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76. Gerocktes Inferno

Mary Jo Bang, die für ihren jüngsten Band —Elegy— 2007 den National Book Critics Circle Award erhielt, gibt eine superzeitgenössische (“über-contemporary”) postmoderne Übersetzung Dantes. Und, OMG (um eine Wendung zu benutzen, die sie darin hätte benutzen können aber nicht hat), Bang rockt und rollt das Gedicht herum bis es ihr eigenes wird; es ist faszinierend, manchmal schön und auch ein wenig bizarr.

Bang integriert moderne Bezüge aus Populärkultur (eine South-Park-Figur), Technologie (Smart card), Wetterphänomene (El Niño) und Alltagssprache (“Fighting our way up the ladder…”) und flicht Anspielungen auf John Coltrane, Fleetwood Mac, Joseph Cornell und den Wizard of Oz ein, ebenso Zitate von Eliot, Plath, Berryman und Browning.

Bangs elegante Worte erinnern uns daran, daß diese jahrhundertealte Geschichte noch immer wahr klingt: “What can hurt me here? What should I fear? / What beast can do me in that doesn’t live within? / One shouldn’t fear what isn’t.” * / Jim Carmin, Philadelphia Review of Books

‘INFERNO’
By Dante Alighieri
Translated by Mary Jo Bang
Drawings by Henrik Drescher
Published by Graywolf, 341 pages, $35

Morgen an der Harvard-Universität:

Wednesday, October 17, 6:00pm

OMNIGLOT SEMINAR: EXPERIMENTS AT THE BORDERS OF POETRY & TRANSLATION

Mary Jo Bang & Jennifer Scappettone

Mary Jo Bang (author of Elegy and the recent variations on Dante’s Inferno) and Jennifer Scappettone (translator of the award-winning Locomotrix: Selected Poetry and Prose of Amelia Rosselli and author of From Dame Quickly) explore the ways that their translation projects intersect with and enlarge their own poetics. The event will include readings and interactive discussions with the audience.

Woodberry Poetry Room, Lamont Library, Room 330.

Auf Deutsch:

Mary Jo Bang: Eskapaden
Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Barbara Thimm. Mit Illustrationen von Matt Kindt
luxbooks 2011

*) Die Stelle, vermutlich 2. Gesang 88-90? (hab die Übersetzung Mary Jo Bangs nicht zur Hand). Da spricht Beatrice zu Dantes Begleiter Vergil. In der Übersetzung Karl Wittes:

Furcht hegen soll man nur vor solchen Dingen,
die Schaden uns zu tun die Macht besitzen;
vor andren nicht, weil nichts an ihnen furchtbar.

In der neuen Prosaübersetzung von Hartmut Köhler:

Fürchten soll man sich nur vor solchen Dingen, die einem Schaden bringen können; vor anderen, die einen grundlos ängstigen, aber nicht.

Und bei Rudolf Borchardt:

Fürchten ist solche ding alleine schicklich,
die uns zu übele taugeten gereichen:
die andern nicht, denn sie sind unerschricklich.

79. Einladung, Dante zu lesen

Es ist nicht weiter verblüffend, dass ausgerechnet ein New Yorker Filmemacher Dantes Hölle nachbaut, denn der angelsächsische Raum pflegt bis in die jüngste Gegenwart hinein eine besondere Vorliebe für “Die Göttliche Komödie”. Jeder kennt sie, und sie ist Bestandteil der Moderne. Ezra Pound bezieht sich mit seinen Cantos auf den italienischen Dichter, T.S. Eliot widmet “The Waste Land” seinem Lehrmeister Pound mit dem Dante-Zitat “Il miglior fabbro” und variiert im gesamten Zyklus zahlreiche Motive Dantes. James Joyce beruft sich mit schöner Regelmäßigkeit wieder auf Dante, und Samuel Beckett trug sein Leben lang eine Taschenbuchausgabe der Göttlichen Komödie mit sich herum. …

Deutschland war bis ins 20. Jahrhundert hinein führend in der Dante-Forschung, aber im Unterschied zu England und den USA wird die “Göttliche Komödie” jenseits akademischer Pflichtübungen heute kaum noch gelesen.  …

Deutschland war bis ins 20. Jahrhundert hinein führend in der Dante-Forschung, aber im Unterschied zu England und den USA wird die “Göttliche Komödie” jenseits akademischer Pflichtübungen heute kaum noch gelesen. Auch deshalb ist es begrüßenswert, dass in den letzten Jahren zwei neue Übersetzungen erschienen sind. Neben der – noch nicht ganz abgeschlossenen – überaus geglückten, einfallsreichen Prosaübertragung von Hartmut Köhler im Reclam-Verlag liegt jetzt bei S. Fischer eine schön aufgemachte, zweibändige Ausgabe von Kurt Flasch vor. Seiner ebenfalls reimlosen Übersetzung stellt er einen Kommentarband zur Seite. …

Flaschs Entscheidung für Prosa ist richtig. Bei den Blankversen berühmter Übersetzungen von Karl Vossler und Hermann Gmelin stellt sich mittlerweile eine Art Schunkelgefühl ein, welches wenig mit dem vorantreibenden Endecasillabo des Originals zu tun hat. Die Besonderheit des italienischen Elfsilbers ist ohnehin nicht übertragbar. / Maike Albath, Die Welt

Dante Alighieri: Commedia. Bd.1: Commedia, in dt. Prosa; Bd.2: Einladung, Dante zu lesen von Kurt Flasch. Hg. und übersetzt von Kurt Flasch. S. Fischer, Frankfurt/M. 736 S., 98 Euro.

25. Dantes Fantasy

Hartmut Köhler übersetzt Dantes Göttliche Komödie, die größte Fantasy-Geschichte des Mittelalters, in Prosa und kommentiert gelehrt

Mit Dante sollte man es sich nicht zu schwer machen. Natürlich ist die “Göttliche Komödie” ein gelehrtes Weltgedicht aus Kosmologie, Theologie und dem historischen Wissen von Antike und Mittelalter. Die schwindelerregende Ordnung dieser Überlieferungen wirkt zwingend folgerichtig und unendlich ausdeutbar zugleich. Von einem “Meer des Sinns” hat jüngst der Romanist Karlheinz Stierle gesprochen. Aber je öfter man solche Qualitäten herausstreicht, umso erfolgreicher wird man neue Leser abschrecken.

Dann gerät ins Hintertreffen, dass hier zunächst eine anschauliche Geschichte erzählt wird, nämlich eine Jenseitsreise, die durch drei präzise gezeichnete Reiche führt: Die Hölle ist eine düster geschluchtete Berglandschaft mit Sandstürmen, Feuerregen und Eisseen; das Fegefeuer ein dagegen fast idyllisch anmutender Ort der Reinigung, mit Hirtengesängen, Frühlingsluft und weiten Ausblicken; das Paradies aber ein gleißender Himmel von Licht und Sternen, Klang und Gesang, der sich im abstrakten Fluten des Gottesbildes auflöst. Wir lesen die größte Fantasy-Geschichte des Mittelalters, bevölkert mit Teufeln, Monstern und Drachen, später von Engeln und Heiligen, vor allem aber den Seelen bedeutender Menschen – eine wahre Odyssee im Weltraum, die spannend bleibt bis zu den letzten Versen, wo dem Dichter die Sprache versagt und Gottes reine Liebe die Sonne und die anderen Sterne kreisen lässt. / Gustav Seibt, SZ 3.4.

DANTE ALIGHIERI: La Commedia. Die Göttliche Komödie. I. Inferno / Hölle. Italienisch / Deutsch. In Prosa übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2010. 562 Seiten, 27,95 Euro.