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26. Meckels Vorlaß
Der Autor und Bildende Künstler Christoph Meckel (geb. 1935) hat sein schriftstellerisches Archiv dem Deutschen Literaturarchiv Marbach übergeben. Das Archiv von Christoph Meckel enthält Manuskripte und Vorarbeiten zu seinen Büchern sowie umfangreiche Korrespondenzen, u. a. mit Jurek Becker, Peter Bichsel, Johannes Bobrowski, Hans Magnus Enzensberger, Sarah Kirsch, Wulf Kirsten, Karl Krolow, Brigitte Kronauer, Libuše Moníková, Fritz J. Raddatz, Peter Rühmkorf, Nelly Sachs, Hans Joachim Schädlich, George Steiner und Christa Wolf. Nicht zuletzt die Tagebücher, die Meckel seit den 50er Jahren kontinuierlich führt, erweisen sich als eine bedeutende Quelle der deutschen Nachkriegsliteratur: Sie geben Aufschluss über zahlreiche bisher unbekannte Details zum Leben und Werk des Autors und Künstlers und zum literarischen Leben der vergangenen Jahrzehnte. Neben graphischen Blättern und Zyklen mit literarischen Bezügen übergab Meckel dem Archiv Dokumente aus dem Nachlass seines Vaters Eberhard Meckel, einem Lyriker der Zeitschrift Kolonne, mit dem er sich 1980 in seinem Buch Suchbild. Über meinen Vater intensiv auseinandersetzte. / DLA Marbach
6. Eugen-Viehof-Ehrengabe für Volker Demuth
Er erhält den mit 5000 Euro dotierten Preis für sein Gesamtwerk, dessen große Stärke in der ‘Kraft seines poetischen Ansatzes’ liege, wie die Deutsche Schillerstiftung am Montag in Marbach mitteilte. Die Wahl sei vor allem wegen seiner ‘klugen, konzentrierten und kompromisslosen’ Arbeit auf den 1961 geborenen Lyriker, Erzähler und Essayisten gefallen, der Ende der 1990er Jahre mit dem ‘RaumPoem’ eine neue, multimediale Form der Lyrik-Vermittlung entwickelte. Der Preis soll am Freitag im Deutschen Literaturarchiv in Marbach verliehen werden. / Süddeutsche Zeitung
51. Kito Lorenc und Miodrag Pavlović teilen sich den Petrarca-Preis
Sie machen Literatur zum Ausdrucksmittel der Kultur ihres Landes: Der Sorbe Kito Lorenc und der Serbe Miodrag Pavlović werden in diesem Jahr mit dem Petrarca-Preis geehrt. Mit der Auszeichnung soll die Arbeit europäischer Schriftsteller gewürdigt werden, die trotz ihrer Bedeutung für ihre heimatliche Literatur in Deutschland nicht ihrem Rang gemäß wahrgenommen wurden. Die beiden Preisträger teilen sich den mit 20.000 Euro dotierten Preis.
Kito Lorenc, 1938 in Schleife geboren, hat sein ganzes Leben für den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur gekämpft: als Mitarbeiter am Institut für Sorbische Volksforschung in Bautzen, als Dramaturg am Sorbischen Theater und als sorbisch-deutscher Lyriker.
Miodrag Pavlović, 1928 in Novi Sad geboren, war zunächst Arzt und später Mitarbeiter eines Verlags in Belgrad. Heute lebt er in Süddeutschland. Sein lyrisches und erzählendes Werk ist in der Übersetzung von Peter Urban auch in Deutschland zugänglich.
Der von Hubert Burda gestiftete Petrarca-Preis wird am 23. Juni in Marbach verliehen. Der Verleihung des Petrarca-Preises findet alljährlich an verschiedenen Orten statt und soll auch in Marbach wieder als „Gipfeltreffen des Geistes“ und als „Fest der Poesie“ den Austausch in den Vordergrund stellen.
77. Monokultur und Vielsprachigkeit
Da sah ich sie also, Rücken an Rücken gestellt, eng beieinander im Keller. Die alphabetische Ordnung hatte es so gefügt. Nach dem B mit den Bücherbeständen Gottfried Benns kam der Buchstabe C mit der bibliophilen Hinterlassenschaft Celans. Der Unterschied hätte nicht grösser sein können: Es war der von Monokultur und Vielsprachigkeit. Während der eine die Weltliteratur und darunter auch die moderne Dichtung Europas und Amerikas (etwa den stolz auf Augenhöhe beobachteten T. S. Eliot) ausschliesslich in Übersetzungen las, gab es für den anderen nicht nur die eine Dichtersprache. Ein Drittel seines Werkes bestand aus Übersetzungen. Es fanden sich dort die Originalausgaben der Valéry, Ungaretti und Jessenin und mit den Anstreichungen von Celans Hand – für Benn, wie für die meisten von uns, sprachliches Ausland. / Durs Grünbein, NZZ 17.12
109. Liebeserklärungen
Besonders berühmte Schriftsteller haben sich beim Verfassen von Liebeserklärungen oftmals nicht vom “Duktus der Literatur” lösen können, sagt Michael Lentz, Co-Kurator der Ausstellung “Ich liebe Dich” im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Ergebnis seien teilweise groteske und humorlose Briefe von Goethe, Kafka und Co.
Michael Lentz im Gespräch mit Sigrid Brinkmann, DLR
25. Landsberger Poesieautomat
Im Marbacher Literaturmuseum der Moderne (LiMo) entsteht große Lyrik auf Knopfdruck. In der hohen Eingangshalle wird der Gast von einer großen Anzeigetafel empfangen, die der eines Flughafens nicht unähnlich ist. Doch statt profane Abflugzeiten anzuzeigen, spuckt die schwarze Tafel Gedichte im Akkord aus. Es ist der “Landsberger Poesieautomat”, entwickelt vom Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Ein beherzter Druck auf den schwarzen Buzzer, danach 40 Sekunden Bedenkzeit für die Maschine – und mit einem Rattern bilden die Buchstabentafeln immer wieder neue Sechszeiler. “Einstweilen noch zähflüssige Schlussrunden. Grundsätzlich sparen!”, heißt eine Zeile. / Christoph Neethen, Leonberger Kreiszeitung
113. Vorlaß
Der Lyriker Wulf Kirsten fühlte sich schon früh vom schwäbischen Parnass angezogen. Er durfte bereits zu DDR-Zeiten aus Weimar an den Neckar reisen, um dort über Hölderlin zu forschen. Den damaligen Bibliotheksleiter Paul Raabe habe er sehr geschätzt, erinnert sich Kirsten, und schon damals sei der Gedanke aufgekommen, „auch meine eigene Sammlung einmal dorthin zu geben“.
Inzwischen ist dieser Wunsch durch einen Vorvertrag Realität geworden. Kisten mit handschriftlichen Gedichtentwürfen und Korrespondenzen stehen in der Weimarer Wohnung zur Abholung bereit – natürlich für ein „angemessenes Honorar“, wie Kirsten nicht zu erwähnen vergisst. …
Im Deutschen Literaturarchiv befinden sich seit geraumer Zeit auch Manuskripte des Frankfurter Schriftstellers Martin Mosebach und des erst 48-jährigen Büchnerpreisträgers Durs Grünbein.
Grünbein sei „ein Freund des Hauses“, betont Ulrich Raulff, so habe sich dieser kleine Vorlass (er besteht aus dem Manuskript „Aroma“ und einer Art Collage-Tagebuch mit dem Titel „Buch der Reflexe“) fast von selbst ergeben. Man gehe gewöhnlich auf Autoren zu, deren Archive man haben wolle. / Heimo Schwilk, Die Welt
120. «Deutscher Geist. Ein amerikanischer Traum»
Amerikanische Bezüge fehlen bei Lessing und Lasker-Schüler, aber zugestehen muss man, dass die strikt alphabetische Ordnung der Exponate kuriose Nachbarschaften stiftet: Ein Typoskript Ingeborg Bachmanns kommt neben Walter Benjamins erster Reinschrift der «Berliner Kindheit um 1900» zu liegen; ein Zettelkasten Hans Blumenbergs, der einen Blick auf Einträge zum Stichwort «Amerika» gewährt, steht zwischen Gottfried Benns auf eine Speisekarte getipptem Gedicht «Astern» und Rudolf Borchardts Übertragung eines Poems von Edna St. Vincent Millay. Gerade Borchardt ist ein interessanter Fall, denn der auf Europas Kultur stolze Schriftsteller hatte grosse Lyrik in Amerika für unmöglich gehalten. Millays Gedichte belehrten ihn eines Besseren. / Joachim Güntner, NZZ 26.5.
«Deutscher Geist. Ein amerikanischer Traum». Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar. Bis 3. Oktober. Zur Ausstellung ist ein «Marbacher Magazin» erschienen, zweisprachig deutsch/englisch.
(Die von David Wellbery und Ernst Osterkamp kuratierte Ausstellung war eigentlich für Amerikaner gedacht, aber die Finanzkrise durchkreuzte den Plan. Wir sehen alles ein. Gerade mußten wir den armen Banken mit paar hundert Milliarden aufhelfen, worauf die prompt wieder Milliardengewinne machen, indem sie fröhlich weiterzocken, da capo ad finem. Da kann man nicht gleich paar tausend Euro für Lyrik ausgeben – klar doch!)
69. Randzeichnungen
Modernen Autoren fällt das Schreiben gewöhnlich schwerer als mittelalterlichen Kopisten, schwerer auch – wie Thomas Mann einmal festhielt – als anderen Menschen. Deshalb sind sie die meiste Zeit ihres Wirkens gar nicht mit Schreiben, sondern mit Nicht-Schreiben befasst. Für die Nachwelt blieben davon neben ausgerissenen Haaren keine bedeutenden Zeugnisse zurück, legten die zu beschriftenden Blätter selbst nicht oftmals selbst Zeugnis ab vom dramatischen Ringen um Einfälle und deren sprachliche Formung. Mit diesen Randgeschehnissen des Schreibens, unter denen sich die begrenzte Oberfläche des zu beschriftenden Papiers in einen schier unbegrenzten Raum der Phantasie – oder auch der Phantasielosigkeit – zurückverwandelt, befasst sich eine launige Marbacher Ausstellung. Erstaunlich, gerade im Vergleich mit den Zeugnissen mittelalterlicher Vorgänger, über welch begrenzte und stereotype Zeichen- wie Formenvorräte die dort ausgestellten Autoren verfügen und wie selten semantische Bezüge zwischen dem an den Rand eines Blatts Gekritzelten und dem in seinem Zentrum Geschriebenen erkennbar sind. …
Auch der kritzelnden Hand Paul Celans ist gut über die Blätter zu folgen, wenn drei Ansichten eines gezeichneten Frauenkopfs – eines mit einer geschwärzten Zone um das rechte Auge – das Manuskript des Gedichts “Von Dunkel zu Dunkel” flankieren. Hier ist nichts Tiefsinniges über die wörtliche Bedeutung eines Verses hinaus zu enträtseln, man braucht nur dem schwarzen Tintenstrich zu folgen: “Du schlugst die Augen auf – ich seh mein Dunkel leben.”
…
Dokumente eines randständigen Surrealismus avant le lettre aus den Klebealben des mit scharfem Papiermesser und mit Schere bewaffneten schwäbischen Schriftstellers und Arztes Justinus Kerner, der den Bildnissen seiner Hausgäste auch gerne mal Hörner aufsetzte, beschließen den Kreis. / VOLKER BREIDECKER, SZ 8.4.
“Randzeichnungen”. Bis 18. April. Deutsches Literaturarchiv / Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar. Begleitend zur Ausstellung sind drei “Marbacher Magazine” zum Preis von je 9 bzw. 10 Euro erschienen. Info: www.dla-marbach.de
2. Klebspuren
Ernst Jünger war ein leidenschaftlicher Jäger und Sammler. In seine Manuskripte hat er vielfach Pflanzen und Insekten eingeklebt. Nun droht der Klebstoff die Papiere zu zerstören. Restauratoren im Deutschen Literaturarchiv Marbach suchen nach einer Lösung. / Gunnar von der Geest, NZZ 30.12.