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67. Schattenliebe

Zu den Feinheiten  von Novalis’ Gedicht gehört das Wort Sonnenschein in der Zeile: “Uns barg der Wald vor Sonnenschein”. Das Wiederlesen bringt mich auf einen allerliebsten und denkwürdigen philologischen Fehler. Heinrich Heine, der in Paris lebte und liebte, wollte nach dem Erfolg seines “Buchs der Lieder” einen zweiten Band folgen lassen. Doch sein Lektor Gutzkow lehnte ab.

Dichter der Reisebilder, man hat Dir viele Sünden vergeben, weil es Dornen an Rosen waren; aber diese neuen, Heine, die nur Dornen sind, vergibt man Ihnen nicht! Für »den ungezogenen Liebling der Grazien« gibt es auch eine Grenze, und diese haben Sie in jener Gesangsmanier längst überschritten. Sie kennen die allgemeine Stimme, die über Ihre Gedichte auf die Pariser Boulevardsschönheiten mit den stolzen Namen: Angelika u.s.w. im Salon in Deutschland herrscht; warum in dieser Manier noch eine so fruchtbare Nachgeburt? Nennen Sie mir die Nation, die solche Sachen in ihre Literatur aufgenommen hat? Wer hat in England, in Frankreich dergleichen zum Jocus der Commis herausgegeben, Gedichte, die man sich vorliest in Tabaksqualm, bei ausgezogenen Röcken, in einem gemieteten Zimmer, unter leeren Flaschen, die auf dem Tische stehen! Beranger scheut sich nicht, von einem nächtlichen Besuch bei einer Grisette zu sprechen; aber sagt er »ich habe mich wohlbefunden«? Spricht sich bei ihm je das Gefühl von Übersättigung und aufgestachelter sinnlicher Trägheit aus? Ich verletze Sie, indem ich dies schreibe, aber ich muß es Ihnen sagen; denn Sie scheinen mir in einer Sorglosigkeit über Ihren Namen befangen, die grenzenlos ist. Sie gehören doch einmal den Deutschen an und werden die Deutschen nie anders machen, als sie sind. Die Deutschen sind aber gute Hausväter, gute Ehemänner, Pedanten, und was ihr Bestes ist, Idealisten.

Aus: Karl Gutzkow: Liberale Energie. Eine Sammlung seiner kritischen Schriften. Hg. von Peter Demetz. Frankfurt am Main / Berlin / Wien: Ullstein 1974. ISBN 3-548-03033-5 (Brief vom 6.8.1838 an Heine)

Lustig, wie Gutzkow selbst den unanständig-französischen Namen Angelique germanisiert. Die Formulierung vom »ungezogenen Liebling der Grazien« stammt von Goethe, der sie auf Aristophanes anwendet. Das für die deutschen Biedermänner Unannehmbare: Heine besingt in der “Hauptstadt des 19. Jahrhunderts” nicht die Liebe als (platonische) Himmelsmacht, sondern leibliche Liebe mit leichten Pariser Mädchen. (Man bedenke, daß Baudelaire ein begeisterter Leser Heines war und seine “Blumen des Bösen” noch ungeschrieben.)

Heine repliziert:

Ich glaube überhaupt, bei späterer Herausgabe, kein einziges dieser Gedichte verwerfen zu müssen, und ich werde sie mit gutem Gewissen drucken, so wie ich auch den Satyrikon des Petron und die römischen Elegien des Goethe drucken würde, wenn ich diese Meisterwerke geschrieben hätte. Wie letztere sind auch meine angefochtenen Gedichte kein Futter für die rohe Menge. Sie sind in dieser Beziehung auf dem Holzwege. Nur vornehme Geister, denen die künstlerische Behandlung eines frevelhaften und allzu natürlichen Stoffes ein geistreiches Vergnügen gewährt, können an jenen Gedichten Gefallen finden. Ein eigentliches Urteil können nur wenige Deutsche über diese Gedichte aussprechen, da ihnen der Stoff selbst, die abnormen Amouren in einem Welttollhaus, wie Paris ist, unbekannt sind. Nicht die Moralbedürfnisse irgendeines verheirateten Bürgers in einem Winkel Deutschlands, sondern die Autonomie der Kunst kommt hier in Frage… «

An Gutzkow, 23.8. 1838.

Kurz, das Buch erschien nicht. Jahre später nahm Heine viele dieser Gedichte in seine “Neuen Gedichte” auf. Der frühe Pariser Zyklus wurde erst 1982 bei Insel Leipzig rekonstruiert. Und jetzt der philologische Fehler. In der Erstausgabe der “Neuen Gedichte” von 1844 enthält das Gedicht “Schattenküsse, Schattenliebe” zwei sehr bezeichnende Druckfehler. Hier das Gedicht in der ersten Druckfassung:

Schattenküsse, Schattenliebe,
Schattenleben, wunderbar!
Glaubst du, Närrin, alles bliebe
Unverändert, ewig wahr?

Was wir lieblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,
Und die Herzen, die vergessen,
Und die Augen schlafen ein.

In dieser Form wurde es mehr als 130 Jahre lang gedruckt. Erst für die Rekonstruktion von 1982 korrigierte die Herausgeberin Renate Francke aus Heines Handschrift. Außer der Interpunktion (auf deren getreuer Übernahme Heine bestand) betreffen die Fehllesungen zwei Wörter. Statt wunderbar in der zweiten Zeile muß es heißen: wandelbar. Aus der moralisch verdächtigen Wandelbarkeit der “Schattenliebe” wird “wunderbar”, ein Wort, das perfekt ins deutsche Biedermeier paßt. Heine wußte es. “Die Liebe muß sein platonisch / der dürre Hofrat sprach. / Die Hofrätin lächelt ironisch / und dennoch seufzet sie: ach!”.

Noch schöner der zweite Fehler. Statt lieblich am Anfang der zweiten Strophe muß es heißen leiblich. Leiblich! Aus einem Gedicht über Heines sensualistisches, antidualistisches Programm, aus Heines Realismus wird deutsches Biedermeier. Hier das Gedicht in seiner Originalgestalt:

Seraphine

IX.

Schattenküsse, Schattenliebe

Schattenleben, wandelbar!

Glaubst du, Närrin, alles bliebe

Unverändert, ewig wahr?

Was wir leiblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,

Und die Herzen, die vergessen,

Und die Augen schlafen ein.

In: Heinrich Heine: Buch der Lieder Zweiter Band. Aus dem Nachlaß rekonstruiert von Renate Francke. Leipzig: Insel Verlag, 1978, S. 38. (Dort wurden die 2 Fehler aus der Handschrift korrigiert, die Orthographie modernisiert – aus Träumereyn wurde Träumerein, die Interpunktion Heines jedoch original beibehalten.)

Bis heute aber steht Heines Gedicht in vielen Büchern und Internetquellen in der falschen Fassung, in der es harmlos und unverständlich ist. Und die Germanistik? Die hat die Fehler stillschweigend korrigiert. Siehe etwa in Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. Bernd Kortländer. Stuttgart: Reclam 2006 (u. öfter). Damit versündigen sie sich ein zweites Mal am Autor und am Leser.

33. nothing can be done

Chronik, 7.7.

17 Uhr

Und wenn sie dich auch flieht, bald wird sie dich verfolgen,
 wenn sie deine Geschenke nicht nimmt, bald wird sie welche machen,
wenn sie nicht liebt, bald wird sie lieben,
auch wenn sie nicht will.

Sagt Aphrodite zu Sappho, Frg. 1, in einer brandneuen Übersetzung: Sappho: Scherben – Skizzen. Übersetzungen und  Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: Udo Degener Verlag 2012. 62 S.

22 Uhr

comes love – nothing can be done

Mette Juul in ihrem Lied “Comes love”, gesungen beim Eldenaer Jazz Evening 2012 Mehr

24 Uhr

rocket number 9 take off for the planet VENUS

Heliocentric Counterblast, ebenda (Hier von Sun Ra)

111. Meine Anthologie: Donnerstagsgedicht

Thursday
by Edna St. Vincent Millay 

And if I loved you Wednesday,
   Well, what is that to you?
I do not love you Thursday—
   So much is true.

And why you come complaining
   Is more than I can see.
I loved you Wednesday,—yes—but what
   Is that to me?

 

Lesetip:

Lyrik Kabinett Bd.4
Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent Millay
Die Entdeckung Amerikas
Gedichte, Übertragungen, Essays. Herausgegeben von Gerhard Schuster. Mit Beiträgen von Barbara Schaff und Friedhelm Kemp. Zweisprachig englisch/deutsch
306 Seite, Broschur
Buchgestaltung und Typographie von Friedrich Pfäfflin (Marbach).
Lyrik Kabinett, München 2004
ISBN 978-3-9807150-3-4, 28,00 EUR

9. Zwei erotische Gedichte

Daniil Charms

An Marina

Wohin Marina richtest du den Blick
Den listigen in diesem Augenblick?
Wozu lockst du mit kindlicher Grimasse
Mich fort vom Tisch damit ich lasse
Die Bücher Bücher sein, Papier und Feder
Und trinke deine junge nasse …
Und mit der Hand die Brust dir halte.

Deutsch von Peter Urban, in: Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2006, S. 133 .

An Marina

Du blickst in mädchenhafter Laune
Und blinzelst so verführerisch.
Es will dein lockendes Geraune,
dass ich verlasse meinen Tisch
und vor dir auf die Knie sinke,
vergessend Feder und Papier,
und deine jungen Säfte trinke
und deine junge Brust massier.

<1935>

Deutsch von  Alexander Nitzberg, in: Daniil Charms: Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte. Berlin: Verlag Galiani 2010, S. 181.

Марине

Куда Марина взор лукавый 
Ты направляешь в этот миг? 
Зачем девической забавой 
Меня зовешь уйти от книг, 
Оставить стол, перо, бумагу 
И в ноги пасть перед тобой. 
И пить твою младую влагу 
И грудь поддерживать рукой. 

<1935>

Ханс Даниил

(Im Original: Und trinken deine junge Feuchte, wobei влага, Feuchtigkeit, Nässe, an die Wörter влагать, hineinlegen, hineintun, und влагалище, Scheide, anklingt)

Wozu! Wozu den sitzt er hier
Wozu den sitzt er doch
Ich möchte einen Mädchen hier
Mit einem feuchten Loch.

<1932>

So im Original Deutsch, in: Daniil Charms: Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte. Berlin: Verlag Galiani 2010, S. 186.  - 1931/32 war er zum ersten Mal in Haft.

Über seine zweite Verhaftung, die er nicht überlebte, schreibt Wikipedia:

Aber nicht nur die wirtschaftliche Situation war bedrohlich, auch sein soziales Gefüge änderte sich radikal: am 3. Juli Verhaftung von Nikolai Oleinikow, der am 24. November 1937 erschossen wurde; Verbannung von Oleinikows Frau; der verantwortliche Redakteur des Joschs starb im Lager, die Redaktionssekretärin des Kinderbuchverlags verbrachte 17 Jahre im Lager; am 6. August weitere Verhaftungen von Mitarbeitern des Kinderbuchverlags, von denen manche ermordet wurden wie der Physiker Matwei Bronstein; am 28. August Verhaftung der Familie von Charms’ erster Frau: Ester kam 1938 im Lager um, ihre vier Geschwister wurden zu 10 Jahren Lager verurteilt; am 5. September Zerschlagung von Marschaks Redaktion und Flucht von Marschak; am 14. September Verhaftung des ehemaligen Redaktionssekretärs des Joschs.[49]

Am 23. Oktober 1937 schrieb Charms in sein Tagebuch:

„Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, laß mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.“[50]

Und eine Woche später: „Mich interessiert nur der ‚Quatsch‘, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.[51]

Zwei Monate nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde Charms am 23. August 1941 zum zweiten Mal verhaftet. Dieses Mal wurde ihm die Verbreitung defätistischer Propaganda vorgeworfen.[52] Im rechtsmedizinischen Gutachten vom gleichen Tag heißt es: „Er ist orientierungsfähig. Er hat fixe Ideen, die Wahrnehmung ist gemindert. Er gibt absonderliche Vorstellungen von sich.“[53] Diagnostiziert wird „Psychose (Schizophrenie?)“.[54] In weiteren Vernehmungen bestritt Charms, Verbrechen gegenüber der Sowjetunion ausgeübt zu haben. Am 2. September wurde er in die benachbarte Gefängnispsychiatrie überstellt und dort am 10. September erneut für geisteskrank erklärt. Dieser Befund stützt sich auf das Gutachten vom Herbst 1939, als Charms eine Schizophrenie simulierte, um vom Dienst im Sowjetisch-Finnischen Krieg befreit zu werden. Damit hätte Charms entlassen werden müssen, am 26. November 1941 belastete ihn jedoch eine NKWD-Agentin schwer. Die Anklage am 7. Dezember lautete:

„Aufgrund des Resultats der gerichtspsychiatrischen Untersuchung vom 10.IX.1941 wird der Angeklagte Juvačëv-Charms in der ihm zur Last gelegten Schuld für geisteskrank und unzurechnungsfähig erklärt. [… Er] hat sich bis zu seiner völligen Genesung in eine psychiatrische Heilanstalt zur Zwangsheilung zu begeben.[55]

Mitte Dezember erfolgte die Einweisung Charms’ in die psychiatrische Anstalt des Leningrader Gefängnisses Kresty. Seine Ehefrau konnte ihn aus Unkenntnis seines Aufenthalts erst im Februar 1942 besuchen. Bei der Anmeldung erhielt sie die Auskunft: „Gestorben am zweiten Februar.“[56] Die mutmaßliche Todesursache während der Leningrader Blockade ist Unterernährung. Sterbe- und Bestattungsort sind unbekannt.

Die Enzyklopädie Krugoswet schreibt: starb im Gefängnis an Entkräftung.

47. Meine Anthologie 74: Anthologia Graeca (Poseidippos/ Asklepiades/ Nossis)

(Beitrag von 2001. Mehr von der Griechischen Anthologie hier)

I PRELUDE

POSIDIPPUS

Jar of Athens, drip the dewy juice of wine, drip, let the feast to which all bring their share be wetted as with dew; be silenced the swan, sage Zeno, and the Muse of Cleanthes, and let bitter-sweet Love be our concern.

V, 134

Poseidippos

Spende uns reichlich vom Tau des Bakchos, kekropische Flasche,
Tropfen seien geweiht unserem neuen Beschluß!
Nichts mehr von Zenon, dem weisen Schwan, und dem Dichter Kleanthes!
Leiten soll mich als Herr Eros, so bitter wie süß.

(Bd. 1, S. 108)

II LAUS VENERIS

ASCLEPIADES

Sweet is snow in summer for the thirsty to drink, and sweet for sailors after winter to see the garland of spring; but most sweet when one cloak shelters two lovers, and the tale of love is told by both.

V, 169

Asclepiades

Freudig genießt der Dürstende sommers den Eistrank, mit Freuden
grüßt der Seefahrer den Boten des Frühlings, den Kranz.
Größere Freude bereitet verliebten Pärchen ein Deckbett
und ein gemeinsames Lob für Aphrodites Geschenk.

(Bd. 1, S. 117)

III LOVE’S SWEETNESS

NOSSIS

Nothing is sweeter than love, and all delicious things are second to it; yes, even honey I spit out of my mouth. Thus saith Nossis; but he whom the Cyprian loves not, knows not what roses her flowers are.

V, 170

Nossis

“Lieben bedeutet das höchste Glück. Ihm folgen die andern
Glücksgüter. Honig sogar spiee für jene ich aus.”
So spricht Nossis. Die Frau, der Kypris die Liebe versagte,
kennt nicht die Schönheit, mit der blühend die Rose sich schmückt.

(Bd. 1, S. 117)

So übersetzt Friedrich Rückert:

Süßer denn alles ist Liebe, und über Lieb’ ist auf Erden
Nichts; auch Honig und Meth reizet den Gaumen mir nicht.

So spricht Nossis, doch wen nicht Cypria liebte, der kennet
Ihre Rosen auch nicht, weiß nicht, wie lieblich sie blühn.

Plus doux que l’Amour, il n’est rien ! Les autres bonheurs ne viennent
Qu’en second : de ma bouche, j’ai même recraché le miel.
Voilà ce que dit Nossis. Celle que Cypris n’a pas embrassée,
Celle-là ne sait pas reconnaître les roses parmi les fleurs.

Griechisch hier

ANTHOLOGY

SELECT EPIGRAMS FROM THE GREEK ANTHOLOGY

by J. W. Mackail
First Published 1890 by Longmans, Green, and Co.
Etext prepared by John Bickers, jbickers@ihug.co.nz and Dagny, dagnyj@hotmail.com

hier

Deutsche Fassungen von Dietrich Ebener,
aus: Die griechische Anthologie in drei Bänden. Erster Band, Buch I ? VI. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1981

Die Anthologia Graeca

enthält mehr als 6000 Epigramme von über 300 Autoren vom 7. Jahrhundert vor bis zum 10. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Sie ist offenbar noch nicht im Netz zu finden – anders als Mackails Auswahl auf englisch bei Gutenberg (Adresse oben).Poseidippos (von Pella): 3. Jh. v.u.Z.

Asklepiades (von Samos): um 300 v.u.Z., ein Freund des Dichters Theokrit. Für seine Bedeutung spricht die Tatsache, daß eine der klassichen Odenformen nach ihm benannt ist: die asklepiadeische. Von ihm erhalten sind nur die (mehr als 40) Epigramme in der Anthologie. Welcher Barbar hat seine Oden verbrannt, weggeworfen, mißbraucht?

Nossis (von Lokroi): die Dichterin lebte um 300 v.u.Z.

Poesie und Genauigkeit.

Mackails Prosaübertragung von 1890 ist offensichtlich unendlich poetischer als die metrische Übertragung Ebeners. So sehr, daß ich meine, selbst mit einer Übersetzung der englischen Fassung ins Deutsche wäre der deutschen Poesie und ihren Freunden ein Dienst erwiesen.

Ich gehe noch weiter. Kann man Hölderlins (epigrammatische) Kurzode über Weisheit und Eros verstehen, wenn man die griechische Poesie aus deutschen Fassungen wie den obenstehenden kennt? Man lese die englischen Übertragungen – und dann Hölderlin:

Sokrates und Alcibiades

»Warum huldigest du, heiliger Sokrates,
»Diesem Jünglinge stets? kennest du Größers nicht?
»Warum siehet mit Liebe,
»Wie auf Götter, dein Aug’ auf ihn?

Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste,
Hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblikt
Und es neigen die Weisen
Oft am Ende zu Schönem sich.

(Stuttgarter Ausgabe, Band 1, Seite 260 – Frankfurter Ausgabe Bd. 4, Oden 1)

Buch XII der Griechischen Anthologie übrigens heißt: Die Knabenmuse. Hölderlin knew.).

Übrigens war es der deutsche Dichter Hölderlin, der – auf Klopstocks Spuren – entdeckte, daß die exakte Nachbildung der griechischen Grammatik im Deutschen poetischer sein kann als die nach den Schulregeln des guten Stils (siehe seine Pindarübertragungen). Mackail sagt wie der Grieche (und die Griechin !): bitter-sweet love, Ebener: Herr Eros, so bitter wie süß.

Nachtrag 2011:

In der Übertragung von G. Economou:

Shower us, Attic jug, let Bacchus wet us down.
Yes, shower us and refresh our drinking party.
Quiet, Zeno, learned swan, and Kleanthes´ Muse,
the only singing here´s of sweet-then-bitter love.

Sweet in summer
to a thirsty man
is a drink of snow.
Sweet to sailors
after wintry weather
to feel spring´s Zephyr.
But sweeter´s still
the praise of Kypris
by two lovers
under a shared cloak.

Nothing is sweeter than love, all of life´s blessings
come in second. I have even spat out honey.
I, Nossis, say this, but one Kypris has not kissed
will not ever know what roses her flowers are.

(Aus dem Kommentar von Dirk Uwe Hansen)

104. Meine Anthologie: Körper und Seele Sapphos

Aus der “Griechischen Anthologie”, Buch V: Liebesepigramme

246 

Zart sind die Küsse der Sappho, zart der weißen 
Glieder Windungen, zart der ganze Körper.
Die Seele aber: aus Stahl, unerbittlich, nur bis 
zum Mund reicht die Liebe, der Rest: jungfräuliche Zone.
Wer kann denn das aushalten? Möglich vielleicht, dass, wer dieses erträgt,
auch den Durst des Tantalos ertragen könnte.

Paulos Silentiarios

Deutsch von Dirk Uwe Hansen

Eine mehrbändige Ausgabe der Anthologia Graeca wird im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG vorbereitet. Die Übersetzungen stammen von Dirk Uwe Hansen (Greifswald), Jens Gerlach (Hamburg), Peter von Moellendorff (Gießen), Kyriakos Savvidis (Bochum) und Christoph Kugelmeier (Saarbrücken).

Eine metrische Übersetzung von Dietrich Ebener in Dietrich Ebener (Hg.): Die Griechische Anthologie. 1. Band. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag 1981, S. 140

Paulus Silentiarius (Paulos; † vor 581) war ein byzantinischer Dichter des 6. Jahrhunderts, von dem neben anderen Dichtungen etwa 80 Epigramme in der Anthologia überliefert sind.

Hier bei Wikipedia

Soft are Sappho’s kisses, soft the clasp of her snowy limbs, every part of her is soft. But her heart is of unyielding adamant. Her love reaches but to her lips, the rest is forbidden fruit. Who can support this ? Perhaps, perhaps he who has borne it will find it easy to support the thirst of Tantalus.

Aus:

The Greek Anthology with an English Translation by W. R. Paton in five volumes. Volume 1, 1916. Scanned by the Tim Spalding.

This edition of the Greek Anthology comes from Loeb Classical Library, translated by W. R. Patton with facing Greek text. Patton’s translation is broken into five volumes; at present, only volume 1 (books 1-6) is online. (Hier online)

Eine Barockversion von Daniel Czepko von Reigersfeld:

Alles, was ich seh an dir,
Deiner stellung wonn und zier,
Deiner wangen freundlich lachen,
Wan sie rosengrüblein machen,
Deiner augen scherz und spiel,
wan sie sind der meinen ziel,
deiner lippen lieblich küssen,
Wan sie sich zusammenschlüßen,
Deiner hände beutelei,
Deiner füße schockelei,
Aller deiner glieder sitten,
Wan sie mich sehn dich so bitten,
Nymphe, sprechen sämtlich ja;
Nein spricht bloß der mund allda,
Wan es soll zum halten kommen:
Daß er müßte ganz verstummen.

10. Meine Anthologie: Knabenmuse

Straton 12, 8

Εἶδον ἐγώ τινα παῖδα ἐπανθοπλοκοῦντα κόρυμβον
 ἄρτι παρερχόμενος τὰ στεφανηπλόκια·
οὐδ’ ἄτρωτα παρῆλθον· ἐπιστὰς δ’ ἥσυχος αὐτῷ
 φημί· “Πόσου πωλεῖς τὸν σὸν ἐμοὶ στέφανον;”
μᾶλλον τῶν καλύκων δ’ ἐρυθαίνετο καὶ κατακύψας
 φησί· “Μακρὰν χώρει, μή σε πατὴρ ἐσίδῃ.”
ὠνοῦμαι προφάσει στεφάνους καὶ οἴκαδ’ ἀπελθὼν 
 ἐστεφάνωσα θεοὺς κεῖνον ἐπευξάμενος. 

Einen Knaben sah ich, der legte Blumen und Ranken zusammen,
ich kam gerade an der Kranzflechterei vorbei.
Das traf mich, ich ging nicht einfach vorüber, blieb stehen und sagte mit leiser Stimme zu ihm:
“Für wieviel verkaufst du mir deinen Kranz?”

Er wurde rot, röter als die kleinen Rosen sind, senkte den Blick und
sagte: “Geh weiter, dass nicht der Vater dich sieht!”
Pro forma kaufte ich ein paar Kränze, zuhause
bekränzte ich damit die Götter und betete dabei um ihn.

Deutsch von Dirk Uwe Hansen

Eine mehrbändige Ausgabe der Anthologia Graeca wird im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG vorbereitet. Die Übersetzungen stammen von Dirk Uwe Hansen (Greifswald), Jens Gerlach (Hamburg), Peter von Moellendorff (Gießen), Kyriakos Savvidis (Bochum) und Christoph Kugelmeier (Saarbrücken).

Eine metrische Übersetzung von Dietrich Ebener in Dietrich Ebener (Hg.): Die Griechische Anthologie. 3. Band. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag 1981, S. 118

Eine Übersetzung von Joachim Campe hier (Blumenladen)

Das Gedicht stammt aus Band 12 der Anthologia Graeca, die unter dem Tiel “Die Knabenmuse” 258 Epigramme verschiedener Autoren umfaßt. Nummer 8 ist von Straton aus Sardes.

Wikipedia über den Autor:

Straton war ein aus Sardes stammender griechischer Dichter des 2. Jahrhunderts n. Chr.

Straton kann wegen der Nennung des Arztes Artemidorus Capito unter Kaiser Hadrian datiert werden. Er wird am Beginn des 3. Jahrhunderts von Diogenes Laertios erwähnt. Ansonsten ist kaum etwas zu seinem Leben bekannt.

Von Straton sind 100 Epigramme überliefert, von denen 94 in seiner Anthologie Μουσα Παιδικη (Musa Puerilis) enthalten sind. In ihrer überlieferten, unvollständigen Form umfasst die Μουσα Παιδικη insgesamt 258 Epigramme verschiedener Autoren. Die Anthologie ist im 12. Buch der Griechischen Anthologie erhalten, einige wenige Epigramme im 11. Buch. Das fast einzige Thema dieser Epigramme ist die Päderastie. Die Gedichte zeichnen sich durch ihre formale Gewandtheit aus.

Wegen des tabuisierten Themas sind seine Gedichte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts oftmals nicht übersetzt worden. Die erste komplette englische Übersetzung erschien sogar erst im Jahr 2001 (von Daryl Hine), während es deutsche schon um 1900 gab (von Elisar von Kupffer).

Eine englische Version von George Economou:

Earlier in the day, he happened to pass
the store where they make garlands and saw a boy
weaving flowers with berries, and found himself moved.
He approached and asked about their quality,
and then, somewhat more quietly, for how much
would the boy sell him his garland. The boy blushed
redder than his roses, and bending his head,
told him to leave fast, lest his father see him.
As a pretence he bought a wreath and went home,
crowned his gods, and begged them to answer his prayer.

George Economou, Acts of Love: Ancient Greek Poetry from Aphrodite’s Garden, 2006

Von dem griechischen Dichter Konstantin Kavafis (1863-1933) gibt es eine moderne Bearbeitung:

Ρωτούσε για την ποιότητα

Aπ’ το γραφείον όπου είχε προσληφθεί
σε θέσι ασήμαντη και φθηνοπληρωμένη
(ώς οκτώ λίρες το μηνιάτικό του: με τα τυχερά)
βγήκε σαν τέλεψεν η έρημη δουλειά
που όλο το απόγευμα ήταν σκυμένος:
βγήκεν η ώρα επτά, και περπατούσε αργά
και χάζευε στον δρόμο.― Έμορφος·
κ’ ενδιαφέρων: έτσι που έδειχνε φθασμένος
στην πλήρη του αισθησιακήν απόδοσι.
Τα είκοσι εννιά, τον περασμένο μήνα τα είχε κλείσει.

Εχάζευε στον δρόμο, και στες πτωχικές
παρόδους που οδηγούσαν προς την κατοικία του.

Περνώντας εμπρός σ’ ένα μαγαζί μικρό
όπου πουλιούνταν κάτι πράγματα
ψεύτικα και φθηνά για εργατικούς,
είδ’ εκεί μέσα ένα πρόσωπο, είδε μια μορφή
όπου τον έσπρωξαν και εισήλθε, και ζητούσε
τάχα να δει χρωματιστά μαντήλια.

Pωτούσε για την ποιότητα των μαντηλιών
και τι κοστίζουν με φωνή πνιγμένη,
σχεδόν σβυσμένη απ’ την επιθυμία.
Κι ανάλογα ήλθαν η απαντήσεις,
αφηρημένες, με φωνή χαμηλωμένη,
με υπολανθάνουσα συναίνεσι.

Όλο και κάτι έλεγαν για την πραγμάτεια ― αλλά
μόνος σκοπός: τα χέρια των ν’ αγγίζουν
επάνω απ’ τα μαντήλια· να πλησιάζουν
τα πρόσωπα, τα χείλη σαν τυχαίως·
μια στιγμιαία στα μέλη επαφή.

Γρήγορα και κρυφά, για να μη νοιώσει
ο καταστηματάρχης που στο βάθος κάθονταν.

Deutsch: Er fragte, wie gut sie sind – In: Konstantinos Kavafis: Um zu bleiben. Liebesgedichte. Übersetzung Michael Schroeder. Mit 13 Radierungen von David Hockney. Bibliothek Suhrkamp 1020, 1989, S. 95f. – Er fragte nach der Qualität. (1930). In: Konstantinos Kavafis: Das Gesamtwerk. Übersetzung Robert Elsie. Zürich: Ammann 1997, S. 261 (Die Ausgabe auch als Fischer Taschenbuch 1999)

Englisch von Edmund Keeley/Philip Sherrard hier http://www.cavafy.com/poems/content.asp?id=125&cat=1

107. Meine Anthologie: Entzücken beim Anblick eines nackten Mädchens*

Im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG erscheint in Kürze eine Neuübersetzung der “Anthologia Graeca”. Die dreibändige Ausgabe von Friedrich Ebener aus dem Ostberliner Aufbau Verlag von 1981 (Die Griechische Anthologie in drei Bänden, Bibliothek der Antike) ist seit langem vergriffen. Ebener übersetzte die gesamte Sammlung in Versen. Die Herausgeber der neuen Ausgabe haben sich zur Prosaübersetzung entschlossen, weil die metrische Übersetzung mit zu hohen Kosten an Genauigkeit verbunden ist.

Der Übersetzer Dirk Uwe Hansen (Greifswald) hat mir mit Erlaubnis des Verlages eine Probe aus dem Buch zur Verfügung gestellt, die ich in den nächsten Tagen – von Fall zu Fall mit zusätzlichem Material – hier vorstellen werde. Ich beginne zum Osterfest mit einem Epigramm von Philodemos, Nr. 132 aus den Liebesepigrammen.

Philodemos von Gadara (griechisch Φιλόδημος; um 110 – um 40 v. Chr.) war ein epikureischer Philosoph und Dichter, der um 80 v. Chr. nach Rom kam und dort Vergil kennenlernte. In der Anthologie sind rund 30 Epigramme von ihm enthalten, hauptsächlich erotischer Natur.

V, 132 Philodemos

Dieser Fuß! Dieses Schienbein! Diese (hier muss ich zugrunde gehen)
Schenkel! Diese Hüften! Diese Flanken! Die Grübchen am Bauch!
Schultern! Diese Brüste! Dieser zarte Hals!
Diese Arme! Diese (ich verliere den Verstand) Augen!
Diese zierliche Bewegung! Und über alles erhabene
Küsse! Diese (schlag mich tot) Stimme!
Ist sie auch eine Barbarin und Fremde und singt nicht Sapphos Lieder,
na und? Auch Perseus hat sich in Andromeda aus Indien verliebt.

– Das erste Distichon lautet bei Ebener:

Herrlich der Fuß und die Wade, der Schenkel – ich könnte vergehen! –
ooHintern und Hüften und Scham, üppig vom Flaume bedeckt

  • Philodemos bei Wikipedia
  • Hier eine englische Übersetzung von George Economou (Nr. XV).
  • Hier ein Epigramm auf Deutsch
  • Liebesepigramme aus der Ausgabe von Hermann Beckby, Ernst Heimeran Verlag München 1957 (Nr. 132)
  • PDF der “Epigrammatum anthologia palatina cum Planudeis et appendice nova epigrammatum veterum ex libris et marmoribus ductorum” Griechisch und Latein
  • Die Handschrift der Anthologia Palatina findet man hier (nach dem Hinweis im Kommentar nachgetragen)

*) Vgl. hier