Getagged: Homer
60. Konservativ
Die Konservativen waren immer große Geschichtenerzähler; es ist ihre große Schwäche. Sie lieben es, die Augen in der Vergangenheit schweifen zu lassen, um nicht sehen zu müssen, was ihnen vor der Nase liegt. Zu der Geschichte gehört immer eine Vertreibung aus Eden, sei es durch die Hippies der 1960er Jahre, die Suffragetten, den elenden Abfall der Schtetl, die Französische Revolution, die Aufklärung, Luther, Machiavelli oder die Plünderung Roms. Als nächstes kann man sicher sein, daß sie Mallarmés Urteil wiederholen, daß “alle Poesie seit der großen homerischen Abweichung verkehrt läuft”. (Er scherzte nur halb dabei).
/ Mark Lilla in einem Essay über ein konservatives Horrorszenarium von “Obama und der Krise des Liberalismus”, New York Times Book Review 30.9. (Der deutsche Professor Hegel als Anstifter der Zerstörung des amerikanischen Liberalismus durch Obama – lesenswert!)
73. 2 Arten von Dichtern
Nach der Begabung unterscheidet Scaliger 2 Arten von Dichtern. “Daß sie sich durch ihre Begabung unterscheiden, sagen sowohl Platon als auch Aristoteles. Die einen würden nämlich als solche geboren, die anderen dagegen, von Geburt unempfindlich oder gar roh und ungeeignet, würden von Raserei erfaßt und so von der gemeinen Sinnenwelt abgezogen; dies sei Götterwerk, und die Götter bedienten sich ihrer als Diener.” [1]
Deshalb nenne Platon sie im “Ion” “Mittler” und Diener der Götter. [2] Scaliger betont, daß dies Platons Aussagen im “Staat” über die Dichter, die keinen Platz im Staat haben, weil sie lügen, relativiere. Wenn Platon einige Schriften der Dichter verdamme, brauche man deswegen nicht auf die übrigen zu verzichten, die Platon selbst häufig zitiert. [3] Die Dichter riefen also die Musen an, “damit sie von Raserei erfüllt vollbringen, was ihre Aufgabe ist.” A.a.O. Von diesen “Gottbegeisterten” habe er 2 Arten festgestellt. “Der ersten kommt jene göttliche Kraft vom Himmel herab von selbst und unvermutet zu Hilfe, oder einfach auf einen Anruf hin…” [4] Er erwähnt auch, daß Hesiod sich selbst zu dieser Gruppe zähle. [5] Homer aber werde allgemein ebenfalls dazugezählt.
“Die zweite Art schärfen die Ausdünstungen des Weines, die die Werkzeuge der Seele und den Geist selbst von den stofflichen Teilen des Körpers hinwegziehen. Als solchen bezeichnet Horaz Ennius [6]; als solchen bezeichnen wir Horaz. Über Alkaios und Aristophanes ist dasselbe überliefert. Auch Alkman war von dieser üblen Nachrede nicht frei, und selbst Sophokles hat es dem Aischylos vorgeworfen.” [7]: ‘Der Wein’, sagte er, ‘nicht er selbst sei der Verfasser seiner Tragödien”[8]. [9]
Quelle:
- Iulius Caesar Scaliger: Poetices libri septem. Sieben Bücher über die Dichtkunst. Hrsg. Luc Deitz und Gregor Vogt-Spira. Band I. Bücher 1 und 2. Stuttgart-Bad Cannstatt 1994. Erstes Buch (“Historicus”), Kap. 2: Der Name “Dichter”, die Herkunft der Dichtung, sowie die Wirk-, Form- und Stoffursache. S. 73-91.
Zitate
- [1] Scaliger, a.a.O. S. 83
- [2] Platon, Ion 534 c-e
- [3] Außerdem zitiere Platon auch häufig “dumme und niedrige Geschichten”: “Es wäre auf jeden Fall richtig gewesen, das ‘Symposion’ und den ‘Phaidros’ und andere solche Ungeheuerlichkeiten nie zu lesen.” A.a.O. S. 83.
- [4] A.a.O. S. 85
- [5] In der Theogonie, Vers 22-34, erzählt Hesiod, wie die Musen ihn persönlich unterrichten. Hesiod, Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer, Leipzig: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 2. Aufl. 1965, S. 3f.
- [6] Vgl. Horaz, Episteln 1, 19,7.
- [7] Vgl. Athenaios 10, 428f-429b. “Alkman” ist ein Versehen Sc.s; gemeint ist Anakreon (429b) (Anm. der Buchausgabe)
- [8] Scaliger, a.a.O. S. 85.
2. Boon und Homer
In literature three years is boon, thirty years fame, three hundred years immortality and three thousand years Homer.
Dem Bild nach ein Stammbucheintrag des bengalischen Dichters Gopa Lahiri (?), auf 1963 datiert. Google findet nur einen Dichter Gopal Lahiri, geboren 1963 in Kolkata (Kalkutta), frühreif kann man sein (obwohl die Schrift erwachsener aussieht?). Vielleicht weiß jemand Genaueres?
boon: Anfänger, Noob, Newbie
38. Wohin geht die Lyrik?
Danach werden Dichter oft gefragt. Die einfache Antwort ist: nirgendwohin. Das kann nicht stimmen, denken Sie. Sie haben so viele Gedichte gelesen, in denen Dichter im Wald spazierengehen, im Heu herumrollen oder gar die Hölle besichtigen. Stimmt. Trotzdem ziehen die Dichter selten die Hausschuhe aus, selbst wenn sie im Krieg kämpfen. Homers Blindheit reicht als Beweis. Jeden dieser Augenzeugenberichte von Griechen und Trojanern, die sich gegenseitig abschlachten, ebenso wie die wundervollen Abenteuer des Odysseus im Mittelmeer hat Homer geträumt, während er darauf wartete, daß seine Frau das Essen aufträgt.
Klar bestreiten das manche Dichter. Hier in den Vereinigten Staaten sprechen wir mit Ehrfurcht von authentischer Erfahrung. / Charles Simic, New York Review of Books
109. Nur nicht die Poesie
In seinem angestammten Haus in der im damaligen Vatikanstaat gelegenen Stadt Recanti, hoch über der Adria, schrieb der italienische Dichter Giacomo Leopardi, der größte, den sein Land nach Dante hervorgebracht hat, etwas, das sich jeder Lyrikleser einprägen sollte: “Alles seit Homer ist besser geworden, nur nicht die Poesie.”
Der kanadische Kritiker Michael Lista in einem Artikel über die fünf besten Lyrikbände des Jahres, von denen nur eins von einem Kanadier stammt und eins eben die neue Übersetzung Leopardis ist. Hier die Liste:
- Canti by Giacomo Leopardi, translated by Jonathan Galassi (FSG)
- Maggot by Paul Muldoon (FSG)
- Rain by Don Paterson (Faber and Faber)
- Every Riven Thing by Christian Wiman (FSG)
- All This Could Be Yours by Joshua Trotter (Biblioasis)
/ National Post 29.12.
47. Morphome des Wissens
Kölner Kongress gibt Einblick in neue Erkenntnisse über antike Weltkarten, Stadtpläne und topografisches Urwissen
Ob alte Wandmalereien der türkischen Siedlung Çatal Hüyük, Hinweise in namibischer Dichtung oder die präzise Beschreibung der Schiffsflotten bei der Eroberung Trojas in Homers „Ilias“ – vielerlei Funde verraten etwas über ihren geographischen Ort.
Wissenschaftler verschiedener Universitäten aus dem In- und Ausland haben ihre neuesten Erkenntnisse zu ihren Funden zusammengetragen und stellen diese nun bei einem Kongress an der Universität zu Köln vor. Das Internationale Kolleg “Morphomata: Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen” veranstaltet den Kongress vom 15. bis 17. Juli unter dem Titel „Morphome des Wissens: Geographische Kenntnisse und ihre konkreten Ausformungen“. Ob Ethnologen, Archäologen, Japanologen, Althistoriker oder Altphilologen, der Kongress versammelt Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen unter einem Dach und ist so auch ein Ort der Begegnung für den wissenschaftlichen Austausch. / Informationsdienst Wissenschaft
56. Homer übersetzen
Die Reihe der deutschen Übertragungen der homerischen «Odyssee» hat der Schweizer Ludwig Bernays um eine interessante neue Version verlängert. …
Ludwig Bernays bemüht sich nicht primär darum, den Sinn des griechischen Originals philologisch korrekt wiederzugeben, sondern strebt «eine klar verständliche Wiedergabe des Epos in heutigem Deutsch» an. Der Wunsch, sich von dem «altväterischen» Ton zu entfernen, der die Übertragung von Johann Heinrich Voss kennzeichnet und sie für den heutigen Leser so sperrig und unzugänglich macht, hat alle neueren Homer-Übertragungen geleitet: Er bestimmt die – eine Anregung Goethes aufgreifende – Prosaübertragung des Tübinger Gräzisten Wolfgang Schadewaldt (1957), dem es vor allem darauf ankam, im Deutschen die Reihenfolge zu bewahren, in der im griechischen Original die Bilder und Vorstellungen heraufgeführt werden.
Während Schadewaldts Übersetzung mit ihrer Orientierung an der sprachlichen Struktur der Dichtung der Schwarz-Weiss-Fotografie eines Gemäldes entspricht, kommt in dem so verblüffend «unvossischen» Hexameter, den der Heidelberger Archäologe Roland Hampe (1979) gefunden hat, wiederum der Schmuck des Verses zur Geltung – jedoch ohne all die um des Metrums willen bei Voss gesetzten Füllwörter, die dem behutsamen Abtönungscharakter griechischer Partikeln überhaupt nicht entsprechen. …
In Steinmanns Versen findet sich das ganz griechische Epitheton «funkeläugig»: «Aber Ikarios’ Tochter, der klugen Penelopeia, / gab Athene den Rat ein, die funkeläugige Göttin, / Bogen und graues Eisen vorzulegen den Freiern / in des Odysseus Hallen zum Wettkampf und Auftakt des Mordens.»
Bei Bernays lautet die Stelle nun: «Dies aber legte ans Herz die scharfsicht’ge Göttin Athene / der Ikariostochter, der weltklugen Penelopeia: / anzusagen den Freiern ein Bogenschiessen als Wettkampf / heute im Saal des Odysseus – in Wahrheit war es ein Mordplan.» / Hans-Albrecht Koch, NZZ 9.6.
Homer: Odyssee. Übersetzt von Ludwig Bernays. Rombach-Verlag, Freiburg i. Br. 2010. 397 S., Fr. 74.90.
57. Romantische Wissenschaft
Richard Holmes, der Biographien von Shelley und Coleridge verfaßt hat, porträtiert jetzt, was Coleridge “die zweite wissenschaftliche Revolution” um 1800 genannt hat, als britische Forscher “elektrisierende” Entdeckungen machten, die es mit Newton und Galilei aufnehmen konnten. In seiner Sicht brachten von Staunen angetriebene Wissenschaftler wie der Astronom William [Wilhelm] Herschel, der Chemiker Humphry Davy und der Naturforscher Joseph Banks “eine neue Intensität der Phantasie und Aufregung in die wissenschaftliche Arbeit” und “schufen eine neue Vision, die man zu Recht Romantische Wissenschaft nannte”. …
William Herschel, autodidaktischer Einwanderer aus Deutschland mit “dem Mut, der Neugier und Erfindungskraft eines Flüchtlings”, verdiente den Unterhalt für sich und seine hart arbeitende Assistentin, seine Schwester Caroline, mit Musikunterricht in Bath. Beide verbrachten endlose Stunden mit riesigen selbstgebauten Teleskopen, rieben die klammen Hände mit Zwiebeln ein und durchsuchten den Nachthimmel nach ungewöhnlichen Sternen, wie Musiker eine Partitur vom Blatt spielen. Die Ausdauer wurde belohnt: Herschel entdeckte den ersten neuen Planeten seit über 1000 Jahren.
Holmes beschreibt, wie der Mythos dieses “Eureka-Moments”, so zentral für den romantischen Begriff der wissenschaftlichen Entdeckung, nicht so recht auf die sich lang hinziehende Diskussion über die genaue Natur des schweiflosen “Kometen” paßt, den Herschel entdeckt hatte. Es war Keats, der in einem berühmten Sonett das plötzliche Empfinden erweiterter Horizonte, das ihn beim Lesen von Chapmans elisabethanischer Homerübersetzung überfiel, mit Herschels Erregung beim Anblick des Uranus verglich: “Then felt I like some watcher of the skies / When a new planet swims into his ken.” [in Mirko Bonnés Übersetzung: "Wie einem Astronom erging's mir da/ Schwimmt ihn ein neuer Stern im Fernrohr an" John Keats: Werke und Briefe. Reclam 1995]. Holmes weist auf die “evokative Brillianz” der Wahl des Verbs “schwimmt” hin, als sei der Planet “irgendein unbekanntes, leuchtendes Wesen, das aus einem rätselhaften Sternenozean hervorgeht”. Als jemand, der durch sein Medizinstudium mit dem wissenschaftlichen Diskurs vertraut war, hat Keats vielleicht auch gewußt, daß Teleskope manchmal den Eindruck vermitteln, man sehe Gegenstände “durch eine leicht bewegte Wasserfläche”. / CHRISTOPHER BENFEY, New York Times 19.7.
THE AGE OF WONDER
How the Romantic Generation Discovered the Beauty and Terror of Science
By Richard Holmes
Illustrated. 552 pp. Pantheon Books. $40