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Preiswürdige Sprachexperimente – Stadt Münster ehrt Charles Bernstein

Poesiepreis an den US-Amerikaner und zwei Übersetzergruppen / Öffentlicher Festakt am 10. Mai im Erbdrostenhof

Münster (SMS) Nach Ben Lerner 2011 ist es erneut ein US-Amerikaner, den die Stadt Münster mit ihrem Preis für Internationale Poesie ehrt: Charles Bernstein, führender Kopf der „language poets“, erhält die Auszeichnung zum Abschluss des Lyrikertreffens am Sonntag, 10. Mai.
Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe wird im Erbdrostenhof nicht nur dem gebürtigen New Yorker gratulieren: Der mit 15 500 Euro dotierte Poesiepreis geht zugleich an die beiden Übersetzerteams „Versatorium“ um Peter Waterhouse (Österreich) und das deutsche Dichterquartett Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Obgleich der Preis schon 1993 ins Leben gerufen wurde – Anlass war das Stadtjubiläum – ist er mit seinem engen Bezug zur Übersetzungsleistung in der Literaturlandschaft immer noch einmalig. Vergeben wird er für die beiden Bände „Gedichte und Übersetzen“ (2013) und „Angriff der schwierigen Gedichte“ (2014).

Interessierte Zuhörer sind zum Festakt – er beginnt um 11 Uhr – willkommen. Sie dürfen sich auf die Sprachexperimente, auf die gewitzten Wortspiele, Lautgedichte, auf Verse, Parodien und Collagen eines Charles Bernstein freuen, der der literarischen Avantgardebewegung, der Language Poetry, zugeordnet wird. „Souverän wie risikoreich“ experimentiere der Dichter und Literaturwissenschaftler aus Philadelphia mit literarischen Formen und Genres, urteilte die Jury. Nicht minder gilt das für die beiden Übersetzergruppen. Auch sie demonstrieren beim Festakt mit Kostproben die Fülle an Möglichkeiten, Bernsteins Gedichte ins Deutsche zu übertragen und zu verstehen.

Zuvor wird Marie Luise Knott die Laudatio halten. Die Berlinerin arbeitet als Journalistin, Herausgeberin und als Übersetzerin. Zurzeit gehört sie dem Vorstand des Deutschen Übersetzerfonds an. 2011 war Knott für ihr Essay über die Denkwege bei Hannah Arendt für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Musikalisch gibt es einen Dialog zwischen Klavier und Klarinette. Die Solisten sind der ungarische Klarinettist Zsigmond Kara, Preisträger der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit GWK, und die japanische Pianistin Hiroko Arimoto. Beide sind Absolventen der Musikhochschule Detmold.

Dass die deutschsprachige Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts ohne das Schreibheft im Ganzen etwas provinzieller wäre

„Der Leser und Sammler Norbert Wehr überrascht sein Publikum immer wieder mit Neuem, Un-Erhörtem, nie Gesehenem“, schrieb Hannes Krauss (Uni DuE), als Norbert Wehr 2010 den Literaturpreis Ruhr erhielt. Die ZEIT nennt ihn einen „Scout, der uns zeigt, wie anderswo gedacht und gedichtet wird“, und der Standard einen Sammler „ungewöhnliche[r], schöne[r] und seltsame[r] dichterische[r] Erscheinungen“. Dabei ist die herausgeberische Tätigkeit Wehrs, die ja auch die kompositorische, mithin künstlerische Arbeit an jedem einzelnen Heft einschließt, mit all diesen Epitheta nur unzureichend beschrieben. Seine charakteristische Gestalt indes haben dem Schreibheft zweifellos die Dossiers gegeben, jene von Wehr ab Heft 22 in Zusammenarbeit mit Hermann Wallmann entwickelten polyphonen Arrangements, die verschiedene Stimmen (kontrapunktisch, antithetisch, einander ergänzend oder widersprechend) zu einem/r AutorIn, einer AutorInnengruppe oder einer Nationalliteratur zu Schwerpunkten zusammenführen.

So wurde das Schreibheft Mitte der achtziger Jahre – durch die Zusammenarbeit mit dem Amerikanisten Bernd Klähn – zu einem Katalysator der (verspäteten) Rezeption der amerikanischen Postmoderne in Deutschland, von Pynchon und Gaddis bis zu ihren Erben wie David Foster Wallace. Es zeigte seinen LeserInnen das durch den Krieg geprägte und zerfurchte Gesicht der Literatur Jugoslawiens – ob mit einem Schwerpunkt zu Danilo Kiš, einem Dossier über Bora Ćosić oder über „Die tragische Intensität Europas“ von Žarko Radaković und Peter Handke, das die Literatur Serbiens in den Blick rückte. Und mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die deutschsprachige Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts ohne das Schreibheft im Ganzen etwas provinzieller wäre, hätten ihre AutorInnen (viele von ihnen emphatische Schreibheft-LeserInnen) nicht mancherlei Impulse und perspektivische Erweiterungen durch die Dossiers zur zeitgenössischen Poesie erfahren – etwa zur niederländischen, dänischen, belgischen, zur nordirischen oder v.a. zur englischen Lyrik.

(…)

Und im Mai erlebt Essen einen „Angriff der schwierigen Gedichte“. Am 11.5. wird der erst am Vorabend mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnete Charles Bernstein, ein herausragender Vertreter der L=A=N=G=U=A=G=E School um 20 Uhr bei Proust zu Gast sein, gemeinsam mit seinen Übersetzern Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Die Lyrik Bernsteins, die bereits mehrfach im Schreibheft in Übersetzungen vorgestellt wurde, präsentiert sich mal liedhaft, mal aleatorisch, oft poetologisch und gesellschaftskritisch, stets formal avanciert und radikal. Und da der 1950 in New York geborene Bernstein (derzeit Professor an der University of Pennsylvania) obendrein ein hin- und mitreißender ‚Performer’ ist, wird dieser ‚Angriff’ (so viel ist sicher) in Erinnerung bleiben!

Essen kann sich glücklich schätzen: Das Ruhrgebiet liegt zwar nicht am Meer, aber Essen hat mit Norbert Wehr und seinem Schreibheft einen Leuchtturm, dessen Licht weithin sichtbar ist, auch wenn es – wie das bei Leuchttürmen nun mal so ist – meist weniger von den Insulanern oder Küstenbewohnern, aber umso heller von den Reisenden und Navigatoren aus der Ferne wahrgenommen wird. / Maren Jäger, literaturkritik.de

 

Norbert Wehr (Hg.): Schreibheft 84. Wider die Erhabenheit.
Rigodon Verlag, Essen 2015.
192 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-13: 9783924071417
ISSN: 01742132

Internationales Lyrikertreffen Münster

vom 8. bis 10. Mai / Poetry im Vorfeld / Poesiepreis-Verleihung am Schlusstag

148129VMünster (SMS) Die klugen wie unterhaltsamen Prosa-Miniaturen, mit denen die Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer deutsche Balladen kommentiert hat, wertet Hermann Wallmann als eine Art „Vorschule des anreichernden und bereichernden Lesens“. Sie öffnen das Auge für Details und bilden mit den modernen und klassischen Balladen, die Schauspieler Gerhard Mohr vom Theater Münster vortragen wird, einen sprachgewaltigen Auftakt für das Internationale Lyrikertreffen. Vom 8. bis 10. Mai steht Münster ganz im Zeichen der Dichtkunst. Drei Tage Lyrik pur – modern, lebendig und weltoffen.

Die 19. Ausgabe, gemeinsam ausgerichtet vom städtischen Kulturamt und Literaturverein Münster, verspricht mit ihren Kontrasten hochinteressante Einblicke in die Stimmenvielfalt aktueller Poesie. Lyriker von Renommee und aufstrebende junge Namen sind der Einladung des künstlerischen Leiters gefolgt, viele von ihnen – darunter Esther Kinsky, Uljana Wolf oder die Österreicherin Maja Haderlap – sind Träger wichtiger Literaturauszeichnungen. Hermann Wallmann: „Fast alle arbeiten auch als Übersetzer. Lyrik von heute bedeutet Belesenheit, Mehrsprachigkeit, poetologische Reflexion, internationalen Austausch.“

Dass die Übersetzung von Lyrik selbst schöpferische Leistung ist, das würdigt die Stadt Münster mit ihrem bundesweit einmaligen Preis für Internationale Poesie. Sie vergibt ihn – seit 1993 – traditionell am Schlusstag des Lyrikertreffens. „Diese Auszeichnung ist im besten Sinn eine Anerkennung für Verständigung, für Vermittlung über Sprachräume und Grenzen hinweg“, unterstreicht Kulturamtsleiterin Frauke Schnell die Aktualität. „Der Poesiepreis ist eine wichtige Auszeichnung in der Friedensstadt Münster.“ Mit Charles Bernstein wird ein Verfechter des „Schwierigen Gedichtes“ geehrt. Der Amerikaner gilt seit den 1970er Jahren als prominentester Vertreter der „language poetry“. Neben Bernstein geht der Preis an zwei Kollektive, die bei ihren Übersetzungen ungewöhnliche Wege beschreiten, sich vom Original lösen und dem übersetzten Gedicht eine eigene Sprache verleihen. Vertiefen lässt sich das beim Lyrikertreffen: Ein öffentlicher Workshop lädt zum Experimentieren mit Sprache und Sprechen ein.

Lyrik im Genre-Mix

Das ist eine spannende Verbindung zu Poetry 2015. Bereits im April beginnt ein umfangreiches Programm, in dem sich Lyrik mit anderen Künsten verbindet in Filmen, Sprechduetten, Musik, Fotografien, Videoclips. Beide, das Poetry-Programm und das Lyrikertreffen, widmen sich dem Thema Portrait. So gilt das „in memorian“ Helga M. Novak (1935-2013). Silke Scheuermann liest die expressiven Liebesgedichte der „Wutbürgerin“ (Tagesspiegel), die – aus der DDR ausgebürgert – isländische Staatsbürgerin wurde. Joachim Sartorius portraitiert mit Wallace M. Stevens einen der größten amerikanischen Dichter des 20. Jahrhunderts.

Abendlesungen

Auffälliges Thema in der Gegenwartslyrik ist Natur und Naturgeschichte – auch eines der Schwerpunktthemen in Münster. So nimmt Esther Kinsky (mit ihrem Roman „Am Fluss“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises) die Vegetation einer Landschaft zum Ausgangspunkt für ausgedehnte lyrische Streifzüge. Heinrich Detering, renommierter Literaturwissenschaftler aus Göttingen, holt Welt und Geschichte in den Vers. Maja Haderlap wendet sich der politisch registrierten Landschaft zu. Wie auch Daniela Danz, die sich der Chiffre „V“ wie Vaterland widmet und fragt, was Europa, was die Gesellschaft zusammenhält. Mit klugem Witz betrachtet der junge polnische Lyriker Tadeusz Dąbrowski die Welt. Strengen formalen Regeln unterwirft der Leipziger Thomas Kunst die Sprache, wenn er Geschichten in komplexen Sonettenkränzen erzählt. Der Leipziger – zugleich als Gitarrist in der improvisierten Musik zuhause – schreibt intensive Gedichte, erotische Liebesgeschichten, Zeilen vom Leben und vom Scheitern, die unter die Haut gehen.

Auf eine persönliche und lebensnahe Vermittlung für Lyrik setzen auch die Schullesungen. Viele Dichter kommen in die Klassenzimmer. Sie sind nicht nur in den Oberstufen zu Gast, sondern innerhalb des Angebotes „Kulturrucksack“ auch bei den 10- bis 14-Jährigen.

Kartenvorverkauf im Theater Münster, Telefon 59 09 100. Ein ausführliches Programmheft gibt es in der Münster Information, Stadthaus 1; www.lyrikertreffen.muenster.de

Ihre Gedichte schreiben Naturgeschichte: Die Lyrikerin Silke Scheuermann. Foto: Kirsten Bucher.

Ihre Gedichte schreiben Naturgeschichte: Die Lyrikerin Silke Scheuermann. Foto: Kirsten Bucher

Seine Gedichte wirken leicht und beschwingt: Tadeusz Dabrowski liest beim Lyrikertreffen in Münster. Foto: Renata Dabrowski

Seine Gedichte wirken leicht und beschwingt: Tadeusz Dabrowski liest beim Lyrikertreffen in Münster. Foto: Renata Dabrowski

Seine Werke sind musikalisch inspiriert: Der Autor und Gitarrist Thomas Kunst. Foto: Mayjia Gille

Seine Werke sind musikalisch inspiriert: Der Autor und Gitarrist Thomas Kunst. Foto: Mayjia Gille

44. Souveräne Experimente

Poesiepreis der Stadt Münster an Charles Bernstein und zwei Übersetzerteams

Er selbst beschreibt seine Dichtung „als Spiel zwischen den Genres und Formgattungen“: Der amerikanische Dichter Charles Bernstein wird für sein breitgefächertes und hochkomplexes Werk mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnet. Geehrt werden der gebürtige New Yorker und zwei voneinander getrennt arbeitende Übersetzerteams für die Bände „Gedichte und Übersetzen“ (2013) und „Angriff der Schwierigen Gedichte“ (2014). Dies hat der Rat der Stadt am 10. Dezember auf Vorschlag einer Fachjury bestätigt.
Die Ehrung erfolgt am 10. Mai in Münster zum Abschluss des Internationalen Lyrikertreffens. Der Autor auf der einen und die Übersetzerteams auf der anderen Seite teilen sich die Preissumme von insgesamt 15 500 Euro.

Charles Bernstein (Jahrgang 1950) ist Dichter, Theoretiker, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Der Harvard-Absolvent und Professor für Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Pennsylvania gilt als einflussreicher Mitbegründer und herausragender Vertreter der „language poetry“. Diese avantgardistische Strömung bildete sich aus der von Bernstein Ende der 1970er Jahre mit herausgegebenen Zeitschrift “L=A=N=G=U=A=G=E“ heraus, einem Forum kritisch-poetologischen Denkens und experimentellen Schreibens.

„Bernstein schlägt in seinen formal avancierten schwierigen und luziden poetischen Texten, die so souverän wie risikoreich mit den literarischen Formen und Genres experimentieren, die unterschiedlichsten Töne an“, urteilt die Jury. Die Poesie Bernsteins umfasse „intertextuelle Montagen, von Dada angeregte Lautgedichte, aleatorisch konzipierte Arbeiten, liedhaft komponierte Stücke, explizit gesellschaftskritische Verse und polemische Interventionen in den Literaturbetrieb“.

Digitale Lyrik

Zu den Buchveröffentlichungen des Amerikaners gehören „My Way: Speeches and Poems“ (1999), „With Strings: Poems“ (2001), „Girly Man“ (2006) und zuletzt der Gedichtband „All the Whiskey in Heaven“ (2011). Bereits Anfang der 1990er Jahre gründete Bernstein im World Wide Web ein Online-Portal für digitale Lyrik. Charles Bernstein, der in Philadelphia lebt, ist ernanntes Mitglied der „American Academy of Arts and Sciences“, eine der renommiertesten Gelehrtengesellschaften der USA.

Ohne begnadete Übersetzer ist internationale Poesie nicht möglich. Als preiswürdig erachtet die Jury zwei Bände, die Teile aus Bernsteins Werk in die deutsche Sprache übertrugen und dabei anstelle einer herkömmlichen exakten Reproduktion des Originalgedichtes andere Maßstäbe wählen, beispielsweise das Übersetzen auch als Um- und Weiterdichten verstehen. Der Auswahlband „Gedichte und Übersetzen“, erschienen im Wiener Verlag Edition Korrespondenzen, wurde von der Gruppe „VERSATORIUM“ herausgegeben, einem Zusammenschluss junger Forscher und Übersetzer um den Dichter Peter Waterhouse. Zugleich geht Münsters Poesiepreis an das Dichterquartett Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler für ihre Leistung in dem zweisprachigen Band „Angriff der Schwierigen Gedichte“ (Luxbooks, Wiesbaden).

Schwierige Gedichte? Es ist Charles Bernstein selbst, der Mut macht, sie zu lesen: „Lassen Sie sich nicht von dem Gedicht einschüchtern!“ Das schwierige Gedicht wolle häufig provozieren und das sei nur ein Versuch, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Bernstein: „Manchmal verhält es sich so, dass das provokante Verhalten ein Ende nimmt, sobald Sie dem Gedicht Ihre volle Aufmerksamkeit schenken (….)“.

Die Stadt Münster vergibt den Poesiepreis für einen Lyrikband und dessen eigenständige und adäquate Übersetzung seit 1993 im Biennale-Rhythmus. Nominiert werden die Preisträger von einer externen Jury. Ihre Mitglieder sind Lyriker und Literaturkritiker Urs Allemann, Literaturkritiker und Herausgeber Michael Braun, Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch, Literaturkritiker, Autor und Herausgeber Johann P. Tammen und Literaturkritiker und Herausgeber Norbert Wehr sowie mit beratender Stimme Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson. 2011 wurde aus der bis dahin auf Europa konzentrierten Auszeichnung der Preis für Internationale Poesie. Preisträger 2013 waren der karibische Nobelpreisträger Derek Walcott und dessen deutscher Übersetzer Werner von Koppenfels.

CHARLES BERNSTEIN

Foto: Presseamt Münster

30. Der übersetzte Brand – Zu Charles Bernstein

Von Volker Sielaff via lyrikkritik.de

Das Gedicht schrieb ich nach der Lektüre des Bandes “Angriff der schwierigen Gedichte” von Charles Bernstein (Luxbooks, 2014), die mir eine lange Zugfahrt kurz erscheinen ließ, obgleich die Bahn sich wieder einiges hatte einfallen lassen, damit der Zug mit angemessener, also ordentlicher, also beträchtlicher Verspätung seinen Zielbahnhof erreichte. Das “übersetzt” im Titel bezieht sich auf Sprachmaterial, das ich teils unverändert, teils bearbeitet, aus einem Online-Übersetzerprogramm übernommen habe, und vielleicht auch darauf, wie wir mit Nachrichten, die uns, als Sprache, erreichen, umgehen; wie wir sie (uns) übersetzen, erträglich machen, wie die unterschiedlichen Nachrichten einander überlagern, sich mit (friedlicheren) Alltagsbildern vermischen usw. Bernstein, dessen Werk ich nicht kannte, scheint ein Meister darin zu sein, mit diesem Hybridmaterial umzugehen, es für die Dichtung nutzbar zu machen. Das Gedicht ist eine kleine Danksagung an den Autor und an seine deutschen Übersetzer, die ich hier ausdrücklich erwähnen möchte: Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler.

Der übersetzte Brand

(für Charles Bernstein)

rundum die Maschine zu brennen begann
und er wollte sie löschen, mit Schaum,
was aber, schlug er Alarm, nicht gelang
und Fische herum aus Überseen, Küsten
“bedroht weil sie aufzählen alles in Dollar”
und schicken ihr Brot, in die, es abzuwerfen
wie Waffen aus einem Helikopter, Maschine.
rundum die Maschine zu heizen begann
sprang an die Bombe, aus Splittern kleben
jedes Detail der Schale ein Unikat,
“wo vieler Wälder Gesundheit wichtiger ist”
rundum die Maschine zu weinen begann
“ein ganzes Volk wird so zum Totalausfall”
wie herzzerreißend ein einseifender Seeblick ist
auf Verständlichkeit zu prüfen, und die Maschine
auf Richtigkeit ihrer Berechnungen – vertippen
Sie sich mal und halten Eos der Morghen
röte ein Auge zu, verletzter Buchstabe, Eh und Uh
bis die Tinte verläuft in dem Spiegel, Es
und alle Sonnen schauen zu.

8. Charles Bernstein

Aus Jan Kuhlbrodts Besprechung des neuen Bandes von Charles Bernstein bei Signaturen:

Auf das Buch der Gruppe Versatorium hatte ich an dieser Stelle schon hingewiesen. Jetzt also ist (endlich) die umfangreiche Sammlung Angriff der schwierigen Gedichte der Gruppe um Norbert Lange im Wiesbadener Verlag luxbooks erschienen.

Charles Bernstein wurde 1950 in New York geboren. Er gehört zur Gruppe der L=A=N=G=U=A=G=E Poets, deren Zusammenhang eher in theoretischen Überlegungen, als in ihren lyrischen Produkten zu finden ist. Zentral ist die aktive Rolle des Lesers, der in der Rezeption den Text gewissermaßen erst hervorbringt und somit auch den Autor und dessen quasi natürliche Präsenz hinter dem Text verschwinden lässt. Zugespitzt formuliert wird das tradierte Verhältnis von Leser und Autor in einen dynamischen Prozess umgewandelt. Diese Position ist mir sehr nahe, nicht nur, weil damit dem Autor das Deutungsprivileg am eigenen Text abgesprochen wird.

Natürlich ergeben sich daraus für eine Übersetzung enorme Konsequenzen und die Frage der Texttreue stellt sich auf einer anderen Ebene neu. Was bedeutet das Original? Und worin besteht der Versuch, ihm nahezukommen. Während das Buch der Versatoriumgruppe dieses Problem versucht auf eine gewisse spielerische Art zu lösen, und dabei die Grenzen des Mediums erweitert und überschreitet, findet es hier einen rein literarischen, aber dabei nicht minder konsequenten Niederschlag. Der Leser (und damit auch der Übersetzer, der ja zunächst auch nichts anderes ist als Leser) trägt gewissermaßen seinen eigenen Referenzrahmen an das Gedicht heran, verwandelt es. Verwandelt es in eine andere Sprache zuweilen, aber immer in ein anderes Gedicht. Das bedeutet aber auch, dass der Leser während der Lektüre nicht in die Rolle des passiven Beobachters entlassen wird. Das ganze bleibt Prozess und das Gedicht verändert sich bei jeder Lektüre.

Charles Bernstein: Angriff der schwierigen Gedichte. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Wiesbaden (luxbooks) 2014. 380 Seiten. 29,80 Euro.

98. Labor

Donnerstag, 30. Januar 2014, 20 Uhr, Eintritt frei

der Andere bin ich

Rezitation: Denis Abrahams, Moderation: Tom Bresemann
literaturlabor in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat
Mehringdamm 61, 1091 Berlin, U6/U7 Mehringdamm

Der Februar kommt … das literaturlabor in der Lettrétage geht. Und zwar in die dritte Runde. Gefördert vom Berliner Senat sind im kommenden Monat u.a. Daniela Seel, Mara Genschel, Simone Kornappel, Nikola Richter (und ihr mikrotext Verlag), Richard Duraj, Martin Lechner und Sonja vom Brocke als LaborantInnen am Mehringdamm 61 tätig.

Und: Das literaturlabor in der Lettrétage hat neben dem Mehringdamm 61 eine Online-Dependance eröffnet. Dort streitet Konstantin Ames mit einem gewissen Wimpernknecht Zuß über den Unterschied von Polemik und Poetik, darüber hinaus sind dort auch viele Videos der bisherigen Laboruntersuchungen anzuschauen, mit Sandra Gugic, Lukas Lauermann, Maik Lippert, Valeri Scherstjanoi u.v.a. Checken Sie das doch ruhig mal aus!

Unsere letzte labor-Veranstaltung im Januar: Unser Stammrezitator Denis Abrahams liest gegenwärtige Gedichte lebender, jüngerer LyrikerInnen. Dahingehend Labor, als dass sich derzeit kaum Rezitatoren mit dem Feld der Gegenwartslyrik auseinandersetzen. Zum Einen liegt das wohl an der großen Bühnenpräsenz der gegenwärtigen AutorInnen selbst, zum Anderen aber – so möchten wir im literaturlabor fragen – vielleicht auch in der Natur der Sache? In welcher eigentlich, das wäre dann noch hinterherzufragen – der des Rezitators, seiner Werkzeuge und Praxis oder der des schlichtweg “unlesbaren”, weil als kompliziert und unverständlich verstandenen Gegenwartsgedichts?

Wir haben uns für die erste Option entschieden und den Rezitator Denis Abrahams eingeladen, sich mit den Texten einiger gegenwärtiger LyrikerInnen wie Ann Cotten, Elke Erb, Mathias Traxler u.a. auseinanderzusetzen, und sich damit, ganz im Sinne des literaturlabors, an einer Rekalibrierung rezitatorischer Werkzeuge zur Literaturvermittlung zu versuchen.

Im Namen der Lettrétage lädt Sie dazu herzlich ein
Tom Bresemann

Alle weiteren Infos: www.lettretage.de

22. meine drei lyrischen ichs

Münchens Lesereihe für neue Lyrik

18.07.13 mit TRAXLER, WESTHEUSER und ROTH

Vor Kurzem hatten wir die Freude, für jetzt.de das ABC der jungen Münchner Literaturszene schreiben zu dürfen („Zum Rauchen in die Bibliothek“, SZ vom 31. 5.). Zwei Punkte schienen uns dabei wichtig: Zum einen stimmt das Vorurteil nicht, dass man junge Literat_innen vornehmlich in Städten wie Berlin, Leipzig und Hildesheim antreffen kann. Auch in München ist die Zahl der jungen Schreibenden groß, viel größer, als man denkt. Zum anderen sind diese aber schlechter vernetzt als in jenen Zentren der jungen Literatur, weniger aktiv und präsent im Kulturleben der Stadt.

Deshalb war es von Anfang an das Anliegen unserer Lesereihe, einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich das ändert. Als Lesereihe für junge Lyrik in München geht es uns um die Begegnung mit anderen Szenen: der jungen Kunst-Szene der Stadt und den Lyrik-Szenen im ganzen deutschsprachigen Raum. Dabei stehen wir für ein Verständnis von Kunst, das in Künstler_innen nicht introvertierte, geniale Einzelgänger_innen sieht, sondern Akteure im sozialen Raum. Ihr Vermögen besteht in ihrem je speziellen Zugriff auf diesen Raum, nicht darin, den Zugriff zum eigenen Werk möglichst exklusiv zu gestalten. Als Beschäftigung mit kollektiv interessanten Themen, ist Kunst kollektive Praxis.

Es ist aus dieser Perspektive nicht übertrieben, für unsere Sommerlesung von einem Highlight zu sprechen. Mit Mathias Traxler und Linus Westheuser kommen zwei Lyriker aus Berlin, die jede Lesung in ein Ereignis verwandeln: Nicht nur entsteht ihr Text jeweils erst beim Lesen, sondern geschieht dies auch mit sensibler Berücksichtigung der Lesesituation. Der Münchner Tobias Roth setzt dem ein Langgedicht entgegen, das die Leerstelle nach dem Erdbeben in Mantua literarisch zu füllen sucht. Konfrontiert wird dies mit der Kunst Andreas Peiffers, dessen Installationen für die alten Bierlagerhallen des Einstein geradezu prädestiniert sind.

LYRIK

Mathias Traxler, 1973 in Basel geboren, lebt seit 1999 in Berlin. Im gleichen Jahr wurde im Theaterdiscounter Berlin die szenische Lesung »WALLeinsamkeit« mit Gedichten und Texten von ihm aufgeführt. Mathias Traxler hat seither in zahlreichen Leseauftritten und zusammen mit anderen Autor_innen die Möglichkeiten der Improvisation mit eigenen und Texten anderer weiterentwickelt. 2011 erschien sein Debüt „You’re welcome“ bei kookbooks.

Linus Westheuser wurde 1989 in Berlin geboren, wo er nach Aufenthalten in Oldenburg, San Francisco und London heute wieder lebt. Er ist Mitglied des Lyrikkollektivs G13, war Finalist beim 20. open mike und arbeitet derzeit an seinem ersten Gedichtband, der ebenfalls bei kookbooks erscheinen wird.

Tobias Roth, 1985 in München geboren, arbeitet als freier Autor, Übersetzer, Kritiker und Literaturwissenschaftler. Der Münchner gewann nach anderen Auszeichnungen beim diesjährigen Literarischen März in Darmstadt den „Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis“. Sein Debüt „Aus Waben“ erschien im selben Monat beim Verlagshaus J. Frank.

KUNST

Andreas Peiffer, geboren 1982 in Marktheidenfeld, lebt in München. Er studierte Freie Kunst an der Muthesius Kunsthochschule Kiel und absolvierte an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Olaf Metzel. Seine Arbeiten befragen in großformatigen und raumgreifenden Umsetzungen die Dynamiken von Größe, Material und Gewicht, die sich zwischen Objekt, Raum und Betrachter_in entfalten.

Zeit: 20 Uhr
Ort: Einstein Kultur, Einsteinstraße 42 (U 4/5 Max-Weber-Platz)
Eintritt: 4/6 Euro

Moderation: Tillmann Severin und Tristan Marquardt

Quelle

37. Angriff der schwierigen Gedichte

Dienstag, 11. September 2012, 19:30 Uhr, Eintritt 5 Euro/ Erm. 4 Euro
Lettrétage, Berlin-Kreuzberg
Angriff der schwierigen Gedichte
Lesung mit Charles Bernstein, Norbert Lange, Tobias Amslinger, Dennis Büscher-Ulbrich und Mathias Traxler

Nach einem ersten Einblick in die Übersetzerwerkstatt im Februar setzt das Team Bernstein (bestehend aus Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler) seine Erkundung der Gedichte des amerikanischen Lyrikers und Poetologen Charles Bernstein im September fort. Verstärkung erhält das Team diesmal von Dennis Büscher-Ulbrich, der einige poetologische Texte von Bernstein übersetzt hat. Zusammen mit den Gedichten werden wir sie am lebenden Subjekt testen können, denn Charles Bernstein ist diesmal mit Fragen und Antworten persönlich mit von der Partie.

Charles Bernstein, geboren 1950 in New York, wird der literarischen Avantgardebewegung, der sogenannten Language Poetry, zugeordnet. Bernsteins Arbeiten werden häufig durch ihre innovative Sprache als postmodern bezeichnet. Er selbst beschreibt seine Dichtung als Spiel zwischen den Genres und Formgattungen. Bis dato veröffentlichte er mehr als 16 eigenständige Gedichtbände und drei Bücher mit Aufsätzen und Reden. Bernstein lehrte an verschiedenen Universitäten, wie der Columbia, der Brown University und in Princeton. Heute lehrt er an der University of Pennsylvania.

14. Traxlers Konzeptalbum

Eine Art Konzeptalbum: Darin werden die einzelnen Gedichte nicht addiert, sondern miteinander vernetzt, sie bilden ein «Grossgedicht». Durch ihre Nähe zu den Gedichten bekommen selbst die theoretischen, essayistischen Texte eine andere Färbung – indem Traxler sie nicht als Metatexte über die literarischen Texte stellt, sondern darin Verfahren der Gedichte aufnimmt und weiterentwickelt. Mathias Traxler – er ist 1973 in Basel geboren, hat Jura studiert und lebt in Berlin – ist spürbar sprachbesessen, er arbeitet gerne mit Assonanzen und Homofonien. Seine Sprachirritationen und kleinen Sinnverstörungen entwickelt er aus Überschneidungen und der Kontamination von Fremdem, aus dem plötzlichen Abbruch von scheinbar konsistenten Argumentationslinien, die ihren Anfang nicht selten in und aus der Sprachlogik nehmen und sich dann unerwartet gegen diese kehren. Einige Gedichte haben den Gestus des Gedankengedichts, entwickeln eine Idee, verknüpfen Assoziationen – und lassen die Gedankenkette plötzlich auflaufen und versanden. Damit steht Traxler in einer anregenden Auseinandersetzung mit Texten von August Stramm bis hin zu Oswald Egger, ohne dass es epigonal wirkt. / NZZ

Mathias Traxler: You’re welcome. Gedichte / Aufzeichnungen. Verlag Kookbooks, Berlin 2011. 127 S., Fr. 28.40.

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