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12. Gedichte wie Huchel

Er steht in der großen schönen Tradition der metaphernreichen deutschen Naturlyrik von Mörike bis zu ihm.

Gehen solche Metaphern in der Lyrik heute auch noch?

Es gibt ja zwei Richtungen in der Lyrik, ganz grob gesprochen: Die einen, die mehr das erzählende Gedicht bevorzugen, indem die Erzählung sich mit der Reflexion verbindet –  über historische, gesellschaftliche, politische oder auch private Verhältnisse. Und auf der anderen Seite sind diejenigen, die in der Metaphernverdichtung versuchen, eine Chiffre für unsere Zeit zu finden. Und ich glaube schon, dass das geht.

Interessant ist, dass Peter Huchel hier bei uns gar nicht mehr so viel gelesen wird. Seine Spur findet sich aber doch in vielen europäischen Ländern wieder.

Gerade lese ich in der Zeitung, dass der Pole Jakub Ekier, der Übersetzer von Kafka, mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet wurde. Jakub Ekier schreibt Gedichte wie Huchel. Und ich bin ganz sicher, dass er viel von ihm gelernt hat.

(…)

Peter Huchel gehört schon zu den Dichtern, die ich immer wieder lese. Man muss ja zur Selbstvergewisserung seine Freunde um sich herum aufstellen. Dazu gehört der mittlere Günter Eich. Dazu gehört der ganze Huchel. Dazu gehören viele, auch Mörike natürlich.

Ich kann, wenn ich selber schreibe, ganz leicht als ständigen Umgang verzichten auf Brecht und Johannes R. Becher und viele von diesen guten Dichtern, die aber nicht meins sind – die nicht in meinem Herzen wohnen, sondern bestenfalls in meinem Kopf. / swr2

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Verleger und Autor Michael Krüger führte Sonja Striegl am 2.4.2013 um 7.45 Uhr

“SWR2 Kulturnacht” | SWR2 Kulturnacht”Lyrik. Aber jetzt!”

Gesprächsgäste: Monika Rinck, Nora Bossong, Raoul Schrott, Michael Krüger, Andreas Heidtmann, Thomas Schmidt
Musik: Rainer Böhm Trio
Moderation: Anja Höfer und Walter Filz
(Veranstaltung vom 2. April im Historischen Kaufhaus, Freiburg)[mehr]

Sa, 6.4. | 20.03 Uhr
SWR2

133. Hier und nebenan

“Kommse näher, kommse ran, hier wernse genauso beschissen wie nebenan!”

Warum fällt mir der Spruch beim Lesen einer Lyrikrezension ein?

Die Antwort darauf fällt mir nicht schwer.

Daß man über Autoren und Werke spricht, indem man im Guten oder Bösen vergleicht, ist nicht neu. Das Prinzip ist einfach – wer Peter Huchel erheben will, muß nur Wilhelm Lehmann runterhängen. Und wer meint, daß das nicht auch umgekehrt geht, irrt sich vielleicht – sehr. Um die (umstrittene) Zielgruppe akademisch Gebildeter anzusprechen: man hat vielleicht gelernt, daß Schiller in “Über Bürgers Gedichte” mit einer ihm nicht genehmen Richtung abgerechnet hat. Schillers Kritik an Bürger: “Eine der ersten Erfodernisse des Dichters ist Idealisirung, Veredlung, ohne welche er aufhört, seinen Namen zu verdienen.” – “Der unschickliche Ausdruck: die Nase schnaubt nach Aether, und ein unächter Reim: blähn und schön, verunstalten den leichten und schönen Gang dieses Liedes.” Nun, Herr Schiller saß vielleicht im Glashaus, und seine Balladenklassik ist auch nicht der absolute Maßstab.

Das alles, wie gesagt, ist normale bare Münze des Kritikergeschäfts. In der letzten Zeit beobachte ich aber eine übersteigerte Anwendung des Verfahrens. Ein mit einer Marketingstrategie einhergehendes simplifizierendes Schema will uns einreden, es gebe zwei Arten von Lyrikern. Zwei, nur zwei? Hunderte* träfe es besser. Dieses Buch enthalte hundert Autorpoetiken, schrieb Günter Kunert vor Jahrzehnten über eine Sammlung, und alle seien richtig. Diese Haltung scheint es nicht mehr zu geben. Die stalinistische Formel “Wer nicht für uns ist, ist gegen uns” hat sich in der Lyrikszene durchgesetzt. “Sie” schreiben akademische, komplexe, unverständliche, das Publikum verscheuchende Gedichte und kassieren dafür auch noch die Preise, während “wir” verständliche, einfache, “reale”, ein größeres Publikum verdienende Gedichte anbieten. Uns stünden die Preise zu, sagen die Leute, die gleichzeitig behaupten, die staatliche Subventionierung sei von Übel**. Klar doch: die der anderen.

Aber es gibt nicht zwei Schulen, sondern, Kunert und Mao haben Recht, hundert. Und der Bedeutungsverlust der Lyrik hat nicht vor sieben Jahre eingesetzt, sondern vor mindestens 200 – die romantischen Kritiker wußten es schon. Er ist auch nicht aus einer einzigen Ursache zu erklären, sondern verdammt komplex. Mindestens so komplex wie die bunte (nicht zweifarbige, wie schlechtgelaunte Kritiker dem wenig informierten Publikum hartnäckig einreden) Lyrikszene. Man lese selbst die “Top 20″, die Politycki für das Jubiläumsheft von Leitners “Das Gedicht” zusammengestellt hat. Diese Gedichte von Autoren wie Karl Krolow, Walter Helmut Fritz, Günter Kunert, Gerhard Rühm, Matthias Koeppel, Fitzgerald Kusz, Franz Hodjak, Robert Schindel, Jean Krier usw. sollen die neue Leitner-Politycki-Schule der nichtkomplexen, nicht(gottseibeiuns!)akademischen “klaren”, “realen” Lyrik sein? Da lachen ja die poetischen Windhühner (ogott, wo komm’ die her? Wie irreal, Teufel!).

Das alles muß ich mit wachsendem Verdruß immer wieder, mehrmals im Jahr lesen. Muß in der Agenturwerbung und in den Editorials der Weßlinger Zeitschrift erfahren, daß ich, Käufer, Abonnent und Leser von Anfang an, als akademischer Verderber der Lyrik beschimpft werde***. Leute, ich zahle doch dafür, ihr solltet mir schmeicheln!

Ach ja. Soeben lese ich in einer Rezension eines sicher schönen Lyrikkalenders, den ich noch nicht kenne – was zu ändern mich diese mich ohrfeigende Rezension eher abschrecken will**** – dies:

„Poesie Agenda“ ist das Gegenteil von Lange­weile. Der Kalender aus dem Appen­zeller Berg­land dürfte auch Lesern liegen, die das, was sie lesen, ver­stehen wollen und vor Gedicht­bänden oder Gedicht-Antho­logien ansons­ten zurück­schrecken, weil sie krypti­sche Fein­staubl­yrik zwischen den Buch­deckeln vermuten.

Mensch, entspannt euch doch mal. Lest doch mal einfach Gedichte, die euch gefallen und freut euch dran, ohne den Teufel gleich dazuzumalen. Und wenn ihr kritisieren wollt, dann konkret und nicht im Schema-F-Nebensatz. Aber das können die nicht mehr?

_____________________

*) “Vorsicht, auf der A1 kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen.” – “Einer? Hunderte!”

**) Wer hat eigentlich die große Jubelfeier mit 60 Autoren in München bezahlt, die der BR aussenden wird? Leitners Portokasse, nehme ich an.

***) Nicht ich persönlich, sondern ich als Typ – als grundverderbter Leser vielerart über- wie unterkomplexer Lyrik.

****) Ich als der grundverderbte pp. s.o.

44. “ich war ja eigentlich eher Celan und so (lacht)”

Alexander Gumz im Interview mit dem Magazin Chased:

Für mich persönlich waren ausserdem während des Heranwachsens für das eigene Schreiben zum Beispiel Patti Smith, Bob Dylan, Leonhard Cohen, Nick Cave, Radiohead oder Tom Waits von den Texten her enorm wichtig. Dabei ging es nicht nur um die Texte der Songss, sondern auch um alles andere: den Habitus, die Geschichten, die Fotos, die Konzerten… Sie waren für mein Schreiben genauso wichtig wie viele Lyriker.

Wie schreibst du?

Früher habe ich viel per Hand geschrieben, unterwegs, in der U-Bahn, bei Lesungen, und habe die Zeilen dann irgendwann abgetippt. Inzwischen schreibe ich meist direkt am Rechner, und das auch meistens zu Hause, und auch eher punktuell.

Welche anderen Lyriker schätzt du?

Ich komme wohl aus der Ecke klassische Moderne. Das Buch „Die Struktur der modernen Lyrik“ von Hugo Friedrich war früher so etwas wie meine Bibel (lacht). Sehr wichtig ist mir immer noch die Lyrik von Lorca, Ungaretti, Montale, von Hölderlin oder Paul Celan, auch Peter Huchel oder der frühe Brecht, um nur einige Namen zu nennen.

Dann kam irgendwann Rolf Dieter Brinkmann – und auf einmal krachte mit ihm der ganz andere, schnoddrige, von Leuten wie Frank O’Hara oder William Burroughs in den 60ern mit inspirierte Beat-Generation-Ton in mein Lesen und auch in mein Schreiben.

Dabei wollte ich das erstmal gar nicht, ich war ja eigentlich eher Celan und so (lacht)…

41. O, ich bin im Freitag!

Der geschätzte Freitag beschert einem Kolumnisten (veröffentlicht) und Lyriker (unveröffentlicht) endlich eine prominente Bühne.  Es geht um “die schwierige Kultur des Pluralismus”, sagt die Überschrift seiner neusten Verlautbarung. Wie fein, da muß doch jeder mitziehn, nicht? Jeder darf seine Gedichte veröffentlichen, also auch jeder “Freiheits”-Kolumnist.

Nicht genug damit. “Zum Breivik-Vorwurf” schreibt er noch darunter. “Die sog. Lyrikszene bzw. deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten” bestreiten also Mollnitz/Bosselmann die Meinungsfreiheit und schlagen ihn mit der Breivik-Keule. Ist das nicht ein Skandal? Gut daß es noch ein paar Stellen gibt, an denen man dagegen anreden kann. Das tut der wackere Streiter nun unter dem Doppelnamen beim Freitag.

Er strickt das mit der gleichen heißen Nadel wie seine sog. Lyrikpolemik und wie die paar Artikel bei von mir weniger geschätzten Organen wie “Junge Freiheit” und “Blaue Narzisse”, die ich mir angesehen habe. Eine stammtischfähige Meinung (beim Freitag: “Die junge Lyrik ist niveaulos”, bei der JF 2009: “Der jüngsten Ausgabe des Politikmagazins Frontal 21 war es ein Anliegen, sich darüber zu echauffieren, daß „der Staat die Neonazis gewähren läßt“” oder hier Juni 2012: “die Linke ist am Ende”) wird mit ein paar kernigen Sätzen und reichlich Kraft-Bonmots à la “Neue Lyrik: neue Impotenz”, “Möchtegern-Lyrik”, “Multi-Preisträger”, “gleichgeschaltete Gefällt-mir-Gesellschaft”, (Lyrik);  “Demokratie und böser Nazi”, “ein Guter, ein Demokrat” (Nazis), “Möchtegern-Luxemburg”, “Bionade-Bourgeoisie”, “Befindlichkeits-, Gefühls- und Pseudolinke des satten Westens” (Linke) garniert. Weder die Meinungen noch die Schlag-Wörter sind von ihm. “Multipreisträger” z.B. kam jüngst bei einer Medienattacke des rührigen Anton Leitner vor und wurde von Mollnitz flugs per copy and paste ausgerechnet auf Thomas Kunst appliziert. Egal was, egal woher: Hauptsache es tut Wirkung bei den Stammtischen, ob rechts (JF) oder links (Freitag). (Lustig, daß er gleichzeitig im eigenen Fall jammert, wenn andere das Wort “Klarnamen” benutzen).

Und in dem jüngsten Beitrag im Freitag-Blog lästert er über den “karnevalesken Maskenball der Pseudonyme” (als hätte das Thema garnichts mit ihm zu tun) und spricht von seinen “mir größtenteils völlig unbekannten und mit Nicknames verschleierten Opponenten”. Nun ja. Wer von den Lesern des Freitag kannte bis dahin Bosselmann oder Mollnitz? Wenn jemand lautstark auftritt, muß er sich kaum wundern, daß man fragt, wer das ist. Ich und meine gutinformierten Datenbanken kannten keinen “Mollnitz”. Bosselmann schon. Nicht besonders erheblich, aber unter dem Namen erschienen in den 80er Jahren ein paar Gedichte in einer Anthologie mit Schüler-Gedichten (“Offene Fenster”) und in der FDJ-Zeitschrift “Temperamente”. Das ist lange her. Hat er die ganze Zeit geschrieben und nichts veröffentlicht? Oder wurden seine Texte abgelehnt? Oder hat er erst jetzt, angeregt von der schwächelnden Gegenwartslyrik, wieder angefangen? Wir wissen es nicht. Er raunt nur von “besonderen Gründen”, welche?

Jetzt aber hat er sein Thema und seine Rechtfertigung gefunden: Weil die Lyrikzeitung seinen wahren Namen veröffentlichte, bleibt seine Karriere als Autor aus. Drei Verlage sollen seine Gedichte zurückgeschickt haben. (Ehrlich gesagt finde ich das etwas schwach. Wenn sie die Gedichte gut finden, warum veröffentlichen sie sie nicht? Auf mich dürfen die sich nicht berufen.)

Ich zweifle nicht, daß es Leser für seine Gedichte gibt. Ein paar sind unter dem Namen Mollnitz leicht im Netz zu finden. Ich finde die nicht so stark und schon gar nicht in dem messianischen Gestus des Freitag-Artikels. Obwohl mit “Potenz” als Opposition zu der von ihm beschworenen Impotenz (nicht in sexueller Hinsicht, sondern als aktivistisch-kraftmeiernde Geste) hat es in meiner Wahrnehmung schon zu tun. Aber ich mag nicht über unpublizierte Gedichte rechten. Wenn er seine Grenzer-Lyrik gut findet, soll er sie doch veröffentlichen, warum nicht beim Freitag? Er mokiert sich über die Auswahl bei der Wasser-Prawda, vergißt aber hinzuzufügen, daß er diese Gedichte ja selbst hingeschickt hat. Vielleicht hat er so wenig, daß er auch die schwächeren mitschickte? Auch das wissen wir nicht.

Damit wollen wir uns nicht befassen. Noch ein paar Blicke auf die Polemik gegen die “sog. Lyrikszene”.  Die habe sich also aufgeregt. Was für Mollnitzens Gewicht zu sprechen scheint. Umso mehr, als nicht irgendjemand, sondern “deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten” gegen ihn Front machten. Leider vergißt er hinzuzufügen, wer das eigentlich war. Kein einziger Name, nirgends. Der gleiche blinde Fleck wie in dem sog. Pamphlet, über dessen Resonanz er sich wundert. Dort hatte er immerhin “Eisenhans” benannt, wir konnten das Pseudonym nicht knacken, er soll schon im Lyrikjahrbuch veröffentlicht haben, aber ein “Hauptprotagonist und Oberexeget”? Das kann bezweifelt werden.

“Erhebliche Turbulenzen, große Betroffenheit” konstatiert Mollnitz. Papperlapapp, Großrederei. Ein paar Leserbriefe beim Freitag, ein paar Kommentare bei der Lyrikzeitung oder in kleinen Facebookkreisen, mehr war gar nicht. Er muß es dem bedeutenden Mollnitz erst zurechtmachen.

Was gesagt werden muß. Was mit und gesagt werden muß. Nur mit und, keine Begründungen. (Eich, nicht Grass). Die sogenannte Polemik strotzt gleichermaßen von Kraftmeierei wie von Unkenntnis. Er tut, als könne er die Lyrik aus den Angeln heben, kennt sie aber gar nicht*. Spricht von einem Leipziger Blog und einem Leipziger Verlag, der Verdienste hat, aber kaum ein Zentrum “der Lyrikszene” genannt werden kann. Da gibt es auch in Leipzig andere kleine Verlage, etwa die Connewitzer Verlagsbuchhandlung…, aber nichts davon. Zu schweigen von den wichtigen Verlagen in Berlin und anderswo. Die Freitag-Autorin, die darauf reagierte, hat völlig recht. Kann man von einer Redaktion verlangen, daß sie die Substanzleere bemerkten? Offenbar nicht. Jetzt aber schafft er es, alles so hinzustellen, als läge es nur an der Enthüllung seiner Identität. Nein, es war ein schlechter Artikel, der nur bei Ignoranten Zustimmung fand. Er wäre auch schlecht, wenn er von, sagen wir mal Sahra Wagenknecht (“Möchtegern-Luxemburg”) oder, jetzt keinen Namen nennen… einem Redakteur der FR oder SZ geschrieben worden wäre. (Der Wahrheit die Ehre: es gibt dort keinen, der so uninformiert über Lyrik schreibt!).

Mit Personennamen hält er sich zurück (einzig bei der Freitag-Autorin weiß er sich anzubiedern). Ein Ortsname allerdings wird sehr oft genannt. Ganze 7 mal kommt der Name der Stadt Greifswald vor. Es scheint sich hier um ein Zentrum der Lyrik zu handeln. Der Artikel erwähnt “eifrige Recherchen eines Greifswalder Literaturwissenschaftlers”, der scheint wichtig zu sein. Zumal er, “was ich nicht wusste, sowohl gegenüber dem Greifswalder Verlag, der Greifswalder Online-Zeitschrift als auch wohl gegenüber der Junglyriker-Szene allgemein als eine Art administrierender Bewerter oder mindestens Mentor fungiert, hochgeschätzt, hochagil, hochempfindlich.” Sagt Mollnitz.

Achja, danke. Obwohl ich gern auf dieses Lob verzichte. Er wußte es nicht, jetzt weiß er es aber? Den Beweis bleibt er auch schuldig. Das ist die Mollnitz-Masche. Viel behaupten, dann bleibt schon was hängen. (Nein, er braucht sich nichts drauf einzubilden, so machen es alle Anschwärzer). Ich kenne den Greifswalder freiraum-Verlag, sein Gründer studiert an dem Institut, bei dem ich angestellt bin. Aber “administrierender Bewerter oder mindestens Mentor”, das ist totaler Mumpitz. Sowohl für den Verlag als auch selbstredend für “die Junglyriker-Szene”. Ich kenne etliche junge Lyrikerinnen und Lyriker und lese viele, mit einigen bin ich befreundet, jungen und älteren. Aber Mentor? Administrierender Bewerter gar? Bloße aus der Luft gegriffene Behauptungen in ehrabschneidender Absicht: das darf man jetzt beim Freitag, ich nehme es zur Kenntnis. Dieser Mensch ist ein Verleumder, der allgemeine Behauptungen über “die Lyrik-Szene” mit Zitaten aus Leserkommentaren (“Breivik-Vorwurf”) so mischt, als hätte “die Lyrikszene” unter der heimlichen Führung eines Greifswalder Literaturwissenschaftlers ihm und dem Pluralismus im Land übel mitgespielt. (Der PR-Chef der JF reibt sich die Hände, wenn er das, bei freitag.de, liest: “Dass einer, nachdem er aus besonderen Gründen literarisch fünfundzwanzig Jahre schwieg und sich auf Tagebuch und Presse beschränkte, dass so einer sein Schreiben wieder aufnimmt und Texte durchreicht, ohne zu den diversen Zirkeln und Duzgemeinschaften der „Szene“ zu gehören, konnte man noch als die unerhörte Frechheit eines dreisten Dilettanten abtun; aber dass der auch noch von der „Jungen Freiheit“ kam, diesem schlimmen Blatt, das ging nun gar nicht!”)

Ich bitte um Verständnis, daß ich nicht auf der gleichen Bühne spielen möchte wie dieser Lyrikkenner, und daher hier antworte.

*) In einem Blog versucht “Mollnitz” das in dem ersten Pamphlet Versäumte nachzuholen und zitiert Nora Bossong, “eine Autorin, die ohne Zweifel über eine lyrische Stimme verfügt”. Hohes Lob wird verteilt: “Ihr Gedicht „Reglose Jagd“ (http://www.poetenladen.de/nora-bossong-lyrik.htm) dürfte zum Besten gehören, was innerhalb der letzten Jahre erschien.”  Das muß er ja in besonderer Weise wissen. Auch andere Gedichte der Autorin werden gelobt (wenn auch nur im Netz veröffentlichte). Auch hier kommt der Pferdefuß schnell zum Vorschein. Selbst diese ohne Zweifel guten und sympathischen Gedichte werden nun zum Zeugnis des Ungenügens der jungen Lyrik:

Wesen des Dargestellten ist wiederum die Statik, eine kleine, ptolemäisch anmutende Welt, wenngleich offenbar gegenwärtig und modern, herausgehalten aber aus dem Fluss, dem Panta-Rhei des biographischen und geschichtlichen Geschehens.

Genau das ist für neue Lyrik symptomatisch. Sie hält sich heraus aus den Strömungen der Zeit, so abstinent und fern, dass ihr auch deren Unterströmungen einerlei sind oder verborgen bleiben, die gefährlichen wie die verheißungsvollen, denn sie schreibt bewusst aus dem Außerhalb.

Mit Verlaub, so las mans auch in den Zeitungen von SED und FDJ. Fast wörtlich sogar. Was wir schon ahnten. Auch Peter Huchel wurde vorgeworfen, daß er sich “wie ein englischer Lord” (Hager) heraushalte. Genau, Huchel: Mollnitz steht nicht an, Bossong mit Huchel zu vergleichen. Ach ja, richtig, sie bekam ja jüngst den nach Huchel benannten Preis.**

**) Aber ich gebe zu: hätte er dem Freitag diesen Text angeboten, die Blamage wäre etwas kleiner gewesen.

12. Huchelpreis an Nora Bossong verliehen

Was sie nach der Lesung der letztjährigen Preisträgerin Marion Poschmann zu Gehör brachte – Impressionen aus einer “Dante-Gegend irgendwo vor Assisi”, wo Sankt Franziskus Heiligen-Viten fälschte, und eine spröde Personenstudie aus ihrer norddeutsche Heimat – ließ den typischen Bossong-Ton vernehmen: so intellektuell-leichtfüßig wie bodenständig, Gegenwart und Geschichte mit überraschenden Wendungen verquickend, flott im Tempo.

“Ich will nur Mädchen sein, nicht in Arkadien leben”, heftete sie einem verklärenden Verehrer ans Revers. Eine Richtungsweisung. Lieber ein Wuchergewächs im literarischen Tropenhaus. Vor allem Taschenspielerhaftem sei diese Lyrik ebenso gefeit wie vor dem schwärmerischen Ton, lobte der Journalist Tobias Lehmkuhl, der in seiner brillanten Preisrede gleichwohl immer wieder Rainer Maria Rilke zitierte, den schwärmerischsten Besucher von Worpswede. “Kleine Kraftwerke” seien die Gedichte dieser “ehrlichen Berichterstatterin: komprimierte Energiequellen”. / Stefan Tolksdorf, Badische Zeitung

106. Lyrisches Gespür

Burkhard Meyer-Sickendiek

Lyrisches Gespür.
Vom geheimen Sensorium moderner Poesie

(Inhaltsverzeichnis siehe unten)

Burkhard Meyer-Sickendiek ist Privatdozent am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin. Das Buch erscheint Ende dieser Woche im Fink-Verlag.

Hier als Leseprobe das Vorwort

Das vorliegende Buch entstand in den Jahren 2010 und 2011 auf der Basis eines Heisenberg-Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Es verdankt seine stark interdisziplinäre Perspektive zudem den intensiven Gesprächen, welche ich als Mitglied des Exzellenz-Clusters Languages of emotion an der Freien Universität Berlin führen konnte. Eine der zentralen Fragen, die mich im Rahmen dieses Clusters interessierten, war diejenige nach dem kultur- bzw. literaturwissenschaftlichen Emotionswissen: Gibt es eine Thematik innerhalb des Emotionalen, die sich bevorzugt, ja vielleicht ausschließlich aus der Sicht der humanities erschließt? Insbesondere die in der Emotionsforschung stets erwähnten, aber niemals wirklich eigens untersuchten „background emotions“ Damasios schienen mir diesbezüglich einschlägig: Sie sind als Atmosphären, Stimmungen oder aber stimmungsvolle Situationen die eigentlichen Themenfelder der hier vorgelegten Lyriktheorie. Danken möchte ich in eben diesem Zusammenhang einer ganzen Reihe von Forschern, die sich in ähnlicher Weise wieder dem Begriff und Phänomen der Stimmung zuwendeten: Allen voran natürlich Hermann Schmitz, dem ich in zwei wunderbaren Gesprächen viele wertvolle Einsichten in diese Thematik verdanke. Auch die am Cluster unter der Aufsicht von Winfried Menninghaus erforschten Zusammenhänge zwischen „ästhetischen Emotionen“ und lyrischen Prosodien sind an dieser Stelle zu nennen: Wertvolle Anregungen kamen in diesem Zusammenhang von Jana Lüdtke, Lars Korten, Julian Hanich und Dietmar Till, die auf je unterschiedliche Art und Weise inspirierend auf die hier verfolgte Theorie eines „lyrischen Gespürs“ einwirkten. Weitere wertvolle Hinweise ergaben sich zudem aus Gesprächen mit David Wellbery, Friederike Reents, Sandra Poppe, Thomas Anz, Stefan Willer und Claude Haas.

Berlin, im Juni 2011 Burkhard Meyer-Sickendiek

Einleitung

Wer sich die Schönheiten des Terenz, Virgils, Horaz und Juvenals, bekannt und geläufig gemacht hat, wer den Boileau, Racine, Corneille und Moliere mit Verstande gelesen, und ihre natürliche Schönheit der Gedanken kennen gelernet; wer endlich den Longin vom Erhabenen, den Bouhours von der Art in den sinnreichen Schriften wohl zu denken, den Werenfels, (de meteoris orationis) des Pope Art of Criticism, den Harleqium-Horace, und den deutschen Antilongin mit Bedacht gelesen hat; der wird gewiß unmöglich auf eine so seltsame Art des poetischen Ausdrucks verfallen: gesetzt, daß er noch so erhaben zu schreiben gesonnen wäre.1

Spätestens seit dieser Kritik Johann Christoph Gottscheds am „Schwulst“ der Lyrik Klopstocks gibt es in der Theorie der „Dichtkunst“ das Problem der Diskrepanz. Wie reagieren am historisch-klassizistischen Paradigma entwickelte Poetiken auf den Tonfall der zu ihrer Zeit aktuellen Dichtung, wie sehr sind sie in der Lage, diesen Tonfall in ihr an der Tradition gewonnenes Dichungsverständnis zu integrieren? Gottsched gelang dies offensichtlich nicht, denn seine enge und normative Orientierung am französischen Klassizismus führte bekanntlich dazu, zwei große Werke des 18. Jahrhunderts – Hallers Alpen und Klopstocks Messias – in ihrem Wert zu unterschätzen bzw. als barocken „Schwulst“ zu verkennen. Man könnte vermuten, dass Lyriktheorien seit diesem berühmten Beispiel einer regelpoetischen Fixierung sensibilisiert wären für die Notwendigkeit, sich von allzu klassizistischen Gattungskriterien stets aufs Neue zu lösen, um so der Dichtung ihrer Zeit gerecht zu werden. Dass dem nicht so ist, verdeutlicht das Beispiel Wilhelm Dilthey, der zwar 1906 in Das Erlebnis und die Dichtung betonte, wie sehr „diese Grundrichtung unserer Literatur, wie sie in Klopstock kulminierte, in ihrem Recht gegenüber den gelehrten Experimenten der Leipziger Schule“2 gewesen sei. Wenngleich Dilthey jedoch die Loslösung der Lyrik Klopstocks und später Goethes von den strengen Vorgaben der Gottschedschen Regelpoetik begrüßte und bekanntlich in seinem Begriff des „Erlebnisses“ bzw. der „Erlebnislyrik“ theoretisch zu fassen suchte, so hinderte ihn dieses Wissen dennoch nicht daran, in die nämliche Falle zu tappen, also erneut im Namen der „zeit- und raumlosen Ideale“ der goethezeitlichen Ästhetik die „Bevorzugung der anomalen Seelenzustände und des Seelisch-Complexen“ in der naturalistischen Literatur seiner Zeit scharf zu kritisieren.3

So sehr sich daher der Diltheysche Dichtungsbegriff in den Lyriktheorien etwa Emil Staigers, Max Kommerells oder Käte Hamburgers verfestigte, so erwartbar war die Wiederholung dieser Problematik in der Lyriktheorie des 20. Jahrhunderts. Denn gegen eben diesen von Dilthey entwickelten Begriff der Erlebnislyrik, bezogen auf die mit Klopstock einsetzende Lyrik der Goethezeit bzw. der Romantik, richtete sich die Kritik Hugo Friedrichs, der 1956 in Die Struktur der modernen Lyrik betonte, das moderne Gedicht sehe „ab von der Humanität im herkömmlichen Sinne, vom ‚Erlebnis’, vom Sentiment, ja vielfach sogar vom persönlichen Ich des Dichters.“4 Mit Autoren wie Baudelaire, Rimbaud oder Mallarmé habe sich in der Lyrik der Moderne die „radikalste Abkehr von der Erlebnis- und Bekenntnislyrik“5 vollzogen, also von eben jenen von Dilthey geprägten Kategorien.

Hugo Friedrich meinte mit Blick auf Arthur Rimbaud vor allem „die abnorme Trennung des dichterischen Subjekts vom empirischen Ich“, weshalb er etwa davor warnte, „moderne Lyrik als biographische Aussage zu verstehen.“6 Nach der Goetheschen Erlebnislyrik verloren in der Folge jedoch auch die an der romantischen Lyrik etwa Eichendorffs und Brentanos gewonnenen Paradigmen ihre Gültigkeit. Dies verdeutlicht die Absage an den von Emil Staiger und Max Kommerell entwickelten Begriff der Stimmungslyrik, der wohl erstmals in Kurt Leonhards Studie über Moderne Lyrik theoretisch distanziert wurde. Demnach sei der Begriff „Moderne Lyrik“ nur dann gerechtfertigt, „wenn wir ‚Lyrik’ nicht auf ‚schöne Verse’ oder auf subjektive, passiv erlebten Stimmungen gehorchende Ergüsse beschränken.“7 Zwar hatte noch Clemens Heselhaus in seiner Studie über Deutsche Lyrik der Moderne von Nietzsche bis Yvan Goll mit Blick auf expressionistische Autoren wie etwa van Hoddis oder Lichtenstein weiterhin von deren „Stimmungsgedichten“ gesprochen.8 Dagegen vermerkte jedoch schon Jürgen Link, gerade die zeitgenössische Lyrik schärfe den Blick dafür, „dass Gedichte nicht aus ‚Stimmungen’ und ‚Gefühlen’ zusammengesetzt sind, sondern ganz konkret aus Worten, aus Sprache.“9 Ähnlich betonte Dieter Lamping mit Nachdruck, dass sich die Lyrik der Moderne von der „Erlebnis- und Stimmungslyrik“ des 18. und 19. Jahrhundert gelöst habe, indem sie „neuartige, zunächst betont nicht-realistische, verfremdende Darstellungsweisen“ verwende.10 Und Dieter Burdorf betonte eben deshalb, der Begriff der Stimmung gehöre wie der des Erlebnisses und des lyrischen Ichs zu den „problematischen Kategorien“.11

Zu den neuen und anderen Merkmalen der Lyrik des zwanzigsten Jahrhundert zählten stattdessen die „Diskontinuität“ sowie die „Simultanität“ der Wahrnehmung, das Spiel mit Paradoxie und Verfremdung, der A-mimetismus, sowie ein genereller Ich- bzw. Identitätsverlust.12 Mario Andreotti etwa bemerkte eine Verschiebung von festem Ich und kohärenter Gesamtsicht der Wirklichkeit hin zu Dissoziation in Einzelbilder, ein Vorgang, der in der modernen Lyrik anhand der „Entpersönlichung des lyrischen Ichs“ ersichtlich sei. Demnach sei moderne Lyrik „spezifisch gestisch“13: Nicht mehr der Bezug auf eine aussersprachliche Wirklichkeit, sondern die Sprache selbst als eigenständige Realität bzw. die Reduktion des Sprachzeichens „auf seine materiale Funktion“14 stehe im Zentrum, was Andreotti an Beispielen vom dadaistischen Montagegedicht bis zur Textcollage und konkreten Poesie gezeigt hat.15 Wie sehr diese Diskrepanz zwischen klassisch-romantischer und moderner Lyrik eine grundlegende Neuorientierung der Lyriktheorie notwendig erscheinen ließ, verdeutlicht etwa die These Dieter Lampings, nach welcher ein „Begriff des Lyrischen, der an klassischen und romantischen Gedichten gewonnen wurde,“ – das Beispiel ist hier die Lyrik-Theorie Emil Staigers – „für eine Beschreibung der modernen Lyrik kaum etwas hergibt.“16

Das vorliegende Buch bezweifelt diese These und will den Gegenbeweis antreten: Es behauptet, dass ein an klassischen und romantischen Gedichten gewonnener Begriff des Lyrischen sehr wohl etwas hergibt für die Beschreibung moderner und postmoderner Poesie. Zu diesem Zweck macht es den Vorschlag, den Begriff des Gespürs in die Lyriktheorie einzuführen.

Weiterlesen

48. Jandl-Bibliografie

relevant.at veröffentlicht ohne weitere Erklärungen (jedenfalls finde ich keine) eine Reihe von Bibliografien von Klassikern der neueren deutschen Literatur (wie Arno Schmidt, Wolfgang Koeppen, Peter Weiss, Gerhart Hauptmann, Ingeborg Bachmann, Peter Rühmkorf, Peter Huchel…). Nützlich eine von Ernst Jandl, mit langer Liste von Veröffentlichungen auf Tonträgern und Vertonungen.

40. Huchel und Staufen

Denn weit draussen gegen das Münstertal zu, zwar unmittelbar an der Strasse, aber dennoch sehr einsam, wohnte er die letzten sechs Jahre seines Lebens. Er war viel unterwegs, schreiben aber mochte er nur zu Hause, wo seine Frau Monica die zu Versen geformten Gedanken aufzeichnen musste. «Schneenarben an den Felsen, / Wegzeichen wohin? Schriftzeichen, / nicht zu entziffern», so heisst es in «Todtmoos», einem der späten Gedichte.

«Schneenarben» und «Schriftzeichen» gibt es in Staufen freilich noch ganz anderer Art. Sie sind allerdings auch leichter zu entziffern. Im historischen Kern des Städtchens, rund ums Rathaus herum, sind die Häuser von Rissen gezeichnet, manche sind bloss einige Millimeter breit, andere klaffen furchterregend weit auf. / Roman Bucheli, NZZ

28. Prosa des Dingworts

Lyrik, hat Günter Eich notiert, habe wesentlich mit dem “Dingwort” zu tun, schon das Verb sei letztlich ein Indiz für Handlung – und damit eine Angelegenheit des Romans. So gesehen, entfaltet Christoph Meckel in seiner jüngsten Publikation “Russische Zone” über weite Strecken eine lyrische Prosa, die nicht Handlung entwickelt, sondern Bilder aufbaut, Erinnerung fixiert und Erfahrung festhält. Meckels wunderbar geschmeidige, atmende und federnde Prosa des Dingworts folgt einer thematischen Spur, die seine Erinnerungsbücher an Marie Luise Kaschnitz (“Wohl denen die gelebt”) und an Peter Huchel (“Hier wird Gold gewaschen”) gelegt haben. / Hartmut Buchholz, Badische Zeitung 6.8.

126. Neue Lyrik 1962-1965

Goethe schrieb eine Rezension der Sammlung “Des Knaben Wunderhorn”, in der er zu den über 200 Gedichten des Bandes “das unterhaltende Geschäft [übernahm], sie alle der Reihe nach, so wie es uns der Augenblick eingibt, zu charakterisieren”. Da heißt es “Lieblich konfus und deshalb Phantasie erregend” oder “Katholisches Kirchentodeslied. Verdiente, protestantisch zu sein.” oder auch mal kurz “Glücklicher Einfall”.

In der sehr preiswerten Neuausgabe der Killy-Anthologie “Epochen der deutschen Lyrik”, die jetzt “Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart” heißt und in 10 Bänden auf über 4000 Seiten chronologisch geordnet eine gar nicht kanonische Sammlung für weniger als 20 Euro erhält (!), gibt es einen nicht von Killy stammenden Nachtragsband der Lyrik von 1961 bis 2000. Ich werde den mir bisher neuen Band auf diese Weise erkunden: Lesen und spontan eine kurze Notiz aufschreiben. (Selbst wenn die spontane Notiz mal herb ausfällt auch zu Texten und Autoren, die ich sehr schätze). Ein unterhaltendes und ja vielleicht auch (für mich) lehrreiches Geschäft.


Teil 1 (1961) hier

Heute die Jahre 1962-1965

 

1962

Johannes Bobrowski: Hölderlin in Tübingen – wenn nicht alles täuscht, auch einer, den wir nicht brauchen wollen

Rolf Dieter Brinkmann: Kulturgüter – Zeitgenosse Bobrowskis, fertigt Stockhausen, Böll, Andersch, Benn and the lot in nur 14 Atemzügen ab

Heinz Czechowski: Theresienstadt – wohin dein Fuß auch tritt, hat Deutschland “Schmerz bereitet”

Rolf Haufs: Gespräch mit dem Baum – Brechts Bäume verfolgen ihn

Peter Huchel: Winterpsalm – Klassiker der Zeugenschaft

Peter Huchel: Der Garten des Theophrast – Gespräche wie Bäume

Christine Lavant: Meiner hat mich nie angerührt – den Unberührten helfen auch Priester und Engel nicht

Christoph Meckel: Gedicht über das Schreiben von Gedichten – hat fast genausooft (7) das Wort Wort wie Bachmann (9). Warum kommt es mir hier härter, konkreter vor? Liegt es etwa am Reim?

Peter Rühmkorf: Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff – vom Mühlenrad zum Kollergang

Volker von Törne: Amtliche Mitteilung – nicht nur für die Seele ist gesorgt, nehmt es zur Kenntnis!

 

1963

Ilse Aichinger: Widmung – im Gedicht stirbts sich leicht

Thomas Bernhard: Jetzt im Frühling – relativ sanft

Paul Celan: Tübingen, Jänner – gestotterte Klassik

Günter Eich: Nicht geführte Gespräche – ich habe nichts zu sagen, und ich sage es relativ lakonisch

Bernd Jentzsch: Die grünen Bäume starben in uns ab – frühreif

 

1964

Hans Magnus Enzensberger: middle class blues – prophetisch

Helmut Heißenbüttel: Gedicht über Hoffnung – Lichterbündelbänder dazwischen Doppelsinn Wortdinger

 

1965

Hans Arp: Glühen und Blühen – gefährliches Wortspiel

Horst Bingel: Fragegedicht (Wir suchen Hitler) – Hitler ist eine Erfindung, wie schon Goethe ahnte

Friedrich Christian Delius: Hymne – Deutschland ist eine Erfindung

 

Walter Killy: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart. 10 Bände. dtv, München 2011, 4064 Seiten, 19,90 Euro.