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“Nehmt und lest!”

Michael Braun urteilt anders. Bei literaturkritik.de bespricht er das Lyrikjahrbuch 2015. Sein Fazit:

Eine wunderbare Anthologie. Nehmt sie und lest!

Weit über 150 Gedichte wurden für aufnahmewürdig in diese Anthologie befunden, die, unter den Dauerfittichen von Christoph Buchwald, so etwas wie ein Kompass der deutschen Gegenwartslyrik ist.

Die Auswahl ist repräsentativ, die Gliederung in sieben lockere Themenabteilungen anregend. Damit haben die Herausgeber die feierliche Last des Jubiläums spielerisch abgeschüttelt. Der Klassiker (Durs Grünbein) steht neben Arrivierten (Kerstin Hensel etwa mit einem wundervollen Nachrufgedicht auf Rolf Haufs) und Newcomern (Max Czollek), Herta Müller ist vertreten (obwohl das visuelle Moment ihrer Gedichtmontagen fehlt), Norbert Hummelt, Michael Lentz, Lutz Seiler, Jan Wagner und viele mehr. Einige Dichter sind mit mehreren Gedichten dabei, andere nur mit einem Text vertreten. Kurzpoesie und Blocksatzlyrik, Aphoristisches und Reflexives, Natur und Politik – formal und inhaltlich ein breites Spektrum. Von den Rändern dieses Spektrums aus kann man vielleicht ermessen, was die deutsche Lyrik im Jahr 2014/15 ausmacht. (…)

/ literaturkritik.de

Christoph Buchwald / Nora Gomringer (Hg.): Jahrbuch der Lyrik 2015.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015.
221 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783421046123

Ukraine und Brasilien

Der brasilianische Dichter Ricardo Domeneck ist einer von über 30 Teilnehmern am Internationalen Poesiefestival Meridian in Czernowitz. Bei Ukraine Today schreibt er darüber, was sich für ihn mit dem Namen Ukraine verbindet:

Einem literaturbeflissenen Brasilianer fällt bei “Ukraine” sofort Clarice Lispector ein, die große brasilianische Modernistin, die 1920 in der kleinen Stadt Tschetschelnyk geboren wurde und wenig später mit ihrer Familie nach Brasilien auswanderte, wo sie eine unserer beliebtesten Autoren wurde. (…)

Einige Jahre später erfuhr ich, daß eine bedeutende ukrainische Dichterin, Wira Wowk, in Rio de Janeiro lebt. Ich lebe seit 2002 in Berlin, jüngere Dichter wie Juri Andruchowitsch und Serhij Zhadan wurden mein erster Kontakt mit ukrainischer Literatur. 2013 reiste Max Czollek, der wie ich beim Verlagshaus Berlin erscheint, mit dem Dichter und Novellisten Andrij Ljubka durch die Ukraine und las bei Meridian Czernowitz. Ein paar Monate später traf ich Ljubka in Berlin, wir lasen zusammen in Brasilien und besuchten Wira Wowk in Rio de Janeiro. Unser Gespräch pendelte zwischen Portugiesisch (sie und ich), Englisch (wir drei) und Ukrainisch (sie und Ljubka). Sie gab mir ein paar ihrer Bücher, die sie selbst ins Portugiesische übersetzte, und zeigte Fotos von brasilianischen Dichtern wie Carlos Drummond de Andrade und Manuel Bandeira, die sie genau wie Fernando Pessoa, José Régio und andere ins Ukrainische übersetzt hat. (…)

Debatte

Give any one thought a push; it falls down easily; but the pusher and the pushed pro-duce that entertainment called a dis-cussion. Shall we have one later?

John Cage

Damals, als es Facebook noch nicht gab, da gab es häufig Debatten in der Lyrikzeitung – manchmal lange, hitzige, mal ernsthafte, mal alberne… jedenfalls immer interessante. Heute landen alle L&Poe-Nachrichten bei Facebook und werden von ein paar hundert Freunden und ein paar tausend Freundesfreunden registriert, angeklickt, “geliket” und oft an Ort und Stelle diskutiert – von denen, die zufällig am Netz sind, denn es gehört zu den Besonderheiten der Facebookkommunikation, daß sie keine Vergangenheit kennt, kein Archiv, nur eine im Deutschen irreführend Chronik genannte “Timeline”, von der man immer nur das Allerneuste zu sehn kriegt. Facebookdebatten sind persönlicher, spontaner, oft auch allzu zugespitzt bis raufboldisch; aber sicher hängt es vom eigenen Freundeskreis ab. Gestern und heute entspann sich eine spannende Debatte über Verstehen, Unverständlichkeit, Wirkung oder Wirkungslosigkeit, ausgehend von einem Artikel der Lyrikzeitung. Ich dokumentiere sie heute, aber ohne Namen. Vielleicht kann man ein Argument ja besser prüfen, wenn man nicht von vornherein weiß, von wem es kommt.

Da:
Gestern um 14:12 ·
Oho, in den Kommentarspalten der Lyrikzeitung wird es interessant: Bertram Reinecke dreht Max Czolleks (und von vielen geteilte) Vorbehalte gegen Elitäres/ Hermetisches/ Unzugängliches/ Sperriges/ schwer Verständliches/ vermeintlich Unpolitisches .. in der Gegenwartslyrik um und argumentiert: “Ich halte eher Deine Position für, na nicht für elitär an sich, aber für mit den eben zufällig mächtigen Eliten verbunden. Ein Argument der durchgesetzen Mehrheitsdiskurse gegen undurchgesetzte Minderheiten.”

Die Nachteile des Erfolgs
(…) „Da hat es innerhalb der Lyrikszene schon ein bisschen Diskussion drüber gegeben“, fasst Seel die Reaktionen auf Wagners Nominierung betont nüchtern zusammen. Kern der Diskussion: Wenn Lyrik …
LYRIKZEITUNG.COM

 

Di: “Zugänglichkeit zu schaffen ist meiner Meinung nach ein Teil meines Handwerks als Autor.” Über diesen Satz von Czollek kann man aber auch nachdenken … man kann mit dieser Haltung wohin kommen, wo ich nicht hin möchte, aber ich finde den Aspekt dennoch interessant.
Gestern um 14:35

Ja: ich glaube, dass jeder text (jeder) bereits zugänglich ist. man braucht den passenden schlüssel, und den muss sich der leser schaffen, oder darf, wenn er will. es ist eine frage des aufwandes.
Gestern um 14:55

Ja: und natürlich ist der leser nicht zu verdammen, wenn er den aufwand scheut. zuweilen aber verpasst er was.
Gestern um 14:56

Di: Mich interessiert das stärker auf der Ebene des Autors. Wende ich mich an andere, will ich sie erreichen oder entziehe ich mich. Ich will nicht, dass man in dem Sinn auf andere zugeht, dass man sich anbiedert oder einschränkt. Aber es gibt auch Raffinessen, mit denen Autoren sich vorführen und sich dabei entziehen …
Gestern um 15:01

Ja: aber wenn ich die modi des entziehens durchschaue, verstehe ich als leser den autor. und das kann hoch spannend sein. egal was wir schrteiben, wir legen fährten, und verwischen wir sie, hinterlassen wir spuren,
Gestern um 15:04

Sa: Es ist im Grunde ganz einfach: wer gegen das Elitäre argumentiert, argumentiert für das maximal Warenförmige.

Okee, in Wahrheit ist es natürlich nicht ganz so einfach und schwarzweiß, aber der Appell an die Massentauglichkeit von Kunst ist bürgerlicher Kapitalismus in Reinform. Die eigentliche bürgerliche Kultur ist doch längst nicht mehr die elitäre «hohe» von früher, sondern Popkultur, die ohne größere geistige Gymnastik konsumiert (sic!) werden kann. Und die hat eindeutigen Hegemonialstatus.
Gestern um 15:06

Di: Wer spricht von Massentauglichkeit? Wenn ich mir einen Band kaufe mit Vorträgen von Kollegen zu einer deutschen Mystikerin, möchte ich was über sie erfahren und nicht in erster Linie vorgeführt bekommen, wie raffiniert die schreiben können. Ich will denen nämlich kein Stipendium verpassen für ihre Virtuosität, ich möchte einfach Leser sein und etwas erfahren.
Gestern um 15:09

Sa: Ich sprach von Kunst, nicht von Sachtexten. Völlig andere Baustelle.
Gestern um 15:13

Ja: nicht unbedingt. beides verlangt klarheit, und wenn ich merke, ein text will nichts anderes, als mich hinters licht führen, werde ich auch bei einem gedicht zornig.
Gestern um 15:14

Da: ein punkt, wo max’ vergleich mit der melodie auch hinkt, ist, dass jede lyrik ja schon von sich aus melodie hat, sprachmelodie, und dass gerade diejenigen, denen ein mangel an “inhaltlichkeit” vorgehalten wird, also “die experimentellen” oder wie auch immer man es nennen will, oft gerade die sind, die besonderen wert auf eine komplexe musikalische komposition legen. und eben dadurch auch mit formen von verständnis und vermittlung arbeiten, denn das sind musikalische aspekte ja, nur eben nicht ohne weiteres in gehalte “übersetzbar”. (wie es überhaupt eines der schlimmsten gängigen klischees des grassierenden informationspositivismus ist, inhalte ließen sich von ihrer konkreten gebundenheit in form abstrahieren.)
Gestern um 15:16

Man: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Will heißen: wenn es irgendwo piepst, hat das noch keine Bedeutung.
Gestern um 15:21

Ja: hinter all dem dräut soetwas wie eine normästhetik. ich denke schon, dass ich einigermassen politisches zeug mache, aber daraus kann ich keine pflicht ableiten, und es wär schon blöde, wenn ich auf “unpolitidches” verzichten müsste
Gestern um 15:22

Sa: Seit wann verlangt Kunst Klarheit? Wie definierst du die, Ja–? Virtuositätskitsch, Verschwurbelung & Co. halte ich hier für Strohmänner bzw. Kategorienfehler, das betrifft dann nämlich die Qualitätsebene.
Gestern um 15:27

Ja: ich definier sie eher negativ, also ihrem autonomieanspruch entsprechend. sie verletzt ihn da, wo sie künstliche schikanen einbaut, die sie von außen bezieht (in etwa). also wenn sie mittel benutzt, die keinen anderen (ästhetischen) sinn haben, als nebel.
Gestern um 15:31

Sa: In Bezug auf Sachtexte bin ich damit völlig d’accord (das gespreizte Ehrfurchtsgeheische akademischer Sprache, v. a. in den Geisteswissenschaften vor Augen, beispielsweise).
Gestern um 15:34

Man: man kann schon dichten, wie man will, wenn man Sprache zu verwenden weiß. Nur keine Realpoesie, nichts ästhetisches.
Gestern um 15:34

Ka: [“sprache VERWENDEN”, öhm. naja.]
Gestern um 15:39

Man: geeenau, wenden und nicht gebrauchen wie …
Gestern um 15:40

Sa: In der Kunst wird’s aber deutlich schwieriger, da ne Linie zu ziehen. Form IST auch Inhalt. Mal besser gelungen, mal schlechter. Aber wie gesagt: da argumentierst du dann m. E. mit der falschen Kategorie.
Gestern um 15:43

Ka: [verwenden, gehoben veraltet: abwenden (von jemandem).]
Gestern um 15:45

Ja: https://www.youtube.com/watch?v=kKxZ1G8NzWE

Luigi Nono, Das Atmende Klarsein {Part 1/5}
1981 “Wanderer, deine Spuren sind der Weg und sonst…
YOUTUBE.COM
Gestern um 15:46

Sa: Angewandte und abgewandte Künste
Gestern um 15:46

Sa: Und verwandte.
Gestern um 15:47

Ja: um ein wenig verwirrung zu stiften: Derrida: Wie aber soll man etwas datieren, das sich nicht wiederholt, wenn die Datierung sich auf irgendeine Form der Widerkehr beruft, wenn sie durch die Möglichkeit, eine Wiederholung herauszulesen, Erinnerung auslöst? Wie aber soll man etwas anderes als das, was sich nie widerholt, datieren?
(in: Jacques Derrida: Schibboleth)
Gestern um 15:50

Da: es ist ja nicht nur ein problem der datierung. mit sprache haben wir das allgemeinste, vergesellschaftetste system überhaupt (außer vllt gencodierung, obwohl die vllt einfach auch eine art vergesellschaftetes sprachsystem ist), das auf permamenter rückkopplung und feedbackschleifen beruht, und trotzdem ist verständigung nahezu unmöglich. jedenfalls erscheint es mir so. und je älter ich werde, desto mehr. fast alles erscheint immer fremder, immer weniger verständlich. und das ist vllt der punkt, auf den auch bertram hinweisen will: verständigung ist selbst eine art klischee. und es kann gar nicht darum gehen, einen kleinsten gemeinsamen nenner finden zu wollen, sondern im gegenteil darum: die fremdheit aushalten zu lernen, der befremdung und dem eigenen unverständnis zu begegnen, ohne sich davon angegriffen zu fühlen.
Gestern um 16:21

Ja: die erfahrung mache ich so nicht. abgesehen davon, dass das mir unverständliche zunimmt, weil der gegenstandsraum wächst, akkumuliert sich auch das verständliche, weil sich die zugangsweisen erweitern
Gestern um 16:34

Chri: es geht also nicht darum, literatur/sprache zu verstehen, sondern verständnis für beide zu entwickeln?
Gestern um 16:40

Ja: das eine führt zum anderen. da bin ich aufklärer
Gestern um 16:53

Da: ich würde eher sagen, es geht darum, einen guten umgang mit dem eigenen unverständnis zu finden. momente von verstehen sind rar, und dazwischen ist es schon viel, sachen so anwenden zu können, dass sich gut durch den alltag kommen, also leben lässt.
Gestern um 17:03

Ja: ich glaub wir haben verschiedene vorstellungen von verstehen
Gestern um 17:12

Ja: wäre aber mal spannend das auszuleuchten
Gestern um 17:13

Da: haben wir sicher. davon rede ich ja.
Gestern um 17:29

Sve: Aber ich weiß nicht. Diese Diskussionen sind sicher wichtig – besonders für die Lyriker, die sich dadurch ihren Standpunkt bestimmen. Und deswegen halte ich die Diskussionen auch für legitim. Und ich bin auch bei Be–, wenn es darum geht, das vermeintlich “Sperrige” zu verteidigen. Sobald diese Verteidigungen aber in eine Art Versuch umschlagen, Lyrik mit anderem Vorzeichen zu normieren, kann ich nicht mehr folgen. Jeder Versuch einer Normierung von Kunst (oder eben Literatur) ist bisher – zum Glück – gescheitert. Kurz: Einer Debatte, die bestimmte Formen lyrischen Schreibens ausschließt, kann ich nichts abgewinnen.
Gestern um 17:37

Brue: Ich glaube, daß der Max in seinen Konsequenzen vielleicht recht hat, aber die Vorgabe kommt mir vollständig falsch vor. Ich kann mich noch so gut erinnern, wie ich mit 15 Ginsberg nicht verstanden habe. und mit 17 Konrad Bayer und Oskar Pastior, und mit 18 Friederike Mayröcker und Reinhard Priessnitz – und was das für ein Gefühl von Glück und Freiheit war, und was für eine Euphorie. Das ist eben nicht elitär – das hat ein dummer, kleiner Bub so empfunden. Auf dieselbe Art habe ich zur gleichen Zeit Cecil Taylor nicht verstanden, und Derek Bailey und Evan Parker nicht verstanden – und hab halt doch gewußt, daß ich nie mehr etwas anderes hören will. Mir kommt das normal vor.
22 Std.

Ja: so ungefähr meinte ich das. man muss (sollte) auf das zugehen, was man nicht versteht. und wenn man merkt, dass etwas unverständlich sein will.mir also willentlich keine chance gibt, sein leser zu werden, dann gehe ich eben weiter. aber autobanalisierung in vorauseilenedem gehorsam, halte ich für falsch. nicht nur falsch, sondern paternalistisch und verlogen. ich will nicht, dass man sich zu mir herablässt, weil man denkt, ich sei zu klein, um zu verstehen. da wersch fuchsch. wie man hier so sagt.
22 Std.

Sa: Ich frage mich bloß, ob es da nicht eine Art Dunning-Kruger-Effekt der Rezeption gibt: ob nicht genau die Rezeptionsfähigkeit, die nötig wäre, um beurteilen zu können, ob mir etwas unnötige Rezeptionshürden in den Weg legt, z. B. um sich mangels Größe auf einen Ehrfurchtssockel zu schwurbeln, der entspricht, mit der ich es dann eh «verstünde». Also zumindest in manchen Fällen.

Blöd ist bloß, wenn man den Sockel erklimmt und dann findet sich dort tatsächlich so eine, sagen wir mal, unvorteilhaft verschwollene Heideggermaus und bläht zwanghaft Brust und Backen. >;->
21 Std.

Sa: 100% Zustimmung zum zweiten Teil. Diese Zyniker, die ihre Rezipienten von oben herab zu Idioten erklären, bekommen genau solche Idioten, und vor allem die, dann allerdings auch verdient.
21 Std.

Ma: Ähäm. Sehr viele Kommentare hier. Stimmt, dass bewusste Zugänglichkeit Paternalismus bedeuten kann. Muss es aber nicht. Sie kann auch auf Kommunikationsformen einer bestimmten Gruppe zielen. Und die kann mainstream sein, muss es aber nicht! (das wäre dann ein bewusstes Spiel mit der Variable Zugänglichkeit, wie ich das meine und verteidigen würde)
20 Std.

Da: ich will es noch mal grundsätzlicher fassen, oder zumindest einen teilaspekt: was immer ich zu verstehen mir einbilde, formt sich allein in mir und in immer feiner ausgesponnenen details heraus. und je länger, je intensiver ich damit befasst bin, desto mehr unterscheidet sich mein verständnis von dem aller anderen, und desto schwerer fällt es, die abstände (abgründe?) zu den anderen einzuschätzen, weil ich immer weniger weiß, was von den unendlichen möglichkeiten, etwas zu wissen oder zu verstehen, ich bei einem gegenüber voraussetzen kann. (ignoranz gegenüber diesen fundamentalen unterschieden als privileg von jugend?) und hier liegt auch ein grundlegendes verfehlen dieses gängigen “jemanden da abzuholen, wo er/sie steht”. denn wo wäre denn dieser ort, und wie kann ich ihn je kennen? natürlich stelle ich, wann immer ich spreche, vermutungen darüber an und richte mich entsprechend aus (und ich sage das ja als jemand, die nahezu täglich damit befasst und bemüht ist, “sperriges” zu “vermitteln”). aber die notwendig eigenen anteile des verstehens bleiben eben eigen, sie sind von niemandem einzuholen. und ich kann es mir auch nur sehr bedingt aussuchen, was ich verstehen will, was mich interessiert. da muss schon sehr viel zusammenkommen. ein wirkliches problem wird für mich daraus aber erst dann, wenn jemand unverständnis oder nichtverstehen als bedrohung empfindet.
20 Std.

Ma: ok, das ist sehr universalistisch gedacht. werden damit nicht eben jene unterschiede einer kommunikation unsichtbar, die eine disitinktion zwischen gruppen erzeugt (ein offensichtliches beispiel wäre z.B. ein soziolekt und die markierung, die das bedeutet; oder ein habitus, der sich auch über sprache ausdrückt und jemanden z.B. als akademiker markiert); es liegt doch zumindest ein sowohl als auch zwischen allgemeinem verfehlen der kommunikationsabsicht und gruppenbezogenen kommunikationsformen und deren einordnung. letzteres einfach abzustreiten bedeutet doch, es sich im eigenen und fremden potentiellen unverständnis leicht zu machen. oder?
20 Std.

Sa: Müsste ein «bewusstes Spiel mit der Variable Zugänglichkeit» aber nicht auch beinhalten, sie zu unterlaufen oder zumindest zu ignorieren? Mein Eindruck war, dass du die affirmative Variante deutlich bevorzugst. In dem Fall wäre es aber kein Spiel mehr und «Zugänglichkeit» keine Variable, oder?
20 Std.

Ka: ….wie definierst du “ein allgemeines verfehlen der kommunikationsabsicht”? ich kann auch nur von mir ausgehen, aber wenn ich schreibe, bin ich jedes einzelne mal der meinung, mehr als deutlich zu werden. was sich dann – natürlich – mindestens jedes zweite mal als verfehlt erweist, wenn ich über feedback feststelle, dass weitaus weniger durchkommt, als ich dachte. verfehlte kommunikation, klar, aber verfehlte kommunikationsabsicht? wie willst du die bitte einem text und/oder einem autor oder einer autorin nachweisen?
19 Std.

Ma: ah, ok. also dann verfehlte kommunikation
19 Std. ·

Sa: Zum anderen: klar, wenn ich eine «Kommunikationsabsicht» habe, die im wesentlichen auf Überredung und Überzeugung einer bestimmten Gruppe hinausläuft, dann ist es ratsam die feinen Unterschiede anzuerkennen und zu benutzen. Aber was ist denn bitte die Kommunikationsabsicht von zettbe Poesie und Konsorten? «Kauf mich!»?
19 Std.

Da: ich will überhaupt nicht abstreiten, dass es soziolekte und andere, auch hierarchisierende markierungen gibt. ich will nur darauf hinweisen, dass ihr anteil am individuellen verstehen begrenzt ist und dass weder gruppen noch sprachformen fixiert sind, sondern in ständiger bewegung und inkohärent. (hier sollte irgendwo noch macht, also diskursmacht vermutlich, ins spiel kommen, worauf ja auch bertram verweist. bin vllt schon zu müde, das heute noch auszuformulieren.)
19 Std.

Mi: schade daß ihr die diskussion hier in den kleinen kreis steckt
19 Std.

Ma: aber da würde ich dir doch völlig zustimmen. die frage ist ja nur, ob mein abheben auf kommunikation notwendig elitendiskurse bedient. betram behauptet ja in seinem zweiten beitrag, dass zugänglichkeit die eigentliche elitenorientierung ist. das ist wiederum ebenfalls sehr undifferenziert gedacht. ich kann mit gruppen kommunizieren und zugänge schaffen, die nicht zur elite gehören. siehe als nur ein beispiel das postmigrantische theater am gorki. und da geht es nicht so sehr um hierarchisierung sondern um empowerment. aber das muss natürlich auch ankommen.. und tut es ja auch oft genug.
19 Std.

Da: kleiner kreis? nur unter den diskutierenden hier kommen wir sicher schon auf eine reichweite von 5000
19 Std.

Mi: klagen nicht immer alle daß sie nix sehen… geschweige übermorgen wiederfinden?
19 Std.

Sa: Ob gut identifizierbare Biotope tatsächlich Empowerment bedeuten? Ich halte das eher für gutgemeintes Wunschdenken. De fakto ist Kunst ziemlich ungeeignet wenn es darum geht, Machtverhältnisse zu ändern (außer kunstinternen). Notabene: nichts gegen alles, was eine höhere Durchlässigkeit schafft.
19 Std.

Da: oh, das gorki ist ein sehr gutes beispiel, an dem man eben sieht, dass es für verstehensprozesse weniger auf texte “an sich” als auf ihre kontextualisierung ankommt. (z.b. dagmara kraus im kontext des gorki lesen/hören versus dagmara kraus im kontext der tippgemeinschaft lesen/hören versus dagmara kraus im kontext der reihe sprachkunst heute in kassel lesen/hören ..)
19 Std.

Da: na gut, das übermorgen wiederfinden könnte hier schwieriger werden. besser ein paar screenshots machen, wenn man es weniger flüchtig mag.
19 Std.

Sa: Zum Gorkibeispiel: wenn das postmigrantische Theater dort als ebensolches bezeichnet wird, trenne ich damit auch gleichzeitig dieses Theater vom «normalen» Theater und stecke es in ein hybsch umzäuntes Reservat. Also von wegen «keine Hierarchie». (Zugegeben: das Problem ist kaum aufzulösen, weil solche Projekte durch den Exotenstatus mehr Aufmerksamkeit erhalten, was ihnen hoffentlich dann auch wieder zugute kommt.) Auch positive Diskriminierung ist Diskriminierung.
19 Std.

Ti: hm…
18 Std.

Sa: Im übrigen: finde ich die Auffassung von Kommunikation, die hier m. E. stellenweise durchscheint, etwas eng. Das Problem, dass «etwas nicht ankommt», stellt sich doch vor allem innerhalb einer Befehlskette, bei der das Gegenüber möglichst präzise informiert (sic!) bzw. instruiert werden soll, mit – ganz klassisch nach Shannon – Sprache/Text als Code etc. Das ist zwar ein valides aber IMHO gleichzeitig auch ein unkünstlerisches Kommunikationsmodell. Zumal es extrem einseitig ist – schon alleine aufgrund der asymmetrischen Kommunikationssitation (mit der ich kein Problem habe). Aber im Gegensatz zu kulturellen Formen, bei denen der Gebrauchswert dominiert (und für den ist Verständlichkeit bzw. effiziente Erschließbarkeit oft ein wesentlicher Faktor, außer bei z. B. Expertenwerkzeugen), kann Kunst sich Offenheit, Mehrdeutigkeit etc. problemlos leisten. Da ist eher ein Kommunikations- oder Wahrnehmungsangebot, das einen Möglichkeitsraum aufreißt.
18 Std.

Mi: ich stimme ti– zu
6 Std.

Sve: “Kunst” ist “ziemlich ungeeignet wenn es darum geht, Machtverhältnisse zu ändern”? Das würde ich so nicht unterschreiben. Ja: wenn man jetzt ein wütendes Gedicht gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen schreibt, wird man sich wohl schlimmstenfalls blamieren. Wenn man aber bei diesem komplexen Feld der Wirksamkeit von Kunstwerken davon ausgeht, dass Kunst auf Einstellungen, Weltbilder usw. dennoch irgendwie wirken kann (und zwar häufig auf indirekte Weise/ durch Darstellen von Möglichkeiten/ als Gegendiskurs usw. usf.), dann ist Kunst keineswegs “ungeeignet, Machtverhältnisse zu ändern”. Man höre öfters mal auf die Zensoren in totalitären Regimen. Die nämlich glauben noch an die Wirksamkeit von Kunst.
6 Std.

Sa: Tun sie das wirklich? Ich denke, die verwirklichen bloß den totalitären Anspruch, dem sich eben auch die Kunst unterzuordnen hat. Und sie nehmen damit den potenziell Widerständigen ein Kommunikations- und Erkennungsmedium. Das potenziell Gefährliche ist nicht die Kunst – das Gefährliche sind die Menschen, die sich über diese zusammenfinden könnten.
6 Std.

Be: Ich habe erlebt das Kunst die Wirklichkeit ändern kann. Man sucht immer in den falschen Bildern. Zu groß zu heroisch und möchte es dann auch bitte von einem einzelnen gedicht haben. Aber ich habe z.B. mit einem einzelnen Gedicht das Curriculum eines Seminars am deutschen Literaturinstitut umgeschmissen. Bei der Menge der Gedichte käme da einiges an Wirkung zusammen … Wer aber Dissenze erzeugt verschrekt eventuell Veranstaltern ein Publikum, auf welches sie zwingend angewiesen sind? Ich glaube, dass es solche platten Involviertheiten hinter dem Rücken neben allem anderen auch gibt.
5 Std.

Sve: Und außerdem: für die Wirksamkeit spricht die schlichte Tatsache, dass Zensoren dazu neigen, die Kunstwerke auf ihren Inhalt zu prüfen. Nichts ist dem Zensor ein größeres Übel als die Polyvalenz eines anspruchsvollen Kunstwerks bzw. die Offenheit der Sinn- bzw. Bedeutungsstruktur anspruchsvoller literarischer Texte. Deswegen verwenden Zensurapparate oft viele Ressourcen darauf, gerade jene Werke zu be-deuten, deren Kritik an bestehenden Verhältnissen nicht offensichtlich ist. Jeder literarische Text ist dem Zensor gerade wegen seiner literarischen Eigenschaften verdächtig.
5 Std.

Mi: papenfuß berichtet, daß die stasi versucht hat, ein buch von robert wienes zu “entschlüsseln”. (“alles geschriebene bisher quark”)
5 Std.

Flo:  also mir ist die leserschaft ehrlich gesagt scheißegal, ich verschwende beim schreiben keinen gedanken an sie.
5 Std.

Mi: sprichst aber öfter über sie. also hinterher
5 Std.

Be: Nochmal zu einem Aspekt, der hier schon aus den Augen geraten ist. Ja– habe ich hier so missverstanden, dass arbiträre Verständnishürden Ja– als Aufklärer nicht gefallen. Der brecht der “Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit” oder, ums am Beispiel der Lyrik zu machen der des “Bei der Lektüre eines sowjetischen Buches” schienen da anderer Meinung. Ich finde es legitim, wenn ein Dichter im Einzelnen eher verunsichern will als z.B. Thesen aufstellen. Ich fühle mich da nicht gleich verarscht sondern manchmal herausgefordert. Und noch etwas. Mir gestand ein geschätzer, relativ klasischer Kollege meine Liebe zu, wie er es nannte, “avantgardistischen” Lyrikern wie Titus Meyer zu sagte jedoch: “Es gibt nur so viele Scharlatane darunter” Ich antwortete darauf: “Aber es gibt doch auch sooo viel schlechte klasische Lyrik, man macht doch andere gedichte auch nicht für jedes misslungene Liebes- oder Pubertätsgedicht verantwortlich.” Es stehen Dinge, die nicht so verstanden werden unter der Last einer Rechtfertigungsumkehr, sie sollen nicht nur ihre Qualität gegen eine misstrauische Lektüre zeigen (was schwer genug ist.) Sie sollen auch noch irgendwie für anderes mit haften. Da sieht man doch einen ausgreifenden Widerwillen, den ich mir nur so erklähren kann, dass Spracheliten oft denken, nun müsse die ganze Welt der Sprache auch für sie da sein. Nun mal sehen, was inzwischen hier noch so alles gepostet wurde und dann rüber zur Lyrikzeitung.
5 Std.

Sa: Die zensieren aber trotzdem die sichtbare Gesinnung und nicht die potenzielle Wirkung auf andere: In einem totalitären System darf grundsätzlich nichts auf Differenz hinweisen – jeder wahrnehmbare Dissens stellt ja die Totalität an sich in Frage. Und das darf nicht sein.

5 Std.

Be: Sa– Ja, das ist das schöne, manches kann der Zensor nicht kritisiseren, weil er dazu abscheulich unheilige Gedanken äußeren müsste, die der Autor entrüstet seinem Vorgesetzen kommunizieren könnte.
5 Std.

Sve: Und mit dieser Beobachtung hast Du Dich widerlegt: wie kann etwas die Totalität in Frage stellen, wenn es wirkungslos sein soll bzw. nicht die Verhältnisse in Frage stellen soll?
5 Std.

Mi: neenee, die hatten schon angst daß es gelesen und “verstanden” wird. ich erinnere mich an einen spruch 1980: paßt auf daß eure jungen leute nicht vom polnischen bazillus angesteckt werden. oder daß in artikeln zur jungen lyrik der 60er geschrieben wird, die lesen die falschen bücher, statt weinert und weerth eliot oder enzensberger,
5 Std.

Sa: Be–: das meinte ich mit «kunstintern». Solange Diskurs, Hoheit, Pöstchen, Eitelkeiten, … an die Kunst gekoppelt sind, kann sie natürlich auch auf diese wirken. Mir geht’s um eine Wirkung außerhalb der Expertenkreise.
5 Std.

Sve: Also natürlich ist der Zensor ein schlechter Poststrukturalist. Ihm ging es nicht um die grundsätzliche Offenheit komplexer literarischer Texte, sondern um eine mögliche “verborgene “Bedeutung”. Vergleichbar vielleicht mit dem 4-fachen Schriftsinn Dantes: die Suche nach dem Hintersinn.
5 Std.

Be: Jaja, aber das Publikum kann dann durchaus mit anzeigewürdigen Meinungen ausgestattet doch das verstehen, was der Zensor sich zu sagen nicht traut und dem Autor gegenüber nicht ohne Risiko thematisieren kann. Dennoch läuft das noch lange nicht auf soziologisch verstandene Verständlichkeit hinaus, sondern bleibt “Spiel im Dunkel”
5 Std.

Sa: Sve–: nee, hab ich nicht: «ungeeignet» ≠ wirkungslos. Eine geringe politische Wirkung gestehe ich der Kunst ja zu, aber die steht – notabene: rein zweckorientiert gedacht – in keinem Verhältnis zum Aufwand. Und trägt zum zweiten außerdem i. d. R. Eulen nach Athen.

Abgesehen davon: totalitäre Systeme verhalten sich grundsätzlich schwer paranoid. Die Wahrnehmung von Paranoikern würde ich aber nicht unbedingt zur Grundlage meiner Einschätzung der Realität machen.
5 Std. ·

Mi: 1963 kritisierte ein germanist in der rostocker ostseezeitung dieses gedicht von kunert: “ALS UNNÖTIGEN LUXUS Herzustellen verbot, was die Leute Lampen nennen, König Tharsos von Xantos, der Von Geburt Blinde” mit der aussage, da würde der genosse ulbricht verunglimpft. genau wie in dem ddr-witz. passant schimpft: scheiß staat. polizist: ich muß sie verhaften, sie haben scheiß staat gesagt”. passant: sie wissen doch nicht welchen staat ich meine. polizist stimmt zu, geht weiter und kommt gleich zurück: ich muß sie doch verhaften. es gibt nur einen scheiß staat.
5 Std.

Sve: @Sa–: “Paranoiker”, da stimme ich zu. Und DENNOCH: Literaten haben ja auch Strategien entwickelt, Botschaften zu verschlüsseln. Ich meine das, was man unter den Begriff der “Sklavensprache” fasst: etwas wird anders kommuniziert. Obwohl ich tendenziell mit den Poststrukturalisten mitgehe, bin ich immer noch bei Eco: die Wörter des Autors bilden ein “ziemlich sperriges Bündel handfester Indizien”. Und wenn man die Geschichte der DDR- Literatur als Rezeptionsgeschichte betrachtet, gab es beim Entschlüsseln der “Zwischentöne” teils viel Übereinstimmung. An manchen Punkten gerät der Poststrukturalismus in Erklärungsnot.
5 Std.

Sve: Wie ja das Beispiel von Mi– auch zeigt: bei manchem Witz haben die Pointe alle verstanden. Naja. oder zumindest viele.
5 Std.

Be: Zur Frage des Nutzens: Die Gefahr ist jedenfalls im zweifel groß, dass man als Künstler mit seinem gegenstand untergeht. Ich glaube, so lange wir keinen Maßstab formulieren können und ich glaube, es wäre sehr schwierig einen Maßstab für Erfolg so tausender kleiner Prozesse zu formulieren, tappen wir im Dunkeln, aber die Annahme, dass etwas zu bewirken wäre ist so lange mindestens ebenso vernünftig wie die, das nicht, wenn auch unbequemer und darum unbeliebter.
5 Std.

Be: man verstand dann sehr viel über die, die die Pointe nicht verstanden
5 Std.

Sa: Ach, der Poststrukturalismus. Da haben sich eh viele eine parallele Privatwelt aus Diskursen zusammengeheideggert…
5 Std.

Be: Der Poststrukturalismus hat aber auch gänzlich unheideggerisches zu bieten: Jonathan Culler z.B.
5 Std.

Mi: brauns klage von 1990: und unverständlich wird mein ganzer text, ist vielleicht auch eine art verschämter selbstkritik, dasses zu eng mit der ddr verbandelt war
5 Std.

Sve: @Mi–: Und dass vielleicht unter anderen Rezeptionsbedingungen auch Dinge an Bedeutung verlieren. Ich erinnere mich an so eine freundschaftlich- polemische Auseinandersetzung Biermanns mit einem Text von Braun in „Wie man Verse macht und Lieder“. Da geht es gerade darum, wie man dem Zensor umständlich ein Schnippchen schlägt, weil die Kritik unter hunderten Bedeutungsschichten “vergraben” ist. Hab das Buch gerade nicht hier, aber Biermann spottet sehr über diese Strategie (wenn ich mich recht erinnere). Aber die Texte von Braun sind dennoch natürlich auch heutzutage lesenswert.
5 Std.

Sa: Notebene: meinem Verständnis nach besitzt Kunst als öffentliche Äußerung IMMER auch politische Aspekte. Selbst wenn die politische Wirksamkeit im Sinn von Argumentation/Überzeugung/Überredung/… deutlich beschränkt ist. Dafür will ich die Kunst aber auch gar nicht in den Dienst nehmen: weil die Unterordnung unter politische Wirksamkeit, also einen Gebrauchsaspekt, gleichzeitig auch eine Forderung nach möglichst breiter Verständlichkeit beinhaltet etc.
5 Std.

Sve: @Sa–: aber nicht nur Heidegger steckt viel drin. Sondern auch viel Marx.
5 Std.

Sa: Das kommt ja noch dazu
5 Std.

Kri: Bertolt Brecht: Sich an alle wenden: “Man braucht nicht die Forderung aufzustellen, daß künstlerische Werke sogleich allen, die sie zu sehen kriegen, verständlich sein sollen, wenn man eine Literatur für das Volk haben will. Das Volk kann sich literarischer Werke auf vielerlei Art bemächtigen, in Gruppen, selbst kleinen Gruppen, die schnell verstehen und das Verständnis verbreiten, oder indem es sich an einiges in den betreffenden Werken hält, das es sogleich versteht und von dem aus es durch Rückschlüsse im Zusammenhang das anfänglich Unverständliche sich klärt. Schreiben für kleine Gruppen ist nicht glechbedeutend mit Verachten des Volks. Es kommt darauf an, ob diese Gruppen ihrerseits die Interessen des Volks bedienen oder ihnen entgegenarbeiten. Ein solches den Interessen des Volks Entgegenarbeiten liegt allerdings schon vor, wenn solche Zirkel ihre Befriedigung zur Aufrechterhaltung ihrer selbst benutzen können und Monopole angestrebt (und vom Schreibenden ermöglicht) werden. Der Strom muß die Sammelstellen sozusagen überfluten.”
4 Std.

Mi: zu dem braun-biermann. da bin ich eigentlich auf brauns seite. braun hatte in einem gedicht geschrieben: “nur das banjo darf noch nicht spielen”. er sagte zu biermann, er habe was über ihn reingeschrieben. der spielte aber gitarre. biermanns spott find ich hier verfehlt. biermann war staatsfeind nr 2 nach havemann, unmöglich in einem ddr-buch sich positiv auf biermann beziehen, selbst “nur die gitarre darf noch nicht spielen” wär zu direkt und unmöglich. das ist nicht mal sklavensprache, das hat man ohnehin verstanden

3 Std.

Sve: Ja, das stimmt. Zumal ich glaube: hinter diesem Spott scheint etwas auf, das eine poetologische Auseinandersetzung ins Politische pro­ji­zie­rt. Wenn Braun eine Tradition zitiert, die sich auf Klopstock und Hölderlin beruft, unterscheidet er sich doch stark von Biermanns direkten Texten. Und immerhin hat Braun es geschafft, sein „Zeitungsgedicht, redigiert” zu veröffentlichen (wenn auch mit 8 Jahren Verspätung).
3 Std.

Ti: Ich ein Avantgardist? Eigentlich ein umgekehrter. Bin so avantgardistisch, wie die Rede eines Stummen unverständlich ist. Ich versuche meine Sachen so sauber wie möglich zu machen. Für die Avantgardisierung ist allein die Weggabelungsanzahl und Letterndeterminiertheit in jedem Raumpunkt des Gedichts verantwortlich. Diese haften für ihre Kinder; die Kollokationen.
2 Std.

Sve: Aber ja doch Avantgardist. Immerhin haben die Leute seit Lykophron von Chalkis nur wenig Zeit gehabt, sich an Anagramm und Palindrom zu gewöhnen. Und da braucht es eben auch heute noch Überredungsarbeit.
2 Std.

Ti: Für die “normale” Lyrik gilt ja heute eher Sartres Satz: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Wie das heutige Gedicht. Ich machs noch althergebracht. Claustrum, statt agorá.
2 Std.

 

A Lid iz a Lid

Über den jiddischen Dichter Avrom Sutzkever schreibt Daniel Kahn (bei Faustkultur). Zitat:

Zwar schrieb er keine Lieder im eigentlichen Sinne, aber dem Jiddischen ist diese Unterscheidung ohnehin fremd. Ein Gedicht ist ein „Lid“. Genauso ein Musikstück. A Lid iz a Lid.

Auf die Frage, was ihnen denn zu moderner jiddischer Lyrik einfalle, erwähnen die meisten Menschen wahrscheinlich das Shtetl oder das Ghetto – wenn ihnen denn überhaupt irgendetwas einfällt. Das ist gleichermaßen beklagenswert und verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass die Geschichte des jüdischen Lebens in Osteuropa gewöhnlich auf das dramatische Narrativ rückwärtsgewandter Primitivität und brutaler Vernichtung reduziert wird. Und doch greift es viel zu kurz. Denn: Die jiddische Kultur vor dem Holocaust war kosmopolitisch, international und stand in regem Austausch mit der literarischen Moderne. In Odessa, Warschau, Chicago, New York, Berlin und Buenos Aires waren nahezu alle epochemachenden Werke der Literatur und Philosophie in jiddischer Übersetzung erhältlich. Die Menschen dort lasen Proust, Nietzsche und Whitman. Joyce, Heine und Hamsun. Oder die russischen Autoren Majakowski, Dostojewski und Gogol. All diese Autoren waren Vorbilder für jiddische Schriftsteller wie Peretz, Ansky, Manger und Bashevis Singer. Tatsächlich waren die Jahre vor dem Holocaust eine unglaublich fruchtbringende Zeit für eine außergewöhnlich fruchtbare Kultur. Eines ihrer Zentren – sowohl religiös als auch säkular – war Wilna, das heutige Vilnius, welches damals Juden auf der ganzen Welt als „das Jerusalem Litauens“ bekannt war.
Einer der Protagonisten des reichen kulturellen Lebens dieser Stadt war der junge Avrom Sutzkever. Geboren wurde er 1913 im Gebiet des heutigen Weißrusslands; zum Zeitpunkt seines Todes im Jahre 2010 galt er als einer der größten jiddischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Bekanntheit stützte sich dabei nicht zuletzt auch auf das von ihm herausgegebene Magazin für jiddische Literatur Di Goldene Keyt (Die Goldene Kette), welches er in seiner neuen Heimat Israel nach dem Krieg gründete. (Sein kontinuierliches Engagement für das Magazin ist schon für sich genommen bemerkenswert, da der junge Staat Israel sein Bestes tat, die jiddische Sprache und Kultur zu unterdrücken.) Trotz all seiner Erfolge ist Sutzkever einem größeren Publikum außerhalb der Judaistik-Abteilungen einiger Universitätsbibliotheken weitgehend unbekannt geblieben. Und auch innerhalb besagter Judaistik-Abteilung wird man ihn wahrscheinlich eher unter der Kategorie „Holocaust-Dichtung“ als unter „jiddische Dichtung“ finden.
Ich persönlich stieß auf seine Lyrik in einem Buch über eben jenes Thema, nämlich in David Roskies Against the Apocalypse. Das war nur wenige Monate nachdem ich nach Berlin gezogen war – eine Stadt, die ich als amerikanischer, im Wissen um den Holocaust erzogener Jude vorher noch nie besucht hatte. Mein erster Kontakt mit dem Ort, an dem die Katastrophe ihren Ausgang nahm, stellte die von mir bisweilen akzeptierten Narrative – zum Beispiel „jüdische Hilflosigkeit angesichts des Krieges“ und „nationalistischer Triumphkult in Israel nach dem Krieg“ – vollkommen in Frage. Einer Figur wie Sutzkever in diesem Kontext zu begegnen war für mich faszinierend. Ich stieß auf das Gedicht „Vi Azoy“, welches in lateinischer Umschrift so beginnt:

Vi Azoy?
Vi azoy un mit vos verstu filn,
dayn bekher in tog fun bafrayung?
Bistu greyt in dayn freyd tsu derfiln,
dayn fargangenhayts fintstere shrayung?
Vu es glivern sharbns fun tegin, a tom on a grunt, on a dek? …

Es gibt viele Übersetzungen dieses Gedichts, die Folgende ist meine eigene. Sie ist frei und rhythmisch, Ausgangspunkt eines Liedes:

Wie und mit was wirst du füllen
deinen Becher am Tag der Befreiung?
Bist du bereit beim Freudengebrüll
zu hören das Echo der Schreie?
Wo Scherben funkeln von Tagen
In Gräben ohne Boden, ohne Dach?

Du wirst Schlüssel suchen passend
für deine verrosteten Schlösser.
Wie Brot wirst du beißen die Gassen
Und denken: früher war es besser.
Und Zeit wird stumm an dir nagen
Wie eine Grille gefangen in der Faust

Deine Erinnerung wird man vergleichen
mit einem alten, erloschenen Dorf.
Und deine Augen werden dort schleichen
Wie ein Maulwurf, wie ein Maulwurf – –

(dt. Übersetzung: Max Czollek)

(1) Vi Azoy?
Fun Avrom Sutzkever

vi azoy un mit vos vestu filn
dayn bekher in tog fun bafrayung?
Bistu greyt in dayn freyd tsu darfiln
dayn fargangenheits finstere shrayung?
Vu es glivern sharbns fun teg
in a tom on a grunt, on a dek?

Du vest zukhn a shlisl tsu pasn
far dayne farhakte shleser
vi broyt vestu baysn di gasn
un trakhtn: der frier iz beser
un di tsayt vet dikh ekbern shtil
vi in foyst a gefangene gril

un s’vet zayn dayn zikorn geglikhn
tsu an alter farshotener shtot
un dayn droysiker blik vet dort krikhn
vi a krot, vi a krot – –

in Vilner geto, 14.2.1943

Jiddische Originalfassung

Mehr bei Faustkultur

Sutzkever bei L&Poe

“Ausgeufertes Rezensionstagebuch”

Ann Cotten rezensiert bei lyrikkritik.de die Bände der Poeticon-Reihe von J.Frank.  L&Poe präsentiert weitgehend dekontextualisierte süße und bittere Mandeln aus dem langen, funkelnden und üblich-scharfen Text.

GROSZBUCHSTABEN

Ein ausgeufertes Rezensionstagebuch über die Reihe “Poeticon” im J. Frank Verlag.


Wie arrogante Sprüche auf Jutesäckchen: Großes Maul, schlechtes Material. Das könnte eine Formel für Frechheit und Jugend sein. In diese Mode fügt sich die Reihe wohl ein. Freilich messen sich diese kleinen Fibeln dadurch mit anderen Miniaturausgaben: Kapital, Koran, Bibel. Es gibt Ähnlichkeiten – auch in letzteren beiden steht viel Blödsinn drin.


Jetzt quäle ich mich wie ein Moralist durch die Heftchen und beschwere mich über die Ödnis, während ich doch eigentlich eine hitzköpfige, intolerante Leserin bin und lieber die Lektüre abbreche und spazierengehe, als zu leiden und nachher dem Autor Vorwürfe zu machen.

Aber es geht um die Poesie! Und um die Theorie! Ich lese weiter.


Wieder eineinhalb Seiten. Es ist wie ein Spaziergang am Meeresstrand. Schon irgendwie entspannend, wenn ich mal mein Erkenntnisinteresse vergessen könnte.


In einigen Endnoten steht a.a.O., obwohl die Referenz zum ersten Mal vorkommt. Am Oarsch, Oida! Das schreibe ich nur hin, um zu dokumentieren, dass das sehr wohl jemand bemerkt.


Ich kenne das und misstraue dem bei mir selber auch: das irre, das durch literarische Reproduktion meines Privaten so angeschwollene Selbstbewusstsein, mit dem ich imstande wäre, ein Pferd zu satteln und Richtung Nordpol loszureiten, ohne Jacke und ohne Pferd. So froh, den Zweifeln entkommen zu sein!


Es plätschert “ich finde”, “meine liebsten”, “wie ich immer so” dahin, als schlenderte Ötzi mit seiner Kollektion von Bookmarks durch die Eiszeit.


Martina Hefter bringt auf S. 13 auf den Punkt, was ich über sie auch manchmal empfinde: “fröhlich (…) darüber, was sich da einer getraut hat”. Wenn bloß alle, wie sie, das Wagnis als Beginn einer tollen Arbeit begriffen, und nicht bloß als Ende des Nicht-Wagens!


Dass das stimmt und ich nicht bloß schlechte Laune habe, beweist mir später B. Reineckes Essay. Er erfüllt, bis auf die allerletzten paar Seiten, ganz und gar das von einem Essay erwartbare Niveau: nämlich, nicht sichtlich für Idioten geschrieben zu sein. Ernsthaft das Kriterium der Nützlichkeit zu verwenden, um die Pointen zu schärfen und mit intelligentem Urteil zu gewichten. Sich beim Schreiben nicht blöd zu stellen.


O ich auch, ich auch, ich hasse auch diese deutsch-wichtigtuerische “Bedeutung”, dieses ehrgeizige Flammenzünglein, das immer so viel Unrat hausieren trägt.


Bei der sich dem Publikum übergebenden Kunst (Es klingt wie Kotzen – und in der Tat ist eine Entsprechung aufzufinden, dieses Übergeben seiner Selbstquälereien an die Außenwelt erlöst das Subjekt; jemand anderer muss das Gift und die Materie der Transaktion aufputzen.) ist das Ausmaß des Auf-sich-selbst-geworfen-Seins nicht begrenzt.


Das ist es gerade. Ich ja auch nicht. Es ist vielleicht nicht die Zeit, es gibt auch nicht das rechtschaffene Publikum, das einen motivieren könnte, sich zu ordnen. Was kann man voraussetzen, was muss man erwähnen, was muss man dreimal in unterschiedlichen Kontexten erwähnen, damit es klar wird? Das Gegenüber ist das Interface vom Internet, ein unendliches Palaver. Wir treffen uns informell und üben schlecht strukturierte Gespräche. Und dann soll plötzlich eine poetologische Essayreihe die Welt retten?


Ich glaube, ich habe ein idealisiertes Englandbild und bevölkere die Insel mit lauter Sternes und Byrons, ach.


… Schopenhauers, des heldenhaftesten aller Grottenolme …


Das hätte auch fast ein deutscher Witz werden können.


… eine mit herbeibemühten Zitaten gewappnete Tirade gegen Reime und gegen schlechte Dichter. Sie werden vage in Zusammenhang gestellt, unklar bleibt, ob das Benutzen von Reimen dazu führt, dass man ein schlechter Dichter wird (Vorwurf: schlechte Gewohnheit, schlechte Gesellschaft), oder man Reime verwendet, weil man ein schlechter Dichter ist (Vorwurf: schlechter Geschmack).


… ob Grünbein wohl durch Elektrotherapie in größere Erregung versetzt, vermayröckerisiert werden könnte?


Grünbein behauptet natürlich auch Freiheit der Kunst, aber er empfindet und genießt und nutzt sie nicht, nicht einmal die des Künstlers. Er unterwirft sich den verschiedenen Disziplinen, dem Denken etwa, der Gefälligkeit und dem kreativen Ehrgeiz. Das ist nicht etwas, was man sich aussucht. Bestimmt würde er gerne innerlich so frei sein wie die Mayröcker. Deswegen ist seine Kunst viel verseuchter von den Irrtümern, Dummheiten, Eitelkeiten und vor allem falschen Befriedigungen, falschen Zielen seiner selbst, seiner Umgebung und seines Publikums, dem er als Mensch und als Dichter auf eine ja irgendwie natürliche Weise gefallen will – unfrei eben. Das macht ihn mir interessanter. Wegen dieser Schwäche oder aber auch dieser größeren Sich-selbst-Ausgesetztheit als Bürger und neureichen Schwärmer ist mir Grünbein irgendwie – verständlicher. Vielleicht aber liegt die Sympathie nur daran, dass ihm alle seine Verbrechen gegen den Geschmack und gegen die Hochherzigkeit, die er doch in den Gedichten mit großen Worten herbeischreiben will, gnadenlos vorgeworfen werden (auch wenn er nichtsdestotrotz eine große Fangemeinde hat – in meinem Bekanntenkreis ist niemand, der ihn schätzt). Mayröcker hingegen darf scheinbar alles. Was natürlich auch eine Frage des Alters ist, was den Zweiervergleich an sich ja schon bei Crauss ein wenig hinken machte.


Pathos? Ja, aber nur durchgestrichen bei Ron Winkler!


Und irgendwas in mir schreit immer, es ist wohl schon wieder der innere Psychoanalytiker: hört doch endlich auf, diese warmen Herzen von ostdeutschen Männern und Frauen zu dieser zwanghaften Sicherheitsironie zu zwingen, Diskurse!


Ein Prachtsatz, überladen mit abgenudelten, einander widersprechenden Metaphern und Floskeln, unentschieden zwischen zwei uralten und auf mehrfache Weisen kaputten Bildern.


(wer, übrigens, die Grazien “Damen” nennt, sollte eigentlich als aus dem jungen Teil der Literatur ausgeschlossen gelten und eine Schweigepension Eierlikör bekommen)


Poetisiert euch = Nett sein, Leute! Aber auch wahr sein, und nicht schummeln!


… das Rohöl der Kulturwirtschaft


ND ist aber auch ein moralisierendes Ödpack.


… angesichts der vielen nach ihrem eigenen Verständnis urteilenden Vollkoffer …


Fußnoten sind dem Menschen zumutbar!


Es ist jetzt angemessen, den Griff zu entkrampfen, Ann.


Das kann man sagen. Da stimmen auch die Eltern zu.


Man merkt, das Kuhlbrodt ein paar Jahrzehnte liest, und zwar ernsthaft auch seit langem, vielleicht aufgrund der im Essay erwähnten Ermahnung eines Philosophieprofessors, sich der Werke, die man liest, nicht als Trümmerhalden zu bedienen, sondern ihre inneren und metatextuellen Zusammenhänge nachzuvollziehen. Ernsthaft meint vor allem, dass auch denkbar ist, aufgrund von Lektüre seine eigene Überzeugungen zu ändern. Was ich bei anderen dieser Reihe nicht vermuten würde, die das Zitatesamplen scheinbar bloß als Deko für ihre bevorzugten Ansichten betreiben.

Kuhlbrodt ist kein Denker-Grübler in dem Sinn, dass er Sachen bis in alle Winkel zu verfolgen wichtiger fände als deren Bezug zum Leben. Das ist sehr angenehm und angemessen. Er ist eher ein Naturgrübler, also ein nachdenklicher Mensch, der im Leben steht (auch als Position für einen Lyriker eigentlich nicht schlecht) – und nicht einer von diesen Gespenstern (wie ich tendentiell), die sich in die Theorie flüchten, um der Wirklichkeit zu entgehen. Wobei das natürlich auch ein Bezug zur Wirklichkeit ist.
Und wie er “ich” schreibt, der Kuhlbrodt, so schlicht und normal!


“Wer sich seiner Sache nicht sicher ist, wie wir wohl alle uns nicht sicher sein können, sollte sich mit eigenen Weissagungen zurückhalten und Weisgesagtem gründlich misstrauen.” Alle, also, seien immer unsicher, mundtot und misstrauisch. Das ist natürlich auf Anhieb ein erfrischendes Antidot zur Ode an die Freude, aber möge bloß Kassandra das nie hören! Das Problem ist, dass so nur diejenigen Idioten als Propheten überbleiben, denen nicht der leiseste Selbstzweifel einfällt. Ja, im Grunde ist es eh so. Und doch ist auch diese Forderung nicht so unsympathisch in ihrer Bevorzugung des Fressehaltens.


… Mangel an prinzipiellem Zweifel an seiner Methode. Für die gibt es halt ein Publikum, das sich gegenseitig darin bestärkt, das Verlogene, was ich an dieser Art von raunenden “Aufarbeitung” oder bloß ergebnislosem Rumthematisieren so stark spüre, zu verleugnen.


… und ich bin hochzufrieden mit der Aussage “Geschichte ploppt herum wie in einer Betonmischmaschine.”


… soll die Motivation, die das Gedächtnis hat, zu schummeln und sein Material zu schlüssigen oder von der Gegenwart nachgefragten Eindrücken zu verarbeiten, ausgetrickst werden. Wenn das aber in kollektiven Ästhetiken und Moden, oder gar in Hinblick auf Lob geschieht, schlägt der Trick fehl. Deswegen ist wohl nicht prinzipiell und allgemein zu empfehlen, mehr Geschichte in die wohl buhlerischste aller Literaturformen, die Lyrik, einzuspeisen. Durch die bekannte Dunkelheit da drin, auch Mehrdeutigkeit und Idiosynkratik, die dominant geworden sind als radikal persönliche Ausdrucksweisen, ist viel Unfug, auch sehr blöder und brutaler, möglich.


Und obwohl das nicht sonderlich visionär klingt, geht es in Politik und Geschichtsschreibung in Wirklichkeit meistens um Schadensbegrenzung, also genau um dieses von Kuhlbrodt skeptisch beäugte Gatter der Freiheitsermöglichung innerhalb definierter Grenzen (bis zur Gewalt gegen andere, u.s.w.). Die euphorisierende Theorie ist von Schiller und Hölderlin schon in ausreichender Menge formuliert worden, in und aus unserer Zeit, wo wir uns zu recht viel weniger träumend mit der ganzen Menschheit verbunden fühlen. Da wir durch die verbesserte Informationsverbreitung nicht mehr die Naivität bezüglich Kolonialismus und Ausbeutung besitzen können wie die genannten, geliebten Dichter –
sollten wir lieber nicht versuchen, sie zu imitieren, sondern –

naja, das ist offen.


“Wie kann man den Versteher aushalten?” Die argen Sätze sind wie zur Tarnung unter allerhand losem Geplapper versteckt.


Die Nachteile des Erfolgs

(…) „Da hat es innerhalb der Lyrikszene schon ein bisschen Diskussion drüber gegeben“, fasst Seel die Reaktionen auf Wagners Nominierung betont nüchtern zusammen. Kern der Diskussion: Wenn Lyrik ausnahmsweise einmal wahrgenommen werde, wieso dann ausgerechnet ein so konventioneller Autor wie Jan Wagner?

Inwiefern Wagner konventionell schreibt, darüber lässt sich streiten. Tatsache ist, dass die Gedichte in „Regentonnenvariationen“ Titel tragen wie „torf“, „ein pferd“ oder „versuch über seife“, und dass sie sehr kunstvoll mit traditionellen Formen spielen. Einige behaupten allerdings, es fehle dieser Gegenwartslyrik an Gegenwart.

Der Lyriker Björn Kuhligk, der in den nuller Jahren zusammen mit Jan Wagner Anthologien zur Gegenwartslyrik herausgegeben hat, erklärt sich die Debatte um die Nominierung folgendermaßen: „Die Lyrikszene ist klein und da gibt es mitunter ein Verhalten, das an Kaninchenzüchtervereine erinnert. Wenn das eine Kaninchen den Preis gewonnen hat, dann beschweren sich alle anderen.“ Nun hat Wagner noch nichts gewonnen, aber auch seine Nominierung findet Kuhligk schon ein „tolles Zeichen“.

Schließlich gehe es darum, einem größeren Publikum zu zeigen, dass Lyrik hergestellt werde und gleich viel wert sei wie ein Roman. Kuhligk, der im Brotberuf als Buchhändler arbeitet, kann mit dem Konservatismusvorwurf gegen Wagner wenig anfangen. Es sei nur logisch, dass man bei einem so großen Preis wie dem Leipziger Buchpreis einen Lyriker auswähle, dessen Gedichte verständlicher seien als die eines experimentell arbeitenden Autors.

Dass Wagners Nominierung „markttechnisch klug“ sei, findet auch die Lyrikerin Sabine Scho. Gut findet sie die Wahl deshalb allerdings nicht. „Wenn man sagt, man will eine Signalwirkung für das, was Lyrik heutzutage macht, dann hätte man jemand ganz anderen nominieren müssen“, meint Scho. Wagner behandle „sehr restaurative Themen“, erklärt sie ihren Unmut und hält kurz inne – „also sozusagen: drei Esel auf Sizilien“. Ziemlich spöttisch klingt das, persönlich will sie es aber nicht verstanden wissen. Wagner sei eben „auch nur Statthalter für jemanden, auf den man sich ständig einigen kann“.

Was sie wirklich störe, sei, dass man mit der Nominierung Wagners die Lyrik in eine altbekannte Ecke schiebe, sie zuständig mache „für das Ergriffensein angesichts der Natur, für das Erste und Letzte und dann auch immer in einem innehaltenden Ton“.

In diesem Punkt ist sich Daniela Seel mit „ihrer“ Autorin – denn Sabine Scho ist bei kookbooks verlegt – einig. Wer Lyrik als etwas Schöngeistiges verstehe, verkenne, wie sehr Gedichte die Wahrnehmung von Sprache schärfen könnten. Das sei etwas unmittelbar Politisches. „Aber das wird nicht mitvermittelt, wenn Gedichte als eine Wohlfühlkategorie gesehen werden, wo ich etwas Schönes über Seife lese“, findet Seel.

Nichtsdestotrotz, betont sie, sei Jan Wagner ein sehr guter Dichter, der die Anerkennung durchaus verdiene. Nur eben „nicht in so einem überragenden Maße mehr als andere, die sperrigere und experimentellere Formen machen“. Letzten Endes sei es ein „Problem der Repräsentation“; wenn nur ein Lyrikband ausgewählt werde, könne der naturgemäß nicht für alle anderen stehen.

Worauf sowohl Scho als auch Seel hinweisen, ist, dass in den letzten Jahren eine sehr vielfältige Lyrikszene entstanden sei, von der eine breitere Öffentlichkeit aber nach wie vor wenig Notiz nehme. Ein Protagonist dieser neuen Vielfalt ist Max Czollek.

Er ist Gründungsmitglied des Lyrikkollektivs „G13“ und Mitorganisator von „babelsprech“, einem Projekt zur Vernetzung junger deutschsprachiger Lyrik. Kollaborieren und sich ein eigenes Publikum generieren, das ist Czolleks Ansatz. Er gönne Jan Wagner den Erfolg, erklärt er, trotzdem lese er die Nominierung vor allem als eine „symbolische Aktion“.

Max Czollek ist Jahrgang 1987, Wagner, Kuhligk, Scho und Seel sind alle in den Siebzigern geboren. Vielleicht liegt es an seiner Zugehörigkeit zu einer anderen Generation, dass Czollek als Einziger auch Kritik an der Lyrikproduktion selbst anführt.

Wagners Schreiben habe eben eine Bedeutungsebene. Wenn er von einigen als konventioneller Lyriker angesehen werde, habe das auch „viel mit der Misere gegenwärtiger Lyrik zu tun“, die sich dieser inhaltlichen Ebene verweigere. „Das ist ein bisschen wie die Melodie in der Musik, wenn du keine Melodie mehr hast, hast du moderne, super-avancierte Musik, aber kein Mensch kann es hören, der nicht schon weiß, wie man dem zuhören soll“, findet Czollek. Eine bestimmte Form von Publikumsorientierung spiele in der gegenwärtigen Lyrik mitunter betont keine Rolle.

Ist die vermeintlich mangelnde Orientierung am Publikum nun Ursache oder Folge der geringen Wahrnehmung von Lyrik? Scho, Seel und Czollek weisen auf jeden Fall alle darauf hin, dass die großen Verlage sich im Grunde kaum für Lyrik interessierten. Kuhligk setzt noch grundlegender an: Gedichte lesen habe eben mit Aufmerksamkeit zu tun, mit Arbeit. „Das ist eine schöne Anstrengung“, findet er, „aber das wollen viele nicht.“

So unterschiedlich die Erklärungen für die geringe Wahrnehmung des Genres ausfallen, in einem stimmen alle, mit denen man im Frühjahr 2015 über den Stand der Gegenwartslyrik spricht, überein: Die Marktferne sei gleichzeitig auch mit einer enormen künstlerischen Freiheit verbunden. „Die Lyrik ist von allen Formaten, die es in der Literatur gibt, glaube ich, immer am weitesten, weil es damit am wenigsten Geld zu verdienen gibt“, meint Kuhligk.

Dass diese Freiheit mit größerem kommerziellem Erfolg eingeschränkt würde, darüber herrscht ebenso Konsens. Aber, so Seel, selbst wenn sich die Wahrnehmung verzehnfachen würde, wäre sie immer noch extrem gering. Scho wiederum kann, gefragt nach den negativen Folgen, die eine steigende Aufmerksamkeit haben könnte, nur lachen: „So hat es ja auch Nachteile. Ich würde gerne mal neue Nachteile haben. Die Nachteile des Erfolgs würde ich auch ganz gerne mal erleben.“ Jan Wagner kann das vielleicht schon Donnerstagnachmittag. / Luise Checchin, taz 11.3.

68. In der Ukraine

“Was ich toll finde in der Ukraine: Da sagen die Leute, ich habe keine Zeit, ich muss demonstrieren gehen”, sagt Max Czollek, ein junger Dichter aus Berlin. Er war im Spätsommer als Stipendiat zu Gast in Chernivtsi, einer kleinen* Stadt in der Westukraine, die unter Lyrik-Fans einen großen Namen hat. Zu seinen Freunden hält er derzeit vor allem über die sozialen Netzwerke Kontakt, denn zum Telefonieren haben sie momentan keine Zeit. “Alle Autoren, die ich kenne, sind in Kiew, auch wenn sie irgendwo anders leben, im Ausland studieren. Sie sind alle auf dem Maidan. Mein guter Freund, Andrij Ljubka, sagt, es gibt keinen Autor, der etwas auf sich hält und der nicht gerade in Kiew ist.” Ljubka ist einer jener jungen Lyriker, gerade mal 26 Jahre alt, der momentan wenig Zeit zum Telefonieren hat.

Den Dichter Serhij Zhadan, Jahrgang 1974, hält es aktuell auch nicht am Schreibtisch. Viele seiner Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Schon 2004, bei der Orangenen Revolution, war er einer der intellektuellen Wortführer. Und jetzt beim “Euromaidan”, wie die Proteste von 2013 genannt werden, ist er wieder vorn dabei. “Wenn die Leute wirklich Veränderungen für dieses Land wollen, müssen sie verstehen, dass wir das nur über aktiven Widerstand erreichen können”, ist Zhadan überzeugt. Das funktioniere nur, wenn man auf die Straße gehe, an den Meetings teilnehme und seine Meinungen vertrete. “Im Büro zu sitzen, zu Hause am Computer – damit erreicht man nichts.” / Birgit Görtz, Deutsche Welle

*) Klein nicht gerade, mit einer Viertelmillion Einwohner

5. Babelsprech

Lyrisches Davos: Babelsprech in Lana

Am Sonntag, 29.9.2013 ist das Treffen junger Lyriker und Lyrikerinnen „Babelsprech“ in Lana/Südtirol zu Ende gegangen. Das Treffen möge zu einem „lyrischen Davos“ werden, von dem wesentliche Impulse für die aktuelle Lyrik ausgehen, diesen Wunsch gab Friederike Tappe-Hornbostel von der Kulturstiftung des Bundes dem auf zwei Jahre angelegten Projekt mit auf den Weg.
„Babelsprech“ ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin und des Literaturhauses Wien. Es wurde mit dem Ziel ins Leben gerufenen, erstmals eine breiteDiskussion über die Möglichkeiten zeitgenössischer deutschsprachiger Lyrik und ihrer Vermittlung zu initiieren. Darüber hinaus soll „Babelsprech“ auch zu einer Vernetzung junger Schreibender in den deutschsprachigen Ländern beitragen. Das Projekt wird von drei jungen Lyrikern kuratiert und geleitet: Max Czollek (Deutschland), Robert Prosser (Österreich) und Michael Fehr (Schweiz).

An dem Treffen in Lana nahmen 29 Lyriker und Lyrikerinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil, alle Teilnehmer/innen waren nach 1980 geboren.
Die Dichterin Anja Utler (*1973) hielt einen Impulsvortrag zum Thema “Sprache ist Dichtung ist Performanz”, der Dichter Raoul Schrott (*1964) zu „Historische (Un-)Möglichkeiten lyrischer Positionen” und der Lektor Thorsten Ahrend (*1960) (Wallenstein Verlag) zu “Lyrik in Aktion. Medien und Öffentlichkeit”.

Auf der Konferenz wurden verschiedene Fragen diskutiert, u.a.:

  • Was ist die Position der Schreibenden aus den jeweiligen Ländern zum Literaturbetrieb?
  • Wie sehen die Poetologien aus, mit denen junge Lyrik arbeitet?
  • In welchen medialen Erscheinungsformen kann Lyrik umgesetzt werden?
  • Wie gestaltet sich der internationale Austausch zwischen den Schreibenden?
  • Wie kann zeitgenössische Lyrik einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt werden?

Die Diskussion wird auf der zeitgleich eröffneten Internetplattform www.babelsprech.org fortgesetzt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

„Babelsprech“ geht weiter:
Nach der Konferenz in Lana und dem Start von www.babelsprech.org beginnt am 27.11.2013 in Zürich die Veranstaltungsreihe „Babelsprech live“ mit Lesungen, Diskussionsgruppen und Textwerkstätten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die nächsten Veranstaltungen finden am 28.11.2013 im Literaturhaus Wien und am 5.12.2013 in der Literaturwerkstatt Berlin statt. Weitere Termine werden auf der Internetplattform bekannt gegeben.
Den Abschluss macht die für Herbst 2015 geplante Anthologie „Lyrik von Jetzt 3 / Babelsprech“, die im Wallstein Verlag erscheinen und rund 100 Stimmen junger Dichterinnen und Dichter aus dem deutschsprachigen Raum versammeln wird.

Teilnehmende:
Deutschland: Kathrin Bach, Yevgeniy Breyger, Peter Dietze, Christiane Heidrich, Tim Holland, Anja Kampmann, Dagmara Kraus, Alexander Makowka, Tristan Marquardt, Charlotte Warsen, Mónika Koncz, Rick Reuther, Lea Schneider, Michael Spyra, Max Wallenhorst
Österreich: Martin Fritz, Reinhard Lechner, Oravin, Sophie Reyer, Lydia Steinbacher, Esther Strauß, Christoph Szalay, Matthias Vieider (Südtirol)
Schweiz: Barbara Arnold, Sascha Garzetti, Wolfram Höll, Simone Lappert, Patrick Savolainen, Michelle Steinbeck

Babelsprech ist eine Initiative der Literaturwerkstatt Berlin und des Literaturhauses Wien, in Kooperation mit Literatur Lana, Kaufleuten Zürich, dem Robert Walser-Zentrum sowie dem Wallstein Verlag.
Das Projekt wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes (Deutschland), vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (Österreich) und von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung.

17. Babelsprech

Junge deutschsprachige Dichtung

In den vergangenen Jahren ist Bewegung in die deutschsprachige Dichtung gekommen – eine neue Generation erobert die literarische Bühne. Das Projekt „Babelsprech. Junge deutschsprachige Dichtung“, initiiert von der Literaturwerkstatt Berlin und dem Literaturhaus Wien, möchte über drei Jahre eine Diskussion anregen, die zur Selbstverständigung des Dichtens im deutschsprachigen Raum führt. Das Projekt startet mit einem ersten Netzwerktreffen in Lana (Südtirol): Durch das Poesiefestival, den Lyrikpreis und das Literaturstipendium stellt die Stadt einen zentralen Ort lyrischer Begegnung über nationale Grenzen hinweg dar. Das Treffen dient der Selbstverortung einer neuen Generation von Dichtern, der Vernetzung von bislang getrennt agierenden Lyrikszenen der Schweiz, Österreichs und Deutschlands sowie der Vorbereitung eines Webblogs, der als Plattform junger Lyrik dienen soll. Gleichzeitig ist das Treffen der Auftakt der Lesereihe „Babelsprech. Live“, die in vier Durchgängen von 2013 bis 2015 in Wien, Berlin und der Schweiz stattfinden wird. Zum Abschluss der dreijährigen Projektphase führt die Sammlung „Lyrik von Jetzt3“ die wichtigsten neuen Stimmen aus dem deutschsprachigen Raum zusammen. Kuratiert wird „Babelsprech“ von Lyrikern der jungen Generation: Max Czollek (Deutschland), Michael Fehr (Schweiz) und Robert Prosser (Österreich) haben durch ihre eigene Arbeit wichtige Einblicke in die aktuelle Entwicklung der jungen Lyrik in den drei Ländern. Der Verein Literatur Lana, der Veranstalter Kaufleute Zürich, das Robert-Walser-Zentrum sowie der Wallstein Verlag konnten als Kooperationspartner gewonnen werden. Die Pro Helvetia fördert das Projekt in der Schweiz.

Künstlerische Leitung / Kuration: Max Czollek, Michael Fehr (CH), Robert Prosser (AT)
Künstler/innen / Autor/innen: Dagmara Kraus, Martin Fritz (AT), Anja Kampmann, Sophie Reyer (AT), Eva Seck (CH), Reinhard Lechner (AT), Tim Holland, Patrick Savolainen (CH), Yevgeniy Breyger, Michelle Steinbeck (CH), Christiane Heidrich.

Termine: 
Symposium Lana, Südtirol: 26. – 29.9.2013;
Literaturwerkstatt Berlin, Literaturhaus Wien, Kaufleuten, Zürich, Robert-Walser-Zentrum, Bern: 1.11.2013 – 14.5.2015

Kontakt:

Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei)
10435 Berlin
www.literaturwerkstatt.org

8. Czollek’s view

Presently, young German poetry flocks together around three places: Hildesheim, Leipzig and Berlin. This accumulation is easy to explain. Hildesheim and Leipzig, because they shelter the two institutions in Germany where one can study creative writing. It is safe to say, therefore, that they constitute a laboratory for new forms of poetry. Berlin has established itself mainly as a city of residence for poets of all ages because of an attractiveness it presently radiates – living is cheap and culture is rich. A brief survey done among colleagues and friends leads me to assert that roughly 72,4% of all published German poets currently reside in Berlin while, for younger poets, they will be evenly spread between Leipzig and Berlin, fewer still in Hildesheim. There are, of course, many young poets living outside of the three towns but from the perspective taken in this article they have not yet developed a considerable poetic momentum and decisive impact on present discussions within younger contemporary poetry. (…)

The number of publishing houses has been on the rise for the last years and one can find publishers that cover a wide variety of different poetics: KOOkbooks, the most important German publishing house for poetry whose poetics have exerted a great influence over the past years and can be situated close to the “disciplinary” approach mentioned above; the Verlagshaus j.Frank, also based in Berlin and of a slightly younger age might be seen to represent the poetic counterthesis to KOOK proclaiming the reintroduction of urgency and relevance (contested terms, I know) into the sphere of contemporary poetry; one must also mention Luxbooks, famous for its translations of American poetry but also important for the German-speaking context; Roughbooks, a more experimental and by now almost traditional publishing house based in Switzerland; furthermore Fixpoetry, Poetenladen, Edition Azur, yedermann, parasitenpresse, as well as houses not specifically focused on poetry but with a poetry-publishing branch such as Suhrkamp, Berlin Verlag, Hanser Berlin, Hochroth, Schöffling, Wallstein Verlag, and many more. (…)

Trying to explain my position in this discussion I will start off with an hypothesis: in contemporary poetry as well as in the writing of younger German poets one thing is systematically absent: history. In the following, I will try to argue in favor this hypothesis and hope that a lack of information on the side of the reader will not render my arguments selective. It is more a mode of thought I will try to propose whose relevance can also be judged from afar.

To be fair, even a brief look on recent publications and prices distributed to poets allows for the impression that history is not at all absent from the general field of poetry. Isn’t there continuous reference to the Holocaust? Didn’t Nora Gomringer win the Ringelnatz Price under special mentioning of her Auschwitz-poem “Und es war ein Tag“? Isn’t there a strong sense of history and its presence in Günther Grass’ controversially discussed poem “Was gesagt werden muss” ? Weren’t political and historical aspects the most discussed and written-about topics of the 70s and 80s? Regarding this background, the rejection of history and its presence in younger poetry seems all too understandable. Why the fuss, then?

These are the arguments that are usually brought forward if I argue with my fellow young poets and friends in poetry about this alleged presence of history in contemporary German poetry. To them, I usually answer: yes and no. For one, the superficial evocation of something does not at all imply its confrontation, it might as well mean its domestication, a way to deal with its pressing presence by talking about it in a specific and ritualized way. Although virtually everybody agrees that this is bad poetry in terms of aesthetics, one needs to take a closer look at it. A striking characteristic of these poems is the ritualized manner in which history is addressed, the repetitive imagery employed that evolves around ever the same monotonous binary constructions: empathy and horror, doomed history and saved presence, Black milk, trains, Schindlers List, etc. In political poetry from the 70s and 80s, discussions of political issues did not really concern the poetic function of poetry at all but rather present a form of political agitation that simplified the poem, subjected aspects to the message and became a tactical element in the political sphere. This is not the presence I am talking about. And it is not its lack either. In both cases history remains outside the poem exhausting itself in mourning, empathy and its strategic employment.

Auszüge aus einem Artikel Max Czolleks in dem niederländischen Onlinemagazin Samplekanon.

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