Getagged: Judith Zander

75. Traumreise durch Sachsen

Wir sind ohne es zu bemerken in ein Märchen eingetreten und in eine «zwischenzeit» gelangt, in der Zeit und Raum eines sind und wo der Raum eine «pause» einlegen kann. Fortan hat das, was im Gedicht geschieht, zwei Spuren, eine reale und eine märchenhafte. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, die eine von der andern zu isolieren und gesondert zu beschreiben. Sie ergeben nur zusammen gelesen ein Ganzes, eine Art Traumreise durch eine Gegend in Sachsen und zugleich eine Fahrt durch die Schwärze des Himmels. Der Einfachheit halber schlüpfen wir – die Lesenden – vorübergehend in das Wir, das im Gedicht das Wort führt. Bitte sich anzuschnallen. (…) / Rudolf Bussmann, Tages Woche, über ein Gedicht von Judith Zander

58. Ausschreibung für Lyrikerinnen und Lyriker in und aus Mecklenburg-Vorpommern

Das Literaturhaus Rostock plant eine neue Reihe für Lyrikerinnen und Lyriker des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Ziel ist es, den Autorinnen und Autoren eine Plattform zu bieten, eigene Gedichte der Öffentlichkeit zu präsentieren sowie den Austausch untereinander anzuregen. Der Lese- und Gesprächsabend soll zeigen, was Lyrik alles kann und wozu diese spannende, aber oftmals nur am Rand wahrgenommene Gattung fähig ist.

Es können sich insgesamt drei Lyrikerinnen und Lyriker, die in M-V leben oder aus M-V stammen, für das Podium qualifizieren, indem sie bis zum 1. September 2012 Gedichte (Lesezeit max. 15 Minuten) zum Thema „Lyrische Landschaften“ (Sprache als Landschaft, Vergangenheit als Landschaft etc.) einsenden. Die ausgewählten Lyrikerinnen und Lyriker werden eingeladen, am Freitag, 26. Oktober 2012, ihre Gedichte im Literaturhaus Rostock dem Publikum vorzustellen.

Die aus Anklam stammende Lyrikerin Judith Zander, deren Gedichte bereits überregionale Anerkennung erlangt haben, wird den Abend mitgestalten. Ihre ersten literarischen Erfolge feierte sie außerhalb ihrer Heimat. Auch diese Problematik wird an diesem Abend Thema sein. Der Lyriker Ron Winkler wird durch den Abend führen und die Veranstaltung moderieren.

Einsendeschluss: 01. September 2012

Texte per Mail oder Post an:

programmleitung (at) literaturhaus-rostock(dot)de

Literaturhaus Rostock
im Peter-Weiss-Haus
Doberaner Str. 21
18057 Rostock

70. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (7)

Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift

Zusammengelesen von Theo Breuer, Mitarbeit Michael Gratz

Letzte Folge. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden.  (Bitte unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen). – Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)

  1. Rainer Wedler ∙ Unter der Hitze des Ziegeldachs, mit zwölf Zeichnungen von Ferdinand Wedler, 136 Sei­ten, Broschur, POP Verlag, Ludwigsburg 2011.
  2. A.J. Weigoni · Haimo Hieronymus · Prægnarien. Verdichtet von A. J. Weigoni. Transformiert durch Haimo Hierony­mus, Künstlerbuch in der Kunstschachtel, 29 numerierte und signierte Exemplare, 24 plus 3 Blätter, Edition Das Labor und Haimo-Presse, Neheim 2011.
  3. Norbert Weiß (Hg.) ∙ Signum. Blätter für Literatur und Kritik, 12. Jahrgang, Heft 2, 168 Seiten, Broschur, mit Gedichten von Andreas Altmann · Jürgen Israel · Kornelia Koepsell · Vesna Lubina · SAID · André Schinkel · Rüdiger Stüwe · Eva Taylor u.a., Dresden 2011.
  4. Heinke Wunderlich (Hg.): Blumen auf den Weg gestreut. Gedichte. Reclam. 192 Seiten.
  5. Gerrit Wustmann ∙ Beyoğlu Blues, deutsch – türkisch, ins Türkische übertragen von Miray Ath, 33 Seiten, Broschur, fixpoetry.Verlag, Hamburg 2011.
  6. Gerrit Wustmann (Hg.), Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum, mit Gedichten von Pegah Ahmadi, Mirza Agha Asgari (Mani), Mahmood Falaki, Abbas Maroufi, SAID, Mikal Numa Shayegi, Sanaz Zaresani, Ali Ghazanfari u.v.a., 250 Seiten, Klappbroschur, Sujet Verlag, Bremen 2011.
  7. Andrea Wüstner (Hg.): Das Schönste, was es gibt auf der Welt. Gedichte über Freundschaft. Reclam. 92 Seiten.
  8. Judith Zander ∙ oder tau, 97 Seiten, Klappenbroschur, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010.
  9. Matthew Zapruder, Glühend. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Ron Winkler, illustriert von Chris Uphues. luxbooks, Wiesbaden, 2011.
  10. Ulrich Zieger · Aufwartungen im Gehäus, 139 Seiten, Klappbroschur, Edition Rugerup, Berlin · S-Hörby 2011.
  11. Michael Zoch: Kometen vom Fass. Gedichte. Mit einem Vorwort von Johannes Witek. Pop Verlag. 88 Seiten.
  12. Gerald Zschorsch · Es war einmal eine Frau, Nachwort von Ingo Schulze, 136 Seiten, Hardcover, Berlin Verlag, Berlin 2011.
  13. Joachim Zünder · Rauchgeister, 94 Seiten, Hardcover, Kaamos Press, Berlin 2011.
  14. Helmut Zwanger und Karl-Josef Kuschel (Hg.) · Gottesgedichte. Ein Lesebuch zur deutschen Lyrik nach 1945, Vorwort von Helmut Zwanger, mit Gedichten von Ilse Aichinger · Matthias Buth · Franz Josef Czernin · Werner Dürrson · Günter Eich · Günter Bruno Fuchs · Elfriede Gerstl · Mi­chael Hamburger · Ernst Jandl · Werner Kraft · Christine Lavant · Kurt Marti · Johannes Poethen · Friederike Roth · Christian Saalberg · Jesse Thoor · Christian Uetz · Immanuel Weißglas · Carl Zuckmayer u.v.a., 232 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Lesebändchen, Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011.
  15. Marina Zwetajewa: Mit diesem Unmaß im Maß der Welt. Gedichte 1913-1939. Aus dem Russischen von Erich Ahrndt. Leipziger Literaturverlag. 230 Seiten.

2. Lyrisches Quartett

München powert? Erst das Literaturfest (mit einem Füßlein in der Lyrikdiskussion), dann der Lyrikpreis und nun das:

“Das Literarische Quartett” lebt als Lyrik-Veranstaltung auf. Besprochen werden drei interessante Neuerscheinungen und der Klassiker Heiner Müller: So heftig wie bei ihm geht es in heutigen Gedichten nicht mal zu, wenn bei Tisch die Geliebte tot umkippt. …

John Burnside ist einer der Dichter, die am Mittwoch in München vorgestellt werden, wenn dort ein altbekanntes Format unter leicht veränderten Titel auflebt. “Das lyrische Quartett” heißt es – und wird es auch nicht im Fernsehen übertragen, so sind die Teilnehmer von ähnlichem Gewicht wie einst die Runde um Marcel Reich-Ranicki: Heinrich Detering, Wissenschaftler, Kritiker und als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verantwortlich für die höchste bundesdeutsche Literaturauszeichnung, den Büchner-Preis. Die “SZ”-Autorin Kristina Maidt-Zinke, der Schriftsteller und Kritiker Harald Hartung, und, diesmal als Gast dabei, Joachim Sartorius, elder statesmen des West-Berliner Kulturlebens.

Dabei stellt sich heraus, daß die Dichter verschieden sind:

Zander unterscheidet sich deutlich von Müller. Noch viel verschiedener sind, gerade weil sie zum Teil ähnliche Themen behandeln, Judith Zander und Christian Lehnert.

/ Sebastian Hammelehle, Spiegel

67. Lyrik siegt

So überschreibt die FAZ von gestern die Kurzmeldung über den Kranichsteiner Literaturpreis für Jan Wagner.

Uns bleibt nachzutragen: Marion Poschmann erhält ein zehnwöchiges Stipendium im Deutschen Haus der New York University und Sudabeh Mohafez eins an der Queen Mary University of London.

Die Preise werden am 25.11. in Darmstadt überreicht. Am gleichen Tag bewerben sich Nino Haratischwili, Judith Zander und Max Scharnigg bei einer öffentlichen Lesung um den Kranichsteiner Literaturförderpreis in Höhe von 5.000 €.

27. dornburger spruchreife

Judith Zander favorisiert freirhythmische Verse. Deshalb sollte man nicht Fingerübungen in strengen metrischen Formen übersehen: “westwärts & außer form” etwa ist ein Sonett und “diotima”, in Anlehnung an das gleichnamige Gedicht von Friedrich Hölderlin, eine Ode. Eines der schönsten Gedichte ist fraglos “dornburger spruchreife”, in dem ein Oktobertag bei den Dornburger Schlössern skizziert wird, das mit den Worten anhebt: “die hängenden gärten wir gingen auf / terrassen in nebulöse ideen / der saale ein alles sahen wir / mit ihrem blick.” / Kai Agthe, Freie Presse 

Judith Zander: “oder tau. gedichte” 
dtv
92 Seiten
11,90 Euro
ISBN 9783423248624

1. Rauschwelten

Um das Rauschpotenzial geht es ihr. Um das Rauschen der Welt und um das Rauschen der Sprache. Für das Leben sei es genauso Bedingung wie für die Literatur, so Judith Zander in ihrer Rostocker Poetik-Vorlesung “Störquellen. Poetik des Rauschens”. Das Mehrdeutige, das Verstörende, die “Anderwelt” des Rauschens könne bedrohlich sein, aber auch zum Rauschmittel werden. Ein wahres Orchester des Rauschens bietet die Natur. Vielleicht ist sie deshalb seit jeher unerschöpfliche Quelle der Poesie. Nichts steht dafür mehr als das Rauschen der Bäume, meint Judith Zander:

“Bäume sind eine eigene Kategorie. Also wenn man da anfängt, darüber nachzudenken, dass das Pflanzen sind, dann wird einem ganz unheimlich zumute, sodass Pflanzen wirklich solche Ausmaße erreichen können.

Aufgabe der Literatur sei es, solche Unermesslichkeit als Teil des Rauschens der Welt in ihre Texte hineinzulassen und vorher nicht gehörtes Rauschen aus sich selbst heraus zu erzeugen, so die Autorin. / Michaela Schmitz, dlf

Judith Zander: “oder tau”, Gedichte, dtv Premium 2011, 97 Seiten, 11,90 EUR.

100. Kein Ästhetizismus

Auch Michael Braun ist begeistert. Im Heft 101 der “Literaturen” beschließt er seine Besprechung mit dem Ausruf: “Solange solche Gedichte geschrieben werden, braucht man die Frage nach dem blutleeren Ästhetizismus in der Lyrik nicht mehr zu stellen.” Er gibt jedem behandelten Autor eine Berufsbezeichnung mit:  Ulrike Almut Sandig, Nomadin; Nora Bossong, Ikonografin; Konstantin Ames, Wortakrobat; Jan Wagner, Forschungsreisender; Judith Zander, Landvermesserin. Braun geht auch auf etliche andere Autoren ein. Seine hier zitierte Schlußwendung bezieht sich polemisch auf die Kritik von Andre Rudolph und Tom Schulz an ebenjenem Ästhetizismus ihrer Kollegen. Er wirft ihnen nicht zu unrecht vor, daß sie keine Namen nennen. (Geschickt aber auch, hier auf die zwei Lyriker zu weisen und die Berufskritiker draußen zu lassen.)

Ist es mehr Lob oder Kritik, wenn er über die Gegenwartslyrik sagt, sie sei ein “flexibler, sozialverträglicher Textkörper, der kulturell vielseitig einsetzbar” sei? Er ironisiert jedenfalls Community-Hasen und Kulturamtsleiter [auch hier fehlen die Kritiker: good for you]. Und polemisiert gegen die Zeit, deren Serie zum politischen Gedicht er “nur als eine harmlose Werbeveranstaltung zur Aufpolierung des eigenen publizistischen Images” bewertet. Vielleicht hat er sich ja dabei vermessen, hofft

Michael Gratz

NB Die vermutlich redaktionell hinzugefügten bibliographischen Angaben gelten nur 5 der 6 behandelten Bücher. Konstantin Ames’ Roughbook “Alsohäute” fehlt. Vergessen oder? Hier seis nachgetragen, die anderen stehen in Literaturen 101, S. 111. (Für die 12 Euro, die das Hochglanzheft kostet, bekäme man schon den Gedichtband von Judith Zander oder Konstantin Ames, letzteren inclusive Imbiß, oder müßte für einen der andern nur noch ganz wenig sparen.)

Ames, Konstantin: Alsohäute. roughbooks. 58 Seiten, Euro 7,50

84. Über “Fräuleinwunder”

schreibt die Wiener Zeitung. Ich picke mal Aussagen über Gedichte heraus:

Die 1973 in Dalmatien geborene Marica Bodrozic beispielsweise legt mit “Quittenstunden” ( Otto Müller Verlag, Salzburg 2011 ) ihren dritten Gedichtband vor und frönt dort der eher ungewöhnlichen Form des Langgedichts. Assoziativ erinnernd, erzählt sie darin von der eigenen Kindheit, von der Familie und dem “gelben Glück” der Quittenstunden. …

… Judith Zander … “oder tau” ( dtv, München 2011 ) … “meine hand ist ein toter fisch morgens / auf deiner Brust treibt er / seitlings die nacht flog / ein fischreiher auf” . So beginnt das Gedicht, das dem Band den Titel gibt, und es zeigt sogleich die “Technik” dieser Dichtung: Die fehlende Interpunktion sowie die gekonnte Technik der Enjambements (=Zeilen- bzw. Verssprung) sorgen dafür, dass die einzelnen Sätze ineinander fließen, sich ineinander verhaken, ja, sich förmlich oft um ein Wort streiten. Mitunter erinnert dieses Hin und Her zwischen den “Gelenkstellen” Versende und Versanfang an die DJ-Technik des Scratchens : aus dem Vor und Zurück entstehen neue Sinn- und Satzverbindungen, die das Bedeutungsspektrum des Gedichts aus der Linearität herausnehmen und gleichsam dreidimensional erweitern. / Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung

Mehr über Judith Zander: Wolfgang Mahlow, Nordkurier

79. Eher Beatles als Stones

Lyrik war und ist kein Massenprodukt. Wird auch keines mehr werden. Insofern war die Entscheidung, die Lesung drei junger Dichterinnen in das Beltz-Zimmer des Literaturhauses zu verlegen, kein Risiko – dort herrschte eine Art von Salon-Atmosphäre. Nora Bossong und Judith Zander, die eine in Bremen, die andere in Anklam (unterhalb von Usedom) geboren, sind auch als Romanautorinnen in Erscheinung getreten, beide hoch gelobt, Judith Zander für ihr Debüt im vergangenen Jahr sogar für den Deutschen Buchpreis nominiert.

… deutlich wurde allerdings die Genauigkeit, mit der Zander an Rhythmus, Motiven und Formen arbeitet, wie sie ganze fremde Gedichte in Form von Palimpsesten überschreibt und variiert (Rolf Dieter Brinkmanns „Westwärts“ ist eines davon); wie Zitate aus Popmusik und Literaturgeschichte wie in einen Flickenteppich in ihr Werk eingewoben sind. Bei aller Verschiedenheit sind Zander und Bossong sich in einem einig – in ihrer Nähe zu den „Beatles“. Vielleicht, sagt Bossong, sei das eine Generationenfrage: „Wir sind eben eher Beatles als Stones.“ /  Christoph Schröder, FR 19.5.