Lyrikzeitung & Poetry News

22. Mai 2012

78. Fünf in Venedig

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Englisch, Frankreich, Französisch, Kanada, USA — Schlagworte: , , , , , — lyrikzeitung @ 12:00

Jack Hirschman (USA), John Unrau (Kanada), John Akpata (Kanada), Jacques Roubaud (Frankreich) und Thomas Kunst (Deutschland) bei einer Veranstaltung in Venedig am 5.3. 2011

16. Mai 2012

47. Sonett

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 13:17

Thomas Kunst

ZUSAMMEN KOCHEN, TANGO-KURS, MUSEUM,
Zur Ausstellungseröffnung und zur Disse.
Du willst zuviel, ich mache Kompromisse.
Vergiß nicht morgen unser Jubiläum.

Dein Telefon liegt auf dem Tisch, behalts
Getrost so bei, die Strahlen in der Nacht -
Ich habe meinen Finger naß gemacht
Und lösch das Display neben deinem Hals.

Wir schlafen wenig, das war erst die zweite,
Die erste Nachricht klang schon sehr vertraut.
Du antwortest nicht gleich, das kann noch warten.

Die Walther weicht mir nicht mehr von der Seite.
Ich mache Übungen und bin nicht laut.
Die Sehnsucht zählt zu deinen Eigenarten.

11. Mai 2012

30. Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , , , , , — lyrikzeitung @ 09:29

Die Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft kündigt an:

Am 2. Juni, dem fünften Todestag Wolfgang Hilbigs, 11.30 Uhr in Meuselwitz: Wanderung an Orte aus Leben und Werk des Dichters. Der Literaturhistoriker Volker Hanisch, selbst gebürtiger Meuselwitzer, führt Sie an Orte, die sowohl das Leben Wolfgang Hilbigs als auch seine Literatur prägten. – Treffpunkt: Freifläche des ehemaligen Geburtshauses Rudolf-Breitscheid-Straße 19 b – Kosten: 2 Euro /  ermäßigt 1 Euro / Mitglieder frei

Am 31. August  (Ort und Zeit noch offen) in Leipzig:
Thomas Böhme, Jayne-Ann Igel, Thomas Kunst und Clemens Meyer lesen Texte von und über Wolfgang Hilbig – die Schriftstellerkollegen präsentieren ihre Sicht auf Mensch und Poetik.

29. Februar 2012

127. Geheime Pressemitteilung

Vor mir liegt ein konspirativ eingeflogenes Dokument mit der Überschrift

Pressemitteilung

und der martialischen Drohung:

Die obige Mitteilung ist ausschließlich für den angeführten Adressaten bestimmt. Die unbefugte Verwendung dieser Mitteilung ist verboten und könnte strafrechtlich verfolgt werden. Wer diese Mitteilung irrtümlicherweise erhält, wird gebeten, uns umgehend zu informieren und anschließend diese Mitteilung zu vernichten.

Die Information über irrtümlichen Erhalt sei hiermit gegeben, der “angeführte Adressat” ist der Pressesprecher des Preises, dessen Namen ich vorsichtshalber nicht nenne (sie finden ihn hier).

Diese kuriose Form der Presseinformation ist die Zuspitzung einer vielerorts zu beobachtenden Tendenz. In der Regel halten Preisvergeber nicht Namen und Geburtsjahr der Kandidaten oder Datum der Preisverleihung geheim, das ist nach meiner Kenntnis hier durchaus singulär: wohl aber verschweigen viele inzwischen die Namen der Jurymitglieder, wie hier bei Huchel.

Die Meraner Jury besteht aus:

Ilma Rakusa, Autorin, Zürich; Hans Jürgen Balmes, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main; Maria Gazzetti, Lyrik Kabinett München; Hans Höller, Universität Salzburg; Jan Wagner, Autor, Hamburg

Aus 350 Bewerbern wählte die Jury diese 9 für das Finale aus:

Marie T. Martin (geb. 82, Freiburg), Daniela Danz (geb. 76, Eisenach), Thomas Kunst (geb. 65, Stralsund), Hartwig Mauritz (geb. 64, Eckernförde), Stefan Heuer (geb. 71, Großburgwedel), Christoph Wenzel (geb. 79, Hamm), Karin Fellner (geb. 70, München), Andrea Heuser (geb. 72, Köln) und Uwe Kolbe (geb. 57, Berlin).

Damit stammen, sagt die Pressemitteilung weiter, zum ersten Mal in der Geschichte dieses Preises alle Finalisten aus Deutschland.

Die Lesungen finden am 4. und 5. Mai 2012 im Pavillon des Fleurs in Meran statt. Die Einführungsrede am Eröffnungsabend (3. Mai) hält der Schriftsteller, Übersetzer, Kulturpublizist und Herausgeber Felix Philipp Ingold. Am 5. Mai werden in Meran wieder drei Preise vergeben: Der Lyrikpreis Meran (8.000 Euro; Südtiroler Landesregierung), der Alfred-Gruber-Preis der Stiftung Südtiroler Sparkasse (3.500 Euro) und der Medienpreis (2.500 Euro) des RAI-Senders Bozen. Der RAI-Sender Bozen wird die Lesungen zeitversetzt in seinem Radioprogramm übertragen.

Und hier die offizielle Pressemeldung

12. Dezember 2011

48. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (4)

Einsortiert unter: China, Deutsch, Deutschland, Englisch, Französisch, Hebräisch, Israel, Makedonien, Rußland, Russisch, Serbien, Serbisch, USA — Schlagworte: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , — lyrikzeitung @ 23:55

Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift

Wird in den nächsten 3 Tagen in alphabetischer Folge ergänzt. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden.  (Bitte erst unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen, hier also nur Kr – Na. Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)

  1. Michael Krüger (Hg.) ∙ Akzente. Zeitschrift für Literatur, Heft 2/April 2011: Moderne hebräische Lyrik, zusammengestellt von Ariel Hirschfeld, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, 108 Seiten, Broschur, Verlag Carl Hanser, München 2011.
  2. Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Hg. von Valeri Scherstjanoi. Leipzig: Reinecke & Voß 2011.  81 S.
  3. Georg Kulka: Sichtbarkeit. Aufzeichnende Prosa. Prosagedichtezyklus, hochroth Verlag 2011.
  4. Thomas Kunst · Legende vom Abholen, 109 Seiten, Klappbroschur, Edition Rugerup, Berlin · S-Hörby 2011.
  5. Kunstverein Kunstgeflecht (Hg.): Rhein! Zeitschrift für Worte, Bilder, Klang Nr. 2 (Oktober), Kidemus: Köln 2011. Lyrik von Kurt Drawert, Armin Foxius, Frederike Frei, Thomas Geduhn, Harald Gröhler, Gert Heidenreich, Franz Hodjak, Yaak Karsunke, Jochen Kelter, Regine Mönkemeier, Albert Ostermeier, Elisabeth Plessen, Manfred Pricha, Carmen Elisabeth Puchianu, Francisca Ricinski-Marienfeld, Kurt Roessler, Said, Joachim Sartorius,Rolf Stolz, A. J. Weigoni.
  6. Axel Kutsch (Hg.) · Versnetze_vier. Deutschsprachige Lyrik der Ge­genwart von 216 Autorinnen und Autoren, dar­unter Andreas Altmann ∙ Michael Arenz ∙ Hans Bender ∙ Hans Georg Bulla ∙ Uwe Claus ∙ Crauss ∙ Hugo Dittberner ∙ Richard Dove ∙ Hans Eichhorn ∙ Peter Ettl ∙ Karin Fellner ∙ Brigitte Fuchs ∙ Claudia Gabler ∙ And­rea Heuser ∙ Franz Hodjak ∙ Jürgen Israel ∙ Peter Kapp ∙ Ulrich Koch ∙ Christoph Leisten ∙ Vesna Lu­bina ∙ Marie T. Martin ∙ Jürgen Nendza ∙ Andreas Noga ∙ Irmhild Oberthür ∙ Antje Paehler ∙ Tom Pohl­mann ∙ Arne Rauten­berg ∙ Francisca Ricinski ∙ Horst Samson ∙ Vera Schindler-Wunderlich ∙ Marita Tank ∙ Ralf Thenior ∙ Beate Ün­ver ∙ Marianne Ullmann ∙ Ruth Velser ∙ Jürgen Völkert-Marten ∙ Ron Winkler ∙ Ma­rio Wirz ∙ Maximilian Zander ∙ Rosemarie Zens, Vor­wort des Herausgebers, 329 Seiten, Broschur, Verlag Ralf Liebe, Wei­lerswist 2011.
  7. Stan Lafleur/Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011
  8. James Laughlin: Dylan schrieb Gedichte. Aus dem US-Amerikanischen von Christine Pfammatter. Leipziger Literaturverlag. 136 Seiten.
  9. lauter niemand e.V. (Hg.): lauter niemand. Die Berliner Zeitschrift für Lyrik und Prosa. 11. Ausgabe. Lyrik von Clemens Schittko, Sylvia Geist, Philipp Güntzel, Isabella Roumiantsev, Catherine Hales, Elke Engelhardt, Sina Klein, Richard Duraj, Andrea Scholl, Kerstin Becker, Martina Winter, Levin Westermann, Niklas Lem Niskate, Sonja vom Brocke, Charlotte Warsen, Thomas Steiner, Jan Imgrund, Dieter M. Gräf, Theresa Klesper, Claudia Gabler, Philippe Kottoros, Carl-Christian Elze, Lutz Steinbrück, Tom Nisse, Roberto Yañez, Tibor Schneider, Kirsten Hartung, Simone Hirth, Julian Walther, Robert Bahr, Prosa von Ulrike Almut Sandig, David Frühauf, Dirk Alt, Yulia Marfutova, Stephan Roiss, Martin Lechner, Guy Helminger, Joachim Wendel, Florian Wacker, Marie T. Martin, Bernd Gonner.
  10. Radmila Lazić: Das Herz zwischen den Zähnen. Gedichte. Aus dem Serbischen von Mirjana & Klaus Wittmann. Leipziger Literaturverlag. 160 Seiten.
  11. Ivo Ledergerber · Besuch bei einem Freund, 92 Seiten, Hardcover, Waldgut Verlag, CH-Frau­enfeld 2011.
  12. Wilhelm Lehmann, Poesiealbum 297. Auswahl Axel Vieregg, Grafik Herbert Tucholski. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011. 32 S.
  13. Christian Lehnert · Aufkommender Atem, 99 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Suhr­kamp Verlag, Ber­lin 2011.
  14. Anton G. Leitner · Arne Rautenberg (Hg.) · Das Gedicht, 19. Ausgabe: götterschöner freudefunken, Gedichte von Melanie Arzenheimer ∙ Jürg Beeler ∙ Brigitte Fuchs ∙ Norbert Göttler ∙ Ulla Hahn ∙ Erich Jooß ∙ Chris­tine Langer ∙ Andreas Peters ∙ Ilma Rakusa ∙ Robert Schindel ∙ Babette Werth ∙ Johannes Zultner u.v.a., 135 Seiten, Broschur, Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2011.
  15. Anton G. Leitner (Hg.) ∙ Gedichte für Zeitgenossen. Lyrik aus 50 Jahren von H. C. Artmann ∙ Ingeborg Bachmann ∙ Werner Dürrson ∙ Jörg Fauser ∙ Axel Kutsch ∙ Mario Wirz u.v.a., 142 Seiten, Taschenbuch mit Schutzumschlag, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011.
  16. Anton G. Leitner, Die Wahrheit über Uncle Spam und andere Enthüllungsgedichte, mit einem Nachwort von Ulrich Johannes Beil, 128 Seiten, Broschur, Daedalus-Verlag, Münster 2011.
  17. Michael Lentz · Textleben. Über Literatur, woraus sie gemacht ist, was ihr vorausgeht und was aus ihr folgt, herausgege­ben sowie mit Vor- und Nachwort versehen von Hubert Winkels, 576 Seiten, Hard­cover mit Schutzumschlag, Lesebändchen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011.
  18. Ben Lerner: Die Lichtenbergfiguren. Gedichte, zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Mit e. Nachwort von Matthias Göritz.  luxbooks.americana, Wiesbaden 2011.
  19. Lettre International. Europas Kulturzeitung. Heft 95. Winter 2011. 138 S. Wassili Dimow: Kafkasus. Ein Poem. Beiträge von Péter Nádas, Slavoj Žižek, Friedrich Kittler u.v.a.
  20. Liao Yiwu: Massaker. Frühe Gedichte. Übersetzt von Hans Peter Hoffmann, hochroth Verlag 2011.
  21. Ernst Wilhelm Lotz · Wolkenüberflaggt (edition grillenfänger 20). 52 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  22. Wolfram Lotz: Fusseln. Liste. Köln: Parasitenpresse 2011 (paradosis Nr. 8). 16 S.
  23. Gertrud Luick-Conrad: Lebenslinien. Esslingen: Civitas Imperii Verlag 2011.
  24. Nikola Madzirov · Versetzter Stein, aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann, 64 Sei­ten, Hardco­ver, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2011.
  25. Zvonko Maković: lügen. warum nicht? Gedichte. Übersetzung: Alida Bremer. 96 Seiten, Format: 13.5 x 21 cm, gebunden, Softcover. Das Wunderhorn 2011.
  26. Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an Anna Achmatowa . Aus dem Russischen von Christiane Körner. Kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Pawel Nerler. Bibliothek Suhrkamp 1465, Berlin 2011. 205 S., mit zahlreichen Abbildungen.
  27. Horst-Ulrich Mann [d.i. Ulrich Horstmann]: Kampfschweiger. Gedichte 1977–2007. Verlag Shoebox House, Hamburg 2011. 187 S., € 16.90
  28. Julia Mantel ∙ dreh mich nicht um, Bilder von Petrus Akkordeon, Vorworte von Kurt Drawert und Jörg Sun­dermeier, 47 Seiten, Broschur, fixpoetry.Verlag, Hamburg 2011.
  29. Peter Marggraf (Hg.) · Berichte aus der Werkstatt, 10. Ausgabe, Bilder von Peter Marggraf, Gedichte von Hans Georg Bulla ∙ Uwe Claus ∙ Georg Oswald Cott ∙ Hugo Dittberner ∙ Paul Klee ∙ Gerd Kolter ∙ Heiner Müller ∙ August von Platen ∙ Rainer Maria Rilke, 40 Seiten, Format 23 x 33 cm, San Marco Handpresse, Neustadt 2011.
  30. Alfred Margul-Sperber (Hrsg.) · Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Guțu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. Mit Gedichten von Rose Ausländer · Uriel Birnbaum · Klara Blum · Paul Celan · Zeno Einhorn · Norbert Feuerstein · Ernst Maria Flinker · Robert Flinker · Benjamin Fuchs · David Goldfeld · Lotte Jaslowitz · Josef Kalmer · Alfred Kittner · Ewald Ruprecht Korn · Artur Kraft · Josef I. Kruh · Kamillo Lauer · Siegfried Laufer · Ariadne Baronin Löwendal · Hugo Maier · Itzig Manger · Alfred Margul-Sperber · Tina Marbach · Salome Mischel · Johann Pitsch · Moses Rosenkranz · Heinrich Schaffer · Isaac Schreyer · Jakob Schulsinger · Erich Singer · Isak Sonntag · Klaus Udo Tepperberg · Victor Wittner · Kubi Wohl. 469 Seiten, gebunden, 2. Auflage, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  31. Jean-Michel Maulpoix: Schritte im Schnee. Prosagedichte. Aus dem Französischen von Margret Millischer. Leipziger Literaturverlag. 140 Seiten.
  32. Ernst Meister · Gedichte, ausgewählt von Peter Handke, 150 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Lese­bändchen, Suhrkamp, Berlin 2011.
  33. Burkhard Meyer-Sickendiek · Lyrisches Gespür. Vom geheimen Sensorium moderner Poesie, 571 Sei­ten, Bro­schur, Wilhelm Fink Verlag, München 2012.
  34. Suzanna Mikesh, “wann eigentlich haben wir damit aufgehört” 97 Gedichte, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, HC mit Schutzumschlag, Lesebändchen und Faksimilie auf dem Umschlag, ISBN: 978-3-935259-83-5, erscheinen im worthandel : verlag, 2011, 19,80 Euro (www.worthandel.de/wh_voe/aufgehoert.htm)
  35. Anja Möbest (Hg.): Alles auf Anfang. Trennungsgedichte. Reclam. 96 Seiten.
  36. Esther Mohnweg: Zuerst versinkt der Horizont. Berlingedichte und Fotografien. Leipziger Literaturverlag. 124 Seiten.
  37. Shafiq Naz (Hg.) · Der deutsche Lyrikkalender 2012. Jeder Tag ein Gedicht, 366 Ge­dichte von 300 Autorin­nen und Autoren von den An­fängen bis zur Gegen­wart, darunter Hans Assmann von Abschatz ∙ Friedrich Ani ∙ Jürgen Becker ∙ Irène Bourquin ∙ Ann Cotten ∙ Crauss ∙ Michael Donhauser ∙ Jutta Dornheim ∙ Elke Erb ∙ Peter Ettl ∙ Wolfgang Fienhold ∙ Walter Helmut Fritz ∙ Claudia Gabler ∙ Sylvia Geist ∙ Caroline Hartge ∙ Kerstin Hensel ∙ Angelika Janz ∙ Markus Manfred Jung ∙ Gottfried Keller ∙ Thomas Kling ∙ Wilhelm Leh­mann ∙ Alfred Lichtenstein ∙ Friederike Mayröcker ∙ Ernst Meister ∙ Jörg Neugebauer ∙ Hans Erich Nossack ∙ Hellmuth Opitz ∙ Jutta Over ∙ Silke Peters ∙ Marion Poschmann ∙ Bertram Reinecke ∙ Sophie Reyer ∙ Chris­tian Saalberg ∙ Horst Samson ∙ Suleman Taufiq ∙ Jesse Thoor ∙ Unbekannter Dichter ∙ Jürgen Völkert-Mar­ten ∙ Florian Voß ∙ Christian Wagner ∙ A. J. Weigoni ∙ Annemarie Zornack ∙ Stefan Zweig, 440 Seiten, Tischkalen­der mit Spiralbindung, Al­hambra Publishing, B-Bertem 2011.

12. September 2011

51. Kunsts Lebensroman

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 12:44

„Der nie enden wollende Abschied vom Sonett“ könnte man den Lebens- und Schreibroman des Thomas Kunst nennen. Nach dem reinen Sonettenband Estemago legt er  nun den mit Sonetten zumindest durchsetzten Band „Legende vom Abholen vor“. Hier nimmt er die angekündigte Abkehr von dieser Form eindrucksvoll zurück. Schon das erste, nennen wir es „kämpferische“, Kapitel „Schulstoff für gleich“ bedient sich ihr durchgängig, und gipfelt in einer Sonetthaften Aufzählung von Namen, denen sich der Autor verbunden fühlt. Das muss man vermuten, da die Namensliste nicht kommentiert wird. Der eine oder andere erwähnte Name wird einem zumindest als Anklang bei der Lektüre des Buches wieder begegnen. Ganz sicher Bove, Vian, Blanchot und Cortazar.
Konst kommt vom Sonett nicht los, und so muss er es wohl auf die Spitze treiben, und, soviel scheint derzeit wohl sicher, er wird es tun.

Im folgenden bewegen sich die Gedichte mit einer gradezu traumwandlerischen Sicherheit durch Literarische Weltlandschaften, durch einen Raum von Marseille bis Nordamerika, machen Urlaub bauen Häuser indem sie sie entkernen.  „Die Straßen Amerikas kannten sich doch/ Fast alle noch von früher…“ (s. 51) heißt es. Und jeder Gedichtanfang stellt diese Literarizität her, macht klar, in welcher Welt wir uns befinden.  In einer Welt der dauernden Endlichkeit auch von Liebesbeziehung. Denn der Band endet immer wieder wie die Kapitel eines guten Romans, bei sich selbst. Bei einer gewissen Einsamkeit des Helden, einer Verlassenheit des Ich, einer Geworfenheit… Und daraus speist sich auch seine Melancholie, jeder Beginn ist mit Ende gleichsam aufgeladen. Volle Packung. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Die Legende vom Abholen, Thomas Kunst, Edition Rugerup 2011

9. August 2011

44. Gedicht

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 17:54

Von Thomas Kunst

ICH RISS DEN SCHEISSHAUSFLIEGEN AB UND ZU
Die Flügel raus, von wegen Starallüren,
Mein Wagen mit den aufklappbaren Türen:
Ein Cardinal Red Silver Shadow II.

Metallisch blau, die Tiere brummten, Schäden
Am Motor gab es keine, Matsch und Schnee.
Die Rallye über Sospel, Moulinet.
Die Männer angespannt, du kannst nicht jeden

Für die Strapazen dieser Tour gewinnen.
Ich konnte nie bei allzu langen Strecken
Die Fahrer wechseln, ohne Atempause

Erlebten sie die Landschaften von innen,
Die umgekippten Sessel unter Decken.
Wir hatten keine Teppiche zuhause.

 

(für Max Sessner)

Kauftipp: “Küchen und Züge” (Droschl, 2005)

29. Juli 2011

116. Der Betrieb ist schlecht! Aber warum denn?

Diskussionsbeitrag von Bertram Reinecke

Siehe auch:

 

 

 

Eigentlich ist der Text von Brôcan nicht der Rede wert. Das hat man ja alles schon irgendwie gehört, teilweise bis zum Abwinken. Aber er ist geschickter und mischt Richtigeres mit dem ganz Falschen. Insofern dürfte er exemplarischer stehen für den Stand der Debatte als die ungelenken Rezensionen, die hier jüngst diskutiert wurden. Deswegen lohnt sich eine längere Antwort. Ich will hoffen, dass Brôcan selbst glaubt was er da schreibt. Man könnte ja auch denken, dass er zynisch sich selbst positionieren möchte. Da ließe sich dann jede Aufmerksamkeit und schon gar eine Debatte ummünzen in konkretes Fortkommen.

Um das mindeste zu sagen also ein zwiespältiger Text, der Fragen offen lässt. Pieken wir gleich hinein. Brôcan moniert, der Leser sei konfrontiert „mit der unglaublichen Fülle an Gedichten in Anthologien, im Netz oder auf Poesiefestivals, die es ihm ohne Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium kaum mehr ermöglicht, Amateure von Profis oder gelungene von misslungenen Texten zu unterscheiden.”

Wann aber war denn der Zustand der Dichtung so, dass der deutschsprachige Leser ohne Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium zwischen Amateuren und Profis unterscheiden konnte? Wie tat er das dann? Vermutlich durch Allgemeinbildung? Beklagt Brôcan den Zustand des Deutschunterrichts? Nein, er hält eine sprachliche Grundbildung für gegeben und unproblematisch. Gegeben wird sie durch Schule, früher Gottesdienst usw. Kann sie unproblematisch sein?

Warum soll der Leser überhaupt ohne Sachkenntnis und Instrumentarium gelungene von misslungenen Texten scheiden können? Das ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für den lustvollen Umgang mit Literatur. Schiller konnte nach gängiger Meinung selbst mit Sachkenntnis und Instrumentarium die Gelungenheit Hölderlins nicht einsehen. (Schillers Sachkenntnis mag überbietbar sein, wer weiß was Schiller über Dichtung wusste, den würde ich auch heute ernst nehmen.) Oder war es eher so, dass Hölderlins berühmte Kurzoden und all die Sachen, die wir dann doch lieber lesen als seine pathetischen früheren Texte, die (Antischillersche) spezifisch Hölderlinsche Umgangsweise mit Schillers bohrenden Anfragen war?

Ich vermute, dass Brôcan all diese problematischen Dinge für notwendig hält, weil seine Utopie des Lesers der „ernsthafte Leser“ ist. Der ernsthafte Leser liest mit Achtung seinen bedeutenden Gegenstand, eine Lesebeflissenheit, wie ich sie von mir als Schüler kenne, der durchaus freiwillig, wenn auch mit zusammengekniffenen Arschbacken, Thomas-Mann-Schwarten gelesen hat.1  Ernstes Lesen zum Abgewöhnen. Mein Bild des Lesens ist ein anderes. Wer Proust nicht liest wie Harry Potter, braucht Proust nicht zu lesen. Nicht jeder braucht das. Mut zur Lücke!2

Das ernsthafte Lesen hatte ich im Deutschunterricht kennengelernt: Seht her Kinder, ein bedeutender Gegenstand mit dem ihr Euch beschäftigen müsst, wenn ihr Erwachsene werden wollt. Jede abweichende Lektüre des Schülers, die nicht als falsch dargestellt werden konnte, galt zumindest als unkonzentriert, abseitig, unernst.

Dass es Brôcan um eine solche Fallhöhe, den glaubwürdigen Dichter geht, sieht man auch daran, dass ihm die Phantasie fehlt, vom Betrieb mehr zu fordern, als dass endlich mal wieder die großen Verlage … Eine Sehnsucht, die doch eher die soziale Rolle des Dichters betrifft, als die Art von Text, die der Markt nun befördert oder verhindert, was vordergründig ja das Thema des Essays zu sein scheint.3

Die Sehnsucht nach sozialer Besserstellung hin oder her: zurück zur Frage: Welche Gedichte sollten entstehen und was steht dem entgegen? Ich stimme Brôcan zu, dass der Kritiker als Vielleser hie und da, weil er nicht immer dasselbe lesen will, einen eingebauten Hang zu etwas außergewöhnlicheren, etwas spezielleren Texten entwickeln könnte. So haben wir den Betrieb eben aufgeteilt, bzw. eher: So finden wir ihn eben vor und man könnte das theoretisch kritisieren.4 Diesen Fokus entwickelt Brôcan leider nicht. Mich erschreckt eher was Brôcan beruhigen würde: Wie eingängiger, oftmals gehörter Text von einem Teil der Lyrikkritik gefeiert wird: Wenn das theoretische Argument richtig ist, lesen die dann wohl nicht genug?

Ja, es ist eben so, das finden wir so vor, dass es Spezialistentum gibt und dass der Trend zu immer größerer Auffächerung geht. Man kann das beklagen, aber darf man das in den Rechner tippen und im Netz veröffentlichen? (Vulgo: Wir profitieren auch alle von solchem Expertentum). Von einer Subkultur der Experten in Bezug auf Lyrik zu sprechen5, gestehe ich nur dem zu, der auch von einer Subkultur der Maschinenbauer, einer Subkultur der Politiker etc. spricht. Man kann das machen, wenn man den Kreis nicht so weit zieht, Brôcan tut es nicht, so legt sich der Verdacht nahe, dass lyrische Fachkenntnis in toto verunglimpft werden soll und das implizite Argument dafür die Tatsache ist, dass viele dieser Spezialisten marginalisierte Triebtäter sind. (Andere, Germanisten z.B. und manche Kritiker werden verhältnismäßig gut dotiert.)

Irgendwie scheint Brôcan an den Sänger für alle zu glauben, der mehr tut als „niedere oder höhere Unterhaltungskunst” zu geben. Ich kenne dieses Dichterbild wieder nur aus dem Deutschunterricht: Der gute Dichter, wie schwer ers auch hatte, setzt sich dann doch durch und das Volk hört ihm zu: Wie sehr das nicht stimmt, habe ich erst später begriffen. In gewissem Sinne loben wir im Deutschunterricht sowieso die, die eben sich durchgesetzt haben. Und der Deutschlehrer erzählt uns die Durch-Nacht-zum-Licht-Geschichte bestenfalls um nicht selbst an seinem Gegenstand zu verzweifeln. Außerdem ist die Geschichte integrativ: Geh selbst durch die Nacht des Deutschunterrichts und Du wirst dann schon sehen: Jeder hat die Chance zum Licht zu kommen. Manche glauben es und irrrlichtern dann mit Hölderlin auf der Fahne durch den Literaturbetrieb. Ich habe meinen Deutschlehrern nie geglaubt, dass sie auf der Seite von Hölderlin oder wem immer ständen. Dies Deutschlehrerversprechen schüttet Konflikte zu.6

Man muss aber zuerst wissen was man will und dann muss man sich eben aufdrängen: Du hast keine Chance? Nutze sie! Brôcan denkt, Gutes müsste sich irgendwie von ganz allein durchsetzen und wenn das offensichtlich nicht passiert, muss jemand schuld sein. Allenfalls ist er bereit, ein Missverhältnis zwischen Produktion und Nachfrage zu sehen. (Offensichtlich liegt es hier eher auf der Produktionsseite.) Wie Thomas Kunst in seinem Sonett bin ich der Meinung, dass Lyrik auch eine Zumutung sein kann und sollte. Diese Zumutung beginnt bei den Netzwerkern: Öfters habe ich bei Anthologieanfragen die Dinge eingesandt, die mir wirklich wichtig sind und zur Sicherheit ein Sächelchen, von dem ich dachte: Das könnte dem Herausgeber liegen. Manchmal bin ich durch die Offenheit der Herausgeber überrascht, manchmal geht es aus wie das Hornberger Schießen.7

Brôcan möchte irgendwie Harmonie: Die guten Dichter, (Deutschunterrichtskompatibel?), sollen endlich Gehör finden, während die schlechten die Bühne zu verlassen haben. Aber irgendwie sind leider die Böslinge des Betriebs davor. (Das ist sehr integrativ solange er keine Namen nennt. Man könnte auch sagen wohlfeil.) Nur steht dann die Bühne voller Sündenböcke: Die Dunkelmänner vom Slam: Ja ich kenne die. Die stehen dann nach Lesungen auf den wenigen Bühnen, wo junge Literatur in anderem (auch: Brôcans) Sinne gemacht wird, und sagen Sätze wie: „Literatur kann auch unterhaltsam sein”, werben für ihre Lesebühne und rümpfen die Nase und versuchen ihre Hausliteraten und Konzepte auch auf diese Bühne zu hieven. Man merkt dann das Imperialistische dieses eigentlich wahren Satzes, nämlich die implizierte Folgerung: „Literatur muss mich unterhalten können.” Und zwar auch die, die im beschränkten, sagen wir ruhig z.B. geschützten Raum des Literaturinstitutes probeweise vorgetragen wird, muss durch eine ersetzt werden, an der der Slammer Freude hat. Man sollte auf solchen Satz folgendermaßen antworten: „Ja, das finde ich auch, dass Literatur unterhaltsam sein sollte, warum macht ihr auf Eurer Slambühne nur immer so langweiliges, selbstbezügliches Zeug, wo man ohne jeden Erkenntnisgewinn rausgeht?”

Gegen die Dunkelmänner vom Slam setzt Brôcan die Lichtgestalt Les Murray.8 Nun muss man sagen, dass der durch seine Personalityshow (ein alter begeisterter Mann) und durch exotische Themen, die er authentisch verkörpert, auf einem Slam wohl ganz gute Karten hätte. So schlecht ist Slam auch wieder nicht.

Und auch sonstige Sündenböcke sind schneller gefunden als ihre Täterschaft zu erweisen ist: „Die Lyrik heute gleicht jedoch nicht selten einem Laborversuch, dessen Ergebnisse dem Publikum in komplexen Formeln und Geheimcodes präsentiert werden.“ Da ist ihm zuzustimmen, je nachdem, wie oft man sie erwartet, aber was meint der Nachsatz: „Unter diesen Voraussetzungen verwundert ihre Marginalisierung kaum.“ Festgestellt sei: Oft und meist gleicht die Gegenwartslyrik keinem Experimentierfeld: Ich habe im letzten Monat 18 Anthologien zur Gegenwartslyrik durchgesehen und zwölf davon in einem Essay beschrieben. Es lässt sich eine Grundspielform des Gegenwartsgedicht ausmachen. Diese hat genau beschreibbare Merkmale. In 3 von diesen 18 Anthologien ist es ungefähr so, dass die Gedichte, die von dieser Grundform mehr oder minder ins sogenannt Experimentelle abweichen, vielleicht etwas überwiegen. In ca. 6 von diesen gibt es die von Brôcan geforderte Abweichung ins Traditionelle. Wohlgemerkt: Gezählt wurden die, die von der Grundform merklich abweichen. Nicht diejenigen, die sich nun gleich in komplexen Formen und Geheimcodes präsentieren. Diese könnte man dann doch ebenso gut vergleichsweise selten nennen, denn nicht jeder von diesen abweichenden Dichtern möchte unbedingt originell sein, manchem reicht es sicher wie dem alten Hölderlin, sagen zu können, was es eben zu sagen gibt. Wenn Dichtung den geschmähten Mittelweg braucht: Sie hat ihn ganz offensichtlich auch. Warum muss also Herr Brôcan konstatieren, dass die Leser weiterhin verunsichert sind von der Gegenwartslyrik? Herr Brôcan, wenn es Sie interessiert, können Sie das alles in der nächsten „Gegenstrophe“ nachlesen. Oder zeige ich, wenn ich solche Philologie bzw. strukturalistische Analyse treibe, „ein allzu lebhaftes theoretisches Interesse“ und bin damit per se unglaubwürdig? Anderswo habe ich diese Untersuchungen nicht gefunden. Wo ist die ebenfalls von Ihnen beklagte Expertensubkultur?

Das Experiment wird also nicht als Ursache dingfest gemacht werden können, sollte es die von Brôcan diagnostizierte Entfremdung der Gegenwartslyrik von ihrem Publikum geben. Wenn, dann gibt es sie, obwohl es ein klar umrissenes, also in seinen Verständigungsstrategien relativ leicht erlernbares Gegenwartsgedicht gibt und darüber hinaus eine Spur historischer Verfahren im neuen Gedicht. Die von Brôcan vorgeschlagene Kur „Zurück zum Leser” hilft also nichts, es muss an etwas anderem gelegen haben. Herr Brôcan, woran liegt es dann? Vielleicht an einem Abwehrreflex „Versteht man doch eh alles nicht“? 9

Natürlich ist dies alles gewissermaßen ein Indizienprozess. Man ist darauf angewiesen, da Brôcan absichtlich verwaschen schreibt und sich weitgehend auf Allgemeinplätze verlässt: «Die Dichtung ist bedroht, wenn die Dichter der Sprache ein allzu lebhaftes theoretisches Interesse entgegenbringen und sie zum Thema ständigen Tüftelns machen» zitiert er wohlwollend Dana Gioia, das Gegenteil ist sicher ebenso wahr. „Die Dichtung ist bedroht, wo der Dichter allzu unreflektiert seine Wörter einsetzt.“ Alles hängt an dem Wort „allzu“: eine Art kommunikativer Joker. Will man wissen, ob man beipflichten oder widersprechen soll, kann man allenfalls versuchen, das aus dem Kontext zu erschließen. (Herr Brôcan, sie hielten doch sehr darauf, dass der Leser sich ein Urteil bilden kann?10) Brôcans nächster Satz lautet: „Wo die Inhalte ausgehen, wird das Schreiben über das Schreiben und die Sprache selbst rasch zum einzig wahren Stil erklärt.“ Dass Dichter, die sich mit der bedrohten Sprache auseinandersetzen, damit sehr wohl Inhalte haben, zieht Brôcan nicht in Betracht. Wenn Eich gegen „die Einzementierung der Welt“ vorgeht oder Celan seine Gedichte von der Misere der deutschen Diskurse reinzuhalten versucht, haben wir Musterbilder bedrohter Sprache vor uns. Es ist sogar gefordert worden, dass der Dichter seine Sprache im Gefahrenbereich siedeln lassen soll, zumindest ist die Bedrohtheit des Sprechens also kein Argument gegen dieses Sprechen, wie es bei Brôcan aufklingt.

Aber in die Gegenwart geschaut: Ich kann, ehrlich gesagt, nicht angeben, wohin Brôcans Spitze zielt: Wenn es ums Schreiben über das Schreiben geht, dann wurden in letzter Zeit kritisch immer wieder Namen wie Allemann, Ames, Lange, Lentz, Rinck oder Stolterfoht genannt. Diese Leute jedoch, auch wenn teilweise zu ihrem Handwerkszeug eine profunde stilistische Kenntnis gehört, erklären sicher nicht irgendeine Art von Schreiben über die Sprache zum „einzig wahren Stil“. Es ist doch sehr auffällig, dass sie notorisch nicht von Stil, sondern von „Hintergehen der Sprache“, von Verfremdung und „anderem Sprechen“ reden. Ein Allemann- oder Cottenstil sind doch in gewissem Sinne ein Unding. Wenn der germanistische Interpret Linien in deren Werk ausmachen mag: Der und der macht das immer so und so, und dies dann einen sagen wir Stolterfohtstil, einen Lentzstil nennt, dann haben diese Dichter zu akzeptieren gelernt, dass man eben nicht die Kraft hat, alles gemeinsam zu hintergehen, alle Sprechgewohnheiten gleichzeitig zu hinterfragen. Dass sie einen Stil haben und das akzeptieren, lässt sich als eine Konzession an ihre menschliche Fehlbarkeit auffassen. Wen meint Herr Brôcan mit seiner Analyse also?

Ich fürchte, er meint doch die genannten Dichter, wenigstens wird der NZZ-Leser ohne Sachkenntnis ihn so verstehen: Herr Brôcan, ihr Essay ist so geschrieben, dass es viel Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium erfordert, um die Entscheidung zu ermöglichen, ob es ein gelungener oder misslungener Text ist. Oder ist das für Sie nur bei Lyrik ein Problem?

Ein grundsätzlicheres Problem von Brôcans Text scheint hier auf: Brôcan spielt Inhalte gegen Formen aus. Dabei ist es nicht so, dass eine formale Beschäftigung mit der Sprache einem Inhalt irgend etwas wegnähme noch umgekehrt.11 Man sieht es ja an der Diskussion auf der Lyrikzeitung: Tom Bresemann und Thomas Kunst streiten über die Inhalte von Brôcans Essay und geraten auf Dichternamen und, so darf man unterstellen, deren Werke, also auf Formen lyrischen Sprechens. Ich versuche genau zu lesen, was Brôcan eigentlich sagen möchte, untersuche seinen Diskurs, seine Form und sofort komme ich auf massive inhaltliche Differenzen. Es ist also egal, solange man nicht aus Sonderinteressen sondert, wie es der Deutschunterricht tut, hat man immer beides, von welcher Seite man das Knäuel auch in die Hand nimmt.

Jürgen Brôcans Hauptforderung besteht darin, ein gesundes nichomachisches Mittelmaß zu wahren. Das ist mir schon bei Aristoteles verdächtig genug gewesen, weil, um das Problem der aristotelischen Schrift gleich an Brôcans Text festzumachen, immer nicht ganz klar wird, wie sich eine Tugend von einer Untugend unterscheidet: Ungestüm sein ist nach Brôcan schlecht, aber Mut gut. 11a

Ebenso unklar ist folgendes: Wie lässt sich die Vielfalt, die er am Ende seines Artikels einfordert, genau von der am Anfang des Artikels noch als negativ betrachteten Breite der eingesetzten Verfahren und Experimente und der Vielzahl der unterschiedlichen (zumindest unterschiedlich guten, was auch immer das heißt) Stimmen sinnvoll abgrenzen?

Schauen wir uns aber seine Formulierung zum Mittelmaß ruhig einmal genauer an: „Dichtung braucht das Gleichgewicht, den geschmähten Mittelweg, und das setzt voraus, dass sie nicht unter Schutzatmosphäre entsteht, als Absonderung der Lyriktheorie“. Sicherlich, ich bin der erste, der Theoriebildung verteidigen würde, da sie einen weiter bringt. Ja, Theorie kann sogar extremistisch machen, der Zusammenhang zwischen den beiden Satzteilen ist dennoch nicht richtig. Der von Brôcan z.B. gefeierte Lars Reyer hat sich in der Schutzatmosphäre der Seminare des deutschen Literaturinstituts seinen gedämpft gemäßigten Ton erschlossen, indem er sich die Härten und Atavismen seines Vorinstitutsstils nach und nach abfeilen ließ. (Ich war nämlich dabei.)12 Gegen Brôcans Sicht spricht also sein eigenes Beispiel. Wichtiger aber ist mir hier ein Satz von Keynes: „Wer glaubt, er brauche keine Theorie, hängt nicht etwa keiner an, sondern einer veralteten.“ Dafür, dass es alte Bilder aus dem Deutschunterricht sind, an denen sich Brôcan orientiert, habe ich Indizien gesammelt. Ich finde ein weiteres im Vorwort der Umkreisungen: „Vielleicht – nein sehr wahrscheinlich – ist die Welt seit Jahren komplizierter geworden … Darauf kann und soll das Gedicht reagieren, mit scharfen Schnitten und Montagen.“13 Genau so argumentierte der Modernediskurs etwa zur Zeit Döblins und in Abgrenzung zum konservativen Soz-Realismus war das Standard auch im Deutschunterricht der Bonner Republik. Heute dürfte sich doch herumgesprochen haben, dass man Schnitt- und Montageverfahren bis in die Antike zurückverfolgen kann und dass es damit heute im Gegensatz zu damals (als es noch eine eine aufklärerische List der Manifeste gewesen sein mag) eine weltfremde Argumentation ist, von den Verhältnissen der Welt auf die Adäquatheit bestimmter Verfahren zu schließen.14  Manchmal scheint also auch bei Herrn Brôcan seminaristisches unter der Käseglocke erworbenes Wissen in seine Ideen vom Gedicht einzugehen. Er sollte nicht mit Steinen werfen. Vorurteilsfrei betrachtet: Das Publikum von Literatur und nicht etwa nur von Lyrik hat oftmals ein Studium durchlaufen, oftmals ein geisteswissenschaftliches, es ist anders geworden. Immerhin bekommen damit die betonierten Leiterzählungen wihelminischer oder Gruppe-47er Provenienz Risse. Der Deutschunterricht kann seine Vorurteile weniger ungebrochen ausspielen. Das Publikum ist wenigstens ein klein wenig antikanonischer und heterogener geworden. Dem darf und kann die Lyrik Rechnung tragen, wie Hölderlin seinem Publikum Grundkenntnisse in lateinischer, gar griechischer Lyrik zumutete.

„Dazu fehlt derzeit vor allem eine vorurteilsfreie Diskussion und eine mediale Präsentation, die der Vielfalt der Stimmen Rechnung trüge.“ Auch diese Kritik bleibt jedem unbenommen. Auch wenn sich vieles in den letzten Jahren gebessert hat, bleibt ein noch besserer Zustand des Lyrikmarktes immer dringlich wünschbar. Wenn aber fortgesetzt wird: „Denn solange die grösseren Verlage und literarischen Jurys das Wagnis scheuen, die ausgefahrenen Wegspuren zu verlassen, ändert sich nichts an der allseits beklagten Diskrepanz zwischen den Zeichen des Booms und der Empirie der schlechten Verkaufszahlen“, wird einem doch schummrig, wenn diese angemessene Repräsentation sich einzig in Verkaufszahlen und Literaturpreisen widerspiegeln soll. Brôcan wünscht sich die Fallhöhe des Großdichters, den man mit Ehrerbietung liest. Dann soll er sich doch nicht wundern; Ann Cotten lesen Mensch! (Jetzt, wo Seilers Preisregen ein wenig schwächelt.) Denn in jeder anderen Hinsicht stellt die steigende Vielzahl der kleinen Verlage insgesamt sicher eine Verbesserung in Hinblick auf eine angemessene Repräsentation der Lyrik dar, nur ihre Verkaufsabteilungen sind vielleicht etwas schwach auf der Brust.15

Ich halte aber neben der Frage „Was tun die anderen Böses?“ auch immer wieder ein Innehalten für nötig: inwiefern bin ich, der anfangs vom Betrieb so sehr verletzt wurde, mit zunehmendem Erfolg nicht jetzt selbst Bestandteil dieses Betriebs? Wir hatten z.B. gesehen, dass Brôcan für andere Maßstäbe aufrichtet (wie den dass der Laie unterscheiden können muss, ob ein Text gut ist), die er selber allenfalls bedingt an seinen Text anlegt.

Ich hatte ferner beim ersten Lesen Angst: ich nenne ja auch einige Namen des öfteren. Werde ich angegriffen als Bestandteil des Leipziger Zitierkartells? Beruhigt kann ich aufatmen. Wenn ich Namen wie Kuhlbrodt, Reyer, Rugerup oder Rimbaudverlag öfters ehrend im Munde führe, dann lobe ich augenscheinlich die Richtigen, während die anderen ihre Kartelle schmieden. Kartell sind immer die anderen. Alles Stasi außer Mutti.

Hölderlin wollte nicht originell sein, er konnte bloß nicht anders. Brôcan fordert den Dichtern, ob sie wollen, können oder nicht, ein mittelmäßiges Sprechen ab. Hätte da ein Hölderlin eine Chance?

———————————————-

1 Zwar langweilig, ist aber Bildung. Inzwischen habe ich genug Thomas-Mann-Lesern gelauscht und gesehen, dass die Bildungsbürgerwitze, die ich damals schon oft als etwas schal empfand, genau das waren, was die anderen so schätzten. Es lag also nicht daran, dass ich irgendwas nicht verstanden hatte.

2 Ich lese Proust und ich muss hier etwas an mich halten und ernst(haft) bleiben, auch wenn es dann etwas humorlos aussieht und eventuell über Gebühr scharf wird, Brôcan ist sicher ein spannender Dichter, schließlich haben wir gemeinsame Freunde.

3 Bestenfalls ist es, Tom Bresemann wies darauf hin, ein Hoffen auf den weißen Ritter.

4Wenn man der Literaturkritik nicht abverlangt, dass sie ihren Kenntnisvorsprung fruchtbar macht, um erklärend abkürzende Wege zu interessanten Texten zu bahnen.

5 Kritisiert Brôcan die Ratlosigkeit der Lyrikspezialisten, welcher?, wenn er schreibt: „Es wäre zu überlegen, ob dieses Rezeptionsverhalten, wie behauptet wurde, allein aus der Mentalität des Lesers zu erklären ist, oder ob es nicht auch zu einem beträchtlichen Teil als Reaktion auf eine zunehmende Ratlosigkeit zu verstehen ist.“ Tritt der Leser mit sich selber in Dialog und reagiert auf seine eigene Ratlosigkeit? Oder scheint hier Brôcans eigene Ratlosigkeit durch?

6 Wie das Schimpfen über den Markt. Man beklagt ja höchst verschiedene Dinge daran.

7 In Brôcan/Kuhlbrodts „Umkreisungen“ war ich immerhin drin: Danke!

8 Er nennt weitere Namen, ich sage Mayröcker, Stolterfoht und setze mit ihm fort „Anders als manche [andere] deutschsprachige Lyrik machen sie den Leser neugierig und stossen ihn in neue Sichtweisen, aber sie überfordern ihn nicht, weil sie formale Fragen und formale Originalität nicht vor die inhaltliche setzen.“ (Ich habe es jedenfalls so erlebt und nachrecherchiert.)

9 Meine Deutschlehrerin zu Jandl „Auf dem Lande“ sinngemäß: „So was Komisches ist dann die Gegenwartsdichtung, ihr könnt euch das mal allein anschauen.“ Ich weiß nicht, ob ich ihr nicht bis heute dankbar sein sollte, wäre sie fit genug gewesen, uns sagen wir, Grünbein nahezubringen, müsste ich ja bis heute denken, ich kennte mich aus!

10 Wenn ich hier umstandslos seinem Essay das abfordere, was er Gedichten abfordert, dann deswegen, weil sich Jürgen Brôcan in seinem Vorwort zu „Umkreisungen“ für eine Gleichsetzung von Essay und Gedicht stark macht.

11 Jedenfalls nicht, solange man nicht meint, der Inhalt wäre im Gedicht enthalten, wie Wasser in einem Krug und könnte verlustfrei hinausgegossen werden. Diese Vorstellung, die Jürgen Brôcan untergründig zu teilen scheint, dürfte aus dem Kontrollverfahren des Deutschunterrichts erwachsen sein: Irgend etwas muss der Deutschlehrer ja abfragen können. Nur wundert man sich dann immer, warum selbst die großen Dichter und auch die Alten das alles immer so versteckt haben. Man lese Lohenstein, man lese Wilhelm Müller, ja, man lese Goethe. „Die wandernde Glocke” oder es reicht schon „Sah ein Knab ein Röslein steht”, nur hat da mancher noch reflexartig auf‘m Kasten, was ein altmodischer Deutschlehrer da so wissen wollte.

11a Und diese verwaschene Lesart ist schon vom Prinzip des Wohlwollens diktiert: Genau genommen fordert er Mut von den Kritikern, Verlegern usw., während er über Ungestüm bei Autoren etwas die Nase rümpft. Man warte auf seine Entdeckung!

12 Freilich nicht ohne sich auch sehr schicke ironische Verfahrenszüge anzueignen. Andere freilich haben sich dort radikalisiert.

13 Eng zusammen mit dieser Äußerung scheint mir folgender Satz Brôcans zu stehen: „Die allenthalben frohlockend gerühmte Vernetzung der Lyriker untereinander ist für sich genommen weder Qualitätskriterium noch Qualitätsgarant.“ Zunächst ja ein Satz von trivialer Wahrheit und strotzender Harmlosigkeit. Da Brôcan aber nicht Plattitüden dreschen will, sondern seine Thesen nur mit besonderer Vorsicht vorbringt, wird man hier ebenso wie in den anderen Fällen seine rhetorische Funktion untersuchen müssen und legt man ihn neben die oben zitierte Aussage, dann sieht man, dass es sich um einen Trojaner mit versteckter Implikation handelt, wie die Aussage des Slammers, Literatur könne auch unterhaltsam sein. Er scheint eigentlich zu implizieren: Netzwerken macht weder klüger noch besser. Beides ist falsch: Reyer, siehe oben, mich macht es klüger: Danke liebes Netzwerk für den vollständigen Brôcanartikel. Oder nehmen wir den Netzwerker Hölderlin: Ja wer auf der Studierstube mit einem Hegel und einem Schelling sitzt, kann aufs Internet allemal verzichten. Sicher wird Hölderlin nicht unreflektierter geworden sein durch diese Diskussionspartner!

14 Nur dieser veraltete Diskurs gibt auf solche Methodenfragen pauschale Antworten, wie Brôcan sie anfragt: „Aber steckt die Poesie nicht, so wie ihre Urheber, in historischen, kulturellen, sozialen Kontexten, herausgefordert von virulenten Themen, sogar noch dort, wo sie sich den Moden verweigert? Ist, was nicht experimentell auftritt, automatisch «konventionell» und somit altmodisch, überholt und darum eine ungenügende Verständnis- und Erkenntnismethode?“

15 Außerdem sagt jeder größere Verleger zumindest teilweise zu Recht: Wenn sich Lyrik verkaufte, würden wir sie verkaufen. Was verspricht sich Brôcan für eine Verbesserung in der Leserwahrnehmung, wenn der reisende Vertreter dem Buchhändler neben dem Kochbuch auch noch einen Brôcan aufschwatzt, den der Buchhändler dann, um ihn wieder los zu sein, der Oma für ihre Enkelin empfiehlt?

12. Juli 2011

45. Noch’n Pastiche

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 08:33

Thomas Kunst

DAS EINFACHSTE: SIE MEIDEN DIE VERGLEICHE.
Sie jubeln über größte Poesie,
Sie loben, preisen und sie feiern die,
Die sich im Hauptfeld wähnen, selten bleiche

Und blutleere Gedichtattrappen, starre
Gebilde ohne Trotz und Sprachverlangen,
Im Blick: die Ausreißer nie einzufangen,
Verfolge das schon über zwanzig Jahre.

Warum gelangt mit den Gedichten niemand
In meine Top Einhundertfünfunddreißig,
Ich hätte jetzt so gerne Gernhardt hier,

Auch Hacks und Heine, deren Sachverstand,
Auf Netzwerke und auf das Hauptfeld scheiß ich
Und lese jetzt: Am Meer. An Land. Bei mir.

(für Paulus Böhmer)

 

10. Juli 2011

34. Gedicht

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 05:20

Thomas Kunst

 

LA PLAYA, HANDELSZENTRUM, ABENDROT.
Die Linien zählen alles, zählen nichts,
Das stufenweise Ätzen des Gewichts
Der Kupferplatte, Licht in Lohn und Brot.

Wir beide wollen alles, laß uns losen.
Viskosität der Gärten, Lappenton,
Die Farben in den Rillen trocknen schon,
Die Zwetschgen handeln hier von Aprikosen.

Die schwarzen Linien sind die grauen, Stufen
An Helligkeit mit Lappen rauspoliert,
Den Druck erst einwedeln, dann wiedersehen.

Betrunken nachts noch Hopper angerufen,
Die Leere dieses Sommers fast kapiert,
A Woman, Hill and Houses, Road in Maine.

(für Eva)

 

Ältere Artikel »

Theme: Silver is the New Black. Bloggen Sie auf WordPress.com.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 241 other followers