Getagged: Philippe Jaccottet

43. Schweizer Lyrik

Wieviele Namen fallen dem Leser ein? Eine in Kürze erscheinende englische Anthologie versammelt eine beeindruckende Liste von Lyrikern des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts – nicht nur im Umfang, sondern auch im Gewicht der Namen aus den vier Hauptsprachen des Landes. Darunter sind:

Blaise Cendrars, Hugo Ball, Jacques Chessex, Hans Arp, Gerhard Meier, Philippe Jaccottet, Adelheid Duvanel, Arno Camenisch, Giorgio and Giovanni Orelli, Urs Allemann, Claire Genoux, Robert Walser, Maurice Chappaz, Fabio Pusterla, Regina Ullmann, Eugen Gomringer, Rainer Brambach, Kurt Marti, Silja Walter, Erika Burkart, Klaus Merz, Armin Senser, Felix Philipp Ingold und Raphael Urweider. “Die ideale Einführung in eine unterschätzte und eigenständige Kraft in der Weltliteratur, die an den Wurzeln vieler der einflußreichsten literarischen Bewegungen steht, seien es traditionelle oder experimentelle”, schreibt der Verlag.

MODERN AND CONTEMPORARY SWISS POETRY. An Anthology. Edited by Luzius Keller
(Collection Swiss Literature Series)

107. Hilfe für Unkraut

Jetzt liegt eine zweisprachige Auswahl aus dem Werk vor: «Hilfe für Unkraut», erschienen bei Hanser (in der verdienstvollen Edition Lyrik-Kabinett). Elisabeth Edl und Wolfgang Matz haben die Gedichte gleichsam vierhändig übertragen, Philippe Jaccottet hat eine kleine Vorbemerkung beigesteuert. Nun lassen sich die ungewöhnlichen – selbst in der Lyrik der Romandie eher solitären – Gedichte auch auf Deutsch lesen, zusammen mit dem französischen Original.

Dass die Gedichte zweisprachig präsentiert werden, hat seine Vorteile. Wandelères Gedichte nämlich sind nicht leicht, in einigen Fällen gar nur mit Verlusten übertragbar, und das gehört zu ihren Qualitäten. / Martin Zingg, NZZ

Frédéric Wandelère: Hilfe für Unkraut. Gedichte. Vorbemerkung von Philippe Jaccottet. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Hanser, München 2012. 143 S., Fr. 24.90. Frédéric Wandelère: La Compagnie capricieuse. La Dogana, Genf 2012. 110 S., Fr. 29.–.

13. Meine Anthologie 73: Philippe Jaccottet, Vor lauter Donner

Vor lauter Donner
bekommt das Firmament heut Risse.

In der alten Welt
antworteten fast jedem Gewitter
eine entkleidete Nymphe
und ein ruhiger Hirt.

Sie sagte, zwischen zwei Schreien,
zwischen zwei Tränenausbrüchen:
»Ich habe ein Laubdach gefunden
und einen schlafenden Freund.«

Und er:
»Frohe Botschaft vor dem Ende der Welt:
noch immer läßt die Sternenmilch
deinen Busen schwellen.«

Philippe Jaccottet : Antworten am Wegrand. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. München Wien: Hanser 2001, S. 56.

(Numerierte Beiträge meiner Anthologie stammen aus der ersten Staffel von 2000/ 2001)

7. Friedrich-Hölderlin-Preis 2011 für Jan Wagner

Die Universität Tübingen und die Universitätsstadt Tübingen verleihen in diesem Jahr den Friedrich-Hölderlin-Preis an den Lyriker und Übersetzer Jan Wagner (*1971) so das einstimmige Ergebnis der Jurysitzung vom 24. Januar 2011. Der gebürtige Hamburger hat im vergangenen Jahrzehnt neben etlichen Veröffentlichungen in Anthologien und Übersetzungen aus dem Englischen vier eigene Lyrikbände veröffentlicht. Wagner hat in Hamburg, Dublin und Berlin Anglistik studiert und lebt in Berlin. In seiner Tätigkeit als Schriftsteller schreibt er neben Lyrik auch Rezensionen für verschiedene Zeitungen und den Rundfunk und ist außerdem als Übersetzer tätig.

Die sechsköpfige Jury, die aus je zwei Vertretern des Fachbereichs Neuphilologie der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen, des deutschen Literaturarchivs Marbach und der Hölderlin-Gesellschaft besteht, würdigt mit ihrer Wahl Wagners lyrisches Schaffen, das sich durch eine große Vielfalt der Formensprache auszeichnet und künstlerische Virtuosität wie beiläufig darbietet. Die Jury hebt weiter hervor, dass der Lyriker in jedem seiner bisher erschienenen Gedichtbände neue Felder lyrischen Sprechens erschlossen habe. Darüber hinaus würdigt sie ihn mit dem Preis auch als Übersetzer zeitgenössischer anglo-amerikanischer und anglo-irischer Lyrik.

Der mit 10.000 Euro dotierte Friedrich-Hölderlin-Preis wird seit 1989 alle zwei Jahre verliehen. Die Preisverleihung findet traditionell am 21. Oktober statt, dem Tag des Einzugs von Friedrich Hölderlin ins Tübinger Evangelische Stift. Die Laudatio hält der Lyriker, Publizist und Literaturwissenschaftler Professor Harald Hartung.

 

Mit dem Preis sollen gemäß der Satzung Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, „die einen neuen dichterischen Beitrag zur deutschen Sprache geleistet“ haben oder „als Forscher, Schriftsteller, Künstler oder Kritiker dem Werk Friedrich Hölderlins besonders verbunden“ sind.

Bisherige Preisträger:
2009 D. E. Sattler
2007 Harald Bergmann
2005 Andrea Zanzotto
2003 Marcel Beyer
2001 György Kurtág
1999 Thomas Rosenlöcher
1997 Philippe Jaccottet
1995 Prof. Dr. Dieter Henrich
1993 Uwe Kolbe
1991 Michael Hamburger, Litt.D. (h.c.)
1989 Theater Lindenhof Melchingen

Kontakt:
Krishna-Sara Kneer
Universität Tübingen, Hochschulkommunikation
Wilhelmstraße 5, 72074 Tübingen
+49 7071/29 77757
http://krishna-sara.kneer[at]uni-tuebingen.de

107. Bericht aus Solothurn

Erfrischend an diesem seltsamen Abend waren allein die Musiker: Der Lyriker Raphael Urweider improvisierte am Flügel, und der junge Slam-Poet Kilian Ziegler brachte in seiner Elegie über die Not des eigenen Gewerbes die Worte zum Tanzen – und das Publikum einschliesslich Peter Bichsels ins Schwärmen. Überhaupt die Musik: Was wären die diesjährigen Literaturtage grau gewesen ohne die Virtuosen der Klänge, seien sie im Mundraum oder im Hallraum der Instrumente entstanden. Die Jazzcombo Kobal verband hitzige Riffs mit den Wallungen der Liebeslyrik von Nicolai Kobus; die Frauengruppe Tittanic wiederum inszenierte ein hinreissendes Wechselspiel zwischen Wortwitz und Musik, das treffsicher und pointenschlau unter jede Gürtellinie zielte.

Mitunter haben die Poeten unter den Schriftstellern in diesem Jahr die stärksten Akzente gesetzt – nüchterner zwar als Jaccottets Gesänge, aber mit nicht weniger Emphase. In einem schönen lyrischen Zwiegespräch warfen sich Donata Berra und Aurelio Buletti die Wortbälle zu: die in Bern lebende Mailänderin in zauberhaften Vokal- und Konsonantenkaskaden, der Luganeser Dichter mit spielerisch in Wortbilder verwandelten Reminiszenzen aus dem Alltagsleben. / Roman Bucheli, NZZ 18.5.

75. Petrarcapreis wieder da

Mit der Verleihung an Friederike Mayröcker im vergangenen Jahr ist der Hermann-Lenz-Preis aufgegeben worden. Er hatte zehn Jahre bestanden. Der Stifter des Preises, Hubert Burda, und die Jury (Peter Hamm, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Michael Krüger) vergeben nun wieder den vor fünfzehn Jahren ausgesetzten Petrarca-Preis, der in den Jahren 1975 bis 1995 an Lyriker wie Zbigniew Herbert, Jan Skácel, Tomas Tranströmer und Philippe Jaccottet vergeben worden war. Die Verleihung des neuen Petrarca-Preises wird zum ersten Mal im Juni auf Schloss Salem stattfinden. Die ersten beiden Preisträger sind der Franzose Pierre Michon und der Italiener Erri de Luca. / SZ 10.5.

71. Fest für Jaccottet

Mit einem Fest für Philippe Jaccottet begannen die diesjährigen Literaturtage (die noch bis Sonntag andauern). Der Dichter aus der Romandie, seit den fünfziger Jahren in Frankreich lebend, erhielt den Grossen Preis der Schweizerischen Schiller-Stiftung.

Drei Laudatoren, jeder in seiner Sprache, sangen Jaccottets Loblied: Pierre Chappuis auf Französisch, Fabio Pusterla auf Italienisch und Andreas Isenschmid auf Deutsch. Chappuis zollte dem um wenige Jahre Älteren Beifall mit einer poetischen Hommage, die aufzeigte, wie Jaccottet, unabhängig von Moden und Literaturbetrieb, einer «vérité première» auf der Spur war und ist, unter Verzicht auf jegliche Versuchung durch Rhetorik und Kunstfertigkeit, und mittels des Wortes – la parole – den Abgrund zwischen der Wirklichkeit und uns überbrücken will. Dies stets im Bewusstsein, dass sein Unterfangen unvollendbar ist. Pusterla (sein Text ist abgedruckt in der heutigen Beilage «Literatur und Kunst») schälte heraus, was Jaccottets Werk für die italienische Lyrik bedeutet: In der bleiernen Zeit der Nachkriegsjahre habe es die erloschene Hoffnung wiedergeweckt – trotz oder gerade dank einer vorsichtigen Skepsis gegenüber der Sprache. Und Isenschmid evoziert seine Jaccottet-Lektüren, die ihn seit 15 Jahren eine neue Art des Staunens lehrten. / Barbara Villiger, NZZ 15.5.

69. Großer Schillerpreis für Jaccottet

Philippe Jaccottet wurde mit dem Großen Preis der Schweizerischen Schillerstiftung 2010 geehrt. Jaccottet zählt zu den bedeutendsten Lyrikern französischer Sprache. Sein Werk umfasst Gedichte, lyrische Prosa, Essays zu Literatur und Kunst sowie zahlreiche Übersetzungen aus dem Griechischen (Homer), aus dem Deutschen (Hölderlin, Musil und andere) und aus dem Italienischen (Ungaretti, Cassola).

Der mit 30.000 Franken dotierte Große Preis der Schweizerischen Schillerstiftung wird etwa alle fünf Jahre vergeben. Philippe Jaccottet erhielt den Preis zum Auftakt der Solothurner Literaturtage. / buecher.at

16. Wirklichkeitsverdichter

Von den Dichtern können wir etwas über die Präzisierung des Blicks lernen. Sie zeigen uns kleine Sprünge in der Wirklichkeit und eröffnen damit eine Genauigkeit, die nur durch das Schauen erwirkt werden kann. Philippe Jaccottet, der 1925 im schweizerischen Waadtland zur Welt kam, ist ein solcher Wirklichkeitsverdichter. Sein umfangreiches, in französischer Sprache geschriebenes Werk umfasst Lyrik, Essays und Prosa, für die er mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde wie etwa mit dem Petrarca-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Jaccottet hat hinzu Ossip Mandelstams Lyrik aus dem Russischen übersetzt.

Kaum ein zeitgenössischer Dichter hat so oft die inneren Landkarten und die Idee eines erweiterten Blicks umkreist und ist dabei wie Philippe Jaccottet ein genauer Beobachter seiner eigenen Zeit geblieben. Im deutschsprachigen Gebiet ist vor allem sein lyrisches Werk bekannt. Auch seine Betrachtungen über die Bilder von Giorgio Morandi haben ihre Leser gefunden, in denen er gleichsam aus der Stille der Gemälde heraus die Wirklichkeit der Pinselstriche sichtbar gemacht hat. In dem Gedichte- und Prosaband “Der Unwissende” notierte er einmal, man müsse achtsamer denn je mit den Worten umgehen, jetzt, da Gott tot sei. / Marica Bodrozić, Ö1

Philippe Jaccottet, “Notizen aus der Tiefe”, aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Edl, Wolfgang Matz und Friedhelm Kemp, Hanser Verlag