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5. Moon and The Pleiades
Moon and The Pleiades go down.
Midnight and the tryst pass by,
I, though, lie
Alone.
(Aaron Poochigian)
Moon has set
and Pleiades: middle
night, the hour goes by,
alone I lie.
(Anne Carson: If not, Winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2003, S. 343)
Thomas Kling
sapphozuschreibun’. nachtvorgang
……………. ab-
gesackt, hinab, ist schon der mond
und di pleiaden. mitte schon, nacht-
rinne stunde. als eine: muß ich schlafn
(für Ute Langanky)
(morsch, S. 67)
Δέδυκε μὲν ἀ σελάννα
καὶ Πληίαδες· μέσαι δὲ
νύκτες, παρὰ δ᾽ ἔρχετ᾽ ὤρα·
ἔγω δὲ μόνα κατεύδω.
Diehl 94 / Voigt 168b / Cox 48
4. Sommerlied
zum Junianfang, im Gedenken an Johannes, Inge, Uwe, Georg, Wolfgang, Thomas, Michael, Ernst, Sarah und all die anderen
sommerlied
wir sind die menschen auf den wiesen
bald sind wir menschen unter den wiesen
und werden wiesen, und werden wald
das wird ein heiterer landaufenthalt
- Ernst Jandl, dingfest
aus: E. J.: Poetische Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Klaus Siblewski. Bd. 5: dingfest & verstreute gedichte 4. Luchterhand Literaturverlag, München 1997
77. When I was young
Rita Dove
Singsong
When I was young, the moon spoke in riddles
and the stars rhymed. I was a new toy
waiting for my owner to pick me up.
When I was young, I ran the day to its knees.
There were trees to swing on, crickets to capture.
I was narrowly sweet, infinitely cruel,
tongued in hones and coddled in milk,
sunburned and silvery and scabbed like a colt.
And the world was already old.
And I was older than I am today.
When I was a child, the thing I liked to do most of all was escape what I was supposed to do. That’s I think one of the laws of childhood: to escape what you’re supposed to do. The moments I remember most are the moments I snatched from, times I was supposed to be doing chores, or reading. And this poem, which is a new poem talks about those kinds of moments (…)
76. Klagruf
Sarah Kirsch (1935-2013 )
Zwei Gedichte
Klagruf
Weh mein schneeweißer Traber
Mit den Steinkohlenaugen
Der perlendurchflochtenen Mähne
Den sehr weichen Nüstern
Dem schöngewaltigen Schatten
Ging durch! Lief
Drei Abende weit war nicht zu bewegen
Heimzukehren. Nahm das Heu nicht
Wahllos fraß er die Spreu
Ich dachte ich sterbe so fror ich
Aus: Sarah Kirsch, Zaubersprüche (1973)
_______
Meine Worte gehorchen mir nicht
Kaum hör ich sie wieder mein Himmel
Dehnt sich will deinen erreichen
Bald wird er zerspringen ich atme
Schon kleine Züge mein Herzschlag
Ist siebenfach geworden schickt unaufhörlich
Und kaum verschlüsselte Botschaften aus
Aus: Sarah Kirsch, Rückenwind (1976)
Wie erst heute zu erfahren, starb Sarah Kirsch am 5.Mai
1. No obligation
A Man Said to the Universe
Stephen Crane (1871–1900)
A man said to the universe:
“Sir, I exist!”
“However,” replied the universe,
“The fact has not created in me
“A sense of obligation.”
67. Bleifuß
Ein Gedicht des Nobelpreisträgers – nein, nicht Grass – Winston Churchill sorgt für Medienaufmerksamkeit. Wie in jenem Fall ist es eher ein Medien- als ein Literaturereignis. (Wie schön wäre es, wenn Gedichte als Gedichte Schlagzeilen machten – ach, die DDR wollen wir nicht zurückwünschen, da gab es in den 60ern eine wochenlange Debatte um ein Gedicht von Karl Mickel (“Der See”), die mit einem Machtwort des führenden Experten für ästhetische Fragen beendet wurde *.)
Die Experten sagen uns was wir schon ahnten: ”Führer und Rhetoriker, kein Dichter” (Robert Potts). – “Schwerfüßig” (Andrew Motion).
Hier ein Auszug:
Extract from “Our Modern Watchwords”
I
The shadow falls along the shore
The search lights twinkle on the sea
The silence of a mighty fleet
Portends the tumult yet to be.
The tables of the evening meal
Are spread amid the great machines
And thus with pride the question runs
Among the sailors and marines
Breathes there the man who fears to die
For England, Home, & Wai-hai-wai.
II
The Admiral slowly paced the bridge
His mind intent on famous deed
Yet ere the battle joined he thought
Of words that help mankind in need
Words that might make sailors think
Of Hopes beyond all earthly laws
And add to hard and heavy toil
the glamour of a victim(?) cause
So. Und ich geb mir ein Antidot.
Karl Mickel
Der See
See, schartige Schüssel, gefüllt mit Fischleibern
Du Anti-Himmel unterm Kiel, abgesplitterte Hirnschal
Von Herrn Herr Hydrocephalos, vor unsern Zeitläuften
Eingedrückt ins Erdreich, Denkmal des Aufpralls
Nach rasendem Absturz: du stößt mich im Gegensinn
Aufwärts, ab, wenn ich atemlos nieder zum Grund tauch
Wo alte Schuhe zuhaus sind zwischen den Weißbäuchen.
Totes gedeiht noch! An Ufern, grindigen Wundrändern
Verlängert sichs, wächsts, der Hirnschale Haarstoppel
Borstiges Baumwerk, trägfauler als der Verblichene
(Ein Jahr: ein Schritt, zehn Jahr: ein Wasserabschlagen
Ein Jahrhundert: ein Satz). Das soll ich ausforschen?
Und die Amphibien. Was sie reinlich einst abschleckten
Koten sie tropfenweis voll, unersättlicher Kreislauf
Leichen und Laich.
……………………….Also bleibt einzig das Leersaufen
Übrig, in Tamerlans Spur, der soff sich aus Feindschädel-
Pokalen eins an (“Nicht länger denkt der Erschlagene”
Sagt das Gefäß, “nicht denke an ihn!” sagt der Inhalt).
So faß ich die Bäume (“hoffentlich halten die Wurzeln!”)
Und reiße die Mulde empor, schräg in die Wolkenwand
Zerr ich den See, ich saufe, die Lippen zerspringen
Ich saufe, ich saufe, ich sauf – wohin mit den Abwässern!
See, schartige Schüssel, gefüllt mit Fischleibern:
Durch mich durch jetzt Fluß inmitten eurer Behausungen!
Ich lieg und verdaue den Fisch
Karl Mickel: Vita nova mea. Mein neues Leben. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag, 1966. Seite 14f.
*) Hans Koch (geb. 1927) war Multifunktionär und Professor für marxistische Kultur- u. Kunstwissenschaft am Institut (später Akademie) für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED. Im Herbst 1986 erhängte er sich im Wald. In dem Gedicht “Die dunklen Orte” schrieb Volker Braun: “Im Hochwald hängt Herr Koch / In unästhetischem Zustand”. Volker Braun: Der Stoff zum Leben 1-3. Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1990, S. 76.
21. Blütengrund
Gottfried Benn hat unrecht mit seiner Frage, wem mehr als 5 oder 6 gute Gedichte gelingen. Und mit ihm alle, die aus welchen Gründen immer auf die Exclusivität der Spitzenleistung pochen. In Wirklichkeit ist es wie mit Blüten. Eine einzelne Blume hat manchmal mehrere, ein Baum Zigtausend. Viele Blüten machen eine Wiese, viele Bäume einen Wald, in manchen Gegenden blühn sie mehrmals im Jahr, und jedes Jahr kommen Xtilliarden hinzu, als ob die alten nicht gelanget hätten. Der Sinn ist nicht die kultische Spitzenleistung (auch nicht bei Benn), der Sinn ist vegetativ. Einmal lebt ich wie Götter, und kein Mehr bedarfs nicht, sondern ich werde es wieder und wieder tun, schreibend, lesend. Alle tuns allerorten, und manchmal kommt man auf eine Blumenwiese und einen Blütengrund.
Beim Stöbern in alten Zeitungen (auch Zeitungen kommen jeden Tag wieder, ihre Wiesen sind Kiosk und Lesesaal) stieß ich in politischem Kontext auf zwei Gedichte der Antipoden Brecht und Benn, die sich gut nebeneinander ausnehmen. Das eine wird vollständig zitiert, das andre nur angetippt. Dem politischen Kommentator gelingt hier eine überzeugende Szene aus dem wirklichen Leben von Gedichten. (Nebenbei, die guten Leute, die einem immer wieder ungefragt einreden, daß man sich entscheiden müsse, für das einzelne Spitzenprodukt, für Benn oder Brecht, verständlich oder unverständlich, Reim oder Prosa, neu oder alt, könn eim leid tun. Nichts habt ihr begriffen.)
Aber stellen wir uns nur einmal vor, der neue Kulturstaatsminister zitierte am 14. August, dem Todestag Brechts, im Parlament dieses Gedicht:
Einmal, wenn da Zeit sein wird /
Werden wir die Gedanken aller Denker aller Zeiten bedenken /
Alle Bilder aller Meister besehen /
Alle Spaßmacher belachen /
Alle Frauen hofieren /
Alle Männer belehren*Und er führe fort: Daher, meine Damen und Herren, müssen wir die gesellschaftliche Regelarbeitszeit von 40 auf 30 Stunden setzen, ohne vollen Lohnausgleich. Wir müssen, gleitend natürlich, Geld- durch Zeitwohlstand ersetzen: damit wir nicht 6 Millionen ausgrenzen, damit wir mehr Zeit für uns haben, damit wir, wie wir es einmal wollten, eine Kulturnation werden.
Stellen wir uns, für einen Moment nur, vor, ein Bildungsminister würde, so um den 7. Juli herum**, vor einer Versammlung von Industriellen beiläufig sagen: “,Ich habe übrigens Menschen getroffen, die mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren, am Küchenherde lernten, hochkamen, äußerlich schön und ladylike (…) Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und Gute kommt, weiß es auch heute nicht …‘ – aber, meine Damen und Herren, das seelische Massenelend der Jugendlichen werden wir nie lösen, wenn wir nicht eine massive Bildungsanstrengung machen – und deshalb werde ich auf eine zehnprozentige Erbschaftssteuer hinwirken und hoffe, in vielen von Ihnen Mitstreiter zu finden.”
/ Mathias Greffrath, taz 18.1. 2006
*) Ich habe übrigens nicht in alten Zeitungen gestöbert, sondern diese Zeile gegoogelt, weil ich sie grad brauchte und nicht abtippen wollte. Wie gut, daß es Verse gibt, die überall bereitliegen, im Kopf, im Regal, in der Virtualität.
**) Der 14. August 2006 war Brechts, der 7. Juli Benns 50. Todestag.
113. Überzeugung
Wondratschek hat die Hölderlin-Aufnahme zusammen mit Manfred Eicher produziert (ECM), den er vor nicht langer Zeit kennenlernte und den er für solche Kunst der poetischen Verdichtung ohne Überredungsmühe gewinnen konnte. Mit Radikalität meint Wondratschek wohl die Konzentration nur auf das Dichterwort, das Zeile für Zeile gesprochen wird – langsam, fast zeremoniell, doch ohne Pathos, ohne dramaturgische Zuspitzung.
‘Überzeugung’ heißt das erste der hier versammelten fünfundzwanzig Scardanelli-Gedichte, das der Hölderlin-Darbietung gleich am Anfang ihr langsames Tempo und ihren unabänderbaren Rhythmus gibt. Gelesen wird zuerst der Titel, um den herum sich ein langes Schweigen ausbreitet, bevor die ersten Zeilen ertönen: ‘Als wie der Tag die Menschen hell umscheinet / und mit dem Lichte, das den Höhen entspringet, / die dämmernden Erscheinungen vereinet / ist Wissen, welches tief der Geistigkeit gelinget…’ So spricht kein geistesgestörter, sondern ein in jahrzehntelanger Isolation lebender, durch Weltwissen erleuchteter Dichter. ‘Der einsamste und sprachloseste Mensch war er geworden’, schreibt Peter Sloterdijk im Booklet, ‘weil er der einzige gewesen war in seiner Zeit, in dem die Sprache selbst, das unbedingte Sagen, sich hatte verkörpern wollen, jenseits von Ich und Nicht-Ich.’ / Wolfgang Schreiber, Süddeutsche Zeitung 23.1.
Friedrich Hölderlin: Turmgedichte. Gelesen von Christian Reiner. ECM New Series 2285. München 2012, 17,90 Euro.
Überzeugung
Als wie der Tag die Menschen hell umscheinet
Und mit dem Lichte, das den Höhn entspringet,
Die dämmernden Erscheinungen vereinet,
Ist Wissen, welches tief der Geistigkeit gelinget.
Hölderlin schrieb das Gedicht am 26.2. 1841 auf Bitten von Christoph Theodor Schwab aus dem Stegreif in ein Exemplar der “Gedichte von Friedrich Hölderlin” (1826).
20. Sprichwörter der Kaïrenser
Aus: Geschichten und Lieder der Afrikaner. Ausgewählt und verdeutscht von A. Seidel, Sekretär der Deutschen Kolonialgesellschaft, Herausgeber der Zeitschrift für afrikanische und ozeanische Sprachen. Berlin: Verein der Bücherfreunde. Schall & Grund, (1896), S. 39-41.
7 von 32 numerierten Sprichwörtern (die in Klammern hinzugefügten Erläuterungen habe ich weggelassen).
3. Seine Katze ist ein Kamel.
6. Zwanzig sind bei Nacht neun.
10. Sie haben ein “Wenn” auf ein “Vielleicht”-Feld gesät, und es ist ein “Nichts”-Baum gewachsen.
14. Wenn dein Freund von Honig ist, lecke ihn nicht ganz auf.
18. Wer’s nicht kennt, sagt, es sind Linsen.
24. Verdorbene Augen sind besser als Blindheit.
29. Thue Gutes und wirf es ins Meer.
19. [Heutzutage]
To whom do I speak today?
Brothers are evil,
Friends of today are not of love. . . .
To whom do I speak today?
There are no righteous,
The land is left to those who do iniquity.
Zu wem soll ich heute sprechen?
Die Brüder sind böse,
Freunden kann man heute nicht mehr trauen. …
Zu wem soll ich heute sprechen?
Es gibt keine Rechtschaffenen mehr,
Das Land gehört denen die Böses tun.
Die Klage ist 4000 Jahre alt. Den englischen Text fand ich in Bartlebys “Familiar Quotations”, 14. Ausgabe 1968 (1. 1855). Als Quelle wird dort angegeben: Papyrus, 2000 v.Chr., Berliner Museum. Da die Quelle alt und die Überlieferung über die Zeiten und Räume flatterhaft ist, habe ich den englischen Text frei übersetzt.
Eine deutsche Fassung unter dem Titel “Die Gedichte des ‘Lebensmüden’” in: Altägyptische Dichtung. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Erik Hornung. Stuttgart Reclam 1996, S. 106-109. Die Anmerkung dort: “Auszug aus einem Werk, das wie die Klagen zur ‘Auseinandersetzungsliteratur’ des Mittleren Reiches gehört und nur in einer einzigen Handschrift, dem Papyrus Berlin 3024 aus der 12. Dynastie (um 1800 v.Chr.), erhalten ist. Auch als ‘Gespräch eines Mannes mit seinem Ba’ bekannt, wurde der Text erstmals 1896 durch A. Erman bearbeitet (…).” (Ba ist bei den alten Ägyptern einer der Bestandteile der “Seele”, etwa die Persönlichkeit oder Individualität). Hier eine Abbildung des Papyrus 3024. Hier eine englische Ausgabe des Handbook of Egyptian Religion von Adolf Ermann, 1907, hier die deutsche von 1905.
Ich nehme es als poetische Definition unter “Heutzutage” (die Überschrift ist eine Zutat von mir) in mein Diktionär und als Gedichtfragment in meine Anthologie.