Getagged: Rainer Maria Rilke
24. Zu albern
Herrn Dotzauer stelle ich mir als ernsthaften Menschen vor, der zwischen seinen journalistischen Pflichten im, immerhin oder sozusagen Hochfeuilleton auch noch die Hochkultur à la Recherche du temps perdu, Tractatus logico-philosophicus oder Grundlegung zur Metaphysik der Sitten durchackert. Wie schnell entsteht da ein Widerspruch zwischen “der Kontingenz allen Wissens und der Begrenztheit des menschlichen Daseins”, sozusagen. Listen als Ordnungsfaktor könnten helfen, aber “ach, wie oft sind auch sie zu lang, und wie sehr strapaziert auch ihre Ordnung den geistigen Haushalt”.
Zu solchen Angestrengtheiten verführt ihn eine Ausgabe der Zeitschrift Edit (Nr. 61, 128 S., 5 €, http://www.editonline.de), und sichtlich goutiert er es nicht. Wie schnell kann sowas zu “neuen lebenszeitvernichtenden Abwägungen führen”. Tatsächlich, das steht da. Vielleicht sollte er einen weniger stressigen Beruf wählen? Wo er in Ruhe seinen Proust und Wittgenstein lesen kann und muß nicht in die Niederungen der Gegenwart abtauchen.
Aber nein, wahrscheinlich widerspräche das seiner (Rhein-Donau-Isarländer würden vielleicht sagen protestantischen) Arbeitsethik. Schließlich hat das hohe Feuilleton Verpflichtungen seiner konservativen Leserschaft gegenüber. Also meint er das alles ernst und will diese vor dem Verbrauch dieser 128 S., 5 € warnen. Dort trefft ihr so unernste Leute wie Monika Rinck oder Norbert Lange, die das Glück der Albernheit mit Kristevazitaten kaschieren. Aber der Tagesspiegelleser durchschaut das nun:
Doch so theoriegesättigt diese Prosa mit Zitaten von Foucault und Lévi-Strauss vor sich hinwuchert – es geht hier gerade nicht darum, etwas Bestimmtes zu sagen, sondern das Material so mürbe zu machen, bis es etwas Überraschendes preisgibt: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Neue, um ans Licht zu kommen, einen dunklen Korridor der Dummheit durchqueren muss.“ Und: „Womöglich bringt die poetische Sprache zur Akzentuierung ihres Aufklärungs- oder Erneuerungspotenzials immer ein gewisses Maß an Verdunkelung mit sich.“
Das ist ein Freibrief für vielerlei Unsinn – auch wo er sich wie bei Rincks Dichterkollegen Norbert Lange auf tiefe Bewunderung berufen kann. Die Proben aus seinen „Dummkopfelegien“, einer Hommage an Rilkes „Duineser Elegien“, drehen jedem Vers den lautlichen Kragen mittelhochdeutsch bis schwittershaft um. Der partielle Reiz des Verfahrens hat seinen Preis: Er zerstört Rilkes Gedanklichkeit, ohne ihr eine neue hinzuzufügen. Das Ergebnis ist nicht parodistisch, aber parasitär.
Zerstört Rilkes Gedanklichkeit, man denke! Lukács läßt auch grüßen. Nein, das können wir abschreiben. Ohnehin würde wohl kein Leser jenes sozusagen geschätzten Blattes die 5 Euro riskieren. Da verliert ihr eh nichts. Das ist nicht ernst, diese Zeitung überlassen wir den Biedermännern und Freizeitkantianern.
(Tiefe Bewunderung für Rilke, lieber Norbert, schützt auch nicht. Also dann!)
22. Lyrik auf die Straßen
Beim diesjährigen Sydney Writers’ Festival vom 18.-26. Mai werden die Müllautos zu Poesieträgern. Auf 11 Fahrzeuge werden Verse berühmter Dichter aufgesprüht, darunter W.B. Yeats, Judith Wright und Rainer Maria Rilke.
Hier die Liste der Titel:
- Rainer Maria Rilke (from “Archaic Torso of Apollo”) (tr: Stephen Mitchell)
- Gig Ryan (from “When I Consider”)
- Peter Porter (from “The Unicorn in Love”)
- Jessy Randall (“Why I had Children”)
- Martin Harrison (from “Walking Back from the Dam”)
- David Campbell (“Mothers and Daughters”)
- John Berryman (from “Eleven Addresses to the Lord”)
- W. B. Yeats (from “Vacillation”)
- Kevin Hart (from “Dark Bird”)
- Judith Wright (from “Sonnet”)
- Kay Ryan (“Fool’s Errands”)
- John Berryman (from “Op. posth. no. 13”)
- Laurie Duggan (from “Letter to John Forbes”)
- joanne burns (“revisionism”)
- John Berryman (from “Overseas Prayer”)
- Marilyn Hacker (“Villanelle for D.G.B.”)
- L. K. Holt (from “From Inside the MRI Scanner”)
- Judith Wright (from “Woman to Child”)
- S. K. Kelen (from “Reality Check”)
3. Erasures
Die neu entstandenen Gedichte selbst hingegen öffnen vielmehr Räume, bergen Schichten, in denen einerseits der nicht negierbare Bezug zu den Ausgangsgedichten mitschwingt, andererseits gerade durch die optische Darstellung des angewandten poetischen Verfahrens die Texte in Bewegung gesetzt und andere Lesarten ermöglicht werden. Dennoch ist man dabei teilweise versucht, dieses Verfahren thematisch allzu sehr in die Gedichte hineinzulesen. Dies birgt die Gefahr, manchen Texten eine mitunter unverhältnismäßig erklärende, illustrative Geste zu unterstellen und schließlich einzig darauf zu reduzieren, doch durch die Bedeutungsverschiebung der extrahierten Wörter schaffen es Hawkey und Wolf nach und nach eigenständige Gedichte herauszudestillieren, die weit über den Ausgangstext hinausweisen. Sie wecken sozusagen jene Gedichte, die noch unter der Vorlage schlummerten. Dadurch gelingt es den Beiden gleichzeitig aufzuzeigen, dass sowohl die AutorInnen als auch LeserInnen jeden Text stets aktualisieren, erweitern, verändern können bzw. müssen und dass die Arbeit daran kontinuierlich ist und nicht beendet werden kann, oder um Uljana Wolfs eigene Worte noch einmal zu verwenden: »das Herz des Textes bleibt nicht stehen, es springt.« / David Frühauf, Fixpoetry
Uljana Wolf, Christian Hawkey: Sonne from Ort. Ausstreichungen/ Erasures, engl./dt. nach den »Sonnets from the Portugese« von Elizabeth Barrett Browning und den Übertragungen von Rainer Maria Rilke. ISBN 978-3937445533. Euro 19,90 — Berlin kookbooks 2012.
Erasure als Reduktion und Bewusstseinswerweiterung. Nicht wenige Male über den Dämpfen der Korrekturflüssigkeit geschwindelt. Aber das Herz des Textes bleibt nicht stehen, es springt. Gehen die Dämpfe auch ins Hirn, wie Kleber as der löst, Kontrollverlust, Sprach- und Gangstörungen I compose the hole . Jedes Erinnern ist Überschreiben. Shudder Islands. Aufblitzende schwarze Textfragmente, Inseln, in weißes Licht getaucht. Was ist darin gefangen. Gestern las ich, heute vergaß ich, morgen überschreib ich mir der Königin ihr Kind. Rumpelstilzchen tanzt so lange, bis man seinen Namen nennt. Dann zerreißt er sich und fährt in die Erde, ein anderes Land, wo er ein Literaturarchiv gründet und wartet, bis man ihn wieder zusammenfügt. Was geschieht dann mit seinem Namen? I sang my name but it sounded strange / I sang the trace then // without a sound, / then erased it. (Michael Palmer)
Lesen ist die intensivste Form des Übersetzens, Übersetzen ist die intensivste Form des Schreibens, Schreiben ist die intensivste Form der Auslöschung. Ich sehe in mir die Möglichkeiten für die jeweilige Neuschreibung des Textes. Auflesen. Hänsel und Gretel. Der neuschreibende Leser macht aus dem Text kein Ganzes, er fügt ihm weiteres Material, Fragmente, Möglichkeiten hinzu. In diesem Sinn ist Lesen nie Vervollständigung eines Textes. Eher seine aufgefächerte Behinderung. Lesen und Übersetzen als Verhinderung, disability. Die Verleger des amerikanischen Verlags Action Books, Joyelle McSweeney und Johannes Göransson, veröffentlichten gegen die Übersetzungsmüdigkeit ihres Landes, gegen den Hunger des Marktes nach „glatten“ Texten ihr Manifesto for the Disabled Text. Der zweite Absatz liest sich wie ein Argument für erasures
Uljana Wolf: Ausweißen, Einschreiben. In: karawa.net 04
77. Traum von Rilke
Sonntag, 29.7.24
Ich habe übrigens auch wieder geträumt. Der Butzer gab mir ein ganz altes Buch aus streifigem Büttenpapier, die meisten Blätter waren leer, auf einigen waren Betrachtungen von Km.s Vater.
Dann zeigte mir Toni Benario, die sehr gut zu mir war, einen Film: “Rainer Maria Rilke als Hühnerzüchter”, ich dachte im Traum, den mußt du Km. zeigen, dann geht er auch einmal ins Kino.
Hans Fallada: Strafgefangener, Zelle 32. Tagebuch. Berlin: Aufbau 1998, S. 143.
74. Ottokar Kernstock
Die Magistratsdirektorin gab ein Gedicht zum Besten: “In der Christnacht” von Ottokar Kernstock. Während dieses Werk unverfänglich ist, gilt das für seinen Verfasser nicht.
“Kernstock war kriegstreiberisch, völkisch und ein Antisemit”, sagt Klaus Amann, Professor für Neuere Deutsche Sprache und Literatur an der Uni Klagenfurt. Der 1928 verstorbene Kernstock gilt den einen als Heimatdichter, den anderen als ein Wegbereiter der Nationalsozialisten. Sein “Hakenkreuzlied” lässt aber keinen Zweifel offen, wem darin Kernstocks Sympathien gelten. / Kleine Zeitung
Kernstock ist ein steirischer Heimatdichter, der mich nicht besonders interessiert. Sehr schlichte Reimereien, die natürlich ihre Leser finden, ein beliebiges Beispiel:
Nicht vergessen soll ich deiner?
Sag, wie könnte das gescheh’n
Dich vergißt im Leben keiner,
Der dich einmal nur geseh’n.Als du jüngst in Festgewanden
Durch den hohen Saal gewallt,
War’s, als käm’ aus Feenlanden
Elfe Märchens Huldgestalt.
Projekt Gutenberg veröffentlichte einige Gedichte und schreibt in der Einleitung:
Er trat während seines Studiums in Graz der schlagenden Burschenschaft ‘Gothia’ bei.
Dort liegt der Ursprung jenes aggressiven Deutschnationalismus, der Kernstocks Priesterberuf zuwiderlief, aber sein gesamtes dichterisches Werk prägt.
Ich rücke die Nachricht aus der steirischen Provinz hier nur ein, weil Information nie schadet und weil man über das Problem immer wieder nachdenken muß. “Darf” man Weihnachtsgedichte von NS-Sympathisanten vortragen? Ein Leserkommentar sagt:
Heute aber gibt es eine Reihe von Gesetzen, die noch aus der NS-Zeit stammen, zum Beispiel geht das heutige Jagdgesetz weitgehend auf Herrmann Göring zurück. Oder die Krichensteuer usw… Wäre wohl zielführender damit mal aufzuräumen!!!
Aus dem Austria-Lexikon:
1916 hätte Kernstock Leiter des Germanistischen Seminars der Universität Wien werden sollen. Karl Kraus protestierte dagegen in der Fackel und nannte ihn den „blutigsten Dilettanten der Weltkriegslyrik.” Kernstock verzichtete auf die Position. 1919 wurde er Ehrendoktor der Universität Graz. 1920 erhielt er zusammen mit Rainer Maria Rilke den Mejstrik-Preis. (Der historische Mejstrik-Preis wurde 1920 erstmals verliehen zur Erinnerung an den Wiener Buchhändler und Schriftsteller Adolf Mejstrik (*1840; †1918), der sich große Verdienste um den Wiener Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung erworben hatte.)
Mehr von und über Kernstock
Anders als Christine Lavant gibts den Kernstock bei Wikipedia auch auf Arabisch (mit Link aufs Hakenkreuzlied) und anders als Christine Busta auch auf Russisch
35. Straßensperrung wegen Lyrik-Lesung
… in Lorsch:
dieses Mal fanden sich neben den bewährten Dichtern auch viele Liedtexter, Erich Kästner, Marie Ebner-Eschenbach, Rainer Maria Rilke, Kurt Tucholsky, Elisabeth Lukas und sogar Reinhard Mey. mehr
69. Rilkes Handschrift
Und jetzt, dem Wallstein-Verlag zu danken, gibt es erneut einen Druck, der mit Rilkes Handschrift erfreut.
Zwei schwarze Pappbändchen, im schmucklosen Schuber präsentiert, stellen das »Berner Taschenbuch« mit dem zweiten Teil der »Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« vor. Das Buch, 1904 in Rom begonnen, 1910 im Insel-Verlag erschienen, Rilkes einziger Roman, steht am Beginn der Moderne, ein Prosawunder aus Notaten, Erinnerungen, kleinen Erzählungen, Gleichnissen. In suggestiven Bildern beschreibt es geheimnisvoll und ergreifend die Gefährdung des Menschen, seine Not, seine Einsamkeit. Der Text stand in zwei Taschenbüchlein. Das erste ist nicht überliefert, das zweite, aufbewahrt im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, gibt Einblick in den Arbeitsprozess. Rilke schrieb mal mit der Feder, mal mit Bleistift, mal flüssig, mal eher stockend. Ganze Passagen hat er verworfen, gestrichen oder geschwärzt, es gibt Seiten fast ohne Korrekturen und Abschnitte, die intensiv überarbeitet wurden. Und hinten steht eine Arbeitsliste mit stichwortartigen Einträgen für Passagen, die noch eingefügt werden sollten. Zum ersten Mal kann man somit auch all die Teile lesen, die im Druck nicht erscheinen. / Klaus Bellin, Neues Deutschland
Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Faksimile und textgenetische Edition, hg. von Thomas Richter und Franziska Kolp. Nachwort: Irmgard M. Wirtz, Wallstein Verlag. , zus. 492 S., geb., 39,90 €.
30. Der George-Ton
Als ich Stefan George entdeckte, verstreute Gedichte, dann ein Reclamband und Antiquarisches, warnten mich alle: Den findest du gut? Sogar eine Studentin aus Kairo, die bei einem DDR-Germanisten Deutsch gelernt hatte und die es nach Greifswald verschlug, sagte es mir.
Ja, ich fand ihn gut und erst recht interessant.
In letzter Zeit scheint Zustimmung zu überwiegen, ach was: Verehrung. Biographie auf Biographie zelebriert das Heilige Deutschland*, Fauxpas, aber den heiligen Dichter doch? Ein Held des konservativen Feuilletons, endlich wieder…
Ein angesagter Dichter. Aber man wird doch lästern dürfen. Der George-Ton.
O wir verstehen ja, was die Konservativen entzückt. Da gelten noch Werte. Ein Mann ist ein Mann, stark, edel und mutig, der Dienst ist notwendig, der Feind ist tückisch und wird besiegt, im Wald haust (nicht wohnt) Unheil, reichlich Fahnen und Glocken begleiten das Tun der Edlen, der Teich ist ein Weiher, die Wege Pfade, die Ufer Gestade, man betet zu Wolkenthronen, und immer ein Führer führt uns in der Not:
Er kennt kein sinnen und kein wanken ·
Die bösen fühlten seine wut ·
Die armen die zu fuss ihm sanken
Verteilten sich sein ganzes gut.
Er wird mich immer unterweisen
Im graden wandel vor dem Herrn ·
Mein bruder ist aus wachs und eisen ·
In seinem schutze weil ich gern.
Amen. Die Jamben hauen die Welt zu handhabbaren Stücken. Da troff erfüllung aus geweihten händen.
Metrum, Reim, Wortwahl, alles steht im Dienst der Ordnung. Auf die Adjektive ist Verlaß. Die Stadt ist hehr, das Kleinod köstlich, die Jugend frisch, der Äther rein, das “Haupt” – na was wohl, blond. Kurz, Georges Verse bestehen aus dem, was Gottfried Benn den seraphischen Ton nennt.
Selbst in den guten Gedichten gibt es so Stellen. Eins der besten und berühmtesten:
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade ·
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·
Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·
Erlese küsse sie und flicht den kranz ·
Vergiss auch diese lezten astern nicht ·
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Hier stimmt ja gar nicht, was der Spötter über die Adjektive sagte. Der totgesagte Park: mit einem einzigen überraschenden Adjektiv entsteht ein Vorgang, der uns packt. Die Gestade, Weiher und Pfade zugestanden: sie werden von den Adjektiven gemildert, wo nicht ins Überraschende gewendet: lächelnde gestade, unverhofftes blau. Die dritte Zeile ist eine Sensation (das Wort bedeutet eigentlich Empfindung, Gefühl). Nicht in seinen Verlaine-Übersetzungen: hier ist er Verlaine ganz nah. Ein fast perfektes Gedicht: einzig die letzte Zeile der mittleren Strophe gemahnt an die Süßigkeit des Georgetons in den kostbaren (erlesenen) Verben für effeminierte Tätigkeit. Die schöngezeichnete Natur wird – erst hier und nur hier – ins Sakrale gewendet. Die letzte Strophe kehrt zu Konkretem zurück und mündet in den Auftrag an den Dichter. Das letzte Wort, “gesicht”, wird durch die konkrete Tätigkeit des “Verwindens” und das detailreiche Herbstbild aus dem Sakralen (das unsere Heinis so lieben) ins Künstlerische gewendet.
***
Daß ein jüngerer Dichter auf George verweist, war mir zuerst bei Thomas Kling aufgefallen. Seine Anthologie “Sprachspeicher” bringt nur ein Gedicht von Nietzsche, aber 6 von George. 6 ist die Höchstzahl, die bekommen nur die Größten: Walther von der Vogelweide, Goethe, Hölderlin, Rilke, Trakl, Benn und Celan. Und eben George. Dann geht es runter, Heine 5, Droste 4, Brecht 2. Ganz und gar nicht gegenkanonisch.
Und doch fällt auf, daß seine Auswahl gegen den Strich gebürstet ist. Auf der Suche nach schwachen Stellen, Parfüm und Gips wird man gar nicht fündig. Kein einziges seraphisches Gedicht. Bis auf den totgesagten park: Wenig Bekanntes. Überraschendes. George hat Poesie, ja Humor! Die Kinder flennen. Bis er sie festet. Mit diesen 6 Gedichten läßt sich starten.
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* Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg rief das, als er erschossen wurde. Oder war es „Es lebe das geheime Deutschland!“? Jedenfalls irgendwas mit George. Auf einen Verriß des Stauffenbergfilms schrieb jemand (Originalwortlaut):
Lieber Kritiker,
dieser Film war sein Geld wert und natürlich sitzen in diesem Saal auch Neonazis. Den lettzten Satz den Sie andeuten stammt von Oberst Stauffenberg. Er war nie so ein Widerstandskämpfer wie alle glauben, trotzdem wird er als das verehrt. Sein letzter Satz: „Es lebe das heilige Deutschland“ steht für seine Liebe zu seinem Vaterland, er ist und war ein Patriot und ist mit seinen letzten Worten auch so gestorben. Hätte er das nicht gesagt, wäre er ein vollkommender Verräter gewesen.
Es lebe das heilige Deutschland!
(Man sieht, heilig und richtig gehn nicht immer konform). Hier mehr http://sherman.blogsport.de/2009/01/27/lang-lebe-das-heilige-deutschland-oder-warum-stauffenberg-kein-held-ist/
121. Lieder
Kein anderer namhafter Komponist hat sich in den letzten Jahrzehnten so beharrlich auf das Lied eingelassen wie Wolfgang Rihm. Als bürgerliche Kunstform par excellence war gerade das Klavierlied in der Nachkriegsmoderne in eine Krise geraten. Rihm konnte es für sich zurückgewinnen, indem er in den 1970er Jahren ein Projekt über die Krise des bürgerlichen Subjekts daraus machte – mit Vertonungen grenzgängerischer Dichter wie Hölderlin, Celan oder Ernst Herbeck. Vergleicht man die expressive Überschärfe und das versehrte Singen im grandiosen «Wölfli-Liederbuch» von damals mit Fluss und Melos in den Rilke- oder Goethe-Stücken der letzten Jahre, wird der weite Weg deutlich, den Rihm seither stilistisch gegangen ist. / NZZ 5.7. über
Etwas Neues entsteht im Ineinander. Wolfgang Rihm als Liedkomponist. Die Gedichtvertonungen. Hrsg. von Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Rombach-Verlag, Freiburg im Breisgau 2012. 228 S., € 22.–.
79. “Ein nicht immer gelungenes, gleichwohl durchkomponiertes poetisches Gebilde”
Die argumentativen und ästhetischen Schwächen von Was gesagt werden muß waren nicht zu übersehen. Eine Lektüre des neuen Gedichts verlangt mehr.
Die meisten Kritiker haben sich mit dem Hinweis begnügt, das Gedicht bestehe aus „zwölf je zweizeiligen Strophen“. Dass Grass auf die antike Form des elegischen Distichons zurückgreift, ist dabei übersehen worden. Zwar sind die Verse von Europas Schande keine klassisch streng gebauten Hexameter und Pentameter, sondern eher Freie Rhythmen, die sich, unter Benutzung verschiedener Metren, zumindest an der für das Distichon typischen Sechshebigkeit orientieren. Solche rhythmische Freiheit ist seit Rilkes Duineser Elegien aber nicht mehr ungewöhnlich. literaturkritik.de
