Getagged: Maria Mercè Marçal
37. Wo Lyrik noch etwas relevanter zu sein scheint
Die katalanische Tageszeitung ARA gibt zusammen mit dem Verlag Edicions 62 in diesem Herbst eine 42-bändige Buchreihe »Els millors poetes catalans del segle XX« [›Die besten katalanisch(sprachig)en Dichter des 20. Jahrhunderts‹] heraus. Begleitend dazu wurde für die Ausgabe vom 11. 9. eine 44-seitige Lyrik-Sonderbeilage mit Beiträgen renommierter Journalisten, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler gedruckt.
Jede Woche erscheint ein Band zum Preis von 9,90 Euro (wer die ganze Reihe bestellt, erhält 20% Rabatt, Abonnenten der Zeitung sogar 30%). Zum Auftakt wurde die sehr bekannte Antologia general von Josep Maria Castellet und Joaquim Molas neu aufgelegt. Es folgen 41 Bücher von 33 Autor/inn/en (bei besonders bedeutenden sind es auch mal zwei Bände).
Eine bemerkenswerte Marketing-Idee: Beim Erwerb der gesamten Reihe kann die/der Käufer/in ohne jegliche Zusatzkosten einer Schule ihrer/seiner Wahl eine komplette Sammlung schenken.
Ob dadurch wirklich mehr Lyrik gelesen werden wird? Ein wenig auf jeden Fall, glaube ich, denn wer sich – und sei es aus Prestige- oder Allgemeinbildungsgründen – ein paar Bände sagen wir mal Maragall, Riba, Espriu, Ferrater oder Maria-Mercè Marçal ins Regal stellt (und erst recht, wenn es die ganze Reihe ist), die/der wird dann doch vielleicht eher mal hineinschauen, vielleicht einfach ein Gedicht, das ihr/ihm noch in Gedächtnis ist, nachschlagen oder suchen usw.
Schön finde ich aber darüber hinaus den kultur- und literatursoziologischen Aspekt. Lyrik wird hier offensichtlich weder als marginale Erscheinung gehandelt (obwohl de facto auf zeitgenössischen Poesie-Lesungen in Barcelona oder Lleida im Schnitt kaum mehr Zuhörer anzutreffen sind als in Berlin oder Regensburg) noch als Goldschnitt-Paraphernalium des Bildungsbürgertums oder als Schulpflichtlektüre.
[Natürlich kann man auch Einwände formulieren. Zum Beispiel, dass hier wohl letztlich ein politischer Wille dahintersteckt. Das stimmt, aber dazu kann ich sagen, dass im Koordinatensystem der katalanischen Identität die Lyrik von jeher eine große Rolle gespielt hat (wie natürlich die Sprache überhaupt). Außerdem finde ich es immer noch besser, sich über Gedichte zu definieren als über gewonnene Schlachten. Oder dass die Sammlung nur Autoren umfasst, die bereits gestorben sind. Da denke ich, dass die Herausgeber bewusst die Rangelei vermeiden wollten, die dort (nicht anders als hierzulande) losgegangen wäre.]
Alles in allem eine tröstliche Angelegenheit im Vergleich zu dem, was in #113 vom September vermeldet wird. Und vielleicht kontert die SZ-Bibliothek nun mit den besten oder bekanntesten deutschsprachigen Dichter/inne/n des 20. Jahrhunderts?
124. Katalanische Lyrikreihe
Teresa Pascuals Gedicht “Frag mich warum”, das der Mutter gewidmet ist, spricht von einem Erbe “aus einer Epoche der Angst, des Krieges und unmöglicher Fragen” und erinnert damit an den versuchten Genozid an den Katalanen unter Franco. Das einstige Verbot des öffentlichen Gebrauchs katalanischer Sprache und Schrift wirkte lange nach. Umso bemerkenswerter ist die neue Katalanische Lyrikreihe der Edition Delta. Nach Gedichten von Miquel Martí i Pol, Joan Margarit und Maria-Mercè Marçal sind soeben Verse von Teresa Pascual erschienen, jener Poetin, die den Gegensatz von Denken und Fühlen im Gedicht aufheben will. / Dorothea von Törne, Die Welt
Teresa Pascual: Die geordnete Zeit & Rebellion des Salzes – El temps en ordre & Rebel·lió de la sal. Gedichte, zweisprachig: Katalanisch/Deutsch. Aus dem Katalanischen von Juana und Tobias Burghardt. Stuttgart : Edition Delta 2011. ISBN 978-3-927648-37-1, 161 Seiten, 17,50 Eur[D] / 18,00 Eur[A] / 30,00 sFr
93. Grenzen sind Straßen
Im Umfeld der Vorbereitungen für den Auftritt der katalanischen Kultur als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2007 wurde vom Institut Ramon Llull (dem katalanischen Kulturinstitut) ein Buchprojekt über die Verbindungen zwischen der deutsch- und der katalanischsprachigen Kultur ins Leben gerufen. Herausgegeben von Arnau Pons und Simona Škrabec sind unter dem etwas seltsamen Titel „Grenzen sind Straßen“ zwei Bände mit je über 450 Seiten erschienen (parallel dazu jeweils die katalanische Fassung), in denen über 150 Fachleute aus zahlreichen akademischen Disziplinen in kurzen, meist vier- bis sechsseitigen Beiträgen einzelne Aspekte dieser ungleichen Beziehung beleuchten.
Jetzt hat auch die Vertretung der Regierung von Katalonien in Deutschland den Titel auf ihrer Website angekündigt, was ich zum Anlass für diesen Hinweis nehme.
Die Bände bieten Exkurse in Literatur, Film, Kunst, Architektur, Tanz, Musik, Philosophie, Soziologie, dazu einige geschichtliche und sprachwissenschaftliche Kurzdarstellungen. Leser können dank der Kürze der Texte (die nicht nur thematisch recht unterschiedlich ausfallen) und der reichen Bebilderung wie in einem Magazin blättern und aus dem rezeptionsgeschichtlichen Mosaik das eine oder andere über diese seltsame Geschichte mitten aus Europa erfahren.
Es ist auch viel Lyrik zu finden, so etwa Beiträge über Ausiàs March, Jacint Verdaguer, Joan Maragall, Carles Riba, Salvador Espriu, Agustí Bartra, Joan Vinyoli, Gabriel Ferrater, Vicent Andrés Estellés, Joan Brossa, Miquel Martí i Pol, Maria Mercè Marçal, Andreu Vidal oder Feliu Formosa, aber auch über den Einfluss Goethes, Hölderlins, Novalis’, Rilkes, Brechts, Celans und anderer auf die Dichtung in Katalonien, den Balearen und València. Darüber hinaus gibt es jeweils einen Überblick über die Lyrik-Übersetzungen aus dem Katalanischen ins Deutsche und umgekehrt, verstreut sind auch Gedichte der meisten eben genannten sowie weiterer Autoren zu finden. Es kommt nicht von ungefähr, dass in dieser Aufzählung die meisten bedeutenden katalanischsprachigen Lyriker zu finden sind, denn die Rolle der deutschen Dichtung als Bezugspunkt ist bis an den heutigen Tag besonders spürbar.
Die Bände sollten in jeder romanistischen Institutsbibliothek stehen und hoffentlich auch in Staats- und Stadtbibliotheken, die etwas auf sich halten.
Arnau Pons, Simona Škrabec (Hrsg.): Grenzen sind Straßen. Verbindungen zwischen der deutschen und der katalanischen Kultur. 2 Bde. Institut Ramon Llull, Barcelona 2008 u. 2009, 464 u. 488 S.
/àxel sanjosé