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112. Lyrikstationen 2009 (6/7)
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
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Exemplarischer Buchstabe B, exemplarisch
It’s running and re-running non-stop
Ein Tag unter vielen
An kommunalen Bauten
blühen die Geranien,
und jemand, der mich haßt,
zieht seinen Hut und grüßt –
Um sieben
schlägt es sieben, weiter nichts.
Es wird die Nacht
mich an die Lampe zwingen.
Rainer Brambach
Autoren, zu deren Büchern ich regelmäßig greife, die ich wieder und wieder lese, deren Werk – Lyrik und Prosa (Jürgen Beckers Journalsätze lese ich wie Gedichte: Etwas entdecken, auch wenn man weiß, es ist schon entdeckt) – mich auf den Wanderungen durch die Mark Letterland stets begleitet und von denen ich 2009 diese Gedichtbücher (zum ersten oder wiederholten Male) las:
Jürgen Becker · Das Gedicht von der wiedervereinigten Landschaft (1988), Im Radio das Meer (2009)
Hans Bender · Der junge Soldat (2006), Ritus der Wiederkehr (2006), Wie es kommen wird (2009)
Gottfried Benn · Gedichte in der Fassung der Erstdrucke (2006)
Richard Berengarten · The Blue Butterfly (2006)
Horst Bingel · Den Schnee besteuern (2009)
Paulus Böhmer · Kaddish X–XXI (2007)
Rainer Brambach · Tagwerk (1959)
Bertolt Brecht · Liebesgedichte (2009)
Rolf Dieter Brinkmann · Westwärts 1 & 2 (2005)
Werner Bucher · Den Fröschen zuhören, den toten Vätern (2005), Du mit deinem leisen Lächeln (2007)
2009 – It’s running and re-running non-stop – kommt ein Autor hinzu, von dessen lebendigen Gedichten ich noch nichts vernommen hatte, obwohl sie, wie ich nun weiß, zur originellsten zeitgenössischen Lyrik Irlands zählen. Der Sound dieser Gedichte erobert Kopf und Herz im Sturm:
Paddy Bushe · To Ring in Silence. New and Selected Poems (2008)
- Jürgen Becker, Im Radio das Meer
- Hans Bender, Wie es kommen wird · poetenladen.de/theo-breuer-hans-bender.htm
- Horst Bingel, Den Schnee besteuern
- Bertolt Brecht, Liebesgedichte
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Vergnügungen –
Die Kirschen sind reif
Vergnügungen
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein
Bertolt Brecht
Der deutsche Lyrikkalender
10. Februar 2010
Mitte Juli grub ich, während die Autos wie von Sinnen vorüberbrausten, auf einer direkt an der B 258 gelegenen wilden Wiese lila blühenden Storchschnabel aus, um ihn im stillen Garten wieder einzupflanzen. Am nächsten Tag ging ich erneut die 700 oder 800 Meter dorthin, diesmal war der Schlangenknöterich an der Reihe, den ich hinterm Sistiger Kreisverkehr im Hang am Straßenrand entdeckte. Ende Juli grub ich im Wald das Gänsefingerkraut mit allen den Würzlein aus und pflanzt es wieder am stillen Ort unterm Kirschlorbeer. Der weiße Wiesenkerbel blühte wie von Sinnen hier und da und dort, welch herrliche Ergänzung zu den vielen, vielen Farben, die aus all den Beeten und Ecken strahlen. An einem jener sehr heißen Tage, in denen ich wie von Sinnen Feldsteine von den Äckern in den Garten schleppe, notiere ich im Tagebuch: Das heutige Gedicht im Lyrikkalender ist fürchterlich.
Dies ist allerdings die Ausnahme. An der Mehrzahl der Tage erlebe ich die Gedichte in Der deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht, von dem Hans Bender sagt: Man kann ihn wie eine Pflanze oder Blume ins Zimmer oder Büro stellen. Gedichte jedoch schweigen uns nicht an. Sie fordern uns auf, mit ihnen zu sprechen – über die Literatur und das Leben, glücklicherweise ganz anders.
Lieben Sie Gedichte? fragt der Verlag auf der Rückseite des Kalenders und antwortet umgehend selbst: Wir auch! – stillschweigend voraussetzend, daß Sie naturgemäß Gedichte schätzen und lieben. Denn welcher Mensch liebt nicht die Sprache der Lyrik, die ihn doch lebenslang in allen lustigen und allen unheilvollen Lebenslagen begleitet, die ihn ständig umgarnt und umgibt: die Sprache der Lieder und Songs, die Sprache der Vögel und Vierbeiner, die Alltagssprache der Stuben und Straßen, die Sprache der Küchengeräte und Autos, die Sprache der Sterne und Wolken, die eigene, die fremde Sprache des Scherzes, des Schmerzes (nicht zu vergessen die vielen Fachsprachen) – alle voll von schier unendlichen Alliterationen und phantastischen Metaphern, angereichert mit gekreuzten und gepaarten Reimen, lautmalenden, knirschenden Wörtern.
Mitten im Leben
denke ich an die Toten,
die ungezählten und die mit Namen.
Dann klopft der Alltag an,
und übern Zaun
ruft der Garten: Die Kirschen sind reif!
Günter Grass
Der deutsche Lyrikkalender 2010 am 26. Juni
Und so richtet sich die suggestive Frage Lieben Sie Gedichte? keineswegs bloß an den Insider, sondern im umfassenden Sinne an jedermann.
Shafiq Naz, Herausgeber und Verleger von Alhambra Publishing, entwirft den deutschen Lyrikkalender mit dem Motto Jeder Tag ein Gedicht für alle Menschen an allen Tagen. Folgerichtig ist die 2005 erstmals erschienene Anthologie konzipiert als Tischkalender mit Ringbindung und einer exemplarischen Mischung von 365 artistischen, bukolischen, chiffrierten, dadaistischen, eleganten, freimetrischen, gereimten, humorvollen, idiosynkratischen, jovialen, kanonisierten, lustigen, melancholischen, natürlichen, onomatopoetischen, pathetischen, quirligen, rauhen, sanften, schrägen, tobenden, unveröffentlichten, verspielten, wortreichen, zackigen Gedichten von 300 berühmten, bekannten, weniger bekannten, (längst) verstorbenen, mitten im Leben stehenden, blutjungen Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschen Sprachraum von den Anfängen im Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart im 21. Jahrhundert – und das auf insgesamt 408 Seiten (plus Anhang).
Gedichte vermitteln, dafür sorgt deren ureigengestalterische Sprache, grundsätzlich gute Botschaften – auch wenn diese naturgemäß nicht bloß erfreulicher Art sein können. Vergessen wir also Fernseh- und Zeitungs-Nachrichten (TV news, the world’s small talk lese ich in einem Gedicht von Paddy Bushe) – wenigstens für ein paar Minuten am Abend und lesen stattdessen um 19 oder 20 Uhr das Gedicht im deutschen Lyrikkalender. Der Kalender bietet Tag für Tag eine neue Nachricht – mal nett, mal naßforsch, mal niedlich, mal nobel. Nachweislich und schwarz auf weiß.
2009 ist ein weiteres ertragreiches Jahr für die Lyrik nach 2000. Zum Glück wird die horizontale und vertikale Bandbreite deutschsprachiger Gedichte auch in diesem Jahr von fleißigen und kenntnisreichen Fachleuten dokumentiert und kommentiert. Für diese außerordentlich geglückten, offen ausgeschriebenen oder geschlossenen Gesellschaften gewidmeten Anthologien (eigene Erwartungen sind bei der Bewertung geglückt weit weniger wesentlich als die offenkundigen, in Vor- und Nachwort dargestellten Absichten der Herausgeber – siehe hierzu auch meine Ausführungen anläßlich der Vorstellung von Versnetze_zwei im Poetenladen), die ich brauche, um einen passablen Überblick zu behalten, ermöglichen mir rasante Rallyes in alle Richtungen Zeit und Raum:
- Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte (Hg.), Lyrik der DDR
- Thomas Bader (Hg.), Wetzstein Gedichtekalender 2010
- Michael Braun und Michael Buselmeier (Hg.), Der gelbe Akrobat
- Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.), Umkreisungen
- Werner Bucher, Jolanda Fäh und Virgilio Masciadri (Hg.), Poesie Agenda 2010
- Christoph Buchwald und Uljana Wolf (Hg.), Jahrbuch der Lyrik 2009
- Peter Ettl (Hg.), Die inneren Fernen
- Thomas Geiger (Hg.), Laute Verse
- Axel Kutsch (Hg.), An Deutschland gedacht
- Shafiq Naz (Hg.), Der deutsche Lyrikkalender 2010
- Tom Schulz (Hg.), alles außer Tiernahrung
- Günter Vallaster (Hg.), heterogenial
- Axel Kutsch (Hg.), Versnetze_zwei poetenladen.de/theo-breuer-versnetze.htm
106. Lyrikstationen 2009 (5)
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
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Volta Schlenderei
King sun, rosy cheeked, day’s sovereign coin
Afrikaans, Albanian, Arabic, Arumanian (Vlach), Azeri, Azerbaijani Turkic, Pasque, Bengali, Breton, Bulgarian, Catalan, Chinese, Croatian, Czech, Danish, Dutch, Ebira, English, Estonian, Faroese, Finnish, French, Galician, Georgian, German, Greek, Hausa, Hebrew, Hungarian, Ibibio (Efik), Icelandic, Igbo, Irish Gaelic, Italian, Japanese, Kurdish, Kyrgyz, Latvian, Lithuanian, Lumasaba, Macedonian, Malay, Maltese, Mongolian, Nepali, Nigerian Pidgin English, North Eastern English, Norwegian, Nupe, Persian, Polish, Portuguese, Punjabi, Romanian, Runyankole, Russian, Scots, Scottish Gaelic, Sepedi, Serbian, Shetlandic, Sindhi, Slovak, Slovenian, South Allemanic Dornbernerisch (Vorarlberg), Spanish, Swedish, Triestino, Turkish, Turkmen, Ukrainian, Urdu, Uzbek, Welsh, Yiddish, Yoruba
75 languages including the English, schreibt Richard Berengarten, der kürzlich den ursprünglichen Namen seines Vaters annahm, der im frühen 20. Jahrhundert aus Polen nach England auswanderte und den Namen Berengarten in Burns umwandelte.
In Zusammenarbeit mit Peter Robertson, dem Editor des Literaturportals The International Literary Quarterly, sammelte Berengarten die zahlreichen Übertragungen des Gedichts Volta (ursprünglich 1983 in seinem international erfolgreichsten, Land, Leben und Leute in Griechenland in Verse verwandelnden Gedichtbuch Black Light veröffentlicht; meine deutsche Übertragung erschien 1996 im Bunte Raben Verlag unter dem Titel Schwarzes Licht), die im November 2009 einschließlich des exzellenten Essays Border/Lines von Richard Berengarten (This anthology of poems is a celebration of multilingualism and diversity) in der 9. Ausgabe von Interlitq.org nachzulesen sind. Kaum zu fassen ist die Vielfalt der an den verschiedensten Orten der Welt entstandenen Versionen, auf die ich in diesem weltweit und historisch wohl einmaligen Projekt treffe.
Volta. Schlenderei
… jetzt, wo die Dämmerung hereinbricht …
König Helios, rosawangiger, hellichter Sterntaler,
du kommst mir ganz nah, Haut wird zu Horn,
Wirbelsäule zum Sehnerv, ich zittre am ganzen Leib,
geblendet von dem Goldstrom, den du über dieses
Meer und diese Stadt vergießt und der mir das Augenlicht raubt.
Hier waren einmal – und ich weiß, sie sind hier immer noch –
Häuserzeilen und Straßen, die zu einer anderen Stadt gehören,
nicht dieser, die du vollkommen verwandelt hast.
Wir gehn das Hafenbecken entlang, die nächtlichen
Fischerboote warten darauf, hinauszufahren,
Motoren tuckern, Parafinlampen flackern,
die ganze Stadt ist auf den Beinen,
Verliebte Arm in Arm, alberne Bengel,
Mütter, Väter, eisschleckende Kinder,
und alte Männer schaun dem Treiben von Kaffeehaustischen zu,
während die dunkel werdenden Hügel wie zahme Tiere näher rücken.
Süßes über Berg und Bucht versprühtes Abendrot,
wie zufällig streift mich dein Arm,
wie die Berührung der jungen Frau, die neben mir geht,
breithüftig, kurzschrittig, mit wiegendem Gang,
pechschwarzem, zurückgekämmtem Haar, zartem Hals, leichter Schulter,
Sommerteint und lachenden olivbraunen Augen.
Ich trinke dich, schimmerndes Licht, wie Wein, wie Musik,
wie ihre Vorfahren dich jahrtausendelang getrunken haben.
Poröse Stadt, sie heißt Elefthería,
deine Narben sind graue Lichttüpfchen in ihren Augen,
und sie hat um diese Stunde, wenn Lichtreflexe
zärtlich in ihrem Gesicht spielen, wie Sprache oder Gesang,
das althergebrachte Recht, diesen Kai entlang zu schlendern,
als Spielball und Hüter deines Glanzes,
den sie im Brunnen ihrer tiefgründigen Pupillen sammelt,
und ihr Lieblingsvorrecht: dich zu beschreiten wie eine Tänzerin.
Liebster Abend, uraltes Licht,
schönstimmiger Solist, lieblich wie diese Frau,
wie kann ich nicht die Anmut bewundern,
in die du diese Stadt und ihre Menschen tauchst, Gußform,
die alles, was sie berührt, zum Bild macht, die ganze Welt.
Ich bin dein Sklave geworden, vielleicht gar dein Bürger,
und ich lechze danach, dich ganz zu trinken,
jede Pore mit deinem Glanz zu füllen – ihrer Freiheit.