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Wie viele…

Gedichte verträgt ein Feuilleton-Autor? Die Zeit verrät es uns definitiv (und löst damit definitiv das Problem der Lyrik, an dem nicht nur Doktor Benn rumdokterte*): immer 1 Roman 1 Gedicht.

Die interessantere Frage stellt Alexandru Bulucz:

Wie viele Stimmen verträgt ein Gedichtband? In Oberländers kommen einige vor, so zum Beispiel die Paul Celans, Franz Kafkas, Theobald Hocks, Egon Schieles, Adalbert Stifters und Johannes Urzidils. Läuft ein Dichter, wenn er zu viele Personen mit direktem Bezug zur Stadt zu Wort kommen lässt, nicht Gefahr, zu einem Stimmenimitator zu werden? An die Härte, mit der Thomas Bernhard den Stimmenimitator angeht, wird man sich gewiss erinnern: „Als wir ihm [dem Stimmenimitator] jedoch den Vorschlag gemacht hatten, er solle am Ende seine eigene Stimme imitieren, sagte er, das könne er nicht.“ (Thomas Bernhard, Der Stimmenimitator)

Sobald man in die Gedichte hineinliest, erweisen sich diese Befürchtungen als grundlos. Den Weg zwischen Dichtung und Chronik, den Oberländer einschlägt, erkennt man an seiner Umsetzung, die bei ihm etwas hat, was der neueren Literatur vielleicht allgemein etwas abgeht: nämlich Witz. Zum Beispiel überträgt er Theobald Hocks (1573-1624) rätselhafte Worte „durch othebladen öckhen von ichamp / eltzapffern bermeorgisschen secretarien“ wie folgt: „durch abend holten köche nach pech / ikonenbroschen emsiger secretarien / oder / durch theobalden höckchen von china / secretarien pferzapft regnerischen lobens“ (aus „zur erinnerung an theobald hock“). / Signaturen

Harry Oberländer: chronos krumlov. Gedichte. Mit einem Vorwort von Wulf Kirsten und einem Essay des Autors. Frankfurt am Main (edition faust) 2015. 72 Seiten. 18,00 Euro.

*) Immerhin Benn wußte noch, daß Problem im Plural stehen muß. Sein Vortrag trägt den bekannten Titel: Probleme der Lyrik.

Nicht regier- und kanonisierbar

Ein 800-Seiten-Band mit den zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichten ist bereits erschienen. Ein ebenso voluminöser Band mit bislang unveröffentlichten Gedichten wird folgen, dazu zwei Erzählungsbände, einer in diesem Herbst. Nach Amanns Worten eine geradezu unfassbare Menge für eine Autorin aus bildungsfernsten Verhältnissen:

“Es ist ein Phänomen, dass eben jenseits der Vorstellung, dass bestimmte Bildungsvoraussetzungen, soziale Voraussetzungen, ästhetische Voraussetzungen (…) das sein müssen, (…) irgendwie den Beweis antritt, dass es so etwas wie eine Begabung gibt, die quer liegt zu all diesen Traditionen. (..) Natürlich hat ihr Ansatz was mit Trakl zu tun oder mit Rilke. Aber von heute auf morgen sind bei ihr Gedichte entstanden, die einfach fertig sind und makellos. Das finde ich das Faszinierende.”

(…)

Zum runden Geburtstag liegen nun neben einer Neuedition der Erzählung “Das Kind” auch ein Band mit Texten und Gedichten zeitgenössischer Autoren zu Christine Lavant vor: “Drehe die Herzspindel weiter für mich. Christine Lavant zum 100.” Friederike Mayröcker, Sibylle Lewitscharoff, Teresa Präauer, Ulf Stolterfoth – sie und viele andere mehr erweisen hier der Kärntner Dichterin ihre Reverenz und treten sozusagen in Kommunikation mit ihr, ihrer Poetik, ihren Bildern, dem Nachhall ihres von Mystik, Spiritualität, Gottesfurcht und Gotteshader, Märchen und ländlichem Naturerleben geprägten Werkes. Dieser Band offenbart die erstaunliche Tatsache, dass Lavant immer, obwohl sie mit ihren Büchern jahrzehntelang kaum präsent war, subkutan sozusagen, einen beachtlichen Einfluss auf andere Autoren ausübte. Thomas Bernhard gab 1988 bei Suhrkamp zwei Auswahlbände mit Lyrik der österreichischen Kollegin heraus. Und Thomas Kling begeisterte sich in einem viel zitierten Text für das, wie er schrieb, “kontrollierte Außersichsein” der Lavant’schen Verse. (…)

Das Interessante an diesem Geburtstagsband, besonders an den Texten von Grünzweig, Rakusa, aber auch von Marlene Streeruwitz und Konstantin Ames ist vor allen Dingen, dass sie jeglicher Verklärung Christine Lavants entgegentreten. Ihr Lebensweg hat für Verklärungen jeglicher Art immer beste Voraussetzungen geboten: nur vier Jahre Volksschule, eine Existenz in unvorstellbarer Armut, geschlagen von schweren Krankheiten, eingeengt von einem 30 Jahre älteren, offensichtlich unerträglichen Ehemann, Selbstmordversuche, Aufenthalte in Nervenheilanstalten. In Österreich sah man in ihr lange Zeit so etwas wie ein dichtendes Strickliesel-Wunder mit katholischer Erdung. Aber die Lavant taugt weder zur Leidens-Ikone noch zur Heroine. Es ist eher die manchmal schwer erträgliche Zwiespältigkeit, die sie auszeichnet. So sei in ihrem Werk eben nicht nur das Aufbegehrende zu finden, sondern auch das sich willfährig fügende Opferlamm, so Grünzweig. Eine Sprache der Ausgrenzung sei ihr eigen gewesen, so Marlene Streeruwitz, weniger durch Reflexion geprägt als durch ein “Fühldenken”, das von der Vergeblichkeit auf Rettung wisse. Das Werk der Christine Lavant Werk ist eine Provokation. Aber gerade deshalb, so schreibt Konstantin Ames, stemmt es sich gegen “Regierbarkeit und Kanonisierbarkeit”. / Angela Gutzeit, DLF

Christine Lavant: Das Kind. Erzählung. Neuausgabe in der Originalhandschrift. Hrsg. Von Klaus Amann. Wallstein Verlag. 88 Seiten, 16,90 Euro.

“Drehe die Herzspindel weiter für mich”. Christine Lavant zum 100. Hrsg. von Klaus Amann, Fabjan Hafner und Doris Moser. Wallstein Verlag. 184 Seiten, 19,90 Euro.

23. Verboten

Neuerlich blockiert der deutsche Suhrkamp Verlag Lesungen und Theaterproduktionen von Werken Thomas Bernhards in Salzburg. Wie Tomas Friedmann, Leiter des Salzburger Literaturhauses, bekannt gab, habe Suhrkamp ohne Angaben von Gründen eine für heute, Donnerstag, geplante Lesung von Schauspieler Franz Froschauer mit Kommentaren von Literaturwissenschaftler Manfred Mittermayer schriftlich untersagt.

Dies habe offenbar Methode, so Friedmann in einer Aussendung: Das Cineteatro von Charly Rabanser in Neukirchen am Großvenediger sowie das Schauspielhaus Salzburg (Produktionsplan “Der Theatermacher” in der Spielzeit 2015/2016) haben Absagen von Suhrkamp bzw. von Nachlassverwalter und Bernhard-Halbbruder Peter Fabjan bekommen. Auch Volksschauspielerin Julia Gschnitzer wurde eine Lesung in Henndorf am Wallersee vor wenigen Monaten untersagt. / Wiener Zeitung

80. Thomas Bernhard Tage

Weitere Vorträge werden sich mit den literarischen und persönlichen Beziehungen zwischen Thomas Bernhard und einigen österreichischen Zeitgenossen beschäftigen. Darunter sind Ingeborg Bachmann, Peter Handke, aber auch Bernhards Förderer Gerhard Fritsch sowie die Lyrikerin Christine Lavant. (…)

Am ersten Abend der Bernhard Tage werden neben Hubert Steppans Vertonungen von Bernhard-Psalmen auch Gedichte Ingeborg Bachmanns und Christine Lavants zu Gehör gebracht. / Metropol news

89. Ultraschall Berlin

Philipp Maintz fasst insgesamt zehn Aphorismen aus Ron Winklers Gedichtsammlung vereinzelt Passanten zu größeren Komplexen zusammen, ohne das Aphoristische, das “Raunen in der Wahrnehmung” der literarischen Vorlage zu verleugnen. Hans-Jürgen von Bose hat sich nach In hora mortis zum zweiten Mal mit der Dichtung des vorwiegend als Dramatiker bekannten und als Dichter immer noch unterschätzten Thomas Bernhard auseinander gesetzt. Walter Zimmermann, der 2014 seinen 65. Geburtstag feiert, verzichtet in Himmeln des Schweizer Autors Felix Philipp Ingold völlig auf Klavierbegleitung und überlässt das deklamatorisch dichte Werk ganz der Sopranistin.

Jan Müller-Wieland
Engel-Lieder (2011)
nach Gedichten von Birgit Müller-Wieland
für Sopran und Klavier

Walter Zimmermann
Himmeln aus Colla Voce (2007)
auf einen Text von Felix Philipp Ingold
für Sopran solo

Philipp Maintz
Septemberalbum (2010)
Lieder für Sopran und Klavier nach Texten von Ron Winkler

Hans-Jürgen von Bose
Bernhard-Zyklus (2006)
Fünf Lieder nach Gedichten von Thomas Bernhard

Claudia Barainsky, Sopran
Axel Bauni, Klavier

Die heutigen Konzerte sendet Deutschlandradio am Samstag, 25.1., ab 19.05 Uhr, im “Themenabend Ultraschall Berlin”.
Kulturradio vom rbb sendet dieses Konzert am Mittwoch, 5.3., 21.04 Uhr.

(http://ultraschallberlin.de/programm/konzerte/radialsystem-v-21-30-uhr/)

42. Und eine von 1966

Zufallsfund (?) von F. K. aus Berlin:

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87. Dorfschreiber

Und dann gibt es natürlich noch die Aufenthaltsstipendien. Über welche die Salzburgerin Bettina Balakà (Salzburger Lyrikpreis, Theodor-Körner-Preis, Alfred-Gesswein-Literaturpreis) in ihrem jüngsten Roman “Kassiopeia” ihren Protagonisten, einen Schriftsteller, in durchaus anmutiger Manier schimpfen lässt. Nicht nur würde, so der in memoriam Thomas Bernhard sudernde Protagonist, mit Substandardauszeichnungen in Substandardwohnungen gelockt werden. Nein, die jeweilige Gemeinde erwarte auch noch vielfältige kulturelle Beiträge des Stipendiaten – als Vorleser, als Volksbildner, als Präsentator seiner selbst, als Protokollant des so überschäumend interessanten Lebens in dem jeweiligen überschäumend interessanten Flecken.

All das, um reale Beispiele zu benennen, in Orten wie Bergen-Enkheim, einem gesichtslosen Vorort des gesichtslosen Frankfurts am Main. Oder in Edenkoben im pfälzischen Nirgendwo. Als “Esslinger Bahnwärter”! Als “Burgschreiber zu Beeskow” (sechs Monate à 750 Euro), lieblich auf halber Strecke zwischen Müllrose und Goyatz im tiefsten Brandenburg gelegen. Als Stadtschreiber in Otterndorf (Einwohnerzahl: 7000) zwischen dem AKW Brunsbüttel und dem desolaten Bremerhaven. Als Krimi-Stadtschreiber im kriminalitätsschütteren Flensburg; oder für drei bis neun (!) Monate auf dem Künstlerhof Schreyahn in Lüchow im Wendland, umgeben von den weltbekannten Orten Lemgow, Lübbow, Waddeweitz und Schnega, der Hof wird analog zur nahen Atommülllagerstätte Gorleben als “Stipendienstätte” angepriesen. Oder als Dorfschreiber in Villgraten/Osttirol. / Alexander Kluy, Wiener Zeitung

(im Artikel auch über andere Preistypen und Preise an sich)

69. Konkurrenz um Bernhard

St. Veit veranstaltet am 12. und 13. Oktober schon den achtzehnten Jahrgang der Thomas-Bernhard-Tage. Im Ort gibt es einen Thomas-Bernhard-Wanderweg. Was sagen Sie zur neuen Konkurrenz in Goldegg?

Der Bernhard hat mit Goldegg wenig zu tun. In späteren Jahren ist er manchmal mit der Stavianicek im Postauto, selten im Taxi – dazu war sie zu sparsam – hinaufgefahren und zurückspaziert. Manchmal ist er auch zum Essen hinauf, aber eine echte Beziehung zu dem Ort hatte er nie.

Ist das dann nicht Trittbrettfahrerei?

Na ja. St. Veit konzentriert sich auf Vorträge über Leben und Werk des Dichters, in Goldegg machen sie jetzt Lesungen. Das war uns zu teuer, ein guter Schauspieler kostet einfach. Außerdem verlangt der Suhrkamp Verlag Tantiemen für eine Lesung – was für mich widersinnig ist. Aber so sind die einfach. Es wird die Frage sein, ob Goldegg das auf Dauer durchhält, ob die Veranstalter genügend Subventionen bekommen. Bei uns haben ein paar Leute aufgeschrieen, aber an und für sich ist nichts dagegen einzuwenden. Den Termin hätte man allerdings besser abstimmen können.

/ FAZ

56. Matrix

2005 erscheint die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix, die der Pop Verlag Ludwigsburg seitdem viermal im Jahr herausbringt. Gegen das Vergessen und das Vergessen des Vergessens lautet das Motto jener ersten Matrix, das man naturgemäß auch als übergreifendes Motto für alle Literatur und Kunst lesen kann. Im Mai 2012 erscheint Matrix, die Zeitschrift für Literatur und Kunst, zum 27. Mal, diesmal, nach Schwerpunktausgaben zu, beispielsweise, Herta Müller in Matrix 18, sorbischer Literatur in Matrix 24 (ediert von Róža Domašcyna) oder Thomas Bernhard in Matrix 25, mit einem Schwerpunkt zu Wjatscheslaw Kuprijanow. …

Friede­rike Mayröckers dieses Jäck­­chen (nämlich) des Vo­gel Greif überragt alle von mir gelesenen Lyriktitel des guten Jahr­gangs 2009 dermaßen, daß der Peter-Huchel-Preis fast schon wieder zu klein ist für die­ses große, lebendige Buch. Ich gehe in diesem Augenblick des Schreibens noch einen Schritt weiter und benenne dieses Jäckchen (näm­lich) des Vogel Greif als das mich am meisten begeisternde unter den von mir zur Kenntnis genommenen Gedicht­büchern im deutschen Sprachraum nach 2000. Bei jeder Ge­legen­heit wiederhole ich gern: Friederike Mayrö­cker (Man müszte wenigs­tens zwei­hundert Jahre alt werden): spätes­tens seit 1999 ein lyri­scher Liebling …

Matrix 28 erscheint Ende Juni 2012. Der Preis der rund 280 Seiten umfassenden Ausgabe (davon sind 255 Seiten dem rund um mehr als ein Dutzend neuer Gedichte von Friederike Mayröcker angelegten atmenden Alphabet, in dem kein Buchstabe ausgelassen wird,  gewidmet) beträgt, man reibe sich ruhig die Augen, es ist kein Druckfehler: 10,00 EUR. Ab sofort freut sich Traian Pop, der Verleger des POP Verlags in Ludwigsburg, auf Vorbestellungen bzw. Interesse an einem Matrix-Abonnement: pop-verlag@gmx.de/ Theo Breuer, Edition Das Labor

104. Com si res – Als ob nichts wäre

Feliu Formosa liest aus seinen Gedichten (katalanisch).

Moderation, Übersetzungen und Lesung der deutschen Texte: Àxel Sanjosé

Montag, den 7. November 2011, um 20 Uhr
Lyrik Kabinett München

Eintritt: €7,- / € 5,-; Mitglieder: freier Eintritt

Feliu Formosa, geb. 1934 in Sabadell, Katalonien, erhielt 2011 den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland: Er übertrug über hundert Theaterstücke, Gedicht- und Essaybände der deutschen Literatur ins Katalanische und Spanische (Goethe, Kleist, Heine, Rilke, Trakl, Wedekind, Musil, Kafka, Th. Mann, K. Valentin, Achternbusch und vor allem Bertolt Brecht und Thomas Bernhard); seine Übersetzungen von Dramen brachte er z.T. als Regisseur und Schauspieler selbst auf die Bühne. Über dieser Vermittlertätigkeit blieb in Deutschland lange übersehen, dass Formosa selbst mit seinen Gedichten und Tagebüchern zu den bedeutendsten Autoren der katalanischen Gegenwartsliteratur zählt und dafür auch zahlreiche renommierte Preise erhielt.

Àxel Sanjosé, geb. 1960 in Barcelona, ist Lyriker, Literaturwissenschaftler und Übersetzer (u.a. von P. Gimferrer); hauptberuflich für das Designbüro KMS tätig; Lehrauftrag am Institut für Komparatistik der LMU. Für das Lyrik Kabinett kuratierte und übersetzte er die katalanische Anthologie: Vier nach (2007) mit Gedichten von E. Casasses, E. Escoffet, A. Pons und V. Sunyol.

COM SI RES

I anar-te fent a la idea
Del no-res
Tot des-
Sacralitzant-la

I descobrir que no es tracta
Sinó d’habituar-se
A la pròpia solitud

I així cada vegada
Desvetllar més el gaudi
De l’instant

I sempre retornar
Als records i al combat
Com si res
Com si tot

Als ob nichts wäre

Und dich langsam mit der Vorstellung
Des Nichts anfreunden,
Indem du sie ent-
Heiligst

Und entdecken, dass es um weiter nichts geht,
Als sich an die eigene Einsamkeit
Zu gewöhnen

Und so jedesmal

Den Genuss des Augenblicks
Weiter wecken

Und immer zurückkehren
Zu den Erinnerungen und zum Kampf
Als ob nichts wäre
Als ob alles wäre

Feliu Formosa, übertragen von Àxel Sanjosé

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