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118. Zur Diskussion

Laut einem Entwurf zur Geschichte der deutschen Lyrik

ist die Lyrik in der DDR von staatlichen Direktiven umstellt, die moderne Einflüsse als dekadent zurückweist und eine Reorientierung auf die Klassik und sozialkritische Traditionslinien der internationalen Literaturgeschichte umsetzt (Formalismusdebatte, „Forum“-Lyrikdebatte, Lyrikdebatte in „Sinn und Form“) und staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen für Gedichtbände fördert bzw. durch das Heftchenformat „Poesiealbum“ und durch Massenveranstaltungen („Lyrikwelle“) popularisiert.

Ich bin kein Anhänger der Theorie, daß nur Beteiligte die Geschichte recht verstehen. Aber man muß auch die Schwierigkeiten einrechnen, aus den Überlieferungen die Geschichte zu verstehen. Das verläuft weder widerspruchs- noch irrtumsfrei, beim Römischen Reich nicht anders als bei der DDR.

Als Beteiligter an der DDR-Lyrik (als engagierter Leser seit meiner späten Schulzeit in den 60ern) muß ich bei solchen Formulierungen doch schlucken. Zweifellos war die Lyrik wie das gesamte öffentliche und private Leben von staatlichen Direktiven umstellt. Wurde staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen gefördert. Bei der Formalismusdebatte stimmt es nur zum Teil. Zum anderen war sie der Versuch unabhängiger Marxisten wie Brecht oder Bloch, der quasi offiziellen Lukácsschen Ästhetik eine weniger von Klassik und orthodoxem Realismus bestimmte Haltung entgegenzustellen. Bei den angeführten Lyrikdebatten in Forum und Sinn und Form scheint es mir überhaupt nicht richtig. Die Forumdebatte im Sommer 1966 war ein erfolgreicher Versuch,  nach Veröffentlichung der Anthologie “In diesem besseren Land”, die entgegen der Anmutung des Titels ein Gegenentwurf zur offiziellen Darstellung der DDR-Lyrik war, wofür die Namen der Herausgeber bürgen, Karl Mickel und Adolf Endler, diese neue Perspektive einer jungen Generation zu “popularisieren”. Sie wurde ausgelöst durch ein Gedicht Mickels, das die Zeitung zusammen mit einer Interpretation durch den jungen Literaturwissenschaftler Dieter Schlenstedt abdruckte. Dieses Gedicht – alles andere als klassik- und realismuslastig – wurde kontrovers diskutiert, auch die junge Lyrikerin Elke Erb beteiligte sich an der Debatte. Daß sie nach einigen Wochen durch einen “offiziellen” Artikel von Hans Koch abgewürgt wurde, dokumentiert eher, daß sie den Offiziellen nicht genehm war als die oben behauptete Orientierungsfunktion.

Noch stärker gilt das für die Sinn-und-Form-Debatte der frühen 70er Jahre. Auch sie wurde kontrovers geführt, auch sie, in stärkerem Maße, demonstrierte, daß die Orthodoxie die Deutungshoheit verloren hatte. Mit dieser Debatte wurde Adolf Endler zum anerkannt besten Essayisten in Sachen DDR- und Welt-Lyrik im Ländchen. Diese Phase endete mit der Unterschrift Endlers unter den Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns 1976.

Die Aussage über die Popularisierung staatstreuer Lyrik gilt nur bedingt für die Lyrikwelle, die ambivalent war, weil eine Reaktion der staatlichen Jugendorganisation FDJ auf das Auftreten neuer Stimmen. Sie versuchte sich an die “Spitze der Bewegung” zu setzen – neben den Guten traten dort zahlreiche medioker-staatsfromme Lyriker auf. So konnte die “Lyrikwelle” abgewürgt werden, aber zugleich hatten sich die neuen Stimmen der bald (im Westen) so genannten “Sächsischen Dichterschule” durchsetzen können. Nicht Helmut Preißler und Uwe Berger, um zwei staatsnahe Lyriker zu nennen, sondern Braun, Mickel, Czechowski, Jentzsch, Greßmann, Endler, Erb, Inge Müller… waren die Namen der maßgeblichen DDR-Lyriker innerhalb und außerhalb des Landes. Ich sehe nicht ein, warum man die verzerrte Sicht der Ideologen nachträglich anerkennen sollte. Viele zeitgenössische Darstellungen im Westen taten das,* man muß es nicht konservieren.

Auch bei der Heftreihe Poesiealbum muß ich widersprechen. Sie erschien seit 1967 im Verlag der FDJ, Neues Leben. Trotz kontinuierlicher Einflußnahme aber war das Heft unter seinen aufeinanderfolgenden Herausgebern Bernd Jentzsch, Richard Pietraß und Dorothea Oehme (die beiden ersten wurden jeweils abgesetzt) alles andere als ein Organ zur Popularisierung des Geschmacks von Hager oder Krenz. Trotz einzelner Zugeständnisse war das eine erstklassige Quelle der deutschen und Weltlyrik, wo bis 1990 monatlich ein Heft für 90 Ostpfennige erschien, in dem nicht nur über hundert Erstveröffentlichungen (von Wulf Kirsten bis Kerstin Hensel, Johannes Jansen, Bernd (Jayne-Ann) Igel oder Kathrin Schmidt) und (oft DDR-Erst-)Veröffentlichungen moderner Weltlyrik von Allen Ginsberg, Octavio Paz, René Char, W.H. Auden, Dylan Thomas, Welimir Chlebnikow, César Vallejo, Julian Przyboś, Arthur Rimbaud, Bob Dylan, Claes Andersson, Jannis Ritsos, Itzik Manger, Charles Bukowski, Anna Achmatowa, Aimé Césaire, Arsenij Tarkowski, Konrad Bayer, Boris Vian…; kurz: diesen Passus bitte unbedingt revidieren!

Ich füge die Selbstbeschreibung des Verlages der neuen Folge bei. Poesiealbum erscheint wieder und veröffentlichte in den letzhten Jahren u.a. Gottfried Benn (Nr. 300), Ezra Pound, Inger Cristensen, Seamus Heaney, Guillaume Apollinaire, Christine Lavant und Elke Erb. Mit heute 4 Euro könnte es für junge Leser immer noch eine Quelle der poetischen Information sein.

*) So wenn das Kapitel über die DDR-Lyrik der 60er Jahre die Überschrift “Phase des entwickelten sozialistischen Gesellschaftssystems” trägt. In: Lermen/Loewen: Lyrik aus der DDR. Paderborn, München, Wien, Zürich: UTB Schoeningh 1987. Ulbrichts und Hagers ideologische Sicht als Rubrik der Lyrikgeschichte, hui! (Sie hätten lieber Endler fragen sollen. Oder mich :D .)

Auf der folgenden Seite finden Sie den Überblick zu der einzigartigen und umfangreichsten deutschsprachigen Lyrik-Reihe*. 1967 in der DDR während einer internationalen Lyrik-Bewegung gegründet**, besteht sie auch nach inzwischen 45 Jahren unverändert weiter und erreichte im Jahr 2012 mit Ausgabe 300 eine beeindruckende Marke.

Jedes Poesiealbum gibt einen Überblick über das (bis Redaktionsschluß zur Verfügung gestandene) Werk des jeweiligen Dichters. Ungeschriebenes Gesetz war und ist, daß jeder Lyriker nur ein Heft erhält, das unter Umständen in einer späteren und erweiterten Form nochmals erscheinen kann, wenn sich das Werk des Autors über die Jahre wesentlich erweitert und verändert hat. Die Kunst dieser Auswahlen ist es, sie treffend für das Oeuvre des jeweiligen Poeten zu gestalten, so daß die Leser einen verläßlichen Überblick zu Anliegen, Art und Charakter der jeweiligen Dichtung erhalten. Quellenangaben ermöglichen bei Bedarf eine weitergehende Vertiefung; somit wirkt das Poesiealbum neben dem unterhaltsamen und bildenden Aspekt für die Leser auch als Werbung für das Gesamtwerk des behandelten Lyrikers.

Früher erschienen die Hefte monatlich, aktuell erscheint das Poesiealbum zweimonatlich. Format, Preis und Gestaltung wurden bei der Gründung durch “kollektive Einzelentscheidungen” sehr bewußt gewählt.
Das Format, auch bei verwandten Abarten anderer Lyrikausgaben gerne übernommen, wurde so festgelegt, daß “das Heft in die Innentasche eines Sakkos paßt, so daß Werktätige [!] es immer bei sich führen können”. Zwar implementiert “Werktätige” die Berufstätigen beiderlei Geschlechts; da Jackett-Träger aber gemeinhin Herren sind, war Lyrik, damals entweder Männerdomäne, oder der Zugang zur Lyrik sollte Männern erleichtert werden. Praktischerweise ist das gewählte Format allerdings auch für die gängigen Damen-Handtaschen ab “medium” passend.

Die Heft-Gestaltung und -Ausführung war nach einigen Tests schnell gefunden; dem Grafik-Altmeister Peter Nagengast gebührt höchste Anerkennung für die einfache und einprägsame Reihengestaltung, die über die Jahrzehnte unverändert beibehalten werden konnte. Auch die schnörkellose und zweckmäßige Typografie von Achim Kollwitz trug wesentlich zur Lesbarkeit und Konstanz der Reihe bei. Die Fertigung in Klammerheftung erfolgte von Heft 1 bis zur Gegenwart mit großem Engagement im Druckhaus Zeitz, das allerdings bis zu seiner Privatisierung 1990 verschiedene Namen und Zugehörigkeiten erdulden mußte. Die Umschlag- wie Papierqualität schwankte früher je nach der Wirtschaftslage, wodurch manchmal auch Lieferverzögerungen entstanden; allerdings berichten Insider auch von einer – auch wegen der Auflagenhöhe von 8. bis 40.000 – zeitweilig eigens hergestellten Papiersorte.
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* soweit unsere Recherchen ergeben haben; ergänzendes oder anderweitiges Wissen wird gerne zur Kenntnis genommen

** wenig wahrscheinlich als Gründungsargument für das Poesiealbum ist das von Kohlhaase festgehaltene Bonmot zur Verklärung von der DDR-Mangelwirtschaft geschuldeten Problemen: “Es gibt wenig Kartoffeln, wir werden große Lyrikdebatten haben”  [Zeitmagazin 7/2012], nicht nur, weil es zumindest Kohl, Karnickel und Kartoffeln immer gab

Der Umfang der Hefte betrug von Anbeginn konstant 32 (+4 Umschlag-) Seiten, wovon nur ausnahmsweise (Lenin-Sonderheft 31 sowie Jubiläumsdoppelhefte 100 und 150 zu Goethe bzw. Schiller) abgewichen wurde.
Die Grafik des Umschlags war schon immer bewußt auffällig und anziehend als gestaltender Faktor der Reihe gewählt, wobei sie zu den Gedichten oder dem Autor einen Bezug darstellt; die Übersicht der folgenden Seiten zeigt deren erstaunliche Vielfalt.
Der “EVP” wurde in der DDR per Direktive von zentraler Stelle festgelegt und sollte – so berichten die Gründer – in etwa so teuer wie ein Brot (das damals 78 oder 93 Pfennige kostete) sein. Tatsächlich erreichte damit die Reihe bei den Lesern den Kult-Status eines “Grund-Nahrungsmittels”. Bis zum Ende der subventionierten Planwirtschaft kurz vor dem Exitus der DDR betrug der Preis unverändert 0,90 Mark, was u.a. zum damaligen Finale der Reihe bei Heft 275 führte. Bemerkenswert, daß vom jetzigen Editor der Reihe dieses Verhältnis mit 4 € auch heute noch bzw. wieder eingehalten wird.

Herausgegeben wurden die Hefte bisher von hervorragenden Kennern der lyrischen Szene, meist selbst erfahrene Lyriker und Nach-Dichter: Bernd Jentzsch als Erfinder und Mitbegründer der Reihe
(bis Heft 122 und 276-278), Richard Pietraß (von Heft 124 bis 148 und 282 bis 303) sowie Dorothea Oehme (Hefte 149 bis 275). Als Editor der Reihe fungierten der Verlag Neues Leben, Berlin – Direktor Rudolf Chowanetz (Hefte 1-275), der BrennGlas Verlag Assenheim – Verleger Prof. Juergen Seuss (276) und aktuell (ab Heft 277) der Märkische Verlag Wilhelmshorst – Verleger Dr. Klaus-Peter Anders.

Wichtiger als diese formalen Merkmale sind jedoch die inhaltlichen Aspekte der Reihe. Sowohl die Autoren- als auch die Gedichtauswahl trafen und treffen kompetente Auswähler, uU. unterstützt durch externe Experten, die neben einer umfassenden Werkkenntnis auch die Strömungen der Zeit sowie die Bedeutung des klassischen Erbes immer als Kriterium ihrer Zusammenstellungen betrachten bzw. betrachtet haben. Damit wuchs die Anerkennung durch die Leser und der beispiellose Erfolg der Reihe. Wegen der Vielfältigkeit der Autoren und Heftinhalte kann es keine allgemeingültige umfassende Ein-schätzung dazu geben; Herbert Kästner schrieb in den “Marginalien”, daß das Poesiealbum in späteren Jahren den Rang erhält, den wir heute etwa der Reihe “Der jüngste Tag” zusprechen. Eine Vielzahl deutschsprachiger Erstveröffentlichungen und über 100 DDR-Erstveröffentlichungen unterstreichen den zwar mutigen aber dennoch gerechtfertigten Vergleich. Über 5 Millionen verbreitete Hefte in 22 Ländern und das überwältigende Echo zur Wiederbelebung der Reihe durch den Märkischen Verlag nebst der damit verbundenen Begeisterung durch alte wie neue Leser sprechen jedoch für sich und das Niveau der Reihe.

Wir würden uns freuen, wenn auch Sie sich von Niveau, Qualität und Vielseitigkeit des Poesiealbums überzeugen ließen; zur Bestellung der aktuellen Hefte geht es hier.
Märkischer Verlag Wilhelmshorst

 

143. Laudatio auf Mauritz

In einer Pressemitteilung der Stadt Dresden zum Dresdner Lyrikpreis im redaktionellen Teil das Übliche (Renommiersprache gepaart mit Ungenauigkeit). Löblich aber, daß der Text der Laudatio beigefügt ist, hier ist er:

„Nach der eindrucksvollen Lesung aller neun durch die Vorjury Nominierten aus Deutschland und Tschechien brauchte die gleichfalls zweisprachig besetzte neunköpfige Hauptjury nur eine Stunde zur Entscheidung. In intensivem und konstruktivem Austausch wurde klar, dass der Preis in diesem Jahr nicht geteilt werden sollte. In geheimer Abstimmung entschieden wir uns, in klarem Votum mit sechs von neun Stimmen für Hartwig Mauritz. Mit ihm küren wir einen 1964 in Eckernförde geborenen, heute in Vaals in den Niederlanden lebenden, Autor mit einer eigenen, unverwechselbaren Stimme, die ein Gutteil ihrer Eigen- und Besonderheit seiner naturwissenschaftlichen Bildung durch eine Studium der Elektrotechnik und Tätigkeit als Wissenschaftler und berufsbildender Lehrer technischer Fächer verdankt.

Neben seiner norddeutschen Herkunftslandschaft sind es in den hier eingereichten Gedichten besonders Erfinder wie Galvani mit seinen Froschschenkelexperimenten, und Telephonie- und Fernsehpioniere wie Marconi, Reis und Nipkow, der Erfinder des Fernsehens, von denen er sich angezogen fühlt. Dieses physikalische Weltbild erhält seine poetische Aufladung und Inspiriertheit durch einen gehörigen Schuss Metaphysik, der erst aus dem Nüchternen das Wunderbare, aus Wissenswerten den Zündfunken von Geheimnissen werden lässt, der den Gedichten ihr transzendentes Ingenium verleiht. In diesem 48jährigen Dichter, der nahe Aachen gleich hinter der niederländischen Grenze lebt, haben wir einen poetischen Nachfahren von Dichtern wie Hans Magnus Enzensberger und dem Schweden Lars Gustafsson. Fasziniert von Grenzüberschreitungen im Wissensdurst wie im Lebenshunger, von Biografien und Lebensleistungen, die Türen öffneten in neue Erkenntnis- und Erlebensräume, schreibt Hartwig Mauritz lakonisch und doch voller transzendenter Feinheiten, die uns zu fesseln vermögen wie in diesem Gedicht:

philip reis nimmt den hörer in die hand, sein schädel begabt
aber nicht begehbar heut. der hund bellt durch den draht
den apparat leckt seine zunge die zähne in der stimme

schlägt der atem seines hern an, krächzt, raucht, knackt
elektrische impulse. das mikrofon aus kohle glüht vor stimmen
die frau ist aus dem haus, der erfinder aus dem häuschen

nur die nacht zieht ihren dunklen leib ihm vors gesicht
kratzt, rauscht, schreit elektrische ekstasen. sein mund ist eine quelle
für den schall, das ohr, seine senke gehört zum inventar des herrn

der hund, sein hecheln zuckt durch den draht lauscht er der stimme
in der hand: was in der sprache ihn vorantreibt, knurrt, kratzt, knistert
in den draht gesprochen, geruchlos und sein ohr auf zigarrenkistengröße
aufgebläht, kann es hören, das stille atmen seines herrn.

Wouw! Was in Menschensprache heißt: herzlichen Glückwunsch!”

141. Dresdner Lyrikpreis an Hartwig Mauritz

Der mit 5000 € dotierte Dresdner Lyrikpreis geht an Hartwig Mauritz.

“In diesem 48jährigen Dichter, der nahe Aachen gleich hinter der niederländischen Grenze lebt, haben wir einen poetischen Nachfahren von Dichtern wie Hans Magnus Enzensberger und dem Schweden Lars Gustafsson. Fasziniert von Grenzüberschreitungen im Wissensdurst wie im Lebenshunger, von Biografien und Lebensleistungen, die Türen öffneten in neue Erkenntnis- und Erlebensräume, schrieb Hartwig Mauritz lakonisch und doch voller transzendenter Feinheiten, die uns zu fesseln vermögen”, so der Laudator Richard Pietraß.

Ebensfalls für das Finale nominiert waren Thomas Böhme (Leipzig), Anna Brikciusová (Prag), Petr Čermáček (Brno), Daniela Danz (Kranichfeld), Renatus Deckert (Lüneburg), Radek Fridrich (Decin), Michal Šanda (Prag) und Irena Šťastná (Dobroslavice).

Die Ausschreibung für den Dresdner Lyrikpreis 2014 beginnt am 15.3.2013.

In der Sächsischen Zeitung schreibt Undine Materni:

Der Leipziger Dichter Thomas Böhme bekannte, dass er vorwiegend gegen die Angst anschreibe, gegen die Angst und gegen das Vergessen. Daniela Danz aus Thüringen möchte in ihren Texten die Komplexität der Sprache bewahren, Renatus Deckert, der als Lyriker, Essayist und Herausgeber in Lüneburg lebt, gestand, dass er Idealen misstraue und im Gedicht hinter die Fassaden schauen möchte. Radek Fridrich möchte seine Stimme im Gedicht eher anderen Personen leihen, als sich selbst ins Zentrum zu setzen, Michal Šanda lässt sich gern im Alltäglichen vom Gedicht finden.

Der in den Niederlanden lebende Hartwig Mauritz denkt viel über die Entstehungsgeschichte der Dinge nach, Petr Cermácek schreibt gegen das Vergehen der Zeit an. Die Cellistin und Dichterin Anna Brikciusová lässt sich zuweilen von der Musik inspirieren, und Irena Štastná schreibt oft unter Hochdruck und liebt das kurze Gedicht.

125. Die Nominierten des Dresdener Lyrikpreises

Aus insgesamt 1212 anonymisierten Einsendungen aus dem deutschsprachigen Raum und aus Tschechien wurden von einer unabhängigen Jury 9 Beiträge ausgewählt, deren Schöpfer für den Dresdner Lyrikpreis nominiert wurden. Die Wettbewerbslesung aller nominierten LyrikerInnen findet am Samstag, den 24.11.2012 11 Uhr im Literaturhaus Villa Augustin Dresden statt. Im Anschluss an die Wettbewerbslesung berät die sechsköpfige Jury über den Gewinner.

Auf deutscher Seite: Thomas Böhme, Daniela Danz, Renatus Deckert, Hartwig Mauritz, auf tschechischer: Irena Šťastná, Anna Brikciusová, Petr Čermáček, Radek Fridrich, Michal Šanda.

Die Jury: Petr Borkovec, Wanda Heinrichová, Michal Jareš, Ursula Krechel, Thomas Kunst, Richard Pietraß.

Mehr

(Ich versuch noch was über das Auswahlverfahren / Vorjury in Erfahrung zu bringen)

Aus dem Programm:

DRESDEN, PRAG, PIRNA 22. – 26. November 2012

Samstag, 24.11., 11 Uhr: Wettbewerbslesung

Samstag, 24.11., 19 Uhr: Preisverleihung

Veranstaltungsorte:

Literaturhaus Villa Augustin
Antonstrasse 1 01097 Dresden

Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren
Ječná 11 CZ – 120 00 Praha 2

Friedrich-Schiller-Gymnasium Pirna
Seminarstr. 3 01796 Pirna

60. Verdi-Literaturpreis für Saskia Fischer

Die Berliner Autorin Saskia Fischer wird mit dem Verdi-Literaturpreis Berlin-Brandenburg 2011 ausgezeichnet. Sie erhält den Preis für ihren Lyrikband ‘Scharmützelwetter’, wie die Gewerkschaft mitteilte. ‘In ihren Gedichten verbinden sich Wirklichkeitsnähe und sprachkünstlerisches Können zu seltener Qualität’, lautete das Urteil der Jury. Die Verleihung soll im April 2012 stattfinden. Fischer wurde 1971 in Schlema geboren und lebt seit 2006 in Berlin.

Der ver.di Literaturpreis wird seit 2004 von der Gewerkschaft ver.di für ein veröffentlichtes Werk der Sparte Lyrik, Prosa oder Kinder- und Jugendbuch verliehen. Die Sparten wechseln jedes Jahr. Der Preis ist Autorinnen und Autoren aus Berlin und Brandenburg vorbehalten und mit 5.000 Euro dotiert. Über die Vergabe entscheidet eine Expertenjury.

2005 (als offenbar die Lyrik dran war) wurde kein Preis vergeben, entweder war das Lyrikjahr in Berlin und Brandenburg zu mager oder die Kasse grad leer. 2008 wurden dafür gleich 2 preiswürdige Autoren ermittelt, die sich die 5 Mille aber teilen mußten: Eva Strittmatter und Richard Pietraß. Der Link zur Zusammensetzung der Jury geht leider ins Leere.

 

65. Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit? TeaTimeLesungen und Gespräche

Sonntag, 17.4., 17.30 Uhr

“Gedichte sind kein Luxus, sie gehören zu unserem Existenzminimum”, schreibt Elisabeth Borchers. Sie ist fest davon überzeugt, dass Lyrik unverzichtbar ist, doch im letzten Jahr erschienen nur etwa 15 Lyrikdebüts*) im deutschsprachigen Raum, ein verschwindend geringer Anteil im Vergleich zu der stetig wachsenden Menge an Prosaliteratur.

“Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit?” – ist Thema einer TeaTimelesung am Sonntag, 17.04., 17.30 Uhr, Literaturhaus, Schwanenwik 38

Idee, Konzeption, Moderation: Charlotte Ueckert .

Lesungen und Gespräche mit:

Autorin Nadja Küchenmeister zu ihrem vielversprechenden Debüt “Alle Lichter” (Schöffling & Co.). Simone Kornappel und Philipp Günzel präsentieren ihr neues Literaturmagazin “randnummer” und Julietta Fix informiert über ihr  Onlinemagazin  FIXPOETRY.COM und ihren neuen gleichnamigen Verlag.

Karten unter: Tel. 227 92 03 oder 207 69 037 oder Mailto: lit@lit-hamburg.de

Literaturzentrum Hamburg
Schwanenwik 38
22087 Hamburg
Internet: www.lit-hamburg.de

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*) nur 15 Debüts? Woher kommt diese Zahl? Glaub ich nie und nimmer. Was zählt man da mit? Wie wird das “ermittelt”? Hier meine Bitte und mein Aufruf an &Poe-Leser: Helfen Sie mir, eine etwas genauere Zahl von Lyrikdebüts 2010 und auch gleich 2011 zu ermitteln! Schreiben Sie mir per Mail oder hier im Kommentar einschlägige Titel, von denen Sie Kenntnis haben! Auch wenn Sie die Autorin oder der Autor oder Verleger sind! Ich stelle aus den Daten zusammen mit meinen eigenen Informationen eine Debütantentafel 2010 und 2011 zusammen. Bitte möglichst exakte Angaben, also wenn möglich inclusive Seitenzahl, Preis und wenn vorhanden ISBN-Nummer. Lassen Sie uns gemeinsam ein Stück Literaturbetrieb ein wenig aufklären!

136. Sachsen

ist doch nicht so schlecht. Sowieso und die Freie Presse speziell auch. Wie zu erfahren ist, existiert das “Gedicht der Woche” seit Mai 2010 und publiziert jüngere Autoren aus der Region sowie verstorbene und lebende Dichter aus dem deutschsprachigen Raum. Die letzteren bisher in der Mehrzahl, darunter bespielsweise Bartsch, Kunst, Küchenmeister, Koch, Pietraß u.a.

Das vorgestern entdeckte “Gedicht des Monats” stammt offenbar aus einer Lokalausgabe, die sich dem Trend anschließen will. Chapeau!

46. Lyrik im Schlößchen

 

Das Gohliser Schlößchen war im 18. Jahrhundert als ”Musenhof am Rosental” bekannt. Georg Joachim Göschen, Christian Gottfried Körner und Friedrich Schiller verkehrten hier. 1998 wurde es nach Sanierung wiedereröffnet. Seit Jahren findet hier während der Buchmesse die Veranstaltungsreihe Lyrik im Schlößchen statt.

Gohliser Schlößchen,
Menckestraße 23, 04155 Leipzig (Gohlis-Süd)
ÖPNV
Tram 4 bis Menckestr. oder Tram 12 bis Fr.-Seger-Str.

Aus dem Programm 2011:

Do 17.3.

17:30 Tatort Poesiealbum. Helmut Braun, Wulf Kirsten, Reiner Kunze, Richard Pietraß.
Märkischer Verlag – Poesiealbum

18:30 Wilhelm Bartsch: Mitteldeutsche Gedichte

19:30 Uhr Kurt Drawert: Idylle, rückwärts

Fr 18.3.

18:00 Lutz Steinbrück “Blickdicht” / Crauss “Lakritzvergiftung”

19:00 Arnold Leifert, Ullrich Marzahn, Sabina Lorenz, Katrin Marie Merten, Eberhard Häfner

20:30 APHAIA-Lyrikabend mit drei deutsch schreibenden Autoren aus Serbien, Indien und Berlin: Rajvinder Singh, Achim Wannicke, Boško Tomašević

Sa 19.3.

16:00 Bettina Ziegler: Warum mich keiner anfasst . Bissig-satirische und provokante Gedichte

17:00 Alban Nikolai Herbst, Bamberger Elegien

19:00 Judith Zander: oder tau

Mehr hier

 

27. Brüllend und das Maul voll Suff

Beim Stichwort Poesiealbum ist Google noch westdeutsch-rückständig und listet seitenweise die so genannten 19.-Jahrhundert-Alben, die es auch im 21. noch gibt. (In meiner Kindheit nannte man sie Pohsie, leider hatten sie nur Mädchen). Seit 1967 aber hat das Wort durch Bernd Jentzsch eine neue Bedeutung angenommen. Das ist nun mehr als 40 Jahre her, man sollte es mal registrieren. (Wikipedia ist da aktueller. Das kommt, weil da noch Menschen arbeiten!)

Poesiealbum war und ist ein Heft mit 32 Seiten Gedichte neuer und alter, deutscher und Weltlyrik. Bald nähert es sich der Zahl 300 – 300 Dichter sind schon eine stolze Sammlung. Wer so alt ist wie ich, kann sie alle haben (ich habe als Schüler mit Nummer 1 begonnen). Der Preis von 90 Pfennig von 1967 bis Anfang 1990 machte das Sammeln leicht. Im Wendefrühjahr wurden sie teurer, aber es half nicht, die Reihe ging ein. Seit 2007 gibt es sie wieder. Wer nicht so alt ist, könnte immer noch alle Hefte ab Wiedererscheinen 2007 sammeln, auch das wird mal eine Sammlung. Mit Namen wie Peter Huchel, Ezra Pound, Ernst Jandl, Seamus Heaney, Wolfgang Hilbig, Boris Pasternak oder Inger Christensen sitzt man immer noch in der ersten Reihe. (Nur schade, daß in die illustre Reihe noch nicht wieder wie “früher” Neulinge aufgenommen werden. Vielleicht kommts ja wieder! Es würde die Reihe abrunden und auch für junge Schreiber und Leser noch interessanter machen. Pietraß, was ist?))

Auch Lavant-Einsteiger kommen auf ihre Kosten. 2010 bekam sie ihr Heft mit der Nummer 289. Magische und böse Zeilen kann man dort lesen: “Nicht rosenrot, nicht himmelblau, / ich bin für Schwefelfarben!” “Gott, sag das nicht nach,/ sag keins der lauen Worte dieser Frommen!/ Ich will ja nicht in ihren Himmel kommen!” “Wenn sie mich zu einem Bündel schnüren,/ bis die Hände nimmermehr sich rühren,/ und die ganze Wut im Mund gesammelt/ nichts als ausweglose Flüche stammelt/ rundherum um deinen hohen Namen.” “Hau jetzt ab samt deiner Nüchternheit!/ Dieses Schiff wird nie verständig werden –/ melde oben bei dem Bootsverleiher,/ daß wir brüllend und das Maul voll Suff/ seine Sterne aus der Hölle holen.” Rimbaud redivivus!

Poesiealbum kostet 4 Euro und ist in guten Buchhandlungen oder beim Verlag erhältlich. www.poesiealbum-online.de