Getagged: Ingeborg Bachmann
72. Walter Höllerer 1922-2003
Nach seinem Debüt 1952 mit dem Gedicht-Band “Der andere Gast” setzte sich Walter Höllerer auch für die Lyrik anderer Autoren ein, gab zum Beispiel 1956 die laut Untertitel als “Lyrikbuch der Jahrhundertmitte” angelegte Anthologie “Transit” heraus. Warum Lyrik?
“Ich versuche mit meinen Gedichten das zu sagen, was sich den Leitartikeln und dem programmatischen Reden entzieht, was aber als harte Realität nicht zu verleugnen ist. Gedichte schreiben ist für mich ein notwendiger Vorgang gegen jede Versimpelung und gegen das Sand-in-die-Augen-Streuen, gegen böswillig gesteuerte und genährte Denk- und Faktenverschiebungen und gegen uneingesehene, unreflektierte Vorurteile …”
Walter Höllerer machte West-Berlin zu einem Zentrum der literarischen Moderne. Legendär die von ihm initiierten Lesungen etwa der publikumsscheuen Ingeborg Bachmann oder der Amerikaner John Dos Passos und Allen Ginsberg. Als Professor an der Technischen Universität förderte er viele junge Leute, die später herausragende Autoren wurden wie Hermann Peter Piwitt, oder gründete die Zeitschrift “Literatur im technischen Zeitalter”, in der die Ideen des Strukturalismus und der Linguistik zum ersten Mal in Deutschland eine breitere Wirkung entfalten konnten. / Christian Linder, DLR
20. Kolbe über Bachmann
Ich meinerseits wollte nicht Intimitäten aufdecken zwischen Ingeborg Bachmann und ihrem ersten literarischen Förderer und Liebhaber Hans Weigel meinetwegen, zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, denen es offenbar das ein und andere Mal ziemlich gut ging miteinander (man stelle sich den 27jährigen Paul Antschel-Celan vor, der 1948, im dritten Frühling des Überlebens und, nachdem er dem stalinistischen Bukarest entronnen ist, das Zimmer der 21jährigen Studentin Ingeborg Bachmann mit Blüten füllt, es in „ein Mohnfeld“ verwandelt), und die es sich erst danach, sichtbar in den Briefen, schwer machten, aber in den Gedichten zum Glück nur auf die fruchtbringende Weise. Ich wollte nicht Intimitäten wissen zwischen Ingeborg Bachmann und einigen X, Y und Z, zwischen Bachmann und Frisch schon gar nicht. Es reicht, was wir wissen, was in dem Brief an Hans Werner Henze vom 4. Januar 1963 steht, „dass das Leben der letzten Jahre zuende ist“. Das haben andere getan, offensichtlich, sie haben davon zu reden begonnen, die Erben haben die Briefe peu à peu freigegeben. Sonst wüsste ich nichts davon. So aber, ein Geständnis: Ich weiß wirklich nichts, das sind nicht meine Forschungen, und: Ich brauche es auch nicht. Ich lese ja alles in den Gedichten zwischen dem Ich und dem Du, nicht minder in dem Wir, dem Uns, dem Unser, das unermüdlich aufgerufen wird, das immer wieder spricht: „O Leiden, die unsre Liebe austraten, / ihr feuchtes Feuer in den fühlenden Teilen.“ Wie gesagt, ich brauche die Taschenlampe nicht, welche Licht in das verbleibende Dunkel dieses Lebens bringt, die in diesen Schoß leuchtet, selbst gegen meine eigene voyeuristische Anlage brauche ich sie nicht. Denn: Es steht, wie wir hören, alles in den Gedichten. Das Leben steht in ihnen, soweit es wert ist, etwas davon zu wissen, soweit es umzuwandeln ist in Poesie, mit dem Handwerk des Schreibens zu übermitteln dem Anderen, Ihnen, mir, uns. Es steht alles ganz genau in Bachmanns wie in Sapphos wie in Hölderlins wie in Trakls Gedichten. In Celans Gedichten steht es sowieso, dass er sie liebte, dass sie sein Schreibgrund war von der ersten Begegnung an: „Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noemi sagen: /Seht, ich schlaf bei ihr! Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.“ Das Gedicht ist berühmt, weil er es ihr als erstes widmete und, weil es die Welt der Todesfuge für immer verbindet mit der Liebe zu der Tochter eines Mannes, der schon 1932 in Kärnten in die Nazipartei eintrat. Viel interessanter aber ist nicht dieser Umstand, sondern das Direkte, dieses „ich schlaf bei ihr“, das so natürlich ist und so biblisch, dass es einen nur freut, diese Sprache des Menschen.
Uwe Kolbe: Über den Nachteil. Dichtung, Liebe, Größenwahn und die „Lieder auf der Flucht“. Eine Art Rede für Ingeborg Bachmann Mehr
Heute um 10:15 Uhr beginnt die erste Lesung. Zum Programm
19. Klüger über Bachmann
Ruth Klüger eröffnete Mittwochabend mit einer Rede über “Bachmanns Wahrheit & Dichtung” die Tage der deutschsprachigen Literatur. Die Kleine Zeitung veröffentlicht Auszüge:
Sprache sollte Vermittlerin der Wirklichkeit, ihre Verwandlung in Wahrheit sein. Doch Ingeborg Bachmann ist die Dichterin der Gleichnisse, die nicht aufgehen. Wir suchen nach dem Sinn und sie verweigert ihn, nachdem sie uns lockt und glauben macht, dass sie ihn uns auf Bestellung kredenzen wird. Und diese Verwirrung ist was sie anstrebt um uns zu weiterem Suchen zu bringen. Von den Gedichten, die sie berühmt gemacht hatten, hatte sie dann schließlich genug und versprach, nie wieder welche zu schreiben, weil es zu leicht geworden war. “Ich habe aufgehört, Gedichte zu schreiben, als mir der Verdacht kam, ich ‘könne’ jetzt Gedichte schreiben, auch wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe.”
Hier der Text als pdf
86. Die Streitende Gemeinde
Ein Sammelband zu Bachmann und dem Streit der Forschung wird unter dem Titel “Eine Lady Di des Literaturbetriebs” von Rolf Löchel abgehandelt: „Der Zusammenhang zwischen Leben und Werk ist ein zentraler Streitpunkt innerhalb der Bachmann-Forschung“, erklärt Renate Langer …
Mag Langers Aussage auch … konsensfähig sein, so erweist sich ihr Aufsatz über die „Bruchlinien im Bachmann-Bild“ doch als lesenswert, und das beinahe schon alleine wegen des Lesevergnügens, das seine mal feine, mal maliziöse Ironie bietet, die Langer gleichermaßen den diversen Herren, die sich rühmen, mit Bachmann Brot und Bett geteilt zu haben, wie auch dem Gefolge eines „postumen Kultes“, dem Bachmann „wie eine Lady Di des Literaturbetriebs“ erscheint, zuteil werden lässt. Besagten Herren bescheinigt sie etwa eine „auffallend“ häufige „Lust am Bloßstellen“ Bachmanns. Die Belege hierfür sind, wie man weiß, zahlreich. Langer zitiert unter anderem einige besonders schäbige Ausfälle von Hermann Hakel.
Nicht weniger hart geht sie andererseits mit Karin Strucks „wirrem und hochemotionalem Bachmann-Kult“ und einer bestimmten feministischen Rezeptionsrichtung ins Gericht, die Bachmann in den 1980er-Jahren „als Ikone eines feministischen Leidenskults verehrte“ … Damals aber wurde Bachmann im Zuge des ‚Opferfeminismus‘ gerne mit ihren Figuren identifiziert, wobei die „zwischen Empörung und Selbstmitleid schwankende Leserin“ sich selbst „sowohl mit der Autorin als auch mit deren Figuren“ identifizierte und sich dabei „in der Gemeinschaft der Opfer eines in seinen Strukturen durch und durch faschistischen Patriarchats gut aufgehoben fühlte“ …
Sigrid Weigels Ende des Jahrhunderts erschienener (Anti-)Biografie „Unter Wahrung des Briefgeheimnisses“ lastet sie an, die Literatin „von allen Körpersäften gesäubert, getrocknet und mit Papier ausgestopft“ zu haben, sodass in dem Buch nur noch ein „blutleerer Automat“ auftrete, „der eines Tages selber Literatur zu produzieren begann, nachdem er genügend Literatur in sich hineingefressen hatte“ …
„Wir würden nur zu einem sehr harmlosen Verständnis von Leben und Werk gelangen, wenn wir uns dem privaten Geheimnis der Werke verschließen würden“, argumentiert Hans Höller. Denn „das Private oder das Biographische fast zwanghaft mit ‚biographistisch‘ und ‚reduktionistisch‘ zu assoziieren“ und die „Vernachlässigung der unverwechselbaren Geschichte“ der VerfasserInnen komme einer „ängstlichen Verdrängung der Bedeutungsvielfalt künstlerischer Werke“ gleich. Nun trifft seine Feststellung eines „nie ganz aufzulösenden Verhältnisses von Literatur und Leben“ zwar sicher zu, doch gibt es schließlich ja tatsächlich zahlreiche Interpretationen zumal von Frauen verfasster Werke, .. die Frauen qua Geschlecht die Fähigkeit abspricht, Kunstwerke schaffen zu können, und ihnen gerade mal die Fertigkeit zugesteht, Selbsterlebtes nachzuerzählen. Ein Problem, dass ihm nicht eben unter den Nägeln zu brennen scheint.
Katya Krylowa etwa folgt der Suche nach Spuren, die Bachmann „zwischen Provinz und Moderne“ hinterließ, während Caitríona Ní Dhúill Bachmanns „Poetik des Rauchens“ nachspürt. Hannes Schwaiger lauscht nicht nur anhand von Audio-Aufzeichnungen auf „Ingeborg Bachmanns Stimme im Rauschen der biographischen Diskurse“. Der „fotografischen Konstruktion einer Dichterin“ gilt das Interesse von J. J. Long und Manfred Mittermayer hat sich die „bewegten Bachmann-Bilder im Dokumentar- und im Spielfilm“ angeschaut. Besonders erhellend aber ist Caitríona Leahys Beitrag über „Bachmann als Objekt von Porträtdarstellungen“. „Das einzig angemessene Porträt Bachmanns“ sei „eines, in dem sie sichtbar abwesend ist“, lautet ihr Resümee.
Nicht weniger lesenswert als Leahys Aufsatz ist Áine McMurtys Beitrag über Marcel Reich-Ranickis berühmt-berüchtigtes Wort von der „gefallenen Lyrikerin“, das noch immer „mit allen Konsequenzen“ nachwirke. Anders, als Reich-Ranickis „ebenso moralisierende wie krude auf das Geschlecht der Lyrikerin verweisende Anspielung“ suggeriert, sei Bachmann keineswegs „hilflos aus dem lyrischen Modus“ gefallen, sondern habe „im lyrischen Schreiben ein entscheidendes Mittel zur Bewältigung der Krisenerfahrung gewonnen, das in ihr politisch-ästhetisches Projekt der 1960er Jahre eingehen sollte“.
56. Zitate
Es gibt für mich keine Zitate, sondern die wenigen Stellen in der Literatur, die mich immer aufgeregt haben, die sind für mich das Leben. Und es sind keine Sätze, die ich zitiere, weil sie mir so sehr gefallen haben, weil sie schön sind oder weil sie bedeutend sind, sondern weil sie mich wirklich erregt haben.
Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Dieter Zillgen, 22.3. 1971, in: Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. München und Zürich: Piper, Neuausgabe 1991, S. 69.
52. Arbeitsverhältnis
Dabei langweilen mich Gedichte meistens, ich lese fast keine mehr, hier und da erinnre ich mich an eine früh gehörte Zeile, an einen Ausdruck, und wenn mir etwas sehr gefällt, wenn ich meine, es müsse “gerettet” werden, dann verwende oder variiere ich einen Ausdruck, gebe ihm einen neuen Stellenwert. Das ist also, wenn Sie so wollen, ein Verhältnis zur Vergangenheit, ein Arbeitsverhältnis, das zum Beispiel in der Musik seit jeher vorkommt.
Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Josef-Hermann Sauter, 15.9. 1965, in: Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. München und Zürich: Piper, Neuausgabe 1991, S. 60.
5. Wind Zeit Klang
Im Standard: Sammler Karlheinz Essl vor Anselm Kiefers “Nur mit Wind mit Zeit und mit Klang” aus dem Jahr 2011, nach einem Gedicht von Ingeborg Bachmann.
56. Gedichte aus Mozart’s Land
Am 30. November wurde das Buch „Gedichte aus Mozart’s Land“, eine Auswahl Österreichischer Lyrik in vietnamesischer Sprache, herausgegeben vom Germanisten Ngo Quang Phuc, der unter dem Künstlernamen Quang Chien schreibt, im Büchercafé des Hanoier Kulturzentrums „Ost West“ der Öffentlichkeit vorgestellt.
In dem Band, der mit Unterstützung des Außenministeriums und des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur zustande kam, sind Werke der folgenden österreichischen LyrikerInnen vertreten: Nikolaus Lenau, Rainer Maria Rilke, Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Franz Kießling, Ilse Brem, Elisabeth Schawerda, Karl Lubomirski, Peter Turrini, Ernst Jandl und Christian Ide Hintze. Von den Autoren haben zwei einen besonderen Bezug zu Vietnam: Erich Fried durch seine Gedichte über den Vietnamkrieg und Christian Ide Hintze durch seine Lehrtätigkeit an der Dichterschule Nguyen Du in Hanoi Anfang der 90er Jahre. / Österreich Journal
69. Böhmen am Meer
Das annähernd sechs Meter breite Ölgemälde “Böhmen liegt am Meer” von 1995 (…) ist seit der Eröffnung des Museums das Entreebild zu Sammlungspräsentationen wie zu monografischen und Themenschauen. Wie des Öfteren bei Kiefer ist der Bildtitel ein Zitat aus einem Gedicht von Ingeborg Bachmann. Die dunklen, rätselhaften Verse, Frucht eines Prag-Aufenthalts der Dichterin, sprechen von Verlust und Finden, von Prüfung, Hoffnung und Gnade. Die Symbolik des ans Meer versetzten Landes erscheint als Chiffre einer sowohl individuellen wie kollektiven, geschichtlichen Utopie: der Rettung aus abgründiger Verlorenheit. “Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.” Bei Kiefer deutet sich dieser utopische Gehalt in Wagenspuren an, die über ein kriegsversehrtes, aschfarbenes Feld zum Horizont führen. Wie eine Verheißung erhebt sich über der Horizontlinie in weicher Schreibschrift ein Schriftzug mit den vier Worten des Titels. Das Bild liest sich darin als Aufforderung zum Aufbruch. Böhmen liegt nicht dort, wo wir es vermuten. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 17.10.
111. Lyrik på tyska
Die in Lund (Schweden) erscheinende Literaturzeitschrift “Lyrik vännen” 5/11 widmet in ihrer aktuellen Ausgabe ihren thematischen Teil der deutschen Dichtung und publiziert Gedichte von Sarah Kirsch, Gertrud Kolmar, Oskar Pastior, Monika Rinck, Friederike Mayröcker, Horst Samson, Johann Wolfgang Goethe in schwedischer Übersetzung sowie zwei Kurzaufsätze von Axel Englund über W.G. Sebald und über Ingeborg Bachmann.
