Getagged: Ricardo Domeneck

81. Brazilian style

In diesem dritten und letzten Teil der Reihe Türme der Nachbarn: Brasilien schließt Ricardo Domeneck seine Darstellung der Brasilianischen Gegenwartslyrik ab (erster Teil, zweiter Teil). Wenn man alle drei Teile zusammen liest, dann ist dabei nicht weniger herausgekommen als eine Neufassung des Kanons brasilianischer Lyrikgeschichte. Hier wurde also lyrische Archäologie im besten Fall betrieben – von der Gegenwart schaute Ricardo auf eine Vergangenheit, die sich in einem ganz anderem Licht gezeigt hat. Die Betrachtung griff dabei weit hinter die Zeit der Kolonisation zurück, sie befasste sich mit Sprachpoesie und Ironie, der Waffe der Wehrlosen. Mit dem folgenden Artikel kommt sie an in der Gegenwart, die erst vor dem Hintergrund  dieser historischen Herleitung in ihrer Bezugnahme auf vielfältige Traditionen deutlich wird (auch diesen Artikel veröffentlichen wir zunächst im englischen Original; die deutsche Übersetzung wird so bald wie möglich nachgetragen)

Contemporary Brazilian Poetry, In The Singular:
Giving Voice to a Few Tongues, Silencing Hundreds
(in the best Brazilian style)

Auszug:

Despite the immense loss of poets that took place in the past decade (Haroldo de Campos, Hilda Hilst, Waly Salomão, Roberto Piva and Décio Pignatari are among the poets who died in the past 10 years), poetry remains one of the most active and strongest artforms in Brazil today. The most widely read and popular poet in the country is Manoel de Barros (b. 1916), a man who at 95 is still quite active and has recently released his Collected Poems. In what could easily be mistaken as simply nature poetry, Barros performs strange exercises in perception phenomenology.

from An Education on Invention

To enter the state of being a tree it’s necessary
to begin with a gecko’s amphibian torpor
at three in the afternoon in the month of August.

In two years inertia and scrub grass will begin
to expand our mouths. We will suffer
a little lyrical decomposition
until the scrub grass emerges in our speech.

For now, I have designed the smell of the trees.

(translated by Idra Novey, in Birds for a Demolition. Carnegie Mellon University Press, 2010)

Augusto de Campos (b. 1931), the last of the three great Noigandres poets, is still a driving force in Brazilian poetics through his work as a poet, critic and translator. He continues to play a role to us similar to that of João Cabral de Melo Neto: lessons in measure. Also, his incessant curiosity and experimentation with every possible support for poetry.

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72. Lyrikmarkt

Mit lyrischem Markttreiben, Lesungen und Musik bildet der Lyrikmarkt den mittlerweile traditionellen Abschluss des poesiefestival berlin: ein Ereignis rund um die Dichtkunst – unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt. Mehr als 30 Verlage, Antiquariate und Buchhandlungen laden am 13.6.2014 in und vor der Akademie der Künste im Hanseatenweg ein zum Schmökern und Stöbern in poetischen Neuerscheinungen, Fundstücken und Raritäten. Mit dabei sind sowohl Independent-Verlage wie kookbooks und das Verlagshaus J. Frank als auch große Häuser wie C. H. Beck.

Der Lyrikmarkt macht die verdichtete Sprache nicht nur les-, sondern in Dichterlesungen und Performances auch erleb- und hörbar. Hier kann die Bandbreite der deutschen und internationalen Gegenwartslyrik entdeckt werden, mit zahlreichen renommierten Autorinnen und Autoren wie Ulrike Draesner, Björn Kuhligk, Yang Lian und Ryan Van Winkle.

Das New Yorker Künstlerkollektiv aus Dichtern und bildenden Künstlern Collective Task versteigert Kunstwerke, die während des Festivals entstanden sind, und die Berliner Modedesignerin Lisa D lädt ein zu einer Mode-Poesie-Performance. T-Shirts können mitgebracht und mit Gedichten bedruckt oder vor Ort erworben werden.

Mit Preisträgern des lyrix-Schülerwettbewerbs des Deutschlandfunks sind auch die allerjüngsten Dichtungstalente mit auf der Bühne.

Begleitet wird der Lyrikmarkt von einem musikalischen Programm im Spannungsfeld zwischen Lyrik und lyrics. Bei Strangers by Day (Soul/Rock’n’Roll), Hoppe (Lyrik an Musik, mit Friederike Scheffler) und als Highlight die Singer/Songwriterin Masha Qrella mit Band gehen Popmusik und Dichtung auf tanzbare Weise in einander über.

Für Kinder gibt es ein eigenes Spiel- und Bastelprogramm rund um die Poesie. Essen und Getränke sind reichlich vorhanden und bei schlechtem Wetter wird die Veranstaltung in die Akademie der Künste verlegt.

Im Anschluss geben The Schwarzenbach und The Great Hans Unstern Swindel ein Konzert in der Akademie der Künste.

Das 15. poesiefestival berlin findet statt vom 5. – 13.06.2014 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org

Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Mit freundlicher Unterstützung durch: Auswärtiges Amt, Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, British Council, Creative Scotland

Fr, 13.06.2014, 15.00 – 20.00 Uhr

15. poesiefestival berlin

Lyrikmarkt

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Eintritt frei

Mit Lesungen von: Andreas Altmann, Maria Barnas, Ricardo Domeneck, Ulrike Draesner, Christian Filips, Anna Hetzer, Nancy Hünger, Björn Kuhligk, Yang Lian, Maria Natt, Kerstin Preiwuß, Stephan Reich, Katharina Schultens, Daniela Seel, Tzveta Sofronieva, Rainer Stolz, Christoph Szalay, Ryan Van Winkle, Charlotte Warsen, Ron Winkler, Judith Zander und Preisträgern des lyrix-Schülerwettbewerbs des Deutschlandfunk

Musikalisches Programm mit: Strangers by Day (Soul / Rock’n’Roll), Hoppe (Lyrik an Musik, mit Friederike Scheffler) und Masha Qrella mit Band (Indie-Pop)

56. “Lyrik im ausland”

Ricardo Domeneck, Birgit Kreipe und Rainer Stolz

Ricardo Domeneck, 1977 in São Paulo geboren, gehört zu den aufregendsten Stimmen Lateinamerikas, Er veröffentlichte fünf Gedichtbände, sowie Rezensionen und Übersetzungen in brasilianischen Zeitschriften und Zeitungen. Seine Gedichte wurden in Anthologien, u. a. in Deutschland, USA, Belgien, Spanien und Argentinien, übersetzt und publiziert. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt der Gedichtband “Körper: ein Handbuch.” im Verlagshaus J. Frank in der Übersetzung von Odile Kennel (2012). Seit 2002 lebt Domeneck in Berlin.
(Lesung findet in Portugiesisch/Brasilianisch, Deutsch u. Englisch statt)
http://www.belletristik-berlin.de/koerper-ein-handbuch

Birgit Kreipe, geboren in Hildesheim, Lyrikerin und Psychotherapeutin, lebt in Berlin. Neben zahlreichen Beiträgen für Zeitschriften (ostragehege, randnummer, edit u.a.) und Anthologien (Jahrbuch der Lyrik, Schneegedichte) sind von ihr die beiden Einzelveröffentlichungen “Schönheitsfarm” (2012) und “wenn ich wind sage seid ihr weg” (2010) erschienen. 2014 gewann Kreipe den Münchener Lyrikpreis, sowie den Irseer Pegasus Preis für ihre neuen Texte.
http://www.belletristik-berlin.de/schoenheitsfarm

Rainer Stolz, 1966 in Hamburg geboren. 1997 gründete er gemeinsam mit Lars-Arvid Brischke und Stephan Gürtler den Lyrikkreis „Die Freuden des jungen Konverters“, eine Gedicht-Werkstatt, die bis 2004 bestand. Für diesen Kreis gab Rainer Stolz gemeinsam mit Stephan Gürtler 2003 die Anthologie „Feuer, bitte! Berliner Gedichte über die Liebe“ (dahlemer verlagsanstalt, Berlin) heraus.
Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehören „Stuckbrüche“ (SuKuLTuR-Verlag, Berlin 2006), “Während mich die Stadt erfindet” (Elfenbein Verlag, Berlin, 2007). 2012 “Spötter und Schwärmer. Haiku-Vogelporträts” (Edition Krautgarten, St. Vith). Am 15. Mai wird Rainer Stolz, seinen jüngst erschienen Gedichtband “Selbstporträt mit Chefkalender” vorstellen (Edition Voss beim Horlemann Verlag, 2014)
Mehr unter: http://www.horlemann.info/edition-voss/lyrikpapyri/buchtitel/selbstportraet-mit-chefkalender-202.html

  1. Mai 2014
    Geöffnet ab 20 Uhr, Beginn der Lesungen um 21 Uhr.
    Eintritt: 5 Euro

ausland – Territory for experimental music, performance and art
Lychener Str. 60, 10437 Berlin

56. Hu yu yux

Charles Bicalho has worked and translated songs from the Maxakali, such as the “Sacred Song of the Leaf”, composed with an extreme economy of means. The poem-song, which the Maxakali call yãmîy in their language, fuses its rhythms with the very movements of nature, in a cycle of constant renewal and repetition. The movements of the leaf and the poem as interconnected:

hu yu yux
hu yu yux

leaf comes
flying with
yãmîy comes
falling with

leaf comes
flying with
yãmîy comes
falling with

hu yu yux
hu yu yux

Other invaluable efforts include the work of Pedro Cesarino, who has recently published a translation of the “Yawa shõka”, or “Song to attract wild pigs” from the Marubo people.

Bruna Franchetto is currently working on the translation of female songs from the Kuikuru, and Douglas Diegues, an important Brazilian poet living close to the border of Brazil and Paraguay – where the Guarani language is still spoken by a significant part of the population, has recently published his translation of the “Ayvu Rapyta”, a long and powerful poem from the Mbya Guarani.

Brazilian poetry hasn´t been totally impervious to these traditions. The most important Brazilian poet in the XIX century, Joaquim de Sousândrade (1832 – 1902), delved into the Amerindian cosmogonies to write his epic “O Guesa” (1884), of which the most famous canto is the highly experimental “Wall Street Inferno”, with its babelic poliphony of languages. / Ricardo Domeneck, Babelsprech

55. Contemporary Brazilian Poetry

Junge Dichtung gibt es in allen Ländern und wir wissen viel zu wenig davon. Mit der Reihe “Türmer der Nachbarn” wollen wir den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung erweitern. Wir sind froh, dass wir diese Erweiterung nun auch organisatorisch abbilden können, denn wir konnten das Hilda Magazine und die holländische Seite Samplekanon für eine Kooperation gewinnen. Nachdem Max Oravin im ersten Beitrag die junge Finnische Dichtung vorgestellt hat, widmet sich die folgende Serie der Dichtung in Brasilien. Ricardo Domeneck, Herausgeber von Hilda und Lyriker zwischen Brasilien und Berlin nähert sich mit angemessener Vorsicht einem Feld, das viel zu lange als ausschließlich Portugiesisch beschrieben worden ist. Aber Brasilien ist älter und jünger als die Geschichte portugiesischer Kollonisation, vor allem ist dessen Lyrik pluralistischer. Diese Vielfalt verfolgt der Autor in den kommenden drei Ausgaben. In diesem ersten Block zunächst einige grunlegende Überlegungen, eine historische Einleitung und ein Teil zur gegenwärtigen Performance Kunst in Brasilien. (Wir haben den Artikel nun zunächst im Englischen Original veröffentlicht; eine Übersetzung werden wir in den folgenden Wochen anfertigen und so bald wie möglich nachreichen)

Contemporary Brazilian Poetry, In The Singular:
Giving Voice to a Few Tongues, Silencing Hundreds
(in the best Brazilian style)

by Ricardo Domeneck

Auszug:

One of the huge problems in such a task is that Brazil, a country of continental proportions, tends to be seen by ourselves and others as “unified”. One language, one culture, much in the way we look at other continental-sized countries such as Russia or China, forgetting the myriad of “minor” languages spoken in the countries, unprotected by oficialdom, hiding “traditions-other”, if you allow me the strange construct.

This seems particularly forbidding for my present task when I think of Brazil, a territory where nothing is more efficient than the agents of the status quo. A Nation-State unified in its territory after the independence from Portugal, unlike Hispanic America which broke into several republics, because every single rebellion and every single revolution was crushed by a centralized Government without mercy. When asked why Brazil enjoys such an image of peace when discussed abroad, if I myself constantly talk of its violence, I usually say that this phenomenon takes place because at every instance of rebellion, nobody is left alive to tell the story.

I once wrote on the same matter saying that one must escape the danger of discussing “contemporary Brazilian poetry” as if “contemporary”, “Brazilian” and “poetry” possessed some sort of quidditas, a given essence agreed upon by all. Just to mention this fictive “Brazilianness”, Mário de Andrade, an important Modernist poet and theoretician from São Paulo, in the south of Brazil, once wrote in a poem about a man, living in the North and having just come home from work, ending the poem, called “Discovery”, with the line: “This man is as Brazilian as I am.” But are all experiences in the territory as Brazilian as the next one? Carlos Drummond de Andrade (1902 – 1987) had already questioned this in a poem apropriately titled “National Anthem”, from his first book, saying in its last lines:

“Our Brazil is in another world. This is not Brazil.
No Brazil exists. Would Brazilians however exist?”

And if they do exist, when have they begun to? Take any school manual for Brazilian Literature and the answer will be: 1500, with the “arrival” of the Portuguese, which I will ask your permission to rewrite here as the Invasion of the Portuguese. Their choice is political and clear: Brazil and Brazilians, and therefore Brazilian poetry, produce and express themselves in Portuguese.

But that lands us right back on the problem of some voices in the midst of much silence. Either we consider Brazilian Literary Tradition as beginning in 1822, when the country became independent of Portugal, or we must consider the production of signs in that territory from its very beginning. After all, German Poetry does not begin in 1871. Again, we are faced with a decision which is not only literary, but political.

Megalomaniac, maybe – but a political choice

This is not literary criticism, Ricardo. This is anthropology.”
a Brazilian poet and friend, reacting to the first draft of this article.

What Jerome Rothenberg has called Ethnopoetics in his critical work in the United States, has only found practitioners in Brazil in the past couple of decades. In anthologies like “Technicians of the Sacred” (1968) and “Shaking the Pumpikin: Traditional Poetry of the Indian North Americas” (1972), Rothenberg collected poetry from ancient cultures such as the Maya and Egyptian, along with poetry from the early 20th century indigenous cultures, creating parallels between their language art practices and those of our historical avantgarde which showed us the true meaning of what tradition could be, beyond our romantic notions of the “national”, and displaying what true historical synchrony could mean to our literary studies.

This is important to note because when I start discussing a few poets and poetic practices in Brazil today, conducted in Portuguese, it must be clear that several traditions are still active in Brazil today, in indigenous languages, striving to survive, and this article will have silenced all of them.

100. Welttag der Poesie & Indiebook Day

Gleich zwei Veranstaltungen geben Anlass, unseren Slogan »Poetisiert euch.« weiterzutragen: Am Freitag, 21.03.2014 ist UNESCO-Welttag der Poesie. Dieser Tag soll an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturgutes »Sprache« und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern. Zwei Autoren des Verlagshauses werden zu dieser Gelegenheit ihre Texte vorstellen: Ricardo Domeneck liest mit Johannes CS Frank aus seinem Band »Körper. Ein Handbuch« (2013, Verlagshaus J. Frank | Berlin) in der Stiftung Brandenburger Tor (20 Uhr, Max Liebermann Haus / Pariser Platz 7 / Berlin) und Jan Kuhlbrodt liest aus seinem Band »Stötzers Lied« (2013, Verlagshaus J. Frank | Berlin) im Einstein Kultur (19 Uhr, Einsteinstr. 42 / München).

Am Samstag, 22. März 2014, findet der 2012 ins Leben gerufene Indiebookday statt!
Wenn Sie schöne Bücher lieben, können Sie das an diesem Tag zeigen. Es ist ganz einfach: Gehen Sie in eine Buchhandlung Ihrer Wahl und kaufen Sie ein Buch eines unabhängigen kleinen Verlages! Fotografieren Sie das Cover und posten Sie es in einem sozialen Netzwerk. Alles zum Indiebookday finden Sie hier: https://www.facebook.com/events/594632953946479/

Unsere besondere Empfehlung für den Indiebookday ist der neue Erzählband voll exzentrischer Figuren, versteckter Falltüren, Stolperfallen und aberwitziger Einfälle von Carl-Christian Elze »Aufzeichnungen eines albernen Menschen« (2014, Verlagshaus J. Frank | Berlin). Sie finden den Band unter anderem in unserer Partnerbuchhandlung »Die Insel« (Greifswalder Str. 41 / Berlin), die anlässlich des Indiebookdays ein Schaufenster mit den neuen Büchern aus dem Verlagshaus gestaltet hat. Ein Besuch lohnt sich! Weitere poetisierte Buchhandlungen finden Sie hier: http://www.belletristik-berlin.de/buchhandlungen/

Und noch ein Hinweis in eigener Sache: Anlässlich des Indiebookdays kommen in der Reihe »We talk Indie« die kreativen Köpfe hinter den schönen Indie-Programmen zu Wort. Unser Interview können Sie hier nachlesen: »We talk indie: Im Gespräch mit dem Verlagshaus J. Frank | Berlin«

117. Quartett

DAS LYRISCHE QUARTETT VOM 20.11.2013
Mit Gast Nora Gomringer

In der letzten Ausgabe des Jahres 2013 komplettierte Nora Gomringer das Lyrische Quartett. Sie stellte Gedichte des brasilianischen Lyrikers Ricardo Domeneck vor, die in der Übersetzung von Odile Kennel im Verlagshaus J. Frank erschienen sind. In der Diskussion ging es ungewohnt deutlich zur Sache. Schon Gomringer betonte, es sei wichtig zu wissen, Domenecks „wunderbare“ Gedichte seien „wie die Männer, die er liebe: lang und schlaksig“. Die Runde lobte die „Anmut, Grazie und Lässigkeit“ der Gedichte genauso wie ihre Übertragungen ins Deutsche. Doch sie blieb nicht frei von streitbaren Aussagen. Harald Hartung formulierte den von ihm selbst so bezeichneten altmodisch-reaktionären Standpunkt, ein „normaler heterosexueller Mann“ finde hier „nicht so viel Nahrung“.

Auch die Besprechung von Steffen Popps mittlerweile drittem Gedichtband „Dickicht mit Reden und Augen“ (kookbooks) gestaltete sich kontrovers. Heinrich Detering, der das Buch vorstellte, sprach von „ungeheuer intellektuellen“ Gedichten, die ihn ganz im Gegensatz zu Popps Debüt „Wie Alpen“ enttäuscht hätten. Wieder fielen drastische Aussagen. Detering postulierte: „Er will da hin, wo Monika Rinck ist, aber die kann’s besser, und er sollte woanders hin.“ Kristina Maidt-Zinke hielt dagegen. Es gebe Vieles in den Texten, was in ihr Bilder und Vorgänge auslöse, die nachhaltig seien.

Dies alles sowie die Diskussion zu Sylvia Plaths Gedichten in der Übersetzung von Judith Zander („Der Koloss“, Suhrkamp) und den ‚Haltbarkeitstest‘ von Sarah Kirsch („Sämtliche Gedichte“, DVA) können Sie hier in Gänze nachhören.

55. Zíngano und Domeneck

Und langsam findet die brasilianische Lyrik auch ihren Weg nach Europa. Weitab von esoterischer Dichtung à la Paulo Coelho entwickeln junge Dichter eigene Konzepte und Gedankengänge. Eine davon ist Érica Zíngano. In ihren Gedichten benutzt sie gern banale Bilder, um Spannungen innerhalb der Sprache aufzudecken oder betont mit rhythmischer Monotonie den alltäglichen Trott. Ein anderer brasilianisch-stämmiger Künstler ist Ricardo Domeneck. Er verbindet Dichtung und Körper, rezitiert bei den Lesungen manchmal verkrampft und kurzatmig, manchmal entspannt und tanzend seine Gedichte. Bei beiden spielt der Rhythmus – in Form des getakteten Alltags oder als befreiendes Element – eine große Rolle. Im Lyrik Kabinett werden auch Texte von anderen brasilianischen Dichtern vorgestellt und von Zíngano und Domeneck gelesen. / Die Welt

ZEPPELIN poetico, Lyrik Kabinett (Amalienstr. 83/Rgb.), Dienstag, 20 Uhr, 7 Euro

28. Ricardo Domeneck

Schon seit zehn Jahren lebt der 1977 geborene Lyrik-Performance-Künstler in Berlin. Der Großvater stammte aus Katalonien, Domeneck ist ein katalonischer Name. Die Großmutter war Italienerin. In München, wo er anfangs Deutsch als Fremdsprache studierte, hatte er es ein knappes Jahr ausgehalten. Die Stadt war ihm zu teuer. Eigentlich wollte Domeneck nur ein Jahr in Deutschland leben, doch dann ist er geblieben. “Europa ist wichtig für meine Arbeit”, sagt Domeneck. “Hier gibt es ein Netzwerk experimenteller Lyrik, Festivals und einen Respekt für die Literatur, der in Lateinamerika oft fehlt.”

Domeneck ist es wichtig, mit seinem Körper zu arbeiten, er bewegt sich auf der Bühne, liest mit schmerzhaft verschränkter Körperhaltung oder verbindet Lyrik mit Tanz. In seinen Texten will er die Trennung zwischen Körper und Geist aufheben. “Ich arbeite an der Grenze dieser Dualität”, sagt er. Er will diese Grenze nicht mehr als Trennung sehen, sondern als Verbindung.

Deswegen bezieht sich Domeneck in seiner Lyrik immer auf den Körper. Der Titel seines kürzlich erschienenen zweisprachigen Gedichtbands lautet: “Körper: Ein Handbuch” (Corpo: Um Manual). Odile Kennel hat seine collageartigen Texte mit anatomischen Begriffen, Regionalismen, Gay-Slang und Alltagssprache nach Hunderten “Küchengesprächen” mit dem Autor feinfühlig ins Deutsche übersetzt (Verlagshaus J. Frank, Berlin 2013. 240 S., 16,90 Euro)

/ Süddeutsche Zeitung

83. Spuren

Jan Kuhlbrodt

Zu:
Thomas Brasch
Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte

(Gesendet am 24.5. auf Radio 98,1)

Am 20. Mai erschienen im Suhrkamp Verlag die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch. Ein Ereignis. Zumindest für mich.

Der folgende Text wird aus Thesen bestehen, denn abschließend ist zu Brasch nichts zu sagen. Brasch selbst ist nicht abgeschlossen.

Ein Gedicht aus dem Nachlass, das eine Replik auf ein anderes seiner bekanntesten Gedichte ist:

Der schöne 27. November

Heute hat die Post das neue Telefonfreizeichen eingeführt
Statt des mir seit meiner Kindheit bekannten Tüt tüt tüt,
höre ich seit heute Nacht 24.00 Uhr einen endlosen Ton.

Wer sagt noch, hier ändere sich nichts

Das Original: Der schöne 27. September begegnete mir kürzlich auf einer brasilianischen Seite im Internet:

O belo 27 de setembro

Eu não li jornal algum.
Eu não segui com os olhos mulher alguma.
Eu não abri a caixa dos correios.
Eu não desejei a qualquer um bom dia.
Eu não me olhei ao espelho.
Eu não conversei sobre os velhos tempos com ninguém,
nem sobre os novos tempos.
Eu não pensei sobre mim mesmo.
Eu não escrevi qualquer linha.
Eu não lancei os dados.

Der schöne 27. September: Ich habe keine Zeitung gelesen. / Ich habe keiner Frau nachgesehn. / Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet. / Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht. / Ich habe nicht in den Spiegel gesehn. / Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen / und mit keinem über neue Zeiten. / Ich habe nicht über mich nachgedacht. / Ich habe keine Zeile geschrieben. / Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht. (Thomas Brasch)

Ins Portugiesische übersetzt hat das Gedicht der brasilianische Dichter Ricardo Domeneck. Er freute sich riesig, als ich ihm von der Brasch-Ausgabe erzählte.

Wenn einer nicht nachlässt, bildet sich ein kräftiger Nachlass. Vor allem wenn er so früh zu leben aufhört. Die Gedichte dieses Bandes, die aus dem Nachlass zusammengesammelt wurden, übersteigen jene, die zu Lebzeiten Braschs veröffentlicht worden sind. Das mag daran liegen, dass Braschs Hauptarbeitsfeld die Dramatik war und der Film. Und dass es aktuell meiner Meinung nach keine besseren Shakespeareübersetzungen gibt. Sein Umgang mit dem Blankvers ist einzigartig.

Aber um Braschs Gedichte soll es hier gehen.

Anhand der Texte lässt sich ein Autor rekonstruieren, der vielleicht Brasch ist.
Anhand dieser Texte lässt sich einer Zeit rekonstruieren, die vielleicht die Zeit Braschs war.
Anhand dieser Texte lässt sich ein Deutschland rekonstruieren (das allerdings nie das Deutschland Braschs war. Sie haben aneinander vorbei existiert.)

SIE SUCHT IM FREMDEN LAND
WAS SIE IM KOPF NICHT FAND

Piwi fliegt in die andere Hälfte der Welt
Über die Mauer über den Kopf von Karl Marx
vom neuen Deutschland in das noch ältere Deutschland
Piwi landet zwischen Leuchtreklamen
Das war ein Flug!

Brasch ist Rock n Roll. Die Generation die unmittelbar zu Kriegsende auf die Welt kam, und die sich auf nichts berufen konnte, schon gar nicht auf ihre Eltern,
Gut, bei Brasch trifft das nicht zu. Seine Eltern kamen als jüdische bzw. der Vater als jüdischer und kommunistischer Emigrant nach Deutschland zurück. In die DDR zumal, die ihnen Heimat werden sollte, die für Brasch aber nicht Heimat wurde, die sein Vater nicht, aber er um einige Jahre überlebte.
Ein Gedicht erzählt auch von einer Großmutter, die den Krieg in Bayern als Frau eines Katholiken überlebte. (Als Nebenlektüre sei übrigens Marion Braschs Roman Ab jetzt ist Ruhe empfohlen. Hier findet sich die Version in der Erzählung der jüngeren Schwester.)

Ich bin der Sänger nicht das Lied.
Ich zieh den Vorhang auf,
leer ist die Szene.

So beginnt das Gedicht Jim Morrison. Und gerade in der vom Westen abgekoppelten DDR erlangte die Musik der Doors fast mythische Bedeutung. Einer meiner Klassenkameraden kam immer zum Todestag des Sängers mit einem Trauerflor in die Schule. Eines Tages musste er auch sein FDJ-Hemd am gleichen Tag tragen. Seine Trauer wurde ihm als politische Provokation ausgelegt. Aber vielleicht trauerten ja beide, Brasch und Jochen (so hieß der Mitschüler) um beides. Um Morrison und ihre verratenen Ideale. Jedenfalls endet das Gedicht folgendermaßen:

geh mit fremden Schritten fremde Wege
wechsel Haut und Hemden
bin ein Bauer, bin ein Präsident
und vergesse, wer ich war.
Bin das Lied bin nicht der Sänger.

Dieses Buch zieht Lektüren an, neue und vergangene neu. Viel Brecht lese ich nebenher. Vor allem im Lesebuch für Städtebewohner.

Braschs Texte aber beschwören eine historische Situation, die ich als Kind und Jugendlicher erlebte, und lassen mich aus dieser Situation das vergangene Jahrhundert rekonstruieren, zumindest den Teil, der sich in Europa abspielte, denn die Zeiten vergehen verschieden. Jede Region hat ihren Puls.
Mit der ersten Zeile, dem ersten Vers katapultiert dieses Buch mich zurück in die Zeit der Entstehung der Texte, obwohl ich damals, im Fall des Poesiealbums 1974 erst 8 Jahre alt war und mich mit ganz anderen Gedichten und Sprüchen beschäftigte.

Aber:
Gerade in den Texten aus dem Poesiealbum: nahezu klassische Balladen, sehe ich das, was subjektive Geschichtsschreibung sein könnte, oder wenigstens damit gemeint.
Und später als ich Brasch zu begreifen begann, war er weg. Viele Helden waren fort bevor sie meine Helden wurden, so auch Brasch. Nur Heiner Müller saß verborgen hinter einer Wolke aus Zigarrenrauch und harrte aus.

Auf dem Vorsatz des Bandes ein gereimtes Gedicht. Brasch geht außerhalb der Zeit und trifft sie vielleicht gerade darum. In diesen Gedicht das Wort Fool wird nicht übersetzt. Dann die Balladen aus dem Poesiealbum. Bilder eines versehrten Volkes, dem, nachdem der Krieg aus war, des Krieges Härte geblieben war. Momentaufnahmen der Mörder.
Und es gibt auch Theaterstücke in den Gedichten, was seine Richtigkeit hat und auf das gemeinsame Muttermal verweist: die gebundene Rede. Und auf Shakespeare.

Vielleicht waren Müller und Brasch die beiden Wege, die aus Brecht herausführten. Müller stieg in den Mythos hinauf in einer Wolke aus Havannarauch, bestellte Single Malt; Brasch trank am Kiosk ein Bier und rauchte eine Filterlose. In gewisser Hinsicht ist Aufstieg also eine Form des Bleibens, Abstieg aber, ist gehen.

Faszinierend ist, dass man erst nach dreißig Jahren merkt, dass Brasch Brecht gewissermaßen durchbuchstabiert. Zumindest mir geht das so. Sogar im einzelnen Text tut er das. Aber zentral schien ihm das Lesebuch für Städtebewohner zu sein.

Spuren verwischen

Die Zeilen verschwimmen die Zeichen
Ich habe sie geschrieben Ich kann
sie nicht mehr entziffern Erst
wenn ich tot liege unter der Erde
über die ich gegangen bin Kommt einer
und weiß was ich gemeint habe
Die Zeilen verschwimmen Die Zeichen

Brasch treibt Brecht zum Äußersten, in dem er ihn wiederbelebt, ihm dabei die arrogante Kühle nimmt, ihn mit Rockmusik anreichert. Weil Brasch z.B. die Frauen ernst nimmt, oder auf eine ganz andere Art ernst nimmt als Brecht. Für Brecht gab es nur die Hure und die Courage, beide verehrte er auf die je entsprechende Weise, aber als Typus. Sie sind Theaterfiguren, und Brecht ist sich ihrer Zuneigung sicher. Denn sowohl die Mutter als auch die Hure sind um ihrer selbst Willen auf ihn angewiesen.
Brasch hingegen verzettelt sich, würde Brecht sagen, in romantischer Liebe, nicht nur zu den Frauen im übrigen, und wird von ihr aufgezehrt. Brasch führt die Typen zurück in Individualität, macht aus Klassenangehörigen wieder Menschen.

DAS FÜRCHTEN NICHT UND NIE DAS WÜNSCHEN
darf mir abhanden kommen, auch mein täglich sterben nicht
das seellos süchtig sein auf keinen fall
nur hirnlos reimen wie ein wicht muß beendet werden

da ist ein gott und setzt sich zwischen alle stühle
er sieht genauso aus wie ich mich fühle.

An Brecht geschult meinten wir Nietzsche, wenn wir Marx sagten, wir wußten es nicht besser, und Brecht wahrscheinlich auch nicht. Brasch am wenigsten, oder am meisten.

Kranich

Du hast den Kranich gesehn
hoch oben
mit weiten Schwingen,
frei,
unendlich frei.

Doch tröste dich:
auch er muß sterben,
vielleicht bald.

Brasch abschließend = offenes Ende.
Das Buch ist aufwendig kommentiert und mit Reprints der Handschriften versehen, 1024 Seiten
€ 49,95.