Getagged: Martin Walser

51. Leipzig liest wieder

Artikel zu lang? Über Lyrik ganz unten

Feuerwerk der Literatur: Von ”Esti” bis ”Hola Chicas!”

Europas größtes Literaturfest ”Leipzig liest” vereint vom 14. bis 17. März 2013 rund 2.900 Autoren und Mitwirkende, 2.800 Veranstaltungen und mehr als 365 Leseorte. Das Lesefestival präsentiert hohe Literatur aus dem In- und Ausland, Thriller und Fantasyromane, Kinder- und Jugendbücher, Comics und Mangas, Sachbücher und Ratgeber sowie Hörbücher und CDs. ”Ob Starautoren oder Debütanten, Prominente oder Sternchen – die Literaturwelt lädt Leser, Zuhörer und Zuschauer nach Leipzig ein, sich auf Entdeckungsreise zu begeben und Mensch und Werk hautnah zu erleben”, erklärt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse.

Hochliteratur aus deutschsprachigen Ländern steht ebenso auf dem Programm wie anspruchsvolle Literatur aus Frankreich, Israel, den USA oder den Staaten Mittel- und Osteuropas. Freunde deutschsprachiger Literatur können sich auf Begegnungen mit Thomas Brussig, Anna Katharina Hahn, Christoph Hein, Reinhard Jirgl, Abbas Khider, Georg Klein, Ursula Krechel, Judith Kuckart, Dirk Kurbjuweit, Eva Menasse, Clemens Meyer, Hans Joachim Schädlich, Martin Walser oder Feridun Zaimoglu freuen. Auch internationale Autoren wie Páter Esterházy und György Konrâd aus Ungarn, der Jungstar Zoran Ferić aus Kroatien, der Europäer Aris Fioretos mit schwedisch-österreichisch-griechischen Wurzeln, der französische Philosoph Andrá Glucksmann, der belarussische Philosoph Valancin Akudovic, die israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk oder Amos Oz, der britische Schriftsteller John Lanchester sowie Serhij Zhadan aus der Ukraine stellen ihre jüngsten Bücher in Leipzig vor.

Die Stadt, die Orte und die Partner

”Eine Entdeckungstour wert sind die 365 Leseorte in der Stadt Leipzig – Kirchen, Anwaltskanzleien, Wein- und Delikatessenläden, Handwerksbetriebe, Shops oder Forschungszentren”, erläutert Buchmessedirektor Oliver Zille. ”Der Erfolg von Europas größtem Lesefestival beruht auf dem Engagement und der Kreativität unserer Partner.” Veranstaltet wird das Lesefestival von der Leipziger Messe in Zusammenarbeit mit der Stadt Leipzig, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., dem Mitteldeutschen Rundfunk, dem Club Bertelsmann, dem Kuratorium ”Haus des Buches” e.V. Leipzig sowie den an der Messe beteiligten Verlagen.

Zu den alljährlichen Höhepunkten gehört das ”Blaue Sofa”, eine Veranstaltungsreihe unter Regie des Clubs Bertelsmann. Literaturstars aus dem In- und Ausland geben im zentralen Eingangsbereich der Leipziger Buchmesse Einblicke in ihr Leben und Werk. Jüdische Lebenswelten gilt es in der gleichnamigen Programmreihe des Clubs Bertelsmann zu ergründen. ”Bei unseren Aktivitäten auf den Buchmessen sind uns zwei Dinge wichtig: Erstens wollen wir die Autoren herausstellen, deren Bücher und Themen wir für ungewöhnlich, bewegend, anregend und hoffentlich auch wirkungsvoll relevant halten”, erläutert Christiane Munsberg, verantwortlich für Kultur beim Club Bertelsmann. ”Da die Verlage zu den Buchmessen viele internationale Autoren einladen, freuen wir uns, dass von den 82 Autoren, mit denen wir in Leipzig Gespräche und Lesungen veranstalten, knapp die Hälfte aus dem Ausland kommen, wie Andrea Hirata, Robert Schindel und Göran Rosenberg. Zweitens wird in Leipzig unsere kuratorische Arbeit durch Kooperationen mit Medien und Institutionen aufgewertet. Gemeinsam erreichen wir so ein größeres, interessanteres und interessierteres Publikum. Beispielsweise präsentieren wir mit der Stanford University den Literaturwissenschaftler Amir Eshel, der eine neue Ethik der Geschichts- und Literaturbetrachtung entworfen hat – in Auseinandersetzung mit den aktuellen Debatten der Philosophie und Kulturkritik sowie mit wichtigen zeitgenössischen Autoren aus den USA, Israel und Deutschland”, so Munsberg.

Auch der MDR setzt auf eine Mischung aus berühmten Literaten wie György Konrâd, prominenten Autoren wie Ben Becker oder Else Buschheuer sowie Nachwuchsschriftstellern wie Florentine Joop oder Florian Freistetter. Die Palette der Veranstaltungen reicht von Autorengesprächen über Lesungen und die Literaturparty LitPop bis zu Sendungen und Live-Hörspielen sowie Konzerten im Rahmen des Musikprojektes CLARA.

Preisverdächtige Literatur

Eine Art Reiseführer für Belletristik, Sachbücher und Übersetzungen in deutscher Sprache ist der Preis der Leipziger Buchmesse. Am ersten Tag des Lesefestes werden die Gewinner ausgezeichnet. Sieger und Nominierte präsentieren sich und ihre Bücher am ersten und zweiten Messetag dem Leipziger Publikum. In der Kategorie ”Belletristik” sind nominiert: Ralph Dohrmann ”Kronhardt”, Lisa Kränzler ”Nachhinein”, Birk Meinhard ”Brüder und Schwestern”, David Wagner ”Leben” sowie Anna Weidenholzer ”Der Winter tut den Fischen gut”.

Bestsellerautoren zu Gast in Leipzig

Zahlreiche Bestsellerautoren werden zum Leipziger Bücherfrühling von einem großen Publikum erwartet: Die US-Amerikaner Shalom Auslander, Dave Eggers, Joey Goebel und der Comiczeichner Chris Ware, der Israeli Edgar Keret, Sarah Quigley aus Neuseeland, die deutschsprachigen Autoren Emily Bold, Jakob Hein, Dora Heldt, Sabine Ebert, Tilman Rammstedt, Astrid Rosenfeld sowie Publizisten und Sachbuchautoren wie Götz Aly, Jakob Augstein, Margot Käßmann, Claus Kleber und Katharina Saalfrank reisen in die Sachsenmetropole. In der Veranstaltung ”buecher.macher” diskutiert Felicitas von Lovenberg unter anderem mit Jo Lendle und Judith Schalansky über nicht weniger als ”Die Zukunft der Bücher”.

Leipzig politisch

Politiker aller Parteien geben sich zum Superwahljahr ein Stelldichein in Leipzig. Spannende Debatten und interessante Geschichten bieten Claudia Roth und Antje Vollmer von Bündnis90/Die Grünen, Marina Weisband von der Piratenpartei, Johannes Beermann und Thomas de Mazière von der CDU, Gregor Gysi und Wolfgang Zimmermann, Die Linke, sowie die SPD-Politiker Egon Bahr, Hans Eichel, Burkhard Jung, Friedrich Schorlemmer, Peer Steinbrück und Wolfgang Tiefensee.

Promis, Bios und Einkaufszettel

Der Schauspieler Heiner Lauterbach zählt zu Deutschlands bekanntesten Film- und Fernsehgesichtern. Zur diesjährigen Leipziger Buchmesse wird er seine druckfrische Biografie vorstellen. Unter dem Titel ”Man lebt nur zweimal” zieht er seine persönliche Bilanz zum 60. Geburtstag und erzählt offen und selbstkritisch über seinen Lebenswandel, Liebe, Erfolg, Gesundheit und Verantwortung. Lauterbach ist nicht der einzige, der mit einer Biografie zur Buchmesse anreist: Waldemar Hartmann, Christine Kaufmann, Joy Fleming sowie Wolfgang Winkler & Jaecki Schwarz und Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals haben ebenfalls einiges über ihr Leben zu berichten. Auch Michail Gorbatschow stellt in Leipzig seine Autobiografie ”Alles zu seiner Zeit. Mein Leben” vor. Und Egon Bahr wirft mit seinem Buch ”Das musst du erzählen” einen Blick auf seinen Freund Willy Brandt.

Laufsteg Leipzig: Unter dem Titel ”Hola Chicas!” erzählt Jorge Gonzalez, Modelcoach und Catwalk-Trainer, über seinen bisherigen Lebensweg. Einen ”Fashion Rath für die Frau” erteilt Modedesigner Thomas Rath. Beide waren Jurymitglieder der Pro7 TV-Show ”Germany’s next Topmodel”.

Die Schauspielerin Andrea Sawatzki begibt sich mit ihrem Debütroman ”Ein allzu braves Mädchen” auf neues Terrain. RTL-Moderatorin Katja Burkard möchte mit ihrem Kinderbuchdebüt ”Rundherum und hin und her – Zähneputzen ist nicht schwer” Kinder auf spielerische Weise zum regelmäßigen Zähneputzen animieren. Der Schauspieler Hanns Zischler legt einen Text- und Fotoband zu seiner Heimatstadt Berlin vor. Und Komiker Wigald Boning präsentiert dem Leipziger Publikum sein Buch über Einkaufszettel.

Unabhängig, ungewöhnlich und unentdeckt?

Unabhängige Verlage stellen in Leipzig ein Programm mit anspruchsvollen Themen und literarischen Formen jenseits des Massengeschmacks und der gängigen Hauptströmungen vor. Hierzu gehört die preisverdächtige Schriftstellerin Lisa Kränzler ebenso wie Thrillerautor Anselm Neft oder die Lyriker Thilo Krause und Nora Gomringer.

Das komplette Programm ist online auch auf mobilen Endgeräten unter www.leipzig-liest.de verfügbar.

Dieser Text ist eine Pressemeldung der Leipziger Buchmesse, alle Schreibweisen fremdsprachiger Namen sowie wertende Adjektive etc. sind Eigentum der Aussender. Lediglich bei der Verschlagwortung habe ich mich um korrekte Schreibung bemüht.

Lustig (also signifikant) scheint mir die (unfreiwillige?) Opposition Hochliteratur - anspruchsvolle Literatur in diesem Satz: ”Hochliteratur aus deutschsprachigen Ländern steht ebenso auf dem Programm wie anspruchsvolle Literatur aus Frankreich, Israel, den USA oder den Staaten Mittel- und Osteuropas.” Auch der Platz der Lyrik in der langen Meldung ist korrekt im Sinne von ihrem Platz im Denken der Aussender – also in der Wirklichkeit – entsprechend: am unteren Rand. Diese Passage ist so schön (verräterisch), daß ich sie hier noch einmal komplett einrücke:

Unabhängig, ungewöhnlich und unentdeckt?

Unabhängige Verlage stellen in Leipzig ein Programm mit anspruchsvollen Themen und literarischen Formen jenseits des Massengeschmacks und der gängigen Hauptströmungen vor. Hierzu gehört die preisverdächtige Schriftstellerin Lisa Kränzler ebenso wie Thrillerautor Anselm Neft oder die Lyriker Thilo Krause und Nora Gomringer.

Freuen wir uns auf die Entdeckung Nora Gomringers durch die Leipziger Messe!

15. Bender und Schoenberner

Zuerst Bender:

Der tote Gefangene.
Geschoren,
entkleidet,
auf den Schlitten,
tief im Schnee
nacktgebunden
mit zwei Schnüren.
Ein Hungernder zieht,
ein Spitzel schiebt,
ein Priester,
ohne Kreuz,
im Spurgeleis der Kufen.

Dann Schoenberner:

… Gierig kauend
gingen in Auschwitz
die nackten Gefangenen
die Gewehrläufe im Rücken
an die Schwarze Wand

Oder:

Grabinschrift / Gestorben in Nicaragua / im Winter 89 / an einer Kugel aus USA

Beide haben diesen konstatierenden Stil. Beide tendieren zur Idylle. Die muss kein bisschen entspannt oder selig sein. Es ist bei beiden eher eine Idylle des Grauens.

Bei Bender ist es ein in seinem Jahrhundert frierendes Ich. Bei Schoenberner ist es der andauernde tödliche Umstand der Zeitgeschichte. Wenn Hans Bender im D-Zug durch Südbaden fährt und draußen ein Haseforthoppelt im grünen Feld / aus Angst, dann steht bei Schoenberner: Und ich mit meiner keltischen Angst: / Der Himmel, der blaue, stürzt über uns ein.

(…)

Es ist kein härterer, kein genauerer Geschichtsunterricht denkbar als der, der so krass unterschiedlich in diesen Gedichten stattfindet. Das deutsche 20. Jahrhundert zweimal in »präziser, illusionsloser Klarheit«. Bei Bender erscheint Der Schulkamerad, jetzt ein alter Mann im Garten, aber: Trug er nicht / die schwarze Uniform / mit Orden. Runen / und dem Totenkopf? / Er reckt sich, / lächelt, / weil er mich / erkennt. / Und ich, der / sich erinnert / hebe schwer / die Hand / zum Gruß.

Gerhard Schoenberner im Kapitel Kein Frieden:

Was sie den Wehrlosen antaten / sollen sie erfahren, eins nach dem anderen / ohne Ausnahme, bis sie verrecken …

/ Martin Walser, Die Zeit

BENDER, Hans
O Abendstunde
Ausgewählte Gedichte, mit einem Nachwort von Arnold Stadler.
2011. 40 Seiten. Format 14 x 23 cm. Fadenheftung, broschiert.
1. Auflage dieser Ausgbe in 300 Exemplaren
ISBN: 943148-03-9. EURO 12,–

Gerhard Schoenberner
FAZIT
Prosagedichte
Literaturbibliothek
Hardcover
ISBN 3-88619-488-9

9. Literaturbetriebstheorien

“Der Literaturbetrieb. Texte – Märkte – Medien. Eine Einführung” von Steffen Richter bespricht David Christopher Assmann. Richter stelle der Einführung in den Literaturbetrieb zunächst eine Einführung in verschiedene Literaturbetriebstheorien voran. Der Rezensent stellt dazu fest:

“Unabhängig von der Frage, ob dies möglich oder wünschenswert wäre, steht eine kohärente Theorie des Literaturbetriebs denn auch noch aus”

und fährt fort:

“Einleitend betont Richter, dass es seiner Einführung insbesondere um die Bedeutung der Digitalisierung für den Literaturbetrieb geht (vgl. S. 13). Hätten die vorliegenden Einführungen in den Literaturbetrieb (Plachta, Neuhaus) diesen wichtigen Aspekt eher vernachlässigt, wolle er das Verhältnis zwischen Betrieb und Medien stärker betonen. Dies gelingt anhand von Abschnitten über den Zusammenhang von Internet und Literatur sowie zu Veränderungen durch E-Book und Google. Beobachtet Richter dabei nicht zuletzt ‘massive’ und ‘unübersehbare’ ‘Verwerfungen, die das literarische Feld durch die Digitalisierung erfährt’ (S. 124), sympathisiert der Band indes durchaus mit eben jenem Phänomen, das er an anderer Stelle selbst thematisiert. Denn die Rede vom Betrieb ist scheinbar unvermeidlich mit der Betriebskrise verbunden: Die Krise der Literaturkritik, des Verlagswesens, einzelner Professionen (etwa der des Lektors) sowie der Literatur insgesamt, die von Medialisierung, Ökonomisierung, Eventisierung oder eben Digitalisierung bedroht sei, sind nur einige Ausläufer dieses immer wieder neu entfachten kulturkritischen Diskurses … An anderer Stelle, wenn auch eher kursorisch, so doch aber scharfsinnig und völlig zu Recht, weist Richter denn auch darauf hin, dass sich der Literaturbetrieb der Gegenwart durch eine gesteigerte Selbstreflexivität auszeichnet, die sich zum einen in diversen literaturkritischen Debatten zeigt – nicht zuletzt zur vermeintlichen oder tatsächlichen Krise des Betriebs und der Literatur – und sich zum anderen in sogenannter Literaturbetriebsliteratur äußert. Das Krisengerede gerät zum Gegenstand der Literatur und wird dort als Katalysator für literarische Reflexionen über das Verhältnis zwischen Literatur und Betrieb genutzt.” WLA

86. Der Fall Anders? Nein – der Fall des Literaturbeamten

Eine Schmähschrift

Von Michael Gratz

(Aus: Wiecker Bote 27-29/1999)

Als ich einmal, in DDR-Jahren, zornig das Wort Beamte gebrauchte, wurde mir Belehrung zuteil: die gebe es in der DDR nicht. Voilà – diese Tür steht vielen offen.

Beamte in der Literatur? Ja, als Türsteher. Jack London wußte davon: Die Versager in der Literatur bewachen den Eingang zur Literatur (in dem Roman Martin Eden – hier aus dem Gedächtnis zitiert. Kann das mal irgendein Beamter nachprüfen? Als Überprüfer, als Aufpasser.) Das gab es nicht nur vor hundert Jahren in Amerika. Das gab es nicht nur in der DDR. Fangen wir mit der an. Ein Schriftsteller, der Bulgarisch konnte, in Bulgarien gelebt und gelesen und wohl gar eine Bulgarin geheiratet hatte, wollte bulgarische Literatur übersetzen.

Sagte ihm ein Kontrolleur (nicht notwendig von der Stasi): es gebe fünf Bulgarischübersetzer in der DDR, und es werde keinen sechsten geben.

Sagte ein langjähriger Büchnerpreisrichter: Solange er in der Jury sei, werde kein Kommunist den Preis erhalten. (Er meinte nicht Bertolt Brecht oder, nun ja, Hermann Kant, sondern Martin Walser, der dazumal nicht nur ein weltberühmter Schriftsteller war, der ein paar seiner besten Bücher schon geschrieben hatte, sondern gerade eine Zeitlang mit der DKP (”Deutschen Kommunistischen Partei”) techtelmechtelte. – Er hat den Preis schließlich doch noch erhalten – da war die DKP-Phase lange ausgestanden, die Kultur gerettet.

Sagte ein altgedienter Rundfunkredakteur einer großen Landesrundfunkanstalt, als ihm eine Autorin für eine Veranstaltung vorgeschlagen wurde: Kenne ich nicht. Hielt er das für ein Argument?

Sagte eine bekannte Kritikerin zum Autor: Herr Anders, Sie veröffentlichen bei Galrev?

Sagte ein, anderer, Großkritiker: Bücher bei Galrev bespreche ich nicht.

Sagte ein, anderer, Literaturbeamter: ein Literaturpreis, der mit zehntausend Mark dotiert ist, ist klein unter den Literaturpreisen Deutschlands; aber mit dem Namen Wolfgang Koeppen rutschen Sie gut und gerne 3.000 DM höher.

Sagte ein Literaturredakteur und Groß-Feuilleton-Macher: einen Koeppenpreis, der nicht von MRR verliehen wurde, erwähnen wir gar nicht.

Sagte MRR zu seinem Millionenpublikum: Wolfgang Koeppen ist zweifellos einer der ganz bedeutenden Autoren dieses Jahrhunderts, und es ist alles andere als ein Zufall, daß ich ihn entdeckt habe, damals, Anfang der sechziger Jahre. Aber sagen Sie mir, was soll ein Prreis bedeuten, noch dazu ein Prreis mit diesem Namen, bei dem ich nicht in der Jury war?

Sagte sagte sagte. So reden sie, so reden sie, so reden wir alle Tage. – Um bei der Wahrheit (was ist Wahrheit?) zu bleiben: die letzten zwei ”Sagte” sind erfunden und erlogen. Wahr ist vielmehr,

… daß sie den Preis nicht erwähnt haben

… daß MRR nicht in der Jury war

… daß das Fernsehen nicht zur Preisverleihung nach Greifswald am Bodden reiste

… daß keine der eingeladenen und uneingeladenen Zeitungsredaktionen neugierig war, was das für ein Preis ist, der da – in Greifswald am Bodden – nach dem großen Koeppen benannt wurde

… daß keiner neugierig genug war auf den Autor, dem der neue Preis zuerst zuerkannt wurde (und der ganz allein den zwei Jahre später fälligen Nachfolger vorschlagen darf). Anders? Kenne ich nicht? Koeppen? Fragen wir mal MRR. Literatur? Bestimmen immer noch wir.

… daß es einer großen Schweizer Tageszeitung vorbehalten blieb, zum 70. Geburtstag des Autors Richard Anders auf ihn als ”letzten Surrealisten” hinzuweisen.

… daß eine große deutsche Wochenzeitung im Dezember 1999 – pünktlich zur Preisverleihung und ein halbes Jahr nach Erscheinen eines neuen Gedichtbandes von Richard Anders – eine Rezension annahm, in welcher zum Schluß der Koeppenpreis erwähnt werden durfte. Wahr ist aber auch

… daß eine große deutsche Wochenzeitung bis heute (ein halbes Jahr nach dem Fest, ein Jahr nach Erscheinen des Buches) keinen Platz (keine Zeit?) fand, die Rezension abzudrucken. Hoffentlich haben sie sie wenigstens bezahlt. Wir dürfen davon ausgehen; denn auch dies ist wahr: daß in Deutschland zwar kaum ein Dichter, dafür aber hunderte, tausende Sekundärverwerter, als da sind Rezensenten, Interpreten, Lehrer, Dozenten, Assistenten, Professoren, Kommentatoren … von Gedichten leben können.

Ich bekenne, ich habe gelebt. (Titel der Memoiren des chilenischen Dichters Pablo Neruda).

Ich bekenne, ich habe von Pablo Neruda gelebt. (Überlieferter Ausspruch des deutschen – in der DDR lebenden – Dichters Erich Arendt, der seinen Lebensunterhalt zwar nicht als Dichter, aber als Nachdichter eines Dichters verdiente.) – Ein Glücksfall, weil zwei Umstände zusammentrafen: daß Nachdichten in der DDR – anders als in der Bundesrepublik; und anders als Selberdichten auch in der DDR – gut bezahlt wurde (immer relativ, natürlich; also bitte nicht mit Schlagersängern oder Tennisspielern vergleichen); und zweitens, daß Neruda nicht nur Dichter, sondern auch Kommunist war. (Was ihm vielleicht den Büchnerpreis erspart hätte, aber nicht, andere Länder andere Sitten, den Nobelpreis).

Auch dies ist wahr

: Als Wolfgang Koeppen beigesetzt wurde, sprachen etliche bedeutende Leute aus Politik und Kulturbetrieb. (Als letzter MRR). Unter den Trauergästen waren wenig Autorenkollegen; es kam kein Kanz vom Kranzler, und kein Fernsehen.

: Bei der Beisetzung mehrerer Anwesender wird – leicht vorherzusehen – es an Kranz und Kamera nicht fehlen. (Einige, gewisse, sogenannte werden ihre Bedeutung gewissen Autoren verdanken). Das ist wahr. Wahr auch

: Das große Projekt von Reich-Ranicki besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen. (Sagte ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung im Gespräch mit Martin Walser.)

: In der blanken Wut, mit der er auf Handke, Grass und Walser reagiert, sehe ich die vollkommen grundlose Furcht, die drei könnten berühmter werden als er. Die Angst muß er nicht haben – aber jemand, der als Kritiker auf den Büchner-Preis  rechnet, der hat einen Über-Eisprung im Kopf. (Sagte Walser im Gespräch mit einem Kritiker der Süddeutschen Zeitung).

Wir könnten lange zitieren. Wer unsere kleine Auswahl für übertrieben hält, lese die Anklage eines Autors namens Wolfgang Dietrich (Sie wissen schon: Kenne ich nicht!) gegen das Rudel von miesen kleinen Schreibtischverbrechern, die die lebende Literatur dieses Landes erledigen – ganz wie im Dritten Reich: Mit der Sturheit von Gefängnisaufsehern schleusen sie ein paar mickrige Talente durch den Literaturpreiskorridor, um sie dann irgendwo im geistigen Tod abzuladen. (In der Baseler Lyrikzeitschrift Zwischen den Zeilen, Heft 9, 1996). (”Wo? Wer? Kenne ich nicht! Kenne ich nicht!”)

Wer mehr zum Thema wissen will, der möge lesen. Hyperions Bericht über seine Deutschlandreise (Beamte traf ich, aber keine Menschen!). Else Lasker-Schülers Anklage gegen ihre Verleger. Gottfried Benns Aufrechnung seiner Einkünfte für das – hochgerühmte – dichterische Werk aus fünfzehn Jahren: Summa summarum 975 Mark: 4,50 Mark im Monat. Ernst Jandls dokumentarisches Gedicht über Lernmittelfreiheit im Freistaat Bayern, aus dem ein Auszug und – Kontoauszug – die Summe zitiert sei: sehr geehrter herr dr. jandl, anläßlich des zulassungsverfahrens zur LERNMITTELFREIHEIT beim BAYERISCHEN KULTUSMINISTERIUM wurde uns die bedingung gestellt, in der 2. auflage ihr gedicht ”auf dem land” aus: laut u. luise wegzulassen. Die überwiesene Summe: DM 3,24 (öS. 22,91). Nachzulesen in der Sondernummer 16/17 der in Linz (Österreich) herausgegebenen Zeitschrift neue texte, 1985. Oder ganz neu: Gerhard Falkners (Falkner? Muß ich den kennen?) Bericht über Die Jammergestalt des Poeten (in der von Joachim Sartorius herausgegebenen Anthologie: Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts. Kiepenheuer & Witsch 1999): Aber gerade die Deutschen, die ihren Dichtern das Beste verdanken, was sie überhaupt haben, ihre Sprache nämlich, sie sind taub, stumpfsinnig, gehässig und barbarisch gegen ihre Dichter, sie versorgen ihre Lehrer, Lektoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker, wie Ingeborg Bachmann noch spät beklagt hat, ihre Verleger, Drucker und Buchhändler, wie sie vergessen hat, hinzuzufügen, aber ihre Dichter müssen für ihren Lebensunterhalt fremdgehen, oder eben vor die Hunde.

Ein Fall Anders? Oh nein. Die Fälle Deutschland; Literaturbetrieb; Literaturbeamte. Im Fall der Fälle: wie verhielt es sich mit Wolfgang Koeppen?

Es war einmal ein Autor, der hatte fünf Romane geschrieben und manches andere Buch noch. Er war achtundvierzig Jahre alt, als sein letzter Roman erschien – die Romantrilogie fast ein Skandalerfolg. Sieben Jahre später – mit 55 – erhält er einen Förderungspreis für Literatur der Landeshauptstadt München (was immer dies ist!) und eine Ehrengabe für Kulturkritik des Kulturkreises im BDI (auch nicht klarer!) Es war das Jahr 1961. Nach diesen beiden Ehrengaben ging es Schlag auf Schlag: 1962 Büchnerpreis, 1965 Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, 1967 Immermannpreis und Dichter-Preis der Stiftung zur Förderung des Schrifttums, München; 1971 Andreas-Gryphius-Preis, 1974 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, Fortsetzungen folgten 1977, 1982, 1984, 1986 … Nicht in jedem Fall war Geld damit verbunden; in einem Fall führte die Annahme eines Preises dazu, daß die DDR-Behörden die schon eingeleitete Verleihung der Greifswalder Ehrendoktorwürde stoppten – Günter Grass hatte ihm geraten, den Preis des Geldes wegen anzunehmen, es hing dann aber gar kein Geld daran …

Im Jahr des Durchbruchs anno 61 schlug auch die Stunde des Chefkritikers. Nach zwei oder drei vereinzelten Rezensionen (zu Koeppen) erfand er mit dem ”Fall Wolfgang Koeppen” eine seiner wirkungsvollsten Inszenierungen. Danach war an seiner Stellung als führender Kritiker der Bundesrepublik nicht mehr zu rütteln. Seitdem wird der Autor Koeppen im In- und Ausland mit der Optik MRRs gesehen. Hatte MRR – der Mensch oder der Text – Einfluß auf die Verleihung des Büchnerpreises im Jahr darauf? Eingeweihte werden es wissen. Bis in die Nachrufe hinein – und gewiß weit darüber hinaus – reicht die Wirkung des Aufsatzes. Worin besteht der ”Fall Koeppen”? Der Untertitel weist die Richtung: ”Ein Lehrbeispiel dafür, wie man in Deutschland mit Talenten umgeht”. Ein großes Thema, eine markige Behauptung, ein Schuß Pathos, eine Prise soziales Engagement, und fertig ist die Laube.

Daß im übrigen der Autor Koeppen auch dieses Verhältnis gesehen und in glänzenden Sätzen ausgedrückt hat, zeigt sein Aufsatz über MRR unter dem Titel: Er schreibt über mich, also bin ich.

Was ist die Arbeit eines Chefkritikers? In erster Linie wirkungsvolle Inszenierungen ins Werk zu setzen, die die eigene Rolle und Bedeutung nie verblassen lassen. Lob und Tadel klug verteilen, die führenden Medien dauerbesetzen, immer präsent sein. Der Spiegel-Titel mit MRR, einen Roman von Grass zerreißend (”lieber Günter Grass …) bleibt jedem im optischen Gedächtnis wie die Sesselpräsenz im literarischen Quartett. Lob und Tadel dosieren: nach einem Verriß kommt ein Lob umso besser. Martin Walser hat es erfahren. Nun – in diesem Moment – erfährt es Günter Grass. An seinen Wirkungen erkennt man den Chef. Soeben schreibt eine Grazer Online-Zeitung (Kleine Online vom 19.7.99) nach dem kategorischen Imperativ (Etliche Herrenreiter des deutschen Feuilletons sollten sich rasch aus dem Sattel erheben. Günter Grass legte ein Jahrhundert-Buch vor.) schlicht und groß dies: Der oft so aufdringliche, oberlehrerhafte Aufklärer Grass hat zu einem völlig neuen poetischen Ton gefunden. Und nach der totalen Peinlichkeit mit seinem Roman “Das weite Feld” [sic!] dürfte dieser Umstand keine geringe Genugtuung bereiten. Gewiß, einige deutsche Feuilletonisten pinkelten ihm wieder ans Bein, aber mit ihren Argumenten erreichen sie nicht einmal den Knöchel von Grass. Einer seiner größten früheren Gegner, Marcel Reich-Ranicki, sprach von einem Jahrhundertroman. Und meinte damit nicht den Titel. (Danke, setzen!). Triumph des Realismus! Beweis, wie Kritik helfen kann! Genau wie beim Walser!

Dies klarzustellen – es geht nicht um die Person MRR. Es geht um ein Prinzip, das ER bloß hervorragend verkörpert (und zu einem nicht geringen Teil mitgeschaffen hat). Es heißt: Herrschaft des Betriebs über die Literatur. Die ist heute total. Das war nicht von Anfang an so. Die Gruppe 47, wiewohl von Gegnern frühzeitig als Herrschaftsorgan verdächtigt, war doch viel stärker Selbstorganisation von produktiven Autoren. Ja, damals bestimmten Namen wie Eich, Böll oder Hildesheimer die veröffentlichte Meinung über Literatur. – An dieser Stelle unseres eingangs zitierten Rundfunkmenschen gedenkend, muß man sich wehmütig erinnern, daß an diesem Sende-Apparat damals Leute wie Alfred Andersch oder Helmut Heißenbüttel wirkten. Heute sind sie durch Beamte ersetzt. (Natürlich gibt es – noch – ein paar wichtige Ausnahmen. Ich werde sie nicht nennen. Die Kenner wissen.) Jene sitzen da und sagen cool: Kenne ich nicht. Was man ihnen fast glaubt. Sitzen und kontrollieren die Eingänge. Und schließlich, was will man, sind’s fast alle zufrieden: Verleger, Buchhändler, Medien, Publikum. Eine geordnete Welt.

Dies das Umfeld eines Preises, der den Namen Wolfgang Koeppens trägt. Die beschriebenen Verhältnisse zeigen, was zu vermeiden war. Wie schafft man – in der Provinz, am Bodden – einen Preis, der nicht von diesem Apparat regiert wird? Fast möchte man sagen: einen Preis von und für Autoren. Einen Preis, der sich nicht vor allem durch sichere, gewichtige Preisträger selbst feiert. Einen Preis, den Koeppen auch dann bekommen hätte, wenn er nicht spät, zu spät in die Liste der Preiswürdigen geraten wäre. (Wir erinnern uns seiner Worte bei der Entgegennahme des Büchnerpreises: Georg Büchner hat den Büchnerpreis nicht erhalten, und wenn es damals in Hessen … Dotationen für die Literatur … gegeben haben sollte, Büchner wäre nicht unterstützt, nicht geehrt worden…) Der Preisträger soll gute Literatur schreiben, auch und gerade dann wenn ihm der (und er dem) Zeitgeist nicht huldigt. Und er soll die Integrität erwarten lassen, einen Nachfolger nicht in seiner Sparte, seinem Freundeskreis zu suchen. Wir fanden Richard Anders. Seine Bücher sind da, man kann sie lesen. Wir fanden Leute in Greifswald, die das Unternehmen zu unterstützen bereit waren – und das  ohne sich einzumischen. Wir sollen das loben. Daß ein solcher Preis von den Medien mehrheitlich ignoriert wird, liegt ja eigentlich in seiner Logik. Salut, Richard Anders.

59. Schicksalsstücke

Die Lehre vom Dichter als Seher findet in Rilkes «Erster Duineser Elegie» zum rein pathetischen Ausdruck und lebt fort in Gottfried Benns Aberglauben, Walter Hasenclevers Horoskopen, Elsa Lasker-Schülers Stern-Signaturen und Hermann Hesses Zahlenmagie. Die endgültige metaphysische Ausnüchterung erfolgt im Zeichen Neuer Sachlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Kunst wird nun zur Technik, Magie zur Mache, Vorsehung zum Zufall. Davon kündet Friedrich Kittlers selbstgebastelter Synthesizer ebenso wie Hubert Fichtes Wortfeld-Mathematik oder Robert Gernhardts Stachelschweinborsten-Poesie (aus dem Vorraum grüsst ratternd Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomat herüber). Persönliche «Schicksalsstücke» haben u. a. Arno Geiger, Brigitte Kronauer, Martin Walser und Bazon Brock beigesteuert – als «Zufälle», an denen sie sich abarbeiteten, bis ihnen daraus ein Sinn entwuchs. / Andreas Breitenstein, NZZ 11.6.

138. Politisch Lied

Der grüne Spitzenmann Winfried Kretschmann ist ein besonnen-feinsinniger Seelenverwandter des früheren CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel.

Auf Teufel hat einst der Schriftsteller Martin Walser ein Gedicht geschrieben, das wie folgt beginnt: “Seine Schürze ist grün, und das ist keine politische Farbe / er ist der Gärtner, der erste des Landes, er kennt den Boden und pflegt ihn auf Gedeih und gegen Verderb.” Das Walser-Gedicht passt nicht auf Stefan Mappus von der CDU, es passt aber auf Winfried Kretschmann; bei ihm ist nicht nur die Schürze grün. / Süddeutsche

Hallo Clemens Schittko: Teufel heißt jetzt Kretschmann, Rot-Grün heißt jetzt Grün-Rot

108. Ernste Themen, hartes Brot

“Die meisten unserer Mitglieder befassen sich mit ernsten Themen”, sagt der stellvertretende Vorsitzende Martin von Arndt aus Markgröningen im Kreis Ludwigsburg. Das ist die baden-württembergische Besonderheit im Unterschied zu den anderen Regionalverbänden des Schriftstellerverbands. Der Schwabe ist wohl ein ernster Mensch, und seine prominentesten ernsten Literaten sind Martin Walser und Rolf Hochhuth, zumindest unter den Lebenden. Der Verband hat 300 Mitglieder, und vielleicht gibt es noch einmal 200 nicht organisierte Schriftsteller in der Gegend. Sie teilen eines: ein hartes Brot. “Man braucht eine ganz, ganz, hohe Frustrationstoleranz, um mit den Absagen von Agenten und Verlagen klarzukommen”, sagt Martin von Arndt. Pro Buch sind es im Schnitt 50. / Stuttgarter Nachrichten

110. Umgang mit Journalisten

Frage: Können Sie sich ganz normal im Leben bewegen, wenn Sie als Martin Walser auftreten?

Martin Walser: Ich hab’ mich noch nie normal bewegt. Kein Mensch kann sich normal bewegen, weil jeder etwas auf sich hat, in sich, um sich, was die da, die da und die da nicht wissen. Er muss sich immer so bewegen, als sei er der, den die verstehen.

Wie gehen Sie unter diesen Umständen mit Journalisten um?

Walser: Das hab’ ich gelernt: Dass ich einen Journalisten nicht merken lasse, was ich von dieser Frage halte, die er gerade gestellt hat. Zum Beispiel hat gestern ein Journalist eine Frage zum Roman „Ein liebender Mann“ formuliert, hat sie generalisiert in „Alter“ und „Liebe“ und sie mit den Worten abgeschlossen: „Und Sie selber leben doch monogam?“ – Hab ich gedacht: „Leck mich doch am Arsch!“ Da durfte ich mir doch nicht anmerken lassen, was ich von dieser Frage halte. Ich habe getan, als hätte es diesen Anhang nicht gegeben.

/ Mainpost

In „Ein liebender Mann“, das er eigens für das Südthüringische Staatstheater Meiningen dramatisiert hat, skizziert Martin Walser das Verhältnis der 19-jährigen Ulrike von Levetzow zum 73-jährigen Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe. … Das Stück wird in Szene gesetzt vom preisgekrönten Inszenierungsteam des Meininger „Faust“: Regie Ansgar Haag, Bühne Bernd Dieter Müller, Kostüme Susanne Zepperitz, Dramaturgie Hans Nadolny. Peter Bernhardt spielt den Goethe, und Josephine Fabian ist Ulrike von Levetzow. Martin Walser, der die Endproben selbst begleitete, zeigte sich beeindruckt. Die nächsten Spieltermine: 29. Oktober, 22., 30. Dezember, 15., 20. Januar, 10., 12. Februar. Kartentelefon: Tel. (0 36 93) 451 222. Internet: www.das-meininger-theater.de

118. Füllhorn

Eine bisher an mir vorbeigegangene Seite fliegt mir in einer Anmerkung von Ron Winkler zu, danke! Die literaturwerkstatt Berlin stellt ihre Reihe “Gespräch des Monats” zum Nachhören ins Netz. Ich höre gerade Sherwin Bitsui, klingt gut! Hier können Sie stundenlang zuhören. Es sprechen: Oskar Pastior, Karl Mickel, Peter Rühmkorf, Adolf Endler, Mayröcker und Erb und…

Ihr nennt es Sprache: Rolf Dieter Brinkmann

Zum Todestag von Rolf Dieter Brinkmann lasen am 22.4.2010 Hans Christoph Buch, Matthias Göritz, Günter Herburger, Stephan Turowski in der Literaturwerkstatt Berlin. Die Moderation hatte Jan Röhnert.

Michael Lentz: Offene Unruh

In seinem aktuellen Buch kehrt Michael Lentz zu Liebesgedichten zurück. In der Literaturwerkstatt Berlin stellte er am 31.3.2010 “Offene Unruh – 100 Liebesgedichte” vor.

Weiterlesen

91. Vor 200 Jahren geboren: Ferdinand Freiligrath

Freiligrath findet sich in jedem bürgerlichen Bücherschrank – zuerst bin ich ihm allerdings nebenan, bei Karl May, begegnet. In dessen Kolportageschmöker «Die Liebe des Ulanen», der seinen Stoff aus der deutsch-französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts bezieht, aber auch Nordafrika als Schauplatz kennt, wird beschrieben, wie in einem algerischen Kaffeehaus ein Märchenerzähler seinen Zuhörern orientalische Szenen vor Augen führt. Er tut dies – zugegebenermassen wenig glaubwürdig – ausgerechnet mit Versen von Freiligrath, er zitiert den berühmten «Löwenritt». Über den Beleg von Freiligraths enormer Popularität hinaus verrät das Zitat auch eine unbestreitbare Verwandtschaft zwischen den beiden Autoren.

Ist also Karl May der eine Bezugspunkt für eine Beschreibung von Freiligraths Eigenart als Dichter, so ist Karl Marx der andere. / Helmuth Mojem, NZZ 17.6.

Man liebte ihn gleich. 1834 gab es die erste Bekanntschaft: Gustav Schwab und Chamisso druckten in ihrem »Deutschen Musenalmanach« Gedichte von ihm. 1838 dann der Debütband. Die Resonanz war gewaltig. »Seit dieser zu singen begonnen hat«, erklärte Chamisso begeistert, »sind wir anderen Spatzen«. Plötzlich war ein neuer, unerhörter Ton in der Lyrik. Nichts Fades, nichts Seichtes war in diesen Versen, der modische und glatte Emanuel Geibel ins Abseits gestellt, die Poesie lebte wieder, sie strahlte, sie lockte mit starken Bildern und kühner Rhetorik in eine bunte, exotische, romantisch ausstaffierte Welt. …

»Den deutschen Traditionshütern«, sagt Martin Walser, »ist dieser Dichter der kleinbürgerlichen Revolution heute nichts mehr wert.« Sein Urteil ist über dreißig Jahre alt. Überholt ist es nicht. / Klaus Bellin, ND 17.6.

Eine unerwartete Renaissance erlebte Ferdinand Freiligrath 1989 in der DDR, wo man sich seiner als Revolutionär erinnerte. 1848 hatte er das Gedicht “Trotz alledem” verfasst, das als Lied zum Repertoire sowohl Wolf Biermanns als auch Hannes Waders gehörte. Darin heißt es: “Wir sind das Volk, die Menschheit wir. Sind ewig drum, trotz alledem!” Es wurde zum Schlachtruf der Wende. / Südwestpresse

Mehr: DLR / Wiesbadener Kurier /