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30. Kookbooks 10

Zum Jubiläum schreibt Christoph David Piorkowski in tip Berlin kritisch-panegyrisch (ich spendiere einem Namen ein “c”, während ich ganz unten im Zitat einen von Pedanten erwartbaren Buchstaben lasse wo er fehlt):

Nun ist man auch offiziell in Berlin, wo ohnehin alles seinen Anfang nahm, damals, Ende der 90er-Jahre, als junge Lyriker wie Uljana Wolf, Jan Böttcher, Monika Rin[c]k und eben Daniela Seel sich in Netzwerken verbanden, gemeinsam Lesungen organisierten, aneinander lernten; zu einer Zeit, als die großen Verlage die Lyrik aus ihren Programmen verbannten. „Und aus diesen Zusammenhängen heraus sind dann Manuskripte entstanden, die einfach druckreif waren“, sagt Daniela Seel. So entschied sie sich, die in vieles mal hineinstudiert und außerdem eine Ausbildung zur Verlagskauffrau absolviert hat, zur Gründung von kookbooks als infrastrukturellem Kristallisationspunkt für die sich avantgardistisch wähnende Poetenszene. Auch Andreas Töpfer, der bis heute die ansehnliche Gestaltung der meist schmalen Gedichtbände zu verantworten hat, war von Anfang an dabei.

Man verstand sich immer schon als transmediales Künstlerensemble. Bereits seit Beginn der Nullerjahre gab es musikalisch-literarische Mischformate. Daniela Seel präferiert denn auch jene Art von Lyrik, die „ein Bewusstsein für musikalische und prosodische Kompositionselemente mitbringt und nicht von einer narrativen Richtung herkommt.“ Überhaupt scheint es ihr mehr um das Wie zu gehen als um das Was. Immer wieder regt sie an, aus „gewissen Sprachstandards“ auszubrechen, konventionelle „Satzförmchen“ zu hintergehen und die allen gemeinsame Sprache zu übersteigen.

(…) Aber etwas mitteilen will man ja auf jeden Fall und fällt dann zumindest mit dem programmatischen Slogan „Poesie als Lebensform“ ins „Förmchenhafte“ zurück. ei’s drum.

Das amortisiert sich nicht 
10 Jahre kookbooks – Labor für Poesie als Lebensform. Das Geburtstagsfest,
im Theater­discounter Berlin, Klosterstraße 44, Mitte,
Di 14.5., 19 Uhr, www.kookbooks.de

 

25. Debatte im Winkel

Deutschlands große Zeitungen wehren sich ja dagegen, von Google erfaßt zu werden. Mehrmals täglich erhalte ich vom Google-Nachrichtendienst Snippets, die auf Lyriknachrichten aus aller Welt in mehreren Sprachen verlinken. So heute morgen vom Trierischen Volksfreund und der Agence Bretagne Presse. Nur Süddeutsche Zeitung und FAZ/FAS sind nicht dabei. Kauft uns, wenn ihr uns wollt, sagen sie uns. Am Sonntag, dem 28.4., wäre ich zum Bahnhofskiosk gepilgert (gleich neben dem RILKE-Täggg), wenn mir Google einen beliebigen Ausschnitt aus einem längeren, ganzseitigen Artikel über junge Lyrik hätte schicken dürfen. Aber nein! So bedurfte es erst einiger Flüsterpropaganda und Besuchen in Universitäts- und Stadtbibliothek (übrigens vergeblich, beide haben die FAZ abonniert aber nicht deren Sonntagszeitung). Die sind so exclusiv, die wollen gar nicht gefunden werden. Nicht einmal die Website dieser Zeitung, wie sie sich selber gerne nennt, bietet auch nur die Überschrift an. Welche Exclusivität [bloß nicht mit "k" schreiben jetzt!], was für ein stolzer Conservatismus! Eine Lyrikdebatte im Winkel. Endlich hab ich sie doch noch gefunden, obwohl ich nicht sollte. Hier ein paar Auszüge.

Die Lyrik, wie jede Kunstgattung, macht immer wieder glanzlose Zeiten durch. Die letzten zehn Jahre aber haben geleuchtet. Eine neue Generation trat in Erscheinung: in Zeitschriften, die ihr, wie die inzwischen legendäre „Bellatriste 17“, ganze Sondernummern widmeten; in neu gegründeten Verlagen wie Luxbooks, J. Frank, Urs Engelers roughbooks und dem berühmtesten, Kookbooks, der nicht nur Lyrik verlegt, sondern die „Poesie als Lebensform“ versteht. (…)

Auch in der Lyrik ist der Gegensatz von konventionell und experimentell aufgehoben – das ist ähnlich wie in der Neuen Musik. Mit Metrum, Reim, lyrischen und prosanahen Formen wird in großer Unverkrampftheit umgegangen. Und doch lassen sich noch immer zwei Pole ausmachen, zwischen denen sich Dichtung bewegt: Einmal gibt es da eine eher dem Erzähl- als dem Materialcharakter zuneigende Dichtung, die alte Formen wiederbelebt, sich dem hohen Dichterton anlehnt, auch wenn sie ihn zuweilen ironisch modernistisch bricht. Und dann eine formengebärende Dichtung mit einer frechen, manchmal rotzigen, aus Vergangenheitssättigung und Gegenwartshingabe geborenen Sprache, die überrascht, vor den Kopf stößt, verführt.

Nora Bossong, Jan Wagner und Marion Poschmann neigen zweifellos dem ersten der beiden Pole zu. Ihre Gedichte sind weniger in einem klassischen als einem biedermeierlichen Sinne schön: Zu sehr vertrauen sie darauf, dass Schönheit entsteht, indem man schöne Wörter aneinanderreiht. (…)

Zu den Traditionalisten gehören, trotz des exzessiv betriebenen urbanistischen Wir-Kults, auch Tom Schulz, Daniel Falb, Alexander Gumz. Ihre Verse, prosanah, emotionsscheu, lapidar, sind eine Sammlung von Oberflächenbeobachtungen, kühle parataktische Narrationen in räumlicher wie zeitlicher Unbestimmtheit („da gab es“, „oder ein anderer ort“, „einmal“, „dann“), mit großer Vorliebe für neutralisierende Plurale („foyers oder lobbys“, ,,knorrige damen“, „männer“), Passivkonstruktionen und neugefügte Komposita. Die Syntax wird nur wenig variiert, ebenso wie das Metrum. So entsteht ein dünner stakkatohafter Sound, der das lyrische Sentiment trockenlegt.

Handwerklich ist das so gut gemacht, dass sich die Wiederholung eine Zeitlang als Innovation ausgeben kann. Auf die Dauer aber wirken diese Gedichte, die zu viele nur behauptete Gewissheiten aneinanderreihen, wie dekorative Fertigkost. In ihr drückt sich, in zeitgeistigem Vokabular, ein ähnlicher Konservativismus aus wie bei den Traditionalisten, nur freudloser. (…)

Ron Winkler, der mit den Lebensformpoeten auf den ersten Blick manches gemeinsam hat – auch er huldigt dem lyrischen Wir, liebt die parataktische Syntax, ist geradezu neologismentrunken und hat eine Schwäche für Unbestimmtheiten –, hält seine Synapsen dagegen neugierig ins Offene. An bloßer mimetischer Verdopplung abgepackter Wirklichkeitsfasern ist er nicht interessiert. Und er unterliegt auch nicht dem Irrtum, Dichtung erschöpfe sich in der Etikettierung medial gefilterter Wirklichkeit. Er erfindet sich seine eigene, faltet die Sprache auf, hinein in einen Möglichkeitsraum, der nur noch seinem eigenen Referenzsystem gehorcht, das ihn mit seiner Unerschöpflichkeit ebenso zu überraschen vermag wie den Leser. Im zuletzt erschienenen Band, „Frenetische Stille“ (erschienen 2010 im Berlin- Verlag), hat Winkler den früheren Hang zu photoshop-bunter Tapetenpoesie zwar nicht gänzlich abgestreift, die lyrische Immanenz aber glücklich verlassen – in Richtung überschießender poetischer Welterfindung. (…)

Ähnlich lebendig wie Winkler, wenn auch von anderem Temperament, ist Steffen Popp. Ein schwermütiger Metaphysiker, ohne Scheu, seine Sensibilität zu zeigen, hier und da ein wenig pathosverliebt. Schon im ersten Band („Wie Alpen“, Kookbooks 2004) hatte er seinen ganz eigenen Ton, der, ohne Vorabgewissheit und doch auf die eigenen sanften Kräfte vertrauend, sich einer vorwärtstastenden, mäandernden Bewegung überlässt, über ihnen schwebend die Entstehung der Verse begleitet (…)

Popp ist ein Metamorphotiker, Kosmossehnsüchtiger (der zweite Band, „Kolonie Zur Sonne“, vier Jahre später im gleichen Verlag erschienen, zeigt es klar) – nur in den abschließenden anderthalb Versen erdet er sich zu oft. Als hätte er Angst, zu entschweben. (…)

Auf je eigene Weise haben Ann Cotten, Monika Rinck und Anja Utler solche lyrischen Räume geschaffen. Der von Cotten ist wild, anarchisch, überschießend, verspielt. Einer frühromantischen Ästhetik folgend, die immer das Unfertige dem Fertigen, das Fragment dem Werk, die Heterogenität der Homogenität vorgezogen hat, sind ihre Gedichte nicht Resultate, sondern Versuche.

Dass man das zunächst als unordentlich empfindet, liegt nicht daran, dass Cotten ästhetisch gescheitert sein könnte – es ist vor allem Ausdruck dafür, wie überfordert man beim Lesen ist. Das erlebt man nicht nur in Cottens erstem Band, den 2007 erschienenen „Fremdwörterbuchsonetten“ (Suhrkamp), die einer Neuerfindung der Gattung in Einzelgedicht wie Zyklus (Sonettenkranz) gleichkommen, sondern vor allem in den „Florida-Räumen“, die drei Jahre später Prosa und Lyrik kombinieren. Erst wenn man wiederholt liest, bilden sich allmählich die Wahrnehmungsstrukturen heraus, die in der scheinbaren Unordnung den hochkomplexen, alles andere als Willkür und Zufall gehorchenden Bau zu erkennen vermögen. (…)

Diese Lust findet man auch bei Monika Rinck – und in noch gesteigertem Maß. Was eine Vielzahl von Lyrikerinnen und Lyrikern im Einzelnen sucht, formal, tonal, thematisch, all das hat sie in ihren im letzten Jahr erschienenen „Honigprotokollen“ (Kookbooks) zur Synthese geführt. Verblüffend und beglückend, wie mehrstimmig ihre Gedichte sind. Nirgendwo finden sich überraschendere, gelungenere Assonanzen, Konsonanzen, Alliterationen als bei Rinck, wie auch ihre Verbneologismen auf ganz neue Pfade verführen. Jedes Wort, jeder Vers, jeder Reim, jeder Klang ist mit dem ihm Benachbarten verknüpft, öffnet einen Sprachraum, in dem alles allem begegnet: die Tradition der Zukunft, der Ernst dem Humor, die Romantik der Klassik der Moderne, die Naivität der Analyse der Reflexion dem Hohn, die Poesie der Prosa der Poesie. (…)

Anja Utler ist weder an Mimesis noch Fiktion interessiert, sie braucht keine Vergleiche, keine Metaphern, sie überlässt sich in ihrer Dichtung ganz den Klangbewegungen. Es geschieht nichts – außer in der Sprache. Der Leser aber erfährt gerade so, was Sprache ist: Speicher einer Körperlichkeit, einer Gewalt, die sich in ihrem Gebrauch offenbart – wie in „marsyas, umkreist“ oder „für daphne: geklagt“ (aus „münden – entzüngeln“, einem Band der Edition Korrespondenzen von 2004). (…)

Utlers Gedicht erzeugt, wovon es spricht. Wir müssen uns nur für seine sprachliche Bewegung öffnen, uns seinem Klang überlassen, seiner syntaktischen Struktur, der Offenheit seiner Form, der Polyvalenz und Schönheit seiner Sprache sowie den Assoziationen, die sie in uns auslöst; wir müssen ihm nur vertrauen und uns den eigenen Gefühlen anvertrauen: Freude, Verwirrung, Begeisterung, Erschauern, Furcht. Es versetzt uns zurück an den Ursprung aller Dichtung, ihr Verwurzeltsein in Kult, Beschwörung, Magie. Macht aus uns, seinen Leserinnen und Lesern, exzentrischen Beobachtern, Erkunder von Relationen, Schwellenbewohner, durchlässig für neue Erfahrungen.

/ Bettina Hartz, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 28.4.

24. Zu albern

Herrn Dotzauer stelle ich mir als ernsthaften Menschen vor, der zwischen seinen journalistischen Pflichten im, immerhin oder sozusagen Hochfeuilleton auch noch die Hochkultur à la Recherche du temps perdu, Tractatus logico-philosophicus oder Grundlegung zur Metaphysik der Sitten durchackert. Wie schnell entsteht da ein Widerspruch  zwischen “der Kontingenz allen Wissens und der Begrenztheit des menschlichen Daseins”, sozusagen. Listen als Ordnungsfaktor könnten helfen, aber “ach, wie oft sind auch sie zu lang, und wie sehr strapaziert auch ihre Ordnung den geistigen Haushalt”.

Zu solchen Angestrengtheiten verführt ihn eine Ausgabe der Zeitschrift Edit (Nr. 61, 128 S., 5 €, http://www.editonline.de), und  sichtlich goutiert er es nicht. Wie schnell kann sowas zu “neuen lebenszeitvernichtenden Abwägungen führen”. Tatsächlich, das steht da. Vielleicht sollte er einen weniger stressigen Beruf wählen? Wo er in Ruhe seinen Proust und Wittgenstein lesen kann und muß nicht in die Niederungen der Gegenwart abtauchen.

Aber nein, wahrscheinlich widerspräche das seiner (Rhein-Donau-Isarländer würden vielleicht sagen protestantischen) Arbeitsethik. Schließlich hat das hohe Feuilleton Verpflichtungen seiner konservativen Leserschaft gegenüber. Also meint er das alles ernst und will diese vor dem Verbrauch dieser 128 S., 5 € warnen. Dort trefft ihr so unernste Leute wie Monika Rinck oder Norbert Lange, die das Glück der Albernheit mit Kristevazitaten kaschieren. Aber der Tagesspiegelleser durchschaut das nun:

Doch so theoriegesättigt diese Prosa mit Zitaten von Foucault und Lévi-Strauss vor sich hinwuchert – es geht hier gerade nicht darum, etwas Bestimmtes zu sagen, sondern das Material so mürbe zu machen, bis es etwas Überraschendes preisgibt: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Neue, um ans Licht zu kommen, einen dunklen Korridor der Dummheit durchqueren muss.“ Und: „Womöglich bringt die poetische Sprache zur Akzentuierung ihres Aufklärungs- oder Erneuerungspotenzials immer ein gewisses Maß an Verdunkelung mit sich.“

Das ist ein Freibrief für vielerlei Unsinn – auch wo er sich wie bei Rincks Dichterkollegen Norbert Lange auf tiefe Bewunderung berufen kann. Die Proben aus seinen „Dummkopfelegien“, einer Hommage an Rilkes „Duineser Elegien“, drehen jedem Vers den lautlichen Kragen mittelhochdeutsch bis schwittershaft um. Der partielle Reiz des Verfahrens hat seinen Preis: Er zerstört Rilkes Gedanklichkeit, ohne ihr eine neue hinzuzufügen. Das Ergebnis ist nicht parodistisch, aber parasitär.

Zerstört Rilkes Gedanklichkeit, man denke! Lukács läßt auch grüßen. Nein, das können wir abschreiben. Ohnehin würde wohl kein Leser jenes sozusagen geschätzten Blattes die 5 Euro riskieren. Da verliert ihr eh nichts. Das ist nicht ernst, diese Zeitung überlassen wir den Biedermännern und Freizeitkantianern.

(Tiefe Bewunderung für Rilke, lieber Norbert, schützt auch nicht. Also dann!)

Bahnunterführung in Greifswald

Bahnunterführung in Greifswald

61. Unbestimmtes Verstehen

„Für Liebhaber einfacher Lösungen” ist ein solcher Text nichts. Glücklicherweise scheint er es nicht aufs Verstandenwerden anzulegen. Merkwürdigerweise versetzt er gerade, weil man gezwungen wird, das Kausalitätsprinzip zu verlassen und die Sprünge von den stummen Vögeln zum Regal zum Kitsch hinzunehmen und sich zwischen Ernst und Ironie zu verlaufen, gerade deswegen also versetzt dieser Text, nennen wir ihn Gedicht, plötzlich eine Saite unbestimmten Verstehens in Schwingung. Die „Honigprotokolle” gleichen dadurch einer Partitur ohne Noten. Wir Lesenden sind die Instrumente. Nach uns die Deutung. Willkommen also in Rincks Oktaeder! Der Eintritt ist frei, der Austritt hat seinen Preis, denn für eine Weile wird man danach auf dem Kopf gehen müssen und mit den nackten Füßen im Himmel zappeln. Andererseits muss zugegeben werden, dass Monika Rinck uns keineswegs „eisige Abstraktionsschauder” über den Rücken schickt. Sie dichtet konkret und nah an Situationen und Reflexionen, die jeder kennen kann. Oder ist es nicht eine „Himmelshärte”, eine Strafe der Götter, dass man sich jeden Morgen aufs Neue dem Schlaf aus den Armen winden muss? / Insa Wilke, aus der Laudatio zum Huchelpreis für Monikas Rinck. Hier

34. Poetischer Honig

Es entsteht ein heiterer Fluss, eine lautliche Durchlässigkeit, in der auch die Identität eines lyrischen Ichs obsolet wird. Wie hier: “Als Atlas/ trage ich so schwer an mir wie an der Welt. Doch gäbe ich mich fort/ bekäm ich mich intakt zurück? Oder mit einem Stechen in der Lunge?/ Sieh, ich will mich ja nicht mehr. (…) Was so verästelt fällt, fällt tiefer, es fällt weicher, fällt zu Bett, ins Wurzelwerk/ des wurzellosen Baumes, Traumes, Schaumes, Schamhaars, Bettchens.” Und weiter: “Frettchen sind nervöse Tiere, wie es auch die Menschen sind. So fällt es/ für die Gattung günstig aus. Spiegele mich zur Unkenntlichkeit, in Stücken/ gib mich mir wieder zurück. Nichts, nichts anfangen. Eines weitermachen,/ dessen Gegenwart monströs in einer ungemachten, in einer blinden auch,/ in einer Zukunft liegt (. ..) Verstehe nur: Zum Zusammensetzen / hab ich es zerschlagen. Quer steht das Bild. Die Finsternis gehört dazu. (…)”

Nicht, dass wir das nicht wüssten. Aber wo heute die ökonomischen Zwänge in allen Lebensbereichen mit der zuvor ausgerufenen Beliebigkeit aufräumen, ist es doch eine Erkenntnisfreude, einen poetischen Honig zu schlecken, der alles und für alle in sich zu bewahren weiß. “Wir betrachten am Ende den Körper / als Protokoll unseres Lebens.” / Andreas Kohm, Mannheimer Morgen 8.4.

15. Gedankenschnelligkeit und Reflexionseleganz

Diese enorme Gedankenschnelligkeit und Reflexionseleganz findet man selten in unserer zeitgenössischen Lyrik. Monika Rinck, die vielseitig begabte Dichterin und Essayistin, führt seit 1997 ein Wörter- und Traum-Tagebuch mit mittlerweile 3353 Eintragungen, das alltägliche Vokabel-Funde, theoriebruchstücke und Sprachassoziationen auswertet – ein riesiger Fundus, aus dem die Autorin auch Anregungen für ihre Gedichte gewinnt.

In diesem „Begriffsstudio“ erforscht die Dichterin die entlegendsten Gebiete: den „sockenschusslorbeer“ ebenso wie den „entgeisterungszapfen“, den „liebenswürdigkeitsrammler“ und die „rettungsschneekatze“. Die dazugehörigen Kommentare vollziehen die blitzschnelle Koppelung verschiedenster Denkwelten und Fachbegriffe – ein Verfahren, das auch in ihren Gedichten Anwendung findet. / Michael Braun, SR2

14. Größer, offener

Die “Süddeutsche Zeitung” schreibt von “ungemein originellen, hochmusikalischen” Gedichten. Die “Honigprotokolle” seien ”insgesamt ein Meisterstück der Ästhetik des Diversen”, lobt der “Tagesspiegel”. Und die “Frankfurter Allgemeine” nennt Rinck eine “Dichterin von oraler Poesie im besten Sinn”.

Manche ihrer Assoziationen kämen aus dem Dunkel, vieles andere sei erarbeitet, sagte Rinck am Dienstag im rbb-Inforadio. Die “Honigprotokolle” hätten beide Anteile. Angeregt zu dem Gedichtband wurde Rinck, die seit 15 Jahren Texte veröffentlicht, auf einem Literaturfestival im mazedonischen Struga. Eine der letzten Lesungen habe an einem See ganz am Ende eines tiefen Tals auf einem Terrassen-Grillrestaurant stattgefunden.

“Es war ein sehr warmer Tag, es wurde Mittags schon Wein ausgeschenkt und alle waren gelöster Stimmung. Dichter lasen in dieses Tal hinein mit sehr lauter Stimme. [...] Es kam ein sehr großes, auch durch die Gemeinschaft getragenes Pathos, ein offenes Pathos.” Auch sie habe einige ihrer Gedichte gelesen. “Die waren aber eher german intellectual poetry“, wie sie selbstironisch erklärte. “Das müsste größer werden”, habe sie gedacht. “Die Gedichte müssten offener werden, zugänglicher, klarer, zusammenhängender und nicht nur einzelne kleine Gebilde.”

Der mit 10.000 Euro dotierte Peter-Huchel-Preis sei “ein sehr deutlicher Zuspruch und etwas, das mir Selbstvertrauen gibt”, erklärte Rinck. “Weil ich stets versuche, Sachen zu machen, die ich noch nicht gemacht habe, bin ich häufig sehr unsicher.” Dann erinnere sie sich an die Preise, “die können ja nicht alle wahnsinnig sein”. / RBB

13. Huchelpreis verliehen

Die in Berlin lebende Lyrikerin Monika Rinck bekam heute den diesjährigen Peter-Huchel-Preis. Ausgezeichnet wird ihr Band “Honigprotokolle” als herausragende Neuerscheinung des Jahres 2012. Verliehen wird der Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk. / swr

Das Huchel-Preis-Archiv ist jetzt online. Lesungen, Laudationes und Dankreden – alles zum Nachhören!

12. Gedichte wie Huchel

Er steht in der großen schönen Tradition der metaphernreichen deutschen Naturlyrik von Mörike bis zu ihm.

Gehen solche Metaphern in der Lyrik heute auch noch?

Es gibt ja zwei Richtungen in der Lyrik, ganz grob gesprochen: Die einen, die mehr das erzählende Gedicht bevorzugen, indem die Erzählung sich mit der Reflexion verbindet –  über historische, gesellschaftliche, politische oder auch private Verhältnisse. Und auf der anderen Seite sind diejenigen, die in der Metaphernverdichtung versuchen, eine Chiffre für unsere Zeit zu finden. Und ich glaube schon, dass das geht.

Interessant ist, dass Peter Huchel hier bei uns gar nicht mehr so viel gelesen wird. Seine Spur findet sich aber doch in vielen europäischen Ländern wieder.

Gerade lese ich in der Zeitung, dass der Pole Jakub Ekier, der Übersetzer von Kafka, mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet wurde. Jakub Ekier schreibt Gedichte wie Huchel. Und ich bin ganz sicher, dass er viel von ihm gelernt hat.

(…)

Peter Huchel gehört schon zu den Dichtern, die ich immer wieder lese. Man muss ja zur Selbstvergewisserung seine Freunde um sich herum aufstellen. Dazu gehört der mittlere Günter Eich. Dazu gehört der ganze Huchel. Dazu gehören viele, auch Mörike natürlich.

Ich kann, wenn ich selber schreibe, ganz leicht als ständigen Umgang verzichten auf Brecht und Johannes R. Becher und viele von diesen guten Dichtern, die aber nicht meins sind – die nicht in meinem Herzen wohnen, sondern bestenfalls in meinem Kopf. / swr2

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Verleger und Autor Michael Krüger führte Sonja Striegl am 2.4.2013 um 7.45 Uhr

“SWR2 Kulturnacht” | SWR2 Kulturnacht”Lyrik. Aber jetzt!”

Gesprächsgäste: Monika Rinck, Nora Bossong, Raoul Schrott, Michael Krüger, Andreas Heidtmann, Thomas Schmidt
Musik: Rainer Böhm Trio
Moderation: Anja Höfer und Walter Filz
(Veranstaltung vom 2. April im Historischen Kaufhaus, Freiburg)[mehr]

Sa, 6.4. | 20.03 Uhr
SWR2

96. Deutsches Zentrum für Poesie

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir laden Sie herzlich ein, am Samstag, den 9.3.2013 um 17 Uhr in die Literaturwerkstatt Berlin zu kommen. Nehmen Sie teil, wenn wir die Kampagne „Für ein Deutsches Zentrum für Poesie“ starten.
Was steckt dahinter? Es ist an der Zeit, der Poesie ein Haus zu geben. Es ist an der Zeit, die Interessen und Möglichkeiten, die Dichtung ausmachen, zu bündeln und das „Kulturgut Dichtung“ in Deutschland zu stärken sowie dafür zu sorgen, dass Dichtung aus unserem Land in anderen Sprachen und Ländern stärker wahrgenommen wird. Umgekehrt ist ein Zentrum für Poesie in Deutschland natürlich ein Ort für den internationalen Austausch der Dichtung aus aller Welt. Poesie ist eine Kunst, die nicht nur auf eine große Tradition in Deutschland zurückblickt, sondern auch heute und in allen Generationen höchst lebendig ist. Das ist zunächst den Dichterinnen und Dichtern zu danken, die ihre Kunst unter teilweise arg prekären Bedingungen schaffen. Das ist aber auch dem Publikum geschuldet, das in Poesie immer häufiger eine geradezu lebensnotwendige Form der Selbstvergewisserung sieht. Poesieveranstaltungen können auf wachsende Besucherzahlen aus allen Generationen verweisen. Dichtung ist eine eigen-ständige Kunst, existiert aber auch in vielen medialen und künsteübergreifenden Formaten.
Diese Kunst braucht einen Ort, ein Haus für internationale Dichtung in unserem Land, in dem Dichterinnen und Dichter um eine Interessenvertretung wissen. Einen Ort, der die in Deutschland agierenden Institutionen und Initiativen zur Zusammenarbeit einlädt und genauso befördert, wie es den internationalen Austausch pflegt und ausbaut.
Das „Deutsche Zentrum für Poesie“ wird all diese Interessen national wie international vertreten.
Wir haben gemeinsam mit Dichtern – besonderer Dank gilt Monika Rinck – eine Veranstaltung vorbereitet, die Sie über ganz konkrete Aktionen mit den Inhalten des „Deutschen Zentrum für Poesie“ bekannt machen wird.
Seien Sie dabei, diskutieren Sie mit uns. Wir hoffen auf Ihr Interesse und Ihre Unterstützung.
Was erwartet Sie am 9. März um 17 Uhr?

Drei Dichtergruppen aus Berlin, München und Leipzig nehmen sich das weltweit am meisten benutzte Nachschlagewerk vor. Was sagt das umstrittene Wikipedia über deutsche Dichtung des 20, Jahrhunderts? Geradezu nichts. Hören Sie streitbare Versionen und diskutieren Sie mit darüber, wer oder was uns und Ihnen wichtig ist. Das Ergebnis geht online, wir halten Sie auch nach dem 9.3. auf dem Laufenden. Was lernen eigentlich unsere Kinder über Poesie? Junge Dichter aus der Gruppe G 13 durchforsten derzeit die Schulbücher der 10. Klassenstufe nach dem poetischen Gehalt. Der „Schulbuchreport“ geht dann auch an die Kultusminister der Länder. Vorher aber werden die Ergebnisse Ihnen in einer Performance vor- und zur Diskussion gestellt.
Wie schafft man es in anderen Ländern, dass die eigenen Dichter und deren Zeugnisse gut in der Welt und anderen Sprachen publiziert werden? Lassen Sie uns von den Nachbarn lernen: Thomas Möhlmann, “Poesieverantwortlicher“ des Nederlands Letterenfonds, erzählt, wie es funktionieren kann. Deutsche Autorinnen und Autoren haben sich solidarisch erklärt und sich fotografieren lassen mit dem Schild „Zentrum für Poesie“ – wir laden Sie zur Premiere einer hintergründigen Fotoschau ein.
Und am Ende: Die Verbindung von Alkohol und Poesie ist nicht von der Hand zu weisen. Dichter und Barmixer haben gemeinsam vier Rezepte entwickelt, die „Georg Maurer“ oder „Heroischer Alexandriner“ heißen – auch alkoholfrei! Mit Rezeptgedicht!

Bringen Sie Ihre Kinder mit. Sylvia Krupicka lädt zum Spielen, Dichten Basteln ein.

Es treten auf: Jan Kuhlbrodt, Alexander Makowka, Thomas Möhlmann, Maria Natt, Bertram Reinecke, Monika Rinck, Lea Schneider, Armin und Christel Steigenberger, Linus Westheuser, Ilja Winther, Nele Wolter

Wir hoffen auf Ihr Interesse und würden uns freuen, Sie am 9.3 begrüßen zu dürfen.

Am: Sa 9.3.2013, 17:00 Uhr
Ort: Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei), 10435 Berlin

Thomas Wohlfahrt
Leiter der Literaturwerkstatt Berlin