Getagged: Stefan Mesch

110. Neuer Wort Schatz 2

Die immer wieder aufflackernden Minidebatten über neue Lyrik in diversen Print- und Internetorganen (wie im August über Gerhard Falkners Jackson- und gerade eben über Meschs Poetenladenschelte) erzeugen so regelmäßig wie rasch Überdruß. Manche monieren da ganz zu recht, statt über “die Lyrik” solle man doch lieber über einzelne Gedichte sprechen. Warum geschieht es so selten? Und: Welche verschiedenen Arten gibt es, über einzelne Gedichte zu reden? Untersuchungsmaterial bieten mehrere neuere Anthologien, die Gedichte mit Selbstkommentaren der Dichter versehen (jüngst “Laute Verse” von Thomas Geiger und “An Deutschland gedacht” von Axel Kutsch), und andererseits Gedichte mit Fremdkommentaren wie soeben “Der gelbe Akrobat” von Braun/Buselmeier. Das ist nicht neu (“Klassiker” der Gattung in der neueren deutschen Lyrik waren Hans Benders “Mein Gedicht ist mein Messer” und Hilde Domins “Doppelinterpretationen”), aber es könnte doch weiterführen als das Gezwitscher so mancher aufgeregten Debatte, die meist kaum über literatursoziologischen Wert hinauskommen.

Einen hervorragenden Beobachtungsplatz für Sprechweisen neuer Lyrik bot letztes Jahr das Hamburger* “Titel”-Magazin mit der Reihe “Neuer Wort Schatz“.  Jetzt begann eine neue Staffel der wunderbaren Serie:

Gedichte mit Neugier und Genuss zu lesen – das ist das Ziel der Reihe Neuer Wort Schatz II, die jede Woche einen zeitgenössischen Text vorstellt. Zusammengestellt wird sie von Gisela Trahms und Daniel Graf.

Heute:

Christian Filips
Zur Strafe: jetzt ein paar Stunden irrwitzige Übernahmen an die Wand malen

Vorgestellt von Angela Sanmann. Auszug:

In dem über die ersten zweieinhalb Strophen sich entfaltenden Bildkomplex zeigt ein unbeteiligt, ja spöttisch wirkender Sprecher an den kurzzeitig „vom Staatsgeld am Leben erhaltene[n] /Sterne[n]“ die Vergeblichkeit politischer Interventionen auf. Die Gestirne stürzen und müssen stürzen (scheint hier nicht auch Hyperions Schicksalslied durch?), da die sie umgebenden Konstellationen schon lange aus den Fugen geraten sind. In das Protokoll des fortschreitenden Zusammenbruchs mogeln sich die falschen Versprechen der Manager hinein: Die künstlich betriebenen Sterne am Himmel der freien Marktwirtschaft werden, so heißt es, das All erleuchten, „wie kein Auge je gesehen“. Eignen sich die Manager hier den prophetischen Ton der Verkündigung Jesajas von Gottes Einzigartigkeit an („Was kein Auge je gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben“), so entlarven sie damit ihre eigene prätentiöse Unbelehrbarkeit, die die Krise überhaupt erst ausgelöst hat.

*) Ja, Hamburger: nicht wie ich in einem Schnellschuß schrieb, österreichische. Bei meiner Wertung bleibe ich dennoch: “Überhaupt ist Österreichs Lyrikszene – Südtirol miteingeschlossen –  gründlicher und unideologischer als die des großen Kleindeutschland, ich vermute: weil der Betrieb nordseits der Alpen näher an Macht- und Verteilungskämpfen hängt als in dem kleineren und auch staatsseits besser alimentierten des kleineren Nachbarn.” (Denn das sollte ja nicht heißen, daß es in Deutschland nicht wirkliche Enthusiasten und wunderbare Poesieoasen gibt.)

Jan Karsten schreibt:

Lieber Michael Gratz, ich möchte mich sehr für die Vorstellung der zweiten Staffel des NWS bedanken, die uns natürlich gerade vor dem Hintergrund des seltsamen Zeit-Artikels viel Wert ist.
Ganz schüchtern – und bei aller Zustimmung zu Ihrer Einschätzung der österreichischen Lyrik-Szene – möchte ich aber darauf hinweisen, dass “Titel” ein deutschstämmiges Magazin ist (mit Publikationsort Hamburg).
Herzliche Grüße von der Elbe
Jan Karsten

100. Schall der Debatte

Gerrit Wustmann über das aktuelle “Poetenladen-Debättchen”:

Stefan Mesch streift durch die Lyrik im Onlinezeitalter, die eben dieses Gemisch aus Dichtung und Diskussion präsentiert, das vielleicht manchen Leser abschreckt. Da mosert Mesch, zugegeben nicht zu Unrecht, darüber, dass die Benutzerführung des Poetenladens suboptimal ist. Ja, und was bringt uns das? Richtig, schon wieder nichts. Und der durchschnittliche Zeitleser hat noch weniger davon, denn anstatt zum lyrischen Stöbern und Entdecken wird er eher dazu angeregt, angesichts des Gemäkels Abstand zu wahren. Iris Radisch hat das Publikum im Sommer 2007 schon mit einem selten unnkenntnisgeladenen Artikel davon abgehalten, Zugang zur Lyrik zu finden. Man hätte meinen sollen, dass einer, der aus der Szene kommt, es besser macht. Er hätte ja stattdessen über Lyrik schreiben und ein paar der wirklich herausragenden jungen Talente vorstellen können. Aber der Schall der Debatte scheint ihm wichtiger zu sein.

Und über “Bella triste”:

Damals hatte diese kleine aber beachtliche Redaktion erstmals in den überregionalen Feuilletons auf sich aufmerksam gemacht, als sie eine wirklich hervorragende Ausgabe mit Schwerpunkt Lyrik und Lyrikdebatte herausgab. Was so hoffnungsvoll begann wurde zu eben jenem lahmen Tanz um die eigene Achse. Selbst das wäre verzeihbar, würde der Truppe nicht inzwischen etwas Elitäres anhaften (ich lasse meinen Eindruck, sollte ich mich irren, gerne korrigieren). Das spürt man daran, dass es in der „Community“ inzwischen zwei Debattenlager gibt: Das „offene“ und das „Bellalager“, das sich weitestgehend auf Autoren aus dem Dunstkreis der Hildesheimer beschränkt. Dieses Lager debattiert nicht „mit den Anderen“, sondern allerhöchstens über sie, eine Haltung, die auch in Meschs heutigen Einwurf spürbar ist. Man kann sich nichtmal drüber ärgern – nur wundern. Bis heute lese ich die Bella gerne, aber sie ist im Vergleich mit anderen „jungen“ Literaturzeitschriften nichts Besonderes. Man kann darin großartige Entdeckungen machen (bezogen auf Lyrik und Prosa), man findet aber auch vieles, das mit Wasser gekocht ist.

/ Neue Rheinische Zeitung 19.9.

Zur Debatte siehe die Leserkommentare bei der Zeit und hier

Beim Poetenladen lese ich:

Der urspüngliche Zeit-Text von Stefan Mesch wurde aufgrund der Kritik geändert: Die Wendung „blöd versteckt“ musste Stefan Mesch streichen.

94. Selbsttor eines Dorfkickers

Kommentar von Axel Kutsch

Wir Älteren erinnern uns noch gerne an die Selbsttore von Franz Beckenbauer. So elegant hat vor und nach ihm kein anderer Fußballspieler den eigenen Keeper überlistet. Für uns Zuschauer war es die reine Augenweide, ein ästhetisches Vergnügen, ein Fest der Sinne.

Beim großen Franz hatte das Selbsttor Kultur. Bei Stefan Mesch, einem Mann der Kultur, der nun auch in der ZEIT ein Spielfeld gefunden hat, verkommt es zur bloßen Lachnummer – wie bei kuriosen Eigentoren auf holprigen dörflichen Sportplätzen.

In einem oberflächlichen Erguß über Lyrik im Netz (und anderswo), den er unter dem Titel “Wo Poeten laut werden” in jener nicht vor Poesiekenntnissen strotzenden Wochenzeitung absondern durfte, holt er an einer Stelle kräftig zum Tritt gegen den Poetenladen aus, dessen professionelle Website vor allem in der Lyrikszene hohen Stellenwert genießt. Der “unübersichtliche und egalitäre Poetenladen” verstecke Perlen blöd zwischen krauser Literaturkritik und Amateurtexten, konstatiert unser Dorfkicker voller Elan.

Allerdings geht dieser Tritt nach hinten los, hatte er sich doch vor vier Jahren vergeblich um eine Aufnahme in diesen nun von ihm geschmähten Poetenladen bemüht, die damals von der Redaktion aus qualitativen Gründen abgelehnt wurde.

War es Frust? War’s gekränkte Eitelkeit? Jedenfalls ist selten ein plumperes Selbsttor geschossen worden – nicht einmal auf holprigen Dorfplätzen, aber dafür in einer Zeitung, deren Ansehen trotz gewisser Defizite im Bereich der Poesie nach wie vor beträchtlich ist.

Was Franz Beckenbauer wohl dazu sagen würde? Aber fragen wir ihn lieber nicht.

1. cut: Mara Genschel

Die Betrachtung der Dinge in Endlosschleife

Ein ganzer Wald aus Mädchen, ein Dickicht [undurchschaubar], sogar nackt. || Mein Blick geht von einem schräg gestellten Schreibtisch schräg durch zwei Fenstertüren in einen Ausschnitt Grün und Himmel. || Akustisch ist im Hinterhof alles präsent: Alle Fenster sind durchweg geöffnet. Das Prinzip Schacht schwemmt diverse, zum Teil dramatische Äußerungen und Vorgänge nach oben. Streit, Musikgeschmäcker, das „Erotikcafé“. Dazwischen vermitteln Vögel. || Wie viel Sinn macht eine Unterscheidung zwischen temporären Impuls-Lieferanten und immerwährenden Lieben? Zanzotto, Egger, Hoffmannswaldau versus Cummings, Mayröcker, Mallarmé? || Man muss erst lernen, vor dem Einfluss nicht in Angststarre zu verfallen. || Im Respekt vor der Notiz gelingt es mir tatsächlich, mich halbwegs zu organisieren: Ein kleines, „blumiges“ Notizbuch für unterwegs, ein weiteres kleines, nur für Zeichnungen, ein großes für unterwegs mit viel Fremdmaterial im Umschlag, eins, um Sätze und Passagen aus Büchern abzuschreiben, die mir nicht gehören, eins für essayistische Ansätze und Fragmente, eins nur für Träume, eins, das meine akustischen Aufzeichnungen organisiert, sowie einen MiniDisc-Player für die akustischen Aufzeichnungen. Außerdem jeweils eins für jedes ernsthaft gestartete größere Projekt. Die scheinbar unverhältnismäßig penible Kategorisierung ist nur der Not geschuldet, einer Frage nach der Form. Wie lässt sich was aufzeichnen? Wie fixieren, wie wieder abrufbar machen? || Für nostalgische Notizen, die nicht annähernd so ergiebig sind wie die Sehnsucht nach ihnen, empfehlen sich vielleicht diese rosenumrankten Tagebücher zum Abschließen: Man kann die Schlüsselchen danach einfach wegschmeißen und den Inhalt der Seiten begehren, ohne sich mit ihnen konfrontieren zu müssen. || Tradierte Formen haben ihre Gründe und Abgründe. || Die durchforsteten, auseinanderfallenden Bücher an meiner Seite sind die Tagebücher von Paul Klee, Verbalnotationen von Alvin Lucier, „Das Große Lexikon der Malerei“ und John Cage, „Für die Vögel“. || „Für die Vögel“ aufzuschlagen bedeutet, nicht zu planen, sondern von einem schräg angeschnittenen Gedanken heimtückisch überrascht und eventuell handlungsunfähig gemacht zu werden. || Konzentration bleibt eine Maxime, der ich ständig angestrengt zuarbeiten muss: die Splitter in irgendeiner Weise zusammenhalten. Bruch, Demontage, Unruhe passieren sowieso und ohne Zutun, genau wie Traum und Schlaf. || Angst vor Pathos oder Kitsch halte ich für Angst vor dem unscharfen Gedanken. Der sentimentale Schwebezustand ist dann noch nicht überschritten. Dasselbe gilt aber auch für die Angst vor der Angst. Vor einer lähmenden, übermäßigen Vorsicht. Mut zu Pathos und Kitsch könnte also auch Unerhörtes, eventuell ungehörig Gutes in Gang bringen. || Ich bin nicht an Symbolik interessiert, ich glaube an Codes. || Ich glaube an einen Sinn des Dichtens: Nicht Wahrnehmungsvorgänge, sondern Rezeptionsvorgänge offen legen und verdichten; auch, um sie daraufhin freizugeben für neue Rezeptionsvorgänge. || Dissonanzen, komplexe Rhythmen, Loops – aufspüren, zulassen, eingreifen. || Verständnis, wenn es das gibt, ist immer schöpferisch. || Zur Zeit arbeite ich an alten und neuen Glossolalien, zusammen mit dem Lautdichter Valeri Scherstjanoi. Ich versuche dafür auch, die Geige zum Sprechen zu bringen; sie kann, der menschlichen Stimme eigentlich sehr ähnlich, ziemlich ekstatisch artikulieren. Das ist gewissermaßen ein Versuch, Klang zu verdichten. || Die Vertiefung in Dinge/Klänge/Texte ist verliebt und hilflos – und verursacht ab einem bestimmten Punkt immer das Prinzip Ohrwurm. Je banaler, desto mächtiger. Die typischen, unendlich oft gelesenen Klo- oder Cornflakespackungs- Texte. Das Muster des Bettbezugs. Die ein ominöses Metallrohr ansägenden Handwerker, morgens. Die rote Tasse mit den weißen Punkten. An der Musikhochschule eine gängige Aufgabe im Fach Gehörbildung: „Notieren Sie folgenden vierstimmigen Satz: Klimper, klampklamp, klimper.“ Auch wenn die Melodielinien unzählig oft wiederholt werden, auch wenn am Schluss alle Noten stimmen, auch wenn der Choral einen für den Rest des Tages nicht mehr loslässt – durchdrungen ist das Stück, der Text, das „Ding“ noch immer nicht, noch immer nicht in meinem Besitz. Das Muster meines Bettbezugs habe ich so genau studiert, ich könnte es möglicherweise aus dem Kopf heraus skizzieren; es würde sich aber sofort entziehen, als etwas Fremdes, mit der Situation des morgens Aufwachen und Träumen nichts zu tun Habendes. || Vielleicht hört die Welt da auf: wo die Betrachtung der Dinge in die Endlosschleife gerät – sich an bestimmten Stellen abnutzt, dann fratzenhaft Details hervorkehrt, bis sie sich irgendwann selbst demontiert. Aber wird sie sich jemals komplett auslöschen? || Das Schreiben hört da auf, wo die Hingabe an einen Gegenstand total wird, im Sinne einer Selbstauslöschung. Das kann glücklicherweise nicht passieren, solang das Herz schlägt, denn kein Schlag gleicht exakt dem anderen.

aus dem soeben erschienenen Sommerheft der BELLA triste

Darin Beiträge der folgenden Autorinnen und Autoren:

prosa und lyrik
° Stefan Mesch
°° Susanne Heinrich
°°° Nadja Wünsche
°°°° Tobias Hipp
°°°°° Jo Lendle
°°°°°° Simone Kornappel
°°°°°°° Martin Lechner
°°°°°°°° Kay Steinke
cut
°°°°°°°°° Mara Genschel
phon
°°°°°°°°°° Jenny Erpenbeck
pool
°°°°°°°°°°° Michael Stauffer
°°°°°°°°°°°° Sandro Zanetti
°°°°°°°°°°°°° Kai Weyand
°°°°°°°°°°°°°° Jörg Albrecht
lux
°°°°°°°°°°°°°°° Mirko Bonné

Außerdem: Illustrationen und ein Plakatumschlag von Friedemann Bochow.

Bestellungen unter www.bellatriste.de.