechnik etwas eröffnet und zu neuen Sichtweisen führt. Man muß sich schon ein wenig hineinarbeiten in die 31 Gedichte, die in die drei Kapitel „von vielerlei Keimen geschwollen, besingt jeder, was er liebt“, „niemand weiß, warum wir uns zuhören“ und „während die Ziegen noch klettern auf buschwerkbestandenen Felsen“ unterteilt sind. Und die Gedichte sind überdies so wenig voneinander abgegrenzt, daß man die drei Kapitel auch als drei Langgedichte verstehen könnte. Überhaupt liebt Fiedler das Vexierspiel. /
20. März um 22:13
Christian Kreis
zu Bertram: Ich halte mich da an Michael, der zu seinen Texten selbst Cut-ups sagt, und dieser Begriff, diese Unterscheidung trifft es dann (vielleicht) genauer. Natürlich ist es in den Zeiten des in allen Künsten erweiterten Kunstbegriffs überhaupt nicht mehr üblich, Maßstäbe für eine Gattung aufzustellen (und mir persönlich sind diese Maßstäbe, die es mal gab, ja auch nur bruchstückhaft bekannt). Unter dieser Entwicklung wäre das, was am wenigsten dem gleicht, das einmal Gedicht genannt wurde, ein Gedicht. Die Lawine der Kunst-ismen hat es möglich gemacht. Und doch hat beinah jeder Lyriker und Lyrikkritiker, wie mir scheinen will, sehr genaue Vorstellungen vom “guten Gedicht”.
20. März um 22:25
Bertram Reinecke
Wenn Michael Cut Ups sagt, ist das für mich nicht anders als wenn jemand Sonette sagt. Entweder man möchte die Gattungen gänzlich aufgeben, was man kann, dann geht es ja, aber wer Maßstäbe für Gedichte hat und diese ausspielt gegen einen erweiterten Kunstbegriff, der möchte ausgrenzen,, Immerhin räumst Du ein, dass Deine Kenntnisse bruchstückhaft sind. (Wer so alte Muster anwendet, sitzt ja auch zwischen den Stühlen: Immer zieht einem jemand über die Rübe: „Aber George isses nich … „)
Ersteinmal ist die Skepsis gegen Montagen genauso logisch, wie die gegen strenge Formen, sagen wir mal George, vielleicht sogar Rilke: ohne diese Formen hätte man sicher manches einfacher und noch treffender sagen können.
Dabei lebt Dichtung vom interplay. Und man entscheidet sich mit seiner Skepsis gegen einen großen Teil dessen, was Dichtung von je immer gewesen ist. Mit anderen Worten: Ich argumentiere hier mal konservativ: Dein rigider Neoklasszismus ist das eigentlich neue, wenn er so lange eingeführte Formen des Interplay scheel ansieht. Es ist ja wirklich diese Rutschigkeit des Vexierspiels, die man auch als eine Form des Interplay beschreiben könnte: Immer bleibt im Raume schweben: Tats das raffinierte Tier um des Reimes (etc. willen). Den Begriff Willkür kann man ebenfalls wenden wie eine Medaille: Keineswegs Willkür: „Die strengen Formen sind wirklich sehr streng bewußt und nicht ungenau“ oder: „Keineswegs schöpft der Dichter nur aus dem Verstand, die Formen sind offen genug für das unbewußte Spiel“ Aber es kann genauso gut sein, dass man anzielt, die Münze sozusagen auf der Kante stehen zu lassen: Je strenger die Form, desto mehr mischt sich das nOtwendige des eigenen Sprechens, das sicher nicht bis ins letzte bewusst ist, ein.
Der erweiterte Kunstbegriff ist da noch gar nicht im Raum. Von dem Unterschied: Werkästhetik vs. Prozessästhetik reden wir z.B dann an anderer Stelle.
Wenn man dauernd wie Michael mit seinem Anliegen bloß als Sonder- oder Randdichtung wahrgenommen wird, wie vielleicht von seinen Lehrern Hummelt, Pietraß, Seiler, Treichel, dann geht’s einem irgendwann auf die Nerven und man sagt eben Cut up um seine Ruhe zu haben und nicht wieder Missverständnisse damit zu erzeugen, dass einem da das Herz der Dichtung sitzt.
21. März um 00:07
Christian Kreis
Das Schöne an der Form ist ja, daß man sie selber er/füllen kann. Insofern ist nach meinem Verständnis die Montagetechnik aus vorgefundenen Satzbestandteilen keine Form. Und es schien mir zumindest so, als ob man mit Hilfe von Formen etwas (möglicherweise das, was das “Herz der Dichtung” betrifft) treffender sagen wollte und konnte, als ohne sie. Das Spektrum lyrischer Formen und Mittel hat sich mit der Zeit erweitert, aber worauf ich als Leser nicht verzichten möchte, ist ein Individuum, das sich selbst an der lyrischen Sprachhervorbringung beteiligt hat. Die Sprache, die durch den Filter des Bewußtseins hindurchgegangen ist, läßt doch erst den Menschen entdecken, der sie gebraucht. Geschieht es nicht, habe ich das Gefühl, jemand zeigt mir nicht das Herz seiner Dichtung (was, nur nebenbei gesagt, bei Herta Müllers Montagetechnik, die anders vonstatten geht, nicht passiert). Michael kennt ja meine Vorbehalte, wir haben sie im Stolterfoht-Seminar diskutiert.
21. März um 02:23
Bertram Reinecke
ja, was heißt eben selbst erfüllen, darin äußert sich entweder dieser Vorbehalt erneut, der George oder Barock oder Dante in tieferer Schicht ausschließt (man kann dies und das mögen, das wird deswegen nicht so deutlich). So argumentiert, wenn Deine Rede das “selbst” betont. Betont sie das “erfüllen” lieferst Du ein halbes Argument gegen Herta Müller tatsächlich. Ihre Formen sind in einem gewissen Sinne sehr fuzzy also man könnte, genug Hartnäckigkeit vorausgesetzt so weit ich sehe, alles erreichen, sie sind also zunächst mal nicht unerfüllbar. Fiedler kommt mir dagegen restriktiver vor, da kann ein Text auch an Unerfüllbarkeit scheitern.
21. März um 02:59
Bertram Reinecke
Und die Herz-Emphase. Mich mutet Müller da eher gut aufgestellt an. Mich würde neben Verfahrensaspekten, die allerdings verblassen angesichts der interessanten Ergebnisse, eher eine Sprachtheorie einfallen, die sehr nahe dem ist, was der “Mythos vom Museum” genannt wurde … ich denke Fiedler wird bereits den Vorbehalt, den Du hier wiederholst kennen, dass sie von Deiner Distanz nicht soo beleidigt sind.
21. März um 03:05
Christian Kreis
Damit wir uns nicht mißverstehen, ich meinte, Herta Müller montiert anders als Michael, man kann es ja am Gedichtbild (es kommt hier noch eine bildästhetische Komponente hinzu, Farbe und Form der ausgeschnittenen Worte etc.) sehen, sie schneidet meist einzelne Worte aus Zeitungen und Magazinen, die sie in Schubladen sammelt und auf einem Tisch ausbreitet (am DLL, kurz vor ihrer Poetikvorlesung, hat sie darüber Auskunft gegeben). Die einzelnen “Bauteile” der Collage sind also sehr kleinteilig, ihrem ursprünglichen Kontext fast vollständig entrückt. Diese entäußerten geradezu materialisierten Worte werden von ihr in die Hand genommen, hin und her geschoben, regen die Phantasie, das Unter- und das Bewußtsein an, sodaß das Dazufinden und Dazulegen der Worte zu einem Gedicht (in dem es oft sogar reimt) ein Sichzueigenmachen der Worte wird, überdies fügt sie die Worte zu einer eindringlichen Sprachmelodie. Bei Michael klingen die hingestellten Wortgruppen oft sehr abgehackt. Es entsteht bei mir ein unpersönlicher Eindruck. Hinter dem Wortmaterial aus Fachsprachenquellen, die fleissig und akribisch herausgewälzt wurden, kommt der Dichter, und das ist Michael, noch gar nicht richtig zu Wort. Noch eine Anekdote. Eine Studentin am DLL sagte einmal: Als sie noch mit eigenen Worten (also jenen, die wir verinnerlicht haben) versucht habe, Gedichte zu schreiben, seien die immer so kitschig geworden, deshalb habe sie begonnen, mit fremdem Sprachmaterial zu arbeiten. Da dachte ich, die kitschigen Gedichte wären der ehrlichere Ausdruck ihres Vermögens gewesen. Denn was ist das Gedicht, kühle Spracharmatur, nach allen Seiten intellektuell abgesichert, ein Germanistenkitzel, “strenge sprachkritische Wörter-Archäologie” (siehe Braun) von Lyrikingenieuren produziert. Auch, aber nur auch.
21. März um 16:29
Michael Gratz
nur auch, ja: gilt immer. gefühl nur auch, reim nur auch, ehrlicher ausdruck nur auch
21. März um 16:32
Christian Kreis
Ok, ich geb mich geschlagen, ich streiche das Auch.
21. März um 16:35
Michael Spyra
ich verstehe die texte als resultate eines spracherwerbsprozesses, zu dessen anfang nicht etwa die prosodie der stimmung freundlicher eltern stand, sondern die sprache im text. die eindrücke dieser textsprache haben freilich nur ein mal und nur einem (dem autor) der sich mit ihnen beschäftigt hat, den eindruck hinterlassen auch seine “vorsprachlichen gedanken” durch sie sprechen lassen zu können, so wie es eben üblich ist für einen spracherwerbsprozess. da dass ganze situationsabhänig passiert, würde ich wohl über dieselben quellen drüberlesen, ohne das sie mich berühren. und hier ist auch wieder die individualität oder ‘das herz’ des autors zu finden; eines autors nämlich, der mit den ihm besonderen passagen seiner primärtexte spricht – einer sprache, die sich widerum aus unserer genmeinsamen sprache generiert, weshalb sie auch lesen können.
ich dachte erst jedoch: ‘was soll das bitteschön, dieses sprachrecycling?! macht doch keinen sinn, weil die sprache eben keine erschöpfbare ressource ist; als müsse das sonnenlicht aufgearbeitet werden. /was versteckt der sich denn da hinter den worten ander?/ = ist aber genau so blöd, weil es kein patent auf sprache gibt.
21. März um 17:15
Bertram Reinecke
Ja, genau Christian, so ungefähr würde ich es auch beschreiben: Müller hat die Worte eben nur etwas materieller in der Hand, die ansonsten eben die Bausteine jeder Dichtung sind. Eine Verteidigung Fiedlers könnte natürlich darauf hinauslaufen, dass Fiedler durchaus Texte auf Augenhöhe dessen drauf hatte, was man heute Leipziger Schule um Norbert Hummelt nennt. Zumindest den Frühwerken, die sich in Bänden von Zander, Reyer, Friedel oder Küchenmeister ja noch finden, stand das nicht nach. Er möchte es bloß nicht mehr so.
Spyra trifft den Punkt aber besser, wenn er auf die Sprachsubstrate verweist. Es gibt eben vor der Sprache erst gar nichts zu sagen. Und mancher möchte sich am Gemenschel eben nicht beteiligen. Warum muss einem das wertvoll sein, sich als schöne Seele zu zeigen. Hat Brecht das getan? (Ich weiß aber, dass das in Halle irgendwie wichtiger genommen wird, lese gerade Bartsch.) Muss man daraus eine wir Sprache bauen? Und wer ist dann „wird“. Da ist ein Bild vom Menschen darin, wie es bspw. ein Husserl oder Benjamin abgelehnt hätten. (Nicht welches Bild, sondern dass man implizit auf eines zurückgreifen muss, wäre ihr Problem.)
Schon die Worte und wie „man“ sie benutzt, das kann eine Erfahrung der Fremde, Befremdung oder Entfremdung sein, die irgendwie als unmenschlich zu verdächtigen, nicht nur unhöflich sondern falsch wäre.
Jedes Gedicht benutzt Sprache als Fremdsprache, selbst das regelloseste Alltagsgedicht. Der Linguist kann das darüber einfangen, dass sich die Häufigkeiten der Worte massiv ändern, oder darüber, welche statistische Nähe eins zum anderen hat. (Wenn es schon sonst keine Auffälligkeiten gibt.) Insofern gibt es kein unentfremdetes Sprechen vor dem Technischen.
Und offensichtlich ist Fiedlers Sprechen ja gegen manche Angriffe doch nicht so abgesichert, wie Du unterstellst. Gerade so hab ich es am Institut auch erlebt. (Wenn Du es anders erlebt hast, liegt das an der Persönlichkeit von Ulf. Wenn Ulf und Braun loben, ist es dann abgesichert? Oder lobt z.B. Ulf nicht eher dessen Subjektivität?)
Die Subjektivität Fiedlers kommt gerade in mancher Rauhigkeit der Anschlüsse zur Geltung, finde ich. Ich, rein subjektiv, achte mehr auf die sytaktischen Anschlüsse (und lasse dennoch manchmal etwas stehen). Fiedler achtet mehr auf Gehalte und Gestalten der Substantive. Ganz ungeschützte geschmackliche Entscheidungen sozusagen … Christian, mit solchen Beobachtungen, das finde ich einen Weg, wo wir weiterreden könnten, mit Deinen philosophischen Interpretationen dieser Fakten, da unterliegst Du einer gar nicht so wenig verbreiteten Autosuggestion, finde ich.
21. März um 19:04 ·
Bertram Reinecke
Ach und wenn ich hier die Subjektivität von Fiedler und mir etwas technisch gegeneinander abgrenze: Es wäre natürlich leicht, dies wiederum als Symtome für- oder Ausdruck von etwas zu betrachten, ganz global: unterschiedlicher Lebensformen etwa … Auch welche Materialien man wählt …
21. März um 19:14
82. Garderobenmarken. Mathias Traxler lesen und schreiben
Letztes Jahr ist Mathias Traxlers Buch You’re welcome bei Kookbooks erschienen und leider nahezu komplett besprechungslos abgesoffen. Da es sich aber um so ein ungewöhnliches, sich seltsam zwischen die Stühle setzendes Buch handelt, haben Jan Imgrund und Martin Lechner einen Lese-Blog ins Leben gerufen, um diesem Buch Aufmerksamkeit zu beschaffen und einen anderen als den üblichen kritischen Umgang damit zu erproben. Statt der einzelnen Kritikerstimme versuchen die Autoren sich dem Buch mit einem vielstimmigen, ebenso poetischen wie analytischen Stimmengewirr zu nähern. Traxler lesen und schreiben ist das Motto. Bisher dabei sind: Norbert Lange, Martina Hefter, Uljana Wolf, Jan Kuhlbrodt, Tom Bresemann, Achim Wagner, Rick Reuther, Stephan Turowski, Linus Westheuser, Jan Imgrund und Martin Lechner.
Also: You’re welcome
Matthias Traxler: You’re welcome. kookbooks, Berlin 2011.
