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95. Schicksalslied

Brahms hatte das Hölderlin-Gedicht, das in der ersten Strophe die göttliche Glückseligkeit im Jenseits und in der zweiten die Hoffnungslosigkeit des irdischen Daseins beschreibt, während eines Besuches bei Freunden gefunden und war davon so fasziniert, dass er noch am gleichen Tag mit der Vertonung begann. / Rheinische Post

Im Jahre 1868, nach der Bremer Erstaufführung des “Deutschen Requiem”, komponierte Johannes Brahms sein opus 54, das “Schicksalslied”, auf ein Gedicht aus Hölderlins “Hyperion”. Da er sich  über die kompositorische Gestaltung des Schlusses zunächst im unklaren war, wurde das Werk erst 1871 vollendet. Dieser Schluß, den Brahms bereits damals gegen seine Freunde verteidigen mußte, ist bis heute umstritten. Man wirft dem Komponisten vor, das abschließende Orchesternachspiel stehe im Widerspruch zur Hoffnungslosigkeit der letzten Textworte, er deute damit die Aussage des Gedichtes um. Manche deuten das als eine Korrektur im christlichen Sinn, indem “Hölderlins heidnisch-fatalistische Antithese von Götter- und Menschenwelt durch die tröstliche Botschaft der Hoffnung auf ein Jenseits überwunden wird” (Joseph Groben, Konzertprogramm). Für andere stellt dieses Nachspiel geradezu einen Stein des Anstoßes dar; so schrieb etwa Gerhard R. Koch in einer Konzertkritik (FAZ vom 30. Mai 1996), Brahms habe “Hölderlins Fatalismus doch arg ins Tröstliche abgewandelt.”  / casagrandefred.de

Hyperions Schiksaalslied

Ihr wandelt droben im Licht
 Auf weichem Boden, seelige Genien!
   Glänzende Götterlüfte
     Rühren euch leicht,
       Wie die Finger der Künstlerin
         Heilige Saiten.

Schiksaallos, wie der schlafende
 Säugling, athmen die Himmlischen;
   Keusch bewahrt
     In bescheidener Knospe,
       Blühet ewig
         Ihnen der Geist,
           Und die seeligen Augen
             Bliken in stiller
               Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
 Auf keiner Stätte zu ruhn,
   Es schwinden, es fallen
     Die leidenden Menschen
       Blindlings von einer
         Stunde zur andern,
           Wie Wasser von Klippe
             Zu Klippe geworfen,
               Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Text nach Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hg. D.E. Sattler. Bd. 4: Oden I. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1985, S. 30.

Das Gedicht entsteht nach einem ersten Entwurf vom Herbst 1796 in der Frankfurter Zeit und steht im zweiten Band des Hyperion-Romans im 28. Brief:

Ich wollte mich stärken, ich nahm mein längstvergessenes Lautenspiel hervor, um mir ein Schiksaalslied zu singen, das ich einst in glüklicher unverständiger Jugend meinem Adamas nachgesprochen.

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hg. D.E. Sattler. Bd. 11: Hyperion. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1984, S. 193.

Es handelt sich um eine von fünf rhapsodischen Odenentwürfen Hölderlin – rhapsodisch im Sinne von metrisch ungebunden. Ich vermute, die Bezeichnung rührt von dem Negativimage, das die griechischen Rhapsoden schon im 5. Jahrhundert v.d.Z. hatten, als fehlerhafte Überlieferer. Platons Ion rechnet mit dem Stand ab. Wer das Schicksalslied googelt, kann sich leicht von heutigem Rhapsodentum in diesem Sinn überzeugen.

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