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118. Zur Diskussion

Laut einem Entwurf zur Geschichte der deutschen Lyrik

ist die Lyrik in der DDR von staatlichen Direktiven umstellt, die moderne Einflüsse als dekadent zurückweist und eine Reorientierung auf die Klassik und sozialkritische Traditionslinien der internationalen Literaturgeschichte umsetzt (Formalismusdebatte, „Forum“-Lyrikdebatte, Lyrikdebatte in „Sinn und Form“) und staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen für Gedichtbände fördert bzw. durch das Heftchenformat „Poesiealbum“ und durch Massenveranstaltungen („Lyrikwelle“) popularisiert.

Ich bin kein Anhänger der Theorie, daß nur Beteiligte die Geschichte recht verstehen. Aber man muß auch die Schwierigkeiten einrechnen, aus den Überlieferungen die Geschichte zu verstehen. Das verläuft weder widerspruchs- noch irrtumsfrei, beim Römischen Reich nicht anders als bei der DDR.

Als Beteiligter an der DDR-Lyrik (als engagierter Leser seit meiner späten Schulzeit in den 60ern) muß ich bei solchen Formulierungen doch schlucken. Zweifellos war die Lyrik wie das gesamte öffentliche und private Leben von staatlichen Direktiven umstellt. Wurde staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen gefördert. Bei der Formalismusdebatte stimmt es nur zum Teil. Zum anderen war sie der Versuch unabhängiger Marxisten wie Brecht oder Bloch, der quasi offiziellen Lukácsschen Ästhetik eine weniger von Klassik und orthodoxem Realismus bestimmte Haltung entgegenzustellen. Bei den angeführten Lyrikdebatten in Forum und Sinn und Form scheint es mir überhaupt nicht richtig. Die Forumdebatte im Sommer 1966 war ein erfolgreicher Versuch,  nach Veröffentlichung der Anthologie “In diesem besseren Land”, die entgegen der Anmutung des Titels ein Gegenentwurf zur offiziellen Darstellung der DDR-Lyrik war, wofür die Namen der Herausgeber bürgen, Karl Mickel und Adolf Endler, diese neue Perspektive einer jungen Generation zu “popularisieren”. Sie wurde ausgelöst durch ein Gedicht Mickels, das die Zeitung zusammen mit einer Interpretation durch den jungen Literaturwissenschaftler Dieter Schlenstedt abdruckte. Dieses Gedicht – alles andere als klassik- und realismuslastig – wurde kontrovers diskutiert, auch die junge Lyrikerin Elke Erb beteiligte sich an der Debatte. Daß sie nach einigen Wochen durch einen “offiziellen” Artikel von Hans Koch abgewürgt wurde, dokumentiert eher, daß sie den Offiziellen nicht genehm war als die oben behauptete Orientierungsfunktion.

Noch stärker gilt das für die Sinn-und-Form-Debatte der frühen 70er Jahre. Auch sie wurde kontrovers geführt, auch sie, in stärkerem Maße, demonstrierte, daß die Orthodoxie die Deutungshoheit verloren hatte. Mit dieser Debatte wurde Adolf Endler zum anerkannt besten Essayisten in Sachen DDR- und Welt-Lyrik im Ländchen. Diese Phase endete mit der Unterschrift Endlers unter den Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns 1976.

Die Aussage über die Popularisierung staatstreuer Lyrik gilt nur bedingt für die Lyrikwelle, die ambivalent war, weil eine Reaktion der staatlichen Jugendorganisation FDJ auf das Auftreten neuer Stimmen. Sie versuchte sich an die “Spitze der Bewegung” zu setzen – neben den Guten traten dort zahlreiche medioker-staatsfromme Lyriker auf. So konnte die “Lyrikwelle” abgewürgt werden, aber zugleich hatten sich die neuen Stimmen der bald (im Westen) so genannten “Sächsischen Dichterschule” durchsetzen können. Nicht Helmut Preißler und Uwe Berger, um zwei staatsnahe Lyriker zu nennen, sondern Braun, Mickel, Czechowski, Jentzsch, Greßmann, Endler, Erb, Inge Müller… waren die Namen der maßgeblichen DDR-Lyriker innerhalb und außerhalb des Landes. Ich sehe nicht ein, warum man die verzerrte Sicht der Ideologen nachträglich anerkennen sollte. Viele zeitgenössische Darstellungen im Westen taten das,* man muß es nicht konservieren.

Auch bei der Heftreihe Poesiealbum muß ich widersprechen. Sie erschien seit 1967 im Verlag der FDJ, Neues Leben. Trotz kontinuierlicher Einflußnahme aber war das Heft unter seinen aufeinanderfolgenden Herausgebern Bernd Jentzsch, Richard Pietraß und Dorothea Oehme (die beiden ersten wurden jeweils abgesetzt) alles andere als ein Organ zur Popularisierung des Geschmacks von Hager oder Krenz. Trotz einzelner Zugeständnisse war das eine erstklassige Quelle der deutschen und Weltlyrik, wo bis 1990 monatlich ein Heft für 90 Ostpfennige erschien, in dem nicht nur über hundert Erstveröffentlichungen (von Wulf Kirsten bis Kerstin Hensel, Johannes Jansen, Bernd (Jayne-Ann) Igel oder Kathrin Schmidt) und (oft DDR-Erst-)Veröffentlichungen moderner Weltlyrik von Allen Ginsberg, Octavio Paz, René Char, W.H. Auden, Dylan Thomas, Welimir Chlebnikow, César Vallejo, Julian Przyboś, Arthur Rimbaud, Bob Dylan, Claes Andersson, Jannis Ritsos, Itzik Manger, Charles Bukowski, Anna Achmatowa, Aimé Césaire, Arsenij Tarkowski, Konrad Bayer, Boris Vian…; kurz: diesen Passus bitte unbedingt revidieren!

Ich füge die Selbstbeschreibung des Verlages der neuen Folge bei. Poesiealbum erscheint wieder und veröffentlichte in den letzhten Jahren u.a. Gottfried Benn (Nr. 300), Ezra Pound, Inger Cristensen, Seamus Heaney, Guillaume Apollinaire, Christine Lavant und Elke Erb. Mit heute 4 Euro könnte es für junge Leser immer noch eine Quelle der poetischen Information sein.

*) So wenn das Kapitel über die DDR-Lyrik der 60er Jahre die Überschrift “Phase des entwickelten sozialistischen Gesellschaftssystems” trägt. In: Lermen/Loewen: Lyrik aus der DDR. Paderborn, München, Wien, Zürich: UTB Schoeningh 1987. Ulbrichts und Hagers ideologische Sicht als Rubrik der Lyrikgeschichte, hui! (Sie hätten lieber Endler fragen sollen. Oder mich :D .)

Auf der folgenden Seite finden Sie den Überblick zu der einzigartigen und umfangreichsten deutschsprachigen Lyrik-Reihe*. 1967 in der DDR während einer internationalen Lyrik-Bewegung gegründet**, besteht sie auch nach inzwischen 45 Jahren unverändert weiter und erreichte im Jahr 2012 mit Ausgabe 300 eine beeindruckende Marke.

Jedes Poesiealbum gibt einen Überblick über das (bis Redaktionsschluß zur Verfügung gestandene) Werk des jeweiligen Dichters. Ungeschriebenes Gesetz war und ist, daß jeder Lyriker nur ein Heft erhält, das unter Umständen in einer späteren und erweiterten Form nochmals erscheinen kann, wenn sich das Werk des Autors über die Jahre wesentlich erweitert und verändert hat. Die Kunst dieser Auswahlen ist es, sie treffend für das Oeuvre des jeweiligen Poeten zu gestalten, so daß die Leser einen verläßlichen Überblick zu Anliegen, Art und Charakter der jeweiligen Dichtung erhalten. Quellenangaben ermöglichen bei Bedarf eine weitergehende Vertiefung; somit wirkt das Poesiealbum neben dem unterhaltsamen und bildenden Aspekt für die Leser auch als Werbung für das Gesamtwerk des behandelten Lyrikers.

Früher erschienen die Hefte monatlich, aktuell erscheint das Poesiealbum zweimonatlich. Format, Preis und Gestaltung wurden bei der Gründung durch “kollektive Einzelentscheidungen” sehr bewußt gewählt.
Das Format, auch bei verwandten Abarten anderer Lyrikausgaben gerne übernommen, wurde so festgelegt, daß “das Heft in die Innentasche eines Sakkos paßt, so daß Werktätige [!] es immer bei sich führen können”. Zwar implementiert “Werktätige” die Berufstätigen beiderlei Geschlechts; da Jackett-Träger aber gemeinhin Herren sind, war Lyrik, damals entweder Männerdomäne, oder der Zugang zur Lyrik sollte Männern erleichtert werden. Praktischerweise ist das gewählte Format allerdings auch für die gängigen Damen-Handtaschen ab “medium” passend.

Die Heft-Gestaltung und -Ausführung war nach einigen Tests schnell gefunden; dem Grafik-Altmeister Peter Nagengast gebührt höchste Anerkennung für die einfache und einprägsame Reihengestaltung, die über die Jahrzehnte unverändert beibehalten werden konnte. Auch die schnörkellose und zweckmäßige Typografie von Achim Kollwitz trug wesentlich zur Lesbarkeit und Konstanz der Reihe bei. Die Fertigung in Klammerheftung erfolgte von Heft 1 bis zur Gegenwart mit großem Engagement im Druckhaus Zeitz, das allerdings bis zu seiner Privatisierung 1990 verschiedene Namen und Zugehörigkeiten erdulden mußte. Die Umschlag- wie Papierqualität schwankte früher je nach der Wirtschaftslage, wodurch manchmal auch Lieferverzögerungen entstanden; allerdings berichten Insider auch von einer – auch wegen der Auflagenhöhe von 8. bis 40.000 – zeitweilig eigens hergestellten Papiersorte.
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* soweit unsere Recherchen ergeben haben; ergänzendes oder anderweitiges Wissen wird gerne zur Kenntnis genommen

** wenig wahrscheinlich als Gründungsargument für das Poesiealbum ist das von Kohlhaase festgehaltene Bonmot zur Verklärung von der DDR-Mangelwirtschaft geschuldeten Problemen: “Es gibt wenig Kartoffeln, wir werden große Lyrikdebatten haben”  [Zeitmagazin 7/2012], nicht nur, weil es zumindest Kohl, Karnickel und Kartoffeln immer gab

Der Umfang der Hefte betrug von Anbeginn konstant 32 (+4 Umschlag-) Seiten, wovon nur ausnahmsweise (Lenin-Sonderheft 31 sowie Jubiläumsdoppelhefte 100 und 150 zu Goethe bzw. Schiller) abgewichen wurde.
Die Grafik des Umschlags war schon immer bewußt auffällig und anziehend als gestaltender Faktor der Reihe gewählt, wobei sie zu den Gedichten oder dem Autor einen Bezug darstellt; die Übersicht der folgenden Seiten zeigt deren erstaunliche Vielfalt.
Der “EVP” wurde in der DDR per Direktive von zentraler Stelle festgelegt und sollte – so berichten die Gründer – in etwa so teuer wie ein Brot (das damals 78 oder 93 Pfennige kostete) sein. Tatsächlich erreichte damit die Reihe bei den Lesern den Kult-Status eines “Grund-Nahrungsmittels”. Bis zum Ende der subventionierten Planwirtschaft kurz vor dem Exitus der DDR betrug der Preis unverändert 0,90 Mark, was u.a. zum damaligen Finale der Reihe bei Heft 275 führte. Bemerkenswert, daß vom jetzigen Editor der Reihe dieses Verhältnis mit 4 € auch heute noch bzw. wieder eingehalten wird.

Herausgegeben wurden die Hefte bisher von hervorragenden Kennern der lyrischen Szene, meist selbst erfahrene Lyriker und Nach-Dichter: Bernd Jentzsch als Erfinder und Mitbegründer der Reihe
(bis Heft 122 und 276-278), Richard Pietraß (von Heft 124 bis 148 und 282 bis 303) sowie Dorothea Oehme (Hefte 149 bis 275). Als Editor der Reihe fungierten der Verlag Neues Leben, Berlin – Direktor Rudolf Chowanetz (Hefte 1-275), der BrennGlas Verlag Assenheim – Verleger Prof. Juergen Seuss (276) und aktuell (ab Heft 277) der Märkische Verlag Wilhelmshorst – Verleger Dr. Klaus-Peter Anders.

Wichtiger als diese formalen Merkmale sind jedoch die inhaltlichen Aspekte der Reihe. Sowohl die Autoren- als auch die Gedichtauswahl trafen und treffen kompetente Auswähler, uU. unterstützt durch externe Experten, die neben einer umfassenden Werkkenntnis auch die Strömungen der Zeit sowie die Bedeutung des klassischen Erbes immer als Kriterium ihrer Zusammenstellungen betrachten bzw. betrachtet haben. Damit wuchs die Anerkennung durch die Leser und der beispiellose Erfolg der Reihe. Wegen der Vielfältigkeit der Autoren und Heftinhalte kann es keine allgemeingültige umfassende Ein-schätzung dazu geben; Herbert Kästner schrieb in den “Marginalien”, daß das Poesiealbum in späteren Jahren den Rang erhält, den wir heute etwa der Reihe “Der jüngste Tag” zusprechen. Eine Vielzahl deutschsprachiger Erstveröffentlichungen und über 100 DDR-Erstveröffentlichungen unterstreichen den zwar mutigen aber dennoch gerechtfertigten Vergleich. Über 5 Millionen verbreitete Hefte in 22 Ländern und das überwältigende Echo zur Wiederbelebung der Reihe durch den Märkischen Verlag nebst der damit verbundenen Begeisterung durch alte wie neue Leser sprechen jedoch für sich und das Niveau der Reihe.

Wir würden uns freuen, wenn auch Sie sich von Niveau, Qualität und Vielseitigkeit des Poesiealbums überzeugen ließen; zur Bestellung der aktuellen Hefte geht es hier.
Märkischer Verlag Wilhelmshorst

 

18. Lampingsche Variable

Sollte es wirklich, wie Enzensberger suggeriert, am Ende mehr Verfasser als Leser von Gedichten geben? Allerdings fallen einem schon Lyrikbände ein, die sich auf Anhieb und nicht erst im Lauf eines Jahrhunderts sehr viel besser verkauften als 1.354 Mal. Wolf Wondratscheks im Selbstverlag erschienene Gedichtsammlung „Chuck’s Zimmer“ von 1974 soll binnen kurzem eine sechsstellige Auflagenhöhe erreicht haben. Lawrence Ferlinghettis „A Coney island of the mind“ ist angeblich in einem Jahr eine Million Mal verkauft worden. Aber das sind natürlich Ausnahmen. Gerade die Klassiker der Moderne erreichten nur ein viel kleineres Publikum. Selbst Charles Baudelaires „Fleurs du mal“, ein Paradebeispiel für großen, aber späten Erfolg, erschien in einer ersten Auflage von gerade 1.100 Exemplaren. Die zweite, vier Jahre später, betrug immerhin schon 1500. Stephane Mallarmés „L’apres-midi d’un faune“ kam zuerst in einer Auflage von 195 Exemplaren auf den Markt – wenn man da von einem Markt reden kann. Rimbauds „Une saison en enfer“ wurde 500 Mal gedruckt und war nach 40 Jahren noch nicht vergriffen. (…)

Sobald man das Radio einschaltet, hört man dagegen unentwegt, unterbrochen nur von Verkehrsmeldungen oder Nachrichten und kurzen, durchaus überflüssigen Überleitungen: Lyrik. Sie heißt allerdings anders: nämlich Schlager, Song, Chanson, auch Lied. Kurt Tucholsky hat sie, nicht ganz freundlich, „Lyrik der Antennen“ genannt. Möglicherweise ist diese Art von Gedichten gleichfalls ein Anachronismus, aber das hat noch keiner gemerkt. Man verlangt nach ihr, und nicht nur in dieser Hinsicht ist sie auf der Höhe der Zeit. Gar nicht so selten ist sie auch auf der Höhe des Geschmacks. Längst haben sich Chansonniers, Songwriters und Liedermacher einen Ruf als Dichter verdient. Und zwar zu Recht. Die Namen kennt jeder.

Die erste Verbindung, die das Gedicht einging, war die mit der Musik. Es ist bis heute ihre erfolgreichste. Wieviele auch immer solchen Lyrikdarbietungen im Fernsehen oder im Radio zuhören mögen: Es sind durchweg weit mehr als 1354. Das ist allenfalls die Verkaufszahl sehr erfolgloser Alben, die aber auch nicht im Radio gespielt werden. Ansonsten muss man ständig mit einem Vielfachen von 1354 rechnen, das allerdings nicht genau zu ermitteln ist. Insofern ist der Schluss erlaubt, dass die Zahl der Lyrikleser und -hörer sehr veränderlich ist, wechselnd von Medium zu Medium, vielleicht sogar von Autor zu Autor – eben eine Variable. Und jetzt hat sie auch einen Namen.

/ Dieter Lamping, literaturkritik.de

Lampings Literaturhinweise

  • Hans Magnus Enzensberger: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie. In: Ders.: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt a.M. 1988, S. 23-41. Zitate S. 23.
  • Hans Magnus Enzensberger: Meldungen vom lyrischen Betrieb. Drei Metaphrasen. In: Ders.: ZICKZACK. Drei Aufsätze. Frankfurt a.M.  1997, S. 182-199. Zitate S. 184.
  • Kurt Tucholsky: Lyrik der Antennen. In: Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hg. von Marie Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Band 9: 1931. Reinbek bei Hamburg  1993, S. 280-282.
  • Zu den Verkaufszahlen der Klassiker: Octavio Paz: Die andere Stimme. Dichtung an der Jahrhundertwende. Aus dem Spanischen von Rudolf Wittkopf. Frankfurt a.M. 1994, insbes. S. 85-105.

35. Gestorben

Der spanische Dichter Tomás Segovia, der 1940 nach Mexiko auswanderte, starb am Montag im Alter von 84 Jahren an Krebs. Der Freund des Dichters und Poeten Octavio Paz war eine bedeutende Figur im Kulturleben Mexikos. Zu seinen bekanntesten Werken zählen La luz (1950), Apariciones (1957), Cuaderno del nómada (1978), Cantata a solas (1985), Lapso (1986), Noticia natural (1992), Fiel imagen (1996) und Sonetos votivos (2007). /  Europe1.fr avec AFP

41. Anderes Argentinien

Ein ganz anderes Argentinien, dasjenige der gewaltigen Landschaften des Paraná oder der Pampa, spiegelt sich in den Arbeiten je eines Dichters und eines Erzählgenies. Juan L. Ortiz, von seinen Freunden „Juanele“ genannt, ist der argentinische Vertreter einer wunderlichen Naturlyrik, die mit einer raffinierten Syntax den Lauf des Paraná-Flusses nachzuahmen versucht. Ortiz ist ein Mystiker sui generis, aber auch ein Erbe der Symbolisten mit Einflüssen aus der orientalischen Poesie. Der zu seinen Lebzeiten (1898 bis 1978) weitgehend unbekannte Dichter hat in späten Jahren erst die Anerkennung erfahren, die ihm als einem der größten Lyriker Argentiniens zustand. …

Im Macho-Land Argentinien hatten aber auch Frauen stets eine literarische Stimme. Alfonsina Storni (1892 bis 1938) schrieb Gedichte voller Sehnsucht nach Liebe und besang das Drama des Lebens im grauen Alltag, schwankend zwischen Fatalismus und bitterem Protest. … Auch die Lyrikerin Alejandra Pizarnik (1936 bis 1972), zu deren Band „Arbol de Diana“ (Baum der Diana) kein Geringerer als Octavio Paz das Vorwort schrieb, endete wie Storni im Selbstmord.

Ihre Altersgenossin María Elena Walsh hat sich mit geistreichen, humorvollen und intelligenten Kinderliedern und -gedichten einen festen Platz im argentinischen Literaturbetrieb und in den Herzen nicht nur der jungen Leser erobert. Die 1951 geborene Reina Roffé wagte sich schon 1976 mit „Monte de Venus“ (Venusberg) an die Problematik einer lesbischen Beziehung. / Josef Oehrlein, FAZ.net

78. Gestorben

Der Schriftsteller Roger Munier, Übersetzer von Martin Heidegger und Octavio Paz und Rimbaudspezialist, starb am Dienstag im Alter von 87 Jahren. Außer mit René Char, der ein Vorwort zu einem seiner Bücher schrieb, unterhielt er auch freundschaftliche Beziehungen zu Paul Celan, der ihm eins seiner Bücher widmete*, und mit dem Dichter Yves Bonnefoy. / L’Alsace.fr

*) Celan hat nur eins seiner Bücher, “Von Schwelle zu Schwelle” (1955), einer lebenden Person gewidmet: seiner Frau Gisèle. (Die Niemandsrose” ist dem Andenken Ossip Mandelstams gewidmet). Gemeitn ist vermutlich, daß Celan ihm ein Exemplar des Bandes von 1955 mit einer Widmung überreichte – aus diesem Jahr datiert ihre Bekanntschaft.

24. Bicentenario

Namen für neue Produkte zu finden, ist dieses Jahr leicht in Lateinamerika. Sieben Länder feiern 200 Jahre Unabhängigkeit, Bicentenario heißt das Gedenkjahr auf Spanisch. …

Zwar haben die meisten Länder Lateinamerikas in den letzten Jahren politisch viel erreicht, ihre Demokratien gefestigt. Doch hundert Millionen Lateinamerikaner haben wenig davon, sie leben in bitterster Armut. Nirgendwo anders ist der Reichtum so ungerecht verteilt wie zwischen Rio Grande und Feuerland. Eine kleine reiche Oberschicht lebt auf Kosten einer riesigen Unterschicht, und bildet im Prinzip noch immer die Verhältnisse der Kolonialzeit ab.

Der mexikanische Nobelpreisträger Octavio Paz schrieb schon vor mehr als 50 Jahren: “Unser Unabhängigkeitskrieg war nicht nur Selbstverleugnung, er war Selbstbetrug. Der wahre Name unseres Liberalismus ist Autoritarismus. Unsere Modernität war eine Maskerade”. Die jungen Staaten, die aus dem untergegangenen Kolonialreich hervortraten, gaben sich Verfassungen nach Vorbild der nordamerikanischen oder französischen Revolution. Doch das meiste blieb schwülstige Rhetorik, die bis heute stilprägend für Lateinamerika ist und oft das Handeln ersetzt. Auf der Internetseite des mexikanischen Bicentenario heißt es: “In nur 200 Jahren unserer Geschichte haben wir durch heroische Gesten und große Momente viele Anlässe geschaffen, auf die wir stolz sein können. Wir sind Teil dessen, wovon die Initiatoren der Unabhängigkeit träumten.” / Sebastian Schoepp, SZ 3.4.

7. Mexikanische Tradition

Der Cervantes-Preis geht dieses Jahr an den mexikanischen Autor José Emilio Pacheco. Paul Ingendaay sprach mit Doris Schäfer-Noske, DLR:.

… man hört von Pacheco, er sei ein ungewöhnlich bescheidener Mensch!

Paul Ingendaay: Ja, das ist eigentlich ein sehr schöner Zug an diesem Autor, dem man mal sagte, er sei doch der berühmteste Dichter seines Landes, in Mexiko eben, und er darauf antwortete, er sei noch nicht mal der berühmteste Dichter seines Stadtviertels, denn dort wohnt auch der Argentinier Juan Gelman, der vor ihm den Cervantes-Preis erhalten hat. Also eine sehr bescheidene Art des Auftretens bei diesem Mann.

Schäfer-Noske: Bekannt geworden ist Pacheco vor allem mit Naturlyrik. Was ist es denn für eine Natur, die er in seinen Gedichten beschreibt?

Ingendaay: Zuerst mal wird man sagen, dass er ein modernistischer Lyriker ist, der auch amerikanische Lyrik ins Spanische übertragen hat, der die Tradition rauf und runter kennt. Sehr lakonisch, sehr klar, sehr intellektuell, introspektiv und ich würde sagen absolut nicht verträumt oder nicht ökoverträumt oder irgendwie sehnsüchtig, wie man sich das vorstellt bei Naturlyrik, sondern eigentlich, er spiegelt den Menschen in der Natur, wie das auch der große Ire … tut, aber eben jetzt auf ganz andere, viel noch mal knappere Weise.

Schäfer-Noske: Aber es ist keine Idylle, die er darstellt?

Ingendaay: Überhaupt nicht, er ist sogar ein Pessimist und er sieht den Menschen eher sehr klein, und das drückt sich in seiner Lyrik aus. Die Ameise ist eines seiner zentralen Bilder, und er glaubt sogar – zumindest kann man das seinen Schriften entnehmen -, dass bei der Evolution des Menschen irgendetwas schiefgegangen ist.

(…)

Schäfer-Noske: Was macht denn den Stil von Pacheco aus?

Ingendaay: Ich glaube, es ist die Abbildung einer Denkbewegung, aber dabei so, also ich sag mal lyrisch, so klar und auch so evokativ, dass man sich fast ins Träumen begeben kann, wenn man ihn liest. Ich lese ihn wirklich sehr, sehr gern. In Mexiko, wir dürfen das nicht vergessen, gibt es viel mehr Lyrikleser als bei uns. Ich habe mal in einer alten Ausgabe, die ich habe, nachgeschaut, da war eine Auflage von 16.000 Stück, das ist ja für so was sensationell, das gäbe es bei uns gar nicht. Von daher, die große lyrische Tradition in Mexiko hat eben nach Octavio Paz auch diesen Dichter hervorgebracht.

166. Egon Ammann zum Tode Fritz Vogelgsangs

Liebhaber der Poesie

Eine bedeutende Übersetzer-Persönlichkeit ist tot, ein unbeirrbarer Liebhaber der Poesie, ein Homme de Lettres, ein weiser schwäbischer Buddha, einstmals unverzagter Toscani- und Toscanelli-Raucher – und wer die schwarzen Dinger kennt, weiß, dass dies die besondere Eigenheit des Rauchers unterstrich: Fritz Vogelgsang. Am 22. Oktober ist er wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag in seinem spanischen Refugium Chiva de Morella in der Provinz Castelló verstorben. Seine Asche wurde, so sein Wunsch, in den Hügeln um sein geliebtes Dorf verstreut.

Was er für die spanisch- und katalanischsprachige Literatur im deutschen Sprachraum unternommen hat, ist eine einzigartige Leistung. Nicht nur, dass er uns schon früh, in den 60er und 70er Jahren, das Werk Pablo Nerudas und Octavio Paz´ vermittelt hat. Wo es um seine geliebte Poesie ging, war er als einer der ersten mit starken Übersetzungen zur Stelle.

Wir haben uns Ende der 80er Jahre in seinem schwäbischen Pfarrhaus, das er mit seiner Familie in Markgröningen bewohnte, kennengelernt, und was ein Besuch von höchstens zwei Stunden werden sollte, weitete sich über acht Stunden bis in die Nacht hinein aus, treulich umsorgt mit Tee und Essen von seiner fürsorglichen Gattin. Damals haben zwei Begeisterte die großen Ausgaben miteinander besprochen, die sie zusammen in Angriff nehmen wollten: César Vallejo und Antonio Machado. Vallejo war der eigentliche Anlass meines Besuchs. Der Philologe Vogelgsang wies auf die Schwierigkeiten für die Übertragung der Arbeiten von Vallejo hin. Wie soll man z.B. die Vokabel “Trilce” übersetzen? Wie die indigenistischen Einstreuungen in die Texte, die sich vordergründig sehr spanisch geben, aber von hinterhältiger semantisch-ideomatischer Tiefe sind? Und über die Stunden haben wir gut und gerne die spanischsprachige Poesie des vergangenen Jahrhunderts miteinander besprochen, wobei unversehens Machado im Vordergrund stand.

In diesem Spätsommer hat Fritz Vogelgsang die Arbeit am fünften und letzten Band der Machado-Ausgabe abgeschlossen, womit erstmals das Gesamtwerk des bedeutendsten spanischen Dichters des vergangenen Jahrhunderts in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt, die Gedichtbücher zweisprachig, die Prosa, das Gedankenbuch “Juan de Mairena” etwa, einsprachig deutsch. Zu jedem Band hat er ausführliche Essays verfasst, die die Texte vertiefen, Bezüge aufzeigen und über die Vorlage in die kulturgeschichtlichen Referenzen hinausweisen.

/ Egon Ammann, FR 30.10.

31. Von Zürich nach Flamersheim

20 Leute hatten sich eingefunden, um der Lesung des bekannten Literaturprofessors Bernd Jentzsch beizuwohnen. Mit der 122-bändigen Reihe „Poesiealbum“, die mehr als 5,5 Millionen Mal in 22 Ländern verkauft wurde, und seinen Gedichten, die in 16 Sprachen übersetzt worden sind, ist er laut Infoblatt des Theaters aus der Literaturgeschichte kaum noch wegzudenken. Jentzsch habe mehr als 40 Dichter der europäischen Moderne übersetzt und bisher 66 Bücher veröffentlicht. So habe der Berliner mehrere Auszeichnungen – unter anderem den Eichendorffer Literaturpreis – erhalten. Nachdem er erst in Berlin und dann in Zürich wohnhaft war, zog er 1989 nach Flamersheim. „Von Zürich nach Flamersheim – das ist jetzt nicht böse gemeint – ist wie: vom Himmel in die Hölle“, lachte Jentzsch. / Kölnische Rundschau/ Euskirchen

– Eichendorffer? Naja… Nicht der einzige Fehler. Genaugenommen ist “Poesiealbum” eine Lyrikreihe, von der soeben Heft 284 erschienen ist. 122 dürfte etwa die Zahl der von Bernd Jentzsch bis zur Ausbürgerung Wolf Biermanns herausgegebenen Hefte sein. Die Heftreihe wurde von Bernd Jentzsch im Jahre 1967 gegründet und erschien bis 1990 monatlich zum Preis von 90 Pfennig. Als Wolf Biermann ausgebürgert wurde, befand sich Jentzsch gerade in der Schweiz, wo er für eine Anthologie recherchierte. Er protestierte mit einem offenen Brief und wurde dafür mit einem Strafverfahren bedroht. (Der Staat hatte keinen Zugriff auf ihn und schikanierte dafür seine Mutter). Richard Pietraß führte die Reihe weiter, bis auch er gefeuert wurde. 1990 wurde der Preis erhöht, aber es half nicht. Kurz nach der Währungsunion wurde die Reihe mit Heft 275 eingestellt. 1991 erschien in einem anderen Verlag, aber in gleicher Aufmachung und mit Nummer 276,  noch ein Heft mit Gedichten von Jentzsch. “Das abschließende Heft”, stand auf einer Bauchbinde. Dabei blieb es aber nicht. Seit 2007 erscheint es wieder, zuerst drei Hefte, die in der DDR nicht erscheinen konnten: Peter Huchel, Ezra Pound und Ernst Jandl, ausgewählt von Jentzsch. Soeben erschien Heft 284: Wolfgang Hilbig, ausgewählt von Pietraß.

Die ersten Hefte erwarb ich als Schüler 1967: bei dem Preis kein Problem. Zusammen mit der ebenfalls 1967 begründeten “Weißen Reihe” vom Verlag Volk und Welt meine Einführung in die Weltlyrik. In der Weißen Reihe erschien damals Anna Achmatowa zweisprachig, eine Entdeckung! Im Poesiealbum wieviele Erstbegegnungen, oft DDR-Erstveröffentlichungen oder überhaupt Erstveröffentlichungen. Nach den Klassikern Brecht, Majakowski und Heine erschienen 1968 Wulf Kirsten, Günter Kunert, Reiner Kunze, Kurt Bartsch. Spätestens da muß er im linientreuen Verlag Neues Leben heftig angeeckt sein. Eine chronologische Auswahl, private Lese-Archäologie: 1969 Federico García Lorca, 1970 Robert Desnos, Ho chi Minh, 1971 Langston Hughes, Georg Maurer, Klopstock, 1972 Bobrowski, Neruda, Jessenin, 1973 Michelangelo, Jewtuschenko, Eich, Octavio Paz, René Char, 1974 Dylan Thomas, Barthold Hinrich Brockes, Marina Zwetajewa, Pietraß, Enzensberger, Zbigniew Herbert, Whitman, Ungaretti und Thomas Brasch (die Erst- war auch Letzt-Veröffentlichung fürs Ländchen), und so Jahr für weiter, Kramer und Leising, Inge Müller und Welimir Chlebnikow! Letzterer illustriert von Hermann Glöckner! Auch die grafische Ausstattung hat es in sich, kleine Reihe: Volker Braun / Carlfriedrich Claus, Eugenio Montale / Hermann Glöckner, Allen Ginsberg / Andy Warhol, Vicente Aleixandre / Gerhard Altenbourg, César Vallejo / Nuria Quevedo, Novalis / Tübke, Kathrin Schmidt / Uwe Pfeifer, John Keats / Johannes Jansen: Junge und Welt* – Lyrik + Kunst war zu entdecken!

Die komplette Reihe ist für junge, entdeckungsfreudige Leser heute unerschwinglich (2000 Euro, las ich, wollte ein Antiquar für eine annähernd vollständige Sammlung). Aber alles aus der Neuausgabe wär noch erreichbar und verspricht viel, nämlich bisher nach den drei Genannten: Uwe Grüning, Ludvík Kundera, Georg Heym, Seamus Heaney, Wolfgang Hilbig…

(Nicht zu verwechseln mit “Poesiealbum neu”, das ist etwas anderes, wenn auch in gleicher Aufmachung!)

Genaue Informationen über alle erschienenen Hefte (in einem eine Jugendsünde des L&Poe-Herausgebers) hier.

*) Und ist ein langes Wort (Georg Büchner)