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32. Heinz Kahlau gestorben
Der deutsche Lyriker und [Drehbuchautor] Heinz Kahlau ist tot. Er starb am 6. April im Alter von 81 Jahren, wie seine Witwe gestern in Gummlin bestätigte. Er sei an Herzschwäche gestorben. Einen Termin für die Beisetzung gebe es noch nicht. Kahlau soll auf dem Friedhof von Stolpe auf der Insel Usedom seine letzte Ruhe finden. Er gehörte zu den meistgelesenen deutschsprachige Dichtern der Gegenwart. Auf rund vier Millionen Exemplare beläuft sich die Gesamtauflage seiner Gedichtbände. …
Über seine Anfänge schrieb er: „Mein erstes Gedicht wurde von einem 19-Jährigen geschrieben, dessen Beziehungen zur Poesie bis dahin die denkbar schlechtesten waren”. Sein Stiefvater fand, Lesen mache dumm und warf alles Gedruckte ins Feuer. Erst als Kahlau 1949 ein halbes Jahr Patient in der Tbc-Heilstätte Rathenow war, hatte er seine „erste vergnügliche Begegnung mit Gedichten” und schrieb seine ersten Verse. Als dünnhäutig hat er sich selbst in „Weißer Mann” charakterisiert: „Litt, bis er neunzehn war, an Depressionen, Wahnvorstellungen und Lebensangst,/ Versteckte sich manchmal vor Menschen./ Schreibt seitdem Gedichte.”
Es folgten weit über tausend veröffentlichte Gedichte, auch Dramen, Hörspiele, Kinderbücher. Er schrieb mit am DEFA-Film „Auf der Sonnenseite”, verfasste Songtexte für Karat und Bayon. Zu den zahlreichen Auszeichnungen , die er erhielt, gehören der Heinrich-Heine-Preis, der Nationalpreis III. Klasse und der Vaterländische Verdienstorden in Bronze.
Als Kahlau 1957 wegen kritischer Verse in Zusammenhang mit dem Ungarn-Aufstand Haft angedroht wurde, unterschrieb er eine Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, von der er sich 1964 entbinden ließ. Das hat er 1990 freiwillig und von sich aus offengelegt. / Dietrich Pätzold und Janina Fleischer, Oschatzer Allgemeine Zeitung
Mehr: Spiegel
55. Im Jahrbuch – und nicht im Jahrbuch
Im Poetenladen zeichnet Theo Breuer die Geschichte der neueren deutschen Lyrik u.a. anhand des ersten und des bislang letzten Gedichts in den nun 28 Folgen des Jahrbuchs der Lyrik:
Die rasante Entwicklung der Lyrik im deutschen Sprachraum, die gegen Ende der 1980er Jahre gleichsam mit quietschenden Reifen durchstartet, zu neuen Ufern - ins Offene – aufbricht (Kling, Grünbein, Papenfuß, Waterhouse preschen voran) läßt sich beim Vergleich der 28 Jahrbücher auf fabelhafte Art und Weise ablesen. Das erste Gedicht in der Geschichte des Jahrbuchs der Lyrik – Jahrbuch der Lyrik 1 · 1979 – ist von Hajo Antpöhler:
ENDE MÄRZ,
flach die Gegend,
schön so,
auf ner Wiese
steht noch ne
Kabelrolle.
Das Gedicht zitiere ich immer mal bei Telefonaten mit Schreibkollegen. Die Reaktion ist stets die gleiche: Am anderen Ende wartet der Gesprächspartner darauf, daß ich fortfahre, und ich sehe mich gezwungen, jedesmal zu versichern: Nein, hier fehlt nichts. Das vorläufig letzte Gedicht – aus dem Jahrbuch der Lyrik 2011 – klingt so:
Geschäftsbericht
Dieses Jahr wieder ein, zwei Wahrheiten in den
Onlineschlagzeilen, die wie immer
schon wussten, wie damals bei der Erfindung des Gleitschirms.
Der Paarmensch von heute erwähnt im Schlafzimmer
nur das Positive, Betriebe überleben, wenn sie wachsen,
lebende Organismen oft noch ein Stück danach. Sind
die Grauwerte ausgelagert, werden Berichte zu einer notorisch
verspäteten Gattung. Worüber sollen wir noch reden?
Lacher wirken verdächtig. Das 21. Jahrhundert ist eben
gelandet, so früh hat es niemand erwartet. Jetzt stehen wir, rührselig,
uns nur noch selbst im Weg. Der Rest ist Arithmetik.
Die Pessimismen von früher dürfen belächelt werden. Ein Tor ist,
wer seine Träume nicht umbenennt. Der Ton ist härter geworden zwischen
den Geschlechtern. Für Nostalgien habe er
keine Zeit mehr, meinte kürzlich ein Bekannter.
Gestern das Telefonat mit den Eltern: Sie mischen
noch mit. Eine Generation weit weg, und so viel Misstrauen schon.
Gesenkt werden konnten die Kosten für Kommunikation.
Andreas Münzner
Außerdem in einem Alphabet, das Eichelhäher · Exemplarisch, fragiles fragment, Lyrikleselust, Neugier und Quälgeister einschließt sowie in diversen Texten und nützlichen Listen, darunter auch diese ziemlich be-denkliche*:
Michael Arenz · Rose Ausländer · Hans Bender · Wolf Biermann · Beat Brechbühl · Werner Bucher · Joseph Buhl · Erika Burkart · Hanns Cibulka · Zehra Çirak · Klaus Peter Dencker · Hilde Domin · Hans Eichhorn · Erwin Einzinger · Peter Engstler · Peter Ettl · Jan Faktor · Jörg Fauser · Günter Grass · Helmut Heißenbüttel · Dieter Hoffmann · Sabine Imhof · Peter Jokostra · Heinz Kahlau · Reiner Kunze · Richard Leising · Christoph Leisten · Peter Maiwald · Dieter P. Meier-Lenz · Frank Milautzcki · Heiner Müller · Peter Horst Neumann · Andreas Noga · René Oberholzer · José F. A. Oliver · Johannes Poethen · Reinhard Priessnitz · Christa Reinig · Francisca Ricinski · Doris Runge · Robert Schindel · Gerd Sonntag · Peter Turrini · Günter Ullmann · Olaf Velte · Jürgen Völkert-Marten · A. J. Weigoni · Wolf Wondratschek · Peter-Paul Zahl · Maximilian Zander gehör(t)en zu den in der Lyrikwelt beheimateten Lyrikerinnen und Lyrikern, von denen (bislang) kein Gedicht im Jahrbuch der Lyrik publiziert wurde.
Fürwahr eine interessante Liste. Sehr unterschiedliche Verfasser, die man nicht in zwei sondern drei vier viele Parteien einordnen mag. Es würde kaum schwer fallen, aus diesen zusammengenommen ein lesenswertes “Jahrbuch” zusammenzustellen, das kaum weniger repräsentativ sein müßte als nur eins.
*) be-denklich ist ja nicht synonym zu bedenkentragend. (“Bedenklichen Inhalt melden” heißt es überall in den Kommunikatonsdiensten des Internets, eine Menschheit von Denunzianten).
Adelungs Wörterbuch unterscheidet:
Bedenklich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Im Bedenken, d. i. Nachdenken begriffen. Dieser einzige Umstand macht mich unruhig, macht mich bedenklich, Weiße. Man kann nicht zu bedenken wegen eines Standes seyn, der das Glück oder Unglück unsers Lebens bestimmen soll. Noch häufiger aber, 2) was Bedenken, Nachdenken oder Überlegung erfordert. Eine bedenkliche Sache. Ingleichen verdächtig, gefährlich. Dieser Antrag kömmt mir sehr bedenklich vor.
Das “Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache” von Klappenbach / Steinitz hat sogar 3 Bedeutungen:
-
- zweifelhaft, nicht ganz einwandfrei
- besorgniserregend
- zweifelnd, voll Sorge, Vorbehalt
Das ist vielleicht alles noch zu einseitig-negativ: seit wann ist Zweifel etwas Negatives? Ich zweifle an der Weisheit der Regierung (sie sollte froh sein, ist sie aber nicht). Ich stelle den Antrag, eine vierte, positive Bedeutung anzuerkennen: be-denklich, wert, bedacht zu werden. Bedenken 1) über etw. nachdenken, etw. überlegen; 2. jmdn. mit etw. beschenken. Liebe Leute, beschenkt die Liste, bedenkt das Jahrbuch: es hat es verdient!
(Wer den Link nicht bis zu Ende gelesen hat, sei versichert, daß die Formulierung über die “Bedenklichkeit” der Liste nicht Breuers, sondern meine ist. Breuer erklärt vielmehr verschiedene Ursachen des Fehlens. Ich benutze seine Liste zum Selber-Bedenken!)
17. Heinz Kahlau wird 80
Als Versemacher bezeichnete sich Heinz Kahlau einmal selbst und in seinem Gedicht „Bitte um Nachsicht“ heißt es: „Ich kann nur ganz einfache Sachen sagen“. Eitelkeit liegt Heinz Kahlau, einem der meist gelesenen deutschen Dichter, fern. An diesem Sonntag feiert Kahlau, der heute auf Usedom lebt, seinen 80. Geburtstag. In Millionen von Haushalten, vor allem in Ostdeutschland, wurden und werden seine Gedichte gelesen, die mittlerweile 20 Bände füllen. Zuletzt gab der Aufbau Verlag 2005 eine Gesamtausgabe unter dem Titel „Sämtliche Gedichte und andere Werke“ heraus. / Märkische Oderzeitung
Auf vier Millionen Exemplare beläuft sich die Gesamtauflage seiner Lyrikbände: Damit rangiert Heinz Kahlau weit vor anderen deutschen Erfolgsdichtern wie Peter Rühmkorf oder Hans Magnus Enzensberger. Seine Verssammlungen, unter denen „Der Fluss der Dinge“ und „Du“ herausragen, stießen von Anfang an auf große Resonanz. Wenn er zu DDR-Zeiten Signierstunden abhielt, bildeten sich Schlangen. Das ist vorbei. Aber er dichtet noch – am 6. Februar wird er 80. / Märkische Allgemeine
Mehr: ND / Freie Presse /
36. Heinz Kahlau dichtet also noch
“Macht macht dumm” – diese Zeile ist ihm jetzt eingefallen. Er hat sie in sein Notizbuch geschrieben. Vielleicht wird irgendwann ein Gedicht daraus. Heinz Kahlau dichtet also noch. “Solange der Kopf arbeitet, lässt er sich am Dichten nicht hindern”, sagt er und bläst genüsslich den Pfeifenrauch aus. Neulich seien ihm weitere Strophen zu einem vor Jahrzehnten geschriebenen Gedicht eingefallen – es war einfach noch nicht fertig.
Am 6. Februar wird Kahlau 80 Jahre alt. / Martina Krüger, Nordkurier
53. Meine Anthologie 53: Carl Michael Bellman, Epistel 82
Epistel Nr. 82
oder
unerwarteter Abschied von ULLA WINBLAD, mitgeteilt auf einem sommerlichen Frühstück im Grünen
Liebste, an dieser Quelle
ist unser Frühstück gleich zur Stelle.
Rotwein mit Pimpinelle
und Schnepfen sind der erste Gang …
ULLA, komm, laß uns trinken!
In unserm Korb die Flaschen winken.
Leer sie im Moos versinken
an diesem dufterfüllten Hang.
Dein Zaubertrank
macht uns auf alle Fälle
die Augen blank.
Liebste, an dieser Stelle
hör jetzt des Waldhorns süßen Klang/
des Waldhorns süßen Klang.
Lieblich wie auf Idyllen
im Grund der Wiese: Roß und Füllen.
Bald hört den Stier man brüllen,
bald einen Hund im Dorf wauwaun.
Gockel stelzt auf den Stiegen,
und alle Hühner möchten fliegen.
Schwalben ihr Köpfchen wiegen,
und eine Elster schwätzt im Zaun.
Stern aller Fraun! den Kessel komm nun füllen
und Kaffee braun…
Lieblich wie auf Idyllen
ist diese Szene anzuschaun/
die Szene anzuschaun.
Herrlich, schau in die Runde!
wie jetzt das Grün vom Wiesengrunde
eben, um diese Stunde,
steht vor der dunklen Tannenwand;
wie in der Bäume Schatten
gleich Laubengängen, dämmrig satten,
Wege durch helle Matten
sich winden in das Hügelland! …
Füll bis zum Rand
dies Glas und führ’s zum Munde,
mein Herzenspfand!
Herrlich, schau in die Runde!
umschlingt uns FLORAS buntes Band/
uns FLORAS buntes Band.
Sehet sich ULLA rühren,
beginnt das große Schnabulieren!
Keine kann so servieren
Olive und gekochtes Ei.
Seht sie den Löffel schwingen,
uns Rahm und Mandeltorte bringen;
sehet – vor allen Dingen -:
Ihr Busen hüpft so schön dabei!
Ein Huhn – zwei, drei -
es so geschickt tranchieren,
kann kein Lakei.
Sehet sich ULLA rühren
und schwitzen für die Schlemmerei/
für unsre Schlemmerei!
Blast jetzt, ihr Musikanten!
tobt wie die Windsbraut in den Wanten!
Tut eure Pflicht, Bacchanten,
laßt alte Tanten schrein und spein!
ULLA, prost! auf dein Feuer …
Die Hälfte, leider! schluckt die Steuer.
Kellner, der Spaß wird teuer
-schreib an und sack heut abend ein…
Dies Glas: uns zwein!
Und dies den Adoranten
der Wonnen dein!
Schmettert, ihr Musikanten,
ein Prost dem Ewig-durstig-sein/
dem Ewig-durstig-sein!
ULLA, hier unter Föhren,
mit Instrumenten und mit Chören,
sollst du es von mir hören:
Fahrwell! zum allerletzten Mal.
FREDMAN, dem rinnt die Zähre,
als wenn sein Tod beschlossen wäre.
Schon schnipselt KLOTHOS Schere
ihm einen Knopf vom Futteral …
Mein Herzgemahl,
laß kränzen dich in Ehren
zum Bacchanal!
ULLA, sei unter Föhren
Geliebte nun zum letzten Mal/
zum allerletzten Mal!
Deutsch von Fritz Graßhoff in: Bellman auf Deutsch. Fredmans Episteln. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg 1995, S. 245-247.
MP3-Datei dieses Liedes, gesungen von Dieter Süverkrüp, aus: Süverkrüp singt Graßhoffs Bellman. (gibts nicht mehr, 2010!) Südwestfunk. Conträr Musik Lübeck 1996 (Conträr fünf 4305-2) (5:50´, ca 5 MB)
Bestellmöglichkeit und Realplayer-Kostprobe auf der Seite von Conträr
(In den 70er Jahren als Studenten in Rostock hörten wir Bellman gesungen von Manfred Krug. Zitate daraus, wie: “Prost, Ulla!” [Prost, Ulla!] oder “Ausgenippet, umgekippet” , wurden uns sprichwörtliche Redensarten. Die zugehörige Buchausgabe: Carl Michael Bellman, Fredmans Episteln an diese und jene, aber hauptsächlich an Ulla Winblad. Leipzig: Reclam 1978. (Kein Taschenbuch, sondern ein bibliophiler Band, ausgestattet von Werner Klemke). Die Übersetzungen stammten von Hartmut Lange, Heinz Kahlau, Peter Hacks und Hubert Witt. Dieses, die berühmte Epistel Nr. 82, von Hacks. “Epistel 82″, das ist sogutwie “Sonett 66″ – Kenner wissen, was ich meine.
Die zweite Strophe heißt bei Hacks:
Lustig ist anzuschauen
Der alte Eber bei den Sauen,
Hör nur die Katz miauen
Und wie vergnügt der Hofhund bellt.
Gockelhahn will mit Schreien
Uns schönen Abend prophezeihen,
Rings tiriliert in Reihen
Die allerliebste Vogelwelt.
00Wenns dir gefällt,
Jetzt den Kaffee zu brauen,
00Topf aufgestellt!
Lustig sind anzuschauen
Die Tierlein all in Wald und Feld,
Die Tierlein in Wald und Feld.