Getagged: Ilija Trojanow

125. Rauris politisch

Auch Robert Menasse kommentiert regelmäßig das Zeitgeschehen, zuletzt mit Doktor Hoechst. Ein Faust-Spiel (2013) in Form einer Faust-Adaptation im Zeichen grenzenlosen Kapitalwachstums. Ilija Trojanow beschreibt mit seinen Romanen, Essays und Reisereportagen die Folgen kapitalistischer Globalisierung und die Notwendigkeit radikalen Umdenkens. Der scheinbar alternativlosen Logik des herrschenden Systems setzte er zuletzt mit Der überflüssige Mensch eine Streitschrift entgegen. Auch in der Lyrikreihe werden politische Missstände reflektiert: Etwa von Fiston Mwanza Mujila, der Gewalt und Bürgerkriege in seiner kongolesischen Heimat thematisiert. / dog, DER STANDARD, 26.3.2014

26.-30. 3.

Rauriser Literaturtage

116. Ilija Trojanow bewertet „Überwachungstexte“

Die Wiener Schule für Dichtung sucht für ihre Onlineklasse “Terror, Assault, Anthrax” Gedichte zum Thema Überwachung. Kommentiert werden die Beiträge von dem in Wien lebenden Schriftsteller Ilija Trojanow. Noch bis 13. April können Beiträge gepostet werden.

„Schenken wir den leidgeprüften Sicherheitsdiensten Gedichte! Es geht so einfach. Wir müssen uns gar nicht persönlich an die NSA, den HND oder BND wenden – ein paar ‚Reizwörter‘ im Netztext reichen, damit sie auf uns aufmerksam werden“, heißt es von der Schule für Dichtung. Als Beispiele für Reizwörter werden etwa „Al-Quaida“, „Sayyid Qutb“ oder „Anthrax“ genannt.

Die Beiträge werden von Ilija Trojanow kommentiert. Der Autor setzt sich seit Jahren kritisch mit dem Thema Überwachung auseinander. Er verfasste etwa gemeinsam mit Juli Zeh die Kampfschrift Angriff auf die Freiheit. Er beteiligt sich aktiv an Diskussionen zum Thema und hat auch selbst hautnah Erfahrungen damit gemacht. Trojanow wurde die Einreise in die USA verweigert.

Der Autor mit bulgarischen Wurzeln durfte ohne Angabe einer Begründung nicht einreisen – er hatte der Einladung zu einem Germanistenkongress folgen wollen. Autorenkollegin Zeh brachte den Vorfall in Zusammenhang mit dem gemeinsamen Engagement bei den Schriftstellerprotesten gegen die Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA. / ORF

5. Sliding game – Mutserendende

“Als afrikanischer Autor ins Deutsche übersetzt zu werden, ist aus irgendeinem Grund sehr schwierig”, sagte Habila in Frankfurt mit einem ruhigen Lächeln. Er bot keine Erklärung für dieses Rätsel. Man hatte vielmehr das Gefühl, es tue Habila für die deutschen Leser leid, dass sie eine ganze Autorengeneration aus Afrika verpasst haben, Tausende von Büchern, jenseits der postkolonialen Klassiker AchebeSoyinka und Thiong’o. “Man sollte nicht glauben, in Afrika hätte sich seit den sechziger Jahren nichts verändert.”

1980 war noch “Schwarzafrika” Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse. Ende der Achtziger gründete Ilija Trojanow, damals Mitte zwanzig, einen Verlag, der sich auf afrikanische Literatur spezialisierte. “Ich war naiv und dachte, Deutschland wartet darauf, afrikanische Autoren zu lesen”, erzählte Trojanow nun in Frankfurt. “Ich war bei einem Buchhändler in Duisburg, habe mich vorgestellt: Junger Verlag, afrikanische Literatur. Der Buchhändler sagte: Danke, wir haben schon ein Buch über Afrika.” (…)

Manfred Metzner, der Verleger von Helon Habila, gibt sich jedoch optimistisch. Seit drei Jahren verlegt er in der Reihe Afrika-Wunderhorn afrikanische Schriftsteller und sagt, er schreibe mit diesen Büchern schwarze Zahlen. Habila sei natürlich ein Sonderfall, aber auch ein simbabwischer Dichter wie Chirikure Chirikure verkaufe sich nicht schlechter als debütierende deutsche Dichter. Von Bekanntheit kann man da freilich kaum sprechen. Die Auflagen für Lyrikbände liegen zwischen 300 und 500 Exemplaren.

Im Falle Chirikure Chirikure wünscht man sich definitiv höhere Auflagen. Er ist der wichtigste Satiriker Simbabwes, der sich mit dem Regime von Robert Mugabe anlegt, dabei aber Zeit findet, zeitlose Gedichte zu schreiben. Er schreibt sie in seiner Muttersprache Shona und übersetzt sie eigenhändig ins Englische, damit sie ein Publikum außerhalb Simbabwes erreichen. Und er trägt sie zu musikalischer Begleitung vor, wie nun bei den Afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt. (…)

Chirikure Chirkure liest sein Gedicht “Sliding game – Mutserendende” vor: “Every boy in my village / Can describe with joy and pride / How you play the mutserendende game.” Er hebt die Hände, greift nach Luft, im Gedicht erzählt er, dass man, um Mutserendende zu spielen, einen gesunden Baum fallen muss, seine Äste vom Stamm hacken und den Klotz bergan schleifen. “Like Jesus Christ on a donkey / You mount the log, holding tight / Then, woosh, you zoom down.”

“You land with a big thud / Your backsides tattered / Bleeding in hot ecstasy.” Das ist ein Spiel, denkt man sich als Zuhörer, etwas, was simbabwische Dorfkinder so spielen. Dann trägt Chirikure Chirikure die Endstrophe vor: “So do many among us / Leading life fast and furious / Landing with tattered, bleeding souls.”

Man rauscht also bergab auf einem Baumstamm, wie Jesus Christus auf seinem Esel, und landet auf blauen Hinterbacken. “Genau so machen es viele von uns”, lautet die Endstrophe in der Übersetzung von Sylvia Geist. “Rasend schnell leben / Landen mit blauem, blutendem Ich.” / Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung

Das Rutschen-Spiel – Mutserendende bei Lyrikline

108. Weltempfänger

Literaturempfehlungen aus Asien, Afrika und Lateinamerika

12. «Weltempfänger»-Bestenliste

1. Ngugi wa Thiong’o: Herr der Krähen (Kenia/USA)
Aus dem Englischen von Thomas Brückner. A1 Verlag

2. Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder (China)
Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer Verlag Dreissig Männer in einer Zelle, Hitze bis 40 Grad, Hunger, Madennester in verwahrlosten Mündern – das ist der Alltag für einen politischen Häftling wie Liao Yiwu in Chinas Gefängnissen. Der Dichter beantwortet das unfassbare Grauen mit der Klarheit seines Berichts, mit Komik, vor allem aber mit der Poesie seiner Gedichte. Ein Lebenswerk und ein Buch, das man nicht vergisst. (Cornelia Zetzsche)

3. Chirikure Chirikure: Aussicht auf eigene Schatten (Simbabwe)
Dreisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Sylvia Geist. Verlag Das Wunderhorn

Einer der wenigen Dichter, die in einer afrikanischen Sprache schreiben und trotzdem international wahrgenommen werden. Ein mehrsprachiger Band (Shona, Englisch und Deutsch) voller rhythmischer Gedichte, deren Thematik von Mythen bis hin zu Maschinengewehren reicht; eine Stimme, die eigen und anders ist. (Ilija Trojanow)

Die Jury: Ilija Trojanow (Vorsitz), Katharina Borchardt, Anita Djafari, Andreas Fanizadeh, Karl-Markus Gauss, Kristina Pfoser, Arno Widmann, Thomas Wörtche und Cornelia Zetzsche.

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3. BONANZA REPARATUR

Das Jahr fängt gut an. Der erste Fund im 12. L&Poe-Jahr stammt von Facebook sowie heute:

BONANZA REPARATUR oder DAS LASSO DER POESIE. DIE WAHRHEIT ÜBER COWBOYLYRIK – DER FILM

mit:

  • Ulf Stolterfoht, als Hoss Cartwright, der Hauptheld
  • Hans Mayer & Walter Jens, in Doppelbesetzung als der weise Ben Cartwright
  • Prof. Dr. Hans Ulrich Treichel, als Adam C.
  • Norbert Hummelt als Little Joe

(Yoko Tawada kandidierte mit traditionell-originellen Buchstabensuppenrezepten bisher vergeblich für die Rolle des Kochs Hop-Sing. Stelle n.n. besetzt!).

In Special-Guest-Rollen:

  • Michael Lentz als Bruce Carradine
  • Häuptling Pappenfuß vom Stamm der Gorekerouac als Indianer-Joe aus „Die Abenteuer des Tom Sawyer“
  • Ann Cotten gibt die verschleppte weiße Lady, die in einer Prenzlauer Höhle gefangen gehalten wird. Neutrale Beobachter (NZZ) wollen den Ort auch als Heslacher Grotte erkannt haben (unweit der Schillereiche, wo die Räuber – die Söhne der Großen Bärin: Urs Engeler, Urs Widmer und Urs Allemann – bei Kalumet den Rütli schworen)
  • Monika Rinck war ursprünglich für die Rolle der Apanatschi vorgesehen, wogegen Uschi Glas vehementen Protest einlegte, die ihre Rolle mit Silke Scheuermann besetzt sehen will
  • für die Rolle des Winnetou konnte noch kein adäquater Darsteller gewonnen werden, einflussreiche Kreise bestehen auf Ilija Trojanow als Idealbesetzung.
  • Als Tierstimmenimitator und Studiogeräuschmeister kommt Valeri Scherstjanoi zum Dauereinsatz, eine Leihgabe der “Мосфильм“ / Mosfilm Gesellschaft.
  • Die Balletteinlage „TANZ DER GROßEN OCHSEN“ wird bestritten von Harald Hartung, Marcel Reich-Ranicki und Christoph Buchwald; die Frauenquote wird mit Sigrid Löffler erfüllt.
  • Die Solisten für den „TANZ DER KLEINEN OCHSEN“ werden in einem Auswahlverfahren aus Teilnehmern des Wettbewerbs „Dopen Mike“ gekürt;
  • der Jury präsidiert Monsignore Burkhard Spinnen.
  • Musik: IM Sezession & die Eindümpelnden Neubauten, dirigiert von Sir Uwe Tellkamp.

In einem prägnanten Kurzauftritt wird Raoul Schrott zu sehen sein. Er reitet den Wallach Wiglaf und führt einen Trek dt-öst. Siedler an, die, da Utah schon von den Mormonen besetzt war sowie von den Amischen auch aus New-Heslach vertrieben, mit Gil-games die Hauptstadt von Missionouri gründen, wobei sie ständig den Fluss übersetzten.

In einer Episode kommt Herta Müller zum Zuge, die auf den Spuren Nikolaus Lenaus die Stätten ihres nächsten Buches „Wellenschaukel hin und zurück“ besucht. Sie reist zusammen mit Richard Wagner-Lowrin, einem Botanisierer und Völkerkundler, den eine obgleich jeglicher Anwandlung von Eifersucht abhold sich zunehmend sorgende T. Adorna verfolgt … handelt es sich doch bei letztgenanntem um den unabdingbaren Mitherausgeber ihrer schon für die Bestenliste reservierten Untersuchung: „Teil 2: Die Seele deutscher Aussiedler“.

In einer anderen Szene wird ein weiterer dt. Nobelpreisträger zu sehen sein, der sich für den Erhalt der Prärie einsetzt, da diese die Lebensgrundlage des Wappentiers seines nächsten Romanprojektes „Das Bison“ ist.

Die Produzenten forderten unbedingt ein Kritiker-Revolverduell, entweder zwischen Felix Philipp Ingold und Klaus Nüchtern oder zwischen Wild Iris Radisch und Reverend Michael Braun, wobei jedes Mal André Vladimir Heiz als Marshall Mc Luhan für die neudefinierte Ordnung im Poets Corral sorgen sollte. Die angefragten Herrschaften erklärten sich jedoch allesamt für überzeugte Pazifisten und Schützenfestverweigerer, die nie ein Schießeisen in die Hand nehmen würden, nicht mal einen Spielzeugcolt oder Wasserpistole, und viel besser mit Messer und Gabel umgehen zu wissen … so dass dieses nun als Computerspiel auf den Markt kommen soll, ergänzt durch spawning Varianten wie „Literature-houses of the rising sun / Friede den Bretterhütten Euterpes“.

Mike Krüger, der Impressario der erfolgreichen Carl Hanser Rating-Agentur, bestand zusammen mit dem Honorarkonsul von New Mexiko, Joachim Sartorius, auf einer Rolle für Durs Grünbein, andernfalls jegliches Sponsoring entfällt, woraufhin es zu einer schwarzweiß Sequenz kommt, in der er als Ostküsten Johnny Depp immer tiefer in den wilden Westen hineingezogen wird, nach lateinischen Quellen in der Dichtung der Navajo Indianer suchend … aus welchen Jagdgründen ihn freilich alsbald Raoul Schrott vertreibt.

* Gerhard Falkner, als Regieassistent von Roland Emmerich vorgesehen, zog die Obliegenheiten eines Casting-controllers und Front-Stuntmans vor.

Ideen, Recherche, Mitarbeit – Klaus Thaler

1. FOLGE

 Jetzt & hier aber sind die Seminaristen und Magister gefragt!

2. Alles Störfälle

Wenn Zehra Cirak etwas aufregt, dann die ewige Frage nach ihrem »Migrationshintergrund«. Die Autorin, eine mondäne Frau mit schwarzem Kurzhaarschnitt und knallrot geschminkten Lippen, wurde 1961 in Istanbul geboren, kam im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Deutschland und wuchs in Karlsruhe auf. Mittlerweile hat sie eine Reihe preisgekrönter Bücher veröffentlicht, darunter Bände mit Gedichten, Prosaminiaturen und Erzählungen. Sie liebt das Knappe, die kurze Form, das Paradoxe und den Wortwitz. So amüsiert sie sich in »Sprachspiel für eine Dramaturgin und eine Türkin« über Identitätsklischees: »Manchmal bin ich/meine eigene Dramatürkin«. Und aus »Stadt – Land – Fluss« wird bei ihr »Stadt – Land – Flucht«. …

Dennoch ist der wichtigste Literaturpreis, den Cirak bislang erhalten hat, der Adelbert-von-Chamisso-Preis, der von der Robert-Bosch-Stiftung an deutschsprachige Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft verliehen wird. Andere prominente Preisträger sind Emine Sevgi Özdamar, Ilija Trojanow, Terezía Mora, Sudabeh Mohafez, Artur Becker, Vladimir Vertlib und Feridun Zaimoglu. Natürlich hat sie sich über den angesehenen Literaturpreis gefreut, doch wie ihr Kollege Zaimoglu kritisiert sie, dass man aus dem »Ghetto der Migranten« in Deutschland nicht ausbrechen könne, selbst dann nicht, wenn man im angeblich so offenen, multikulturellen Kulturbetrieb tätig ist. Sie kontert in einem Gedicht mit dem Satz: »Das Salz kennt keine Nationalgerichte«. Es sei erstaunlich, erklärte der Lyriker Joachim Sartorius in seiner Laudatio auf Cirak, »wie gering der Anteil an ›türkischen‹ Themen an ihrem Gesamtwerk ist«. Vergeblich suche man in ihren Texten nach türkischen Traditionen und Einflüssen. Als Vorbild hat die Schriftstellerin einmal die jüdische Dichterin Hilde Domin genannt. Joachim Sartorius meint, dass Ciraks Gedichte »im Grunde eigentlich alles Störfälle« seien. So bezeichnet Cirak in einem Text einen Künstler, der es zu gesellschaftlichem Erfolg gebracht hat, nicht als »berühmt«, sondern als »verrühmt«. / TANJA DÜCKERS, Jungle World

124. 10. «Weltempfänger»-Bestenliste

An der Spitze steht aktuell ein Gedichtband:

1. Yu Jian: Akte 0 (China)

Gedichte. Aus dem Chinesischen von Marc Hermann. Horlemann Verlag

«Die Wahrheit des chinesischen Lebens», sagt Yu Jian, «liegt im Alltag begründet.» Seine Lyrik modelliert diesen Alltag, benutzt sein Sprachmaterial, macht ihn zum Thema, verdichtet und reflektiert ihn. So entstehen ganz und gar un-traditionelle Gedichte, die politisch und poetisch sind und doch in ihrer Konzentration aufs Wesentliche mit grossen chinesischen Lyrik-Traditionen dialogisieren. Daraus erwächst neue grosse Lyrik. (Thomas Wörtche)

Die Jury: Ilija Trojanow (Vorsitz), Katharina Borchardt, Anita Djafari, Andreas Fanizadeh, Karl-Markus Gauss, Kristina Pfoser, Arno Widmann, Thomas Wörtche und Cornelia Zetzsche.