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69. Poesielabor

2003 gründete Daniela Seel den Verlag kookbooks, dem es in kürzester Zeit gelang, die deutsche Verlagslandschaft aufzumischen. Ihrem Einsatz ist es wesentlich zu danken, daß eine ganze Schriftstellergeneration plötzlich auch für eine größere literarische Öffentlichkeit sichtbar wurde. Ihr Motto: “kookbooks. Agenten der Schönheit. Labor für Poesie als Lebensform”

 

 

 

 

 

Neu im Frühjahr:

  • Alexej Parschtschikow. Erdöl. Gedichte russ.-dt.
  • Alexander Gumz. ausrücken mit modellen. Gedichte
  • Mathias Traxler. You’re welcome. Gedichte/Aufzeichnungen
  • Daniela Seel. ich kann diese stelle nicht wiederfinden. Gedichte

 

L&Poe wird diese Titel in einer Serie zum Frühjahrsprogramm der Lyrikverlage vorstellen.

Ich beginne mit dem russischen Dichter Alexej Parschtschikow. (Auch bei übersetzter Literatur füllen die neuen Verlage unverzeihliche Lücken selbst bei den “großen” Sprachen wie Englisch oder halt Russisch, siehe auch Luxbooks oder die Edition Rugerup oder vorher Galrev. 1990 erschienen ein paar Gedichte von Parschtschikow [andere Schreibweise: Parstschikow] in einer Anthologie des Oberbaum-Verlags, auch so einer, bei dem ich nach der “Wende” u.a. Bücher von Richard Anders und Ossip Mandelstam kaufen konnte). Parschtschikow ist in 15 Sprachen übersetzt, aber in Deutschland, wo er mehr als zehn Jahre verbrachte, erst postum.

1954 im äußersten Osten des Riesenreichs in der Nähe von Wladiwostok geboren, aufgewachsen in der Ukraine, wo er Landwirtschaftswissenschaften studiert, um später zur Literatur zu wechseln – die Biographie verzeichnet Literaturstudien am Moskauer Literaturinstitut und in Stanford. 1989 debütiert er in Kiew und wird zu einem wichtigen Vertreter der “Metarealisten”. Seit 1995 lebte er in Köln, wo er im April 2009 starb.

Jetzt erscheint der zweisprachige Band Erdöl · Gedichte. Russisch-Deutsch. Aus dem Russischen von Hendrik Jackson.

Hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags eine Probe:

ДЕНЬГИ

I

Когда я шёл по Каменному мосту,
играя видением звёздных войн,
я вдруг почувствовал, что воздух
стал шелестящ и многослоен.
В глобальных битвах победит Албания,
уйдя на дно иного мира,
усиливались колебания
через меня бегущего эфира.
В махровом рое умножения,
где нету изначального нуля,
на Каменном мосту открылась точка зрения,
откуда я шагнул в купюру «три рубля».

I I

У нас есть интуиция — избыток
самих себя. Астральный род фигур,
сгорая, оставляющий улиток.
В деньгах избытка нету. Бурных кур,
гуляющих голландский гульден,
где в бюстах королевская семья,
по счёту столько, сколько нужно людям, —
расхаживают, очи вечности клюя.
Купюры — замеревшие касания,
глаза и уши заместить могли б.
Ты, деньги, то же самое
для государства, что боковая линия для рыб.

Geld

I

Ich lief auf Moskaus Steinbrücke und stellte
mir vor, dass jetzt der Krieg der Sterne sei,
da fühlt ich plötzlich, wie die Luft sich wellte,
voll vielschichtiger Raschelei.
In den globalen Kämpfen siegt Albanien,
und Schwankungen von Ätherwellen drangen
durch mich durch, begannen zuzunehmen,
bis ich auf Grund, in andre Welten sank.
In sich multiplizierend-dichten Schwärmen,
wo nie ein absoluter Nullpunkt existiert,
auf jener Brücke – zeigte sich das Panorama
eines Drei-Rubelscheins, in das ich schritt.

I I

Uns ist Intuition zu eigen, dieses Überfließen
aus sich heraus, in einer Art Astralform,
die verbrennt, doch ohne Spuren von Indizien.
Das Geld kennt keinen Überschuss. Die Hühnerschar
der Gulden: eifrig wandernd, unter Blicken
der alten KoÅNnigsbüsten, grad
so viel, wie nötig sind, im Umlauf, picken
sie Augen einer Ewigkeit, flanieren auf und ab.
Denn Scheine sind Berührungen, doch schon erloschen.
Sie sind für Augen, Ohren ein Ersatz.
Und was den Fischen
die Seitenlinie, bist du, Geld, dem Staat.

Alexej Parschtschikow: Erdöl · Gedichte. Russisch-Deutsch. Aus dem Russischen von Hendrik Jackson
kookbooks _ Reihe Lyrik _ Band 19
ca. 160 Seiten, gestaltet von Andreas Töpfer, Klappenbroschur, ca. 19.90 Euro, ISBN 9783937445434
erscheint vorraussichtlich 3/2011

 

Dass und wie die Avantgarde der russischen Gegenwartsdichtung – von Alexei Parstschikow über Sergei Birjukow bis hin zu Wera Pawlowa – mit Vorliebe ausserhalb Russlands operiert, ist durch eine fast 1000-seitige Anthologie dokumentiert, die kürzlich in Moskau unter dem Titel «Der befreite Odysseus» vorgelegt wurde und die poetische Texte von 244 russischsprachigen Autoren aus 26 Ländern zu einem eindrücklichen Panorama zusammenschliesst. / Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung 17.8. 2005

 

Moderne russische Poesie seit 1966
Berlin, Oberbaum Verlag, 1990. 401 S.

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