Getagged: Manfred Koch

59. Kurzgeschichte

Zwei Sätze reichen, um den kulturellen Hintergrund des Haiku zu erläutern: «Winzig erscheinen uns der Japaner selbst, seine Frauen, Häuser, Geräte, Gedichte. Aber er hat das Menschenmögliche in der Prägnanz, Plastik und Schärfe des Kurzgedichtes geleistet.» (…)

Auch Schiller bezieht im Vorübergehen zarte Prügel: «Das Rosa seiner Liebeslyrik ist staubig.» (…)

Natürlich hat Klabund wild kompiliert, natürlich sind zumal die völkerpsychologischen Betrachtungen von abenteuerlicher – allerdings zeittypischer – Leichtfertigkeit. Auf der anderen Seite betont der aufrechte Pazifist unermüdlich die Bedeutung des kulturellen Austauschs und verteidigt die Autonomie der Literatur gegen jede politische Inanspruchnahme. / Manfred Koch, NZZ 13.2.

Klabund: Literaturgeschichte. Die deutsche und die fremde Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Ralf Georg Bogner. Elfenbein-Verlag, Berlin 2012. 380 S., Fr. 55.–.

97. Kommt, ihr Geister!

In seinem neuesten Buch zeigt Schlaffer, wie eine ganze Gattung die Neuzeit hintergeht. Lyrik ist, so liessen sich Titel und Untertitel erläutern, ein archaisches Sprechen, das seltsamerweise unter Bedingungen der Moderne überlebt hat. Die ältesten überlieferten Gedichte Europas und Asiens sind zweckgebunden: Kultlieder und Zaubersprüche, die «Götter gnädig stimmen, Krankheiten heilen, Missernten abwenden, den Feinden schaden» sollen. Um den übernatürlichen Wesen – Göttern wie Dämonen – Eindruck zu machen, entwickeln die sterblichen Menschen kunstvolle Formen der Anrufung, der Preisung, der Beschwichtigung, der Bannung. Im geschichtlichen Rationalisierungsprozess geht der Zweck dieser «Geistersprache» verloren, die Mittel aber bleiben. Und sie vor allem sind es, denen grosse Poesie ihre Wirkung verdankt.

Gut, wird mancher nun sagen, unbestreitbar geht die Lyrik auf kultische Anfänge zurück. Reden wir heute aber von der «Sprachmagie» eines Dichters, dann ist damit doch nichts anderes gemeint als seine Fähigkeit, seiner individuellen Erfahrungswelt in klangvollen und rhythmisch mitreissenden Versen Gestalt zu verleihen. Genau dieses seit der Goethezeit dominierende Subjektivitätsmodell der Lyrik will Schlaffer jedoch entkräften. Das lyrische Ich auch in neuzeitlichen Texten ist für ihn weit eher eine kultische Instanz als ein Privatmensch, der sich mitteilt. Gedichte, so die aufregende Grundthese, wenden sich von der Sprechhaltung her eigentlich gar nicht an ihre Leser; sie machen diese vielmehr zu Zeugen einer Kommunikation mit dem Übernatürlichen. Nur deshalb können sie ein Publikum «verzaubern». …

Rezepte für den «richtigen» Umgang mit Gedichten gibt er nicht, sondern bekundet am Ende nur seine Skepsis gegenüber der sinnversessenen Interpretation. Dass das Lesen von Gedichten noch in der Moderne ein kultisches Fest ist, wenn auch ein einsames, weist er jedenfalls überzeugend nach. / Manfred Koch, NZZ

Heinz Schlaffer: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. Carl-Hanser-Verlag, München 2012. 204 S., Fr. 29.90.

102. Georges Wullewops

Die schön gestaltete und von den beiden Herausgebern vorzüglich kommentierte Edition der Schlayerschen Minusio-Erzählung ermöglicht einen neuen Blick auf George. Sie zeigt einen entspannten Dichter-Gott, der sich durchaus auch spielerisch-belustigt auf die Rituale seiner Sekte bezog. Dies konnte er sich im Bewusstsein der bedingungslosen Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde, freilich problemlos leisten. Auch Schlayers Briefe sind, ungeachtet der Profilierung eines persönlicheren, man möchte sagen: menschlicheren Meisters, Dokumente der Anbetung. Sie bebt vor Ergriffenheit, wenn er ihr mit seinem Löffel vom Nachtisch abgibt oder gar eigenhändig ein Brötchen mit Hummermayonnaise für sie schmiert. Sie ist ausser sich vor Glück, wenn er in der von ihr gestrickten Wollweste, seinem «Wullewops», zum Abendessen erscheint. Jede noch so banale Geste, jedes Räuspern, jedes Lachen Georges hat das Zeug zur Offenbarung. / Manfred Koch, NZZ 22.3.

Clotilde Schlayer: Minusio. Chronik aus den letzten Lebensjahren Stefan Georges. Hrsg. und mit Erläuterungen versehen von Maik Bozza und Utel Oelmann. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010. 346 S., Abb., Fr. 56.90

25. Poetische Briefe

Im Frühjahr 1939 musste die 70-jährige Else Lasker-Schüler die Schweiz verlassen, bis zu ihrem Tod 1945 war Jerusalem die letzte Exilstation. Das Leben dort, «unter dem auserwählten Volke», erscheint in ihren Briefen als eine einzige «Hölle». Kaltherzig, engstirnig, brutal seien die Menschen um sie herum. …

Was immer an Lasker-Schülers Anschuldigungen erdichtet sein mag, poetisch sind sie in jedem Fall. Dauernd gebiert die Schmerzlitanei berückende Bilder, die sich zu lyrischen Sequenzen fügen: «Ich bin so unglücklich, Krähen werden kommen, meinen Schmerz aufpicken.» – «Ich bin so müde / Wär ich doch zu Haus / Ich trug Jerusalem auf meinem Augenlide.» – «Kläglich vergeht Minute und Stunde, / Die Aster bleicht auf meinem Munde.» Doch es gibt auch andere Töne. Die Lust am Fabulieren, am kindlich versponnenen Sprachspiel (bis hin zur bewussten Unsinnsproduktion) hat Lasker-Schüler niemals verloren. So teilt sie der Frau des Rabbiners Kurt Wilhelm energisch mit, «am Schabbatt in der Synagoge» den falschen Hut getragen zu haben: «Zu schnadahüpfl Tyrol». Sie müsse in Zukunft ihren «ganz runden russischheiligenschein hut» aufziehen. Unterzeichnet: «Prinz Jussuf». …

«Mein letztes Gedicht haben Sie sicher für sexuell gehalten?! Nicht die Spur.» Die Simon gewidmeten Gedichte bilden eine eigene Abteilung in Lasker-Schülers letztem Gedichtband, «Mein blaues Klavier» (1943): «An ihn». Der Amour fou einer blutjungen Greisin verdankt die deutsche Literatur Glanzstücke ihrer Liebespoesie. / Manfred Koch, NZZ 6.11.

Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe Bd. 11: Briefe 1941–1945. Nachträge. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 912 S., Fr. 196.–.

55. George als Gesamtkunstwerk

Die George-Konjunktur hält an. Nach Thomas Karlaufs grosser Biografie (2007) und Ulrich Raulffs preisgekrönter Studie zur Wirkungsgeschichte des Kreises (2009) ist nun das dritte George-Buch erschienen, das sich an ein breiteres Publikum wendet. Der Berliner Germanist Ernst Osterkamp bezieht sich eingangs auch gleich auf «die gegenwärtige Wiederentdeckung Georges». Sein Buch will jedoch die zuletzt gebahnten Forschungswege nicht weitergehen. Osterkamp fordert nicht weniger als eine Kehrtwende: weg von der Konzentration auf Georges Wirkung, sein vielumrätseltes «Charisma». Hin zu den Gedichten, die doch der eigentliche Grund für die ungeheure Ausstrahlung des Meisters gewesen sein müssen. «Dass die Wirkungen des Dichters primär auf seiner Poesie beruhen und sich deshalb auch erst aus seiner Poesie erschliessen», ist die leitende Prämisse der Untersuchung.

Das klingt gut in den Ohren von Philologen und Lyrikliebhabern. Das Problem ist nur, dass Osterkamp diese Potenz der Dichtung ausgerechnet an Georges schwächstem Gedichtband aufweisen will. «Das Neue Reich» erschien 1928 und wurde von Georges Anhängern pflichtgemäss als «neue» Offenbarung bejubelt, obwohl alle wussten, dass es sich vor allem um eine Zusammenstellung alter Texte handelte. …

Das Gedicht als autonomes ästhetisches Gebilde hatte ausgedient; spätestens seit dem «Siebten Ring» (1907) waren die Verse des Meisters nur mehr Bestandteil einer umfassenden Inszenierung des Phänomens «George und sein Kreis». Der kürzlich verstorbene Gert Mattenklott hat 1970 in dem wohl originellsten George-Buch der ersten Nachkriegsjahrzehnte die Techniken dieser Inszenierung aufgezeigt. Dazu gehörten die George-Fotografien, die das knochige Dichterhaupt – gewaltige Stirnpartie, muskulöser Kiefer, trotzig vorgeschobenes Kinn – dem Betrachter so vor Augen stellen, dass ihn der bannende Blick des Meisters markerschütternd trifft. Dazu gehörten die weihevollen Lesungen, die Typografie, die Initiationsriten für neue Adepten, überhaupt die ganze Herrschafts- und Unterwerfungsliturgik des Kreises. Der späte George war demnach eher ein Gesamtkunstwerk, ein Ensemble von Verzauberungsmitteln, unter denen das Element Lyrik gewiss eine Rolle spielte, aber wohl nicht einmal die wichtigste. / Manfred Koch, NZZ 10.7.

Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte. Stefan Georges Neues Reich. Carl-Hanser-Verlag, München 2010. 292 S., Fr. 34.50.

35. Kafkas Schatzkästlein

“Da Hebel bekanntlich das Alemannische u.a. mit seinen Gedichten literaturfähig gemacht hat, ist dieser Autor für die Lyrikzeitung einschlägig”, schreibt mir Konstantin Ames, und wie recht er hat. Goethe sagts ja auch:

“Der Verfasser dieser Gedichte ist im Begriff, sich einen Platz auf dem deutschen Parnass zu erwerben”, staunte Johann Wolfgang von Goethe bei Erscheinen von Hebels Erstling, den “Alemannischen Gedichten”. Und die ebenso begeisterte Rezension von Jean Paul, das Lob von Ludwig Tieck und Johann Georg Jacobi zeigten dem jungen Schriftsteller, dass er verstanden wurde. Die erste Auflage von 1200 Exemplaren war noch im Erscheinungsjahr vergriffen. Mit diesen “Alemanischen Gedichten” wollte Hebel das “Volk” erreichen, er wollte es teilhaben lassen am Prozess der Aufklärung aller Lebensbereiche, der ganz praktischen wie auch der theologischen. … Das kann man nur unterstreichen oder allenfalls noch Walter Benjamins Bemerkung anführen: “Nicht umsonst war das ,Schatzkästlein’ ein Lieblingsbuch von Franz Kafka”. / Hansgeorg Schmidt-Bergmann, Die Welt 8.5.

Am 10. 5. feiert man in Hausen (Baden) und anderswo den 250. Geburtstag des Dichters. Auch andere feiern schon vor: Manfred Koch in der NZZ (“Der wahre Universalismus ereignet sich bei Hebel auf der Ebene von Knackwurst und Bier.”) / Niklaus Peter ebenda und als dritte im Bunde Hannelore Schlaffer (“Der «farbige Staub» auf Johann Peter Hebels Dialektgedichten” / “Der alemannische Tasso”) /  FAZ 7.5. / Die Presse / Badische Zeitung (“Johann Peter Hebel wird hauptsächlich wahr gno als alemannische Dichter, wenn mer ehrlich sin, dörfe mir ihn sogar “alemannischer Dichterfürst” heiße.”) und und und.

072. Briefwechsel

Nachträglich zum gestrigen Goethegeburtstag hier eine Nachricht aus der gestrigen NZZ:

Die Klassiker bloggen, und das Publikum jubelt. Unter www.briefwechsel-schiller-goethe.de erscheint seit einigen Wochen, eingerichtet von dem Münchner Germanisten Giesbert Damaschke, die Korrespondenz der beiden Weimarer Dichterfürsten als «Echtzeit-Blog». Um 215 Jahre versetzt, werden die Briefe fortlaufend gemäss der jeweiligen Datumsangabe ins Netz gestellt. Schillers erster Brief an Goethe vom 13. Juni 1794 – «Hochwohlgeborener Herr, hochzuverehrender Herr Geheimer Rat» – machte am 13. Juni 2009 den Anfang; mit Goethes kleinem Billett vom 26./27. April 1805 wird das Unternehmen 2020 abgeschlossen sein. …

Das neue Medium verwandelt das Nationaldenkmal spielerisch in ein Brevier der täglichen Einkehr: Sie nimmt immer nur wenige Minuten in Anspruch, kann im Idealfall aber zur jahrelangen Gewohnheit werden. – Gut vorstellbar sind Leser, die zwischen Online-Banking und zwei Geschäfts-Mails geschwind noch nachschauen, ob inzwischen ein Brief von Schiller eingetroffen ist.

Ich empfehle Schillers Briefe vom 23.8. und – am Montag – 31.8. 1794 zu lesen, zwei literaturpolitisch bedeutende Dokumente. Koch gibt Hinweise in seinem Artikel, Näheres in Norbert Oellers’ Schillerbiografie. Hier noch einige Nachrichten aus dem L&Poe-Archiv zum Thema Goethe, Schiller und die Deutschen (Österreicher hier eingeschlossen):

2004    Okt    #29.    Doch Lyrik
2005    Feb    #95.    Literatur-Ideologen
2005    Mrz    #56.    Urworte
2005    Jul    #43.    (de) Toys News
2005    Sep    #101.    Goethe spielt Flöte
2008    Mrz    #107.    Wettfurzen

(Alle alten L&Poe-Ausgaben sind unter dem Button “Archiv” erreichbar – suchen Sie dort einfach die entsprechende Nummer)

94. «Ich habe niemand ans Licht gezwängt / nur Worte.»

Um ihm Hauslärm zu ersparen, hatte sie schon 1940 in eine Abtreibung eingewilligt. Als sie nach dem Tod ihrer Mutter zusammenzubrechen droht, kommt es erneut zu einer Schwangerschaft; Palm intensiviert in dieser Zeit seine Reisetätigkeit und hat eine Affäre im Ausland. Domin erleidet eine Fehlgeburt – für sie, wie es in einem der Briefe heisst, ein Zeichen, «dass mein Körper sich weigerte von Dir ein Kind zu haben». Am Ende nimmt sie den egomanen Gatten wieder auf, der gereizt ihre Wandlung zur Lyrikerin verfolgt («Erwin ist so entsetzt, als ob die Katze auf einmal Eier legte») und später, wie zur Strafe, an seiner Frau das Phänomen des Dichterruhms studieren darf.

Domins furiose Briefe an Palm zeigen, in welchem Mass das verlorene Kind Movens ihres Schreibens war. Eines ihrer berühmtesten Gedichte, «Geburtstage», handelt von Poesie als Mutterschaftsersatz: «Ich habe niemand ans Licht gezwängt / nur Worte.» Nachzulesen ist es jetzt in einer neuen, schön gestalteten Gesamtausgabe der Domin-Gedichte, die auch 23 bisher unbekannte Texte aus dem Nachlass präsentiert. Ein brillanter Kurzessay von Ruth Klüger verdeutlicht, dass nicht nur Verzicht und Entbehrung aus diesen Versen spricht. Die Wort-Geburten sind, anders als die unfertigen Menschenkinder, auf faszinierende Weise schon im Augenblick ihres Erscheinens selbständig: «Worte drehen nicht den Kopf / sie stehen auf / sofort / und gehn.» / Manfred Koch, NZZ 27.7.

Hilde Domin: Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931–1959. Hrsg. von Jan Bürger und Frank Druffner. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 379 S., Fr. 34.90. Hilde Domin: Sämtliche Gedichte. Hrsg. v. Nikola Herweg und Melanie Reinhold. Mit einem Nachwort von Ruth Klüger. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 351 S., Fr. 29.–.

78. Peter von Matts Verdichtungskunst

Deshalb ist es besonders schwierig, die kurzen Texte der Lyrik auch kurz zu interpretieren. Es bedarf dazu einer eigenen exegetischen Verdichtungskunst. Als Beiträger zu der von Marcel Reich-Ranicki begründeten «Frankfurter Anthologie» führt Peter von Matt sie seit mehr als 25 Jahren eindrucksvoll vor. Die Not der Einschränkung – der Interpret muss mit rund 500 Wörtern auskommen – gebiert die Tugend der schlackenlosen, pointierten Sprache. Von Matt schreibt knapp, prägnant und arbeitet selbst immer wieder mit Stilmitteln der Poesie. So lässt sich eine Motivgeschichte in fünfzehn Wörtern geben: «Erotische Lockwesen tragen Namen mit L. Lola, Lili, Lulu, Lolita, Loreley. Den Anfang machte Lilith.» Oder die Charakteristik eines Gesamtwerks in zwei Sätzen: «Jedes Eichendorff-Gedicht ist ein Bannspruch. Jedes beschwört und bespricht rituell einen Schmerz, der mit dem Leben selbst gegeben ist.» Das Hintergrundwissen vermittelt von Matt in einfachen, gemeisselten Sätzen dieser Art. Selten hat wohl jemand den Anspruch des «Klassischen», fernab von aller staubseligen Preisung «ewiger Kunstschätze», so bündig formuliert: «Das Klassische ist eine Erfahrung. Sie besteht im plötzlichen Wissen: Hier ist etwas, das immer gilt.» / Manfred Koch, NZZ 14.7.

Peter von Matt: Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte. Carl-Hanser-Verlag, München 2009. 220 S., Fr. 31.90.