Lyrikzeitung & Poetry News

12. Mai 2012

37. Kauder kümmert sich

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 08:15

Alles wird gut:

Jeder Musiktitel, jedes Gedicht, jeder Film ist ein Werk, dem Respekt entgegenzubringen ist. (Kauder hilft den Künstlern)

Der Staat wird sich also um jedes Gedicht kümmern. Wenn das nicht schöne neue Zeiten sind. Mehr Respekt, meine Herren! Ihre Abmahnanwälte.

Auch schön:

Die Politik muss die Grundlagen erhalten, dass Künstler von ihrer Arbeit leben können

Mehr zum Thema:

Autorenförderung? Hungert sie aus! / FAZ

27. April 2012

102. Mosebach erklärt die Welt

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , , , , — lyrikzeitung @ 23:16

Wo? Natürlich in der “Welt“.

Die sagt:

Der Büchnerpreisträger vertritt einen konservativen Katholizismus, setzt sich für die Rückkehr zur tridentinischen Liturgie ein und sieht die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils skeptisch. Er meint: Dass ausgerechnet der Osten Deutschlands, die Heimat der Reformation, immer gottloser werde, “hat seine Logik”.

Aber über den Einfluß der DDR auf das Zweite Vatikanische Konzil sagt er dann nichts weiter. Ja, er entlastet die DDR sogar auf seine Weise. Eigentlich war weniger der Saarländer Honecker als der Mitteldeutsche Luther die Wurzel des Übels. Denn:

Der Sozialismus war zwar sehr eifrig in der strammen atheistischen Erziehung, aber das war er auch in anderen Ländern, in Russland, Polen oder Rumänien. Dort ist die Kirche wieder erstarkt, als der Sozialismus gestürzt war. Moskau hat heute Hunderte von Kirchen. Zur bolschewistischen Zeit gab es dort nur drei Kirchen, in denen noch die Liturgie gefeiert wurde.

Warum ist das in Ostdeutschland anders?

Weil es das Erbe Preußens hat. Es gab in Preußen seit dem 18. Jahrhundert einen die Kirche aushöhlenden Prozess. Friedrich II., dessen religiöse Toleranz in diesem Jahr so gefeiert wurde, war ja nur deswegen so tolerant, weil er die Religion verachtete, sich geradezu vor ihr ekelte.

Aber man muß weiter zurückblicken. Zu Luther natürlich, aber auch das reicht nicht. Denn hinter Luther steht Herrmann der Cherusker, der ein rechter barbarischer gottloser kommunistischer Bazi war:

Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte.

So erschließt sich dem wahrhaft Gläubigen auch das Armutsgefälle in Deutschland:

Gegenwärtig ist Religion dort stabiler, wo der wirtschaftliche Erfolg ist, wo es ein etabliertes Bürgertum gibt. Die Erfolgreichen, die mit der modernen Welt Zurechtkommenden sind heute eher auch die Gläubigen. In Ostdeutschland leben immer mehr Atheisten – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neuen Bundesländer nicht gerade Horte der Innovation, des Produzierens und der Vitalität sind.

So könnte man gleich die Probleme des Ruhrgebiets mit lösen. Statt das katholische Geld in den Osten zu pumpen könnte man 25 Millionen Bibeln abwerfen. Da kämen auf jeden Erwachsenen 2 bis 3, und billiger wärs trotzdem noch. Mal bei den Salafisten nachfragen.

Überhaupt ist das mit dem Islam gar nicht so schlimm, wie uns die gottlos-kommunistisch infiltrierten Geheimdienste glauben machen wollen, denn siehe:

Die Sorge vor dem Islam in Deutschland ist weniger eine Sorge von Christen als von Leuten, die sich von der Kirche schon sehr weit entfernt haben. Die empfinden Religion an sich als gefährlich, und im Islam sehen sie eine Rückkehr der Religion.

Ist Ihnen aus christlicher Sicht ein Muslim lieber als ein Atheist?

Was heißt lieber. Er ist mir auf jeden Fall näher. Selbstverständlich.

(Man müßte auch mal die Religiosität des Innenministers prüfen!) Oder die von Bundespräsidenten:

Aber der Satz “Der Islam gehört zu Deutschland” ist eine verantwortungslose und demagogische Äußerung. Was hat der Islam zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen?

(Was sagt Gauck dazu – auch so ein Cherusker). Meinem gottlosen Sinn fällt jedenfalls Goethe ein, und daß der deutsche Kaiser Friedrich II. [bei dem Namen wundert einen garnix], an dessen Hof in Sizilien das Sonett erfunden wurde, Arabisch verstand, und daß die Muslims in Andalusien Wörter wie Alchemie, Algebra oder Alkohol zurückließen. Auch las ich von Untersuchungen zur Rolle der Muselmanen bei der Rezeption der aristotelischen Poetik und im Reim- und Gedankenbau der Comedia Dantes.

Aber auch mit Goethe kennt der Turbokatholik (Perlentaucher) sich aus.

In Goethes “Buch des Parsen” kam der Zeitgeist zum Ausdruck: “Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung.” Das war ein Protestantismus, der die Verbindung zu Sakralität und lebendiger Christus-Beziehung weitgehend verlassen hat.

Ogott – womit hab ich mich da bloß wiedervereinigt?

Aber nun ist mal Schluß mit lustig. Morgen heb ich meinen Anteil am Westosttransfer ab und nehm mir einen Anwalt, der gegen Mosebachs Welt wegen Diskriminierung und Verletzung meiner Menschenwürde Klage einreicht. Noch einmal Mosebach:

Diejenigen, die religiös unmusikalisch sind – wie man das heute so flott formuliert -, sind in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt.

Herr, wirf Hirn vom Himmel! Aber bitte in Steinguttöpfen und diesen Stammtischkatholen auf den Brägen!

(Fortsetzung: Mosebach erklärt die Lyrik, demnächst hier, inschallah.)

23. April 2012

84. Keine Empathie

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Israel — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 22:58

Wenn die Debatte um Günter Grass’ Gedicht-Pamphlet «Was gesagt werden muss» jenseits der breiten Zurückweisung durch die Intelligenzia eines gezeigt hat, dann, dass es dem Internet-Mainstream zunehmend an Empathie für Israel gebricht. / Andreas Breitenstein, NZZ

15. April 2012

52. Das kann er auch

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 01:06

Das war zu befürchten. Der Nobelpreisträger organisiert eine der größten Lyrikdiskussionen und tausend Hobbydichter zücken die Bleistifte. Darunter der Politiker und Grassfreund Egon Bahr:

Freund Israels bleibe ich, auch wenn seine Regierung Fehler macht.
Freund von Grass bleibe ich trotz der Fehler in seinem Gedicht.
Ein Dichter ist keine Regierung und ein Gedicht keine Atomwaffe.

In der Sorge vor einem Erstschlag ist Grass mit der amerikanischen
Außenministerin einig, wenn sie vor einem Präventivschlag warnt.

(…)

/ mehr

5. April 2012

16. Kein Ende

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 08:34

Mehr als 1500 Nachrichtenbeiträge zu Grass’ Israelgedicht meldet Google. Literarisch ist es ja nicht so bedeutend, daß man sich lang aufhalten müßte. Und die Welt ist wie sie ist, Empörung zwecklos. Die Boulevardblätter verteidigen Israel, Linke geben Grass recht. Und bei den Stammtischen wird Grass punkten.

Was sagt das Ausland? Focus zitiert La Repubblica“:

„Günter Grass tritt wieder auf den Plan. Und er tut dies mit einem lyrischen Text, der dazu bestimmt ist, einen Streit auszulösen. Der Literatur-Nobelpreisträger meint, dass Israel die wahre Gefahr für den Frieden ist und nicht der Iran. Die israelische atomare Abschreckung ist es und nicht das Arsenal, von dem es heißt, Mahmud Ahmadinedschad baue es auf. Das Ergebnis seines Gedichts besteht allein darin, ein konfuses Rauschen zu erzeugen, eine unmögliche Gleichstellung von Israel mit dem Iran, eine unglaubwürdige Verdrängung jener Bedrohung, die das Regime in Teheran für Jerusalem darstellt. (…)

In diesem ganzen (Konflikt) ist das Schweigen Europas ohrenbetäubend. Das Europa nach dem deutschen Maß von heute ist ein politischer Zwerg, eine schweigende Zuschauerin. Es wird jedoch kein Gedicht sein, das Europa aus dieser Ecke herausholt. Und sicherlich nicht dieses Gedicht.“

Die linksliberale „La Repubblica“ gehört zu den Zeitungen, die das Grass-Gedicht abgedruckt haben.

Bei der New York Times finden sich online nur Blogbeiträge. Auch der Link zum Gedichttext geht zur Süddeutschen:

In the poem, titled “What Must Be Said,” Mr. Grass, 84, asks why he has remained silent about Israel’s nuclear might — which Israel has never publicly confirmed — and concludes that he had been constrained by a broader fear of being judged an anti-Semite.

Und Irans Nachrichtenagentur lobt Grass, weil er die Heuchelei des Westens entlarve.

14. 9 neue Ergebnisse für gedicht*

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 01:53
Das Gedicht von Günter Grass: “Was gesagt werden muss”

STERN.DE

In dem Gedicht “Was gesagt werden muss” greift Literaturnobelpreisträger Günter Grass Israel scharf an. Wir dokumentieren das in der “Süddeutschen Zeitung” erschienene Gedicht im Wortlaut. Günter Grass mischt sich wieder ein: In einem Gedicht geht der 

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Israelkritik: Grass’ Anti-Israel-Gedicht steckt voller NS-Stereotypen

Berliner Morgenpost

Günter Grass’ Anti-Israel-Gedicht “Was gesagt werden muss” transportiert zahlreiche Denkfiguren der NS–Ideologie. Von Tilman Krause Das Foto zeigt das Gedicht des Schriftstellers Günter Grass mit dem Titel “Was gesagt werden muss” in der “Süddeutschen 

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Publizist Henryk M. Broder zu Gedicht von Günter Grass: „Damals war er ein SS 

FOCUS Online

Antisemitismus unterm Deckmäntelchen der Kunst: Der Publizist Henryk M. Broder geht hart mit dem Anti-Israel-Gedicht vonGünter Grass ins Gericht. Der Nobelpreisträger sei damit zu seinen nationalsozialistischen Ursprüngen zurückgekehrt.

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Historiker Wolffsohn über Grass-Gedicht “Der Mann ist die Summe seiner Vorurteile”

Spiegel Online

Mit dem Gedicht “Was gesagt werden muss” stehe er klar in dieser Tradition, stellt der Historiker fest. Er wirft dem Nobelpreisträger vor, keine Ahnung von dem Thema zu haben. SPIEGEL ONLINE: Wie gefällt Ihnen das Gedicht von Günter Grass?

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Gedicht von Günter Grass: Grass nennt Israel Gefahr für den Weltfrieden

STERN.DE

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem Gedicht Israel und Deutschland kritisiert. Israel könne mit deutscher Waffenhilfe ein Verbrechen begehen, wenn es den Iran angreife, so der Autor. Vor dem Hintergrund des Atomstreits mit dem Iran hat 

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Gedicht zum Konflikt zwischen Israel und Iran – Was gesagt werden muss

sueddeutsche.de

In seinem Gedicht mit dem Titel “Was gesagt werden muss” fordert der Literaturnobelpreisträger deshalb, Israel dürfe keine deutschen U-Boote mehr bekommen. von den Regierungen beider Länder zugelassen wird. Mir gefällt, daß ein prominenter,

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Gedicht von Günter Grass: Atommacht Israel gefährdet den Frieden

FOCUS Online

„Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“, schrieb der 84-jährige Autor in einem am Mittwoch von der „Süddeutschen Zeitung“ und anderen internationalen Blättern veröffentlichten Gedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“.

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Grass’ Israel-Schelte Dichter im Abseits

Spiegel Online

Sein Gedicht zum Konflikt zwischen Israel und Iran hat deshalb in Berlin heftige Reaktionen aus den Reihen von Regierung und Opposition provoziert. Die Zeilen des Nobelpreisträgers stoßen fast ausnahmslos auf Ablehnung. Berlin – Als Günter Grass 80 

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Spiegel Online
Günter Grass Der Antisemitismus will raus

ZEIT ONLINE

So denkt ES in ihm: Günter Grass schreibt ein Gedicht über Israel, das Sigmund Freud jubeln ließe. Denn es gibt tiefe Einblicke in sein Unterbewusstsein. Antisemitismus ist pfui, Antisemitismus ist wieder da. Beide Sätze sind richtig, man muss nur zwei 

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4. April 2012

11. Grass und Israel

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Israel — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 13:07

Titelblatt der Süddeutschen Zeitung von heute:

Günter Grass warnt vor einem Krieg gegen Iran. In seinem Gedicht mit dem Titel ‘Was gesagt werden muss’ fordert der Literaturnobelpreisträger deshalb, Israel dürfe keine deutschen U-Boote mehr bekommen.

Im Feuilleton auf Seite 11 steht das komplette Gedicht, Probe aus dem Mittelteil:

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

(In der Zeitung El País kann man es komplett und frei auf Spanisch lesen, ich sag mal, angesichts der poetischen Qualität des Textes kann man verlustfrei auf diese zurückgreifen. Es soll heute auch in der “New York Times” und in “La Repubblica” stehen, wo es aber zumindest bislang nicht online zugänglich ist.)

Nachtrag: Hier veröffentlicht es die Süddeutsche ebenfalls komplett. Man muß nur nach jedem Punkt eine Leerzeile dazudenken. Obwohl es das “Gedicht” auch nicht rettet.

In der Welt antwortet Henryk M. Broder:

Grass hat schon immer zu Größenwahn geneigt, nun aber ist er vollkommen durchgeknallt. Ganztätig mit dem Verfassen brüchiger Verse beschäftigt, hat er keine der vielen Reden des iranischen Staatspräsidenten mitbekommen, in denen er von der Notwendigkeit spricht, das “Krebsgeschwür”, das Palästina besetzt hält, aus der Region zu entfernen. Denn das ist nur “Maulheldentum”, das man nicht ernst nehmen muss, so wie die Existenz einer einzigen Bombe “unbewiesen” ist, bis sie zum Einsatz kommt. …

Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in diesem “Gedicht” hat er es noch nie artikuliert. In einem Interview mit “Spiegel Online” im Oktober 2001 sagte er, wie er sich die Lösung der Palästina-Frage vorstellt: “Israel muss nicht nur besetzte Gebiete räumen. Auch die Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedlung ist eine kriminelle Handlung. Das muss nicht nur aufhören, sondern rückgängig gemacht werden. Sonst kehrt dort kein Frieden ein.”

Das war nicht mehr und nicht weniger als eine Aufforderung an Israel, nicht nur Nablus und Hebron, sondern auch Tel Aviv und Haifa aufzugeben. …

Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel “Geschichte werden”. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.

Der Gesandte des Staates Israel zur Veröffentlichung von Günter Grass

Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.

Was auch gesagt werden muss ist, dass Israel der einzige Staat auf der Welt ist, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt wird. So war es schon am Tag seiner Gründung, und so ist es auch heute noch.

Wir wollen in Frieden mit unseren Nachbarn in der Region leben. Und wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.

Emanuel Nashon, Gesandter des Staates Israel, Botschaft des Staates Israel, 04.04.12

17. März 2012

74. Ausschluß für die Meinungsfreiheit

Einsortiert unter: Englisch, Großbritannien — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 01:48

Ausgerechnet ein Gedicht beendet vorerst die Uni-Karriere eines Literaturstudenten.

Diesmal keine Nachricht aus China oder irgendeiner arabischen oder afrikanischen Diktatur, sondern aus England:

Denn damit störte der Doktorand Owen Holland eine Rede des englischen Wissenschaftsministers an der Cambridge Universität. Jetzt hat ihn ein universitäres Gericht deswegen suspendiert. In zweieinhalb Jahren darf er an die Elite-Uni zurückkehren. Wenn er dann noch will.

Im Unterschied zu diesen Ländern geht es hier aber nicht um die Unterdrückung der Meinungsfeiheit, sondern um das genaue Gegenteil. Wirklich:

Kurz [nach dem Vorfall]  veröffentlichte die Uni ein Statement: Sie bedauere es sehr, dass eine kleine Gruppe Demonstranten den Minister von seiner Rede abgehalten habe. Die Uni schätze die Meinungsfreiheit. Die freie Rede sei ein fundamentales Prinzip der Uni. “Die Aktion der Demonstranten verletzte dieses Prinzip.”

Und wer die Prinzipien der Uni verletzt, dem droht Strafe, wie der Doktorand Owen nun erfahren musste.

/ spiegel.de

14. März 2012

66. Fried vs. Broder

Einsortiert unter: Deutsch — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 21:17

Die Rote Fahne bringt den Dichter Erich Fried (1921-1988) in Stellung gegen einen ihrer Lieblingsfeinde, Henryk M. Broder. Jude gegen Jude, das freut manchen klammheimlich. Sie druckt zwei Anti-Broder-Gedichte des alten Kämpen, eins geht so:

Ein Jude an die Zionisten

Freut euch erstens, daß eure Toten so tot sind,
denn sonst könnten sie euch laut sagen, was sie von euch halten
ihr zu Mörder gewordenen Söhne der Opfer unserer Mörder
die ihr euch verbündet mit Mördern gegen eurer Mordopfer Kinder

Und freut euch, daß die Mörder unserer Eltern
die Herzen der Welt so gewöhnt haben an das Morden
daß die Herren der halben Welt heute eueren Morden und Lügen
wohlwollend zusehen können und kaum zum Schein protestieren

Und freut euch, daß euer eigener Martin Buber schon tot ist
denn der hat noch knapp vor seinem Tode gesagt
daß ihr nicht die Jünger der alten jüdischen Weisheit
nein, nur die Schüler von Hitler geworden seid

Und freut euch auch, daß es keinen Bert Brecht mehr gibt
denn was der euch gesungen hätte zu eurem Unrecht
das würde der Welt und euch noch lang in den Ohren klingen
ja, länger als eure Unrechtherrschaft noch währt

Aber freut euch rasch, denn eure Freude wird kurzlebig sein
wie die Freuden anderer Tyrannen und Mörder
und dann werden Palästinenser und Juden in Frieden zusammenleben
und werden Gott danken, daß es keinen Zionismus mehr gibt
Erich Fried

Ein passender Kommentar hier, Zitat:

Obwohl Fried in seinen Gedichten zumeist „Zionisten“ und nicht Jüdinnen und Juden anspricht, vergisst er doch nie, dass diese ebenso Jüdinnen und Juden sind, worauf die Ausgestaltung seiner polternden Beleidigungen schließen lässt, die viele der altbekannten antijüdischen Register zeigt. Er selbst bezeichnet sich demgegenüber als „besserer Jude“. Nach langen wirren Überlegungen zum Thema kommt Fried dann im Band zum Schluss, dass Antisemitismus und Zionismus in etwa gleichermaßen zu verurteilen seien: „[Es gibt] kein Bewusstsein, das den Antisemitismus oder den Zionismus rechtfertigen kann“ und er ruft die USA auf, „ihren israelischen Satelliten nicht weiter rasen zu lassen“. Nebenbei ermahnt er auch die Deutschen „zu helfen“. Die Paradoxie liegt auf der Hand: Die Deutschen, die gerade eben noch den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden in die Wege geleitet haben, sollen Frieds Hass auf das kleine Häufchen der in Israel verbliebenen Jüdinnen und Juden teilen, ausgerechnet um zu beweisen, aus dem Holocaust gelernt zu haben. Das wird vielen keine Schwierigkeiten gemacht haben. Eine leichtere Methode, mit dem Wissen über den Holocaust umzugehen, als die Judenfeindlichkeit auf diese Weise vom Fleck weg weiterzuleben, ist kaum auszudenken.

8. März 2012

32. Zapfenstreich-Ode

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 16:48

„Ode an die Freude“

Malträtiert von einer Bürokratenvereinigung namens Europäische Union, missbraucht für unzählige Werbespots, zweckentfremdet zur Eröffnung von Olympischen Spielen, Gartenfesten und Friseursalons, ist das Finale von Beethovens 9. Sinfonie samt der Verse von Schiller zu einem Gassenhauer verkommen  …

Und doch gehört dieses Stück voller Zuversicht, Tatendrang und Sinnesfreude zum Besten, was die deutschsprachige Lyrik jemals hervorgebracht hat. Pathetisch gewiss, aber glaubwürdig und deshalb ergreifend. Es geht um Aufbruch, um Revolution, um ein rätselhaftes Elysium.

Was aber hat das mit Wulff zu tun? Will er uns damit ein fröhlich-trotziges „Leckt mich am Arsch“ entgegenschleudern? Geht es ihm, wie seine letzten Fans aus dem Duisburger Moscheeverein vermuten könnten, um das Motiv der Verbrüderung? Oder, wie mäßig begabte Kabarettisten nun kalauern werden, um das Umschlingen der Millionen? Spielt „eines Freundes Freund“ auf Carsten Maschmeyer an? / Deniz Yüzel, taz

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