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101. literaturlabor in der Lettrétage: Zuß und Ames suchen Streit / VII. Teil


Zuß und Ames suchen Streit
und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“

(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)

Teil VII – Die Kommunikation der Literatur: Gesichtsschwitzer und zwölf coole Arbeiter (unrohe Störer), die dann doch vierzehn sind

Wenn Einzelkämpfer (Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Kurt Tucholsky, Thomas Kling) oder Einzelkämpferinnen (Barbara Köhler, Renate Rasp, Helga M. Novak, Sarah Kirsch, Mascha Kaléko) antraten und antreten, ergab und ergibt es Sinn, diesen Personen Mut zu attestieren.

Mir kommt es schlicht bigott vor, wenn jemand verzweifelt versucht, einen anarchistischen Markenkern zu erhalten: durch gezielte Schüsse aus dem sicheren Dickicht nahender bürgerlicher Ehrbezeigungen heraus. Clever mag das sein, interessant ist es nicht. Wenn eine Angehörige einer literarischen Clique Kollegen plump anmacht, Dekadenz, Perversion, Dummheit, Protzerei unterstellend, dann sehe ich mich außerstande, diesem Tun Mut und poetologische Substanz zuzugestehen.

Es gibt diese besondere Neigung zur Niedertracht: Deutsch im Endstadium.

Wenn nicht mehr übers Gedicht im 39. Jahrhundert gemunkelt wird, coole Bandwürmer auch einen Existenzberechtigungsschein ausgestellt bekommen, wenn nicht mehr altklug-clevere Mitmenschen von einem Zuviel an Poesieproduktion unken, dann kann die Poesie und die Poetik des 21. Jahrhunderts in ihre konstruktive Phase übergehen. Dann ist die »innere Dreizehnjährigkeit« (Bernhard Pörksen) überwunden, dann sind die Möglichkeiten der Poesie als Kommunikationsspiel zu erproben.

Wenn irgendwer keine zwölf coolen Arbeiter kennt und loben kann, ist er ignorant. Allein in Berlin kenne ich zwölf coole Arbeiter. Da sind Tom Bresemann, Richard Duraj, Elke Erb und Christian Filips*, Mara Genschel, Catherine Hales, Ursula Krechel, Simone Kornappel, Norbert Lange, Georg Leß, Katharina Schultens*, Ulf Stolterfoht. Es sind auch Wunderkinder darunter, ich habe sie markiert, für den Fall, dass das Wunderkindhafte irgendwen interessiert. Wer jünger ist als 25 Jahre bei der Publikation seines Debüts, der galt in den Nullerjahren offenbar als Wunderkind, und heute wieder. – Mir ist das egal; was ist ein Wunderkind gegen einen coolen Arbeiter, hm? Eben. Das würden nur Stalinisten versuchen niederzumaulen, die alles nur regional betrachten können, die Pablisten. – Diese zwölf coolen Arbeiter, mit Brigitte Oleschinski und Ron Winkler sind es übrigens vierzehn (was vermag ein Abendmahl, so ein Cliquen-Dinner, gegen ein Sonett?) zeichnen sich durch vita activa im Sinne Hannah Arendts aus, und durch etwas, was man sich noch nicht vollends abgewöhnt hat, progressive Absicht zu nennen. Literaturpolitiker sprechen von Avantgarde; handkehrum von Retro-Avantgarde und deren Irrelevanz. Relevanter Realismus; handfeste Verse mitten aus dem Leben; Authentizität? Ihr und Eure redundanten PR-Shows!

Es gibt bereits Gründungsdokumente und Unabhängigkeitserklärungen. Es gibt ein Format der Polemik, das konstruktiv ist: die Anthologie, und zwar solche, die nicht bloß mitleidswürdige Beispiele ideologischer Onanie oder Auswüchse karrieristischer Egozentrik oder quietistische Leistungsschau sind (Selbst diese Anthologien enthalten noch Rohrkrepierer. Was ja klar ist.) Poesie- und Poetik-Anthologien aus den Jahren 2008 bis 2014, der Maxime ›intelligent werden, intelligent bleiben!‹ verpflichtet, wären zu untersuchen. Ein andermal mehr davon.

Zuß, ein Freund von Kunstkatalogen, Agrarministerbesuchen auf Agrarmessen; Analyst meiner Einkaufszettel, übrigens mit einer Wonne, als gingen nach heftigstem Drogenabusus die Drogen zur Neige. Schnee unter der Haut – bekanntes Gefühl. Aktionismus, schnell wechselnde Launen, dünkeldeutschländische Wahl schlechtester Substrate. Ach Zuß! Itzt kömmt er, tritt an mich heran, und erbittet den Vortrag eines Poems der Droste; er bettelt darum, er fleht und sieht mich dabei mit pferdsgroßen Augen eines totwundgeschossenen Pferds an – Ich willfahre ihm und lasse mich also vernehmen:

Das Spiegelbild

Schaust du mich an aus dem Kristall
Mit deiner Augen Nebelball,
Kometen gleich, die im Verbleichen;
Mit Zügen, worin wunderlich
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,
Zu eisen mit das warme Blut,
Die dunkle Locke mir zu blassen;
Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
Trätest du vor, ich weiß es nicht,
Würd ich dich lieben oder hassen?

Zu deiner Stirne Herrscherthron,
Wo die Gedanken leisten Fron
Wie Knechte, würd ich schüchtern blicken;
Doch von des Auges kaltem Glast,
Voll toten Lichts, gebrochen fast,
Gespenstig, würd, ein scheuer Gast,
Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

Und was den Mund umspielt so lind,
So weich und hülflos wie ein Kind,
Das möchte in teure Hut ich bergen;
Und wieder, wenn er höhnend spielt,
Wie von gespanntem Bogen zielt,
Wenn leis es durch die Züge wühlt,
Dann möchte ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht Ich,
Ein fremdes Dasein, dem ich mich
Wie Moses nahe, unbeschuhet,
Voll Kräfte, die mir nicht bewußt,
Voll fremden Leides, fremder Lust;
Gnade mir Gott, wenn in der Brust
Mir schlummernd deine Seele ruhet!

Und dennoch fühl ich, wie verwandt,
Zu deinen Schauern mich gebannt,
Und Liebe muß der Furcht sich einen.
Ja, trätest aus Kristalles Rund,
Phantom, du lebend auf den Grund,
Nur leise zittern würd ich, und
Mich dünkt – ich würde um dich weinen!

(Ames öffnet die Augen. ZdW ist verschwunden. Er hebt einen angeschwitzten grünen Schein vom Boden auf.)

Zuß, du fieses Schwein! Komm zurück! Was soll ich mit diesem doofen 20-D-Mark-Schein!?

Vorhergehender Teil

Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!

55. Cocktailparty-Effekt

Mittwoch 19. Februar 2014, 20:00 Uhr, Eintritt frei!

literaturlabor in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat
Mehringdamm 61, U6/U7 Mehringdamm

bei anwesenheit mehrerer schallquellen die schallanteile richard duraj, peter dietze, simone kornappel und andreas bülhoff
N.N, N.N., N.N und N.N. im lettrétage literaturlabor

Der Cocktailparty-Effekt, auch intelligentes oder selektives Hören, bezeichnet die Fähigkeit des menschlichen Gehörsinns, bei Anwesenheit mehrerer Schallquellen die Schallanteile einer bestimmten Schallquelle aus dem Gemisch des Störschalls zu extrahieren, belehrt uns wikpedia. Die Autorin und Mit-Herausgeberin der randnummer literaturhefte, Simone Kornappel, hat für das literaturlabor am Mehringdamm eine Versuchsanordnung der außerordentlichen Art geplant. Bringen Sie, wenn möglich, bitte Kopfhörer mit! Und klar, selbstverständlich können Sie in bester Abendgarderobe kommen, das doch eh.

Im Namen der Lettrétage lädt Sie herzlich ein
Tom Bresemann

98. Labor

Donnerstag, 30. Januar 2014, 20 Uhr, Eintritt frei

der Andere bin ich

Rezitation: Denis Abrahams, Moderation: Tom Bresemann
literaturlabor in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat
Mehringdamm 61, 1091 Berlin, U6/U7 Mehringdamm

Der Februar kommt … das literaturlabor in der Lettrétage geht. Und zwar in die dritte Runde. Gefördert vom Berliner Senat sind im kommenden Monat u.a. Daniela Seel, Mara Genschel, Simone Kornappel, Nikola Richter (und ihr mikrotext Verlag), Richard Duraj, Martin Lechner und Sonja vom Brocke als LaborantInnen am Mehringdamm 61 tätig.

Und: Das literaturlabor in der Lettrétage hat neben dem Mehringdamm 61 eine Online-Dependance eröffnet. Dort streitet Konstantin Ames mit einem gewissen Wimpernknecht Zuß über den Unterschied von Polemik und Poetik, darüber hinaus sind dort auch viele Videos der bisherigen Laboruntersuchungen anzuschauen, mit Sandra Gugic, Lukas Lauermann, Maik Lippert, Valeri Scherstjanoi u.v.a. Checken Sie das doch ruhig mal aus!

Unsere letzte labor-Veranstaltung im Januar: Unser Stammrezitator Denis Abrahams liest gegenwärtige Gedichte lebender, jüngerer LyrikerInnen. Dahingehend Labor, als dass sich derzeit kaum Rezitatoren mit dem Feld der Gegenwartslyrik auseinandersetzen. Zum Einen liegt das wohl an der großen Bühnenpräsenz der gegenwärtigen AutorInnen selbst, zum Anderen aber – so möchten wir im literaturlabor fragen – vielleicht auch in der Natur der Sache? In welcher eigentlich, das wäre dann noch hinterherzufragen – der des Rezitators, seiner Werkzeuge und Praxis oder der des schlichtweg “unlesbaren”, weil als kompliziert und unverständlich verstandenen Gegenwartsgedichts?

Wir haben uns für die erste Option entschieden und den Rezitator Denis Abrahams eingeladen, sich mit den Texten einiger gegenwärtiger LyrikerInnen wie Ann Cotten, Elke Erb, Mathias Traxler u.a. auseinanderzusetzen, und sich damit, ganz im Sinne des literaturlabors, an einer Rekalibrierung rezitatorischer Werkzeuge zur Literaturvermittlung zu versuchen.

Im Namen der Lettrétage lädt Sie dazu herzlich ein
Tom Bresemann

Alle weiteren Infos: www.lettretage.de

110. Lange Gedichte

Tom Bresemann: Du beschäftigst dich mit langen Gedichten. Nach Walter Höllerers Thesen zum langen Gedicht wird in ihnen und ihrer »Art sich zu bewegen und da zu sein … die Republik erkennbar, die sich befreit«. Sind lange Gedichte für Dich Metropolen des Sprechens?

A. Becker: Eigentlich komme ich ja vom Gedicht her – das will heißen, dass ich dort in meiner Kindheit in Polen von Poesie und von Dichtern umgeben gewesen bin. Es war ganz natürlich, dass wir Gedichte ge­schrieben und über sie gesprochen haben. Ein Prosa­autor war jemand, der im Ausland lebte oder zum Kanon der polni­schen Literatur gehörte: Es waren hohe Berge und Elfenbeintürme, die uns verdächtig vor­kamen. (…)

In meinem neuen Gedicht­band, dessen Ver­öffent­lichung für 2014 geplant ist, gibt es ein langes Poem von 18 Seiten, in dem ich von meiner kleinen Heimat erzähle. Ich erzähle auf drei Ebenen: privat (autobiografisch), historisch (universell irdisch) und meta­physisch (himmlisch trans­zenden­tal). Der Gesang, gepaart mit dem Poem, also die Minne­sänger­tradition und natürlich die griechischen Dichter, die auf dem Hof und auf der Straße Unterhaltung und Bildung geboten haben – das ist sicherlich eine Art der Dichtung, die ich sehr bewundere. In der ich mich wohlfühle. / Poetenladen

Dieses Gespräch und weitere Gespräche  und Beiträge zum Thema in poet nr. 15

Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig Herbst 2013
232 Seiten, 9.80 Euro

38. Zeitgenosse

WDR3: Passagen, 21.05.2013 Rezension: Walter Höllerer, Gedichte aus dem Nachlass, in: randnummer. Rezensent: Ulrich Rüdenauer

O-Ton Marcel Beyer

(…) es hat sehr viel damit zu tun gehabt, der Lyrik das sonntäglich Feierliche zu nehmen. Gedichte sind nicht das, was man zu hören bekommt, wenn Oma 80 wird. Sondern der Gedanke war, eigentlich greifen Gedichte in unser Leben ein, und sie begleiten unser Leben. Wie kann das funktionieren? Und so kam es zu dieser Debatte ums lange Gedicht. Und mit dem langen Gedicht war natürlich auch verbunden, dass das Gedicht in der Lage ist, ungeheuer viel Material in sich aufzunehmen, ohne dass es als Gedicht in seiner Form zerbrechen würde. Das ist ja etwas, worauf man gar nicht häufig genug hinweisen kann. Dies darf in ein Gedicht, nein diese gehört aber nicht in ein Gedicht… Nein, alles kann in ein Gedicht hineinkommen, das ist das Verrückte. Und das Nachdenken, das theoretische, aber auch das lesende Nachdenken über Literatur und über Gedichte hat sich bei Walter Höllerer immer in seinen eigenen Gedichten, in seinen eigenen Texten niedergeschlagen. Das heißt, das sind Gedichte, die nicht verleugnen, dass man auch nachdenken kann. Und das ist doch eigentlich was sehr Schönes.

Sprecher

In „Systeme“ heißt es: „laßt uns / unverbogene-Bilder benützen / nicht die qualvoll abgesperrten / Idyllen“. Im Umfeld dieses Bandes sind noch weitere Gedichte entstanden, die nicht in die Publikation aufgenommen worden sind. Tom Bresemann, selbst Lyriker und Literaturveranstalter, hat sie im Archiv entdeckt – 40 Jahre nach ihrer Entstehung sind sie faksimilierter Form in den Literaturzeitschriften „Sprache im technischen Zeitalter“ und „randnummer“ erschienen. Nun wird der Literaturimpressario endlich wieder als Dichter wahrgenommen, der Impulse bietet und neue Schreibwege eröffnet.

O-Ton Tom Bresemann

Und das ist was, was ich eben heute auch sehe, was ich auch bei vielen Vertretern eigentlich der, sagen wir mal, wie immer zu nennenden avantgardistischen Lyrik sehe: Norbert Lange, Konstantin Ames, auch viele der kookbooks-Leute. Es geht gar nicht darum, das gegeneinander auszuspielen, mir geht es nicht darum, dass Höllerer irgendwie besser ist oder andersrum, sondern es geht eben ganz direkt darum, dass ich Höllerer eigentlich als Zeitgenossen von uns sehe.

Walter Höllerer: Gedichte aus dem Nachlass, in: randnummer (Ausgabe 5), Berlin 2012, 8 Euro sowie in Sprache im technischen Zeitalter (Heft 203) Köln 2012, 14 Euro.

42. Arbeitsstipendien 2013

Arbeitsstipendien 2013 an Schriftstellerinnen und Schriftsteller vergeben

Berlin, den 22.04.2013

Auch in diesem Jahr wird die Kulturverwaltung des Berliner Senats an 13 in Berlin lebende Autorinnen und Autoren Arbeitsstipendien in Höhe von insgesamt 156.000 € vergeben. Die Stipendiaten erhalten ein sechsmonatiges Stipendium in Höhe von 12.000 € (Monatssatz 2.000 €).

Die diesjährigen Stipendiatinnen und Stipendiaten sind:

Konstantin Ames, Maxim Biller, Rabea Edel, Gerhard Falkner, Patrick Jon Findeis, Günter Herburger, Lioba Happel, Dr. Thomas Hettche, Dr. Gabriela Hift, Georg Leß, Thorsten Palzhoff, Tom Schulz und Ellen Wesemüller.

Der Jury zur Vergabe der Arbeitsstipendien gehörten dieses Jahr an: Verena Auffermann, Ulrike Baureithel, Tom Bresemann, Gregor Dotzauer, Christian Hippe und Dr. Dieter Stolz.

Die Jury hatte über 343 Bewerbungen zu entscheiden.

Die Stipendiatinnen und Stipendiaten werden sich und ihre Arbeiten im Rahmen einer vom Literaturforum im Brecht-Haus organisierten Veranstaltung Ende Oktober oder Anfang November 2013 im Berliner Ensemble präsentieren. Der Termin wird der Öffentlichkeit vorher bekannt gegeben.

64. Was Poesie sei

„Ich traf eins und fragte es, was Poesie sei. Es versetzte mir, Nützlichkeit sei das Letzte. Und dieses heißt Reißwolf und jenes heißt Ökoöl. Oder Poesie per Livestream. Oder Life Conditioner. Eine seltene Säure. Jeder Engel geht einem schrecklich auf die Nerven. Andere Gerichte sind Elegien. Viel Glück beim Sampling! Oder bei der Engführung. Da falle ich aus den Wolken. Wir, das Volk, Ich das Ich, lebendig und auf jedem Dokuspaßkanal. Wer Geschichtsknoppers liebt, sollte jetzt besser gehen. Zu wünschenswert. Sagt ‚Tschüss‘ dem dreifach gesattelten Pferd.“

Ames, Bresemann, Genschel, Kornappel und Lange lesen Gedichte & der Josquin-DJ macht Musik.

 

Samstag, 23.2.
20:00

playing with eels

Urbanstraße 32, 10967 Berlin

 

137. Affirmation / gebrochen

„Nicht von Arbeitern ist hier die Rede“, wie es in Höllerers Langgedicht „Die Stimme von Blake“ in der „Randnummer“ heißt, nicht „von Industrie und Proletariat, es ist die / Rede von jungen Technikern, die // mit dem flippenden Geräusch einer angeblichen / Nichtanstrengung die Sicht / verändern und eine / dahinstreichende Zeit“. Die Welt der Programmierer beginnt ihre Bewohner zu konditionieren und ruft nach Verweigerung; „die scharfe Linie der Affirmation / gebrochen / und dann die Versuchsanordnung / dem Phantastischen Benennbares abzugewinnen / durch / auf ja-und-nein-Futter / abgerichtete / Insekten“.

Gräfs Hang zur Kanonisierung, der den Dichter zwischen amerikanischen Beat Poets und Rolf Dieter Brinkmann ansiedelt, und Bresemanns Neigung, aus Höllerers sprachanalytischer Kybernetik noch einmal Subversionsfunken zu schlagen, mögen zwei Seiten derselben Sache sein. Das überraschende Interesse am Dichter Höllerer dürfte ansonsten aber weiterhin der seltenen Dreieinigkeit von Schriftsteller, Literaturwissenschaftler an der Technischen Universität und Erfinder des „Literarischen Colloquiums“ am Wannsee geschuldet sein.

/ Gregor Dotzauer, Tagesspiegel

  • Randnummer Nr. 5, 8,00 Euro + 1,40 Euro Versand; 256 Seiten
  • Sprache im technischen Zeitalter Nr. 203, Oktober 2012

90. randnummer – lesung zur 5. ausgabe

diesmal mit: Konstantin Ames, Tom Bresemann (liest Walter Höllerer), Ann Cotten (via Video), Richard Duraj, Mara Genschel, Norbert Lange, Tibor Schneider und Katharina Schultens.

25.11.12, 19.00 Uhr
LAIDAK, Berlin-Neukölln, Boddinstr. 42

(weitere Lesungen folgen)

103. Offene Poetik

Gleich zwei Literatur­zeit­schriften, das sehr experi­mentier­freudige Literatur­heft „randnummer“ und die dereinst von Höllerer selbst begründete Zeitschrift „Sprache im tech­nischen Zeitalter“, haben nun bislang unver­öffent­lichte Gedichte aus dem Nachlass des 2003 verstorbenen Höllerer aus­gegraben, die im Umfeld des Bandes „Systeme“ anzusiedeln sind. Der Berliner Dichter und Ver­anstal­tungs­macher Tom Brese­mann hat vor eini­ger Zeit im Literatur­archiv Sulzbach-Rosenberg ein Typo­skript mit Höllerer-Gedichten gefunden, die vielleicht auch wegen ihrer forma­len Kühnheit nie zur Ver­öffent­lichung gelangt waren. In der aktuellen Ausgabe, dem Heft 5 der „randnummer“ hat Bresemann nun einige Funde zusammengetragen und in einem kleinen Vorwort kommentiert.

Im aktuellen Heft 203 von „Sprache im technischen Zeit­alter“ werden weitere Hölle­rer-Gedichte im Faksi­mile präsentiert und in einem kun­digen Aufsatz von Dieter M. Gräf in ihrem literaturhistorischen Kontext erschlossen. Gräf verweist zum Bei­spiel auf die berühmten „Thesen zum langen Gedicht“, in denen Höllerer bereits 1965 den Weg zu einer offenen Poetik bahnte, die dann in seinem Band „Systeme“ Gestalt annahm. In diesen Thesen spricht Höllerer dem langen Gedicht eine besondere Beweg­lichkeit zu: „die Entscheidung für ganze Sätze und längere Zeilen bedeutet Antriebs­kraft für Beweg­liches.“ Die offene poe­tische Form mani­festiert sich in den Nachlass-Gedichten in dem Umstand, dass die ein­zelnen Verse syste­matisch aus der Reihe tanzen und sich auf der Buchseite in viel­fach aufge­fächer­ten, sehr unregel­mäßigen, oft auch frag­mentierten Gedichtzeilen grup­pieren. Diese sehr freie Versform ist zum Teil auch ein Import aus der modernen ameri­kanischen Poesie, den Höllerer in den frühen 1960er Jahren selbst organisiert hat. (…)

Es geht bei dieser Ausgrabung der nachgelassenen Gedichte Walter Höllerers jedoch nicht um bloße Literatur-Archäologie. Denn die „randnummer“ nutzt diese offene Poetik Höllerers ganz offen­kundig als literarisches Leitbild. Neben die Höl­lerer-Gedichte plat­ziert die Redaktion sehr reizvolle visuelle Poeme der Autorin Angelika Janz, in denen durch verschiedene Montage­techniken Zeitungs­aus­risse oder kleine Maler­eien in die poetische Textur inte­griert werden. Das ist ebenso als eine wider­ständige Poesie in Bewegung zu be­grei­fen wie die hier abge­druckten Gedichte von Norbert Lange, Léonce Lupette oder Jan Skudlarek, in denen Verfahren der Über­schreibung, der seman­tischen De-Regu­lierung oder gar des Rückbaus von Texten ange­wandt werden. Jan Skudlarek beispiels­weise reduziert expres­sionistische Groß­stadt­gedichte von Georg Heym oder Ernst Blass auf wenige Wörter, um sie damit gleich­zeitig se­mantisch ungeheuer auf­zuladen. Überhaupt ist dieses neue Heft der „randnummer“ als ein viel­ver­spre­chendes Mani­fest der offenen Poetik und ihrer avan­ciertes­ten Autoren aus der jungen Gene­ration zu lesen. / Michael Braun, Poetenladen