Lyrikzeitung & Poetry News

6. April 2012

21. Von Klammern. 3 Fragmente

Einsortiert unter: Altgriechisch, Antike, Griechenland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 14:06

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Klammern sind aufregend. Daß man Sappho nur in Übersetzung liest, ist noch lange kein Grund, sich um das Drama des Versuchs zu bringen, ein halbiertes oder durch Löcher verrätseltes oder kleiner als briefmarkengroßes Papyrus zu entziffern – Klammern bieten Freiraum für geistige Abenteuer.

Anne Carson, If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. xi.

Lobel-Page 70

      . . .
      [   ]α̣μ.λ.[
      [   ]ναμ[
      [     ]ν̣ δ’ εἶμ’ ε[
      [     ]ρ̣σομέν[
      [      ]λικ’ ὐπα[
      [      ]…[.]βα[
      [  ]σ̣ γ̣ὰρ ἐ̣παυ[
      [] μάν κ’ ἀπυ̣θ̣υσ̣[
      [ ]αρμονίας δ̣[
  10  []αθην χόρον, ἄα[
      [   ]δ̣ε λίγηα.[
      [   ]ατόν σφι̣[
      [  ]παντεσσι[
      [  ]επ[.].[
  15  . . .


]
] I will go
]
]
]
] for
]
] of Harmonia
] dance
] clearsounding
]
] to all

176LP

βάρβιτος. βάρωμος. βάρμος.  

lyre lyre lyre

Lyra Lyra Lyr

Lobel-Page 25

. . .
[ ]γμε.[
[ ]προλιπ[
[]νυᾶσεπ[
[ ]βρα·
[ἐ]γλάθαν’ ἐσ̣[
[ ]ησμεθα̣[
[]ν̣υνθαλα[
. . .

]
] quit
]
] luxurious woman
]
]

26. März 2012

115. Of the Surface of Things

Einsortiert unter: Englisch, USA — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 17:11

Wallace Stevens

Of the Surface of Things

I

In my room, the world is beyond my understanding;
But when I walk I see that it consists of three or four
        hills and a cloud.

II

From my balcony, I survey the yellow air,
Reading where I have written,
“The spring is like a belle undressing.”

III

The gold tree is blue,
The singer has pulled his cloak over his head.
The moon is in the folds of the cloak.

Mehr

26. Februar 2012

116. So und nicht anders

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 18:42

Theodor Fontane

SO UND NICHT ANDERS

Die Menschen kümmerten mich nicht viel,
Eigen war mein Weg und Ziel.  

Ich mied den Markt, ich mied den Schwarm,
Andre sind reich, ich bin arm.  

Andre regieren (regieren noch), 
Ich stand unten und ging durchs Joch.  

Entsagen und lächeln bei Demütigungen,
Das ist die Kunst, die mir gelungen.  

Und doch, wär`s in die Wahl mir gegeben,
Ich führte noch einmal dasselbe Leben. 

Und sollt` ich noch einmal die Tage beginnen,
Ich würde denselben Faden spinnen. 

9. Februar 2012

31. Türkische Früchte (1)

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 05:45

Lustig, grad hab ich beschlossen, unter diesem Titel eine Serie türkischer Lesefrüchte zu beginnen, Früchte reisevorbereitender und -begleitender Lektüre, da beschert mir fixpoetry in der Reihe Gedicht des Tages eins von Reisen in die Teikür, damit fang ich also an:

Elke Erb

ADIEU

War im Traum in der Keitür, Reise, zu mehreren,
bin da noch, räudiges Stadt-Auf-und-Ab, was im Traum
zur Ansicht kommt (den schlafenden Augen!),

bunt, grell, aber wie
warmfarbig & -formig,warm-formig,
was da ist, aber es leitet nicht, nämlich –

& auf dem Gipfel:
wie zurück? Zurück nämlich wie?

Haarig, behaart – oder sieh
eine Kiste mit faulem Obst. Greifen in sie.
Bei uns, wo es leitet, gewußt wie

 – auch: der Griff in. In ihr Zeug. In den Tod.
Bei denen: behaart. Bei uns: Todestauschseligkeit.
Nachdem es getätigt war – schnell vergessen.

Muh, muh, weil ich die Sprache nicht spreche –
wo ich bin, auf Reisen.

 

24.12.07

Aus: Elke Erb, Meins. Gedichte. roughbooks 2010, S.101

21. November 2011

95. Schicksalslied

Brahms hatte das Hölderlin-Gedicht, das in der ersten Strophe die göttliche Glückseligkeit im Jenseits und in der zweiten die Hoffnungslosigkeit des irdischen Daseins beschreibt, während eines Besuches bei Freunden gefunden und war davon so fasziniert, dass er noch am gleichen Tag mit der Vertonung begann. / Rheinische Post

Im Jahre 1868, nach der Bremer Erstaufführung des “Deutschen Requiem”, komponierte Johannes Brahms sein opus 54, das “Schicksalslied”, auf ein Gedicht aus Hölderlins “Hyperion”. Da er sich  über die kompositorische Gestaltung des Schlusses zunächst im unklaren war, wurde das Werk erst 1871 vollendet. Dieser Schluß, den Brahms bereits damals gegen seine Freunde verteidigen mußte, ist bis heute umstritten. Man wirft dem Komponisten vor, das abschließende Orchesternachspiel stehe im Widerspruch zur Hoffnungslosigkeit der letzten Textworte, er deute damit die Aussage des Gedichtes um. Manche deuten das als eine Korrektur im christlichen Sinn, indem “Hölderlins heidnisch-fatalistische Antithese von Götter- und Menschenwelt durch die tröstliche Botschaft der Hoffnung auf ein Jenseits überwunden wird” (Joseph Groben, Konzertprogramm). Für andere stellt dieses Nachspiel geradezu einen Stein des Anstoßes dar; so schrieb etwa Gerhard R. Koch in einer Konzertkritik (FAZ vom 30. Mai 1996), Brahms habe “Hölderlins Fatalismus doch arg ins Tröstliche abgewandelt.”  / casagrandefred.de

Hyperions Schiksaalslied

Ihr wandelt droben im Licht
 Auf weichem Boden, seelige Genien!
   Glänzende Götterlüfte
     Rühren euch leicht,
       Wie die Finger der Künstlerin
         Heilige Saiten.

Schiksaallos, wie der schlafende
 Säugling, athmen die Himmlischen;
   Keusch bewahrt
     In bescheidener Knospe,
       Blühet ewig
         Ihnen der Geist,
           Und die seeligen Augen
             Bliken in stiller
               Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
 Auf keiner Stätte zu ruhn,
   Es schwinden, es fallen
     Die leidenden Menschen
       Blindlings von einer
         Stunde zur andern,
           Wie Wasser von Klippe
             Zu Klippe geworfen,
               Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Text nach Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hg. D.E. Sattler. Bd. 4: Oden I. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1985, S. 30.

Das Gedicht entsteht nach einem ersten Entwurf vom Herbst 1796 in der Frankfurter Zeit und steht im zweiten Band des Hyperion-Romans im 28. Brief:

Ich wollte mich stärken, ich nahm mein längstvergessenes Lautenspiel hervor, um mir ein Schiksaalslied zu singen, das ich einst in glüklicher unverständiger Jugend meinem Adamas nachgesprochen.

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hg. D.E. Sattler. Bd. 11: Hyperion. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1984, S. 193.

Es handelt sich um eine von fünf rhapsodischen Odenentwürfen Hölderlin – rhapsodisch im Sinne von metrisch ungebunden. Ich vermute, die Bezeichnung rührt von dem Negativimage, das die griechischen Rhapsoden schon im 5. Jahrhundert v.d.Z. hatten, als fehlerhafte Überlieferer. Platons Ion rechnet mit dem Stand ab. Wer das Schicksalslied googelt, kann sich leicht von heutigem Rhapsodentum in diesem Sinn überzeugen.

1. November 2011

3. Meine Anthologie 81: Der Spruch

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 16:14

Ernst Stadler: Der Spruch

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich! 

In: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt 1920, S. 145.

Das Gedicht von Stadler kenne ich schon lange, bin ihm zuerst vor mehr als dreißig Jahren begegnet, in der Reclamausgabe der Anthologie “Menschheitsdämmerung” (Reclam Leipzig 1968, eine Bibel für den Lyrikleser zum Preis von 2,50 Mark der DDR). In der letzten Zeit lief es mir mehrmals über den Weg – u.a. in der Originalausgabe in dem Band “Der Aufbruch” von 1914 (im Nachlaß von Wolfgang Koeppen). Eigentlich ist es ein geheimes Motto dieser Anthologie.

Folgt der Spruch von Angelus Silesius, auf den es sich offensichtlich bezieht.

Angelus Silesius (Johannes Scheffler) 1624-1677

30. Zufall und Wesen.

Mensch werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht /
So fällt der Zufall weg / das wesen das besteht 

Aus: Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann (1657). Die Epigrammsammlung in der Fassung von 1675 besteht aus sechs Büchern mit 1676 Texten, zumeist Epigrammen. (Das vorstehende ist das 30. im 2. Buch)

Das Wort “Wesen” ist das letzte im abschließenden sechsten Buch:

263. Beschluß.

Freund es ist auch genug. Jm fall du mehr wilt lesen /
So geh und werde selbst die Schrifft und selbst das Wesen.

27. Oktober 2011

115. Meine Anthologie 79: Edna St. Vincent Millay, First Fig

Einsortiert unter: Englisch, USA — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 05:22

First Fig

My candle burns at both ends;
It will not last the night;
But ah, my foes, and oh, my friends –
It gives a lovely light!

——————————————————————–

Aus: Millay, Edna St. Vincent. 1920. A Few Figs From Thistles – Dieses Gedicht kam am 10. April 2002 im täglichen Lyriknewsletter von http://www.daytips.com in mein Postfach. (Wie immer mit Kommentar)

Erste Feige

Meine Kerze brennt an beiden Enden;
Sie wird nicht die ganze Nacht reichen;
Doch ah, ihr Feinde, und oh, ihr Freunde -
Sie gibt ein herrliches Licht! 

(Rohübersetzung)

Zur Überschrift vgl. den Titel ihres Gedichtbandes

Edna St. Vincent Millay
Love is not all
Gedichte Amerikanisch und Deutsch
übersetzt von Günter Plessow
Sammlung Urs Engeler Editor, Band 69
ISBN 978-3-938767-52-8
Gebunden, mit Schutzumschlag
18,5 x 12 cm, 232 Seiten
Euro 19.- / sFr. 36.-
August 2008

25. Oktober 2011

109. Meine Anthologie 78: Li Bai, Selbstvergessen

Einsortiert unter: China — Schlagworte: , , , , , , , — lyrikzeitung @ 10:59

 

(Originaleintrag von 2001. Nachträge 2011 vielleicht später)

Selbstvergessenheit

Der Strom – floss, 
Der Mond vergoss, 
Der Mond vergaß sein Licht – und ich vergaß
Mich selbst, als ich so saß 
Beim Weine. 
Die Vögel waren weit, 
das Leid war weit, 
und Menschen gab es keine.


Li Bai (Li Tai Bo), deutsche Fassung von Klabund , in: Klabund. Chinesische Gedichte. Nachdichtungen. Stuttgart Zürich Salzburg: Europäischer Buchklub, ca., 1958 (S. 53) (ursprünglich Phaidon Verlag Zürich).


(Eigentlich ein Gedicht von Klabund nach einem Motiv von Li Bai.)







Selbstvergessenheit

Ich saß und trank und gab nicht acht auf das Dunkeln,
Bis Blütenblätter sich häuften in meines Gewandes Falten.
Trunken ging ich zum Strom und sah in des Mondlichts Funkeln -
Kein Vogel regte sich mehr, und am Ufer glitten nur wenig Gestalten.

(Franziska Meister aus dem Englischen des Arthur Waley)


Ist das dasselbe Gedicht? Man muß schon ein wenig grübeln und schauen.

Self-Abandonment

I sat drinking and did not notice the dusk,
Till falling petals filled the folds of my dress.
Drunken I rose and walked to the moonlit stream;
The birds were gone, and men also few.

(Englisch von Arthur Waley)


Nach einem Kommentar hier
http://www.cs.rice.edu/~ssiyer/minstrels/poems/826.html 

dürfte Waleys Fassung dem Original am nächsten kommen – offenbar auch dem “Geist” der chinesischen Sprache und Dichtung, die mehr ausspart (während Klabund süß spricht, unserem verwöhnten Ohr schmeichelt):

there are occasions on which Waley gets things exactly right; this is one of them. “Self-Abandonment” captures the beauty that lies on the other side of perception, the beauty of the unspoken, the unseen, the unknown. It’s almost Zen-like in its rejection of character and plot, and yet, in a mysterious, moonlit sort of way, it works – and it’s absolutely wonderful.

Selbstvergessen

Vor mir der Wein. Ich spürte kaum
  das Nahn der Dunkelheit.
Von niederfallendem Blütenflaum
  war mein Gewand beschneit.

Das stand ich auf und stieg den Bach
  entlang in Trunkenheit.
Der Mond… – kein Vogel war mehr wach;
  die Menschen waren weit.

(Günther Debon)
Verlassenheit

Trinkend saß ich und achtete nicht,
Wie das Dunkel der Nacht mich umhüllte.
Blütenblätter rieselten dicht,
Daß des Mantels Falte sich füllte.

Ich erhob mich trunken und wanderte schwer,
Und der Mondstrahl wies mir die Straße. -
Die Felder dehnten sich menschenleer,
Die Vögel schliefen im Grase.

(Vincenz Hundhausen)
Gedichte von Li Bai kann man Chinesisch hören (und Chinesisch und Englisch lesen) auf dieser Seite:
http://www.chinapage.com/libai/libai2e.html  
- aber wohl nicht dieses.

22. Oktober 2011

96. Meine Anthologie 76: Sappho, A C H T U N G

A C H T U N G 

Thou shalt be-Nothing.- OMAR KHAYYAM

Tombless, with no remembrance.-SHAKESPEARE

Dead thou shalt lie; and nought
Be told of thee or thought,
For thou hast plucked not of the Muses´ tree:
And even in Hades´ halls
Amidst thy fellow-thralls
No friendly shade thy shade shall company!

Translated by Thomas Hardy, with his reference to Khayyam and Shakespeare.

Confucius to Cummings. An Anthology of Poetry. Edited by Ezra Pound and Marcella Spann. New York: New Directions, 1964 (Tenth printing) 1.1926. S. 18.

Manfred Hausmann

Gänzlich, wenn du einst stirbst,
schwindest du hin,
niemand wird dein gedenken,
niemand wünscht dich zurück,
denn du hast nie
Rosen gebrochen im
Land der Musen, und so
wehst du hinab
ruhmlos ins Land des Hades
und verlierst dich alsbald
irrenden Flugs
unter den fahlen Toten

Manfred Hausmann: Sappho. Lieder und Bruchstücke (Das Gedicht. Blätter für die Dichtung) Hamburg Heinrich Ellermann, 1948 (Nr. XIV)

[Achtung: so deutsch überschreibt der englische Autor Thomas Hardy (1840 - 1928) seine Nachdichtung eines Sappho-Fragments, aufgenommen in Ezra Pounds Anthologie "Confucius to Cummings", 1926.

Durch die Original-Referenzen an Omar Khayyam und Shakespeare entsteht ein Palimpsest aus den vier Schichten: Antike, Persien, Elisabethanisches England, Viktorianisches England. Ich bin so frei, der deutschen Spur eine weitere deutsche Schicht hintenanzufügen.

Das deutsche Wort - bei Hardy noch ohne Ausrufezeichen; das im 20. Jahrhundert für viele Völker neue Bedeutung annehmen sollte - verstärkt die Drohung des Gedichts - während der Deutsche sie in Poesie abschwächen möchte.]

Nachtrag 2011

Fassung von Anne Carson

55

Dead you will lie and never memory of you
will there be nor desire into the aftertime–for you do not
  share in the roses
of Pieria, but invisible too in Hades' house
you will go your way among dim shapes. Having been breathed out.

Aus: If not, winter. Fragments of Sappho. Translated by Anne Carson. New York: Vintage Books 2003, S. 115.

55LP/58D

κατθάνοισα δὲ κείσῃ οὐδέ ποτα
μναμοσύνα σέθεν
ἔσσετ’ οὐδὲ †ποκ’†ὔστερον· οὐ
γὰρ πεδέχῃς βρόδων
τῶν ἐκ Πιερίας· ἀλλ’ ἀφάνης
κἠν Ἀίδα δόμῳ
φοιτάσεις πεδ’ ἀμαύρων νεκύων
ἐκπεποταμένα

An eine ungebildete Reiche

Wenn du starbest, du wirst liegen
und wird keine Erinnrung mehr
Dann hinfüro zurückbleiben von
dir, denn an Pieria’s
Rosen hast du nicht Teil. Nein un-
gesehn auch in des Hades Haus
Wirst du wandeln , dahinschwebend mit
lichtloser Gestorbenen Schar.

[Übersetzung: G.Thudichum (33)]

Aus der Tusculum-Ausgabe:

55 Voigt

Und tot wirst du liegen und niemals wird Erinnerung von dir
bleiben, auch [niemals] später: Denn du hast keinen Anteil an den Rosen
aus Pierien, sondern unscheinbar auch in Hades’ Haus
wirst du verkehren mit düsteren Toten, bist du erst einmal weggeflogen.

In: Sappho: Gedichte (Tusculum) Hrsg. / Übers. Andreas Bagordo, Düsseldorf: Artemis & Winkler 2009, S. 126f.

15. September 2011

71. Jetzt komme, Feuer

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 04:09

Ein großer Dichter der Feuerinfusion ist der späte Hölderlin. Hier sein Gedicht “Der Ister”:

Der Ister


Jetzt komme, Feuer!
Begierig sind wir,
Zu schauen den Tag,
Und wenn die Prüfung
Ist durch die Knie gegangen,
Mag einer spüren das Waldgeschrei.
Wir singen aber vom Indus her
Fernangekommen und
Vom Alpheus, lange haben
Das Schickliche wir gesucht,
Nicht ohne Schwingen mag
Zum Nächsten einer greifen
Geradezu
Und kommen auf die andere Seite.
Hier aber wollen wir bauen.
Denn Ströme machen urbar
Das Land. Wenn nämlich Kräuter wachsen
Und an denselben gehn
Im Sommer zu trinken die Tiere,
So gehn auch Menschen daran.

Man nennet aber diesen den Ister.
Schön wohnt er. Es brennet der Säulen Laub,
Und reget sich. Wild stehn
Sie aufgerichtet, untereinander; darob
Ein zweites Maß, springt vor
Von Felsen das Dach. So wundert
Mich nicht, daß er
Den Herkules zu Gaste geladen,
Fernglänzend, am Olympos drunten,
Da der, sich Schatten zu suchen
Vom heißen Isthmos kam,
Denn voll des Mutes waren
Daselbst sie, es bedarf aber, der Geister wegen,
Der Kühlung auch. Darum zog jener lieber
An die Wasserquellen hieher und gelben Ufer,
Hoch duftend oben, und schwarz
Vom Fichtenwald, wo in den Tiefe
Ein Jäger gern lustwandelt
Mittags, und Wachstum hörbar ist
An harzigen Bäumen des Isters,

Der scheinet aber fast
Rückwärts zu gehen und
Ich mein, er müsse kommen
Von Osten.
Vieles wäre
Zu sagen davon. Und warum hängt er
An den Bergen gerad? Der andre,
Der Rhein, ist seitwärts
Hinweggegangen. Umsonst nicht gehn
Im Trocknen die Ströme. Aber wie? Ein Zeichen braucht es,
Nichts anderes, schlecht und recht, damit es Sonn
Und Mond trag im Gemüt, untrennbar,
Und fortgeh, Tag und Nacht auch, und
Die Himmlischen warm sich fühlen aneinander.
Darum sind jene auch
Die Freude des Höchsten. Denn wie käm er
Herunter? Und wie Hertha grün,
Sind sie die Kinder des Himmels. Aber allzugedultig
Scheint der mir, nicht
Freier, und fast zu spotten. Nämlich wenn

Angehen soll der Tag
In der Jugend, wo er zu wachsen
Anfängt, es treibet ein anderer da
Hoch schon die Pracht, und Füllen gleich
In den Zaum knirscht er, und weithin hören
Das Treiben die Lüfte,
Ist der zufrieden;
Es brauchet aber Stiche der Fels
Und Furchen die Erd,
Unwirtbar wär es, ohne Weile;
Was aber jener tuet, der Strom,
Weiß niemand.

Quelle: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Stuttgart 1953, S. 198-201.

Im ersten Entwurf geht der Anfang etwa so:

Jezt kommen Feuer!
Begierig sind wir
Und wenn die Prüfung ist
An die Brutfedern gegangen
Mag einer spüren das Waldgeschrei. 

Friedrich Hölderlin: sämtliche werke. Frankfurter Ausgabe. Hg. D.E. Sattler. Band 8: gesänge II. Frankfurt/ Main: Stroenfeld / Roter Stern 2000, S. 719

Ältere Artikel »

Theme: Silver is the New Black. Bloggen Sie auf WordPress.com.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 241 other followers