Lyrikzeitung & Poetry News

18. Mai 2012

56. Matrix

2005 erscheint die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix, die der Pop Verlag Ludwigsburg seitdem viermal im Jahr herausbringt. Gegen das Vergessen und das Vergessen des Vergessens lautet das Motto jener ersten Matrix, das man naturgemäß auch als übergreifendes Motto für alle Literatur und Kunst lesen kann. Im Mai 2012 erscheint Matrix, die Zeitschrift für Literatur und Kunst, zum 27. Mal, diesmal, nach Schwerpunktausgaben zu, beispielsweise, Herta Müller in Matrix 18, sorbischer Literatur in Matrix 24 (ediert von Róža Domašcyna) oder Thomas Bernhard in Matrix 25, mit einem Schwerpunkt zu Wjatscheslaw Kuprijanow. …

Friede­rike Mayröckers dieses Jäck­­chen (nämlich) des Vo­gel Greif überragt alle von mir gelesenen Lyriktitel des guten Jahr­gangs 2009 dermaßen, daß der Peter-Huchel-Preis fast schon wieder zu klein ist für die­ses große, lebendige Buch. Ich gehe in diesem Augenblick des Schreibens noch einen Schritt weiter und benenne dieses Jäckchen (näm­lich) des Vogel Greif als das mich am meisten begeisternde unter den von mir zur Kenntnis genommenen Gedicht­büchern im deutschen Sprachraum nach 2000. Bei jeder Ge­legen­heit wiederhole ich gern: Friederike Mayrö­cker (Man müszte wenigs­tens zwei­hundert Jahre alt werden): spätes­tens seit 1999 ein lyri­scher Liebling …

Matrix 28 erscheint Ende Juni 2012. Der Preis der rund 280 Seiten umfassenden Ausgabe (davon sind 255 Seiten dem rund um mehr als ein Dutzend neuer Gedichte von Friederike Mayröcker angelegten atmenden Alphabet, in dem kein Buchstabe ausgelassen wird,  gewidmet) beträgt, man reibe sich ruhig die Augen, es ist kein Druckfehler: 10,00 EUR. Ab sofort freut sich Traian Pop, der Verleger des POP Verlags in Ludwigsburg, auf Vorbestellungen bzw. Interesse an einem Matrix-Abonnement: pop-verlag@gmx.de/ Theo Breuer, Edition Das Labor

12. April 2012

38. Eine Facebook-Debatte

Die Welt als Fragment und Collage: Michael Fiedlers “Geometrie und Fertigteile” – Leipziger Internet Zeitung

www.l-iz.de

Der Leipziger Poetenladen, der schon mit mehreren beherzten Veröffentlichungen dazu beigetragen hat, die Lyrikszene in der Region populärer zu machen, hat jetzt eine eigene Lyrikreihe gestartet mit dem ambitionierten Titel “Neue Lyrik”. Zwei Bände sind jetzt erschienen und feiern am Abend des 3. Feb…

Klausef Neider

leute, ich weiß die führende mehrzahl der köpfe oder führenden köpfe der mehrzahl sieht es anders und schüttelt womöglich den kopf: den titel des bandes finde ich faszinierend und vielversprechend, die arbeit, die in dem band steckt ist schätzenswert, die methoden arriviert und sanktioniert als zeitgemäße kunst generierend, nur mir kommen im ggs dazu die gedichte/texte, das ergebnis davon – wohl aufgrund des waltenden poetischen bewußtseins und wissens als oberste assemblierungs instanz – doch recht banal vor und “repetierend”, im vergleich zu, sagen wir den stilbildenden & dann trend gewordenen konventionell geschaffenen oder hergestellten … ( so ähnlich wie einige ansätze der multimedia- oder später computergenerierten kunst, an der oberfläche, im ergebnis, mit einem komplizierten aufwand & der neuen technik das erzeugten, was z.B. die graphik der nachkriegszeit, der siebdruck oder konstruktivismus bereits, mit anderen mitteln an- & dargeboten hatten (–> wie es sehr aufschlußreich und fast schon exemplarisch anthologisch in sachen formensprache, farbexplosivität und bildgestaltungsregister … in dem musical bzw. tanzfilm “ein amerikaner in paris” zu sehen ist; so einige jahrzehnte davor.

20. März um 16:27

Tom Bresemann

wer sagt dass “wir” das anders sehen :) ?

20. März um 16:28

Klausef Neider

dasselbe pronomen in der einzahl … (das mit dem plural, sich selbst, angesichts der hg. und ver/teiler und besprecher als wohlweislich mutmaßlich dezidiert anderer meinung seiend, als sich damit der ansicht wieder exponierend empfand .. in etwa so!)

20. März um 16:32

Klausef Neider

ermittele auch, komm ich grad darauf, warum dann so eine arbeit, pradon artwork, nicht gleich vom rechner machen läßt? und dann interaktive oder sich wandelnder ergebnisse entsprechender programmierung.

20. März um 17:02

Michael Gratz

hast du den band gelesen? ich wette, das kann kein computer. empfehle im übrigen bertrams kommentar zur sache

20. März um 17:03

Klausef Neider

zu meinem letzten kommentar: bin sicher dazu wird uns unsere informatikfachkraft noch einiges sagen. gedichte liest sie ja nicht aber auch dazu. den band euer ehren bekenn ich gelesen zu haben! erhielt ihn von jemandem zugeschickt. das damit ihrs mir glaubt, sonst bin ich wie beim jobcenter bzw. sozialamt unglaubwürdig & beweispflichtig in sachen ausgaben & finanzielle verhältnisse – so dass ihr mich nur noch darüber informieren müsstet, wo der besagte kommentar des reinecke zu finden ist; am besten ohne porto, nur mit link(s deinerseits!)

20. März um 17:06

Michael Gratz

lyrikzeitung

20. März um 17:09

Richard Felix Duraj

weil du mich schon ins spiel bringst, klaus, nur soviel: es gibt bei doctor who, einer britischen soft-sf-serie, antagonisten des doktors namens ‘silence’, die auf dauer für alle unerkannt bleiben, weil sich nur an sie erinnert, wer sie grade auch tatsächlich ansieht, und sofort vergisst, ist der blick auf etwas anderes gerichtet. so geht es mir mit fiedlers gedichten. nichts bleibt hängen. also zucke ich nur mit den schultern und winke durch, wem es wohl gefällt.

20. März um 17:26

Richard Felix Duraj

und ja, hübscher titel.

20. März um 17:31

Michael Gratz

habt ihr mich noch lieb wenn ich zugebe, daß mir vom ersten lesen (wahrscheinlich in engelers zwischen den zeilen so vor 2 jahren) was hängengeblieben ist? :-)

20. März um 17:35

Richard Felix Duraj

schadet nichts.

20. März um 17:42

Tom Bresemann

solang du dich noch selbst liebhaben kannst , trotz dessen , is doch alles gut !

20. März um 17:43

Michael Gratz

‎:-(

20. März um 17:47

Michael Gratz

ich merke, hier kann ich mir ironie nicht erlauben ;-)

20. März um 18:01

Christian Kreis

Ganz unironisch: Vielleicht ist die Gattungsbezeichnung irreführend, und es sollte unter dem Titel eher Sprachinstallation stehen als Gedichte.

20. März um 18:35

Klausef Neider ‎

@ Christian: das hätte was! und auch nicht nur auf papier beschränkt bleiben, als rauminstallation kann ich mir vorstellen, das sie anders wirken …

20. März um 19:39

Bertram Reinecke

na ich finde “irreführend” ist etwas übertrieben, es sei denn, man nähme für sich in Anspruch, genau zu wissen, was ein Gedicht ist: Lesung Rudolf-Fiedler in der MB. Plötzlich passten die Sachen wunderbar zusammen und es wirkte erstaunlich aus einem Guss. Macht nun Rudolph auch eher Sprachinstallationen (eher kontraintuitiv für mich), macht er manchmal welche? Wie soll man sprechen? … Aber klar: Du hast ja eine sehr klare Vorstellung, was ein Gedicht (für Dich) ist …

20. März um 19:42

Klausef Neider

werde mir das nochmals & unter dem aspekt + hinweis ansehen (weiß nicht, ob mich dann eine gewisse konventionalität der einzelnen bilder, verszeilen usw. (ja, auch wenn das verweise und travestien sind u.a.m. / es bleibt ein grundsätzlicher zweifel an dem montierten, der montage, da sie ja immer rekurriert und oft nur neu adaptiert, inkl brüche & deko =struktionelnes) weniger stört und dem ganzen adäquat erscheinen läßt?) –> Dominik Dombrowski, Fixpoetry:

Fiedlers Texte sind alles andere als ein willkürliches Spiel, sie sind es vielleicht für eine gewisse Zeit während des Vorarbeitens, ehe sich dann aus der Montagetechnik etwas eröffnet und zu neuen Sichtweisen führt. Man muß sich schon ein wenig hineinarbeiten in die 31 Gedichte, die in die drei Kapitel „von vielerlei Keimen geschwollen, besingt jeder, was er liebt“, „niemand weiß, warum wir uns zuhören“ und „während die Ziegen noch klettern auf buschwerkbestandenen Felsen“ unterteilt sind. Und die Gedichte sind überdies so wenig voneinander abgegrenzt, daß man die drei Kapitel auch als drei Langgedichte verstehen könnte. Überhaupt liebt Fiedler das Vexierspiel. /

20. März um 22:13

Christian Kreis

zu Bertram: Ich halte mich da an Michael, der zu seinen Texten selbst Cut-ups sagt, und dieser Begriff, diese Unterscheidung trifft es dann (vielleicht) genauer. Natürlich ist es in den Zeiten des in allen Künsten erweiterten Kunstbegriffs überhaupt nicht mehr üblich, Maßstäbe für eine Gattung aufzustellen (und mir persönlich sind diese Maßstäbe, die es mal gab, ja auch nur bruchstückhaft bekannt). Unter dieser Entwicklung wäre das, was am wenigsten dem gleicht, das einmal Gedicht genannt wurde, ein Gedicht. Die Lawine der Kunst-ismen hat es möglich gemacht. Und doch hat beinah jeder Lyriker und Lyrikkritiker, wie mir scheinen will, sehr genaue Vorstellungen vom “guten Gedicht”.

20. März um 22:25

Bertram Reinecke

Wenn Michael Cut Ups sagt, ist das für mich nicht anders als wenn jemand Sonette sagt. Entweder man möchte die Gattungen gänzlich aufgeben, was man kann, dann geht es ja, aber wer Maßstäbe für Gedichte hat und diese ausspielt gegen einen erweiterten Kunstbegriff, der möchte ausgrenzen,, Immerhin räumst Du ein, dass Deine Kenntnisse bruchstückhaft sind. (Wer so alte Muster anwendet, sitzt ja auch zwischen den Stühlen: Immer zieht einem jemand über die Rübe: „Aber George isses nich … „)

Ersteinmal ist die Skepsis gegen Montagen genauso logisch, wie die gegen strenge Formen, sagen wir mal George, vielleicht sogar Rilke: ohne diese Formen hätte man sicher manches einfacher und noch treffender sagen können.

Dabei lebt Dichtung vom interplay. Und man entscheidet sich mit seiner Skepsis gegen einen großen Teil dessen, was Dichtung von je immer gewesen ist. Mit anderen Worten: Ich argumentiere hier mal konservativ: Dein rigider Neoklasszismus ist das eigentlich neue, wenn er so lange eingeführte Formen des Interplay scheel ansieht. Es ist ja wirklich diese Rutschigkeit des Vexierspiels, die man auch als eine Form des Interplay beschreiben könnte: Immer bleibt im Raume schweben: Tats das raffinierte Tier um des Reimes (etc. willen). Den Begriff Willkür kann man ebenfalls wenden wie eine Medaille: Keineswegs Willkür: „Die strengen Formen sind wirklich sehr streng bewußt und nicht ungenau“ oder: „Keineswegs schöpft der Dichter nur aus dem Verstand, die Formen sind offen genug für das unbewußte Spiel“ Aber es kann genauso gut sein, dass man anzielt, die Münze sozusagen auf der Kante stehen zu lassen: Je strenger die Form, desto mehr mischt sich das nOtwendige des eigenen Sprechens, das sicher nicht bis ins letzte bewusst ist, ein.

Der erweiterte Kunstbegriff ist da noch gar nicht im Raum. Von dem Unterschied: Werkästhetik vs. Prozessästhetik reden wir z.B dann an anderer Stelle.

Wenn man dauernd wie Michael mit seinem Anliegen bloß als Sonder- oder Randdichtung wahrgenommen wird, wie vielleicht von seinen Lehrern Hummelt, Pietraß, Seiler, Treichel, dann geht’s einem irgendwann auf die Nerven und man sagt eben Cut up um seine Ruhe zu haben und nicht wieder Missverständnisse damit zu erzeugen, dass einem da das Herz der Dichtung sitzt.

21. März um 00:07

Christian Kreis

Das Schöne an der Form ist ja, daß man sie selber er/füllen kann. Insofern ist nach meinem Verständnis die Montagetechnik aus vorgefundenen Satzbestandteilen keine Form. Und es schien mir zumindest so, als ob man mit Hilfe von Formen etwas (möglicherweise das, was das “Herz der Dichtung” betrifft) treffender sagen wollte und konnte, als ohne sie. Das Spektrum lyrischer Formen und Mittel hat sich mit der Zeit erweitert, aber worauf ich als Leser nicht verzichten möchte, ist ein Individuum, das sich selbst an der lyrischen Sprachhervorbringung beteiligt hat. Die Sprache, die durch den Filter des Bewußtseins hindurchgegangen ist, läßt doch erst den Menschen entdecken, der sie gebraucht. Geschieht es nicht, habe ich das Gefühl, jemand zeigt mir nicht das Herz seiner Dichtung (was, nur nebenbei gesagt, bei Herta Müllers Montagetechnik, die anders vonstatten geht, nicht passiert). Michael kennt ja meine Vorbehalte, wir haben sie im Stolterfoht-Seminar diskutiert.

21. März um 02:23

Bertram Reinecke

ja, was heißt eben selbst erfüllen, darin äußert sich entweder dieser Vorbehalt erneut, der George oder Barock oder Dante in tieferer Schicht ausschließt (man kann dies und das mögen, das wird deswegen nicht so deutlich). So argumentiert, wenn Deine Rede das “selbst” betont. Betont sie das “erfüllen” lieferst Du ein halbes Argument gegen Herta Müller tatsächlich. Ihre Formen sind in einem gewissen Sinne sehr fuzzy also man könnte, genug Hartnäckigkeit vorausgesetzt so weit ich sehe, alles erreichen, sie sind also zunächst mal nicht unerfüllbar. Fiedler kommt mir dagegen restriktiver vor, da kann ein Text auch an Unerfüllbarkeit scheitern.

21. März um 02:59

Bertram Reinecke

Und die Herz-Emphase. Mich mutet Müller da eher gut aufgestellt an. Mich würde neben Verfahrensaspekten, die allerdings verblassen angesichts der interessanten Ergebnisse, eher eine Sprachtheorie einfallen, die sehr nahe dem ist, was der “Mythos vom Museum” genannt wurde … ich denke Fiedler wird bereits den Vorbehalt, den Du hier wiederholst kennen, dass sie von Deiner Distanz nicht soo beleidigt sind.

21. März um 03:05

Christian Kreis

Damit wir uns nicht mißverstehen, ich meinte, Herta Müller montiert anders als Michael, man kann es ja am Gedichtbild (es kommt hier noch eine bildästhetische Komponente hinzu, Farbe und Form der ausgeschnittenen Worte etc.) sehen, sie schneidet meist einzelne Worte aus Zeitungen und Magazinen, die sie in Schubladen sammelt und auf einem Tisch ausbreitet (am DLL, kurz vor ihrer Poetikvorlesung, hat sie darüber Auskunft gegeben). Die einzelnen “Bauteile” der Collage sind also sehr kleinteilig, ihrem ursprünglichen Kontext fast vollständig entrückt. Diese entäußerten geradezu materialisierten Worte werden von ihr in die Hand genommen, hin und her geschoben, regen die Phantasie, das Unter- und das Bewußtsein an, sodaß das Dazufinden und Dazulegen der Worte zu einem Gedicht (in dem es oft sogar reimt) ein Sichzueigenmachen der Worte wird, überdies fügt sie die Worte zu einer eindringlichen Sprachmelodie. Bei Michael klingen die hingestellten Wortgruppen oft sehr abgehackt. Es entsteht bei mir ein unpersönlicher Eindruck. Hinter dem Wortmaterial aus Fachsprachenquellen, die fleissig und akribisch herausgewälzt wurden, kommt der Dichter, und das ist Michael, noch gar nicht richtig zu Wort. Noch eine Anekdote. Eine Studentin am DLL sagte einmal: Als sie noch mit eigenen Worten (also jenen, die wir verinnerlicht haben) versucht habe, Gedichte zu schreiben, seien die immer so kitschig geworden, deshalb habe sie begonnen, mit fremdem Sprachmaterial zu arbeiten. Da dachte ich, die kitschigen Gedichte wären der ehrlichere Ausdruck ihres Vermögens gewesen. Denn was ist das Gedicht, kühle Spracharmatur, nach allen Seiten intellektuell abgesichert, ein Germanistenkitzel, “strenge sprachkritische Wörter-Archäologie” (siehe Braun) von Lyrikingenieuren produziert. Auch, aber nur auch.

21. März um 16:29

Michael Gratz

nur auch, ja: gilt immer. gefühl nur auch, reim nur auch, ehrlicher ausdruck nur auch

21. März um 16:32

Christian Kreis

Ok, ich geb mich geschlagen, ich streiche das Auch.

21. März um 16:35

Michael Spyra

ich verstehe die texte als resultate eines spracherwerbsprozesses, zu dessen anfang nicht etwa die prosodie der stimmung freundlicher eltern stand, sondern die sprache im text. die eindrücke dieser textsprache haben freilich nur ein mal und nur einem (dem autor) der sich mit ihnen beschäftigt hat, den eindruck hinterlassen auch seine “vorsprachlichen gedanken” durch sie sprechen lassen zu können, so wie es eben üblich ist für einen spracherwerbsprozess. da dass ganze situationsabhänig passiert, würde ich wohl über dieselben quellen drüberlesen, ohne das sie mich berühren. und hier ist auch wieder die individualität oder ‘das herz’ des autors zu finden; eines autors nämlich, der mit den ihm besonderen passagen seiner primärtexte spricht – einer sprache, die sich widerum aus unserer genmeinsamen sprache generiert, weshalb sie auch lesen können.

ich dachte erst jedoch: ‘was soll das bitteschön, dieses sprachrecycling?! macht doch keinen sinn, weil die sprache eben keine erschöpfbare ressource ist; als müsse das sonnenlicht aufgearbeitet werden. /was versteckt der sich denn da hinter den worten ander?/ = ist aber genau so blöd, weil es kein patent auf sprache gibt.

21. März um 17:15

Bertram Reinecke

Ja, genau Christian, so ungefähr würde ich es auch beschreiben: Müller hat die Worte eben nur etwas materieller in der Hand, die ansonsten eben die Bausteine jeder Dichtung sind. Eine Verteidigung Fiedlers könnte natürlich darauf hinauslaufen, dass Fiedler durchaus Texte auf Augenhöhe dessen drauf hatte, was man heute Leipziger Schule um Norbert Hummelt nennt. Zumindest den Frühwerken, die sich in Bänden von Zander, Reyer, Friedel oder Küchenmeister ja noch finden, stand das nicht nach. Er möchte es bloß nicht mehr so.

Spyra trifft den Punkt aber besser, wenn er auf die Sprachsubstrate verweist. Es gibt eben vor der Sprache erst gar nichts zu sagen. Und mancher möchte sich am Gemenschel eben nicht beteiligen. Warum muss einem das wertvoll sein, sich als schöne Seele zu zeigen. Hat Brecht das getan? (Ich weiß aber, dass das in Halle irgendwie wichtiger genommen wird, lese gerade Bartsch.) Muss man daraus eine wir Sprache bauen? Und wer ist dann „wird“. Da ist ein Bild vom Menschen darin, wie es bspw. ein Husserl oder Benjamin abgelehnt hätten. (Nicht welches Bild, sondern dass man implizit auf eines zurückgreifen muss, wäre ihr Problem.)

Schon die Worte und wie „man“ sie benutzt, das kann eine Erfahrung der Fremde, Befremdung oder Entfremdung sein, die irgendwie als unmenschlich zu verdächtigen, nicht nur unhöflich sondern falsch wäre.

Jedes Gedicht benutzt Sprache als Fremdsprache, selbst das regelloseste Alltagsgedicht. Der Linguist kann das darüber einfangen, dass sich die Häufigkeiten der Worte massiv ändern, oder darüber, welche statistische Nähe eins zum anderen hat. (Wenn es schon sonst keine Auffälligkeiten gibt.) Insofern gibt es kein unentfremdetes Sprechen vor dem Technischen.

Und offensichtlich ist Fiedlers Sprechen ja gegen manche Angriffe doch nicht so abgesichert, wie Du unterstellst. Gerade so hab ich es am Institut auch erlebt. (Wenn Du es anders erlebt hast, liegt das an der Persönlichkeit von Ulf. Wenn Ulf und Braun loben, ist es dann abgesichert? Oder lobt z.B. Ulf nicht eher dessen Subjektivität?)

Die Subjektivität Fiedlers kommt gerade in mancher Rauhigkeit der Anschlüsse zur Geltung, finde ich. Ich, rein subjektiv, achte mehr auf die sytaktischen Anschlüsse (und lasse dennoch manchmal etwas stehen). Fiedler achtet mehr auf Gehalte und Gestalten der Substantive. Ganz ungeschützte geschmackliche Entscheidungen sozusagen … Christian, mit solchen Beobachtungen, das finde ich einen Weg, wo wir weiterreden könnten, mit Deinen philosophischen Interpretationen dieser Fakten, da unterliegst Du einer gar nicht so wenig verbreiteten Autosuggestion, finde ich.

21. März um 19:04 ·

Bertram Reinecke

Ach und wenn ich hier die Subjektivität von Fiedler und mir etwas technisch gegeneinander abgrenze: Es wäre natürlich leicht, dies wiederum als Symtome für- oder Ausdruck von etwas zu betrachten, ganz global: unterschiedlicher Lebensformen etwa … Auch welche Materialien man wählt …

21. März um 19:14

15. Februar 2012

58. Walter Hasenclever-Literaturpreis für Michael Lentz

Der in Düren geborenen und heute in Berlin lebenden Schriftsteller Michael Lentz wird den mit 20 000 Euro dotierte Walter Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen 2012 erhalten. Dies gab Dr. Jürgen Egyptien, Vorsitzender der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, heute bekannt. Die Verleihung des Walter Hasenclever-Literaturpreises findet am 4. November in Aachen statt. Die Jury würdigt mit ihrer Entscheidung einen Autor, der ein beeindruckend facettenreiches Werk geschaffen und sich als Erzähler, Lyriker, Herausgeber und Literaturwissenschaftler einen Namen gemacht hat. Lentz zählt zu den am meisten profilierten Performancekünstlern und hat eigene Texte, teilweise in Zusammenarbeit mit avantgardistischen Musikern, in verschiedenen intermedialen Formaten produziert. Als Verfasser einer grundlegenden Studie über die Geschichte der Lautpoesie hat Lentz diese Literaturgattung auf der Schwelle von Wort- und Tonkunst mit originären Beiträgen erneuert. In seinem jüngsten Buch „Textleben“, das Essays und Poetikvorlesungen versammelt, zeigt sich Lentz als brillanter Interpret von wesentlichen Autoren der Moderne – wie Gottfried Benn oder Samuel Beckett – und als reflektierter Kommentator des eigenen Schreibens. …

Der Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen wird alle zwei Jahre verliehen. Er zählt zu den höchst dotierten deutschen Literaturpreisen. Die bisherigen Preisträger – unter anderem Peter Rühmkorf, George Tabori, Oskar Pastior, Christoph Hein, Ralf Rothmann und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller – gehören zur ersten Riege deutschsprachiger Autoren. / Euregiopresse

1. Januar 2012

3. BONANZA REPARATUR

Das Jahr fängt gut an. Der erste Fund im 12. L&Poe-Jahr stammt von Facebook sowie heute:

BONANZA REPARATUR oder DAS LASSO DER POESIE. DIE WAHRHEIT ÜBER COWBOYLYRIK – DER FILM

mit:

  • Ulf Stolterfoht, als Hoss Cartwright, der Hauptheld
  • Hans Mayer & Walter Jens, in Doppelbesetzung als der weise Ben Cartwright
  • Prof. Dr. Hans Ulrich Treichel, als Adam C.
  • Norbert Hummelt als Little Joe

(Yoko Tawada kandidierte mit traditionell-originellen Buchstabensuppenrezepten bisher vergeblich für die Rolle des Kochs Hop-Sing. Stelle n.n. besetzt!).

In Special-Guest-Rollen:

  • Michael Lentz als Bruce Carradine
  • Häuptling Pappenfuß vom Stamm der Gorekerouac als Indianer-Joe aus „Die Abenteuer des Tom Sawyer“
  • Ann Cotten gibt die verschleppte weiße Lady, die in einer Prenzlauer Höhle gefangen gehalten wird. Neutrale Beobachter (NZZ) wollen den Ort auch als Heslacher Grotte erkannt haben (unweit der Schillereiche, wo die Räuber – die Söhne der Großen Bärin: Urs Engeler, Urs Widmer und Urs Allemann – bei Kalumet den Rütli schworen)
  • Monika Rinck war ursprünglich für die Rolle der Apanatschi vorgesehen, wogegen Uschi Glas vehementen Protest einlegte, die ihre Rolle mit Silke Scheuermann besetzt sehen will
  • für die Rolle des Winnetou konnte noch kein adäquater Darsteller gewonnen werden, einflussreiche Kreise bestehen auf Ilija Trojanow als Idealbesetzung.
  • Als Tierstimmenimitator und Studiogeräuschmeister kommt Valeri Scherstjanoi zum Dauereinsatz, eine Leihgabe der “Мосфильм“ / Mosfilm Gesellschaft.
  • Die Balletteinlage „TANZ DER GROßEN OCHSEN“ wird bestritten von Harald Hartung, Marcel Reich-Ranicki und Christoph Buchwald; die Frauenquote wird mit Sigrid Löffler erfüllt.
  • Die Solisten für den „TANZ DER KLEINEN OCHSEN“ werden in einem Auswahlverfahren aus Teilnehmern des Wettbewerbs „Dopen Mike“ gekürt;
  • der Jury präsidiert Monsignore Burkhard Spinnen.
  • Musik: IM Sezession & die Eindümpelnden Neubauten, dirigiert von Sir Uwe Tellkamp.

In einem prägnanten Kurzauftritt wird Raoul Schrott zu sehen sein. Er reitet den Wallach Wiglaf und führt einen Trek dt-öst. Siedler an, die, da Utah schon von den Mormonen besetzt war sowie von den Amischen auch aus New-Heslach vertrieben, mit Gil-games die Hauptstadt von Missionouri gründen, wobei sie ständig den Fluss übersetzten.

In einer Episode kommt Herta Müller zum Zuge, die auf den Spuren Nikolaus Lenaus die Stätten ihres nächsten Buches „Wellenschaukel hin und zurück“ besucht. Sie reist zusammen mit Richard Wagner-Lowrin, einem Botanisierer und Völkerkundler, den eine obgleich jeglicher Anwandlung von Eifersucht abhold sich zunehmend sorgende T. Adorna verfolgt … handelt es sich doch bei letztgenanntem um den unabdingbaren Mitherausgeber ihrer schon für die Bestenliste reservierten Untersuchung: „Teil 2: Die Seele deutscher Aussiedler“.

In einer anderen Szene wird ein weiterer dt. Nobelpreisträger zu sehen sein, der sich für den Erhalt der Prärie einsetzt, da diese die Lebensgrundlage des Wappentiers seines nächsten Romanprojektes „Das Bison“ ist.

Die Produzenten forderten unbedingt ein Kritiker-Revolverduell, entweder zwischen Felix Philipp Ingold und Klaus Nüchtern oder zwischen Wild Iris Radisch und Reverend Michael Braun, wobei jedes Mal André Vladimir Heiz als Marshall Mc Luhan für die neudefinierte Ordnung im Poets Corral sorgen sollte. Die angefragten Herrschaften erklärten sich jedoch allesamt für überzeugte Pazifisten und Schützenfestverweigerer, die nie ein Schießeisen in die Hand nehmen würden, nicht mal einen Spielzeugcolt oder Wasserpistole, und viel besser mit Messer und Gabel umgehen zu wissen … so dass dieses nun als Computerspiel auf den Markt kommen soll, ergänzt durch spawning Varianten wie „Literature-houses of the rising sun / Friede den Bretterhütten Euterpes“.

Mike Krüger, der Impressario der erfolgreichen Carl Hanser Rating-Agentur, bestand zusammen mit dem Honorarkonsul von New Mexiko, Joachim Sartorius, auf einer Rolle für Durs Grünbein, andernfalls jegliches Sponsoring entfällt, woraufhin es zu einer schwarzweiß Sequenz kommt, in der er als Ostküsten Johnny Depp immer tiefer in den wilden Westen hineingezogen wird, nach lateinischen Quellen in der Dichtung der Navajo Indianer suchend … aus welchen Jagdgründen ihn freilich alsbald Raoul Schrott vertreibt.

* Gerhard Falkner, als Regieassistent von Roland Emmerich vorgesehen, zog die Obliegenheiten eines Casting-controllers und Front-Stuntmans vor.

Ideen, Recherche, Mitarbeit – Klaus Thaler

1. FOLGE

 Jetzt & hier aber sind die Seminaristen und Magister gefragt!

23. Dezember 2011

89. Weihnachtstips

In der Süddeutschen vom 21. empfehlen Autoren auf 2 Seiten Bücher zum Fest. Tiefschürfen ist da nicht zu erwarten. Kurt Flasch empfiehlt Thea Dorns und Richard Wagners Buch ‘Die deutsche Seele’ (Knaus, 2011) als “gescheit und kritisch, die deutsche Seele wird zwischen Abendbrot und Strandkorb ohne Gejammer erforscht, immer an meist zusammengesetzten Substantiven entlang. Zum Glück nicht gar zu ‘tief’, dafür mit schönen Bildern.” Alles klar? Dann ist es auch gleich, ob mans kauft oder nicht, die deutsche Seele wird halt zwischen Auschwitz und Strandkorb ohne Gejammer erforscht. Schöne Bilder auch. Frohes Fest!

Roger Willemsen empfiehlt Liao Yiwu in 2 Sätzen, der zweite lautet: “Eine qualvoll errungene Formulierung von Moderne.” Herta Müller braucht dafür 8 Sätze auf gleichem Raum und überzeugt schon eher. Peter Handke empfiehlt ”Bostjans Flug” von Florjan Lipuš.

Neben dem zweifach bedachten Chinesen ist nur ein Gedichtband dabei, empfohlen von Uwe Tellkamp:

Christian Lehnert, Aufkommender Atem (Suhrkamp, 2011). Geistliche Lyrik, formstreng und traditionsbewusst, dennoch deutlich von einer heutigen Stimme gesprochen, ohne Frömmelei und Pfarrerskitsch, anrührend und einfach, nie simpel. Klarheit und Ruhe.

Nehm’sen Chinesen, oder kaufen Sie was von Lux-, Kooks-, Rugerups & Co., empfiehlt L&Poe. Lange immer noch anwachsende Listen hier.

16. November 2011

67. Geschwister-Scholl-Preis für Liao Yiwu

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Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu hat den Geschwister-Scholl-Preis erhalten. Die Auszeichnung bekam er für sein Buch Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen. “Liao Yiwus Buch ist auch ein Buch über Beziehungen. Die Beziehung zu seinem Land, das man Heimat nennen möchte und nicht kann”, sagte Laudatorin und Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Liao Yiwu sei “ein großer Künstler und ein mutiger Chronist zugleich”, hieß es in der Jury-Begründung. / Zeit

4. November 2011

16. Notizen eines Lesers

Im Poetenladen-Essay schreibt Theo Breuer, was Michael Lentz wirklich gesagt hat in puncto hohle Nüsse, und auch sonst vieles schöne und nützliche, ich empfehle den ganzen Text zu lesen, hier ein Ausschnitt:

Wiederholt in den Textfluß eingestreut: Lentz-Schlenzer, die, kurz und herzlos, sitzen – zack: Nennen wir noch, jenseits der Ismen, Rolf Dieter Brinkmann. Kaum ist der Satz gelesen, lodert hinter dem Namen die blaue Flamme auf, die Geist und Seele seit Jahrzehnten befeuert. Und drum sehe ich es, in diesem Augenblick des Lesens, wie jedes Mal, wieder: Das · ist · ein anderes Blau.

Lentzscher Imperativ: Wer Dichter sein will (und nicht etwa Spitzen­klöppler, denke ich hinzu) und sich nicht mit Gedichten von Charles Baudelaire · Gunnar Ekelöf · Stefan George · Robinson Jeffers · Sergej Jessenin · Philip Larkin · Wladimir Majakowski · Cesare Pavese · Sylvia Plath · Ezra Pound · Reinhard Priessnitz · Arthur Rimbaud befaßt hat (die Auf­zählung suggeriert, natur­gemäß, das Mayröcker­sche „usw.“), der kriegt vom Spielleiter, nein, da kennt der Wilde keine Milde, nicht die gelbe, nein, … (ohne Gnade. Schade!) die rote Karte vor staunende Augen gehalten: Der Dichter muss sich ganz auskennen, […] wer bei August Stramm glaubt, sich verhört zu haben, ist für die Poesie verloren […] und wer nie seinen Jesse Thoor mit Tränen las, […] hat keine Ahnung, wie schwer das auf­scheinend Einfache ist …

Lentz, dynamisch-sanguini­scher poeta doctus, homo ludens et musicus, läßt mich im Anschluß an ins Detail von Rhetorik, Linguistik, Inter­textua­lität „usw.“ gehenden Werk­besich­ti­gungen teilhaben, die mir die beWUNDErte Wortkunst von Carlfriedrich Claus · Uwe Dick · Bodo Hell · Friederike Mayröcker · Oskar Pastior (inkl. Herta Müllers Atem­schaukel) · Josef Anton Riedl · Gerhard Rühm · Valerie Scherstjanoi fabel- und wesen­haft vor meine nach immer mehr gierenden Augen führen, während im nachfolgenden Kapitel Andere: Reverenzen erwiesen werden – und wieder flackern Flämmchen beim Lesen allein schon von Namen: Hartmut Geerken (in Michael Lentz’ ureigener – faksimi­lierter – Hand­schrift – ›Hand­schrift‹: ein Stichwort, mit dem ich das nächste Faß aufmache, ohne nun weiter daraus zu zapfen) · Thomas Kling (who the fuck is eigent­lich dieser kling, fragt ein Leser am 15. Oktober 2011 in der Lyrikzeitung, in Textleben gibt Lentz vielseitig Antwort – u.a. mit dem Gedichtzitat Über das Bildfinden II: aber die sprache, / aber die sprache, / aber die sprache: / dies ständige, ständige, / vollständige fragment) · Thomas Mann · Helga M. Novak · Joachim Ringelnatz · Robert Walser.

Im Kapitel Alte: Größe trifft der Leser auf umfängliche Essays zu Gottfried Benn (ein irdisches Vergnügen in B.) sowie Rainer Maria Rilke und hier auf die hohlen Nüsse, notabene weit weg von den knackigen Aus­sagen über zeitgenössische Lyriker (wohin sie der FAZ-Mitarbeiter in der Textleben-Besprechung verlegt*), von denen mir Ich finde Stolter­foht ganz ausge­zeichnet besonders im Gedächtnis haften bleibt:

Es gehört unter anderem zum guten Ton – der nicht immer der beste sein muss –, Rilkes Texten Kitsch vorzuwerfen. Aber abge­sehen davon, daß der Ruf, ›kitschig‹ zu sein‹, nicht der schlech­teste sein muß und manche Autoren im Unter­schied zu Rilke so ent­täu­schend hohle Nüsse sind, dass sie keinerlei Vorwürfe produ­zieren, kontert Rilke den Vorwurf selbst: indem er gelesen wird. Lesend lernt man einen Dichter kennen, der wie kein anderer unter­schiedliche stilis­tische und rheto­rische Register zu ziehen wusste, dabei mit seiner Dich­tung immer erst unter­wegs war zu einer ›anderen‹ Sprache, zu einer utopi­schen Auf­hebung der Differenz von Ding und Wort.

 *) Axel Kutsch hat seine Aussage über die hohlen Nüsse, wie er sagt, aus der FAZ übernommen, bevor er das Buch selber las. – Der von Theo Breuer, dem so begeisterungsfähigen wie gründlichen Leser, zitierte Satz über who-the-fuck-was-kling war zwar meiner Meinung nach eher sarkastische Reaktion auf Kutschs und anderer Lyrikschelte; aber Lentz’ von Breuer zitierte lange Liste von must-reads ist keine schlechte Arbeitsbasis; meine ich. Danke, Theo!

Michael Lentz
Textleben
Über Literatur, woraus sie gemacht ist, was ihr vorausgeht und was aus ihr folgt
Herausgegeben sowie mit Vor- und Nachwort versehen von Hubert Winkels
576 Seiten
S. Fischer 2011

25. August 2011

115. Herta Müller liest

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An den Gedichten des Österreichers Theodor Kramer (1897-1958) lobt Müller die konventionelle Ruheform der Strophen und die melodische Rhythmik, hinter welcher sich der eigentliche traurige Inhalt verberge. In seinen Gedichten behandelt der jüdische Lyriker seine eigene Angst und Emigration in der Zeit des Dritten Reiches. Der melodische Rhythmus seiner Gedichte beschwört eine Selbstverständlichkeit, die seiner Zeit genommen wurde. Müller habe seine Lyrik schon in der Jugend geholfen, sich u. a. von ihrem Vater gedanklich abzugrenzen. Wenn ihr Vater, ein ehemaliger SS-Soldat, manchmal in alkoholisierten Rückfällen Nazilieder grölte, fühlte sie sich eher der Trauer der Gedichte Kramers verbunden.

Im Werk des Schriftstellers Jürgen Fuchs (1950-1999) stellt Müller eine Nähe zum Nicht-Gesagten heraus, die beinahe dokumentarisch eine Realitätstreue durchhalten würde: „Wenn Jürgen Fuchs erzählt, wird das Banale erregbar. Jede Winzigkeit kriegt ihren eigenen, antastbaren Nerv.“ Bei M. Blecher (1909-1938) betrachtet es Müller als radikal, dass Gegenstände auf ungewöhnliche Weise erotisiert wahrgenommen werden und dadurch auch im Verständnis des Lesers eine neue Bedeutung gewinnen. /  Ansgar Skoda, campus-web.de

Herta Müller – Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel
Verlag: Hanser
Erschienen: März 2011 
ISBN: 9783446235649 
Bindung: Taschenbuch
Seiten: 255
Preis: 19,95

19. Juli 2011

75. Oskar Pastiors ungewohnte Gewöhnlichkeit

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Neben den Reden tauchen in den Essays bekannte und fast vergessene Namen auf: Oskar Pastior oder M. Blecher, Roland Kirsch oder Theodor Kramer und nicht zuletzt Emil Cioran. In zwei Texten äußert sich Herta Müller zu ihrem Freund Oskar Pastior, in einem ausführlichen Essay über seine Gedichte, in dem sie von seiner ungewohnten Gewöhnlichkeit spricht. In Rumänien, im Land der Improvisationen, die das Gewöhnliche übertrafen, seien seine Gedichte aus der Notgedrungenheit dieser Improvisation entstanden. In Herta Müllers Interpretation wurden seine Gedichte zum Gebrauchsgegenstand, die sie auf ihre Not zugeschnitten habe. Wie sie zeigt, indem sie den Assoziationen nachhorcht – „Schpektrum“ etwa wird zur „Perspektive“ –, gibt es nicht nur eine politische, sondern auch eine existenzielle Lesart seiner Gedichte. So mutiert das Gedicht „Minze Minze flaumiran Schpektrum“ zu einer Beschwörungsformel. …

In ihren Essays lässt Herta Müller ihre ars poetica aufleuchten, das anfängliche Misstrauen gegenüber der Sprache ist stets nötig, um aus den Wörtern das herauszulocken, was ansonsten verborgen geblieben wäre, um auszuloten, „was die Wörter vorher nicht wussten“. Und das macht die Poetik Herta Müllers aus und letztendlich die Poesie ihrer Texte. / Edith Ottschofski, Siebenbürgische Zeitung

Herta Müller: „Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“, Carl Hanser Verlag, München 2011, 256 Seiten, geb., Preis: 19,90 Euro, ISBN 978-3-446-23564-9.

24. Juni 2011

120. Herta Müller ehrt Jürgen Fuchs

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“Für mich ist das heute in erster Linie sein Todestag, also ein Trauertag, und das tut natürlich weh.” Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller war sehr bewegt, als gestern im Thüringer Landtag ein Denkmal enthüllt wurde, das von nun an öffentlich an ihren Freund und Mitstreiter, den 1999 im Alter von 48 Jahren verstorbenen Schriftsteller und DDR-Oppositionellen Jürgen Fuchs erinnert. / Thüringische Landeszeitung

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