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129. In Schenks Berlin
Johannes Schenk, rundes Gesicht, verträumte Augen und meist ein Lächeln um die Lippen, war einer von ihnen und dann auch wieder nicht, denn seine Welt war die der Seefahrer. “Die Schiffe, das Meer und die Häfen am Rande haben mir die Bilder geschenkt, die ich beim Schreiben brauche. Es sind manchmal etwas nasse Metaphern, aber ich nehme es hin. Hab sie ja erfahren”, schreibt er in seiner Gedichtsammlung “Überseekoffer”. Das Buch verlegte er 2000 im Eigenverlag, doch die Figuren seiner farbenfrohen und tatsächlich etwas arg durchnässten Gedichte scheinen aus dem 19. Jahrhundert zu stammen: Piraten und Zirkusakrobaten tummeln sich in den balladenartigen Gedichten, vor allem aber Matrosen, Kapitäne und schöne Frauen, die in den fremden Häfen auf Seefahrer warten. Schenks Sehnsucht glich damit nicht der seiner Generation, die lieber als herumschweifende Haschrebellen Goa, Kathmandu oder Afghanistan anpeilten. Sie schien vielmehr aus einer Zeit zu stammen, als die weißen Flecken auf der Landkarte noch zahlreich waren. …
In Schenks Berlin begnügte man sich dagegen nicht mit Träumen: In Kreuzberg wehrten sich die Bewohner in den siebziger Jahren heftig gegen das Vorhaben, eine Autobahn quer durch ihr Viertel zu legen, bald darauf gab es die ersten Krawalle am 1. Mai. Dem friedlichen Schriftsteller, der in den sechziger Jahren seine ersten Gedichtbände “Bilanzen und Ziegenkäse” und “Zwiebeln und Präsidenten” veröffentlichte, war das zu gewalttätig. “Er war nicht politisch, er wollte die Welt nur ein wenig schöner machen”, sagt Natascha Ungeheuer und erzählt vom Schenkschen Sonntagscafé, das er 1986 sieben Jahre lang in einer alten Fabrik in Kreuzberg betrieb. Schriftstellerfreunde wie Kurt Mühlenhaupt oder Jurek Becker lasen dort, der Maler A.R. Penck trat mit seiner Penck Band auf und immer wieder der Hausherr selbst. “Johannes war eine Lokomotive beim Lesen, er hat die Leute warm gelesen”, sagt Ungeheuer und springt auf, um einen alten Radiomitschnitt vorzuspielen. Schenks Stimme hat darin zwar nichts von einer Maschine, dafür fließt sie dunkel und samten wie ein Fluss durch das Erzählgedicht. Die klassischen Regeln der Dichtung sind Schenk dabei egal, auch haben seine Verse wenig mit moderner Lyrik gemeinsam, der Verfasser erlaubt sich vielmehr einen sehr persönlichen Stil: “Meine Grammatik ist das Leben, das ich sehe, fühle, rieche und schmecke”, schreibt er einmal. Wer das nicht mag, wird mit den Schenk”schen Versen nichts anfangen können.
Das wahre Leben war weniger nahrhaft, die eigenen Gedichte und Romane zu verlegen wurde für das P.E.N.-Mitglied im Zeitalter “der Maschinerie aus Quarz”, wie er den Computer abfällig nannte, immer schwieriger. Die letzten Bücher erschienen nur im Eigenverlag. / LAURA WEISSMÜLLER, SZ 11.12.
JOHANNES SCHENK: Die Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 3 Bände, 1386 Seiten, 59,90 Euro. Der Roman Jo Schattig ist ebenfalls im Wallstein Verlag erschienen, 220 Seiten, 19,90 Euro.
54. Kleine Verlage zu Gast im Literarischen Colloquium Berlin
Die ohnehin prekäre Lage der kleinen Verlage hat sich auch nicht verbessert.
Das wird an dem Schicksal des auf Lyrik spezialisierten Urs Engeler Editor- Verlags deutlich: Nachdem der Mäzen, der einen entscheidenden Beitrag zur Finanzierung des Schweizer Verlags beisteuerte, ausgestiegen ist, wird in diesem Herbst das letzte Programm erscheinen. Egal ob preisgekrönt und im Feuilleton hoch gelobt – Lyrik lässt sich eben schwer verkaufen. Der Verleger Urs Engeler, der Ulrich Schlotmann mit seinen sarkastischen Gedichten im LCB vorstellte, übernahm dann auch den Part des Pessimisten am Wannsee. “Es wäre gar nicht so schwer, einen solchen Verlag am Leben zu halten, wenn nur die Neugierde der Menschen etwas größer wäre”, sagt er ernüchtert, nachdem er 13 Jahre versucht hat, das zu ändern. Er macht weder dem Buchhandel einen Vorwurf, noch der Literaturkritik, die ihn überproportional berücksichtigt hat, sondern den Menschen im Allgemeinen: Ihm komme es vor, als habe in den vergangenen beiden Jahrzehnten nur das einen Wert gehabt, das Geld generiere. Dass Lesen eine Investition in die Menschlichkeit sei, werde nicht gesehen. …
Auch Jörg Sundermeier vom Berliner Verbrecher Verlag plant mit seinem Auslieferer eine ähnliche Vertriebsaktion wie “Goldader”, um endlich auf den Ladentisch der großen Ketten zu kommen – und am besten damit auch gleich die verhasste Kleinkunstecke zu verlassen. Dahin würde man als kleiner Verlag immer noch geschoben: “Die Leute müssen endlich akzeptieren, dass unsere Autoren genauso groß sind wie die von Suhrkamp.” / LAURA WEISSMÜLLER, SZ 20.7.
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N.N. hat gerade ein wunderschönes Buch gefunden – Bert Papenfuß – ATION-AGANDA mit cd 2008 bei Urs Engeler erschienen – so sollten Bücher aussehen
Genau! Und kleines Rechenbeispiel: wenn jeder Leser der Lyrikzeitung in den nächsten drei Monaten jeweils ein (1) Buch von Engeler, Kookbooks und der EditionKorrespondenzen kaufen würde, wär die Lyrik wahrscheinlich schon gerettet. Genug auf Lager haben die allemal. Um dieser 200 willen würde sie gerettet – die andern tuns eh nicht. Ette conne ronne bzw. wenn aber dann bzw. quoniam, ach*!
(Oder andersherum: wenn jede Buchhandlung der Republik, bei der ich in den letzten 20 Jahren Bücher für viele tausend Marks und Euronen gekauft habe, das für sie kleine Risiko einginge, von jedem der Verlage zwei Titel für ihre Leser hinzulegen… aber das tun die nicht, oder?)
*) Der Redakteur ist gern bereit, auf Anfrage die Anspielungen aufzulösen. Für den guten Zweck!