Getagged: Kai Pohl

94. Phantomkalender

Dieses schmale Büchlein »Phantomkalender« von Kai Pohl, erschienen schon vor längerer Zeit bei distillery, bietet dem Leser amüsante Einsichten in die Gedankenwelt eines Autors, mit dem man gerne mal am Tresen ein Bier trinken würde. Man denkt bei der Lektüre: Dieser Mann scheint ein Mensch von nebenan zu sein, kein ausgesprochener Kneipenphilosoph, aber durchaus gewitzt. Auch so ein Versprengter! Irgendwie sympathisch. / Martin Rautenberg, junge Welt

Kai Pohl: Phantomkalender – Neunundzwanzig Gedichte. Destillery, Berlin 2011, 24 Seiten, 6 Euro

22. Bemühte Naturlyrik u.a. Schätze

In der Tageszeitung junge Welt Kai Pohls “große Literaturzeitschriftenrundschau”. Darin u.a.:

Edit

Kompliziert wird der Spaß im Ecopoetics genannten einzigen Lyrikteil des Heftes. Hier sinniert Forrest Gander über die müßige Frage, ob Dichtung ökologisch sein kann, und Anja Utler stolpert über poetisch-ökologische Aufbruchskanten. Schön, daß zum Ende wenigstens Gary Snyder »kalte Schneeschmelze aus einem Alubecher« trinkt.

Krachkultur

Mit dem Abdruck des Essays »Pornographie in Norwegen von der Wikingerzeit bis heute« des norwegischen Anarchisten Jens Bjørneboe beweist Krachkultur, daß Zeitschriftentexte einen Anspruch auf Exklusivität haben. (…) Beim Lesen des erwähnten Essays aus dem Jahr 1967 entsteht der Eindruck, »als würde der Autor über die psychosexuelle Gesinnungslage des Utoya-Attentäters oder des durchschnittlichen NPD-Anhängers von heute berichten« (aus der Pressemitteilung).

Krautgarten

In der eher des Antifaschismus verdächtigen Zeitschrift Krautgarten, dem Organ der »deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens«, finden sich in der Novemberausgabe Gedichte des bekennenden Rechten (…) Martin Mollnitz alias Heino Bosselmann. In einer Polemik, die der Freitag am 6. Mai druckte, machte der Autor kurzen Prozeß mit der »neuen Lyrik« (oder dem, was er dafür hält): Sie sei das »Diktat des Mittelmäßigen«, ein »Übermaß an hohlem Geräusch«, »armseliges Gedöns« etc. Mollnitz’ Gedichte im Krautgarten belegen, daß sie selbst an den von ihm beklagten Mißständen leiden. Augenfällig ist die »bemühte Naturlyrik«: »über kahlem feld … nebel überall nebel … das wiehern verendender pferde / und raben raben raben … die krähen haben die äcker für sich … es nebelt nur so … die aale ziehen flußabwärts«, etc.

Nicht nur zahlreiche Leser, auch manche Verfasser von Gedichten begreifen Lyrik als ein Medium für den entrückten, gehobenen Sprachgebrauch. Im Krautgarten manifestiert sich das in der Hälfte aller Gedichtbeiträge, wo in beinahe jedem Poem das Wort Himmel auftaucht, und fehlt der Himmel, dann sind es wahlweise das Blau, die Wolken, die Sonne, das Licht bzw. Firmament, Horizont, Äther, Abglanz, Geblitz, Leuchten etc. Manches geht aber gut los. So läßt der frischgekürte Walter-Bauer-Preisträger André Schinkel in seinem Dreiteiler »Die Dünung des Leibs« zwei Wesen »übereinander herfalln«, bis »die Nippel glühn«, bis – leider, leider – die Verse »An den Gebresten / Der Tage« versanden.

Randnummer

Sehr schön ist jedenfalls das Interview »Nein« von Mara Genschel, der »wohl erste[n] und einzige[n] Textnegatorin deutscher Sprache«. Das Problem der Randnummer besteht in ihrem Gewicht: 530 Gramm* bei 256 Seiten, die allerdings sehr großzügig gesetzt und aus schwerem Bilderdruckpapier sind, so daß sich durchaus Einsparpotential ergeben hätte!

Signum

Gewidmet ist es dem 1992 freiwillig aus dem Leben gegangenen Schriftsteller Manfred Streubel. Für den unbefangenen Leser bleibt es ein Rätsel, wieso Streubel, weder »Dissident« noch »Mitläufer«, als »Außenseiter« bezeichnet wird; derselbe Streubel, der Anfang der 1950er Jahre, nach einem Volontariat bei der jungen Welt, als Redakteur der Kinderzeitschrift Frösi tätig war; derselbe Streubel – Hausautor beim Mitteldeutschen Verlag, ein gutes Dutzend Bücher, diverse Preise, Mitarbeit beim Film, Lyrikvertonungen, mehrere aufgeführte Theaterstücke, der den Text zum Lied der jungen Naturforscher schrieb – vielleicht ein früher Fall von Ecopoetic!

Hefte für Neue Prosa

Darin findet sich u.a. ein spannendes Gespräch, das Florian Neuner mit Jürgen Ploog führte. Der Altmeister der deutschsprachigen Cut-up-Literatur gibt darin zu bedenken: »Es gibt kaum Verlage, die sich um Abseitiges, Unangepaßtes kümmern, kaum Zeitschriften, die sich Andersartigem annehmen. Die deutsche Mentalität neigt dazu, sich romantisch zu stilisieren. Sie will anders und dagegen sein, ohne das zu artikulieren und sich dazu zu bekennen.«

28. Montagsdemonstration & Bad Bank

Montag, 10. September, 20:30 Uhr

Reihe “Montagsdemonstrationen” der “perspektive literatur berlin e.V.”, Körtestraße 19-21 (Kreuzberg, U7 Südstern)
–> Präsentation “perspektive” Heft 71 mit René Hamann, D. Holland-Moritz, Kai Pohl

Donnerstag, 20. September, 21 Uhr:

“Die Bad Bank der deutschsprachigen Lyrik” in der Rumbalotte, Metzer Straße 9 (Prenzlauer Berg, U2 Senefelderplatz)

–> Eine Textmontage aus 2000 Gedichten, ausgelobt und vorgetragen von Kai Pohl, im Jahr des Weltaufgangs. Kommt und hört, denn die Zeit ist reif.

diese propellermaschine gestern nacht als kranich die unbedarftheit der kapitalströme landschaftskrüppel auf mückenflügeln ein echo fault im mutterleib dein unruhiges kleid bis in die poren individuell gestaltete beliebigkeit

–> Ein Tritt frei!

11. floppy-Jubiläum

floppy myriapoda trauert nicht um gewesene Zustände, sondern zielt auf das Poetisch-Neue und gegen das jetzt Herrschende! Unsere Poesie kennt kein Gesetz; ohne Auftrag begleitet sie uns – dorthin, wo sie gebraucht wird.

Jubiläumslesung mit Ann Cotten, Florian Günther, Andreas Hansen, Alexander Krohn, Bert Papenfuß, Kai Pohl, Julia Sohn- Nekrasov, HEL Toussaint, Joachim Wendel, Karsten Wildanger.

Donnerstag, 6. September 2012, 20 Uhr, BAIZ

BAIZ, Christinenstr. 1, zwischen U2 Rosa-Luxemburg-Platz und U8 Rosenthaler Platz

114. Klub zum betreuten Dichten

Wär’ die Liga egal, die Lüge stabil, wär’ der Nebel im Wald der Nabel der Welt. Doch man ahnt ja nicht, in dieser durchgestylten Gegend, ob die Häuser entlang der Straßen oder die Straßen entlang der Häuser gebaut sind. Nagel versenkt, Kabel gekappt, Balg abgestillt, Bewerbungstraining; die längste Kurzvita aller Zeiten. In der Sprache der Engel sind Wort und Welt beinah deckungsgleich. Sinn meint i. allg. etwas Nebulöses, Poesie meint i. allg. die Dichtkunst, Milch meint i. allg. Kuhmilch. Wo (besser: wodurch) entsteht ein Gedicht: Beim Schreiben? Beim Lesen? Oder erst, wenn es jemand versteht? Milch versiegt, wenn nicht gemolken wird. Ich habe aufgehört, nach einem Sinn zu suchen, nach dem Stil der Originalität, oder mit dem Arsch in Richtung Markt zu wedeln. Unsinn ist der einzige Hebel der Schönheit; der Stil hemmt die Kraft für den Wurf.

/ Kai Pohl: Zwölf Grußworte aus dem Klub zum betreuten Dichten*, satt.org

“mit teils abgewandelten Äußerungen von Theodor Adorno, Gottfried Benn, Volker Braun, Erich Mühsam, Rudolf Rocker, Igor Terentjew, Oscar Wilde, aus dem Alten Testament (Psalm 127), aus dem Internet, aus dem Untergrund und aus dem Volksmund.”

Der Text ist zum ersten Mal erschienen in:

Literatur Vorarlberg (Hg.): Vorarlberger Zeitschrift für Literatur „V“, Heft 27: „Ein Lyrikkonfusionsreaktor“. 96 S. + 1 CD. Bucher Verlag, Feldkirch [Mai] 2012. 13 Euro, ISBN: 978-3-99018-116-4

*) jedes so cool, daß ich am liebsten alle zitieren würde.

56. Dornbirn: Lyrik bei Flatz. Wälder- Phonie trifft auf Berlin- Poesie

Dies ist der 2. Termin der Lyrik Reihe in den Räumlichkeiten des FLATZ Museums in Dornbirn mit dabei: Norbert Mayer (Schwarzach), Alfred Vogel (Bezau), Kai Pohl (Berlin) und Clemens Schittko (Berlin).

Norbert Mayer und Alfred Vogel bestreiten ein literarisch- musikalisches Heimspiel, das in der «Wälder»-Dialektklangwelt seine Wurzeln hat. Vor ein paar Jahren hätten beiden beinahe den ORF-MundART-Wettbewerb gewonnen, wären die Juroren nicht zur Überzeugung gelangt, dass es sich bei den Darbietungen des exquisiten Duos leider nicht um Lieder handle. Peter Füßl, Chefredakteur der Zeitschrift «Kultur» kann sich dennoch trösten: denn – so meint er – was der wortgewaltige Norbert Mayer und der Perkussionist Alfred Vogel so alles zu bieten haben, lässt keinerlei Sehnsucht nach einer gesanglichen Darbietung aufkommen.

Eine weitgehend andere sprachliche Sozialisation als die des Bregenzerwaldes haben die beiden Autoren, die den zweiten Teil des Abends gestalten, genossen. Der 1964 in Wittenburg/ Mecklenburg geborene Kai Pohl hat eine bewegte Karriere als Dreher, Heizer, Kraftfahrer und Bühnenmaler hinter sich. Nun lebt er als Autor, bildender Künstler und Grafikdesigner in Berlin. Seit 1986 veröffentlicht er in Anthologien und Zeitschriften und genießt als Mitbegründer der «Epidemie der Künste» und Redakteur der Zeitschrift «floppy myriapoda – Subkommando für die freie Assoziation» (2007) gewissermaßen Kultstatus.

Nicht minder prominent in der einschlägigen Poesie-Szene ist Clemens Schittko. Der 1978 in Berlin (DDR) geborene Lyriker hat sich nach seiner Ausbildung als Gebäudereiniger und Verlagskaufmann mit dem nicht ganz abgeschlossenen Studium der Literatur-, Musikwissenschaft und Philosophie befasst. Gelegentlich arbeitete er auch als Fensterputzer und Lektor. Für seine politische Lyrik erhielt er 2010 den «lauter niemand»-Preis der gleichnamigen deutschsprachigen Literaturzeitschrift.

17. April 2012, 20 Uhr

Lyrik bei FLATZ

mit Norbert Mayer (Schwarzach), Alfred Vogel (Bezau), Kai Pohl (Berlin) und Clemens Schittko (Berlin). Führung durch das FLATZ Museum um 19 Uhr

FLATZ Museum (2. Stock)
Marktstraße 33
A -6850 Dornbirn
http://www.flatzmuseum.at

3. Poesie und Preise · Und eine Reise zum FIXPOETRY.Verlag nach Hamburg

Dieser Essay widmet sich zum einen, dem lite­rari­schen Buch­programm des 2011 von Julietta Fix in Hamburg ins Leben gerufenen FIXPOETRY.Verlags, das mich gleich mit mehreren druck­frischen Büchern vom Hocker reißt, zum anderen schallt die eine oder andere Frage hinsicht­lich der Vergabe von Literatur­preisen, die sich während der begeis­ternden Lektüre von Brigitte Struzyks bei FIXPOETRY erschie­nenem Gedichtbuch alles offen hartnäckig, querköpfig, unduldsam hinter der Stirn plaziert, in den von allerlei Getier bevöl­kerten Wald im Hinter­land hinein. …

Das Gedicht material comfort begeistert mich derart, daß ich es wieder und wieder lese – allein schon diese Auftakt-Verse: and against all odds / i did find god. Die ›phantastische‹ alliterative Kombination phlogiston flowers wirkt im Zusammen­hang der Verse elektrisch aufge­laden, gleichsam mag­netisch zieht sie mich an wie die ehemalige 100-Watt-Glühbirne das Insekt, und ich lese, „bis die Wimpern vor Müdig­keit leise klingen“ (Elias Canetti). Flowers / pebbles … are the all-powerful paradoxical stone / exothermic needs / child’s delight / silence / fault in the firing – material comfort ist, in Worteinheit mit dem anschlie­ßenden Gebet appropriate alpha­betical, ein Gedicht, das ich mit Wonne lese. – This graphic book of remembrance is a book against seas of oblivion. I whisper: Thank you.

Der FIXPOETRY.Verlag hat also angefangen, so richtig Dampf zu machen: Mit Johannes CS Franks Erinnerungen an Kupfercreme, Susanne Eules’ ubern ruckn des antlantiks den rand des nachmittags und Brigitte Struzyks Drachen über der Leninallee, alle im März 2012 erschienen, steigt der Verlag bereits ein Jahr nach der Gründung in die erste Liga der jungen Lite­ratur­verlage im deutschen Sprach­raum auf. Und für die Leser, die der Vergleich mit dem Sport befrem­den mag (denn Sport ist bekannt­lich auch Mord – Literatur etwa nicht?), formuliere ich es so: Das sind Bücher, denen ich nach dem für alle Bücher selbst­ver­ständ­lichen Willkommensgruß so richtig gern Unterschlupf biete in meinem kleinen Wörterhaus. Das sind Bücher, die mich auf- und erregen, die den Meta­bolismus dermaßen in Schwung bringen, daß ich auf einmal wieder federleicht durchs Dasein schwebe und Mrs Columbo mit Jubelrufen auf die Nerven gehe (hoffent­lich nicht …). Auch Jan Deckers Buch Der Abdecker mit Essay, Lyrik und Prosa schlägt eine ganz eigen­wil­lige Tonart an, deren Sequenzen ich sehr gerne folge. Christine Hoba ist eine feine Entdeckung mit Gedichten, die mein Interesse anhaltend binden, im selben Buch bringt Christian Kreis das Sowohl-als-Auch der ewigen Dilem­mas im unersättlichen Dasein ganz „einfach“ auf den Punkt: Mundraub // Ich werde meine Lippen / mit Sekunden­kleber bestreichen / dich küssen und dann / einfach fort­gehen. …

Im vergangenen Jahr bereits läßt mich unter den Premiere-Titeln das eine oder andere FIXPOETRY-Buch auf­horchen, dessen Lese­eindruck ich in dem am 1. Januar 2012 ver­öffent­lichten Essay Von Buch zu Buch. Lesezeiten 2011 kurz festhalte: „So weise ich frech auf den Band da kapo mit CS-Gas hin, in dem ich kalt­herz­blütig auf­notierte (montierte) Gedichte von Kai Pohl und Clemens Schittko lese, von denen ich mich am 5. Dezember zwischen 16 und 17 Uhr frei und willig in die Zange nehmen lasse. Der gemein­schaft­liche Band ist 2011 im Hamburger FIX­POETRY.Verlag erschie­nen – wie auch die Antho­logie Brenn­punkte mit Gedichten von sechs Auto­rinnen aus der Schweiz sowie Brigitte Struzyks alles offen – – – von wegen „alles offen“: Im Gedicht Verkehrt heißt es im ersten Vers Verflogen kam der Vogel an und später (hier klopft Christa Wolf an die Tür): Kein Ort hier, nirgends offen.”

Während ich Brigitte Struzyks originelles, vor vitalen Versen strotzendes Lyrikbuch alles offen las, kamen mir erste, via Mail, Skype oder Telefon geäußerte, Mut­maßungen, wer denn den anste­henden Peter-Huchel-Preis gewin­nen könnte, zu Ohren. Ich dachte im Anschluß an die über weite Strecken fes­selnde Lektüre, daß Brigitte Struzyk diesen Preis mit alles offen durchaus gewinnen könnte, es wäre eine gute Ent­scheidung, hoffte im stillen jedoch auf Ulrich Zieger und Auf­wartungen im Gehäus und ahnte, daß Joachim Zünders wahrhaft gute Rauch­geister sich im Hinblick auf den Preis in Luft auf­lösen würden. Ich kann die Ent­scheidung für Nora Bossongs schönes Gedicht­buch Sommer vor dem Mauern nach­voll­ziehen, das ich sehr gern gelesen habe, wie ebenfalls im Essay Von Buch zu Buch nachzulesen ist, und während ich das hier aufnotiere, bin ich ganz bei Susan Sontag, die im 1964 publi­zierten Essay Notes on Camp betont: Camp taste is, above all, a mode of enjoyment, of appreciation – not judgment. Camp is generous. It wants to enjoy. It only seems like malice, cynicism. (Or, if it is cynicism, it’s not a ruthless but a sweet cynicism.) / Theo Breuer, Poetenladen

  • Kerstin Becker, Fasernackte Verse, Gedichte, Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin, 62 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Jan Decker, Der Abdecker, Essay / Gedichte / Prosa, Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin, 65 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Susanne Eules, ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags, Gedichte, mit Artwork von Korinna Feierabend, 98 Seiten, Klappenbroschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.
  • Johannes CS Frank, Remembrances of Copper Cream · Erinnerungen an Kupfercreme ·זכרונות של נחושת וקצפת, Lyrik und Prosa, ins Deutsche übertragen von Florian Voß und Ron Winkler, ins Hebräische übertragen von Judi Hetzroni und Merav Salomon, bebildert von Felix Scheinberger, 148 Seiten, Hardcover, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.
  • Herbert Hindringer · Judith Sombray, Nähekurs, Gedichte, 48 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Christine Hoba & Christian Kreis, Dummer August und Kolumbine, Zeichnungen von Felix Scheinberger, Nachwort von André Schinkel, 59 Seiten, Klappenbroschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.
  • Julia Mantel, dreh mich nicht um, Gedichte, Bilder von Petrus Akkordeon, Vorworte von Kurt Drawert und Jörg Sundermeier, 47 Seiten, Broschur, FIXP­OETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Kai Pohl · Clemens Schittko, da kapo mit CS-Gas, Gedichte, 59 Seiten, Broschur, FIX­POE­TRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Brigitte Struzyk, alles offen, Gedichte, mit einem Vorwort von Peter Wawerzinek und Bildern von Elke Ehninger, 117 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Brigitte Struzyk, Drachen über der Leninallee, Roman, 287 Seiten, Klappenbroschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2012.
  • Charlotte Ueckert, Dein Haar ist mein Nest, Gedichte, Vorwort von Peter Engel, 34 Seiten, Broschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Gerrit Wustmann, Beyoglu Blues, Gedichte, deutsch – türkisch, ins Türkische übertragen von Miray Ath, 33 Seiten, Broschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Julietta Fix (Hg.), Brennpunkte. Lyrik aus der Schweiz, Gedichte von Irène Bourqin · Brigitte Fuchs · Svenja Herrmann · Marianne Rieter · Nathalie Schmid · Elisabeth Wandeler-Deck, Illu­strationen von Judith Sombray, Vorwort von Beat Brechbühl, 68 Seiten, Broschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Julietta Fix (Hg.), ein Bild von einem Gedicht, Bilder und Gedichte von Michael Arenz · Klara Beten · Jan Decker · Peter Ettl · Sabine Georg · Herbert Hindringer · Magdalena Jagelke · Ulrich Koch · Sünje Lewejohann · Undine Materni · Frank Norten · Silke Peters · Sophie Reyer · Ulrike Almut Sandig · Iris Thürmer · Janin Wölke · Michael Zoch, 116 Seiten, Broschur, Querformat, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Julietta Fix (Hg.), Mehr und weniger. Erste bis letzte Poetry­letter 2010, Gedichte von Bernd Bohmeier · Manfred Chobot · Ulrike Draesner · Hans-Jürgen Heise · Thilo Krause · Christoph Leisten · Sabina Lorenz · Hellmuth Opitz · Francisca Ricinski · André Schinkel · Gerd Sonntag · Christoph Wenzel u.v.a., 63 Seiten, geheftete Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2010.

71. Einspruch

Von Kai Pohl

»La fonction première de la poèsie
est d’aller là où on ne l’attend pas.«

André Velter

Die wichtigste Funktion der Poesie
wer formuliert, in wessen auftrag,
die wichtigste funktion der poesie?
»… DORTHIN ZU GEHEN, WO
NIEMAND SIE ERWARTET« –
woraus folgt die gewißheit, dies sei
die wichtigste funktion der poesie?
wir wollen vernachlässigen, daß ihr
verfasser noch andere funktionen der
poesie kennt; es ist uns schnurz, woher
er weiß, welche davon die wichtigste ist;
wir fragen nicht nach, wie er herausbekommt,
wo die poesie erwartet wird … wir haben nur keinen
bock mehr, uns das reinzuziehen, was uns runterzieht;
unsere poesie kennt kein gesetz; ohne auftrag begleitet
sie uns – dorthin,                     wo sie gebraucht wird.

Siehe Lyrikzeitung & Poetry News vom 12. März 2012

(lyrikzeitung.com/2012/03/12/50-lyrik-soll-uberraschen)

21. Neues Schock

Die seit Anfang 2011 bei Distillery erscheinende Schock Edition vermag es mit ihrem Angebot, beide Gelüst-Richtungen zu befrieden: in guter alter Dutzend-Zählerei bringt es zweimal im Jahr ein Schock Gedichte hervor, in fünf Heften zu je zwölf Texten eines Autors; Auflage: sechzig, natürlich; die, unter denkbarster Schlichtheit mit je einer Monotypie von Silka Teichert, einem Piktogramm ausgestattet, ein Morgenrot am darbenden Himmel der sich mehrenden Gedichtfabrikanten ausmacht. Ein Schuber darum, dass das Ganze hält und steht: und fertig ist das Gebinde, das sowohl dem bibliophilen Interessenten die Aufwartung machen kann – als auch (man wagt es nicht zu denken) geeignet ist, einem Trend lyriklesender Touristen zuzuarbeiten.

… Katrin Heinau liefert im „Handbuch für Überschwemmungen“ mit einer Reihe „Träume“ nach Benjamin das heimliche Highlight der Folge: „Das Haus stand und stand, der Mond glich nichts, und wie das Licht die Fassade beschien. Ich selbst spazierte im Plüschgewand. Die langhaarigen Nüsse waren zu Walen geschrumpft in meinem Händchen. Alles geschah in einer Sekunde.”

Bertram Reineckes Exegesen, auf dem Fundament des Vorhandenen (das „Komm“-Gedicht findet schließlich ins Offene) zu neuen Blickweisen gelangend, ergehn sich in eindrücklichem Zwielicht mit den illusionsfreien Berlin-Gedichten Gerd  Adloffs, die „die Zukunft in Kürze“ erwarten. / André Schinkel, fixpoetry

Schock Edition: 5 x 12 Gedichte. Herausgegeben von Kai Pohl. Dritte Lieferung: Gerd Adloff, Florian Günther, Katrin Heinau, Bertram Reinecke, Anna Rheinsberg. Berlin 2012: EdK/Distillery. 5 x 28 Seiten, 24 Euro.

54. Inhaltlich & verständlich

Schittkos Texte sind inhaltlich ausgerichtet und zielen vor allem darauf, verstanden zu werden. Dabei fragt sich der Autor beim Verfassen seiner Zeilen in der mitternächtlichen Ruhestörung durch die Nachbarn: Wird dort noch eigenständig / miteinander geschlafen / oder (auch) schon / ein Pornofilm geschaut? Er vergleicht den Durchschnittssex des Deutschen mit der Länge einer Single-Auskopplung, die es in die Musikcharts geschafft hat, und zieht den Schluss, dass sich deshalb der Begriff Popsong entwickelt haben muss. Neben diesen humoristischen Episoden befasst sich das Gros seiner Gedichte mit dem Literaturbetrieb. Dabei stellt er immer wieder das System, die Schreibbedingungen und sich selbst infrage und beantwortet den Zweifel, Warum sich dieses Gedicht nicht durchsetzen wird (zumindest nicht zu Lebzeiten seines Autors), Weil es zu schlecht ist / Weil es weder Liebes- / noch Naturlyrik ist. / Weil es zu politisch, / zu links, / zu anarchistisch, / zu subversiv ist.

Schittkos Kritik hebt darauf ab, dass sich in der übersättigten, schnelllebigen Gesellschaft nur das Neue und Junge durchsetzt – Autoren werden nur dann erfolgreich, wenn sie über die richtigen Kontakte verfügen.

Kai Pohl wiederum siedelt sich stark in der marxistischen Tradition an. Der Autor, Künstler und Grafikdesigner wurde 1964 in Wittenburg geboren und lebt heute in Berlin-Prenzlauer Berg. Seit 2006 ist er Herausgeber der Zeitschrift floppy myriapoda – Subkommando für die freie Assoziation. In diesem Jahr erschienen insgesamt vier kleine Gedichtbände beim Distillery Verlag, bei Sukultur und Fixpoetry.

Seine Gedichte drehen sich vorwiegend um Arbeit, Kapital und Vermögenswerte. das unvermögen der armen / ist das vermögen der reichen / das vermögen der armen / ergo ihr reichtum / begründet das ende der armut. Pohl wirft aber auch einen Blick auf die Berliner Architektur, insbesondere das Schmerzzentrum in der Schönhauser Allee und das Gesundbrunnencenter. Wieder einmal kriegen die Milchkaffeetrinker ihr Fett weg, er drückt seine Abneigung gegen die Tatenlosigkeit aus, „eher gibt es (schon wieder) krieg, / als daß hier jemand den arsch hochkriegt“ / Marion von Zieglauer, Freitag

da kapo mit CS-Gas Kai Pohl/Clemens Schittko, Fixpoetry 2011, 62 S., 10 €