Getagged: Maike Albath
110. 32. ERLANGER POETENFEST
32. ERLANGER POETENFEST – 23. BIS 26. AUGUST 2012
PROGRAMMINFORMATION
Das 32. Erlanger Poetenfest lässt vom 23. bis 26. August literarische Höhepunkte des Frühjahrs Revue passieren und wirft noch vor der Frankfurter Buchmesse einen ersten Blick auf viel versprechende Neuerscheinungen des deutschsprachigen Bücherherbstes. Über 80 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten kommen zu Lesungen, Gesprächen und Diskussionen nach Erlangen. In großen Porträts werden die international renommierten Autoren Uwe Timm, A. L. Kennedy und Jean-Philippe Toussaint vorgestellt. An den Nachmittagen im Schlossgarten treten unter anderem Olga Martynova, Marcel Beyer, Clemens J. Setz, Dea Loher, Alexander Nitzberg, Anne Weber, Gerhard Seyfried und Jenny Erpenbeck auf, für Kinder und Jugendliche finden Autorenlesungen und Aktionen statt. Gespräche und Diskussionen beschäftigen sich unter anderem mit der Entmachtung der Politik, der Zukunft Europas und der Urheberrechtsdebatte. Anlässlich ihres neuen Romans gibt Ljudmila Ulitzkaja Auskunft über Russland, der Neuseeländer Anthony McCarten kann über einen aktuellen Roman und einen Film-Start sprechen. An die im Dezember letzten Jahres verstorbene Christa Wolf erinnert eine Soirée mit Weggefährten der Schriftstellerin. Bayern 2 überträgt seine “Nacht der Poesie” live aus dem barocken Markgrafentheater, die Neunte Erlanger Übersetzerwerkstatt, Ausstellungen und Filme sind weitere Programmpunkte des viertägigen Festivals, zu dem einmal mehr über 10.000 Besucher erwartet werden.
Die Bayern 2-Nacht der Poesie mit Tanja Dückers, Nora Gomringer, Uwe Kolbe, Reiner Kunze und Bernhard Wunderlich alias “Wunder” bildet den Auftakt des 32. Erlanger Poetenfests (23.8., 20 Uhr). Das erste Autorenporträt (24.8., 20:30 Uhr) stellt Uwe Timm, einen der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller vor. Zum Porträt International (25.8., 20:30 Uhr) kommt mit der 1965 im schottischen Dundee geborenen A. L. Kennedy eine der herausragenden Stimmen der britischen Gegenwartsliteratur, die auch als Standup-Comedian auftritt, mit ihrem druckfrischen Roman “Das blaue Buch” nach Erlangen. Ebenso vielseitig ist der belgische Romancier, Regisseur und Fotograf Jean-Philippe Toussaint (26.8., 20:30 Uhr). Seine Trilogie “Sich lieben”, “Fliehen” und “Die Wahrheit über Marie” war ein Bestseller im französischsprachigen Raum, im Herbst erscheint in Deutschland der anlässlich seiner Ausstellung im Pariser Louvre entstandene Essay-Band “Die Dringlichkeit und die Geduld”.
Am Wochenende (25. und 26.8.) lesen und diskutieren nachmittags im Erlanger Schlossgarten: Olga Martynova, Stephan Thome, Marjana Gaponenko, Marcel Beyer, Kerstin Preiwuß, Clemens J. Setz, Rainer Merkel, Dea Loher, Alexander Nitzberg, Benjamin Stein, Nora Bossong, Nicol Ljubić, Arezu Weitholz, Andre Rudolph, Michael Maar, Anne Weber, Julia Schoch, Michael Buselmeier, Gerhard Seyfried und Jenny Erpenbeck. Kinder- und Jugendbuchautoren präsentieren auf dem Jungen Podium Literatur für alle Altersgruppen: Gerald Jatzek, Albert Wendt, Zoran Drvenkar, Michael Römling, Bettina Kupfer, Arend Agthe, Susann Opel-Götz und Katja Behrens.
“Wer hat die Macht im Staat?”, fragt die traditionelle Sonntagsmatinee mit Daniela Dahn, Friedrich Dieckmann, Mathias Greffrath, Roland Roth und Christoph Schwennicke. Dass Europa mehr bedeutet als Bankenkrise und Euro-Rettung, diskutieren Dieter Bachmann, Hans Christoph Buch, György Dalos und Olga Martynova unter dem Titel “Schafft sich Europa ab?”. Florian Felix Weyh will im Gespräch mit Uwe Jochum, Wilfried F. Schoeller und Benjamin Stein der Urheberrechtsdebatte auf den Grund gehen. Mit der “Literatur-Verteidigerin” Sigrid Löffler und dem “Vor- und Nachdenker der deutschen Einheit” Friedrich Dieckmann werden zwei Persönlichkeiten gewürdigt, deren Namen eng mit dem Erlanger Poetenfest verbunden sind. Die Reihe zu den großen Mythen des 20. Jahrhunderts setzt Peter Glaser im Dialog mit Florian Felix Weyh unter dem Titel “Rocket Boys” fort – diesmal zum Thema Raumfahrt. Akustische Erlebnisse verspricht die Vorstellung ungewöhnlicher Hörbuch-Editionen und Bayern 2 sendet sein Büchermagazin Diwan live vom Erlanger Poetenfest. Unter dem Titel “Rede, dass wir dich sehen” erinnert Friedrich Dieckmann mit Daniela Dahn, Sonja Hilzinger und Kathrin Schmidt an die im vergangenen Jahr verstorbene Schriftstellerin Christa Wolf.
Anlässlich ihres neuen Romans “Das grüne Zelt” spricht Ljudmila Ulitzkaja über die Chancen für Bürgerrechte und Zivilgesellschaft im heutigen Russland, Jörg Baberowski diskutiert sein mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnetes, nicht unumstrittenes Sachbuch “Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt”, durch Hanjo Kestings “Grundschriften der Europäischen Kultur” erfahren wir, “woher wir kommen” und die Zeichnerin Vika Lomasko dokumentiert jüngste Prozesse gegen russische Künstlerinnen und Künstler. Im Gespräch mit Hajo Steinert stellt Anthony McCarten aus Neuseeland – Gastland der Frankfurter Buchmesse 2012 – seinen neuen Roman “Ganz normale Helden” und als Preview den Film “Am Ende eines viel zu kurzen Tages” vor.
Einblicke in die Faszination des literarischen Übersetzens vermittelt das offene Arbeitstreffen der Neunten Erlanger Übersetzerwerkstatt mit Gerhard Falkner, Friedrich Koch, Margitt Lehbert, Constantin Lieb, Nora Matocza, Alexander Nitzberg, Andreas Nohl, Angela Plöger, Hans Raimund und Wolfgang Schlüter. Anlässlich des 100. Todestags von Bram Stoker wird in Gesprächen, Lesungen und Filmausschnitten bis nach Mitternacht die dauerhafte Faszination des Vampirismus analysiert. Mit “Text” bringt das Theater Erlangen ein Stück von Jérôme Junod zur Uraufführung, in psychedelischer Vernetzung von Free Jazz und Voodoo Rock lässt das Kammerflimmer Kollektief Texte von Dietmar Dath erklingen und Poetry Slammer aus ganz Deutschland treten auf der Open Air-Bühne des Kulturzentrums E-Werk an.
Die Ausstellung “Parcours” des Kunstpalais Erlangen präsentiert Installationen von Thomas Locher an der Schnittstelle von Bild und Text. Weitere Ausstellungen zeigen Arbeiten von Lorenzo Mattotti zu “Hänsel und Gretel”, Vika Lomaskos Comic “Verbotene Kunst”, ein Experiment zum Thema “Arten” der Literaturzeitschrift “Blumenfresser” und – im Rahmen der “Druck & Buch” – Buchkunst von 24 Kleinverlage aus Deutschland, der Schweiz und Ungarn. Literaturverfilmungen und Dokumentationen sind teilweise in exklusiven Previews zu sehen, musikalisch wird das 32. Erlanger Poetenfest von Benjamin Boone (Saxofon/Live-Elektronik) und Stefan Poetzsch (Violine/Viola/Live-Elektronik) umrahmt.
Die Moderatorinnen und Moderatoren des 32. Erlanger Poetenfests 2012 sind Maike Albath, Verena Auffermann, Niels Beintker, Michael Braun, Friedrich Dieckmann, Herbert Heinzelmann, Dirk Kruse, Adrian La Salvia, Sigrid Löffler, Wilfried F. Schoeller, Hajo Steinert, Florian Felix Weyh und Cornelia Zetzsche.
57. Kalenderblatt
Sein Leben war kurz und unglücklich, aber die Wirkung seiner Gedichte und Essays hält bis heute an. Vor 175 Jahren ist er im Alter von 39 Jahren gestorben.
Lieb war mir stets hier der verlassne Hügel
und diese Hecke, die vom fernsten Umkreis
so viel vor meinem Blick verborgen hält.
Doch hinter ihr – wenn ich so sitze, schaue,
endlose Weiten formt sich dort mein Denken,
ein Schweigen, wie es Menschen nicht vermögen,
und tiefste Ruhe; da beschleicht die Seele
ein leises Graun.
So beginnt eines der berühmtesten Gedichte der italienischen Literaturgeschichte: L’infinito, Das Unendliche von Giacomo Leopardi, entstanden 1819. Ein in sich selbst versunkenes Ich lässt den Blick über die Landschaft schweifen, aus der alles Göttliche längst gewichen ist. / Maike Albath, DLR
119. Nachruf auf Antonio Tabucchi
Antonio Tabucchi war von einer liebenswürdigen Unberechenbarkeit. Wenn ihn Lust auf eine Zigarette, ein Getränk, ein Hustenbonbon, ein Gedicht von Emily Dickinson oder eine Zeile von Pessoa überfiel, liess er das Auto anhalten, vergass Verabredungen, spazierte mitten in Veranstaltungen vom Podium, rauchte, trank etwas, schlug ein Buch auf, knüpfte Gespräche an und verwickelte sich in Unvorhersehbares. … Zufällig entdeckte der 1943 in Pisa geborene Schriftsteller Anfang der sechziger Jahre bei einem Pariser Bouquinisten Gedichte von Pessoa und beschloss, vom Philosophie-Studium auf Portugiesisch umzusatteln. Gemeinsam mit seiner Lissabonner Frau Maria José de Lancastre wurde er später zum Herausgeber und Übersetzer Pessoas und Lehrstuhlinhaber an der Universität von Siena. / Maike Albath, NZZ
79. Einladung, Dante zu lesen
Es ist nicht weiter verblüffend, dass ausgerechnet ein New Yorker Filmemacher Dantes Hölle nachbaut, denn der angelsächsische Raum pflegt bis in die jüngste Gegenwart hinein eine besondere Vorliebe für “Die Göttliche Komödie”. Jeder kennt sie, und sie ist Bestandteil der Moderne. Ezra Pound bezieht sich mit seinen Cantos auf den italienischen Dichter, T.S. Eliot widmet “The Waste Land” seinem Lehrmeister Pound mit dem Dante-Zitat “Il miglior fabbro” und variiert im gesamten Zyklus zahlreiche Motive Dantes. James Joyce beruft sich mit schöner Regelmäßigkeit wieder auf Dante, und Samuel Beckett trug sein Leben lang eine Taschenbuchausgabe der Göttlichen Komödie mit sich herum. …
Deutschland war bis ins 20. Jahrhundert hinein führend in der Dante-Forschung, aber im Unterschied zu England und den USA wird die “Göttliche Komödie” jenseits akademischer Pflichtübungen heute kaum noch gelesen. …
Deutschland war bis ins 20. Jahrhundert hinein führend in der Dante-Forschung, aber im Unterschied zu England und den USA wird die “Göttliche Komödie” jenseits akademischer Pflichtübungen heute kaum noch gelesen. Auch deshalb ist es begrüßenswert, dass in den letzten Jahren zwei neue Übersetzungen erschienen sind. Neben der – noch nicht ganz abgeschlossenen – überaus geglückten, einfallsreichen Prosaübertragung von Hartmut Köhler im Reclam-Verlag liegt jetzt bei S. Fischer eine schön aufgemachte, zweibändige Ausgabe von Kurt Flasch vor. Seiner ebenfalls reimlosen Übersetzung stellt er einen Kommentarband zur Seite. …
Flaschs Entscheidung für Prosa ist richtig. Bei den Blankversen berühmter Übersetzungen von Karl Vossler und Hermann Gmelin stellt sich mittlerweile eine Art Schunkelgefühl ein, welches wenig mit dem vorantreibenden Endecasillabo des Originals zu tun hat. Die Besonderheit des italienischen Elfsilbers ist ohnehin nicht übertragbar. / Maike Albath, Die Welt
Dante Alighieri: Commedia. Bd.1: Commedia, in dt. Prosa; Bd.2: Einladung, Dante zu lesen von Kurt Flasch. Hg. und übersetzt von Kurt Flasch. S. Fischer, Frankfurt/M. 736 S., 98 Euro.
88. «vor, / vor dem Wort»
Wer Mario Luzi (1914–2005) in seinen späten Jahren noch erlebt hat, wird sich an seine hagere Gestalt erinnern, an das markante Profil, die lebhaften Augen und daran, wie er mit leiser, manchmal brüchiger Stimme seine Gedichte vortrug. Oft stieg die Spannung von Vers zu Vers. «Innen, in den Äderungen. / Eingedrungen / ihnen entlang, / eingetreten / in die Risse / und in die Spalten / ganz drin, explodiert / dort, im Felsen, / in der Substanz – / so waren sie Worte», so beginnt ein Text in der Übersetzung von Guido Schmidlin aus dem Band «Themen und Motive eines heiligen Gesangs» von 1990. Diese Worte, parole, heisst es weiter, wurden zu Sprachen, zu Nationen, sickerten dann in die Wurzeln und Wurzelfasern «bis zum unbestimmten Schlamm / zum noch nicht ausgesprochenen, / stummen Fatum – vor, / vor dem Wort». / Maike Albath, NZZ 9.3.
Mario Luzi: Auf unsichtbarem Grunde. Gedichte. Aus dem Italienischen von Guido Schmidlin. Hanser-Verlag, München 2010. 328 S., Fr. 29.90.
70. Quasimodo deutsch
Einen Vers des sizilianischen Dichters Salvatore Quasimodo (1901-1968) kennt fast jeder in Italien auswendig: Die Wendung “Und gleich ist es Abend” hat es zum geflügelten Wort gebracht. Anhand einer vorbildlich gestalteten, zweisprachigen Ausgabe ist der Nobelpreisträger von 1959 jetzt auch bei uns neu zu entdecken. Die kundig kommentierte Auswahl bietet einen Querschnitt durch das Werk; rund die Hälfte der 110 Texte kann man zum ersten Mal auf Deutsch lesen.
Der ehemalige Landvermesser und spätere Literaturprofessor Salvatore Quasimodo gilt als großer Repräsentant des Hermetismus, einer Strömung, die an das Erbe des Symbolismus anknüpft und das Gedicht als Chiffre begreift. Quasimodos Klangmagie, die symbolisch aufgeladenen Motive wie Wind, Wolke, Wasser, Licht, Baum, Sumpf, die syntaktischen Muster mit Verkürzungen, dem Verzicht auf Artikel und einem schillernden Gebrauch der Präpositionen passten in das Schema der neuen Richtung. / Maike Albath, DLR
Salvatore Quasimodo: Gedichte 1920 – 1965. Italienisch – Deutsch
Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber, mit einem Nachwort von Georges Güntert und Kommentaren von Antonio Sichera
Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2010
332 Seiten, 20 Euro
111. Auf unsichtbarem Grunde
Mit seinem Debüt “Das Boot” (1935) wurde Luzi als Vertreter der jüngeren Generation sofort zum Repräsentanten des florentinischen Hermetismus ausgerufen – eine Etikettierung, die ihm selbst eher unrecht war.
Mit seinem preziösen Vokabular, den Latinismen, der Verankerung in der europäischen Tradition und einer tiefen Spiritualität unterlief Luzi, zunächst Lehrer und später Professor für französische Literatur, die hohlen Pathosformeln des Faschismus. Der Übersetzer Guido Schmidlin legt mit der Sammlung “Auf unsichtbarem Grunde” jetzt erstmals eine Auswahl aus dem mittleren und späten Werk Luzis vor, die fünf verschiedenen, zwischen 1971 und 1995 entstandenen Bänden entnommen ist. / Maike Albath, DLR
Mario Luzi: “Auf unsichtbarem Grunde”, aus dem Italienischen übersetzt von Guido Schmidlin, Carl Hanser Verlag München 2010, 328 Seiten, 19,90 Euro
17. I Novissimi
Balestrini, Initiator der Lyrikergruppe ‘I Novissimi’, lustvoller und lautstarker Wortführer der italienischen Neoavantgarde, die mit den bürgerlichen Vorstellungen eines Subjektes kurzen Prozess machte, richtete sich bewusst gegen all” die Langweiler, die eine Handlung erwarteten und ein wieder erkennbares Personal. Ein erzählendes Ich, was für ein Unsinn! Unter den arrivierten Schriftstellern entfachte dieses Getöse des literarischen Nachwuchses großen Zorn.
Pasolini wandte sich wutschnaubend von den Novissimi ab, der Lyriker Andrea Zanzotto, Vertreter der Hermetik und großer Erbe Montales, bezeichnete die Gedichte der Neoavantgardisten als ‘blödsinnige Protokolle von Nervenzusammenbrüchen’. Denn Zanzotto, Pasolini und Carlo Emilio Gadda waren trotz ihres experimentellen Ansatzes von der ethischen Aufgabe der Literatur überzeugt. Die ‘Novissimi’, zu denen auch der kürzlich verstorbene Edoardo Sanguineti und Elio Pagliarini gehörten, machten es sich in ihren Augen zu leicht – man könne nicht einfach nur die tradierten Formen zu Brei zerstampfen.
Aber die neuen Lyriker hatten Erfolg. 1963 bildete sich in Anlehnung an die Gruppe 47 der gruppo 63, ein loser Zusammenschluss von Schriftstellern und Wissenschaftlern, die sich die Erneuerung der italienischen Kultur auf die Fahnen geschrieben hatten. Hier waren auch Leute wie Giorgio Manganelli, Luigi Malerba und Umberto Eco mit von der Partie. Ecos Theorie vom ‘offenen Kunstwerk’ entstand in diesem Rahmen. / MAIKE ALBATH, SZ 27.7.
NANNI BALESTRINI: Tristano N· 7860 von 109 027 350 432 000 möglichen Romanen. Mit einem Vorwort von Umberto Eco. Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort versehen von Peter O. Chotjewitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 138 Seiten, 15 Euro.
132. 30. ERLANGER POETENFEST
DIE GANZE WAHRHEIT
26. BIS 29. AUGUST 2010
PROGRAMMINFORMATION
Alljährlich am letzten August-Wochenende bietet das Erlanger Poetenfest Gelegenheit, die literarischen Höhepunkte des Frühjahrs Revue passieren zu lassen und einen ersten Blick auf vielversprechende Bücher des Leseherbstes zu werfen. Zum 30. Erlanger Poetenfest – 26. bis 29. August 2010 – werden rund 70 Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten zu Lesungen und Gesprächen erwartet und viele Herbst-Neuerscheinungen erstmals öffentlich vorgestellt. Hans Joachim Schädlich und Volker Braun sind in diesem Jahr große Autorenporträts gewidmet, das Porträt International präsentiert den Ungarn László Krasznahorkai, Rafael Seligmann wird in Erlangen erstmals seine Autobiografie vorstellen. Nachmittags im Schlossgarten lesen unter anderem Mirko Bonné, Dorothee Elmiger, Arno Geiger, Nora Gomringer, Norbert Gstrein, Thomas Hettche, Michael Kleeberg, Georg Klein, Michael Lentz, Adolf Muschg und Peter Wawerzinek. Parallel dazu finden auf dem Jungen Podium Autorenlesungen, Gespräche und Aktionen für Kinder und Jugendliche statt. Die Gespräche und Diskussionen beschäftigen sich unter anderem mit den Grenzen des Wachstums, den blinden Flecken auf der europäischen Landkarte, mit dem Autor im Zeitalter der Digitalisierung, der Zukunft des Lesens und Aspekten der Regionalität in der Literatur. Zu „Lyrik.10“, der Internationalen Nacht der Poesie von Bayern 2, sind neben Volker Braun unter anderem Durs Grünbein und Raoul Schrott eingeladen. Die siebte Erlanger Übersetzerwerkstatt beschäftigt sich erstmals auch mit grafischer Literatur, das Kunstpalais Erlangen zeigt zum Poetenfest eine Ausstellung der Medienkünstler Dellbrügge & de Moll, bibliophile Buchkunst wird bei „Druck & Buch“ präsentiert.
Das 30. Erlanger Poetenfest wird am Abend des 26. August mit „Lyrik.10“, der Internationalen Nacht der Poesie eröffnet, einer Veranstaltung von Bayern 2, die zum zweiten Mal im Rahmen des Erlanger Poetenfests stattfindet und für Radio und Fernsehen aufgezeichnet wird. Diesmal sind neben den beiden Büchner-Preisträgern Durs Grünbein und Volker Braun die Newcomerin Ulrike Almut Sandig, mit dem Publikumspreis der lit.cologne ausgezeichnet, Thomas Meinecke, die Wiener Sängerin Gustav, der polyglotte Dichter und Übersetzer Raoul Schrott sowie das ungewöhnliche Jazz- und Poesie-Duo Vincent Courtois und Ze Jam Afane dabei.
Das erste Autorenporträt (Freitag, 27. August) ist Hans Joachim Schädlich gewidmet. Der 1935 in Reichenbach im Vogtland geborene Schriftsteller hat in seinem jüngsten Roman „Kokoschkins Reise“ ein weiteres Mal seine Meisterschaft bewiesen, Geschichte und Gegenwart, Realität und Fantasie zu vereinen. Ein weiterer Zeitzeuge ist beim zweiten Autorenporträt (Samstag, 28. August) zu Gast: Der Lyriker, Dramatiker und Erzähler Volker Braun, 1939 in Dresden geboren, war ein Kritiker der DDR und attackiert nun Kapitalismus und Werteverlust nach der Wende. László Krasznahorkai kommt zum Porträt International ins Erlanger Markgrafentheater (Sonntag, 29. August). Der 1954 im ungarischen Gyula geborene Melancholiker, der in diesem Jahr mit dem Spycher: Literaturpreis Leuk ausgezeichnet wird, bricht in seinem aktuellen Erzählungsband „Seiobo auf Erden“ zu siebzehn Expeditionen in das geheimnisvolle Territorium unserer Wahrnehmung auf.
Charakteristisch für das Erlanger Poetenfest sind die langen Lesenachmittage im Erlanger Schlossgarten. Am Samstag, 28. und Sonntag, 29. August lesen und diskutieren unter dem Motto „Literatur aktuell“ zahlreiche wichtige Autorinnen und Autoren ihre Neuerscheinungen: Mirko Bonné, Dorothee Elmiger, Ludwig Fels, Arno Geiger, Nora Gomringer, Norbert Gstrein, Thomas Hettche, Michael Kleeberg, Georg Klein, Sabine Küchler, Mariam Kühsel-Hussaini, Rolf Lappert, Thomas Lehr, Michael Lentz, Adolf Muschg, Christiane Neudecker, Sabine Peters, Dirk von Petersdorff, Peter Wawerzinek und Judith Zander. Parallel dazu präsentieren Kinder- und Jugendbuchautoren beim Jungen Podium Literatur für alle Altersgruppen: Milena Baisch, Peter Dempf, Rolf-Bernhard Essig, Mathias Jeschke, Kilian Leypold, Arne Rautenberg, Almut Tina Schmidt und Verena Stössinger.
Zum siebten Mal ist das Poetenfest der Rahmen für das offene Arbeitstreffen der Erlanger Übersetzerwerkstatt. Der Bayerische Rundfunk (Bayern 2) überträgt sein Büchermagazin „Diwan“ live vom Erlanger Poetenfest und der Berliner Verbrecher Verlag setzt die Reihe fort, in der das Erlanger Poetenfest spannende junge Verlage vorstellt. Anlässlich der Neueröffnung der Erlanger Stadtbibliothek und des 30. Geburtstags des Erlanger Poetenfests wird Freitag Nacht (27. August) in allen Räumen der Bibliothek eine „Wandel-Lesung“ mit Texten aus 30 Jahren Erlanger Poetenfest stattfinden, ein „optoakustischer Transfer“ von Béla Hamvas’ Roman „Karneval“ folgt am Samstag (28. August) in den Glocken-Lichtspielen. In Erinnerung des denkwürdigen Erlanger Auftritts von Friederike Mayröcker im Jahr 2006 wird die Regisseurin Carmen Tartarotti ihre neue Dokumentation „Das Schreiben und das Schweigen“ vorstellen. Ebenfalls von einem besonderen Poetenfest-Gast handelt der Film „Die Frau mit den 5 Elefanten. Swetlana Geier – Dostojewskis Stimme“. Das Kunstpalais Erlangen zeigt parallel zum Erlanger Poetenfest die Ausstellung „guerre en forme“ der Medienkünstler Dellbrügge & de Moll, die zum Poetenfest einen „Public Moment“ im Palais Stutterheim inszenieren (Freitag, 27. August). „Druck & Buch“ präsentiert Buchkunst von Kleinverlagen, Editionen und Handpressen aus Deutschland, der Schweiz und Ungarn im Foyer des Erlanger Schlosses (Samstag/Sonntag, 28./29. August).
Die Moderatoren des 30. Erlanger Poetenfests 2010 sind: Maike Albath, Verena Auffermann, Michael Braun, Karl Bruckmaier, Herbert Heinzelmann, Dirk Kruse, Ursula März, Adrian La Salvia, Wilfried F. Schoeller, Hajo Steinert, Florian Felix Weyh und Cornelia Zetzsche.
Veranstalter
Stadt Erlangen – Referat für Kultur, Jugend und Freizeit
Kulturprojektbüro
Gebbertstraße 1, 91052 Erlangen
Tel. +49(0)9131/86-1408, Fax: +49(0)9131/86-1411
E-Mail: info@poetenfest-erlangen.de
Internet: www.poetenfest-erlangen.de
90. Dichtung aus Griechenland „Zwischen Kalliope und Krise“
Das 11. poesiefestival berlin präsentiert am 7.6.2010 aktuelle Dichtung aus Griechenland.
In Griechenland erhebt eine neue Generation von Dichtern ihre Stimme. Sie setzt sich ebenso mit der reichen lyrischen Tradition des Landes auseinander wie mit dem aktuellen Geschehen. Von der Möglichkeit der Weltwahrnehmung durch Sprache bis zur Beschreibung der Situation in den Athener Straßen reichen ihre Themen. Am 7.6.2010 präsentiert das poesiefstival berlin zeitgenössische Dichtung aus Griechenland „Zwischen Kalliope und Krise“.
Der aus Tschetschenien stammende Jazra Khaleed (*1979, Grosny) bereichert die griechische Dichtung mit neuen Ideen und Rhythmen. Seine Lyrik ist eine Anklageschrift gegen die Ungerechtigkeiten im heutigen Griechenland.
Dimitra Kotoulas (*1974, Komotini) lyrische Stimme ist frei von Sentimentalität und Ästhetizismus. Ihre Gedichte, oft polyphone Monologe, sind eine andauernde Suche nach den richtigen Begriffen, die die Lücke zwischen Wort und Welt füllen könnten.
Die Gedichte von Yannis Stiggas (*1977, Athen) zeichnen sich ungeachtet seines Alters durch Reife und Klarheit aus, sie überzeugen durch die Kraft ihrer Bilder und starke Rhythmen. Durch die andauernde Gegenüberstellung von Innen- und Außensicht, abstrakten und konkreten Betrachtungen, bewegen sich seine Texte an den Rändern der Wahrnehmung, an den Grenzen der Poesie.
Deutlich älter als diese Dichter ist Titos Patrikios (*1928, Athen): Im Zweiten Weltkrieg war er Widerstandskämpfer und entkam nur knapp der Exekution. Während der Militärdiktatur wurde er politisch verfolgt, musste fliehen und lebte im Exil. Diese Erfahrungen bestimmen sein Leben und Werk. Der engagierte politische Dichter und sensible Erforscher der Wirklichkeit des Alltags und der Gefühle verbindet in seiner Dichtung scharfe, kritische Beobachtungen mit den Wunschträumen eines Menschen, der viel gelitten aber dennoch seinen Mut nicht verloren hat. Er wurde ausgezeichnet mit dem Griechischen Nationalpreis für Literatur.
Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.
Mit freundlicher Unterstützung der MARITIM Hotels Berlin.
Mit freundlicher Unterstützung durch: Griechische Kulturstiftung, Zweigstelle Berlin, Hellenische Republik – Ministerium für Kultur und Tourismus
Mo 7. Juni 2010, 18.30 Uhr
Poesiegespräch: Solange mich die Erinnerung bewohnt, kehre ich zurück
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10
Mit Titos Patrikios (Autor, Athen) Moderation: Maike Albath (Literaturkritikerin, Berlin)
Mo 7. Juni 2010, 20.00 Uhr
Zwischen Kalliope und Krise
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10
Lesung mit Jazra Khaleed, Dimitra Kotoula, Titos Patrikios und Yannis Stiggas Moderation: Giorgos Lillis (Autor, Bielefeld)