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Brasilianische Gegenwartslyrik 3

Ricardo Domeneck, Lyriker zwischen Brasilien und Berlin, schließt im dritten Teil seines Brasilien-Beitrags die Darstellung der brasilianischen Gegenwartslyrik ab. Griff seine bisherige Betrachtung weit hinter die Zeit der Kolonisation zurück, kommt sie jetzt in der Gegenwart an und bereitet auf diese Weise eine Neufassung des Kanons brasilianischer Lyrikgeschichte vor. Damit setzt Domeneck die Reihe Babelsprech.International unter der Betreuung von Max Czollek und Max Oravin fort.

Zitat

In den 90ern hatten wir noch immer ein wesentliches modernistisches Vorbild im Werk von João Cabral de Melo Neto (1920 – 1999), der uns gelehrt hatte, „die Blume nicht zu parfümieren, das Gedicht nicht zu poetisieren“. Für uns war das nicht nur eine Lektion in Poetik, sondern auch in Ethik.

(…)

Augusto de Campos (geb. 1931), der letzte der drei großen Noigandres-Dichter, ist immer noch eine treibende Kraft innerhalb der brasilianischen Poetik durch seine Arbeit als Dichter, Kritiker und Übersetzer. Er spielt für uns eine Rolle ähnlich derer von João Cabral de Melo Neto: Lektionen im Maßhalten. Dazu seine unablässige Neugierde und Experimentierfreudigkeit mit jeder möglichen Grundlage für Dichtung.

(…)

Im neuen Jahrhundert wucherten die Forschungslinien ins Unermessliche, und brasilianische Dichter, obwohl mit einem starken Sinn für Gemeinschaft ausgestattet, scheinen allergisch gegenüber dem Begriff einer „Gruppe“ oder „Bewegung“ geworden zu sein. Es ist eine aufregende Zeit, mit Dichter so unterschiedlich wie Angélica Freitas, Juliana Krapp, Érica Zíngano, Fabiana Faleiros, Pádua Fernandes, Fabiano Calixto, Dirceu Villa, Marcus Fabiano Gonçalves oder Érico Nogueira.

poesiefestival berlin: Die Zukünfte der Dichtung

Grundsätzliche Fragen, neu gestellt: Am 21.6. beschäftigt sich das poesiefestival berlin mit der Zukunft der Lyrik. Wie werden Produktion und Rezeption internationaler Dichtung aussehen? Was kann ihr zukünftig als Sprachmaterial dienen? Wie verändert sich Lyrik durch das Internet, durch eBooks und Apps? Entstehen mit neuen Medien Erweiterungen des Lesens und Schreibens? Wie werden sich das Publikum, aber auch die Dichtung und das (Selbst-)Bild von Dichtenden verändern?

Die KünstlerInnen LaTasha N. Nevada Diggs, Ricardo Domeneck, Steven J. Fowler, Kenneth Goldsmith, Léonce W. Lupette, Tristan Marquardt, Cia Rinne und der Literaturwissenschaftler Peer Trilcke treffen sich in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, um in die Zukunft weisende Ansätze, Techniken, Methoden und Poetiken zu präsentieren und zu diskutieren. Sie denken praktizierte Ansätze konsequent weiter und skizzieren neue Konzepte. Schwerpunkte liegen dabei auf Lyrik für digitale Medien, auf vielsprachiger Dichtung und kollektiven Schreibprojekten.

LaTasha N. Nevada Diggs aus den USA ist eine mythenschöpfende DJane und Dichterin, die in ihren Texten mehr als ein Dutzend Sprachen (darunter Maori, Hindi, Urdu und Swahili) zu einem urbanen, babylonischen Gesang vermischt. Der in Berlin lebende Lyriker und Übersetzer Ricardo Domeneck veröffentlichte bislang fünf Gedichtbände in Brasilien und ist Mitherausgeber der literarischen Zeitschrift „Modo de usar & Co.“ Steven J. Fowler schreibt Kalligramme, konkrete Poesie und Lautdichtung, arbeitet mit bildender Kunst, Installation und Performance und initiiert internationale kollektive Schreibprojekte. Kenneth Goldsmith ist einer der Stars konzeptioneller Literatur in den USA. Er arbeitet mit unterschiedlichsten experimentellen Ansätzen und erweitert mit Verve und Humor die Grenzen dessen, was wir als Literatur zu betrachten gewohnt sind. 1996 gründete er UbuWeb, eine Internetplattform für Avantgarde-Filme, Sound und Poesie. Der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Léonce W. Lupette ist Mitherausgeber der Literaturzeitschriften „Alba – Lateinamerika lesen“, „karawa.net“ sowie der Reihe „luxbooks.latin“. Tristan Marquardt ist Mitglied des Berliner Lyrikkollektivs G13 und verfasst parallel zu seinem eigenen Schreiben auch Gemeinschaftstexte mit anderen Lyrikerinnen und Lyrikern. Die schwedische Lyrikerin Cia Rinne schreibt mehrsprachige visuelle und konzeptuelle Poesie. Dr. Peer Trilcke ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen, leitete das Projekt ›Geschichtslyrik‹ der Arbeitsgruppe für die Poetik lyrischer Literaturen und ist Mitherausgeber von ›Litlog. Göttinger eMagazin für Literatur – Kultur – Wissenschaft‹

So 21.6. 13:00
Colloquium: Die Zukünfte der Dichtung
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Clubraum
Eintritt € 8/5
Mit LaTasha N. Nevada Diggs (Dichterin, USA), Ricardo Domeneck (Dichter, Brasilien / Deutschland), Steven J. Fowler (Dichter, UK), Kenneth Goldsmith (Autor, USA), Léonce W. Lupette (Dichter, Argentinien / Deutschland), Tristan Marquardt (Dichter, Deutschland), Cia Rinne (Dichterin, Schweden / Deutschland), Peer Trilcke (Literaturwissenschaftler, Deutschland)
Moderation: Thomas Böhm (Literaturvermittler, Deutschland)

Gefördert aus Mitteln der Stiftung Preußische Seehandlung. Mit freundlicher Unterstützung durch: Auswärtiges Amt, Poetry International Rotterdam, Festival Internazionale di Poesia Genua, British Council und ECHOO Konferenzdolmetschen.
In Zusammenarbeit mit FIKTION und dem Haus der Kulturen der Welt.

Das 16. poesiefestival berlin findet statt vom 19. – 27.6.2015 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin.
Weitere Informationen unter www.poesiefestival.org

Im Verborgenen

Einen Großen, weithin Gerühmten und zugleich die Entdeckung eines lange unbekannten Dichters gibt es zu melden – mit „Im Verborgenen“ in der Nachdichtung von Jorgos Kartakis und Jan Kuhlbrodt legt das junge und hochambitionierte Berliner Verlagshaus J. Frank eine aufsehenerregende Auswahl aus dem Werk Kontantínos Kaváfis’ vor, die es so in deutscher Sprache noch nicht gegeben haben dürfte. (…)

Als „Diskretesten unter den Riesen“ bezeichnet Ricardo Domeneck in seinem Nachwort den Weitgereisten, der 1933 zum Sterben in seine und zugleich die Geburtsstadt Ungarettis zurückkehrt – alle Texte, die Kaváfis seiner homosexuellen Neigung widmet, sind dazu verdammt, „Im Verborgenen“ zu bleiben.

„Heute Nacht hatte ich die Idee, über meine Liebe zu schreiben. Allerdings werde ich es nicht tun. Wie viele Vorurteile gibt es gegen sie! Ich habe mich von ihnen befreit, aber ich denke an die, die immer noch von Vorurteilen versklavt sind, in deren Hände diese Seiten eines Tages fallen werden“, so der Dichter in seinem Tagebuch vom 9. November 1902. Und, nachgesetzt: „… ich halte mich zurück.“ In seinen Gedichten leuchten die Worte, die die Sehnsucht und Misere des Umgangs damit beschreiben und, anders als viele andere homosexuelle Künstler der Zeit, ihr Heil nicht in der Verbrämung einer ‚goldenen‘ Zeit in der Vergangenheit suchen, sondern in einer aufgeklärteren künftigen Epoche. / André Schinkel, Fixpoetry

Konstantínos Kaváfis
Im Verborgenen
Übersetzung:
Jan Kuhlbrodt · Jorgos Kartakis
Illustration: Anja Nolte. Nachwort: Ricardo Domeneck
Verlagshaus Berlin
128 Seiten · 14,90 Euro
ISBN: 978-3-940249-13-5

Gestorben

Wie ich zuerst bei dem brasilianischen Dichter Ricardo Domeneck lese, ist der portugiesische Dichter Herberto Helder (1930-2015) im Alter von 84 Jahren gestorben, “einer der größten Dichter der portugiesischen Sprache in der Nachkriegszeit”.

Eine portugiesische Nachricht hier.

In L&Poe: Lyriker aus Madeira

40. Neue Reihe Edition ReVers

Verlagshaus J. Frank | Berlin startet neue Lyrikreihe – ausgewählte Gedichte von Wladimir Majakowski, Konstantínos Kaváfis und Wilfred Owen in deutscher Erstübersetzung

Am 1. Oktober erscheinen die ersten drei Bände der neuen, hochwertig gestalteten Lyrikreihe Edition ReVers. In zweisprachigen und in zwei Farben (Gold/Schwarz) illustrierten Ausgaben mit offener Fadenheftung stellt der Berliner Verlag ausgewählte Gedichte von Wladimir Majakowski, Konstantínos Kaváfis und Wilfred Owen in deutscher Erstübersetzung vor. Für 2015 kündigt das Verlagshaus J. Frank | Berlin Gedichte der brasilianischen Lyrikerin Hilda Hilst (1930-2004) und des englischen Schriftstellers Siegfried Sassoon (1886-1967) an.

„Mit der Edition ReVers wenden wir uns internationalen Dichter_innen der Vergangenheit zu, die ein ganz besonderes poetisches Potential für die Gegenwart haben. Wir freuen uns sehr, mit Majakowskis Langgedicht ‚Der fliegende Proletarier‘ eine echte Entdeckung gemacht zu haben und diesen eindrucksvollen Text erstmals auf Deutsch veröffentlichen zu können. Auch die Hidden Poems von Kaváfis und zahlreiche Gedichte von Owen legen wir in unserer Reihe in deutscher Erstübersetzung vor. Für die Übertragungen haben wir die Gegenwartsautoren und -lyriker Jan Kuhlbrodt und Boris Preckwitz gewinnen können, die eine ganz eigene literarische Stimme haben. Ein wesentlicher Aspekt der Reihe sind zudem die Illustrationen: Die Illustrator_innen stellen sich den Texten, entwickeln künstlerische Positionen zu ihnen und entwerfen eine kontemporäre Bildsprache, die Leser_innen erste Zugänge eröffnen“, so Johannes CS Frank, Andrea Schmidt und Dominik Ziller, die Verleger_innen vom Verlagshaus J. Frank | Berlin.

Eröffnet wird die Edition ReVers mit Wladimir Majakowskis „Der fliegende Proletarier“. Das Lang­gedicht ist in der russischen Gesamtausgabe enthalten, fand aber keine Aufnahme in die beiden deutschen Gesamtausgaben. Das Gedicht ist über weite Strecken in einem atemlosen Telegrammstil abgefasst. Majakowski (1893-1930) setzt Verfahren ein, die er aus sozialistischer Werbesprache, dem Agitprop der Plakatkunst und den Szenenbeschreibungen seiner Film-Scripts entwickelte. Boris Preckwitz hat Majakowski aus dem Russischen ins Deutsche übertragen, Jakob Hinrichs die Ausgabe illustriert, das Nachwort ist von Jan Kuhlbrodt.

Konstantínos Kaváfis Gedichte „Im Verborgenen“, die u. a. die Homosexualität des griechischen Dichters thematisieren, versteckte Kaváfis (1863-1933) bei Freunden und Liebhabern. Die Hidden Poems wurden in Griechenland erst Anfang der 1990er Jahre veröffentlicht. Für das deutschsprachige Publikum werden sie jetzt zum ersten Mal zu lesen sein. Jorgos Kartarkis und Jan Kuhlbrodt haben die Texte übersetzt, Anja Nolte hat sie zeichnerisch kommentiert und interpretiert. Das Nachwort ist vom brasilianisch-Berliner Autor Ricardo Domeneck.

Wilfred Owen gilt als der wichtigste War Poet, seine Gedichte zählen zum kulturellen Gedächtnis Großbritanniens. Im deutschsprachigen Raum ist Owen hingegen kaum bekannt. In seinen Gedichten gibt der vier Tage vor Ende des Ersten Weltkrieges getötete Dichter Einblicke in das Grauen des Krieges und zeigt, wie Krieg Individuum und Gesellschaft prägt und verändert. Mit „Die Erbärmlichkeit des Krieges“ erscheinen die gesammelten Gedichte von Wilfred Owen (1893-1918) erstmals auf Deutsch. Erweitert wird die Ausgabe durch ausgewählte Briefe Owens. Johannes CS Frank hat die Texte übersetzt und ein Nachwort beigesteuert. Andrea Schmidt ist die Illustratorin des Bandes.

„poetisiert euch“ – lautet das Motto des Verlagshaus J. Frank | Berlin. 2015 wird der Independent-Verlag aus Prenzlauer Berg seinen 10. Geburtstag feiern. Schwerpunkte des Verlages liegen auf Gegenwartslyrik, Kurzprosa und dem Zusammenspiel von Illustration und Text.

81. Brazilian style

In diesem dritten und letzten Teil der Reihe Türme der Nachbarn: Brasilien schließt Ricardo Domeneck seine Darstellung der Brasilianischen Gegenwartslyrik ab (erster Teil, zweiter Teil). Wenn man alle drei Teile zusammen liest, dann ist dabei nicht weniger herausgekommen als eine Neufassung des Kanons brasilianischer Lyrikgeschichte. Hier wurde also lyrische Archäologie im besten Fall betrieben – von der Gegenwart schaute Ricardo auf eine Vergangenheit, die sich in einem ganz anderem Licht gezeigt hat. Die Betrachtung griff dabei weit hinter die Zeit der Kolonisation zurück, sie befasste sich mit Sprachpoesie und Ironie, der Waffe der Wehrlosen. Mit dem folgenden Artikel kommt sie an in der Gegenwart, die erst vor dem Hintergrund  dieser historischen Herleitung in ihrer Bezugnahme auf vielfältige Traditionen deutlich wird (auch diesen Artikel veröffentlichen wir zunächst im englischen Original; die deutsche Übersetzung wird so bald wie möglich nachgetragen)

Contemporary Brazilian Poetry, In The Singular:
Giving Voice to a Few Tongues, Silencing Hundreds
(in the best Brazilian style)

Auszug:

Despite the immense loss of poets that took place in the past decade (Haroldo de Campos, Hilda Hilst, Waly Salomão, Roberto Piva and Décio Pignatari are among the poets who died in the past 10 years), poetry remains one of the most active and strongest artforms in Brazil today. The most widely read and popular poet in the country is Manoel de Barros (b. 1916), a man who at 95 is still quite active and has recently released his Collected Poems. In what could easily be mistaken as simply nature poetry, Barros performs strange exercises in perception phenomenology.

from An Education on Invention

To enter the state of being a tree it’s necessary
to begin with a gecko’s amphibian torpor
at three in the afternoon in the month of August.

In two years inertia and scrub grass will begin
to expand our mouths. We will suffer
a little lyrical decomposition
until the scrub grass emerges in our speech.

For now, I have designed the smell of the trees.

(translated by Idra Novey, in Birds for a Demolition. Carnegie Mellon University Press, 2010)

Augusto de Campos (b. 1931), the last of the three great Noigandres poets, is still a driving force in Brazilian poetics through his work as a poet, critic and translator. He continues to play a role to us similar to that of João Cabral de Melo Neto: lessons in measure. Also, his incessant curiosity and experimentation with every possible support for poetry.

Mehr

72. Lyrikmarkt

Mit lyrischem Markttreiben, Lesungen und Musik bildet der Lyrikmarkt den mittlerweile traditionellen Abschluss des poesiefestival berlin: ein Ereignis rund um die Dichtkunst – unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt. Mehr als 30 Verlage, Antiquariate und Buchhandlungen laden am 13.6.2014 in und vor der Akademie der Künste im Hanseatenweg ein zum Schmökern und Stöbern in poetischen Neuerscheinungen, Fundstücken und Raritäten. Mit dabei sind sowohl Independent-Verlage wie kookbooks und das Verlagshaus J. Frank als auch große Häuser wie C. H. Beck.

Der Lyrikmarkt macht die verdichtete Sprache nicht nur les-, sondern in Dichterlesungen und Performances auch erleb- und hörbar. Hier kann die Bandbreite der deutschen und internationalen Gegenwartslyrik entdeckt werden, mit zahlreichen renommierten Autorinnen und Autoren wie Ulrike Draesner, Björn Kuhligk, Yang Lian und Ryan Van Winkle.

Das New Yorker Künstlerkollektiv aus Dichtern und bildenden Künstlern Collective Task versteigert Kunstwerke, die während des Festivals entstanden sind, und die Berliner Modedesignerin Lisa D lädt ein zu einer Mode-Poesie-Performance. T-Shirts können mitgebracht und mit Gedichten bedruckt oder vor Ort erworben werden.

Mit Preisträgern des lyrix-Schülerwettbewerbs des Deutschlandfunks sind auch die allerjüngsten Dichtungstalente mit auf der Bühne.

Begleitet wird der Lyrikmarkt von einem musikalischen Programm im Spannungsfeld zwischen Lyrik und lyrics. Bei Strangers by Day (Soul/Rock’n’Roll), Hoppe (Lyrik an Musik, mit Friederike Scheffler) und als Highlight die Singer/Songwriterin Masha Qrella mit Band gehen Popmusik und Dichtung auf tanzbare Weise in einander über.

Für Kinder gibt es ein eigenes Spiel- und Bastelprogramm rund um die Poesie. Essen und Getränke sind reichlich vorhanden und bei schlechtem Wetter wird die Veranstaltung in die Akademie der Künste verlegt.

Im Anschluss geben The Schwarzenbach und The Great Hans Unstern Swindel ein Konzert in der Akademie der Künste.

Das 15. poesiefestival berlin findet statt vom 5. – 13.06.2014 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org

Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Mit freundlicher Unterstützung durch: Auswärtiges Amt, Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, British Council, Creative Scotland

Fr, 13.06.2014, 15.00 – 20.00 Uhr

15. poesiefestival berlin

Lyrikmarkt

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Eintritt frei

Mit Lesungen von: Andreas Altmann, Maria Barnas, Ricardo Domeneck, Ulrike Draesner, Christian Filips, Anna Hetzer, Nancy Hünger, Björn Kuhligk, Yang Lian, Maria Natt, Kerstin Preiwuß, Stephan Reich, Katharina Schultens, Daniela Seel, Tzveta Sofronieva, Rainer Stolz, Christoph Szalay, Ryan Van Winkle, Charlotte Warsen, Ron Winkler, Judith Zander und Preisträgern des lyrix-Schülerwettbewerbs des Deutschlandfunk

Musikalisches Programm mit: Strangers by Day (Soul / Rock’n’Roll), Hoppe (Lyrik an Musik, mit Friederike Scheffler) und Masha Qrella mit Band (Indie-Pop)

56. “Lyrik im ausland”

Ricardo Domeneck, Birgit Kreipe und Rainer Stolz

Ricardo Domeneck, 1977 in São Paulo geboren, gehört zu den aufregendsten Stimmen Lateinamerikas, Er veröffentlichte fünf Gedichtbände, sowie Rezensionen und Übersetzungen in brasilianischen Zeitschriften und Zeitungen. Seine Gedichte wurden in Anthologien, u. a. in Deutschland, USA, Belgien, Spanien und Argentinien, übersetzt und publiziert. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt der Gedichtband “Körper: ein Handbuch.” im Verlagshaus J. Frank in der Übersetzung von Odile Kennel (2012). Seit 2002 lebt Domeneck in Berlin.
(Lesung findet in Portugiesisch/Brasilianisch, Deutsch u. Englisch statt)
http://www.belletristik-berlin.de/koerper-ein-handbuch

Birgit Kreipe, geboren in Hildesheim, Lyrikerin und Psychotherapeutin, lebt in Berlin. Neben zahlreichen Beiträgen für Zeitschriften (ostragehege, randnummer, edit u.a.) und Anthologien (Jahrbuch der Lyrik, Schneegedichte) sind von ihr die beiden Einzelveröffentlichungen “Schönheitsfarm” (2012) und “wenn ich wind sage seid ihr weg” (2010) erschienen. 2014 gewann Kreipe den Münchener Lyrikpreis, sowie den Irseer Pegasus Preis für ihre neuen Texte.
http://www.belletristik-berlin.de/schoenheitsfarm

Rainer Stolz, 1966 in Hamburg geboren. 1997 gründete er gemeinsam mit Lars-Arvid Brischke und Stephan Gürtler den Lyrikkreis „Die Freuden des jungen Konverters“, eine Gedicht-Werkstatt, die bis 2004 bestand. Für diesen Kreis gab Rainer Stolz gemeinsam mit Stephan Gürtler 2003 die Anthologie „Feuer, bitte! Berliner Gedichte über die Liebe“ (dahlemer verlagsanstalt, Berlin) heraus.
Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehören „Stuckbrüche“ (SuKuLTuR-Verlag, Berlin 2006), “Während mich die Stadt erfindet” (Elfenbein Verlag, Berlin, 2007). 2012 “Spötter und Schwärmer. Haiku-Vogelporträts” (Edition Krautgarten, St. Vith). Am 15. Mai wird Rainer Stolz, seinen jüngst erschienen Gedichtband “Selbstporträt mit Chefkalender” vorstellen (Edition Voss beim Horlemann Verlag, 2014)
Mehr unter: http://www.horlemann.info/edition-voss/lyrikpapyri/buchtitel/selbstportraet-mit-chefkalender-202.html

  1. Mai 2014
    Geöffnet ab 20 Uhr, Beginn der Lesungen um 21 Uhr.
    Eintritt: 5 Euro

ausland – Territory for experimental music, performance and art
Lychener Str. 60, 10437 Berlin

56. Hu yu yux

Charles Bicalho has worked and translated songs from the Maxakali, such as the “Sacred Song of the Leaf”, composed with an extreme economy of means. The poem-song, which the Maxakali call yãmîy in their language, fuses its rhythms with the very movements of nature, in a cycle of constant renewal and repetition. The movements of the leaf and the poem as interconnected:

hu yu yux
hu yu yux

leaf comes
flying with
yãmîy comes
falling with

leaf comes
flying with
yãmîy comes
falling with

hu yu yux
hu yu yux

Other invaluable efforts include the work of Pedro Cesarino, who has recently published a translation of the “Yawa shõka”, or “Song to attract wild pigs” from the Marubo people.

Bruna Franchetto is currently working on the translation of female songs from the Kuikuru, and Douglas Diegues, an important Brazilian poet living close to the border of Brazil and Paraguay – where the Guarani language is still spoken by a significant part of the population, has recently published his translation of the “Ayvu Rapyta”, a long and powerful poem from the Mbya Guarani.

Brazilian poetry hasn´t been totally impervious to these traditions. The most important Brazilian poet in the XIX century, Joaquim de Sousândrade (1832 – 1902), delved into the Amerindian cosmogonies to write his epic “O Guesa” (1884), of which the most famous canto is the highly experimental “Wall Street Inferno”, with its babelic poliphony of languages. / Ricardo Domeneck, Babelsprech

55. Contemporary Brazilian Poetry

Junge Dichtung gibt es in allen Ländern und wir wissen viel zu wenig davon. Mit der Reihe “Türmer der Nachbarn” wollen wir den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung erweitern. Wir sind froh, dass wir diese Erweiterung nun auch organisatorisch abbilden können, denn wir konnten das Hilda Magazine und die holländische Seite Samplekanon für eine Kooperation gewinnen. Nachdem Max Oravin im ersten Beitrag die junge Finnische Dichtung vorgestellt hat, widmet sich die folgende Serie der Dichtung in Brasilien. Ricardo Domeneck, Herausgeber von Hilda und Lyriker zwischen Brasilien und Berlin nähert sich mit angemessener Vorsicht einem Feld, das viel zu lange als ausschließlich Portugiesisch beschrieben worden ist. Aber Brasilien ist älter und jünger als die Geschichte portugiesischer Kollonisation, vor allem ist dessen Lyrik pluralistischer. Diese Vielfalt verfolgt der Autor in den kommenden drei Ausgaben. In diesem ersten Block zunächst einige grunlegende Überlegungen, eine historische Einleitung und ein Teil zur gegenwärtigen Performance Kunst in Brasilien. (Wir haben den Artikel nun zunächst im Englischen Original veröffentlicht; eine Übersetzung werden wir in den folgenden Wochen anfertigen und so bald wie möglich nachreichen)

Contemporary Brazilian Poetry, In The Singular:
Giving Voice to a Few Tongues, Silencing Hundreds
(in the best Brazilian style)

by Ricardo Domeneck

Auszug:

One of the huge problems in such a task is that Brazil, a country of continental proportions, tends to be seen by ourselves and others as “unified”. One language, one culture, much in the way we look at other continental-sized countries such as Russia or China, forgetting the myriad of “minor” languages spoken in the countries, unprotected by oficialdom, hiding “traditions-other”, if you allow me the strange construct.

This seems particularly forbidding for my present task when I think of Brazil, a territory where nothing is more efficient than the agents of the status quo. A Nation-State unified in its territory after the independence from Portugal, unlike Hispanic America which broke into several republics, because every single rebellion and every single revolution was crushed by a centralized Government without mercy. When asked why Brazil enjoys such an image of peace when discussed abroad, if I myself constantly talk of its violence, I usually say that this phenomenon takes place because at every instance of rebellion, nobody is left alive to tell the story.

I once wrote on the same matter saying that one must escape the danger of discussing “contemporary Brazilian poetry” as if “contemporary”, “Brazilian” and “poetry” possessed some sort of quidditas, a given essence agreed upon by all. Just to mention this fictive “Brazilianness”, Mário de Andrade, an important Modernist poet and theoretician from São Paulo, in the south of Brazil, once wrote in a poem about a man, living in the North and having just come home from work, ending the poem, called “Discovery”, with the line: “This man is as Brazilian as I am.” But are all experiences in the territory as Brazilian as the next one? Carlos Drummond de Andrade (1902 – 1987) had already questioned this in a poem apropriately titled “National Anthem”, from his first book, saying in its last lines:

“Our Brazil is in another world. This is not Brazil.
No Brazil exists. Would Brazilians however exist?”

And if they do exist, when have they begun to? Take any school manual for Brazilian Literature and the answer will be: 1500, with the “arrival” of the Portuguese, which I will ask your permission to rewrite here as the Invasion of the Portuguese. Their choice is political and clear: Brazil and Brazilians, and therefore Brazilian poetry, produce and express themselves in Portuguese.

But that lands us right back on the problem of some voices in the midst of much silence. Either we consider Brazilian Literary Tradition as beginning in 1822, when the country became independent of Portugal, or we must consider the production of signs in that territory from its very beginning. After all, German Poetry does not begin in 1871. Again, we are faced with a decision which is not only literary, but political.

Megalomaniac, maybe – but a political choice

This is not literary criticism, Ricardo. This is anthropology.”
a Brazilian poet and friend, reacting to the first draft of this article.

What Jerome Rothenberg has called Ethnopoetics in his critical work in the United States, has only found practitioners in Brazil in the past couple of decades. In anthologies like “Technicians of the Sacred” (1968) and “Shaking the Pumpikin: Traditional Poetry of the Indian North Americas” (1972), Rothenberg collected poetry from ancient cultures such as the Maya and Egyptian, along with poetry from the early 20th century indigenous cultures, creating parallels between their language art practices and those of our historical avantgarde which showed us the true meaning of what tradition could be, beyond our romantic notions of the “national”, and displaying what true historical synchrony could mean to our literary studies.

This is important to note because when I start discussing a few poets and poetic practices in Brazil today, conducted in Portuguese, it must be clear that several traditions are still active in Brazil today, in indigenous languages, striving to survive, and this article will have silenced all of them.

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