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Schlagwort-Archive: Nadeshda Mandelstam

Im Netz seit 1.1.2001

1. Schicksalsgemeinschaft

[Nadeschda] Mandelstams ungeschönte Darstellung lässt auch die weniger schmeichelhaften Züge der Dichterin – Jähzorn, Eifersucht, Rechthaberei und Unbarmherzigkeit im Urteil – nicht aus. Ebenso wenig wie die offensichtliche Eifersucht der Achmatowa-Ehemänner auf ihr Talent. Weitere Gedanken zielen ab auf die “Schicksalsgemeinschaft” der Akmeisten-Dichter, zu der neben Achmatowa auch Ossip Mandelstam und Nikolaj Gumiljow gehörten, zu dem Programm, mit dem sich diese Gruppe vom Symbolismus abgrenzte, und zu den gewissermaßen oppositionellen Futuristen. Anders als der Freundeskreis um Mandelstam und Achmatowa, der sich von Angst und Scham nicht beherrschen lassen wollte, verzweifelte mancher an seinem Schicksal. Die Dichterin Marina Zwetajewa, von Achmatowa mehrfach als ihre “Doppelgängerin” bezeichnet, brachte sich 1941 um, da ihr Mann und ihre Tochter inhaftiert worden waren. / JUDITH LEISTER, FAZ 31.8. (noch bei buecher.de)

Nadeschda Mandelstam: “Erinnerungen an Anna Achmatowa.”
Aus dem Russischen von Christiane Körner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 206 S., geb., 18,90 [Euro].

9. Lichtgestalt der Moderne

Zwar ist der russischen Lyrikerin Anna Achmatowa (1889–1966) die höchste literarische Würdigung, der Nobelpreis, versagt geblieben, doch die Verehrung, die sie zu Lebzeiten genoss, wie auch ihr stetig wachsender Nachruhm machen sie gleichwohl zu einer Lichtgestalt der europäischen Moderne – kaum ein anderer Autor des vergangenen Jahrhunderts ist in Malerei, Skulptur oder Fotografie so oft dargestellt worden wie sie, kaum ein anderes lyrisches Werk hat man so extensiv übersetzt, ausgedeutet, vertont und illustriert wie das ihre, und kaum jemand sonst hat in Briefen, Tagebüchern oder Erinnerungsschriften zeitgenössischer Sympathisanten so viel Präsenz gewonnen. …

Die nun seit kurzem auch in deutscher Sprache vorliegenden «Erinnerungen an Anna Achmatowa» erweisen sich als ein rückhaltlos voreingenommener Nachruf, der die Dichterin hochleben lässt als künstlerische, moralische und intellektuelle Führungskraft einer Epoche des Horrors. …

Der rasant hingeschriebene, weder die Erzähllogik noch die Chronologie respektierende Text ist darüber hinaus ein epochales Zeitzeugnis von unmittelbar anrührender Authentizität – subjektiv, eigensinnig, provokant, ungemein klug und souverän, dabei völlig illusionslos, bisweilen auch ausgesprochen zynisch.

An Zynismus grenzt hier etwa die radikale Neubewertung der russischen literarischen Moderne. Diese sieht die Autorin dominiert von Ossip Mandelstam, dem angeblich einzig die Achmatowa und Pasternak das Wasser reichen können, während die kanonisierten Autoren des Symbolismus und Futurismus – von Alexander Blok bis hin zu Chlebnikow und Majakowski – lediglich als Komparsen der Literaturgeschichte in Erscheinung treten oder explizit als Kriecher, Schönredner, gar als «Kretins» abgefertigt werden . . .  / Felix Philipp Ingold, NZZ 3.1.

Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an Anna Achmatowa . Aus dem Russischen von Christiane Körner. Kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Pawel Nerler. Bibliothek Suhrkamp 1465, Berlin 2011. 205 S., mit zahlreichen Abbildungen, Fr. 27.50.

48. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (4)

Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift

Wird in den nächsten 3 Tagen in alphabetischer Folge ergänzt. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden.  (Bitte erst unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen, hier also nur Kr – Na. Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)

  1. Michael Krüger (Hg.) ∙ Akzente. Zeitschrift für Literatur, Heft 2/April 2011: Moderne hebräische Lyrik, zusammengestellt von Ariel Hirschfeld, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, 108 Seiten, Broschur, Verlag Carl Hanser, München 2011.
  2. Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Hg. von Valeri Scherstjanoi. Leipzig: Reinecke & Voß 2011.  81 S.
  3. Georg Kulka: Sichtbarkeit. Aufzeichnende Prosa. Prosagedichtezyklus, hochroth Verlag 2011.
  4. Thomas Kunst · Legende vom Abholen, 109 Seiten, Klappbroschur, Edition Rugerup, Berlin · S-Hörby 2011.
  5. Kunstverein Kunstgeflecht (Hg.): Rhein! Zeitschrift für Worte, Bilder, Klang Nr. 2 (Oktober), Kidemus: Köln 2011. Lyrik von Kurt Drawert, Armin Foxius, Frederike Frei, Thomas Geduhn, Harald Gröhler, Gert Heidenreich, Franz Hodjak, Yaak Karsunke, Jochen Kelter, Regine Mönkemeier, Albert Ostermeier, Elisabeth Plessen, Manfred Pricha, Carmen Elisabeth Puchianu, Francisca Ricinski-Marienfeld, Kurt Roessler, Said, Joachim Sartorius,Rolf Stolz, A. J. Weigoni.
  6. Axel Kutsch (Hg.) · Versnetze_vier. Deutschsprachige Lyrik der Ge­genwart von 216 Autorinnen und Autoren, dar­unter Andreas Altmann ∙ Michael Arenz ∙ Hans Bender ∙ Hans Georg Bulla ∙ Uwe Claus ∙ Crauss ∙ Hugo Dittberner ∙ Richard Dove ∙ Hans Eichhorn ∙ Peter Ettl ∙ Karin Fellner ∙ Brigitte Fuchs ∙ Claudia Gabler ∙ And­rea Heuser ∙ Franz Hodjak ∙ Jürgen Israel ∙ Peter Kapp ∙ Ulrich Koch ∙ Christoph Leisten ∙ Vesna Lu­bina ∙ Marie T. Martin ∙ Jürgen Nendza ∙ Andreas Noga ∙ Irmhild Oberthür ∙ Antje Paehler ∙ Tom Pohl­mann ∙ Arne Rauten­berg ∙ Francisca Ricinski ∙ Horst Samson ∙ Vera Schindler-Wunderlich ∙ Marita Tank ∙ Ralf Thenior ∙ Beate Ün­ver ∙ Marianne Ullmann ∙ Ruth Velser ∙ Jürgen Völkert-Marten ∙ Ron Winkler ∙ Ma­rio Wirz ∙ Maximilian Zander ∙ Rosemarie Zens, Vor­wort des Herausgebers, 329 Seiten, Broschur, Verlag Ralf Liebe, Wei­lerswist 2011.
  7. Stan Lafleur/Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011
  8. James Laughlin: Dylan schrieb Gedichte. Aus dem US-Amerikanischen von Christine Pfammatter. Leipziger Literaturverlag. 136 Seiten.
  9. lauter niemand e.V. (Hg.): lauter niemand. Die Berliner Zeitschrift für Lyrik und Prosa. 11. Ausgabe. Lyrik von Clemens Schittko, Sylvia Geist, Philipp Güntzel, Isabella Roumiantsev, Catherine Hales, Elke Engelhardt, Sina Klein, Richard Duraj, Andrea Scholl, Kerstin Becker, Martina Winter, Levin Westermann, Niklas Lem Niskate, Sonja vom Brocke, Charlotte Warsen, Thomas Steiner, Jan Imgrund, Dieter M. Gräf, Theresa Klesper, Claudia Gabler, Philippe Kottoros, Carl-Christian Elze, Lutz Steinbrück, Tom Nisse, Roberto Yañez, Tibor Schneider, Kirsten Hartung, Simone Hirth, Julian Walther, Robert Bahr, Prosa von Ulrike Almut Sandig, David Frühauf, Dirk Alt, Yulia Marfutova, Stephan Roiss, Martin Lechner, Guy Helminger, Joachim Wendel, Florian Wacker, Marie T. Martin, Bernd Gonner.
  10. Radmila Lazić: Das Herz zwischen den Zähnen. Gedichte. Aus dem Serbischen von Mirjana & Klaus Wittmann. Leipziger Literaturverlag. 160 Seiten.
  11. Ivo Ledergerber · Besuch bei einem Freund, 92 Seiten, Hardcover, Waldgut Verlag, CH-Frau­enfeld 2011.
  12. Wilhelm Lehmann, Poesiealbum 297. Auswahl Axel Vieregg, Grafik Herbert Tucholski. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011. 32 S.
  13. Christian Lehnert · Aufkommender Atem, 99 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Suhr­kamp Verlag, Ber­lin 2011.
  14. Anton G. Leitner · Arne Rautenberg (Hg.) · Das Gedicht, 19. Ausgabe: götterschöner freudefunken, Gedichte von Melanie Arzenheimer ∙ Jürg Beeler ∙ Brigitte Fuchs ∙ Norbert Göttler ∙ Ulla Hahn ∙ Erich Jooß ∙ Chris­tine Langer ∙ Andreas Peters ∙ Ilma Rakusa ∙ Robert Schindel ∙ Babette Werth ∙ Johannes Zultner u.v.a., 135 Seiten, Broschur, Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2011.
  15. Anton G. Leitner (Hg.) ∙ Gedichte für Zeitgenossen. Lyrik aus 50 Jahren von H. C. Artmann ∙ Ingeborg Bachmann ∙ Werner Dürrson ∙ Jörg Fauser ∙ Axel Kutsch ∙ Mario Wirz u.v.a., 142 Seiten, Taschenbuch mit Schutzumschlag, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011.
  16. Anton G. Leitner, Die Wahrheit über Uncle Spam und andere Enthüllungsgedichte, mit einem Nachwort von Ulrich Johannes Beil, 128 Seiten, Broschur, Daedalus-Verlag, Münster 2011.
  17. Michael Lentz · Textleben. Über Literatur, woraus sie gemacht ist, was ihr vorausgeht und was aus ihr folgt, herausgege­ben sowie mit Vor- und Nachwort versehen von Hubert Winkels, 576 Seiten, Hard­cover mit Schutzumschlag, Lesebändchen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011.
  18. Ben Lerner: Die Lichtenbergfiguren. Gedichte, zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Mit e. Nachwort von Matthias Göritz.  luxbooks.americana, Wiesbaden 2011.
  19. Lettre International. Europas Kulturzeitung. Heft 95. Winter 2011. 138 S. Wassili Dimow: Kafkasus. Ein Poem. Beiträge von Péter Nádas, Slavoj Žižek, Friedrich Kittler u.v.a.
  20. Liao Yiwu: Massaker. Frühe Gedichte. Übersetzt von Hans Peter Hoffmann, hochroth Verlag 2011.
  21. Ernst Wilhelm Lotz · Wolkenüberflaggt (edition grillenfänger 20). 52 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  22. Wolfram Lotz: Fusseln. Liste. Köln: Parasitenpresse 2011 (paradosis Nr. 8). 16 S.
  23. Gertrud Luick-Conrad: Lebenslinien. Esslingen: Civitas Imperii Verlag 2011.
  24. Nikola Madzirov · Versetzter Stein, aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann, 64 Sei­ten, Hardco­ver, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2011.
  25. Zvonko Maković: lügen. warum nicht? Gedichte. Übersetzung: Alida Bremer. 96 Seiten, Format: 13.5 x 21 cm, gebunden, Softcover. Das Wunderhorn 2011.
  26. Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an Anna Achmatowa . Aus dem Russischen von Christiane Körner. Kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Pawel Nerler. Bibliothek Suhrkamp 1465, Berlin 2011. 205 S., mit zahlreichen Abbildungen.
  27. Horst-Ulrich Mann [d.i. Ulrich Horstmann]: Kampfschweiger. Gedichte 1977–2007. Verlag Shoebox House, Hamburg 2011. 187 S., € 16.90
  28. Julia Mantel ∙ dreh mich nicht um, Bilder von Petrus Akkordeon, Vorworte von Kurt Drawert und Jörg Sun­dermeier, 47 Seiten, Broschur, fixpoetry.Verlag, Hamburg 2011.
  29. Peter Marggraf (Hg.) · Berichte aus der Werkstatt, 10. Ausgabe, Bilder von Peter Marggraf, Gedichte von Hans Georg Bulla ∙ Uwe Claus ∙ Georg Oswald Cott ∙ Hugo Dittberner ∙ Paul Klee ∙ Gerd Kolter ∙ Heiner Müller ∙ August von Platen ∙ Rainer Maria Rilke, 40 Seiten, Format 23 x 33 cm, San Marco Handpresse, Neustadt 2011.
  30. Alfred Margul-Sperber (Hrsg.) · Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Guțu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. Mit Gedichten von Rose Ausländer · Uriel Birnbaum · Klara Blum · Paul Celan · Zeno Einhorn · Norbert Feuerstein · Ernst Maria Flinker · Robert Flinker · Benjamin Fuchs · David Goldfeld · Lotte Jaslowitz · Josef Kalmer · Alfred Kittner · Ewald Ruprecht Korn · Artur Kraft · Josef I. Kruh · Kamillo Lauer · Siegfried Laufer · Ariadne Baronin Löwendal · Hugo Maier · Itzig Manger · Alfred Margul-Sperber · Tina Marbach · Salome Mischel · Johann Pitsch · Moses Rosenkranz · Heinrich Schaffer · Isaac Schreyer · Jakob Schulsinger · Erich Singer · Isak Sonntag · Klaus Udo Tepperberg · Victor Wittner · Kubi Wohl. 469 Seiten, gebunden, 2. Auflage, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  31. Jean-Michel Maulpoix: Schritte im Schnee. Prosagedichte. Aus dem Französischen von Margret Millischer. Leipziger Literaturverlag. 140 Seiten.
  32. Ernst Meister · Gedichte, ausgewählt von Peter Handke, 150 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Lese­bändchen, Suhrkamp, Berlin 2011.
  33. Burkhard Meyer-Sickendiek · Lyrisches Gespür. Vom geheimen Sensorium moderner Poesie, 571 Sei­ten, Bro­schur, Wilhelm Fink Verlag, München 2012.
  34. Suzanna Mikesh, “wann eigentlich haben wir damit aufgehört” 97 Gedichte, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, HC mit Schutzumschlag, Lesebändchen und Faksimilie auf dem Umschlag, ISBN: 978-3-935259-83-5, erscheinen im worthandel : verlag, 2011, 19,80 Euro (www.worthandel.de/wh_voe/aufgehoert.htm)
  35. Anja Möbest (Hg.): Alles auf Anfang. Trennungsgedichte. Reclam. 96 Seiten.
  36. Esther Mohnweg: Zuerst versinkt der Horizont. Berlingedichte und Fotografien. Leipziger Literaturverlag. 124 Seiten.
  37. Shafiq Naz (Hg.) · Der deutsche Lyrikkalender 2012. Jeder Tag ein Gedicht, 366 Ge­dichte von 300 Autorin­nen und Autoren von den An­fängen bis zur Gegen­wart, darunter Hans Assmann von Abschatz ∙ Friedrich Ani ∙ Jürgen Becker ∙ Irène Bourquin ∙ Ann Cotten ∙ Crauss ∙ Michael Donhauser ∙ Jutta Dornheim ∙ Elke Erb ∙ Peter Ettl ∙ Wolfgang Fienhold ∙ Walter Helmut Fritz ∙ Claudia Gabler ∙ Sylvia Geist ∙ Caroline Hartge ∙ Kerstin Hensel ∙ Angelika Janz ∙ Markus Manfred Jung ∙ Gottfried Keller ∙ Thomas Kling ∙ Wilhelm Leh­mann ∙ Alfred Lichtenstein ∙ Friederike Mayröcker ∙ Ernst Meister ∙ Jörg Neugebauer ∙ Hans Erich Nossack ∙ Hellmuth Opitz ∙ Jutta Over ∙ Silke Peters ∙ Marion Poschmann ∙ Bertram Reinecke ∙ Sophie Reyer ∙ Chris­tian Saalberg ∙ Horst Samson ∙ Suleman Taufiq ∙ Jesse Thoor ∙ Unbekannter Dichter ∙ Jürgen Völkert-Mar­ten ∙ Florian Voß ∙ Christian Wagner ∙ A. J. Weigoni ∙ Annemarie Zornack ∙ Stefan Zweig, 440 Seiten, Tischkalen­der mit Spiralbindung, Al­hambra Publishing, B-Bertem 2011.

141. Anderer Band, andere Frau

In #133 berichtete ich über die neue französische Ausgabe der Moskauer Hefte Ossip Mandelstams. Dort ist als letztes Gedicht ein Liebesgedicht vom Februar 1934 enthalten, das in Ralph Dutlis Ammann-Ausgabe “Moskauer Hefte. Gedichte” fehlt. Es gibt einen Grund dafür, den Ralph Dutli dankenswerterweise aufklärt. In seiner Ausgabe steht es nicht in den Moskauer, sondern im Folgeband, den Woronescher Heften:

Ossip Mandelstam: DIE WORONESCHER HEFTE. Letzte Gedichte 1935-1937. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Ammann Verlag, Zürich 1996, S. 7.

Es hat in seiner Übersetzung folgenden Wortlaut:

Deine Schultern so schmal, rotgepeitscht an der Wand,
Rotgepeitscht an der Wand, und vom Frostwind verbrannt.

Deine kindliche Hand, die das Plätteisen hebt,
Die das Plätteisen hebt, und die Stricke verwebt.

Deine Füße so zart, müssen nackt übers Glas,
Müssen nackt übers Glas, und den Sand blutig-nass.

Als ein Kerzenlicht schwarz, muss ich brennen für dich,
Muss ich brennen für dich, und nicht beten darf ich.

Dutli schreibt:

Die beiden Bände “Mitternacht in Moskau” und “Die Woronescher Hefte” habe ich bezüglich der Reihenfolge und Ordnung der Gedichte nach den Aufzeichnungen Nadeschda Mandelstams ediert. Sie wollte das zitierte Gedicht
auf sich beziehen und damit die Woronescher Hefte eröffnen. Allerdings ist diese Entscheidung umstritten, worauf ich auch in meinem Kommentar zum Gedicht auf Seite 258/259 desselben Bandes hingewiesen habe:

“Nadeschda Mandelstam bezieht dieses Gedicht, wenn auch mit einem gewissen Zögern, auf sich; M. habe es aus Angst um sie geschrieben, als sie im Sommer 1934 an Flecktyphus und Dysenterie erkrankt war. Wie bereits die ‘Moskauer Hefte’, mit dem Anfangsgedicht ‘Die Angst ist bei uns, mit im Bund’ (30. Oktober 1930), in: MITTERNACHT IN MOSKAU, S. 7, würden somit auch die WORONESCHER HEFTE mit einem – tragischen – Liebesgedicht an Nadeschda Mandelstam eröffnet, mit einem Gedicht voller schrecklicher Vorahnungen.
Doch Nadeschda Mandelstams Sicht wurde aufgrund der Briefe Sergej Rudakows, eines Woronescher Bekannten der Mandelstams, angezweifelt bei Emma Gerstejn, Novoe o Mandel’stame, Paris 1986, S. 168; das Gedicht sei in Wirklichkeit der Dichterin und Übersetzerin Marija Petrowych (1908-1974) zugedacht gewesen. M. war im Winter 1933/1934 in sie verliebt und widmete ihr das letzte Gedicht der ‘Moskauer Hefte’, ‘Meisterin der schuldbewussten Blicke’ (Februar 1934), in: MITTERNACHT IN MOSKAU, S. 217. Falls diese Sicht zutrifft, könnte das vorliegende Gedicht ebenfalls bereits um den Februar 1934 entstanden sein und läge damit vor der Woronescher Periode.”

18. Das Stalin-Epigramm

Eine Besprechung von Uli Hufen, DLF Büchermarkt 2.9., wird so eingeleitet:

Ossip Mandelstam starb einen gnädigen Tod: kurz bevor er für weitere fünf Jahre in ein Arbeitslager sollte. Das Verbrechen des Dichters: Josef Stalin gefiel eines seiner Gedichte nicht. Thrillerautor Robert Littell hat sich an der Geschichte versucht

(Nunja, Todesarten… Mandelstam ist im Lager verreckt. – Sein Verbrechen: Die ein oder zwei stalinkritischen Gedichte gefielen dem Diktator nicht und alle anderen, was schwerer wiegt, verstand er nicht. Was wir nicht verstehen, ist “nicht für uns”, also ist es gegen uns.)

So liest sich Littells Mandelstam:

Dieser nervöse, dickköpfige, lebensfrohe Homo Poeticus, … dieser nervöse Liebhaber (von mir und verschiedenen anderen) ist beim Rezitieren wie verklärt und wird zu einem – zu etwas – anderem. … Unbeholfen fährt er mit der Hand durch die Luft, und die Haltung seines Körpers spiegelt Reim und Rhythmus des Textes und die vielfältigen, darin verborgenen Bedeutungen wider. Den Kopf in den Nacken gelegt, fährt der unverwechselbare semitische Adamsapfel hinter der fast durchsichtig dünnen Haut seiner blassen Kehle auf und ab.

Robert Littell: “Das Stalin-Epigramm”. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence
400 Seiten, Arche Verlag (August 2009)

(Der Roman – ich werd ihn garantiert nicht lesen – macht es leichter, über den Dichter zu schwätzen, ohne ihn zu lesen. Wetten, daß alle ihn besprechen werden? – In den 50er/60er Jahren mußte man zu diesem Zweck wenigstens  die Erinnerungen von Mandelstams Witwe Nadeshda lesen: Das Jahrhundert der Wölfe. Das ist immerhin eine Quelle. Die Gedichte und Essays des Dichters – Gespräch über Dante! – muß man lesen. Letzteres ist ein Lesefest für Dichter und Lyrikfreunde und vielleicht sogar eine Verführung zu Dante. Dante und Dada!)

Mehr: Freitag 20.8.

Mandelstam in  L&Poe seit 2001:

2001    Feb    #    Lyrik in der ” Netzeitung “: Der Terror kennt keine Regeln
2001    Feb    #    Russian poet, English essayist and American citizen
2001    Feb    #    Neue Dantebücher
2001    Mrz    #    Many critics,
2001    Apr    #    Mandelstam in Limbo
2001    Okt    #    Noch ein Geburtstag
2001    Okt    #    Realist sui generis
2001    Nov    #    Gebrochenes Deutsch (1): Kundschafter auf dem Rückzug
2001    Dez    #    « Die Dichter haben immer Recht »
2002    Feb    #    Radio- und Fernsehtips
2002    Aug    #    Gewichtige Geburt
2002    Okt    #    Warme Semmeln
2002    Nov    #    Mandelstams Venedig
2003    Mai    #    Petersburg
2003    Jun    #    Dossier: Übersetzen
2003    Jul    #    “Wieder steht ein Realismus rum”
2003    Jul    #    Mandelstam, Wetterblitz, lügenprall
2003    Aug    #    Prinzipiell unbrauchbar
2003    Sep    #    Für Literaturen
2003    Okt    #    Weitere Besprechungen der Mandelstam-Biographie:
2003    Okt    #    Enzyklopädische Ignoranz
2003    Okt    #    „Buch des Monats“ – die Mandelstam-Biographie von Ralph Dutli
2003    Okt    #    Lyrik in Rußland
2003    Dez    #    Völlig indifferent, äußerst fatalistisch, extrem bourgeois
2003    Dez    #    “No man can see his own end”
2004    Jan    #    Dichterstimme
2004    Jan    #    Renovierte Moderne
2004    Jan    #    Vor 90 Jahren
2004    Jan    #    Revolutionsfeier
2004    Feb    #73.    K.O. Götz 90
2004    Apr    #56.    Gersteins Moskauer Erinnerungen
2004    Mai    #44.    Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung an Ralph Dutli
2004    Sep    #6.    Seltsamerweise
2004    Okt    #100.    Glut und Asche
2005    Jan    #25.    Europas “Lichtungen”
2005    Aug    #45.    Liebe zur Poesie
2005    Okt    #37.    Wind der Welt
2006    Mrz    #92.    Brodsky und kein Ende
2006    Apr    #17.    Durchbohrt, gebannt
2006    Apr    #45.    Gespräch über Dante
2006    Mai    #54.    Mehr Preise
2006    Jun    #21.    Paradoxer Futurist
2006    Jun    #26.    Namensnennung
2006    Jun    #42.    Richard Pietraß 60
2006    Jun    #97.    Todesarten
2006    Jul    #16.    Erinnerungen Marina Zwetajewas
2006    Okt    #51.    KEIN SCHAULAUFEN MIT DEM SPRACHSCHATZ
2006    Nov    #46.    Subversiv
2007    Mrz    #52.    Immer oppositionell
2007    Mai    #13.    Stalin-Epigramm
2007    Okt    #89.    Dutlis Übersetzerwerkstatt
2008    Jan    #94.    Stammler und Dichter
2008    Feb    #34.    Nichtsein und Schrift
2008    Feb    #67.    Anti-Achmatowa
2008    Apr    #22.    “Babble” und Babel
2008    Jul    #47.    Grünbeins Essays
2008    Jul    #91.    Lübeck
2008    Aug    #44.    A Valediction to Osip Mandelstam
2008    Aug    #49.    Tristia
2008    Aug    #129.    Dichter und Mörder
2008    Okt    #8.    Spießgesellen
2008    Dez    #102.    Diesseitigkeitsdichter
2009    Jan    #21.    Chomsky, Mandelstam, Stein
2009    Feb    #113.    Wer gewinnt?
2009    Apr    #62.    (Zeit-)Stimme der Lyrik
2009    Aug    #40.    Ammann hört auf
2009    Aug    #101.    Mandelstam-Nummer
2009    Aug    #102.    Ammanns Wunderlampe
2009    Aug    #103.    Ingolds Gegengabe
2009    Aug    #104.    Beim Jüngsten Gericht

(die letzten 4 hier:

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