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89. … ausdrücken was ich sehe wie Zigarettenkippen
Aktuell: Am 25.9. liest Johanna Schwedes Lyrik aus dem Band “Den Mond unterm Arm” mit Thomas Jez (Prosa) zur Finissage einer Ausstellung in der Galerie “Craftraum”. Thüringer Straße 23 (Nähe Spinnerei und Plagwitzer Bahnhof) 04179 Leipzig Weitere Infos
44. Das Gesicht des Gegenwartsgedichts
Bertram Reinecke
Auszug aus einem Essay für Band 3 des Almanachs “Gegenstrophe” (erscheint im Herbst)
[...]
Jenseits manifester poetologischer Aussagen scheinen Autoren Forderungen an die Gestalt ihrer Texte zu stellen, die sich nicht ohne weiteres festhalten lassen, sei es, weil sie halbbewusst vage sind, sei es, dass sie nur in der Regel, aber keinesfalls immer Geltung beanspruchen, sei es, dass sie zu trivial zur Niederschrift erscheinen. Solche Inbegriffe mag derjenige, der gerne vom Geheimnis der Dichtung spricht, als das Geheimnis gelingender Dichtung auffassen. Der Inbegriff eines Gedichts ist ein „lebendiger Begriff“ in dem Sinne, wie Peter Hacks ihn in seinem Essay „Der Sarah Sound” bestimmt: Kein Merkmal seiner Bestimmung ist definitorisch konstitutiv. Erst wenn ein Bündel von Merkmalen auf den Gegenstand zutrifft, ist dieser ein X. Eine Tasse kann einen Henkel haben, muss aber nicht, sie wird in der Regel eine breitere Öffnung oben haben, muss dies aber nicht, sie gehört zu einer Untertasse, sie wird oft aus einem keramischen Werkstoff bestehen usw. Jedes Merkmal für sich kann fehlen, fehlen aber zu viele der tassentypischen Merkmale handelt es sich um einen Napf, Tiegel oder anderes.
In solche Inbegriffe können festgefügte Vorstellungen – „Sonett ist eine eher altmodische Form“ wie vage Leitideen eingehen: „Da muss Sonne rein, dass es brummt!“ Verbreitete Inbegriffe dessen, was ein Gegenwartsgedicht sei, erzeugen Erwartungshaltungen, steuern, zu welcher Gelegenheit man Gedichte zur Hand nimmt, wie man sie liest usw. Wenn, um zwei herkömmliche Beispiele hier vorauszuschicken, metrisch geordnete, gereimte Formen weiter im Rückzug sind, wird diese Ordnung als immer extremer und als drastischeres Wirkmittel an immer weniger Stellen als angemessen empfunden. Ein entgegengesetzter Trend ließe sich bei der Montage beobachten. Anfangs der schroffe mitunter schockartige Einbruch von Wirklichkeitsmomenten ins ästhetische Geschehen, fügen sich (Wirklichkeits-) Versatzstücke heute oft so zwanglos in die Gebilde ein, dass ihre Herkunft aus der Fremde (bzw. dem Kunstanderen) kaum noch eine Rolle für den ästhetischen Prozess spielt.
Solchen Inbegriffen nachzugehen, ist eine der wenigen Möglichkeiten, Anthologien zu kritisieren, ohne anhand einer vorgängigen Theorie zu dekretieren, was sein sollte. Durch Kontrastierung mit anderen Anthologien soll besonders die Gestalt des Gedichts im Jahrbuch der Lyrik 2011 herausgearbeitet werden. Denn solche Gestalten prägen sich heraus, egal ob ein Band sich eher als normsetzend oder als abbildend versteht. (Insofern er ja nur Relevantes abbilden möchte.)
Ich werde zunächst einige allgemeine Züge benennen. Zu entscheiden, ob es die wichtigsten sind, wäre ebenfalls eine Frage vorgängiger Theorie. [...]
Das Gesicht des Gegenwartsgedichts
Das prototypische Gegenwartsgedicht ist nicht einmal eine Seite lang. Am deutlichsten ausgeprägt ist dies in Stimmwechsel – Gedichte längs der Ruhr, wo jedes Gedicht, das aufgrund der Ausschreibung der Herausgeber aufgenommen worden ist, sich in Schriftgröße 12 (doppelzeilig) auf einer Seite unterbringen ließe. Das Jahrbuch der Lyrik enthält dagegen auch zahlreiche Texte, die knapp anderthalb Seiten ausmachen. Unterstellt man, es habe sich bei Einsendern eingebürgert, Gedichte anderthalbzeilig zu setzen, damit die Strophenzusammenhänge fasslich bleiben, dann teilen wohl viele Lyriker diesen Inbegriff. Einen deutlichen Zug zur Länge haben dagegen die Anthologien Alles außer Tiernahrung und Es gibt eine andere Welt.
Die wichtigsten Substantive im Gedicht sind die, welche in Mittelstellung zwischen konkreten und abstrakten Begriffen liegen, solche also, zu denen man zwar noch eine konkrete Vorstellung entwickeln kann, denen man aber unmittelbar Abstraktes zuordnet. (Sonne, Feld, Straße usw.) Gedichte, die (fast) nur solche Substantive enthalten, wie sie teilweise von Ulrike Almut Sandig, Hendrik Jackson oder André Schinkel geschrieben wurden, sind auf dem Rückzug.
Der Gefahr, ins allzu gefühlig Vage, lyristisch Unverbindliche abzugleiten, muss deutlich begegnet werden. So liegt Ingeborg Arlts Texten eine prägnante Märchenfolie zu Grunde, die für Konkretion sorgt, während Ulrike Almut Sandig mit einem Gedicht vertreten ist, der vokabulatorisch reicher ist als ihre früheren.
Ansonsten wurde die verbreitete These, dass gewisse Vokabulare bestimmte Inhalte nahelegten und andere Denkmöglichkeiten ausschlössen, offensichtlich nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde. Ungewöhnliche Worte treten in den Texten relativ selten auf. Die Gedichte bewegen sich in einem einfachen, unmarkierten Sprachniveau. Dem Teil der Schriftsprache, der sich mit mündlicher Sprache deckt. Archaismen, Neologismen und Fachsprachen kommen ebenso selten vor wie Dialekt oder Slang. Wenn markierte Sprache genutzt wird, dann kommt sie am ehesten noch aus dem Bereich der Zeitgeschichte. Ausnahmen bilden im Jahrbuch etwa die Texte Urs Allemanns oder Ulf Stolterfohts. Da sich in Freie Radikale mit Ames, Duraj, Kornappel und Kraus gleich 4 von 13 Dichtern für einen solch gefärbten Sprachgebrauch entscheiden, wirkt der Band deutlich herausgehoben.
Hinzu kommt, dass manches früher recht konkrete Wort durch häufigen Gebrauch im neueren Gedicht stärker symbolischen Wert angenommen hat. So etwa der Fuchs in der jüngsten Lyrik.
Konkreta beglaubigen oft lediglich die „historische Wahrheit“ des Geschehens. Sehr häufig treten diese Konkreta, wie bei „hütten, paläste“ gesehen, als Kompositum auf.
Das aktuelle Jahrbuch enthält zahlreiche Gedichte, die ihren Gegenstand ins Surreale verfremden. Das gilt auch für Freie Radikale, während andere Anthologien meist zurückhaltender sind.
Kennzeichnend sowohl für Jahrbuch als auch für Freie Radikale ist die Häufigkeit von Reihungstechniken. Einerseits scheinen solche Reihen durch Fortlassung des „wie“ in den Metaphern zu entstehen: „Verbeulter Tag, sumpfgrau, ein Blechgeschirr./Häufchen von Schnee am Rand, so schmutzige/ Wäsche aus Betten. Reste in Korridore/ gekippt. Gegen später Eisregen, schlägt in Äste./ Klickend fallen leere Hülsen auf die Wege.“ (Volker Demuth, Kein Thema). Davon im Einzelfall allerdings nicht immer abzugrenzen ist die Poesie der Inventur bzw. die der Wortliste. Wobei im Jahrbuch diese Listen in einen durch andere Mittel poetisierten Kontext eingebettet bleiben, während Freie Radikale bzw. Kein Thema mit Texten von Dagmara Kraus bzw. Uljana Wolf auch radikal freigestellte Listen enthalten. Auch scheinen einigen der Reihungen in Jahrbuch und Freie Radikale Montagen zu Grunde zu liegen (Dathe: “la grand popera“ Jahrbuch), die anders als früher nicht mehr typografisch ausgewiesen werden.
Ist das Gedicht so offen geworden für wilde Verfahrenszüge, dass sich ihm eine strenge Montage mühelos einfügte? Oder sind die Montagetechniken moderater geworden, sodass sie jetzt dem Inbegriff des Gegenwartsgedichts näherkommen? Sicher ist beides der Fall. Letzteres spräche sowohl gegen diese seichte Form der Montage, wie gegen das Gegenwartsgedicht, für ersteres lassen sich immerhin Indizien angeben: Das Gedicht, das eine klare Situation benennt und diese Situation dann durchspielt, ist insgesamt seltener im Jahrbuch als in den Anthologien Versnetze 3, An Deutschland gedacht, Stimmwechsel und Die Schönheit ein deutliches Rauschen – Ostseegedichte, bzw. der situative Kontext ist schwerer zu erschließen. Dieser Trend wird im Jahrbuch ebenso wie in Freie Radikale durch die Gewohnheit der Titelgebung verstärkt. Der Titel klärt oft nicht mehr unmittelbar die Situation oder die Eigenschaften des Textes, sondern er bemüht sich, selbst ein poetisch interessantes Bild abzugeben, das nicht fester mit den Eigenschaften des restlichen Textes zusammenhängt, als jede andere Stelle. Vereinzelt gab es dies schon länger: z.B. Ulf Stolterfohts „Sterbeverein Ernst Mach“ (Laute Verse). Jetzt werden solche Titel immer häufiger: Im Jahrbuch: Kuhlbrodt, „Auch Hitler mochte die Winterreise“, Popp, „Wir lieben das statische Denken“.
Ebenso werden in beiden Anthologien häufiger verfremdete Redewendungen beiläufig eingeflochten. Diese beschleunigen oft den Text. „Lass uns die Amseln bezahlen und gehn“ (André Rudolph, Jahrbuch). „Mann sagte: Aber es. Aber das. […] Und ich sagte: Nur noch.“ (Julia Dathe, Jahrbuch); „ausdrücken was ich sehe/ wie Zigarettenkippen“ (Schwedes, Freie Radikale).
Begriffe wie innere Notwendigkeit oder Stimmigkeit sind unpraktikabel für derart offene poetische Gebilde. Ein solches Sprechen ist selbstbewusst genug, dem Leser auch ein Neuansetzen, Es-noch-einmal-anders-sagen zuzumuten. Deswegen verwundert es, dass das Jahrbuch in Bezug auf Textgruppen, die keine Strophen bilden, sondern sich als Minizyklen verstehen, wie sie in Versnetze 3, Freie Radikale, Kein Thema und Alles außer Tiernahrung häufiger vorkommen, sehr zurückhaltend ist. Vielleicht bevorzugen beide Herausgeber eine gedämpfte typografische Inszenierung, während sich Kein Thema, Freie Radikale und Versnetze insgesamt als aufgeschlossener typografischen Auszeichnungen gegenüber erweisen.
Experimente zum Zeilenfall kommen, wie man an Angela Sanmanns Gedicht sah, auch anderswo vor, eine Spezialität von Kein Thema ist allerdings der Ersatz des Zeilenfalls durch „/“. Der Text wird dadurch kompakter, der Zeilenfall täuscht Ruhe vor.
Das Jahrbuch-Gedicht ist, wir hatten es gesagt, offener als Texte anderer Anthologien, aber es lassen sich auch inhaltliche Tendenzen ablesen. Das Geschehen im Jahrbuch-Gedicht spielt häufiger im Hellen und Handlungen finden meist draußen statt, wo überhaupt Orte deutlich werden. Das dezidierte Nachtgedicht kommt ebenso wie das Interieurgedicht dagegen fast nicht vor, während man sie selbst in den Ostseegedichten, von denen man eine solche Tendenz erwartet haben könnte, häufiger findet.
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52. Goldener Bügersteig*
Am Donnerstag dem 16. Juni findet in Leipzig eine verspätete Premierenparty zu “Der Mond unterm Arm” von Johanna Schwedes statt. Frank Hilpert begleitet den Abend musikalisch. Eintritt frei. Beginn 21.00 Uhr in
der Lützner Straße 23, es gibt dort auch eine geöffnete Bar
*) s. Kommentar
15. “Es sind kleine Finale, kleine Stolpersteine”
Manch anderer würde so ein Wort einfach hinschreiben und stolz auf sich sein: “Löschpapierhimmel”.
Doch bei Johanna Schwedes stehen solche Worte nicht einfach da, liegen herum wie bunte Glasperlen. Ihre Bilder entwickeln sich immer wieder weiter. Und die neuen Assoziationen sind für den Leser nachvollziehbar. Er erlebt mit, wie sich aus einem scheinbar so hingetupften Wort eine neue Situation, eine neue Szenerie entwickelt. Das zeichnet alle Gedichte in diesem Bändchen aus: Die Gedichte entfalten ihr Leben und ihre Stimmung vor den Augen des Lesers. Sie nehmen ihn mit. Manchmal tauchen sie ihn auch ein in diese besondere Stimmung, in der man nur noch ganz schrecklich, schrecklich traurig sein möchte und schwermütig auf einer sich leerenden Wiese mitten im Johannapark. Oder an ähnlichen Orten.
Jenseits der aufgesetzten Euphorie kann Leipzig auch ganz schwermütig, traurig und manchmal auch wesentlich sein. Und der “Löschpapierhimmel”?
“unterm Löschpapierhimmel / läuft die Straße davon / der Horizont / hat entzündete Lider”
So fließt das. So nimmt jedes Gedicht seine Leser mit sich fort. Von einem Augen-Blick zum nächsten. Das Ende dieses Gedichts (“Abend im Park”) wird natürlich nicht verraten. Die Enden von Johanna Schwedes Gedichten haben es alle in sich. Es sind kleine Finale, kleine Stolpersteine. Aus manchen Gedichten geht man nicht ruhig wieder hinaus. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung
Johanna Schwedes “Den Mond unterm Arm”, Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2010, 8 Euro
www.reinecke-voss.de
11. Neues Leipziger Liederbuch in München
Uraufführung:
Johannes X. Schachtner: NEUES LEIPZIGER LIEDERBUCH (2007-2001) für Sopran, Bariton, Violine und Violoncello nach Texten von Mara Genschel, Norbert Lange, Bertram Reinecke und Johanna Schwedes
|| Maria Pitsch, Sopran | Peter Neff, Bariton
Helena Madoka Berg, Violine | Cäcilia Altenberger, Violoncello ||
am Mittwoch, den 4. Mai um 20.00 Uhr im Kulturzentrum Messestadt (Erika-Cremer-Straße 8, D-81829 München)
65. Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit? TeaTimeLesungen und Gespräche
Sonntag, 17.4., 17.30 Uhr
“Gedichte sind kein Luxus, sie gehören zu unserem Existenzminimum”, schreibt Elisabeth Borchers. Sie ist fest davon überzeugt, dass Lyrik unverzichtbar ist, doch im letzten Jahr erschienen nur etwa 15 Lyrikdebüts*) im deutschsprachigen Raum, ein verschwindend geringer Anteil im Vergleich zu der stetig wachsenden Menge an Prosaliteratur.
“Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit?” – ist Thema einer TeaTimelesung am Sonntag, 17.04., 17.30 Uhr, Literaturhaus, Schwanenwik 38
Idee, Konzeption, Moderation: Charlotte Ueckert .
Lesungen und Gespräche mit:
Autorin Nadja Küchenmeister zu ihrem vielversprechenden Debüt “Alle Lichter” (Schöffling & Co.). Simone Kornappel und Philipp Günzel präsentieren ihr neues Literaturmagazin “randnummer” und Julietta Fix informiert über ihr Onlinemagazin FIXPOETRY.COM und ihren neuen gleichnamigen Verlag.
Karten unter: Tel. 227 92 03 oder 207 69 037 oder Mailto: lit@lit-hamburg.de
Literaturzentrum Hamburg
Schwanenwik 38
22087 Hamburg
Internet: www.lit-hamburg.de
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*) nur 15 Debüts? Woher kommt diese Zahl? Glaub ich nie und nimmer. Was zählt man da mit? Wie wird das “ermittelt”? Hier meine Bitte und mein Aufruf an &Poe-Leser: Helfen Sie mir, eine etwas genauere Zahl von Lyrikdebüts 2010 und auch gleich 2011 zu ermitteln! Schreiben Sie mir per Mail oder hier im Kommentar einschlägige Titel, von denen Sie Kenntnis haben! Auch wenn Sie die Autorin oder der Autor oder Verleger sind! Ich stelle aus den Daten zusammen mit meinen eigenen Informationen eine Debütantentafel 2010 und 2011 zusammen. Bitte möglichst exakte Angaben, also wenn möglich inclusive Seitenzahl, Preis und wenn vorhanden ISBN-Nummer. Lassen Sie uns gemeinsam ein Stück Literaturbetrieb ein wenig aufklären!
77. Leipzig liest: Reinecke und Voß
Donnerstag 17. März 2011 ab 21.00 Uhr liest Johanna Schwedes in der Moritzbastei aus ihrem Band „Den Mond unterm Arm“ im Rahmen der langen Nacht der jungen Literatur.
Freitag 18. März 2011 19:00 Uhr, Marktgalerie Markt 11Don Francisco de Quevedo y Villegas (1580-1645) „Arschäugleins Freuden und Leiden“ – eine barocke Satire. Erstmals ins Deutsche übersetzt von Jürgen Buchmann
Sonnabend 19.03, 19:00, MZIN – Buchhandlung und Galerie Paul Gruner Straße 64 “Vergessene Großmeister der Moderne”
Deusche Neuausgaben des “Gaspard de la nuit” von Aloysius Bertrand vorgestellt vom Übersetzer Jürgen Buchmann und “Phonetik des Theaters” von Alexei Krutschonych, präsentiert vom Übersetzer Valeri Scherstjanoi
Mitveranstalter: Eudora Verlag
Mitveranstalter: Kulturschule, fhl Verlag Leipzig
59. Beste Gedichte? Aber ja doch!
Vor einer Woche rief ich die L&Poe-Leser auf, an einem Ranking-Spiel teilzunehmen. Gefragt wurde nach einem oder mehreren “herausragenden” Gedichtbänden des Jahres 2010. Die Auswahlliste kam durch Zuruf zwischen Axel Kutsch und mir von Mitte Januar zustande, ergänzt durch einige von mir zusätzlich in die Debatte geworfene Titel.
Die Leser haben entschieden. 186 Stimmen wurden abgegeben. Keine repräsentative Umfrage, aber auch nicht garzu marginal. Da jeder Teilnehmer zwar nur einmal abstimmen, aber mehrere Titel ankreuzen konnte, ist die genaue Zahl der Teilnehmer nicht bekannt. Da ich die Ergebnisse regelmäßig eingesehen habe, weiß ich aber, daß nicht wenige nur einen Titel ankreuzten (zu erkennen daraus, daß seit der letzten Einsicht nur eine Stimme dazugekommen ist). Sie liegt vermutlich irgendwo zwischen 50 und 120.
Manipulationen wie z.B. Mehrfachabstimmungen sind im WWW nie auszuschließen, es gab aber keine auffälligen Bewegungen.
Der “Souverän” hat entschieden wie im wirklichen Leben. Die grüßte Partei ist die der Nichtwähler. 30 der 185 abgegebenen Stimmen, das sind 16,13%, wurden an “sonstige” vergeben. Nur ein kleiner Teil dieser Wähler hat per Kommentar oder Mail mitgeteilt, welchen Titel sie oder er stattdessen oder ergänzend benennen würde. Ich liste alle mir genannten sonstigen Titel unten.
In den ersten Tagen gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Andreas Altmann und Ron Winkler, dann setzte sich Altmann mit leichtem Vorsprung an die Spitze und blieb auch da.
Hier die Übersicht über alle Titel, die mindestens 5 Stimmen erhielten:

Von L&Poe-Jury als "herausragende" Gedichtbände 2010 benannt
Ob wir jetzt die besten Gedichtbände des Jahres 2010 haben, darf bezweifelt werden. Wir haben nicht mehr und nicht weniger als die von einer selbsternannten Jury unter den L&Poe-Lesern ausgewählten Titel. So wenig ist das nicht. Es zeigt, daß L&Poe-Leser in unterschiedliche “Fraktionen” zerfallen, die insgesamt ein ziemlich breites Segment der zeitgenössischen Lyrik abdecken. Sie schätzen junge und alte Lyriker, verständliche und eher weniger verständliche, gemäßigt moderne und radikale, von Sachen sprechende und eher mit Sprache experimentierende Gedichte… Die L&Poe-Leser haben ein weites Herz. Sie sind risikofreudig. Unter den 13 bestnotierten Titeln sind 4 Debüts mit z.T. hoher Punktzahl. Vergessen wir auch nicht, daß die regelmäßigen L&Poe-Leser allesamt vom Fach sind – die Leserjury ist hier eine Fachjury. Insofern ist das Ergebnis schon aussagekräftig. (Gute Buchhandlungen und Bibliotheken können sich getrost darauf berufen).
Ich denke darüber nach, wie sich das fortführen ließe und bitte ausdrücklich um Stellungnahmen.
Die komplette Liste inclusive als “sonstige” benannte:
- Andreas Altmann, Das zweite Meer. Poetenladen, Leipzig (24)
- Ron Winkler, Frenetische Stille. Berlin Verlag, Berlin (21)
- Ann Cotten, Florida-Räume. Suhrkamp, Berlin (16)
- Konstantin Ames, Alsohäute. roughbook, Leipzig und Holderbank (15)
- Marion Poschmann, Geistersehen. Suhrkamp, Berlin (13)
- Lutz Seiler, im felderlatein. Suhrkamp Berlin (12)
- Christoph Filips, Heiße Fusionen. roughbook, Berlin und Holderbank (10)
- Johanna Schwedes, Den Mond Unterm Arm. Reinecke und Voß, Leipzig (10)
- Kathrin Schmidt, Blinde Bienen. Kiepenheuer & Witsch, Köln (8)
- Christoph Meckel, Gottgewimmer. Hanser, München (6)
- Paulus Böhmer, Am Meer. An Land. Bei mir. Peter Engstler, Ostheim/ Rhön (5)
- Martina Hefter, Nach den Diskotheken. Kookbooks, Berlin, Idstein (5)
- Jan Wagner, Australien. Berlin Verlag, Berlin (5)
- Dieter Schlesak, Der Tod ist nicht bei Trost. Lyrikedition 2000, München (2)
- Ferdinand Schmatz, quellen. Haymon Verlag, Innsbruck, Wien (2)
- Wilhelm Bartsch: Mitteldeutsche Gedichte. Mitteldeutscher Verlag, Halle (1)
- Thomas Böhme, Heikles Handwerk. Poetenladen, Leipzig (1)
- Michael Krüger: „Ins Reine“. Suhrkamp, Berlin (1)
- Nadja Küchenmeister: Alle Lichter. Schöffling & Co., Frankfurt/ Main (1)
- Jan Kuhlbrodt, Zentralantiquariat, Parasitenpresse, Köln (1)
- Marcus Roloff, im toten winkel des goldenen schnitts. Gutleut Verlag, Frankfurt /Main (1)
- Tuvia Rübner: Spätes Lob der Schönheit. Rimbaud Verlag, Aachen (1)
- André Schinkel: Apfel und Szepter. Fixpoetry Lesehefte # 16. Fixpoetry/ Verlag im Proberaum 3, Klingenberg (1)
- Raoul Schrott: Liebesgedichte. Insel, Berlin (1)
- Asmus Trautsch: Treibbojen (Quartheft 23) Verlagshaus J. Frank, Berlin (1)
- Christoph Wenzel: Tagebrüche. Yedermann, Riemerling b. München (1)
Vgl. L&Poe 2022 Mrz #35. Beste Gedichte
35. Beste Gedichte
“Die besten deutschen Gedichtbände 2010″ nannte ich einen Vortrag, der hier angekündigt wurde. Proteste gab es nicht. Aber er war als Provokation gedacht. Ich glaube nicht an ein “absolutes Gehör” für Lyrikkenner. Ich werde mißtrauisch, wenn jemand mit Bestimmtheit sagt, DER sei sehr gut oder DIE sehr schlecht. In der Regel will er oder sie damit etwas erreichen. Den eigenen Favoriten herausstreichen, mögliche Konkurrenten niedermachen. Nicht zuletzt den eigenen Rang als Kenner bekräftigen. Wer immer nur lobt, wird ausgeschlossen.
Ich habe die Formulierung von “schlechten Zeilen” und “schlechten Gedichten” auch in meiner Juryarbeit in den vergangenen Jahren oft gehört. Manchmal auch in Bezug auf Autoren, die dann das Rennen machten. Manchmal auf solche, die ich für ernsthafte Favoriten hielt, jemand anders aber nicht. Beim Huchelpreis gibt es sieben Juroren, alle zwei Jahre werden 3 oder 4 ausgetauscht. Vor 2 Jahren waren es 4 Neue – das änderte viel. Ich vermute, daß die Preisträger von 2008 und 2009, so unterschiedlich sie sind und so anders die Mehrheit jeweils zustandekam, mit der neuen Zusammensetzung nicht gewonnen hätten. Außer im Fall von Mayröcker 2010 waren es immer knappe Mehrheiten. Und Mayröcker hat ja schon zuvor oft Gedichtbände veröffentlicht – offenbar hatte sie vorher jeweils keine Mehrheit und nun eine klare.
Welches die besten oder “herausragenden” Gedichtbände des Vorjahrs sind? Axel Kutsch und ich haben uns im Januar ein paar Namen zugerufen, er nannte „Das zweite Meer“ (Andreas Altmann), „Blinde Bienen“ (Kathrin Schmidt), „im felderlatein“ (Lutz Seiler) und „Frenetische Stille“ (Ron Winkler). Ich legte nach: Ann Cotten, Florida-Räume; Paulus Böhmer, Am Meer. An Land. Bei mir. Christoph Meckel, Gottgewimmer. Johanna Schwedes, Den Mond Unterm Arm. Wilhelm Bartsch, Mitteldeutsche Gedichte. Thomas Böhme, Heikles Handwerk. Nicht jeder wird so eine Liste konsensfähig finden – jedenfalls nicht in allen Teilen. Es war aber ein spontanes Zurufen, keine wohlabgewogene, geschweige denn abgestimmte Liste. (Sonst müßte ich sagen: Jan Wagner, Australien. etc. Raum zum Selbereintragen …………………………………………………………………………………………………………………………………
So, und jetzt ich wieder: warum nicht Dieter Schlesak, Der Tod ist nicht bei Trost? Ferdinand Schmatz, quellen? Uljana Wolf, falsche freunde? (Richtig, die hat den Huchel schon, der darf nur einmal vergeben werden). Warum nicht, wenn wir Debüts dabeihaben, Uljana Wolf bekam ihn ja ebenfalls für ihr Debüt, Martina Hefter, Nach den Diskotheken? Bernhard Saupe: Viersäftelehre? Konstantin Ames oder Christian Filips mit ihren roughbooks? Ich bin mir sicher, jeder Leser wird Einwände, vielleicht heftige, gegen die ein oder andere Nennung haben. Nicht jeder auch wird alle gelesen haben. Vielleicht nenne ich den ein oder andren ja nur deshalb nicht, weil ich ihn nicht gelesen habe. (Die hier genannten hab ich aber alle gelesen). Mancher wird auch von schlechten Gedichten oder wenigstens schlechten Versen sprechen. Aber läßt es sich beweisen? Ich glaube nicht an das Prinzip der Größe, an das absolute Gehör, das ist Priestertrug. Das gibts im “Großfeuilleton” ebenso wie in den einzelnen Szenen, natürlich je verschieden. Aber in keinem Fall wird es sich beweisen lassen. Ich glaube an das Prinzip der Liste, an das Diskutieren und Aushandeln. In der Demokratie bestimmen die Dummen, wer uns regiert? Mag sein, aber sollen wir deshalb die Monarchie zurückfordern? Dumme Monarchen gibts auch.
Hier kann man abstimmen. (Ehrencodex: Bitte nur Namen von Autoren nennen, deren Bücher Du gelesen hast / Sie gelesen haben! Mehrfachnennung ist möglich, Mehrfachabstimmung nicht)
[Zusatz 14.3.: Abstimmung geschlossen. Auswertung folgt]
Vgl.
Jan #68. Peter-Huchel-Preis 2011 für Marion Poschmann
Jan #1. Listen · Zahlen ∙ Mut zur Lücke?
3. Freie Radikale
Konstantin Ames, Open Mike-Gewinner des letzten Jahres, eröffnet die Anthologie mit den Zeilen:
du wasserfilterverkäufliches
erzluder herz du tjreude
brei nichts als freibrei, hinta
meiner ohren auge nase mund
Ames bedient sich bei den unterschiedlichsten Traditionssträngen, sprachlichen Registern, sogar dem Mittelhochdeutschen und nicht zuletzt gehörig bei seiner Fantasie. Das ist Lyrik als sprachliches Spiel, mit fester und einprägsamer Stimme vorgetragen. Ein ähnlicher Ansatz offenbart sich bei Dagmara Kraus, die die Differenz von Graphie und Phonetik und wiederum deren Differenz zum Sinn ständig überdenkt. Das ist in beiden Fällen Dichtung, die immer wieder in Redundanz umzukippen droht, manchmal anstrengend sein kann, sich aber auf dem schmalen Grat zwischen spielerischer Lyrik und unsinniger Pose glänzend behauptet.
(…)
Die sicherlich besten und formal auffälligsten Texte liefert Simone Kornappel, die mit ihren schier unüberschaubaren Verweisen auf Zeitgeschehen, Kunstgeschichte oder Naturwissenschaftliches ihre Leser geradezu zwingt, ihr hinterher zu recherchieren. Dabei entsteht allerdings eine anregende poetische Verfolgungsjagd: Kornappel ist überaus bildlich und dabei dem Leser immer einen Schritt voraus – und doch nie zu weit entfernt. Hier beispielsweise ihre Auseinandersetzung mit Gunther von Hagens Körperwelten:
dann vorbei
an rippenvolieren für teerschwere flügel | zum kontrast die lunge
als asketischer flamingo | phoenix aus der bleiche
Richard Duraj ist bisher wenig in Erscheinung getreten und wird hoffentlich mit seiner einerseits fast wütenden, dann wieder lakonischen, vereinzelt pointiert-witzigen und vor allem durchdachten Lyrik demnächst häufiger zu lesen sein.
Da hat man ihn vielleicht wieder, den Titel. Und er findet bei Duraj durchaus seine Berechtigung, ebenso bei Kornappel, Ames und Kraus. Hier begegnet man Lyrik, die sich Freiheiten herausnimmt gegen das Gewohnte und Gewöhnliche. Doch lässt sich das schon als radikal bezeichnen? Radikal, so Herausgeber Christian Lux, sei Lyrik per se, da sie von jeglichem kommerziellen Druck befreit sei.
/ KRISTOFFER CORNILS, titel-Magazin
Christian Lux (Hg.): freie radikale lyrik. 13 Dichter vor ihrem ersten Buch
Wiesbaden: luxbooks 2010. 154 Seiten. 24 Euro