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43. Schweizer Lyrik

Wieviele Namen fallen dem Leser ein? Eine in Kürze erscheinende englische Anthologie versammelt eine beeindruckende Liste von Lyrikern des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts – nicht nur im Umfang, sondern auch im Gewicht der Namen aus den vier Hauptsprachen des Landes. Darunter sind:

Blaise Cendrars, Hugo Ball, Jacques Chessex, Hans Arp, Gerhard Meier, Philippe Jaccottet, Adelheid Duvanel, Arno Camenisch, Giorgio and Giovanni Orelli, Urs Allemann, Claire Genoux, Robert Walser, Maurice Chappaz, Fabio Pusterla, Regina Ullmann, Eugen Gomringer, Rainer Brambach, Kurt Marti, Silja Walter, Erika Burkart, Klaus Merz, Armin Senser, Felix Philipp Ingold und Raphael Urweider. “Die ideale Einführung in eine unterschätzte und eigenständige Kraft in der Weltliteratur, die an den Wurzeln vieler der einflußreichsten literarischen Bewegungen steht, seien es traditionelle oder experimentelle”, schreibt der Verlag.

MODERN AND CONTEMPORARY SWISS POETRY. An Anthology. Edited by Luzius Keller
(Collection Swiss Literature Series)

103. Zuverlässigkeit

Nach seinem Tod im Jahre 1993 wurde es um den Dichter, Kalendermann und Essayisten Albin Fringeli still. Sein Werk war nicht mehr greifbar. Im Nachruf auf Fringeli schrieb Kurt Marti: «Da stimmt alles. Da ist Zuverlässigkeit. Die Qualität, die ich bei ihm finde und die ich, hilflos genug, Liebe nenne, macht mich dankbar – und nachdenklich.» In einem sorgfältig gestalteten Band haben nun Ulla Fringeli und eine dreiköpfige Solothurner Fachgruppe wichtige Texte Fringelis versammelt. …

Viele von Fringelis Gedichten atmen den Geist Johann Peter Hebels. Geradezu zur Weltliteratur müsste man seine Ballade «Der Tod am Barschwang» rechnen, die einen tödlichen Bergrutsch beschreibt. / NZZ 20.12.

Albin Fringeli: Dem Bleibenden auf der Spur. Hrsg. von Ulla Fringeli. Lenos-Verlag, Basel 2011. 509 S., Fr. 39.50.

120. Wenn ich Schweiz sage

Sie lesen alle selbst. Auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch, Schweizer Mundart, Jiddisch, Spanisch und Englisch. Die beeindruckende Gedicht-Sammlung “Wenn ich Schweiz sage…” offenbart die ganze Vielfalt und Buntheit des Landes. Von Kurt Aebli bis Albin Zollinger lesen 87 Dichter aus ihrem Werk. …

Unter den mehr als 200 Gedichten sind auch Hans Arps “Kaspar ist tot”, Blaise Cendrars “Iles”, Walter Gross’ “Die Mutter”, Remo Fasanis “Il fiume”, Kurt Martis “wie geit’s?”, Elisabeth Meylans “Liebesgedicht 2″, Beat Sterchis “Gring” und Nora Gomringers “Ursprungsalphabet”. Das Titel-Gedicht “Wenn ich Schweiz sage…” stammt von Dragica Rajcic. Sie erzählt darin von ihren Erfahrungen und von ihren Gefühlen als Ausländerin in der Schweiz. / relevant.at

“Wenn ich Schweiz sage… Schweizer Lyrik im Originalton von 1937 bis heute”, Hörbuch, Steinbach Sprechende Bücher/Merian Verlag 2010, 154 Minuten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-85616-429-4.

57. Rumänien vorn!

Benn habe Brecht überholt, meldete eine durchaus verdienstvolle Lyrikzeitschrift, die es versteht, jedes neue Heft in die Medien zu bringen (jüngst wegen eines bayrischen Kreuzzugs gegen dieselbe). Ich sage garnichts dagegen, das ist auch eine Kunst. Wie jetzt so damals griffen es Spiegel & Co. auf. (Auch eine sich “jung” und “frei” nennende Zeitung, die hämisch getitelt haben soll: “Zwei Faschisten vorn”. Der zweite war Ezra Pound, der die Umfrage nach dem außerdeutschen Dichter gewonnen hatte. “Faschisten” lassen die sich nicht nennen, aber haben doch ihre Freude dran. Hallo Jungs: tut mir leid, aber die beiden kann ich euch grad nicht überlassen!)

Vielleicht war die Datenbasis jener Lyrikzeitschrift ja zu schmal. Statistiker können das exakt ausrechnen. Seis drum. Auch meine “Umfrage” ist keineswegs repräsentativ. Seit die Lyrikzeitung ins Bloggen kam, zählt WordPress die Schlagwörter (sie nennen sie “tags”). Seit Sommer 2009 also kam dieses Rangliste zusammen:

Da ich praktisch jede mir vorfallende Nennung des Namens Benn hier vermelde, geht das Rennen hier also anders aus. (Und ich habe nicht 50 oder 70 Leute befragt, sondern 2743 Artikel, wenn ich den vorliegenden nicht mitzähle. Insgesamt 6238 Tags. Das Rennen geht weiter.)

Die “Nationenwertung” aber geht klar für 1. Rumänien, 2. Schwaben, 3. Österreich aus!

Unter den 10.387 Meldungen des alten Archivs bis Sommer 2009 seit Januar 2001 sieht es übrigens so aus:

  • Benn 110
  • Brecht 64

Sonst, Stichproben:

  • Hölderlin 251
  • Kling 147
  • Mandelstam 77

Also wer da einen Trend sehen will: bittesehr!

20. End

Der Berner Dichter und Pfarrer Kurt Marti, einundneunzig, auch ein lebenslanger Tagebuchschreiber, hat nun »Spätsätze« veröffentlicht. Sie handeln vom Lebensraum, der gleichsam aus drei Buchstaben besteht. Jenen drei Buchstaben, die das »Abendleben« vom »Ableben« trennen, und die herausfallen werden wie haltlos gewordene Zähne. / Hans-Dieter Schüt, ND 4.12.

78. Am Mittwoch ist die Dichterin Erika Burkart im Alter von 88 Jahren gestorben

Lyrik hatte hierzulande ein Gesicht, das ihre: ein schmales, zur Seite geneigtes Gesicht mit grossen sehnsuchtsvollen Augen, umrahmt von hellen Locken. Lyrik hatte ihre zarte, weissgewandete Gestalt. Bis heute gilt Erika Burkart als die Lyrikerin der deutschsprachigen Schweiz. Mit Jahrgang 1922 gehörte sie zu einer Generation grosser Dichterinnen. Sie war vier Jahre älter als Ingeborg Bachmann, zählte zwei Jahre mehr als Friederike Mayröcker. Sie brauchte das Abseits, den ungestörten Umgang mit Jahreszeiten und Pflanzen und war trotzdem alles andere als eine Sängerin der heilen Welt. …

Um sie herum entwickelte sich seit Kriegsende – mit Günter Eich, Kurt Marti und andern – jene karge Moderne, die sie las und schätzte, die aber das Singen verbot und die schönen Wörter unterdrückte, welche sie eigentlich liebte. Aus der Not hat sie wunderbare Tugenden gemacht: die Wohlklänge ihrer manchmal festlichen, oft aber auch gedankenvoll fragenden Texte. / Beatrice von Matt, NZZ