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110. 32. ERLANGER POETENFEST

32. ERLANGER POETENFEST – 23. BIS 26. AUGUST 2012
PROGRAMMINFORMATION

Das 32. Erlanger Poetenfest lässt vom 23. bis 26. August literarische Höhepunkte des Frühjahrs Revue passieren und wirft noch vor der Frankfurter Buchmesse einen ersten Blick auf viel versprechende Neuerscheinungen des deutschsprachigen Bücherherbstes. Über 80 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten kommen zu Lesungen, Gesprächen und Diskussionen nach Erlangen. In großen Porträts werden die international renommierten Autoren Uwe Timm, A. L. Kennedy und Jean-Philippe Toussaint vorgestellt. An den Nachmittagen im Schlossgarten treten unter anderem Olga Martynova, Marcel Beyer, Clemens J. Setz, Dea Loher, Alexander Nitzberg, Anne Weber, Gerhard Seyfried und Jenny Erpenbeck auf, für Kinder und Jugendliche finden Autorenlesungen und Aktionen statt. Gespräche und Diskussionen beschäftigen sich unter anderem mit der Entmachtung der Politik, der Zukunft Europas und der Urheberrechtsdebatte. Anlässlich ihres neuen Romans gibt Ljudmila Ulitzkaja Auskunft über Russland, der Neuseeländer Anthony McCarten kann über einen aktuellen Roman und einen Film-Start sprechen. An die im Dezember letzten Jahres verstorbene Christa Wolf erinnert eine Soirée mit Weggefährten der Schriftstellerin. Bayern 2 überträgt seine “Nacht der Poesie” live aus dem barocken Markgrafentheater, die Neunte Erlanger Übersetzerwerkstatt, Ausstellungen und Filme sind weitere Programmpunkte des viertägigen Festivals, zu dem einmal mehr über 10.000 Besucher erwartet werden.

Die Bayern 2-Nacht der Poesie mit Tanja Dückers, Nora Gomringer, Uwe Kolbe, Reiner Kunze und Bernhard Wunderlich alias “Wunder” bildet den Auftakt des 32. Erlanger Poetenfests (23.8., 20 Uhr). Das erste Autorenporträt (24.8., 20:30 Uhr) stellt Uwe Timm, einen der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller vor. Zum Porträt International (25.8., 20:30 Uhr) kommt mit der 1965 im schottischen Dundee geborenen A. L. Kennedy eine der herausragenden Stimmen der britischen Gegenwartsliteratur, die auch als Standup-Comedian auftritt, mit ihrem druckfrischen Roman “Das blaue Buch” nach Erlangen. Ebenso vielseitig ist der belgische Romancier, Regisseur und Fotograf Jean-Philippe Toussaint (26.8., 20:30 Uhr). Seine Trilogie “Sich lieben”, “Fliehen” und “Die Wahrheit über Marie” war ein Bestseller im französischsprachigen Raum, im Herbst erscheint in Deutschland der anlässlich seiner Ausstellung im Pariser Louvre entstandene Essay-Band “Die Dringlichkeit und die Geduld”.

Am Wochenende (25. und 26.8.) lesen und diskutieren nachmittags im Erlanger Schlossgarten: Olga Martynova, Stephan Thome, Marjana Gaponenko, Marcel Beyer, Kerstin Preiwuß, Clemens J. Setz, Rainer Merkel, Dea Loher, Alexander Nitzberg, Benjamin Stein, Nora Bossong, Nicol Ljubić, Arezu Weitholz, Andre Rudolph, Michael Maar, Anne Weber, Julia Schoch, Michael Buselmeier, Gerhard Seyfried und Jenny Erpenbeck. Kinder- und Jugendbuchautoren präsentieren auf dem Jungen Podium Literatur für alle Altersgruppen: Gerald Jatzek, Albert Wendt, Zoran Drvenkar, Michael Römling, Bettina Kupfer, Arend Agthe, Susann Opel-Götz und Katja Behrens.

“Wer hat die Macht im Staat?”, fragt die traditionelle Sonntagsmatinee mit Daniela Dahn, Friedrich Dieckmann, Mathias Greffrath, Roland Roth und Christoph Schwennicke. Dass Europa mehr bedeutet als Bankenkrise und Euro-Rettung, diskutieren Dieter Bachmann, Hans Christoph Buch, György Dalos und Olga Martynova unter dem Titel “Schafft sich Europa ab?”. Florian Felix Weyh will im Gespräch mit Uwe Jochum, Wilfried F. Schoeller und Benjamin Stein der Urheberrechtsdebatte auf den Grund gehen. Mit der “Literatur-Verteidigerin” Sigrid Löffler und dem “Vor- und Nachdenker der deutschen Einheit” Friedrich Dieckmann werden zwei Persönlichkeiten gewürdigt, deren Namen eng mit dem Erlanger Poetenfest verbunden sind. Die Reihe zu den großen Mythen des 20. Jahrhunderts setzt Peter Glaser im Dialog mit Florian Felix Weyh unter dem Titel “Rocket Boys” fort – diesmal zum Thema Raumfahrt. Akustische Erlebnisse verspricht die Vorstellung ungewöhnlicher Hörbuch-Editionen und Bayern 2 sendet sein Büchermagazin Diwan live vom Erlanger Poetenfest. Unter dem Titel “Rede, dass wir dich sehen” erinnert Friedrich Dieckmann mit Daniela Dahn, Sonja Hilzinger und Kathrin Schmidt an die im vergangenen Jahr verstorbene Schriftstellerin Christa Wolf.

Anlässlich ihres neuen Romans “Das grüne Zelt” spricht Ljudmila Ulitzkaja über die Chancen für Bürgerrechte und Zivilgesellschaft im heutigen Russland, Jörg Baberowski diskutiert sein mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnetes, nicht unumstrittenes Sachbuch “Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt”, durch Hanjo Kestings “Grundschriften der Europäischen Kultur” erfahren wir, “woher wir kommen” und die Zeichnerin Vika Lomasko dokumentiert jüngste Prozesse gegen russische Künstlerinnen und Künstler. Im Gespräch mit Hajo Steinert stellt Anthony McCarten aus Neuseeland – Gastland der Frankfurter Buchmesse 2012 – seinen neuen Roman “Ganz normale Helden” und als Preview den Film “Am Ende eines viel zu kurzen Tages” vor.

Einblicke in die Faszination des literarischen Übersetzens vermittelt das offene Arbeitstreffen der Neunten Erlanger Übersetzerwerkstatt mit Gerhard Falkner, Friedrich Koch, Margitt Lehbert, Constantin Lieb, Nora Matocza, Alexander Nitzberg, Andreas Nohl, Angela Plöger, Hans Raimund und Wolfgang Schlüter. Anlässlich des 100. Todestags von Bram Stoker wird in Gesprächen, Lesungen und Filmausschnitten bis nach Mitternacht die dauerhafte Faszination des Vampirismus analysiert. Mit “Text” bringt das Theater Erlangen ein Stück von Jérôme Junod zur Uraufführung, in psychedelischer Vernetzung von Free Jazz und Voodoo Rock lässt das Kammerflimmer Kollektief Texte von Dietmar Dath erklingen und Poetry Slammer aus ganz Deutschland treten auf der Open Air-Bühne des Kulturzentrums E-Werk an.

Die Ausstellung “Parcours” des Kunstpalais Erlangen präsentiert Installationen von Thomas Locher an der Schnittstelle von Bild und Text. Weitere Ausstellungen zeigen Arbeiten von Lorenzo Mattotti zu “Hänsel und Gretel”, Vika Lomaskos Comic “Verbotene Kunst”, ein Experiment zum Thema “Arten” der Literaturzeitschrift “Blumenfresser” und – im Rahmen der “Druck & Buch” – Buchkunst von 24 Kleinverlage aus Deutschland, der Schweiz und Ungarn. Literaturverfilmungen und Dokumentationen sind teilweise in exklusiven Previews zu sehen, musikalisch wird das 32. Erlanger Poetenfest von Benjamin Boone (Saxofon/Live-Elektronik) und Stefan Poetzsch (Violine/Viola/Live-Elektronik) umrahmt.

Die Moderatorinnen und Moderatoren des 32. Erlanger Poetenfests 2012 sind Maike Albath, Verena Auffermann, Niels Beintker, Michael Braun, Friedrich Dieckmann, Herbert Heinzelmann, Dirk Kruse, Adrian La Salvia, Sigrid Löffler, Wilfried F. Schoeller, Hajo Steinert, Florian Felix Weyh und Cornelia Zetzsche.

1. cut: Mara Genschel

Die Betrachtung der Dinge in Endlosschleife

Ein ganzer Wald aus Mädchen, ein Dickicht [undurchschaubar], sogar nackt. || Mein Blick geht von einem schräg gestellten Schreibtisch schräg durch zwei Fenstertüren in einen Ausschnitt Grün und Himmel. || Akustisch ist im Hinterhof alles präsent: Alle Fenster sind durchweg geöffnet. Das Prinzip Schacht schwemmt diverse, zum Teil dramatische Äußerungen und Vorgänge nach oben. Streit, Musikgeschmäcker, das „Erotikcafé“. Dazwischen vermitteln Vögel. || Wie viel Sinn macht eine Unterscheidung zwischen temporären Impuls-Lieferanten und immerwährenden Lieben? Zanzotto, Egger, Hoffmannswaldau versus Cummings, Mayröcker, Mallarmé? || Man muss erst lernen, vor dem Einfluss nicht in Angststarre zu verfallen. || Im Respekt vor der Notiz gelingt es mir tatsächlich, mich halbwegs zu organisieren: Ein kleines, „blumiges“ Notizbuch für unterwegs, ein weiteres kleines, nur für Zeichnungen, ein großes für unterwegs mit viel Fremdmaterial im Umschlag, eins, um Sätze und Passagen aus Büchern abzuschreiben, die mir nicht gehören, eins für essayistische Ansätze und Fragmente, eins nur für Träume, eins, das meine akustischen Aufzeichnungen organisiert, sowie einen MiniDisc-Player für die akustischen Aufzeichnungen. Außerdem jeweils eins für jedes ernsthaft gestartete größere Projekt. Die scheinbar unverhältnismäßig penible Kategorisierung ist nur der Not geschuldet, einer Frage nach der Form. Wie lässt sich was aufzeichnen? Wie fixieren, wie wieder abrufbar machen? || Für nostalgische Notizen, die nicht annähernd so ergiebig sind wie die Sehnsucht nach ihnen, empfehlen sich vielleicht diese rosenumrankten Tagebücher zum Abschließen: Man kann die Schlüsselchen danach einfach wegschmeißen und den Inhalt der Seiten begehren, ohne sich mit ihnen konfrontieren zu müssen. || Tradierte Formen haben ihre Gründe und Abgründe. || Die durchforsteten, auseinanderfallenden Bücher an meiner Seite sind die Tagebücher von Paul Klee, Verbalnotationen von Alvin Lucier, „Das Große Lexikon der Malerei“ und John Cage, „Für die Vögel“. || „Für die Vögel“ aufzuschlagen bedeutet, nicht zu planen, sondern von einem schräg angeschnittenen Gedanken heimtückisch überrascht und eventuell handlungsunfähig gemacht zu werden. || Konzentration bleibt eine Maxime, der ich ständig angestrengt zuarbeiten muss: die Splitter in irgendeiner Weise zusammenhalten. Bruch, Demontage, Unruhe passieren sowieso und ohne Zutun, genau wie Traum und Schlaf. || Angst vor Pathos oder Kitsch halte ich für Angst vor dem unscharfen Gedanken. Der sentimentale Schwebezustand ist dann noch nicht überschritten. Dasselbe gilt aber auch für die Angst vor der Angst. Vor einer lähmenden, übermäßigen Vorsicht. Mut zu Pathos und Kitsch könnte also auch Unerhörtes, eventuell ungehörig Gutes in Gang bringen. || Ich bin nicht an Symbolik interessiert, ich glaube an Codes. || Ich glaube an einen Sinn des Dichtens: Nicht Wahrnehmungsvorgänge, sondern Rezeptionsvorgänge offen legen und verdichten; auch, um sie daraufhin freizugeben für neue Rezeptionsvorgänge. || Dissonanzen, komplexe Rhythmen, Loops – aufspüren, zulassen, eingreifen. || Verständnis, wenn es das gibt, ist immer schöpferisch. || Zur Zeit arbeite ich an alten und neuen Glossolalien, zusammen mit dem Lautdichter Valeri Scherstjanoi. Ich versuche dafür auch, die Geige zum Sprechen zu bringen; sie kann, der menschlichen Stimme eigentlich sehr ähnlich, ziemlich ekstatisch artikulieren. Das ist gewissermaßen ein Versuch, Klang zu verdichten. || Die Vertiefung in Dinge/Klänge/Texte ist verliebt und hilflos – und verursacht ab einem bestimmten Punkt immer das Prinzip Ohrwurm. Je banaler, desto mächtiger. Die typischen, unendlich oft gelesenen Klo- oder Cornflakespackungs- Texte. Das Muster des Bettbezugs. Die ein ominöses Metallrohr ansägenden Handwerker, morgens. Die rote Tasse mit den weißen Punkten. An der Musikhochschule eine gängige Aufgabe im Fach Gehörbildung: „Notieren Sie folgenden vierstimmigen Satz: Klimper, klampklamp, klimper.“ Auch wenn die Melodielinien unzählig oft wiederholt werden, auch wenn am Schluss alle Noten stimmen, auch wenn der Choral einen für den Rest des Tages nicht mehr loslässt – durchdrungen ist das Stück, der Text, das „Ding“ noch immer nicht, noch immer nicht in meinem Besitz. Das Muster meines Bettbezugs habe ich so genau studiert, ich könnte es möglicherweise aus dem Kopf heraus skizzieren; es würde sich aber sofort entziehen, als etwas Fremdes, mit der Situation des morgens Aufwachen und Träumen nichts zu tun Habendes. || Vielleicht hört die Welt da auf: wo die Betrachtung der Dinge in die Endlosschleife gerät – sich an bestimmten Stellen abnutzt, dann fratzenhaft Details hervorkehrt, bis sie sich irgendwann selbst demontiert. Aber wird sie sich jemals komplett auslöschen? || Das Schreiben hört da auf, wo die Hingabe an einen Gegenstand total wird, im Sinne einer Selbstauslöschung. Das kann glücklicherweise nicht passieren, solang das Herz schlägt, denn kein Schlag gleicht exakt dem anderen.

aus dem soeben erschienenen Sommerheft der BELLA triste

Darin Beiträge der folgenden Autorinnen und Autoren:

prosa und lyrik
° Stefan Mesch
°° Susanne Heinrich
°°° Nadja Wünsche
°°°° Tobias Hipp
°°°°° Jo Lendle
°°°°°° Simone Kornappel
°°°°°°° Martin Lechner
°°°°°°°° Kay Steinke
cut
°°°°°°°°° Mara Genschel
phon
°°°°°°°°°° Jenny Erpenbeck
pool
°°°°°°°°°°° Michael Stauffer
°°°°°°°°°°°° Sandro Zanetti
°°°°°°°°°°°°° Kai Weyand
°°°°°°°°°°°°°° Jörg Albrecht
lux
°°°°°°°°°°°°°°° Mirko Bonné

Außerdem: Illustrationen und ein Plakatumschlag von Friedemann Bochow.

Bestellungen unter www.bellatriste.de.