Getagged: Herta Müller
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Wie repräsentativ ist das und wessen Sicht wird da repräsentiert? Abschnitt aus dem Wikipedia-Artikel “Deutsche Literatur”
Rumäniendeutsche Literatur [Bearbeiten]
Der meistgelesene zeitgenössische rumäniendeutsche Autor, der in Rumänien wirkt, ist Eginald Schlattner. Mittlerweile in Deutschland schreibt die Banater Autorin Herta Müller.
Vorher wirkte Adolf Meschendörfer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Kronstadt.
Obwohl die meisten deutschsprachigen Menschen aus Rumänien ausgewandert sind, hat sich im Banat eine neue Literaturgruppe Die Stafette zusammengefunden, aus der neue deutschsprachige Autoren, die die Rumäniendeutsche Literatur weiterführen, hervorgehen könnten.
73. Land der toten Dichter
Zur Wahrnehmung deutschsprachiger Lyrik im Ausland
Vor genau 200 Jahren veröffentlichte die französische Autorin Madame de Staël ihr Buch De l’Allemagne, in dem sie die Auffassung vertrat, bei den Deutschen handele es sich um ein „Volk der Dichter und Denker“. Mittlerweile ist diese Formel zum Allgemeinplatz geworden – nur mit der Wahrnehmung der Deutschen als „Dichter“ ist es im Ausland nicht mehr weit her.
Zwar werden durchaus noch deutschsprachige Lyriker in andere Sprachen übertragen: Die Gedichte von Paul Celan etwa sind in über dreißig Sprachen übersetzt, es gibt Gesamtausgaben auf Englisch und Chinesisch, demnächst erscheint eine zehnbändige Ausgabe auf Ukrainisch. Und das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse wurde in über sechzig Sprachen übertragen und ist damit, wie die Leiterin der Abteilung Rechte & Lizenzen beim Suhrkamp Verlag Petra Hardt formuliert, „weltweit das erfolgreichste deutsche Gedicht“. Aber zeitgenössische Lyriker haben es eher schwer.
Unter den noch lebenden Dichterinnen und Dichtern, die bei Suhrkamp erscheinen, liegen nur von fünf fremdsprachige Monographien vor, der letzte große Erfolg eines deutschsprachigen Dichters im Ausland liegt Jahrzehnte zurück: „Das war“, so Hardt, „in den Siebzigerjahren Hans Magnus Enzensberger mit seiner politischen Lyrik“. Beim Hanser-Verlag ist die Situation ähnlich: „Wenn ich im Jahr zwei Verträge für Gedichtbände etwa von Oskar Pastior oder Herta Müller machen kann, dann freue ich mich“, erzählt Friederike Barakat von der Auslandsrechte-Abteilung. „Im Prinzip ist jeder Lizenzverkaufsvertrag für einen Gedichtband, der dann auch erscheint, ein Erfolg.“
Warum aber ist die jüngere Lyrikszene in der ausländischen Verlagslandschaft so wenig präsent? „Die Situation könnte damit zu tun haben, dass deutsche Literaturvermittlung immer sehr marktorientiert betrieben wird“, vermutet die Dichterin und Verlegerin Daniela Seel vom auf Lyrik spezialisierten Verlag kookbooks. „Und Lyrik funktioniert eben nirgendwo über den Markt − man muss andere Kanäle haben: Festivals, Dichter, die aus anderen Sprachen übersetzen, und so weiter.“ Die Literaturwerkstatt lädt daher jeden Sommer internationale und deutschsprachige Dichterinnen und Dichter nach Berlin ein, um im Rahmen der Veranstaltungsreihe VERSschmuggel Gedichte über die Sprachgrenze zu bringen und den Kontakt zwischen Lyrikern aus unterschiedlichsten Kulturräumen zu vertiefen.
An deutschen Kulturinstitutionen im Ausland hingegen wird die Vermittlung von Gegenwartslyrik nur überaus zögerlich oder gar nicht betrieben. Das German Book Office in New York, das deutschsprachige Bücher an nordamerikanische Verlagshäuser vermittelt, hat sich, so Leiterin Riky Stock, „in den letzten Jahren auf Romane, Kinder- und Jugendbuch und Sachbuch konzentriert und nicht aktiv Lyrik angeboten.“ Auch am Goethe-Institut spielt Lyrik kaum eine Rolle: „Wir kaufen so gut wie keine Gedichtbände“, so Edna McCown, Library Project Manager an der New Yorker Dependance: „Lyrik wird einfach kaum ausgeliehen.“
Die in Berlin und New York lebende Schriftstellerin Uljana Wolf bestätigt, dass ihre Verbindungen zu ausländischen Verlagen noch nie über das German Book Office oder das Goethe-Institut zustande gekommen sei, sondern stets über eigene Kontakte: „Die Paarung von Übersetzerin und Lyrikerin muss eben genau passen, damit ein tolles Buch entsteht“. Dessen ungeachtet wäre eine gezielte Förderung deutscher Lyrik im Ausland aus ihrer Sicht durchaus wünschenswert. „Es würde für den Anfang schon reichen, wenn die gegebenen Institutionen ihre strukturelle Blindheit gegenüber der Lyrik aufgeben würden. Das Goethe-Institut in New York zum Beispiel macht keine Veranstaltungen mit Lyrikern, wenn keine gedruckten und verkaufbaren Übersetzungen vorliegen − wie aber sollen die zustande kommen, wenn keine Vermittlung durch Lesungen geschieht?“
Dass es auch anders geht, zeigt etwa der Nederlands Fonds voor de Letteren. Das niederländische Literaturfonds gibt regelmäßig kleine kostenlose Heftchen mit Probeübersetzungen aus dem Werk eines Dichters oder einer Dichterin heraus, die Appetit auf mehr machen sollen: „Da habe ich eine ganze Reihe davon im Regal stehen“, so kookbooks-Verlegerin Daniela Seel. Darüber hinaus findet sie, dass es Orte geben sollte, „wo man sich informieren kann, was gerade passiert in der Lyrikszene des jeweiligen Landes beziehungsweise der jeweiligen Sprache.“ Bisher existieren solche Orte vor allem in der virtuellen Welt – zum Beispiel in Form der Webseite lyrikline.org. „Auch international ist das eine der umfassendsten frei zugänglichen Online-Datenbanken für Gegenwartsdichtung in Übersetzung“, so Seel. „Sie weiter auszubauen, wäre ein großer Gewinn.“
Die Literaturwerkstatt Berlin führt eine Kampagne zur Gründung eines Deutschen Zentrums für Poesie. Dieses Poesiezentrum wird Informations-, Arbeits-, Begegnungs- und Veranstaltungsstätte für Dichterinnen und Dichter sein, für die interessierte Öffentlichkeit aller Altersstufen, für Verleger, für Lernende und Lehrende, für Medien und Multiplikatoren aus dem In- und Ausland. Weitere Informationen finden Sie unter www.poesiezentrum.de
Literaturwerkstatt Berlin
19. Dilemma
Im Zuge der heftigen Debatten um Oskar Pastiors IM-Akte stand von Anfang an die Frage im Raum, ob auch sein literarisches Werk neu bewertet werden müsse. Als Stefan Sienerth vor zweieinhalb Jahren mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit trat, dass Oskar Pastior von Juni 1961 bis April 1968 als IM „Stein Otto“ beim rumänischen Geheimdienst Securitate unter Vertrag gestanden hatte, plädierte er am 17. September 2010 im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa für eine „neue Lesart“ von Pastiors Werk: „Seine Lyrik hat eine eigenartige Bildlichkeit – und eine neue Untersuchung vor diesem Hintergrund ist bestimmt nicht uninteressant.“ (…)
Beispiele für die Verunsicherung im Umgang mit dem literarischen Oeuvre von Oskar Pastior ließen sich viele nennen. Hier sei lediglich ein weiteres herausgegriffen, um das Ausufern der Diskussion zu verdeutlichen. In der Zeitung für Literatur Volltext vom 29. März 2011 hat der Publizist und Schriftsteller Felix Philipp Ingold die Frage aufgeworfen, „inwieweit Pastiors hermetischer Formalismus [...] als subversiv beziehungsweise als simulativ zu gelten hat und ob bei ihm allenfalls ,zwischen Zeilen‘ schon längst festgeschrieben steht, was sein ,Ordner‘ erst heute an Dokumenten freigibt“, um dieser Hypothese zufolge ein close reading zu fordern, das „im Hinblick auf ,verschwiegene‘ oder ,verdunkelte‘ oder ,verfremdete‘ Informationen“ unerlässlich sei, „da der Autor [...] sein zweites Trauma, den IM-Dienst, bis zu seinem Lebensende konsequent tabuisiert hat“.
Weil zahlreiche Spekulationen und Unterstellungen die Auseinandersetzung mit Pastiors IM-Vergangenheit begleitet haben, sieht es die Oskar-Pastior-Stiftung als ihre Aufgabe an, die Debatte zu versachlichen und mit ebenso detaillierten wie fundierten Forschungsergebnissen nicht allein für biografische, sondern auch für literarische Klarstellungen zu sorgen. Ein erster Schritt auf diesem Weg war das Symposion mit ausgewiesenen Literaturexperten am 23. Juni 2012 in Berlin (diese Zeitung berichtete), dessen Ergebnisse nun ein Sonderband der Zeitschrift TEXT + KRITIK unter dem Titel „Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior“ präsentiert. / Edith Konradt, Siebenbürgische Zeitung
Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior. Herausgegeben von Ernest Wichner. Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Sonderband, München, 2012. ISBN 978-3-86916-199-0, Euro 24,00
Oskar Pastior: Lesen gehn … Gedichte, gelesen und teilweise kommentiert von Oskar Pastior, Urs Allemann, Oswald Egger, Péter Esterházy, Michael Krüger, Michael Lentz, Herta Müller, Ulf Stolterfoht und Ernest Wichner. 2 CDs, 142 Minuten, Hörbuch Hamburg, 2013, ISBN 978-3-89903-380-9, Euro 14,99
25. Autorenfotos
Mangold fotografiert Essenz: Herta Müller, kurz nach ihrer Übersiedlung aus Rumänien in den 1980er Jahren, hatte kurz geschnittene, hell gefärbte Haare und trug eine nicht unbedingt als elegant zu bezeichnende Garderobe. Doch der innere Ausdruck – eine wägende, beobachtende Verschlossenheit – ist geblieben und findet sich auch in Mangoldts Porträt aus dem Jahr 2000 wieder.
Viele Autoren hat Mangoldt immer wieder getroffen. Auch das sieht man den Fotos an: wie sich Persönlichkeiten entwickeln, wie einer anfängt, was Alter und Erfolg mit ihm machen und was dabei auf der Strecke bleibt.
(…) Ein Zwang zum Marketing und zur Pose, wie er heute in der Autorenfotografie vorherrscht, ist in Mangoldts Aufnahmen beglückenderweise nicht zu spüren.
/ Carsten Hueck, DLR
Renate von Mangoldt: Autoren. Fotografien 1963 – 2012
Steidl Verlag, Göttingen 2013, 544 Seiten, 38,00 Euro
96. Shuffle Literature
Works of shuffle literature are not simply anti-books, nor are they exemplars of or homages to codex books. As they unbind the pages of the stereotypical book, allowing for their rearrangement, they also copy and evoke many of the aspects of the traditional book in a complicated relationship with it. Furthermore, although it is a cliché to imagine shuffling the cards, stacking the deck, or being dealt a certain hand as effecting a fundamental alteration in fate – and the authors of shuffle literature sometimes explicitly reinforce this idea of re-ordering changing the nature of the world or the future – what shuffling actually does in the cases we consider is mainly to rearrange the discourse and model processes of memory, random association, and cognition.
We discuss several shuffle literature works, focusing on five of them. These, formally, consist of text segments that may be read in any order. Materially, they consist of separate sheets, cards, or in one case pamphlets that are presented in some container but are not bound together. Shuffle literature of this sort does not challenge the idea of text that can be read completely; a reader is still supposed to read every word of text, as with a typical book. (This may not happen in either case, but it is the supposition.) These works do, however, either explicitly ask or implicitly invite the reader to shuffle the segments of text into an arbitrary order.
(…)
The works we focus on are:
- Composition no. 1 by Marc Saporta (translated by Richard Howard)
- “Heart Suit” by Robert Coover
- Sentences by Robert Grenier
- The Unfortunates by B. S. Johnson
- Der Wächter nimmt seinen Kamm by Herta Müller
shuffle:
- 7. (die Karten) mischen;
III. v/t.
- 8. hin u. her schieben, fig. a. ,jonglieren mit: shuffle ones feet siehe 5;
- 9. schmuggeln: shuffle away wegpraktizieren;
- 10. shuffle off a) Kleider abstreifen, b) fig. abschütteln, sich befreien von, sich einer Verpflichtung entziehen, Schuld etc. abwälzen (on[to] auf acc.);
- 11. shuffle on Kleider mühsam anziehen;
- 12. Karten mischen: shuffle together etwas zs.-werfen, -raffen
© 2001 Langenscheidt KG, Berlin und München; Internet-Wortschatz: © 2001 Langenscheidt KG, Berlin und München und sueddeutsche.de GmbH, München
9. Was soll das – Poetik mit Grönemeyer, subjektiv
Von Bertram Reinecke (Leipzig)
Ich verstehe die Kritiker der Poetikvorlesung mit Herbert Grönemeyer: Dass die ohnehin schmale Kulturförderung für etwas ausgegeben wird, was sich so ähnlich auch anderswo finden lässt. Ich besuchte dennoch ebenso die Poetikvorlesung, wie das Gespräch über Poesie mit Michael Lentz am Folgetag. Über weite Strecken hatte die Veranstaltung besseres (wohlgemerkt immerhin) Talkshowniveau. Es war unterhaltsam und tatsächlich konnte ich auch etwas über Poesie lernen: In gewisser Hinsicht sind Grönemeyertexte denen Gertrud Kolmars verwandt, die er auch rezitierte. (Aufgefallen ist es mir besonders bei der zweiten Veranstaltung.) Ich bin sicher, dass einige Fans diesen Ball aufnehmen werden. (Weniger interessant für mich seine Vorträge von Mascha Kaléko, Ringelnatz, Tucholsky und Heinz Erhardt, auswendig.) Seltsam zu beobachten, welche Emphase beim Lob der Dichtung noch glaubwürdig wirkt, wenn ein verehrter Star sie vorträgt. Ein Lyriker wäre längst als Spinner abgetan worden. Die Aura eines Grönemeyer, der von wohlwollenden Fans umgeben war, beschützte sein Pathos vor dem Glaubwürdigkeitsverlust. (Er lobte intensiv das Gedicht als Hilfsmittel zur abendlichen Selbstreflektion im Gegensatz zur anspruchslos prosaischen Bettlektüre).
Ein anderes Detail: Er verglich die Unterdrückungsprozesse von Texten mit Zensur, ist also offensichtlich kein Anhänger der Totalitarismustheorie, die im politischen Diskurs vielerorts noch verbindlich ist. Er sprach aber auch von den privaten Codes die der DDR-Bürger aufgebaut hätte, um sich über die Mankos des System geheim zu verständigen und das traf zumindest in den Achzigern wohl allenfalls für die öffentlichen Codes noch zu. Nicht jeder Code, der einem Auswärtigen unzugänglich ist, ist gleich ein Geheimcode. Wie umgekehrt: Der offenbar pointiert gemeinte Verweis auf seine Anfänge bei Süverkrüp z.B. löste ebensowenig Erheiterung aus, wie seine Anspielung aufs KBW-Milieu. („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.)
Mir war nicht deutlich, dass Grönemeyer häufig, nicht nur aus akustischen Gründen, dem Vorwurf der Unverständlichkeit ausgesetzt ist. Was Grönemeyer auch immer ist: Selbst seine Texte sind also offensichtlich keine „Realpoesie“. In der zweiten Veranstaltung (die Presse war offenbar schon abgezogen) widersprach er der These, seine Texte seien unverständlicher geworden und zog von Album zu Album die Linien nach: Unverständlichkeit ist eben nicht nur eine Sache der sprachlichen Strategien, wie viele behaupten, sondern auch ein Effekt komplexer Sachverhalte und Erfahrungen, die mit denselben Mitteln vermittelt werden sollen. Könnte man verständlicher werden, wenn man zu anderen weniger eingeführten Mitteln griffe oder ist man genötigt, dies eben hinzunehmen. Grönemeyer strahlte in Bezug auf dieses Problem eine wohltuende Gelassenheit aus. Ein zweiter wichtiger Aspekt: Grönemeyer nimmt sich die englische Kultur des Poptextes mehr und mehr zum Vorbild: Diese Texte seien weniger gradlinig, weil sie stärker die Neigung hätten sich selbst in Frage zu stellen. Das strebe er auch an. Andererseits vermittele ihm der ausprobierend spielende Umgang mit dem Material eine größere Tiefe der Beschäftigung, während er den deutschen gradlinigen Ernst als eine kulturelle Attitüde in Verdacht zog.
Dabei zeigte sich an Textvarianten für bestimmte Songs, die er vorstellte, dass das Thema des Textes erstaunlich unabhängig ist von der Stimmung der Musik. Texten ist für ihn nicht das Übermitteln von Inhalten: „Ich habe dies und das über diesen Gegenstand zu sagen“, sondern eher das Vermitteln von versprachlichten Haltungen. Schnell wird aus einem Liebeslied das ist immer einfach ein Lied wie Schiffsverkehr. (Andere Beispiele waren noch deutlicher, aber ich war zum Vergnügen da, also ohne Stift und konnte sie mir als Nichtkenner so nicht merken.)
Den Vertextungsprozess beschrieb er als dreistufig: Zunächst ein sogenannter Bananentext während der Komposition, der fließend und veränderlich vielleicht die sprachlichen Möglichkeiten der Melodie auslotet. Anschließend wird ein fester Dummy erstellt, der die Längen der Phrasen und ihre Betonungsverhältnisse festlegt (er arbeitet offensichtlich intuitiv und nicht mit dem Abzählen von Hebungen und Senkungen), bis dann verschiedene echte Textvarianten mit dem Vorhaben der Veröffentlichung entstehen.
Leider ließ sich Herbert Grönemeyer am zweiten Abend nur teilweise auf die von Michael Lentz gut vorbereiteten poetologischen Fragen im Detail ein.
Immerhin wurde sehr deutlich, dass Grönemeyer wie etwa auch Element of Crime sehr stark von der Verfremdung von Sprichwörtern und Redewendungen ausgeht, während die Geschichte bzw. Handlungssituation des Liedes erst in einem späteren Stadium hinzutritt, um die Intentionen zu bündeln. Ebenfalls wurde deutlich, wie der symbolische Gehalt mitunter die sachliche Orientierung aus den Angeln hebt.
Dass das ihm als Autodidakt offensichtlich aber nicht immer ganz glückt, schälte dies Gespräch am Beispiel von Schiffsverkehr ebenfalls heraus. Wer hätte z.B. gedacht, dass die Textzeile „Fall auf meinen Fuß“ sich von der Wendung „auf die Füße fallen“ ableitet? Wenn mit dem Zeilenpaar „Geb Mir Ewigen Schnee / Pures Gold, Wohin Ich Seh“ so etwas wie „strahlendes Glück“ gemeint sein soll, dann ist der konzeptuelle Aufwand doch etwas hoch. „Unverständlich“ ist aus dem gleichen Grund unerwarteten Aufwands wohl auch das Zeilenpaar „Stell mich vor/ das Leere Tor“ die im Gedanken an einen Fußballstürmer entstanden. Das mag der Sportschauseher verstehen, aber selbst dem Mitglied der Autorennationalmannschaft Michael Lentz wollte das nicht recht plausibel sein. („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.) Klar wird aber auch, dass die Schwierigkeiten des Verständnisses oft nicht aus dem Komplexionsniveau eines Textes erwachsen, sondern viel häufiger aus einem starken Wechsel dieses Niveaus nach oben oder unten. Die Gefahr der Enttäuschung, dass sich ein schillerndes Geheimnis in eine Banalität auflöste, lag immer nahe, manchmal waren die Bemerkungen aber auch bereichernd. Man neigt ja dazu, ein Bild das man verstanden glaubt nicht weiter zu befragen und hier und da war manches auch stärker durchdacht als von mir angenommen. „Entfalte meine Hand“ ist in seiner Mehrdeutigkeit wohl ein Einstieg, der in Bezug auf Grönemeyers Sorge um eine gute erste Zeile als geglückt betrachtet werden darf. Diese Offenheit, sich vor großem Publikum hinterfragen zu lassen und sich selbst zu hinterfragen unterschied Grönemeyers Auftritte wohltuend z.B. von Uwe Tellkamps Poetikvorlesung, die ebenfalls auf kaum höherem technischen Niveau (was eventuell Michael Lentzens Einflussnahmen auf Grönemeyer zu danken gewesen sein mag) reines Marketing betrieb: „So toll sind Schriftsteller im Allgemeinen, weil sie ständig mit den großen Themen sich befassen und ich im Besonderen.“ (Die einzige wirklich technische Einlassung Tellkamps, wie man einen Charakter aufbaue, beschränkte sich seinerzeit auf eine Exerpierung der einschlägigen Auffassungen des Faz-Feuilletons zur Persönlichkeit des Terroristen an sich). Während Tellkamp sich in die Rolle des Sehers stilisierte, vertrat zwar auch Grönemeyer den Anspruch, dem Zeitgeist und den Menschen eine Stimme zu geben, rechtfertigte dies aber mit der Arbeitsteilung in der Gesellschaft. Er habe eben die Zeit, sich intensiv mit diesen Fragen zu beschäftigen, während anderen diese im Berufsleben mitunter nicht bliebe.
Dennoch hoffe ich natürlich, dass es bei diesem einmaligen Ausflug in die Popkultur bleiben möge. Mit Ingo Schulze, Harry Rowohlt und Herta Müller sind in der Vergangenheit Referenten gewonnen worden, die das Anliegen dieser Veranstaltungreihe weit besser verkörperten. Wenn es, wie Hans Ulrich Treichel auf lvz online angemerkt hat, darum ging Songwriting in das Nachdenken über Poetik einzubeziehen, hätten unter Umständen Leute wie Sven Regener, Gerhard Schöne oder Wolf Biermann einen besseren Zugriff auf ihr poetisches Tun gehabt. Dennoch wurde der Abend über den engeren Kreis der Grönemeyerfans hinaus als anregend und praktisch verwertbar für das Schreiben empfunden. (Zumal auch von Leuten, die sich nicht täglich mit dieser Materie beschäftigen.)
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Die Welt zum Thema:
Deutschlands größter Popstar verrät in Leipzig seine Betriebsgeheimnisse Von Richard Kämmerlings
136. Schnipsel
Herta Müller schnipselt eifrig schon seit den 80er Jahren, bewahrt all die zusammengeklaubten Wörter daheim in Schubladen auf, mal alphabetisch sortiert, mal nach Präpositionen geordnet, ein weiteres Mal ganz ohne System. Eine große Wörterwerkstatt ist das, in der Herta Müller arbeitet und sich dabei strengen Strukturen unterwirft: Auf eine Ansichtkarte muss es passen, muss auch grafisch stimmen und letztlich dem Blocksatz folgen. Da werden also lange und kurze Wörter hin- und hergeschoben, und dass am Ende mitunter heitere, inspirierende und bedenkenswerte Verse entstehen, ist das Unglaublichste überhaupt. Daran hat Herta Müller ihre Freude, wenn sie etwa aus der Lufthansa-Werbung das Wort “Fliegen” ausschneidet und sich dann in ihrem Gedicht in ein Insekt verwandelt. “Ich habe den Eindruck, mir wird mit den Wörtern etwas geschenkt; und ich muss nur etwas mit ihnen machen”, sagt sie. Und: “Der Reim domestiziert, aber er ist auch wild. Er hat seine Verstecke, spielt mit mir.” / Lothar Schröder, Rheinische Post
126. Eifel-Literatur-Festival
700 Gästen sind am Samstag nach Prüm gekommen, um die Nobelpreisträgerin Herta Müller zu hören. Ihre Lesung war der Abschluss des diesjährigen Eifel-Literatur-Festivals. Insgesamt 15.000 Besucher nahmen an den 24 Lesungen in der Eifel teil. … Das Budget des größten Literaturfestivals in Rheinland-Pfalz beläuft sich auf rund 300.000 Euro. / Trierer Volksfreund
66. Sprachsalz
Autoren 2012:
Artur Becker (Polen/Deutschland)
Robert Bober (Frankreich)
Bas Böttcher (Deutschland)
Sam & Ann Charters (USA/Schweden)
Neeli Cherkovski (USA)
Daniela Dill (Schweiz)
Agneta Falk (USA/Schweden)
William H. Gass (USA)
Gerard Malanga (USA)
Jens Nielsen (Schweiz)
Elisabeth Reichart (Österreich)
Paul Renner (Österreich)
Walle Sayer (Deutschland)
Christian Uetz (Schweiz)
Martin Walser (Deutschland)
Jubiläumsgäste:
Kei Kimura (Japan)
Thomas Sarbacher (Deutschland)
Barbara Bongartz (Deutschland)
Volker Dittrich (Deutschland)
Franz Dodel (Schweiz)
Maketa Groves (USA)
Norbert Gstrein (Österreich)
Jack Hirschman (USA)
Felix Mitterer (Österreich)
Ruth Weiss (USA)
Sprachsalz 2012: Das Programm
Immer wieder ist es gelungen, renommierte internationale Schriftsteller in Hall zu begrüßen, darunter den Bestsellerautor Frank McCourt (USA) und die Nobelpreisträger Kenzaburo Oe (JP) und Herta Müller (D). In diesem Jahr wird William H. Gass (USA) zur einzigen Lesung aus seinem gefeierten Prosakonvolut „Der Tunnel“ im deutschsprachigen Raum erwartet. Er ist u.a. beim großen Sprachsalz-Festabend am Samstag zu hören (mit Menü, Reservierung erforderlich). Ein weiterer Höhepunkt sind die Auftritte von Martin Walser (D), der seinen druckfrischen Roman „Das dreizehnte Kapitel“ vorstellt. Der Autor und Filmemacher Robert Bober (F) liest aus seinen eindringlich und dicht erzählten Werken ebenso wie die Schriftstellerin Elisabeth Reichart (A), deren Texte tief in die österreichische Vergangenheit blicken lassen, und der Lyriker Walle Sayer (D), der mit seinen mikrokosmischen Beschreibungen Welten eröffnet.
Wortgewaltige Sprechkunst
Der Sprech- und Performancekunst wird auch diesmal eine Bühne geboten: Zu erleben ist der Popstar der Poetry Slam- und Open Word-Szene Bas Böttcher (D), Paul Renner (A) überrascht die Zuhörer mit seinem genre-übergreifenden Textprojekt und Christian Uetz (CH) zeigt einen seiner legendären Performanceauftritte. Zu Gast ist der wortgewaltige Chronist Artur Becker (D/PL) und mit Jens Nielsen und Daniela Dill zwei Sprech-Künstler aus der Schweiz, die Kostproben ihres Könnens geben.
Beat goes Hall
Ein Konstante der letzten 10 Sprachsalz-Jahre bestand immer aus Vertretern der amerikanischen Avantgardekultur des 20. Jahrhunderts. Freuen kann man sich diesmal auf die Beat-Autoren und Musiker Ann und Sam Charters (USA/S), weiters auf die Lyrikerin und Malerin Agneta Falk (USA) und den Schriftsteller und Chronisten der Beatniks Neeli Cherkovski (USA). Ebenso auf Gerard Malanga (USA), einen wichtigen Vertreter der amerikanischen Pop-Kultur, der mit Andy Warhol gearbeitet hatte und dessen Fotografien die Popkultur maßgeblich geprägt haben. Zu den Jubiläumsgästen zählen der politische Dichter und Aktivist Jack Hirschman (USA), der 2009 erstmals in Hall aufgetreten ist, Ruth Weiß, US-Beat-Autorin der ersten Stunde mit österreichischen Wurzeln (2007 bei Sprachsalz) und die North-Beach-Poetin Maketa Groves (USA). Sie war bereits im letzten Jahr bei den Literaturtagen zu hören, diesmal stellt sie u.a. mit Kei Kimura (JP) das Buch „Once Upon a Time Fukushima“ vor.
64. In Kalifornien
Lawrence Felinghetti ist der Gründer de la fameuse City Lights Book Buchhandlung, Columbus Avenue. Il a également publié des textes de Jack Kerouac et de Allen Ginsberg. Mit Ruth Weiss ist er einer der letzten survivants de la beat generation. Nous avons passé le dernier week-end bei ihr zu Hause in Albion, along the Highway One, à quatre heures au nord de San Francisco, près de Mendocino. Lundi haben wir Ruth zum Flughafen gefahren. Sie ist Gast bei den internationalen Tiroler Literaturtage, du 15 au 16 septembre, à Hall près d’Innsbrück. “Sprachsalz”, nennt sich das Literaturfestival, qui fête son 10 ème anniversaire. Herta Müller sera présente. Auch Martin Walser mit seinem neuen Werk : ” Das 13 . Kapitel “. / Martin Graff, Badische Zeitung