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56. Rühmkorf in Marbach

Im Marbacher Literaturarchiv, dem ‘bombensicheren Liegeplatz’, an den der ‘Vorlassgeber’ schon vor dreißig Jahren seinen bis heute auf 684 Kästen angewachsenen Nachlass transferiert hatte, versammelten sich Literaturwissenschaftler, Lyriker und Musiker zu einer Tagung. Neben einem Jazztrio – Ulrich Jokiel am Piano, Peter Missler am Saxofon und Bernd Rauschenbach, Mitherausgeber von Rühmkorfs Werken, als im Bebop-Rhythmus rezitierende Stimme – gab die Lyrikerin und Stimmkünstlerin Nora Gomringer eine hinreißende Performance zu Texten Rühmkorfs, darunter eine fulminante Interpretation des Rotkäppchen-Stoffs aus der Sammlung ‘aufgeklärter Märchen’. Wurden die Verse des in einem norddeutschen Pfarrhaus erzogenen Dichters in gebührender protestantischer Strenge zum Klingen gebracht, so kam Gomringers Performance im säkularsten katholischen Sinne lustvoll daher: Unterfüttert von des Autors Requisiten Schreibmaschine, Hornbrille, karierte Schirmmütze, näherte sich die an keiner Stelle gewaltsam wirkende Travestie einer Art Wiederbelebung des Vorgängers zum Revenant.

(…)

Bleibt die Politik des Artisten: die Abwendung von aller Flugblattlyrik rückte – Jan Bürger zufolge – den überzeugten Linken Rühmkorf gleichwohl näher an Benn als an Brecht. Auch Brechts nachgelassene Liebesgedichte lieferten ihm den weiteren Beweis für die Unversöhnlichkeit von Poesie und Politik. Peter Rühmkorf wäre jedoch nicht jener Meister in der ‘Zusammenführung aller nur denkbaren Gegensätze’ gewesen, als welchen ihn Hartmut Steinecke porträtierte, hätte er nicht auch den Widerspruch der unversöhnlichen Reiche von Artistik und Politik einer möglichen Lösung zugeführt: Die Artistik, so lautete die von Jan Wagner in die Diskussion eingeworfene Formel, sei nicht der Gegenspieler der Politik; sie selbst sei das Politische – am Gedicht. ‘Ach, spricht das Gedicht / und schaut sich um.’ / Volker Breidecker, Süddeutsche Zeitung 7.11.

3. Im August

2. August 1914

„Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“

Franz Kafka (31, Schriftsteller)

“… ist nicht Kampf im großen Weltgeschehen notwendig, muss nicht eines dem andern Platz machen, eine Nation der Andern, u. wird nicht alles geleitet von großen unterirdischen, elementaren Strömungen?“

Leonore Landau (21, Lyrikerin)

4. August

„Ein armer Bauer, dem aus Versehen alle vier Pferde weggenommen waren, weinte still vor sich hin. Das erste Kriegselend, das ich sehe.“

Harry Graf Kessler (46, Rittmeister, Schriftsteller)

7. August

“Mama sah gestern den Kaiser, er sah sehr ernst aus. – Eben kommt die Nachricht dass die Festung Lüttich mit vielen Verlusten genommen sei! Unsere Kriegsschiffe haben Algier verlassen. Hurrah! Rumänien erklärte Russland den Krieg. Wir bekamen Nachrichten von Papa, ist alles wohl.“

Marie Luise Kaschnitz (13, Schülerin)

„Den Krieg mache ich nicht mit, da mögen andere, alle, sagen, was sie wollen.“

Gustav Sack (28, verbummelter Student und Schriftsteller)

Judith von Sternburg bespricht in der FR die Ausstellung

August 1914. Literatur und Krieg, Literaturmuseum der Moderne, Deutsches Literaturarchiv Marbach: bis 30. März 2014.

26. Meckels Vorlaß

Der Autor und Bildende Künstler Christoph Meckel (geb. 1935) hat sein schriftstellerisches Archiv dem Deutschen Literaturarchiv Marbach übergeben. Das Archiv von Christoph Meckel enthält Manuskripte und Vorarbeiten zu seinen Büchern sowie umfangreiche Korrespondenzen, u. a. mit Jurek Becker, Peter Bichsel, Johannes Bobrowski, Hans Magnus Enzensberger, Sarah Kirsch, Wulf Kirsten, Karl Krolow, Brigitte Kronauer, Libuše Moníková, Fritz J. Raddatz, Peter Rühmkorf, Nelly Sachs, Hans Joachim Schädlich, George Steiner und Christa Wolf. Nicht zuletzt die Tagebücher, die Meckel seit den 50er Jahren kontinuierlich führt, erweisen sich als eine bedeutende Quelle der deutschen Nachkriegsliteratur: Sie geben Aufschluss über zahlreiche bisher unbekannte Details zum Leben und Werk des Autors und Künstlers und zum literarischen Leben der vergangenen Jahrzehnte. Neben graphischen Blättern und Zyklen mit literarischen Bezügen übergab Meckel dem Archiv Dokumente aus dem Nachlass seines Vaters Eberhard Meckel, einem Lyriker der Zeitschrift Kolonne, mit dem er sich 1980 in seinem Buch Suchbild. Über meinen Vater intensiv auseinandersetzte. / DLA Marbach

6. Eugen-Viehof-Ehrengabe für Volker Demuth

Er erhält den mit 5000 Euro dotierten Preis für sein Gesamtwerk, dessen große Stärke in der ‘Kraft seines poetischen Ansatzes’ liege, wie die Deutsche Schillerstiftung am Montag in Marbach mitteilte. Die Wahl sei vor allem wegen seiner ‘klugen, konzentrierten und kompromisslosen’ Arbeit auf den 1961 geborenen Lyriker, Erzähler und Essayisten gefallen, der Ende der 1990er Jahre mit dem ‘RaumPoem’ eine neue, multimediale Form der Lyrik-Vermittlung entwickelte. Der Preis soll am Freitag im Deutschen Literaturarchiv in Marbach verliehen werden. / Süddeutsche Zeitung

51. Kito Lorenc und Miodrag Pavlović teilen sich den Petrarca-Preis

Sie machen Literatur zum Ausdrucksmittel der Kultur ihres Landes: Der Sorbe Kito Lorenc und der Serbe Miodrag Pavlović werden in diesem Jahr mit dem Petrarca-Preis geehrt. Mit der Auszeichnung soll die Arbeit europäischer Schriftsteller gewürdigt werden, die trotz ihrer Bedeutung für ihre heimatliche Literatur in Deutschland nicht ihrem Rang gemäß wahrgenommen wurden. Die beiden Preisträger teilen sich den mit 20.000 Euro dotierten Preis.

Kito Lorenc, 1938 in Schleife geboren, hat sein ganzes Leben für den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur gekämpft: als Mitarbeiter am Institut für Sorbische Volksforschung in Bautzen, als Dramaturg am Sorbischen Theater und als sorbisch-deutscher Lyriker.

Miodrag Pavlović, 1928 in Novi Sad geboren, war zunächst Arzt und später Mitarbeiter eines Verlags in Belgrad. Heute lebt er in Süddeutschland. Sein lyrisches und erzählendes Werk ist in der Übersetzung von Peter Urban auch in Deutschland zugänglich.

Der von Hubert Burda gestiftete Petrarca-Preis wird am 23. Juni in Marbach verliehen. Der Verleihung des Petrarca-Preises findet alljährlich an verschiedenen Orten statt und soll auch in Marbach wieder als „Gipfeltreffen des Geistes“ und als „Fest der Poesie“ den Austausch in den Vordergrund stellen.

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77. Monokultur und Vielsprachigkeit

Da sah ich sie also, Rücken an Rücken gestellt, eng beieinander im Keller. Die alphabetische Ordnung hatte es so gefügt. Nach dem B mit den Bücherbeständen Gottfried Benns kam der Buchstabe C mit der bibliophilen Hinterlassenschaft Celans. Der Unterschied hätte nicht grösser sein können: Es war der von Monokultur und Vielsprachigkeit. Während der eine die Weltliteratur und darunter auch die moderne Dichtung Europas und Amerikas (etwa den stolz auf Augenhöhe beobachteten T. S. Eliot) ausschliesslich in Übersetzungen las, gab es für den anderen nicht nur die eine Dichtersprache. Ein Drittel seines Werkes bestand aus Übersetzungen. Es fanden sich dort die Originalausgaben der Valéry, Ungaretti und Jessenin und mit den Anstreichungen von Celans Hand – für Benn, wie für die meisten von uns, sprachliches Ausland. / Durs Grünbein, NZZ 17.12

109. Liebeserklärungen

Besonders berühmte Schriftsteller haben sich beim Verfassen von Liebeserklärungen oftmals nicht vom “Duktus der Literatur” lösen können, sagt Michael Lentz, Co-Kurator der Ausstellung “Ich liebe Dich” im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Ergebnis seien teilweise groteske und humorlose Briefe von Goethe, Kafka und Co.

Michael Lentz im Gespräch mit Sigrid Brinkmann, DLR

25. Landsberger Poesieautomat

Im Marbacher Literaturmuseum der Moderne (LiMo) entsteht große Lyrik auf Knopfdruck. In der hohen Eingangshalle wird der Gast von einer großen Anzeigetafel empfangen, die der eines Flughafens nicht unähnlich ist. Doch statt profane Abflugzeiten anzuzeigen, spuckt die schwarze Tafel Gedichte im Akkord aus. Es ist der “Landsberger Poesieautomat”, entwickelt vom Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Ein beherzter Druck auf den schwarzen Buzzer, danach 40 Sekunden Bedenkzeit für die Maschine – und mit einem Rattern bilden die Buchstabentafeln immer wieder neue Sechszeiler. “Einstweilen noch zähflüssige Schlussrunden. Grundsätzlich sparen!”, heißt eine Zeile. / Christoph Neethen, Leonberger Kreiszeitung

113. Vorlaß

Der Lyriker Wulf Kirsten fühlte sich schon früh vom schwäbischen Parnass angezogen. Er durfte bereits zu DDR-Zeiten aus Weimar an den Neckar reisen, um dort über Hölderlin zu forschen. Den damaligen Bibliotheksleiter Paul Raabe habe er sehr geschätzt, erinnert sich Kirsten, und schon damals sei der Gedanke aufgekommen, „auch meine eigene Sammlung einmal dorthin zu geben“.

Inzwischen ist dieser Wunsch durch einen Vorvertrag Realität geworden. Kisten mit handschriftlichen Gedichtentwürfen und Korrespondenzen stehen in der Weimarer Wohnung zur Abholung bereit – natürlich für ein „angemessenes Honorar“, wie Kirsten nicht zu erwähnen vergisst. …

Im Deutschen Literaturarchiv befinden sich seit geraumer Zeit auch Manuskripte des Frankfurter Schriftstellers Martin Mosebach und des erst 48-jährigen Büchnerpreisträgers Durs Grünbein.

Grünbein sei „ein Freund des Hauses“, betont Ulrich Raulff, so habe sich dieser kleine Vorlass (er besteht aus dem Manuskript „Aroma“ und einer Art Collage-Tagebuch mit dem Titel „Buch der Reflexe“) fast von selbst ergeben. Man gehe gewöhnlich auf Autoren zu, deren Archive man haben wolle. / Heimo Schwilk, Die Welt

 

120. «Deutscher Geist. Ein amerikanischer Traum»

Amerikanische Bezüge fehlen bei Lessing und Lasker-Schüler, aber zugestehen muss man, dass die strikt alphabetische Ordnung der Exponate kuriose Nachbarschaften stiftet: Ein Typoskript Ingeborg Bachmanns kommt neben Walter Benjamins erster Reinschrift der «Berliner Kindheit um 1900» zu liegen; ein Zettelkasten Hans Blumenbergs, der einen Blick auf Einträge zum Stichwort «Amerika» gewährt, steht zwischen Gottfried Benns auf eine Speisekarte getipptem Gedicht «Astern» und Rudolf Borchardts Übertragung eines Poems von Edna St. Vincent Millay. Gerade Borchardt ist ein interessanter Fall, denn der auf Europas Kultur stolze Schriftsteller hatte grosse Lyrik in Amerika für unmöglich gehalten. Millays Gedichte belehrten ihn eines Besseren. / Joachim Güntner, NZZ 26.5.

«Deutscher Geist. Ein amerikanischer Traum». Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar. Bis 3. Oktober. Zur Ausstellung ist ein «Marbacher Magazin» erschienen, zweisprachig deutsch/englisch.

(Die von David Wellbery und Ernst Osterkamp kuratierte Ausstellung war eigentlich für Amerikaner gedacht, aber die Finanzkrise durchkreuzte den Plan. Wir sehen alles ein. Gerade mußten wir den armen Banken mit paar hundert Milliarden aufhelfen, worauf die prompt wieder Milliardengewinne machen, indem sie fröhlich weiterzocken, da capo ad finem. Da kann man nicht gleich paar tausend Euro für Lyrik ausgeben – klar doch!)

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