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53. Einkaufsordnung

Um 1,5 Millionen Franken wird heuer die [norwegische] Literaturförderung gekürzt. Neben vielem anderem ist auch das Herzstück des Systems betroffen, die «Einkaufsordnung»: Von allen belletristischen Neuerscheinungen norwegischer Autoren kauft der Staat nahezu unbesehen tausend Stück, die er an Bibliotheken verteilt. Selektive Einkaufsordnungen für Kinderliteratur, Sachbücher und übersetzte Literatur kommen hinzu, so dass das Königreich alljährlich eine halbe Million Bücher erwirbt.

Von Autoren und Verlagen wird das Programm geschätzt. Nebenwirkungen sind aber unverkennbar. Viele der rund 150 jährlich verlegten Lyrikbände werden kaum je ausgeliehen, wie die Bibliothekschefin der Region Hordaland einer Zeitung erzählt: «Wenn sie fünf Jahre im Regal gestanden haben, werfen wir sie weg.» Ein Kritiker des Geldverteilens ohne wirksame Qualitätskontrolle ist der Schriftsteller Jon Fosse: «Es gibt einen Unterschied zwischen seriöser Literatur und dem, was man früher Kioskliteratur nannte, z. B. Krimis. Diesen Unterschied hat man aus kulturpolitischen Gründen zu verwischen versucht.» Mit dem Vorschlag, Unterhaltungsliteratur von der Einkaufsliste zu streichen, provozierte er einen Sturm der Entrüstung. Der Kulturrat, dem die Umsetzung der Massnahme obliegt, hält denn auch am Giesskannenprinzip fest. Bis ein neues Konzept erarbeitet ist, wird aber der Preis, der den Verlagen pro Buch bezahlt wird, um dreissig Prozent gekürzt. / Aldo Keel, NZZ

27. Stoßseufzer

Stereotypen sind vermutlich wichtig, wofür auch immer. Niemand kommt ohne sie aus, ersie sei denn EinsiedlerIn. Jeden Tag trifft man sie in Medien, auch bei den sog. “sozialen” (sind die andern eigentlich die asozialen?). JedeR verwendet sie auch regelmäßig. Und jedeN stören die der andern, klar.

Ein vertrautes Klischee ist die Überförderung. In der Regel von Leuten mit festem Einkommen verwendet, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß Unterbezahlte es auch gwebrauchen. Zuviel Förderung verderbe den Charakter oder das Talent, kann man hören, “Hungert sie aus!”, das schrieb sogar ernsthaft eine Qualitätszeitung.
siehe auch hier und hier.

Ich wies bei dem jüngsten medialen Klagruf wegen Überdüngung (siehe hier) auf den Widerspruch hin, daß gesagt wird, Berlin vergebe nur 12 Stipendien pro Jahr, bei geschätzten 1200 Autoren, und gleichzeitig Überförderung beklagt wird.

Ich rücke die Zitate noch einmal ein:

  • Der Berliner Senat spricht von zwölfhundert Autoren, die in der Hauptstadt leben. Wie und nach welchen Kriterien sie erfasst werden, ist nicht klar. Berlin gibt deutschlandweit am meisten für Künstlerförderung aus: jährlich etwa 20 Millionen Euro. Nora Bossong, Roman Ehrlich, Helene Hegemann, Kevin Kuhn, Inger-Maria Mahlke und Tilmann Rammstedt haben in den teils über fünfzehn Jahren, die sie hier leben, keine Förderung von der Stadt Berlin erhalten. “Am Ende”, fasst Mahlke zusammen, “gibt es eben für alle Schriftsteller in dieser Stadt nur zwölf Stipendien.”
  • Junge Schriftsteller werden, wie Nora Bossong sagt, oft überfördert: “Es sollte nur so viel Anschub geben, wie danach auch weiter geleistet werden kann. Sonst wird man in eine Sicherheit hinein getragen, die plötzlich abbricht, die nur Illusion gewesen ist.”

Hätten sie nur recherchiert! Eine schnelle Wikipedia-Suche ergibt, daß Nora Bossong in vielen Städten Zuwendungen erhielt, darunter mehrmals in Berlin. Ähnlich Tilmann Rammstedt (okay, wohl nicht von der Stadt Berlin).

Nora Bossong

  • 2001 Preisträgerin Treffen Junger Autoren
  • 2001 Bremer Autorenstipendium
  • 2003 Klagenfurter Literaturkurs
  • 2004 Leipziger Literaturstipendium
  • 2005 Prosawerk-Stipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung
  • 2007 Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis
  • 2007 Berliner Senatsstipendium
  • 2008 New York-Stipendium im Deutschen Haus
  • 2010 Stipendium des Heinrich-Heine-Hauses der Stadt Lüneburg
  • 2011 Kunstpreis Berlin (Literatur) der Akademie der Künste Berlin
  • 2012 Peter-Huchel-Preis für Sommer vor den Mauern

Tilmann Rammstedt

  • 2001 Gewinner des 9. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin
  • 2003 Kulturpreis der Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland (Förderpreis)
  • 2005 Kasseler Förderpreis Komische Literatur der Stiftung Brückner-Kühner
  • 2006 Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler
  • 2008 Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds
  • 2008 Haupt- und Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Preis
  • 2008 Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis
  • 2009 Literaturpreis der deutschen Wirtschaft

Bevor sich jemand entrüstet, nicht ich spreche von Überförderung. Ich gönne den genannten Autoren ihre Förderungen und den vielen Ungenannten, von denen ich auch viele kenne, auch. Ich empfehle etwas mehr Gründlichkeit, nicht nur aber auch ZeitungsschreiberInnen. Mehr Gelassenheit auch. Etwas mehr Zurückhaltung bei stereotypen Äußerungen gegenüber der Presse. Neue Ideen zu den üblichen und eventuellen anderen Förderungsmaßnahmen. Warum nicht bei Nachbarländern nachsehen? Warum nicht statt über Förderung auch mal über Bezahlung reden, wie Mara Genschel vorschlug?

22. Über- & unterfördert

Dana Buchzik in der Welt:

Der Berliner Senat spricht von zwölfhundert Autoren, die in der Hauptstadt leben. Wie und nach welchen Kriterien sie erfasst werden, ist nicht klar. Berlin gibt deutschlandweit am meisten für Künstlerförderung aus: jährlich etwa 20 Millionen Euro. Nora Bossong, Roman Ehrlich, Helene Hegemann, Kevin Kuhn, Inger-Maria Mahlke und Tilmann Rammstedt haben in den teils über fünfzehn Jahren, die sie hier leben, keine Förderung von der Stadt Berlin erhalten. “Am Ende”, fasst Mahlke zusammen, “gibt es eben für alle Schriftsteller in dieser Stadt nur zwölf Stipendien.”

Ein paar Zeilen weiter das Gegenteil:

Junge Schriftsteller werden, wie Nora Bossong sagt, oft überfördert: “Es sollte nur so viel Anschub geben, wie danach auch weiter geleistet werden kann. Sonst wird man in eine Sicherheit hinein getragen, die plötzlich abbricht, die nur Illusion gewesen ist.”/

12. Förderung

Der Deutsche Literaturfonds fördert Literatur (also Sachen die richtig Arbeit machen, Romane und Übersetzungen), im einzelnen:

Ergebnisse der Kuratoriumssitzung vom 26. und 27. April 2013

Folgende Autorinnen und Autoren bzw. Übersetzerinnen und Übersetzer erhielten ein Halbjahres- bzw. Jahres-Stipendium:

  • Oliver Bukowski (für ein Theaterprojekt)
  • Brigitte Döbert (für ein Übersetzungsprojekt)
  • Sherko Fatah (für ein Romanprojekt)
  • Thomas Hettche (für ein Romanprojekt)
  • Thomas Kapielski (für ein Prosaprojekt)
  • Michael Kleeberg (Verlängerungsstipendium für einen Roman)
  • Ute Krause (für einen Kinderroman)
  • Tim Krohn (für ein Romanprojekt)
  • Ralf Rothmann (für ein Romanprojekt)
  • Gregor Sander (für ein Romanprojekt)
  • Rainer G. Schmidt (für ein Übersetzungsprojekt)
  • Ulrich Woelk (für ein Romanprojekt)

Einen Projektzuschuss für zwei Ausgaben erhielt die Zeitschrift

  • Krachkultur

Insgesamt wurden 271.380 Euro an Fördermitteln vergeben.

Mehr

48. Kürzung

Die Veranstaltung Le Printemps des Poètes (Frühling der Poeten), die jedes Jahr im März in Frankreich zahlreiche Besucher anzieht, soll 40% ihrer staatlichen Zuschüsse verlieren, nämlich 60.000 €, berichtet Le Monde.

Ein Leser kommentiert: “Die Privatausstellung am Quai d’Orsay zum Vergnügen unseres großmächtigen Außenministers, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, kostet laut Canard Enchaine 80 000 €.”

76. Aussetzung der Aussetzung

Die französische Kulturministerin Aurélie Filippetti fordert den Präsidenten des CNL (Centre National du Livre, Nationales Zentrum des Buches) auf, die geplante Reform der Kommissionen des CNL auszusetzen. Die von der vorigen Regierung begonnene Reform sollte am 1.1. 2013 in Kraft treten. Es geht um die Regelung der Finanzhilfen für Autoren, Verleger, Bibliotheken und Literaturvereine. Namentlich war geplant, die Kommissionen für Roman, Theater und Lyrik zusammenzulegen.

180 Autoren und Verleger, darunter Michel Deguy, Jacques Roubaud, Philippe Beck und Patrick Kéchichian, unterzeichneten einen Protestbrief an das CNL, in dem gefordert wird, die Lyrikkommission zu erhalten, um zu verhindern, daß eine Gattung die andere dominiert. Nur die Kommission habe Dichter davor bewahrt, in Elend zu sterben, das sei keine Metapher, heißt es in dem Brief. Auch die Mitglieder der Kommission protestieren in einer Erklärung vom 12.7. gegen eine Reform, die ohne Abstimmung mit der Kommission und Vertretern des literarischen Lebens (Autoren, Verlegern, Wissenschaftlern, Bibliothekaren) vollzogen werde.

Aurélie Filippetti hatte bereits am 10.7. ein “komplettes Moratorium” für das von Nicolas Sarkozy stammende Projekt eines “Hauses der Geschichte Frankreichs” verkündet, das von Historikern heftig angegriffen wurde. / Camille Poirier, L’Express 19.7.

71. Attacke

Herr Leitner erklärt den Medienleuten die Lyrikszene. Das macht er wie mit seinen Gedichten: so daß die es verstehen. Die Berichte klingen wie Kriegsberichterstattung:

In der Lyrik-Szene regt sich allerdings Widerstand gegen diese Häufung von Preisen: Dichter und Lyrik-Herausgeber wie Anton G. Leitner, Axel Kutsch und Ralf Liebe beklagen eine einseitige «Überförderung» einiger weniger Autoren, die der Gattung Lyrik letztlich wenig nütze. Sie machen sich daher dafür stark, die Vergabe öffentlicher Preisgelder in Deutschland neu zu ordnen.

… Im Gegensatz zu anderen multigeförderten Lyrikern verfüge Gomringer wenigstens noch über Unterhaltungspotenzial, sagt Leitner. Die meisten preisgekrönten Dichter der jüngeren Generation – zum Beispiel Ulrike Almut [sic], Ron Winkler und Daniela Seel – stünden für eine akademisch geprägte Lyrik, die sich dem Leser kaum erschliesse. / Tagesanzeiger

Ich nehme an, der Leser (wirklich?) und die politischen und Politiker-Stammtische werden beifällig nicken. Die wirklichen Probleme in der Literaturförderung stehen nicht in der Zeitung, auch nicht die konstruktiven Vorschläge und Überlegungen, die unterhalb der etablierten Medien vorgetragen werden. Auch nicht die Debatte um Gedichte wie das Auschwitz-Gedicht von Nora Gomringer oder jüngst um ein Gedicht von Norbert Hummelt oder um Gedichte junger Autoren, wie sie an nicht so wenigen Orten stattfinden (die vielleicht nur gemeinsam haben, daß sie vom Betrieb ignoriert werden). Darum geht es in dieser Attacke auch nicht. Das sind keine Aufklärer, sondern schreckliche Vereinfacher. (Darin unserm Grass nicht unähnlich).

In einem hat Leitner recht (aber es überlagert sich mit jener anderen Front):

Gomringer sei ein Beispiel dafür, dass Juroren gerne immer dieselben Autoren auswählen, sagt Leitner, Herausgeber der Zeitschrift «Das Gedicht» und selbst Lyriker. «Die Preise konzentrieren sich auf einen kleinen Kreis von Leuten, die immer wieder ausgezeichnet werden.» Die Jurys machten es sich einfach, wollten kein Risiko eingehen. «Sie denken sich: Da habe ich einen, der hat schon den und den Preis gekriegt, da kann ich nichts falsch machen.»

59. Berechnung

Berlin vergibt jährlich ca. dreizehn Arbeitsstipendien in Höhe von 12.000 Euro, davon gingen dieses Jahr sechs Stück an Lyrikerinnen und Lyriker (siehe hier).

Bayern vergibt zweijährlich (erstmals 2010, dieses Jahr zum zweiten mal) “bis zu sechs” Arbeitsstipendien in Höhe von 6.000 Euro, davon ging eines an einen Lyriker (Àxel Sanjosé).

Ergibt:

12.000 Euro x 1/Jahr x 6 Lyriker/innen = 72.000 Euro für die Lyrik in Berlin

6.000 Euro x 0,5/Jahr x 1 Lyriker/in = 3.000 Euro für die Lyrik in Bayern

24:1 für Berlin.

(Weiß jemand andere Zahlen?)

103. Ausschreibung

Der Verein „Literarisches Dresden e.V.“ schreibt für das Jahr 2013 erstmalig ein 3-monatiges Lyrik-Stipendium aus. Möglich wurde dies durch eine kontinuierliche, zweckgebundene Spende aus der Wirtschaft, welche dem Verein über die Firma KREACON e.K. vermittelt wurde.

Jeweils im Zeitraum von 6. Januar bis 31. März erhält ein Autor bzw. eine Autorin freie Unterkunft im Gästehaus des KulturHaus Loschwitz und ein Stipendium in Höhe von 900,- Euro monatlich. Das Stipendium wird nach Antritt der Stelle monatlich ausgezahlt.

Die in der Zeit des Stipendiums entstehenden lyrischen Arbeiten sollen einen Bezug zur Stadt Dresden oder der sächsischen Kulturlandschaft erkennen lassen. Im Ergebnis wird diese lyrische Arbeit gedruckt, im Rahmen einer bibliophilen Schriftenreihe in kleiner Auflage publiziert. Alle darüber hinausgehenden Rechte verbleiben bei dem Autor bzw. der Autorin. Die Publikation wird jeweils im September des Jahres in einer öffentlichen Veranstaltung im KulturHaus Loschwitz präsentiert. Für die Mitwirkung an dieser Veranstaltung erhält der Autor bzw. die Autorin ein Honorar.

 

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21. Migros-Kulturprozent fördert auch Lyrik in der Westschweiz

Seit diesem Jahr unterstützt das Migros-Kulturprozent Lyrikprojekte auch in der Westschweiz. Diese in unserem Land einmalige Förderung wurde 2006 in der Deutschschweiz lanciert, wie die Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes MGB am Mittwoch bekannt gibt. Die Unterstützung des Lyrikschaffens findet durch Beiträge an Publikationen, Audio-CDs und Veranstaltungen statt. Qualitativ überzeugende Lyrikbände und -Audio-CDs von zeitgenössischen französischsprachigen Schweizer Autorinnen und Autoren erhalten einen Produktionsbeitrag sowie einen Beitrag als Autorenhonorar. / Klein Report 4.2.

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