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65. Hombroich: Poesie

Raketenstation Hombroich

Vom 12. bis 15. September 2012 findet auf der Raketenstation Hombroich das dritte Colloquium für Poesie statt. 14 – unter den ästhetisch interessanten und relevanten – bedeutsame deutschsprachige Lyriker, Autoren und Philosophen treffen sich in einem informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Denken der Sprache des Gedichts und des Denkens betrifft, soll hierbei das Projekt der Poesie frei von saisonaler Wahrnehmung und medialen Einschätzungen innerhalb des Betriebsgefüges literarischer Öffentlichkeit überdacht und fortgesetzt erweitert werden.

Die publikumsöffentliche Lesung aller Teilnehmer findet in Zusammenarbeit mit dem Förderverein der Stiftung Insel Hombroich am Samstag, dem 15. September 2012 um 18 Uhr in der Veranstaltungshalle auf der Raketenstation Hombroich statt.
Es lesen Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Christian Filips, Brigitta Falkner, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Thomas Schestag, Farhad Showgi und Ulf Stolterfoht Texte von Autoren, welche der Insel verbunden waren oder assoziiert sind: Hans Arp, H.C. Artmann, Inger Christensen, Thomas Kling, Ernst Jandl, Oskar Pastior, Francis Picabia, Kurt Schwitters u.a.m.

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Veranstalter
Das böhmische Dorf.
Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur und Kunst
Raketenstation Hombroich
D-41472 Neuss
tel +49(0) 2182  570 000
anmeldung@hombroich.com

Die Aktivitäten des böhmischen Dorfes werden unterstützt von der Literaturabteilung der Landesregierung NRW, von der Kunststiftung NRW sowie vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Wien.

10. Zum Tod von Hanns Grössel

Zwei Schriftsteller leuchten an seinem weitverzweigten Dichterhimmel als Fixsterne, und ihre Poesie wäre dem deutschen Leser nicht so hell aufgegangen, wenn nicht Hanns Grössel ihnen Glanz gesichert hätte: Inger Christensen und Tomas Tranströmer. Wie übersetzt man Lyrik? „Möglichst so, wie es da steht“, antwortete Grössel, als er nach dem Nobelpreis für Tranströmer gefragt wurde, mit gelassenem Understatement: „Lyrik besteht wie Prosa nur aus Wörtern.“ Mit dem schwedischen Dichter stand er, seit er ihn 1977 persönlich kennengelernt hatte, in engem Kontakt, über viele Übersetzungsfragen hat er sich mit ihm ausgetauscht und so das Gesamtwerk mit zuverlässigster Genauigkeit ins Deutsche gebracht. Gezeichnet schon von seiner Krankheit, hat der Übersetzer den Nobelpreisträger seit der freudigen Überraschung, die ihm die Schwedische Akademie bereitete, auf Veranstaltungen begleitet und vertreten. Es blieb die letzte und auch meistbeachtete Etappe in seinem philologischen Wanderarbeiterleben: Am 1. August ist Hanns Grössel, der Sprachliebkoser und – so sah er mit Lessing die Übersetzer – „Wortgrübler“, im Alter von achtzig Jahren in Köln gestorben. / ANDREAS ROSSMANN, FAZ

88. Ihre Lieblingsgedichte

Der Styria Premium Verlag hatte die Idee zu einer neuen Buchreihe: Österreichische Künstler/innen aus allen Bereichen – von der Philosophie bis zur Musik, von der Literatur bis zur Bühne – stellen ihre 25 Lieblingsgedichte vor. Ö1 sendet die Gedichte im Rahmen der Reihe “Du holde Kunst” ab Juni einmal im Monat.

Friederike Mayröcker

Ernst Jandl:
das hundelvieh

Ernst Jandl:
der bernhardiner

Ernst Jandl:
der goldfisch

Ernst Jandl:
2 erscheinungen

Ernst Jandl:
in der küche ist es kalt

Thomas Kling:
ethnomühle

Friedrich Hölderlin:
Hälfte des Lebens

Friedrich Hölderlin:
Wenn aus dem Himmel

Inger Christensen:
alphabet

Marcel Beyer :
Wespe, komm

Ilse Aichinger:
Briefwechsel

Norbert Hummelt:
aus der Kindheit

Bertolt Brecht:
Morgens und abends zu lesen

Heinrich Heine:
Loreley

Johann Wolfgang von Goethe:
Warum gabst du uns die tiefen Blicke

Gottfried Benn:
Teils-teils

Marcell Feldberg:
o. T.

Bernadette Haller:
Haiku

crauss
russischer zopf

H. C. Artmann:
mein herz

Oskar Pastior :
Francesco Petrarca Nr. 1

Oswald Egger:
Apfelspalten / Handteller, Regen

Oswald Egger:
nihilum album

Mikael Vogel:
Schizoide Gedichte für eine alte schizoide Liebe

Mikael Vogel:
Das wirre Atelier der Verlassenheit …

53. Tranströmerpreis für Grünbein

Focus wußte es schon am 5.3., zugleich mit schwedischen Quellen. Heute zieht die Süddeutsche nach. Durs Grünbein wird mit dem Tranströmerpreis der schwedischen Stadt Västerås ausgezeichnet, die Preissumme beträgt 200.000 Kronen, rund 18.000 Euro. Der seit 1998 vergebene Preis würdigt “hochstehende Werke im Geist Tomas Tranströmers” aus Ostseeanrainerstaaten. Vor Grünbein traf das u.a. auf Inger Christensen und Adam Zagajeweski zu.

92. Brauns Zeitschriftenlese

Die neue „Volltext“-Ausgabe wartet mit einem Experiment auf, das auf die Ent­hierarchi­sie­rung des Literatur­betriebs zielt, im Grunde aber nur eine uralte Idee neu auflegt. Die Namen der Heft-Autoren sind nämlich anonymi­siert, um die Aufmerk­samkeit ganz auf den Inhalt und den stilis­tischen Habitus der einzelnen Beiträge zu lenken. Die Sabotage am eitlen Autorenkult ist jedoch nur halbherzig durchgeführt, denn wer die Autoren­namen erfahren will, braucht nur die Internet-Seite von „Volltext“ aufzu­rufen. Das biedere Anonymus-Spiel sollte uns daher nicht weiter beschäftigen, dafür aber die durchweg von Schrift­stellern verfassten Kritiken in dieser Ausgabe.

Volltext Nr. 3/2011  externer Link  
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien. 48 Seiten, 2,90 Euro.

Die Dichterin Sylvia Geist folgt in ihrem Essay „Das Aber der Apri­kosen“ den Spuren der Kon­junk­tion „Aber“ vom Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm bis hin zur Welt­dichtung Inger Chris­tensens. Hier isst ein sehr poetischer, auch in seiner Viel­gestal­tig­keit großartiger Essay entstan­den, der ein kleines Wort in seiner äußeren Gestalt wie auch in seinen inneren Hall­räumen und Kon­notationen prüft.
Solche mikroskopischen Untersuchungen an unscheinbaren Wörtern oder Naturphänomenen sind in der deutschen Essayis­tik selten geworden.

Edit Nr. 56,  externer Link  
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 130 Seiten, 5 Euro.

Der Spatz sei ein Räuber, ein Nah­rungs­konkurrent des Menschen, er sei auch der Unkeuschheit überführt, zudem strapaziere er uns durch seinen ohren­belei­digenden Gesang. Die Beliebt­heit dieser Vögel ohne jeden pracht­vollen Feder­schmuck ist denkbar gering. Einzig die Dichtung weiß den grauen Vogel, der uns seit der Jung­steinzeit begleitet, noch zu würdigen. Etwa Durs Grünbein in seinem schönen Gedicht „Noch eine Regung“: „Grüß dich, Sperling in der Pfütze, guter Geist, / Da am Wegrand badend, immerfort gehetzt. / Weißt ja längst, was demnächst jeder weiß, / Deine Regenfrische sagts. – Ich übersetze: / Tschilp, tschilp, wie fragil ist dies fossile, / Euer Monstrum, tschilp, Gesellschaft doch.“

Lettre International 94  externer Link
Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin, 140 Seiten, 11 Euro.

Der zweite Grenz­überschreiter in „Am Erker“ ist ein wuchtiger Außenseiter der späten DDR-Literatur, der früh gestorbene Punk-Poet „Matthias“ BAADER Holst. Der einst aus Halle an den Prenzlauer Berg gekommene Autor musste in seinem schmalen Werk immer besonders dick auftragen, um in seiner Exzentrik bemerkt zu werden. In seinem Text „viel spaß auf der titanic“ hat Holst seinen Platz in der Literaturgeschichte anvisiert: „ich halte dir einen platz frei in der welt­geschichte vielleicht zwischen beowulf und brechreiz vielleicht zwischen benn und bethlehem vielleicht in der straßenbahn“. Bei Benn und Bethlehem war dann doch kein Platz mehr frei. Eine Straßen­bahn wurde ihm zum Verhängnis. Ende Juni 1990 wurde BAADER Holst in der Oranienburger Straße in Berlin unter nie geklärten Umständen von einer Straßen­bahn angefahren und erlag eine Woche später seinen Ver­let­zungen.

Am Erker 61  externer Link
c/o Frank Lingnau, Rudolfstr. 8, 48145 Münster. 160 Seiten, 9 Euro.

/ Michael Braun, Poetenladen

64. Zentrum

“Plötzlich im Zentrum der Weltkultur”, titelt die Ibbenbürener Volkszeitung und meint den Verleger Dr. Josef Kleinheinrich. Die können ja nicht wissen, daß der Verleger von Inger Christensen, von Ekelöf, Tranströmer, Sonnevi, auf dessen Backlist auch die Namen Kling, Mayröcker, Kirkeby, Nooteboom, Lucebert, Egger, Michaux und und stehen, immer schon dort war. (Aber die Nicht- und Überleser bestimmen die Landkarte des Betriebs).

27. Brüllend und das Maul voll Suff

Beim Stichwort Poesiealbum ist Google noch westdeutsch-rückständig und listet seitenweise die so genannten 19.-Jahrhundert-Alben, die es auch im 21. noch gibt. (In meiner Kindheit nannte man sie Pohsie, leider hatten sie nur Mädchen). Seit 1967 aber hat das Wort durch Bernd Jentzsch eine neue Bedeutung angenommen. Das ist nun mehr als 40 Jahre her, man sollte es mal registrieren. (Wikipedia ist da aktueller. Das kommt, weil da noch Menschen arbeiten!)

Poesiealbum war und ist ein Heft mit 32 Seiten Gedichte neuer und alter, deutscher und Weltlyrik. Bald nähert es sich der Zahl 300 – 300 Dichter sind schon eine stolze Sammlung. Wer so alt ist wie ich, kann sie alle haben (ich habe als Schüler mit Nummer 1 begonnen). Der Preis von 90 Pfennig von 1967 bis Anfang 1990 machte das Sammeln leicht. Im Wendefrühjahr wurden sie teurer, aber es half nicht, die Reihe ging ein. Seit 2007 gibt es sie wieder. Wer nicht so alt ist, könnte immer noch alle Hefte ab Wiedererscheinen 2007 sammeln, auch das wird mal eine Sammlung. Mit Namen wie Peter Huchel, Ezra Pound, Ernst Jandl, Seamus Heaney, Wolfgang Hilbig, Boris Pasternak oder Inger Christensen sitzt man immer noch in der ersten Reihe. (Nur schade, daß in die illustre Reihe noch nicht wieder wie “früher” Neulinge aufgenommen werden. Vielleicht kommts ja wieder! Es würde die Reihe abrunden und auch für junge Schreiber und Leser noch interessanter machen. Pietraß, was ist?))

Auch Lavant-Einsteiger kommen auf ihre Kosten. 2010 bekam sie ihr Heft mit der Nummer 289. Magische und böse Zeilen kann man dort lesen: “Nicht rosenrot, nicht himmelblau, / ich bin für Schwefelfarben!” “Gott, sag das nicht nach,/ sag keins der lauen Worte dieser Frommen!/ Ich will ja nicht in ihren Himmel kommen!” “Wenn sie mich zu einem Bündel schnüren,/ bis die Hände nimmermehr sich rühren,/ und die ganze Wut im Mund gesammelt/ nichts als ausweglose Flüche stammelt/ rundherum um deinen hohen Namen.” “Hau jetzt ab samt deiner Nüchternheit!/ Dieses Schiff wird nie verständig werden –/ melde oben bei dem Bootsverleiher,/ daß wir brüllend und das Maul voll Suff/ seine Sterne aus der Hölle holen.” Rimbaud redivivus!

Poesiealbum kostet 4 Euro und ist in guten Buchhandlungen oder beim Verlag erhältlich. www.poesiealbum-online.de

92. Literaturpreis Wartholz

Im österreichischen Schloß Wartholz in Reichenau an der Rax gibt es ein öffentliches Wettlesen, das von einem in Gartenbaubetrieb initiiert wurde. Er fand dieses Jahr zum vierten mal statt. Anders als in Klagenfurt ist es ein “gemischter” Wettbewerb – vergangenes Jahr gewann ein Lyriker. Aber das Wunder wiederholte sich nicht:

Der Hauptpreis (10.000 Euro) ging schließlich, wie der Publikumspreis (2000 Euro), an die 1982 in Mannheim geborene Schriftstellerin Regina Dürig, die in Biel (Schweiz) lebt, wo sie am Literaturinstitut studierte. Auch wenn die Lyriker (u. a. Semier Insayif) unter Wert geschlagen wurden und die beachtlichen Texte von Jürgen Lagger und vor allem Norbert Müller leer ausgingen, überrascht die Juryentscheidung nur auf den ersten Blick. / Der Standard

Über die Preisträgerin schreibt “Die Presse”:

Doch der Wunsch, dem literarischen Schreiben größeren Raum zu geben, ließ sie sich in Leipzig und Biel an den jeweiligen Literaturinstituten bewerben. In Biel hat es geklappt. … „Ich habe dort gelernt, Texte so zu schreiben, dass sie in dem entstehen, der sie wahrnimmt.“ Vor allem lerne man also Klarheit und Präzision. Und was sind ihre literarischen Vorbilder? Klassiker möchte sie da nicht nennen. Da komme man so schnell in irgendwelche Schienen hinein. Beim nun ausgezeichneten Text wurde sie jedenfalls von einem Langgedicht von Inger Christensen mit dem Titel „Alphabet“ inspiriert. / Die Presse

Die bisherigen Preisträger:

  • 2008: Andrea Winkler
  • 2009: Michael Stavarič
  • 2010: Christian Steinbacher
  • 2011: Regina Dürig


66. Bestes Buch

Das wahre schöne Eine? Das sofort als solches ermessbare unermesslich reichhaltige Buch, zentrales Zirkulat unter periphereren Bänden? Das poetische Über-Du des letzten Jahres? Die Monstranz, die sowohl den Fatalisten befriedigt als auch den Schwirrformensemantiker? Die die Gier des Ironiker stillt, wie auch den an der Einheit von Klangschönheit und Gedankenwundersamkeiten sich stillenden Romantiker erleuchtet? Gibt es das?

Gibt es das irgendwie? Den Band, den man liest und sagt: ich brauch keinen andren nicht? Den Volker Braun Christensen Falb, den rinckschen Jeffrey McDaniel? Einen Paulus Böhmer in der Manier Jan Wagners?
Wohin trägt einen so eine papenfüßige Frage? / Leicht variiert aus einer Antwort Ron Winklers auf eine Frage von lyrikkritik.de

74. komm in den technopark

Die Erkennungszeichen des Epochenbruchs ruft der 1963 in Gera geborene Lutz Seiler in seinem neuen Gedichtband herauf, in distanzierenden Anspielungen auf Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und Inger Christensen. Das Zeitgedicht ‘das neue reich’, mit dem Seiler seine poetische Geschichtswanderung eröffnet, stellt der artistischen Esoterik und Seher-Pose in Georges Gedichtsammlung ‘Das Neue Reich’ (1928) das Deutschland unserer Tage entgegen, das auf unrühmlichem braunem Geschichtssockel steht. Die Dementis ‘kein labyrinth & keine chandoshysterien’ gelten der bloßen Relativität des menschlichen Weltverständnisses in Inger Christensens Versepos ‘Det’ (1969) und der Sprachkrise, die Hugo von Hofmannsthal seinen Lord Chandos in dem berühmten Brief ausrufen ließ, den er in seinem Namen zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste.

Den Versuch Stefan Georges, mit einer Erneuerung der Naturpoesie das Rad der Zeit zurückzudrehen und die Menschheit des Jahres 1897 ‘in den totgesagten Park’ einer herbstlich späten Rosen- und Rankenwelt einzuladen, konterkariert Seiler mit dem Hinweis auf die unumstößliche Realität des ‘technikparks’ mit seinem komfortablen ‘fischgrätenestrich’, in dem wir zusehends bequemer und mobiler leben. Seiler entlehnt einen guten Teil seiner Bildsprache diesem ‘technopark’, den ‘göttern des öl’, der Welt von Garagen, Motoren, Schrauben, Bowdenzügen, Vergasernadeln. / SIBYLLE CRAMER, SZ 13.12.

LUTZ SEILER: im felderlatein. Gedichte. Suhrkamp Verlag. Berlin 2010. 102 Seiten, 14,90 Euro.