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67. Theo Breuer

Hellmuth Opitz schreibt auf Fixpoetry über den Essayisten

Es sind wertvolle Bestandsaufnahmen, die nicht nur die Beletage der feuilletongeherzten und preisgekrönten Dichter und Dichterinnen im Auge haben, sondern vor allem den „lyrischen Mittelstand“ (nicht zu verwechseln mit Mittelmaß!) mit seinen versteckten und unterschätzten Qualitäten kenntnisreich beleuchten. Breuer lässt sich dabei gar nicht erst auf Grabenkämpfe zwischen Lyrik-Realos und –Fundis ein, die in letzter Zeit wieder aufgeflammt sind. Bei aller Klarheit seines kritischen Urteils kennzeichnet diese Essays darüber hinaus eine bemerkenswerte Fairness und Akzeptanz der lyrischen Vielstimmigkeit.

und den Lyriker

Breuer versteht seine Gedichte als Durchlauferhitzer für  lyrische Einflüsse und sich selbst als Jongleur und Equilibrist, der sein Sprachmaterial spielerisch und mit hoher Artistik durch die Luft wirbelt. Währenddessen ein Nicken und Grüßen nach allen Seiten. Selbst das Nachwort zerfällt in stilistisch unterschiedliche Teile, wobei der erste Part den assoziativen Flow sehr verkrampft vorführt. Vielleicht passt ein anderes Bild besser zu Breuer: Er ist ein ungeheuer kenntnisreicher Anreger und Vermittler, seine Gedichte haben indes keinen Ort, es sind kommunizierende Röhren zwischen Anverwandlungen, Zitaten und lyrischen Stilen. Es fehlt ihnen ein Kern: eine eigene poetische Stimme. Nicht dass er sie nicht hätte, er scheint nur seinen Auftrag anders zu verstehen. Dennoch bietet „Das gewonnene Alphabet“ eine hoch spannende Leseerfahrung: Man erlebt 121 Seiten Sprachlust und Experimentierfreude, man erlebt aber auch, wie irritierend es sein kann, wenn der Kenner dem Könner permanent ins Handwerk pfuscht.

 

Theo Breuer: Das gewonnene Alphabet 121 Seiten, 12,- EUR ISBN 978-3-86356-039-3. Pop Verlag, Ludwigsburg 2012

40. Unbehaust

Mit dem Namen uräus-Handpresse verbinde ich in erster Linie die Künstlerbuch-Almanache, die Verleger und Drucker Hans-Ulrich Prautzsch in den 1990er Jahren herausgegeben hat. Der bislang letzte Band der Reihe, Brecht gewidmet, wird an anderer Stelle in diesem Buch kurz vorgestellt. Das Gedichtbeispiel, das ich aus dem Brecht-Almanach ausgewählt habe, stammt von A. J. Weigoni, dessen poetisches Künstlerbuch Unbehaust (inkl. CD) 2003 in der uräus-Handpresse Halle/Saale erschien. Vorzüglich bereits das Vorwort von Holger Benkel, das einen guten Eindruck dessen vermittelt, was Sie in Unbehaust erwartet:

Praktisch alle literarischen Techniken dieses Buches, die aphoristische Struktur, der gestische Duktus, die ironischen Untertöne, die Unterwanderung vorgeprägter Sprache, die umgedeuteten Sprichwörter, die filmischen Momentaufnahmen dienen auch einem intellektuellen und dabei häufig parodistischen Spiel. Indem Weigoni Postulaten, die ihm abstrakt erscheinen, Mythen, Moralvorgaben, Utopien, mißtraut, zugleich aber den Mangel an ideell Gelebtem in vorgefundener Wirklichkeit konstatiert, verweist er auf ein Grundproblem postmoderner Intellektualität. Sarkasmus und Ironie sind so auch ein Refugium gegen totale Ernüchterung, obwohl oder weil manche Stellen dem kaltgenauen Blick eines Heiner Müller oder Ernst Jünger nahekommen.

Einschließlich der schwarzrotweißen Holzschnitte von Haimo Hieronymus, die intensiv ins Auge drängen, ist Unbehaust ein geglücktes Buch, das ich mit hochgezogenen Augenbrauen lese. So schreibt kein anderer im deutschen Sprachraum. Darüber hinaus: Ein bleigesetztes und handgedrucktes Künstlerbuch zu lesen ist ein Anachronismus, für den ich dankbar bin. Weigonis Gedichte erhalten ihre Spannkraft bis zum Ende. / Theo Breuer, KuNo

Unbehaust ist vergriffen wurde wiederveröffentlicht in: A. J. Weigoni, Parlondos, Langgedichte und Zyklen, Edition Das Labor, Bad Mülheim 2013.

Weigonis Essay VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie ist bei Vordenker zu lesen.

1. Auf ein Neues

… von beat pop zum äthe­ri­schen gedicht von verlegenheitsversen zu gele­gen­heitsge­dichten von sonnen­strahl und thun­derstorm zu schnee­gestö­ber von kinovativer sp∙r∙a∙c∙h∙­sch∙r∙öp­f∙ung zu kongenia­ler nach­empfin­dung hommage remix und anverwandlung vom poesie aller länder und zeiten in die zange nehmenden gedicht des poeta doctus zum naiven no­tat des art-brut-tex­ters von der chiff­rierten zur intertextuel­len ver­flechtung von der notgebore­nen atta­cke zur müßigen be­sin­nung von allego­rie met­ony­mie em­blem und symbol zu salopplyrik ohne ›wenn‹ und ›aber‹ vom absurd anmutenden oxymoron zum grotes­k eifernden paradoxon vom narbenfrohen non­sens zum warz­weißen tief­sinn from poems with to poems without punchline von sehr naturrei­ner krautpoesie über schwer metaly­rische gedichtge­dichte zum mehr tiktak­tisch klugen lehr­ge­dicht von poets’ poetry zum gedicht für jeder­mann von stil­len um eine meta­pher bloß ranken­den versen zur schrillen hekti­schwil­den übern ganzen blattraum und weit dar­über hin­aus sich winden­den mon­tage oder endloszeile vom stak­kato zum ge­schmeidi­gen vom surre­alen purzel­baum über disso­nanz und lautlyrik zur magi­schen volks­liedstro­phe­ von der urba­nen häuser­zeile bis zur rustika­len zeitge­mäß frag­men­tier­ten bezie­hungs­weise fremdelnden sumpf­dotter­blume im schneegestöber 2010 // der ›dichter‹ liegt vor hitze stockt der mut / in heißen lüften ist kein wort dabei / die zeit der großen verse ist vorbei / und in den brüsten seh ich geizt die glut // der wurm ist nah hier hilft wohl bloß noch ducken / und sich mit schicken kämmen zu bestücken / die feisten schrei­ber gehen schon an krucken / die dreisten leser wollen sich ver­drücken

Aus:

B∙U∙C∙H∙S∙T∙A∙B∙E∙E∙T

31. Dezember 2012

Von 

Gedichte im deutschen Sprachraum 2012 • Ein listenreicher Glückblick

(KuNo)

100. L-e-s-e-n

(…) und die luftige (lustige) pa­ragrammatische Assoziation feiert fröhliche Urständ auch in der Lyrik nach 2000: In, beispielsweise, Mi­kael Vogels Mas­senhaft Tierelaufen mir nicht bloß Leeren und Lehren der Straßen übern Steg, und dermaßen durch­drungen lese ich, eyes wide as saucers, nein, kein Scherz (eher schon: Merz), auf dem buchstabenblutenden Beipackzettel von Sal­buBronch: Zur Er­heiterung der Bron­chien, und, suchstäblich gleichsam, anti­thetisch · brachylo­gisch ∙ chi­as­misch ∙ dysphe­mis­misch ∙ elliptisch ∙ flos­kel­haft ∙ geminatio­nisch · hy­perbolisch · ironisch · ka­tachre­tisch · lautmalerisch ∙ meta­pho­risch ∙ neolo­gisch ∙ oxy­moro­nisch ∙ paro­nomatisch ∙ quirilierend ∙ repe­tito­risch ∙ syn­ästhe­tisch ∙ teoda­daistisch ∙ unter­trei­bend ∙ vulgär · wortspie­lerisch · xylopho­nisch ∙ yid­disch ∙ zy­nisch geht es zu in den all­tägli­chen Al­phabe­ten von Fabri­kan­ten, Fein­den, Fremden, Freunden, Ver­wandten, Versver­fassern,der schat­ten des dichters schreibt die sonnenzeit (Claus Bremer), daß mir, ja, in der Tat, Hören und jetzt / jetzt jetzt jetzt (beim Lesen von Helmut Heißen­büttelsTopographien) auch Se­hen verge­hen, beispielsweise so bei Oskar Pastior: flunder plunder zan­der schinder – ›usw.‹

An einem Tag im Mai des Jahres 2012 lese ich in einer E-Mail von Axel Kutsch Gotthold Eph­raim Lessings Begehr Wir wollen fleißiger gelesen sein. An diesem heftigen Verlangen hat sich wahr­scheinlich wenig bloß geän­dert seit jener ›guten alten Zeit‹ (die sicherlich alles andre, bloß das nicht war, nicht wahr?). In Mas­sen werden Bücher gedruckt, in Horden Auto­ren in den Himmel gehoben, aber werden sie auch gelesen? (Muß man sie alle lesen, und wollen sie alle gelesen sein?) »Ja, das weiß man nicht«, seufzt Kraus – vielsagend wie eh und je. Mich mit dieser sibyllini­schen Bemerkung keinesfalls abfinden wollend, blättre ich ein bißchen in Bü­chern und werde schnell fündig – bei Friederike Mayröcker, die ich im­mer lesen will: Ich möchte einfach, daß Leute meine Bücher l-e-s-e-n. – Und zwar Leser, die etwas mit meinen Texten machen, die mich in irgendeiner Weise kennen­lernen und damit wahr­scheinlich auch sich selber besser kennenlernen. / Theo Breuer, KuNo

126. Jeder Tag ein Gedicht

Der deutsche Lyrikkalender 2013 · Jeder Tag ein Gedicht  – lange drauf gewartet, aber jetzt ist er ja da – und zwar in der nunmehr 9. Ausgabe mit 365 Gedichten von mehr als 300 Autoren. Shafiq Naz, der Herausgeber, garantiert, wie in jeder Ausgabe, eine reichhaltige Auswahl klassischer, moderner und zeitgenössischer Gedichte unterschiedlichster Epochen, Stilrichtungen und Stimmen: Gedichte zum Lachen, Gedichte zum Weinen, Gedichte zum Reflektieren und Diskutieren. Erstmals sind zahlreiche Gedichte mit Kommentaren zeitgenössischer Autoren versehen, was dem Kalender zusätzliche Lebendigkeit verleiht.

Der deutsche Lyrikkalender · Jeder Tag ein Gedicht · mit Gedichten von ABRAHAM A SANCTA CLARA (1644-1709) WILLI ACHTEN (1958) HANS ADLER (1880-1957) WOLF VON AICHELBURG (1912-1994) ANDREAS ALTMANN (1963) MICHAEL ARENZ (1954) MICHAEL AUGUSTIN (1953) ROSE AUSLÄNDER (1901-1988) KURT BARTSCH (1937-2010) INGEBORG BACHMANN (1926-1973) WOLFGANG BÄCHLER (1925-2007) KERSTIN BECKER (1969) FRANZ JOACHIM BEHNISCH (1920-1983) ULRICH JOHANNES BEIL (1957) HANS BENDER (1919) GOTTFRIED BENN (1886-1956) EVA-MARIA BERG (1949) ULRICH BERGMANN (1945) JÖRG BERNIG (1964) BEPPO BEYERL (1955) WOLF BIERMANN (1936) RUDOLF GEORG BINDING (1867-1938) HORST BINGEL (1933-2008) NICO BLEUTGE (1972) PAUL BOLDT (1885-1921) JOHANNES BOBROWSKI (1917-1965) MIRKO BONNÉ (1965) ELISABETH BORCHERS (1926) WOLFGANG BORCHERT (1921-1947) NICOLAS BORN (1937-1979) IRÈNE BOURQUIN (1950) BERTOLT BRECHT (1898-1956) MARKUS BREIDENICH (1972) CLEMENS BRENTANO (1778-1842) THEO BREUER (1956) ROLF DIETER BRINKMANN (1940-1975) JÜRGEN BRÔCAN (1965) BARTHOLD HEINRICH BROCKES (1680-1747) ELIZABETH BARRETT BROWNING (1806-1861) HELWIG BRUNNER (1967) WERNER BUCHER (1938) JOSEPH BUHL (1948) WILHELM BUSCH (1832-1908) CHRISTINE BUSTA (1915-1987) GEORG BYDLINSKI (1956) PAUL CELAN (1920-1970) ADELBERT VON CHAMISSO (1781-1838) MANFRED CHOBOT (1947) KARL OTTO CONRADY ( (1926) ANN COTTEN (1982) CRAUSS. (1971) KLAUS PETER DENCKER (1941) FRITZ DEPPERT (1932) STEFAN DÖRING (1954) DOMINIK DOMBROWSKI (1964) HILDE DOMIN (1909-2006) NIKOLAUS DOMINIK (1951) JUTTA DORNHEIM (1936) ULRIKE DRAESNER (1962) ALEX DREPPEC (1968) ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF (1797-1848) CLEMENS EICH (1954-1998) GÜNTER EICH (1907-1972) JOSEPH VON EICHENDORFF (1788-1857) FRIEDRICH EISENLOHR (1889-1954) CARL-CHRISTIAN ELZE (1974) PETER ENGEL (1940) HANS MAGNUS ENZENSBERGER (1929) MANFRED ENZENSPERGER (1952) ELKE ERB (1938) PETER ETTL (1954) KARL ETTLINGER (1882-1939) JOLANDA FÄH (1956) TOBIAS FALBERG (1976) BRIGITTE FALKNER (1959) GERALD FIEBIG (1973) CHRISTIAN FILIPS (1981) JULIETTA FIX (1957) PAUL FLEMING (1609-1640) THEODOR FONTANE (1819-1898) ERICH FRIED (1921-1988) WALTER HELMUT FRITZ (1929-2010) BRIGITTE FUCHS (1951) GÜNTER BRUNO FUCHS (1928-1977) CLAUDIA GABLER (1970) SILKE GALLA (1974) MARJANA GAPONENKO (1981) PETER GEHRISCH (1942) SYLVIA GEIST (1963) MARA GENSCHEL (1982) STEFAN GEORGE (1868-1933) ROBERT GERNHARDT (1937-2006) ERIC GIEBEL (1965) JOHANN WILHELM LUDWIG GLEIM (1719-1803) MATTHIAS GÖRITZ (1969) JOHANN WOLFGANG GOETHE (1749-1832) YVAN GOLL (1891-1950) EUGEN GOMRINGER (1925) NORA GOMRINGER (1980) DIETER M. GRÄF (1960) GÜNTER GRASS (1927) UWE GRESSMANN (1933-1969) FRANZ GRILLPARZER (1791-1872) KLAUS GROTH (1819-1899) DURS GRÜNBEIN (1962) ANDREAS GRYPHIUS (1616-1664) KAROLINE VON GÜNDERRODE (1780-1806) JOHANN CHRISTIAN GÜNTHER (1695-1723) HANNS VON GUMPPENBERG (1866-1928) ALEXANDER GUMZ (1974) HANS GYSI (1953) HAFIS (1320-1389) LIVINGSTONE HAHN  * ULLA HAHN (1946) JÜRG HALTER (1980) DIETER HANS (1952) CAROLINE HARTGE (1966) HARALD HARTUNG (1932) JOHANN PETER HEBEL (1760-1826) MARTINA HEFTER (1965) MORITZ HEIMANN (1868-1925) HEINRICH HEINE (1797-1856) HANS-JÜRGEN HEISE (1930) HELMUT HEISSENBÜTTEL (1921-1996) GUY HELMINGER (1963) KERSTIN HENSEL (1961) HERMANN HESSE (1877-1962) STEFAN HEUER (1971) GEORG HEYM (1887-1912) ALFRED WALTER HEYMEL (1878-1914) FRANZ HODJAK (1944) FRIEDRICH HÖLDERLIN (1770-1843) HEINRICH HOFFMANN VON FALLERSLEBEN (1798-1874) CHRISTIAN HOFMANN VON HOFMANNSWALDAU (1616-1679) HUGO VON HOFMANNSTHAL (1874-1929) ARNO HOLZ (1863-1929) PETER HUCHEL (1903-1981) MICHAEL HÜTTENBERGER (1955) NORBERT HUMMELT (1962) KLÁRA HURKOVÁ (1962) MAX HUWYLER (1931) HENDRIK JACKSON (1971) ERNST JANDL (1925-2000) ANGELIKA JANZ (1952) GERALD JATZEK (1956) MATHIAS JESCHKE (1963) ERICH JOOSS (1946)

Die zweite Hälfte dieser dankenswerterweise von Theo Breuer zusammengestellten Liste lesen Sie bei KUNO.

32. Autohitparade (mit Lyrikwoche)

  • Platz 1 (-): Cyrus Console – Brief Under Water
  • Platz 2  (-): Dichten= #10 – 16 new (to American readers) German poets
  • Platz 3 (-): Subaru Libero
  • Platz 4 (-): Spenerbote November 2012
  • Platz 5 (-): N.N. – PHANTOMERICA
  • Platz 6 (-): Theo Breuer – Das gewonnene Alphabet
  • Platz 7 (-): Max Czollek – Druckkammern
  • Platz 8 (-): Citroen Berlingo
  • Platz 9 (-): Oskar Pastior – Modeheft des Oskar Pastior
  • Platz 10 (-): Peugeot Partner
  • Platz 11 (-): Matthias Weischer – Der Garten
  • Platz 12 (-): Michael Bond – Paddington Goes to Town

Hier

25. Das gewonnene Alphabet

Theo Breuer weiß, daß die Verwendung vertrauter Vorlagen keineswegs das Gelingen sichert. Er hat die Lyrik nie mit dem bloß Schönen verwechselt. Das ›Ästhetische‹ hängt in den von ihm gemachten Versen eng mit dem Außergewöhnlichen, Unerhörten, Unwahrscheinlichen zusammen. Schauder, Schock und Schrecken sind wiederkehrende (auf den ersten Blick unauffällige) Begleiterscheinungen, die im Kosmos der Gedichte als zwischen sterbendem Eros und werbendem Thanatos, melancholischem Froh- und satirischem Schwermut schwingende Bilder wahrnehmbar werden: der wurm ist nah hier hilft wohl bloß noch ducken. Gleichsam auf doppelbödiger Wendeltreppe steigt Breuer tief und tiefer in die stolperfelder der Sprache, entdeckt immer neue Einschiebungen und Muster im Innern der Muster. Flankiert von poetischen Zitaten und angereichert mit  Allusionen / Echos / Einsprengseln, scheint es, als läsen wir hier Palimpseste, jede Seite vielfach beschrieben. Der Inhalt ist codiert, die Sprache ein dichter Brombeerverhau. / Matthias Hagedorn, KuNo

Theo Breuer, Das gewonnene Alphabet, 89 Gedichte von A bis Z ∙ Glossar ∙ Essay, 121 Seiten, Pop Verlag, Ludwigsburg 2012.

88. Hans Bender

Während des gut halbstündigen Gesprächs erzählt Bender, wie er 1968 mit Friede­rike Mayrö­cker und Ernst Jandl im Kölner Café Rei­chert sitzt und durchs Fenster Paul Celan vorbei­hetzen sieht, der ihm im Brief vom 18. Mai 1960 schreibt: Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte. Ich sehe kei­nen prinzipiellen Unter­schied zwischen Händedruck und Gedicht. Benders Arbeit als Ak­zente-Herausgeber kommt zur Sprache. 1965 bringt er, beispiels­weise, erstmals Ge­dichte von Friederike May­röcker… / Theo Breuer schreibt über Hans Bender, KuNo

3. “Ich weiß von der ersten Zeile”

Natürlich packe ich das Buch rasch aus, erfreue mich sogleich an der Gestal­tung, wiege es in der Hand, in der das leinen­gebundene Werk trotz seines Umfangs angenehm leicht liegt, und lese unverzüglich die ersten Seiten, die sogleich eine Über­raschung darstellen. Das erste Wort: Bekenntnisse. Und tatsächlich, die spontane Vermutung trifft zu: Hier stehen neue Übertragun­gen der Confessiones des Augusti­nus, dessen eine – eingebrannt wie ein Tattoo – mich lebenslang be­gleitet, seit ich sie von frühester Kindheit an während jeder Messe vom katholischen Dorfpfarrer in Bürvenich gesprochen hörte: Un­ruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir, o Herr. / Inquietum est cor nostrum, donec re­quiescat in te, Domine, unpaginiert und im Wechsel mit ringförmigen Zeichnungen des Autors über ein Dutzend Seiten das voluminöse Buch einleitend – und mit einer Sei­te Boethius am Ende das über 700 Seiten starke, auf vier Säulen – Zeichnung, Übertragung, Blocksatz-Ge­dicht in lyri­scher Prosa, die von vielen Vierzeilern (in nihilum album finden sich 3.650 von die­sen Ameisengedichten) eingerahmt werden, die am Ende von Kapiteln die Herrschaft über eine ganze Seite übernehmen – stehende Werk beschließend. (…)

In einer späten Septembernacht beginne ich die Lektüre. Im Nu spüre ich die Wörter in der Brust pochen (geht das überhaupt?), fühle einen pulsierenden Druck, und ich sage nach einigen Seiten laut vor mich hin: Wahnsinn, das ist der helle Wahn­sinn, und lese weiter und weiter und weiter. Ich weiß von der ersten Zeile (Es ist wahr: ich bin stark, ich habe Lunge und Arm, und ich atme), vom ersten Vierzeiler an: Das ist mein Buch, das ist ein Buch zum Mit-Haut-und-Haar-Verspeisen, zum Lesen, bis mir die Au­gen über­laufen von Wörtern und Bildern und

Halb stemmt eine dritte Figur auf ihren himmel­hin erhobenen Sohlen im Korb eine Maulbeere herauf, die Frucht vom Strauch der Raupe, in deren Puppe sich kein Leib verhüllt: bis er zur unsichtbaren Insassin der Schemen mehr inne­hat als ihren Schatten. Der Kirschkernbeißer, ein Unholdvogel, als hornbeschnäbelter Zerschrot­ter dürrster Samen und durch die heftig ankei­fenden Spuckkerne seines Lockrufs: Zick, zick, zieh! Bringt Ingrimm und Stimmen in Syzygie

/ Theo Breuer, KuNo

  • Oswald Egger, Die ganze Zeit, 741 Seiten, Leinen, Lesebändchen, Suhrkamp, Berlin 2010.
  • Oswald Egger, nihilum albumLieder & Gedichte, 150 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
  • Oswald Egger, Tag und Nacht sind zwei JahreKalendergedichte, 36 Seiten, handfadenge­bundene Broschur, Verlag Ulrich Keicher, Leonberg 2007.

118. Vielfalt und Aufklärung

Ohne die Lyrikanthologien von Axel Kutsch wäre das literarische Leben im deutschen Sprachraum deutlich ärmer. Lyrik erreicht seit jeher ihre Leser vorzugsweise über Sammelbände, und immer wieder leisten diese zusätzlich Erweckungsdienste für junge Autorinnen und Autoren, die hier Vorbild und Meister entdecken und hoffentlich auch die Erkenntnis, daß fast noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Lyrik ist nie homogen, resultiert sie doch aus zahllosen Stimmen und Stilen, die hier eine Reihe von Berührungspunkte aufweisen, dort aber auch kaum eine Ähnlichkeit aufweisen. Den 50.000 ernsthaft um eigene Lyrik bemühten Autoren stehen vielleicht 500 Lesern gegenüber, die Lyrikbände käuflich erwerben – und zwar jeweils nur den besten eines Jahrgangs. Gottfried Benn hat behauptet, von seinen Einnahmen aus der Lyrik habe er die Kosten für seine Zündhölzer bestritten. Um Geld kann es also nicht gehen.

Die Stimmenvielfalt in »Versnetze_eins« bis »Versnetze_fünf« erscheint wichtiger als die Auslese. (…)

Die gegenwärtige deutschsprachige Lyrik ist von einer ungeahnten Produktivität und Vielfalt. In den letzten Jahren haben sich unzählige neue Stimmen gemeldet – mit sehr unterschiedlichen Ansätzen und nicht selten in einer intensiven Auseinandersetzung mit der lyrischen Überlieferung.In den Traditionslinien, die Axel Kutsch in »Versnetze_eins« bis »Versnetze_fünf« aufzeigt, geht es um die Rückkehr zur Aufklärung.  Axel Kutsch stimmt dem zu, aber nicht zu derselben Art von Aufklärungsliteratur. Einfach mit Aufklärung oder Klassik weiterzumachen geht gerade dann nicht, wenn man besonders stark damit sympathisiert. Das ist ein großer Gedanke Ezra Pounds: »Um etwas wieder zu tun, muß ich es neu machen. « / Matthias Hagedorn, Fixpoetry

Bücherliste

  • Axel Kutsch (Hrg.): »Versnetze_eins« bis »Versnetze_fünf«Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2008 – 2012.
  • Axel Kutsch, Fegefeuer, Flamme sieben, edition bauwagen, Itzehoe 2005.
  • Axel Kutsch, Stille Nacht nur bis acht, Silver Horse Edition, Marklkofen 2006.
  • Theo Breuer, Wortlos und andere Gedichte, Silver Horse Edition 2009.
  • Wolf Doleys, Enfant perdu, Edition Lichtenberg, Odenthal 1995.
  • Holger Benkel, meißelbrut und andere gedichte, Ziethen–Verlag, Oschersleben  2009.
  • Peter Engstler, Strophen eins, Medien Streu, Ostheim/Rhön 2009.
  • Peter Ettl, Inseln – Isole, Silver horse Edition, Marklkofen 2009.
  • Andreas Heidtmann (Hg.), Poet, 9. Ausgabe, Poetenladen, Leipzig 2010.
  • Matthias Kehle, Fundus, Silver Horse Edition, Marklkofen 2009.
  • Shafiq Naz (Hg), Der deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht, alhambra publishing, B-Bertem 2012.
  • Stephanie Neuhaus, Schattenfluss, Edition Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2009.
  • Francisca Ricinski, Zug ohne Räder / Trenul fara roti, lyrische Prosa, rumänisch und deutsch, Nachwort von Theo Breuer, Editura Fundatiei Culturale Poezia, Iasi/Rumänien 2008.
  • A. J. Weigoni, Dichterloh, LYRIKEDITION 2000, München 2005.
  • A. J. Weigoni, Gedichte, Doppel–CD, Tonstudio an der Ruhr, Mülheim an der Ruhr 2008.