Getagged: Hans Bender
92. Benders vierzeilige Romane
In den späten Jahren ›erfand‹ sich Bender eine neue lyrische Form: den Vierzeiler. »Vierzeilige Romane« nennt Michael Krüger sie in der Laudatio zum Kölner Kulturpreis 2000 (HB: Ich erzähle, ich erinnere mich ∙ 2001). Dazu befragt, zitiert Bender gerne Czesław Miłosz: »Im Alter sollen Gedichte sich vereinfachen.« Eine erste schmale Sammlung erschien 2000 unter dem Titel Nachmittag. Ende September. Danach folgten die umfangreicheren Sammlungen Verweilen, gehen (2003), Wie es kommen wird (2009) und 2012 Auf meine Art. (…)
Volker Neuhaus (aus dem Brief an Hans Bender vom 17.2.2012): »eine Trouvaille neben der anderen, von dem geistreichen mot trouvé des Duns Scotus überBenn, Böll, Der eine Wunsch, Interview, Taubenbrunnen, Tauben, Spatzen, Hasenbrot bis zu im Grunde allem […] Sie ›können‹ es wirklich, auf Ihre Art«. »Ja, auf seine Art«, so Dieter Hoffmann, »eine leise, menschenfreundliche, in der Form so locker wie stimmig. Von wunderbarer Gelassenheit, keine Spur von Larmoyanz des Alters, das er aber beim Namen zu nennen nicht scheut.« (Gazzetta di Nittardi ∙ 2012). / Hans Georg Schwark, Matrix 29, digital bei KuNo.
88. Hans Bender
Während des gut halbstündigen Gesprächs erzählt Bender, wie er 1968 mit Friederike Mayröcker und Ernst Jandl im Kölner Café Reichert sitzt und durchs Fenster Paul Celan vorbeihetzen sieht, der ihm im Brief vom 18. Mai 1960 schreibt: Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte. Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Händedruck und Gedicht. Benders Arbeit als Akzente-Herausgeber kommt zur Sprache. 1965 bringt er, beispielsweise, erstmals Gedichte von Friederike Mayröcker… / Theo Breuer schreibt über Hans Bender, KuNo
15. Bender und Schoenberner
Zuerst Bender:
Der tote Gefangene.
Geschoren,
entkleidet,
auf den Schlitten,
tief im Schnee
nacktgebunden
mit zwei Schnüren.
Ein Hungernder zieht,
ein Spitzel schiebt,
ein Priester,
ohne Kreuz,
im Spurgeleis der Kufen.
Dann Schoenberner:
… Gierig kauend
gingen in Auschwitz
die nackten Gefangenen
die Gewehrläufe im Rücken
an die Schwarze Wand
Oder:
Grabinschrift / Gestorben in Nicaragua / im Winter 89 / an einer Kugel aus USA
Beide haben diesen konstatierenden Stil. Beide tendieren zur Idylle. Die muss kein bisschen entspannt oder selig sein. Es ist bei beiden eher eine Idylle des Grauens.
Bei Bender ist es ein in seinem Jahrhundert frierendes Ich. Bei Schoenberner ist es der andauernde tödliche Umstand der Zeitgeschichte. Wenn Hans Bender im D-Zug durch Südbaden fährt und draußen ein Haseforthoppelt im grünen Feld / aus Angst, dann steht bei Schoenberner: Und ich mit meiner keltischen Angst: / Der Himmel, der blaue, stürzt über uns ein.
(…)
Es ist kein härterer, kein genauerer Geschichtsunterricht denkbar als der, der so krass unterschiedlich in diesen Gedichten stattfindet. Das deutsche 20. Jahrhundert zweimal in »präziser, illusionsloser Klarheit«. Bei Bender erscheint Der Schulkamerad, jetzt ein alter Mann im Garten, aber: Trug er nicht / die schwarze Uniform / mit Orden. Runen / und dem Totenkopf? / Er reckt sich, / lächelt, / weil er mich / erkennt. / Und ich, der / sich erinnert / hebe schwer / die Hand / zum Gruß.
Gerhard Schoenberner im Kapitel Kein Frieden:
Was sie den Wehrlosen antaten / sollen sie erfahren, eins nach dem anderen / ohne Ausnahme, bis sie verrecken …
/ Martin Walser, Die Zeit
BENDER, Hans
O Abendstunde
Ausgewählte Gedichte, mit einem Nachwort von Arnold Stadler.
2011. 40 Seiten. Format 14 x 23 cm. Fadenheftung, broschiert.
1. Auflage dieser Ausgbe in 300 Exemplaren
ISBN: 943148-03-9. EURO 12,–
Gerhard Schoenberner
FAZIT
Prosagedichte
Literaturbibliothek
Hardcover
ISBN 3-88619-488-9
39. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (1)
Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift
Zusammengelesen von Theo Breuer, Mitarbeit Michael Gratz
Wird in den nächsten 6 Tagen in alphabetischer Folge ergänzt. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden. (Bitte erst unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen, hier also nur A + B. – Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)
Auf dem Weg in ein poetisches Neuland, den jedes gelungene Gedicht geht (und dem damit zugleich das Kunststück gelingt, dieses Neuland als längst vertraut erscheinen zu lassen), sind also die formalen Möglichkeiten so vielfältig wie die Anzahl denkbarer Gedichte, befreit von den Fesseln eines festgelegten Formenkanons.
Jan Wagner
- Silja Aðalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason und Björn Kozempel (Hg.): Isländische Lyrik. Berlin: Insel 2011. 223 S.
- Kurd Adler · Gedichte (edition grillenfänger 29). 34 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
- Gerd Adloff. Versensporn – Heft für lyrische Reize Nr. 4. Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena 2011.
- Pegah Ahmadi „Mir war nicht kalt“, Gedichte, Sujet Verlag 2011
- Ahne · Gedichte, die ich mal aufgeschrieben habe. Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2011., 95 Seiten.
- Bernhard Albers · Der Fall Michael Guttenbrunner. Eine Verteidigungsschrift (Guttenbrunner-Studien Bd. 3; Rimbaud-Taschenbuch Nr. 73). 8 Abb., 52 Seiten, brosch., Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
- Amanda Aizpuriete (Hg.): Kur Dieviņi paliksi. Wo Gott wirst du bleiben dann. Lettische Volkspoesie. Ausgewählt von Amanda Aizpuriete. Nachgedichtet von Manfred Peter Hein anhand der Übersetzung von Horst Bernhardt (Fäkätä 13). Queich Verlag Germersheim. Imprint des SAXA Verlags 2011. 20 S.
- Andreas Altmann · Axel Helbig (Hg.) ∙ Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte. Eine Anthologie aus Sachsen mit Gedichten von Uta Ackermann, Lars-Arvid Brischke, Uwe Claus, Renatus Deckert, Margot Ehrich, Swen Friedel, Peter Gosse, Martina Hefter, Jayne-Ann Igel, Manfred Jendryschik, Thilo Krause, Kito Lorenc, Dieter Mucke, Uwe Nösner, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke, Ulrike Almut Sandig, Sandra Trojan, Günter Ullmann, Guntram Vesper, Michael Wüstefeld, Ulrich Zieger u.v.a., Nachwort von Peter Geist, 400 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, poetenladen, Leipzig 2011.
- Klaus Anders · Andreas Struve (Hg.) · So schmeckt ein Stern. Norwegische Lyrik des 20. Jahrhunderts, übersetzt und kommentiert von Klaus Anders und Andreas Struve, Gedichte von Olaf Aukrust, Paul-Helge Haugen, Kristofer Uppdal u.v.a., 254 Seiten, Klappenbroschur, Edition Rugerup, Berlin · S-Hörby 2011.
- Eugénio de Andrade · Das Salz der Sprache & Die Furchen des Durstes – O Sal da Língua & Os Sulcos da Sede. Gedichte [zweisprachig]. Aus dem Portugiesischen von Juana und Tobias Burghardt. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt. 199 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
- Guillaume Apollinaire · Poesiealbum 294. Herausgegeben und ausgewählt von Richard Pietraß. Grafik Raoul Dufy. Märkischer Verlag Wilhemshorst 2011.
- Michael Arenz ∙ Noch nicht ganz aber fast, 42 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2011.
- Michael Arenz (Hg.) ∙ Der Mongole wartet. Zeitschrift für Literatur und Kunst, 22. Ausgabe: Lyrik ∙ Prosa ∙ bildende Kunst, Gedichte Michael Arenz ∙ Peter Ettl ∙ Bernd harlem Fischle ∙ Erna Fitzner ∙ Florian Günther ∙ Kai Pohl ∙ Ruth Velser ∙ Johannes Witek ∙ Maximilian Zander, 504 Seiten, Zenon Verlag, Düsseldorf 2011.
- Tone Avenstroup, Stefan Döring, Bert Papenfuß, Michael Peschke, Stefan Ret, Hugo Velarde (Hg.): Gegner. Quartalsschrift. H. 29, September 2011. Gedichte von Jóanes Nielsen, Prosa von Lothar Trolle, Ilia Kitup, Johannes Jansen u.v.a.
- Bassirou Ayeva, Cahier D’exil, Gedichte französisch-deutsch, Sujet Verlag 2011
- “Matthias” BAADER Holst· Versensporn 2. Exdition Poesie schmeckt gut. Jena 2011
- Ulrike Bail ∙ wundklee streut aus. 47 gedichte über theodora, 103 Seiten, Broschur, CONTE Verlag, Saarbrücken 2011.
- Hugo Ball ∙ Zinnoberzack, Zeter und Mordio. Alle DADA-Texte, herausgegeben von Eckhard Faul, 144 Seiten, Klappenbroschur, Wallstein Verlag, Göttingen 2011.
- Hans Jürgen Balmes, Jörg Bong, Alexander Roesler und Oliver Vogel (Hg.): Neue Rundschau, 122. Jahrgang, Heft 1/ 2011. Thesen zur Literaturkritik. Lyrikosmose 3, zusammengestellt von Michael Braun und Michael Lentz, Gedichte von Konstantin Ames, Franz Richard Behrens, Ulrich Koch, Dagmara Kraus, Renate Rasp, Werner Riegel, Jürgen Theobaldy. Carte Blanche, Gedichte von Uwe Dick. 248 S.
- Mary Jo Bang, Eskapaden, luxbooks, 2011.
- Maximilian Barck (Hg.): Kunst- und Literaturzeitschrift HERZATTACKE. Sonderband 2011: Wolfgang Hilbig. Mit Texten von Andreas Altmann, Maximilian Barck, Rita Bischof, Thomas Böhme, Rene Char, Francis Scott Fitzgerald, Eberhard Häfner, Andreas Koziol, E. O. Kuilman, Stéphane Mallarmé, Thomas Martin, Gérard de Nerval, Gert Neumann, Philipp Passeur, Simone Katrin Paul, Arthur Rimbaud, André Schinkel und Ilona Stumpe-Speer. Kunstverein HERZATTACKE e. V.
- Roland Bärwinkel: Bevor es zu spät wird. Wartburg Verlag: Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen, Band 34.
- Christoph W. Bauer: getaktet in herzstärkender fremde. Haymon. 20 Seiten
- Christoph W. Bauer: mein lieben mein hassen mein mittendrin du. Haymon. 89 Seiten
- Sandra Beasley: Die Abtastnadel in der Rille eines traurigen Lieds. Gedichte (übersetzt von Ron Winkler), hochroth Verlag 2011.
- BELLA triste 30. [Pappschachtel] Beiträge von Niklas Bardeli ∙ Christian Filips ∙ Monika Rinck ∙ Bo Wiget ∙ Dieter M. Gräf ∙ Hendrik Jackson ∙ Judith Schalansky ∙ Marius Schmidt ∙ Philipp Schönthaler ∙ Michael Stavaric ∙ Laetizia Praiss ∙ Andreas Töpfer ∙ Robert Wenrich ∙ Uljana Wolf ∙ Christian Hawkey
- Hans Bender ∙ O Abendstunde. Ausgewählte Gedichte, mit einem Nachwort von Arnold Stadler, 40 Seiten, handfadengebundene Broschur, Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2011.
- Timo Berger, Rike Bolte, Juan Carlos Guédez Méndez, Enno Stahl (Hg.): Frachtgut Überseepoesie (Latinale 2011). Remesa Poética de Ultramar: Neue Gedichte aus Lateinamerika und Deutschland / Nuevos Poemas de Latinoamérica y Alemania«. Mit llustrationen von Mónica León, unter Verwendung des Logo von Ana Albero. Mit Gedichten von Luis Alberto Arellano, Damaris Calderón, Luis Chaves, Martín Gambarotta, Maricela Guerrero, Victoria Guerrero, Adrian Kasnitz, Odile Kennel, Björn Kuhligk, Stan Lafleur, Swantje Lichtenstein, Marie T. Martin, Benjamín Moreno, Jinn Pogy, Minerva Reynosa, Monika Rinck, Tom Schulz, Enno Stahl, Ernesto Suárez, Andira Watson, Uljana Wolf. sUkUltUr, November 2011.
- Aloysius Bertrand, Gaspard de la nuit, Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Buchmann, Reinecke & Voß, Leipzig 2011, 150 Seiten.
- Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Nachdichtungen und Adaptionen. Hoffmann und Campe 2011, 526 S. Aus dem Griechischen, Portugiesischen, Spanischen, Koreanischen, Tschechischen, Italienischen, Schwyzerdütschen, Schwedischen, Englischen, Russischen, Hebräischen, Jiddischen, Lettischen, Finnischen, Litauischen, Estnischen, Französischen. Texte u.a. von José Marti, Ernesto Cardenal, Victor Jara, Giacomo Leopardi, Mani Matter, William Shakespeare, Robert Burns, William Butler Yeats, Andrew Marvell, Robert Frost, John Keats, John Donne, e.e. cummings, W.H. Auden, George Orwell, Dylan Thomas, Bob Dylan, Bulat Okudshawa, Sergej Jessenin, Novella Matwejewa, Wladimir Wyssozki, Andrej Wosnessenski, Julij Daniel, Jizchak Katzenelson, Elie Wiesel, Hirsch Glik, Uri Zvi Grinberg, Mordechaj Gebirtig, Pierre-Jean de Béranger, Boris Vian, Louis Aragon, Jacques Prévert, George Brassens, Guillaume Apollinaire, Paul Verlaine, Arthur Rimbaud.
- Bilhana: Gestohlene Lust. Hg. u. aus dem Sanskrit übersetzt von Albertine Trutmann. München: C.H. beck textura 2011. 128 S.
- Horst Bingel, Stafettenlauf. Gedichte aus dem Nachlaß. Corvinus Presse
- Paulus Böhmer ∙ Teigwaren auf der Terrasse nachts. 36 Seiten. Ostheim/Rhön, Peter Engstler 2011.
- Dietrich Bode (Hg.): Blumen, Gärten, Landschaften. Bilder und Gedichte. Reclam. 183 Seiten, 75 farbige Abbildungen (Gestaltung: Susanne Zippel).
- Rike Bolte und Ulrike Prinz (Hg.): Transversalia. Horizontes con versos. Horizonte in verkehrten Versen. Verlagshaus J. Frank. Quartheft 31, Edition Polyphon. 220 S.
- Jürgen Born: Endlosreise. (Schock Edition Fünf mal zwölf Gedichte Herausgegeben von Kai Pohl)
- Nora Bossong ∙ Sommer vor den Mauern, 96 Seiten, Hardcover, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2011.
- Michael Braun · Kathrin Dittner · Martin Rector (Hg.): Gegenstrophe. Blätter zur Lyrik 3. Mit Texten und Gedichten von Paulus Böhmer · Michael Braun · Cornelia Jentzsch · Simone Kornappel · Michael Krüger · Nadja Küchenmeister · Michael Lentz · Dirk von Petersdorff · Marion Poschmann · Martin Rector · Bertram Reinecke · Jan Volker Röhnert · Àxel Sanjosé · Jan Wagner · Levin Westermann. 120 Seiten, Hardcover, Wehrhahn Verlag, Hannover 2011. (http://www.wehrhahn-verlag.de/index.php?section=03&subsection=details&id=596)
- Michael Braun (Hg.): Lyrikkalender 2012. 740 Seiten, Tagesabreißkalender zum Stellen und Hängen, Verlag das Wunderhorn, Heidelberg 2011 (http://www.wunderhorn.de/wunderhorn/content/buecher/pool/978_3_88423_365_8/index_ger.html)
- Bess Brenck-Kalischer. Versensporn – Heft für lyrische Reize Nr. 3. Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena 2011.
- Tom Bresemann · Berliner Fenster, 94 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Berlin Verlag, Berlin 2011.
- Rainer Weiss, Martin Bruch (Hg.): „Kein herz ungeteilt”. 99 Haiku von Frauen. Frankfurt/Main: Weissbooks 2011. 96 S. Mit Farbseiten zum Ausklappen, Illustrationen im Siebdruck. Beiträge von Barbara Bongartz, Daniela Danz, Tanja Dückers, Nora Gomringer, Martina Hefter, Ursula Krechel, Swantje Lichtenstein, Elsemarie Maletzke, Ilma Rakusa, Silke Scheuermann, Sabine Scho, Anja Utler u.a.
- Helwig Brunner. Vorläufige Tage: Prosagedichte. Leykam
- Helwig Brunner + Stefan Schmitzer. gemacht/gedicht/gefunden: über lyrik streiten. Droschl.
- Werner Bucher ∙ Spazieren mit dem gelbgrünen Puma, 98 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag, Verlag im Waldgut, CH-Frauenfeld 2011.
- Werner Bucher · Malcolm Green · Spazieren mit dem gelbgrünen Puma, CD und Booklet, orte-Verlag, CH-Oberegg 2011.
- Werner Bucher · Rütegger Gedichte, 108 Seiten, Klappbroschur, orte-Verlag, CH-Oberegg 2011.
- Werner Bucher ∙ Jolanda Fäh ∙ Virgilio Masciadri (Hg.) ∙ Poesie Agenda 2012, Cartoons, ∙ Gedichte, ∙ Bilder ∙ Zitate von Michael Arenz ∙ Hans Bender ∙ Gottfried Benn ∙ Claus Bremer ∙ Blaise Cendrars ∙ René Char ∙ Simon Dach ∙ Margot Ehrich ∙ Peter Ettl ∙ Lawrence Ferlinghetti ∙ Brigitte Fuchs ∙ Alexander Xaver Gwerder ∙ Friedrich Hölderlin ∙ Hadayatullah Hübsch ∙ Alfred Ilk ∙ Klabund ∙ Axel Kutsch ∙ Ivo Ledergerber ∙ Erwin Messmer ∙ Andreas Noga ∙ Frank O’Hara ∙ Vera Piller ∙ Salvatore Quasimodo ∙ Joachim Ringelnatz ∙ Christian Saalberg ∙ Barbara Traber ∙ Jürgen Völkert-Marten ∙ William Carlos Williams ∙ Maximilian Zander u.v.a., 256 Seiten, Broschur, orte-Verlag, CH-Oberegg 2011.
- Werner Bucher ∙ Virgilio Masciadri (Hg.) orte. Schweizer Literaturzeitschrift. Nr. 167, Mai/Juni 2011. Sag was zur Nacht – oder: die Gomringers sind hier. Enthält: Werner Bucher: Claus Bremer – von der konkreten Poesie bis zur Einsicht, dass wir andere sind. Gedichte von Eugen Gomringer, Nora Gomringer, Virgilio Masciadri; Beiträge über Eugen Gomringer, Nora Gomringer, Forugh Farrokhzad.
- Christoph Buchwald ∙ Kathrin Schmidt (Hg.) ∙ Jahrbuch der Lyrik 2011, Gedichte von 138 Autorinnen und Autoren, darunter Urs Allemann ∙ Friedrich Ani ∙ Anke Bastrop ∙ Thomas Böhme ∙ Mara-Daria Cojocaru ∙ Crauss ∙ Carolin Dabrowski ∙ Róža Domašcyna ∙ Elke Engelhardt ∙ Elke Erb ∙ Karin Fellner ∙ Ludwig Fels ∙ Mara Genschel ∙ Tina Ilse Gintrowski ∙ Caroline Hartge ∙ Michael Hüttenberger ∙ Jan Imgrund ∙ Magdalena Jagelke ∙ Manfred Jendryschik ∙ Synke Köhler ∙ Axel Kutsch ∙ Christian Lehnert ∙ Vesna Lubina ∙ Marie T. Martin ∙ Friederike Mayröcker ∙ Marcus Neuert ∙ Harry Oberländer ∙ Hellmuth Opitz ∙ Eva Paula Pick ∙ Richard Pietraß ∙ Jan Volker Röhnert ∙ Hendrik Rost ∙ Ulrike Almut Sandig ∙ Vera Schindler-Wunderlich ∙ Marita Tank ∙ Hans Thill ∙ Isabella Vogel ∙ Ernest Wichner ∙ Bastian Winkler ∙ Eva Christina Zeller ∙ Michael Zoch u.v.a., Essays von Jürgen Brôcan · Andre Rudolph · Christa Wißkirchen u.v.a., Nachworte von Christoph Buchwald und Kathrin Schmidt, 272 Seiten, Klappenbroschur, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011.
- Hansjürgen Bulkowski, Und wie! Corvinus Presse.
- Hans Georg Bulla, „Wechselgetriebe – Ausgewählte Gedichte und Notate“, herausgegeben von Gerd Kolter, mit Zeichnungen von Peter Marggraf und einem Nachwort von Hermann Kinder, 174 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, Bücher der Nyland-Stiftung, Köln, Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2011.
- Erika Burkart: Nachtschicht. / Ernst Halter: Schattenzone. Weissbooks. 150 S.
- John Burnside · Versuch über das Licht, zweisprachige Ausgabe, aus dem Englischen und mit einem Nachwort versehen von Iain Galbraith, 138 Seiten, Hardcover, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2011.
- Matthias Buth, Weltummundung, Gedichte, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2011.
55. Im Jahrbuch – und nicht im Jahrbuch
Im Poetenladen zeichnet Theo Breuer die Geschichte der neueren deutschen Lyrik u.a. anhand des ersten und des bislang letzten Gedichts in den nun 28 Folgen des Jahrbuchs der Lyrik:
Die rasante Entwicklung der Lyrik im deutschen Sprachraum, die gegen Ende der 1980er Jahre gleichsam mit quietschenden Reifen durchstartet, zu neuen Ufern - ins Offene – aufbricht (Kling, Grünbein, Papenfuß, Waterhouse preschen voran) läßt sich beim Vergleich der 28 Jahrbücher auf fabelhafte Art und Weise ablesen. Das erste Gedicht in der Geschichte des Jahrbuchs der Lyrik – Jahrbuch der Lyrik 1 · 1979 – ist von Hajo Antpöhler:
ENDE MÄRZ,
flach die Gegend,
schön so,
auf ner Wiese
steht noch ne
Kabelrolle.
Das Gedicht zitiere ich immer mal bei Telefonaten mit Schreibkollegen. Die Reaktion ist stets die gleiche: Am anderen Ende wartet der Gesprächspartner darauf, daß ich fortfahre, und ich sehe mich gezwungen, jedesmal zu versichern: Nein, hier fehlt nichts. Das vorläufig letzte Gedicht – aus dem Jahrbuch der Lyrik 2011 – klingt so:
Geschäftsbericht
Dieses Jahr wieder ein, zwei Wahrheiten in den
Onlineschlagzeilen, die wie immer
schon wussten, wie damals bei der Erfindung des Gleitschirms.
Der Paarmensch von heute erwähnt im Schlafzimmer
nur das Positive, Betriebe überleben, wenn sie wachsen,
lebende Organismen oft noch ein Stück danach. Sind
die Grauwerte ausgelagert, werden Berichte zu einer notorisch
verspäteten Gattung. Worüber sollen wir noch reden?
Lacher wirken verdächtig. Das 21. Jahrhundert ist eben
gelandet, so früh hat es niemand erwartet. Jetzt stehen wir, rührselig,
uns nur noch selbst im Weg. Der Rest ist Arithmetik.
Die Pessimismen von früher dürfen belächelt werden. Ein Tor ist,
wer seine Träume nicht umbenennt. Der Ton ist härter geworden zwischen
den Geschlechtern. Für Nostalgien habe er
keine Zeit mehr, meinte kürzlich ein Bekannter.
Gestern das Telefonat mit den Eltern: Sie mischen
noch mit. Eine Generation weit weg, und so viel Misstrauen schon.
Gesenkt werden konnten die Kosten für Kommunikation.
Andreas Münzner
Außerdem in einem Alphabet, das Eichelhäher · Exemplarisch, fragiles fragment, Lyrikleselust, Neugier und Quälgeister einschließt sowie in diversen Texten und nützlichen Listen, darunter auch diese ziemlich be-denkliche*:
Michael Arenz · Rose Ausländer · Hans Bender · Wolf Biermann · Beat Brechbühl · Werner Bucher · Joseph Buhl · Erika Burkart · Hanns Cibulka · Zehra Çirak · Klaus Peter Dencker · Hilde Domin · Hans Eichhorn · Erwin Einzinger · Peter Engstler · Peter Ettl · Jan Faktor · Jörg Fauser · Günter Grass · Helmut Heißenbüttel · Dieter Hoffmann · Sabine Imhof · Peter Jokostra · Heinz Kahlau · Reiner Kunze · Richard Leising · Christoph Leisten · Peter Maiwald · Dieter P. Meier-Lenz · Frank Milautzcki · Heiner Müller · Peter Horst Neumann · Andreas Noga · René Oberholzer · José F. A. Oliver · Johannes Poethen · Reinhard Priessnitz · Christa Reinig · Francisca Ricinski · Doris Runge · Robert Schindel · Gerd Sonntag · Peter Turrini · Günter Ullmann · Olaf Velte · Jürgen Völkert-Marten · A. J. Weigoni · Wolf Wondratschek · Peter-Paul Zahl · Maximilian Zander gehör(t)en zu den in der Lyrikwelt beheimateten Lyrikerinnen und Lyrikern, von denen (bislang) kein Gedicht im Jahrbuch der Lyrik publiziert wurde.
Fürwahr eine interessante Liste. Sehr unterschiedliche Verfasser, die man nicht in zwei sondern drei vier viele Parteien einordnen mag. Es würde kaum schwer fallen, aus diesen zusammengenommen ein lesenswertes “Jahrbuch” zusammenzustellen, das kaum weniger repräsentativ sein müßte als nur eins.
*) be-denklich ist ja nicht synonym zu bedenkentragend. (“Bedenklichen Inhalt melden” heißt es überall in den Kommunikatonsdiensten des Internets, eine Menschheit von Denunzianten).
Adelungs Wörterbuch unterscheidet:
Bedenklich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Im Bedenken, d. i. Nachdenken begriffen. Dieser einzige Umstand macht mich unruhig, macht mich bedenklich, Weiße. Man kann nicht zu bedenken wegen eines Standes seyn, der das Glück oder Unglück unsers Lebens bestimmen soll. Noch häufiger aber, 2) was Bedenken, Nachdenken oder Überlegung erfordert. Eine bedenkliche Sache. Ingleichen verdächtig, gefährlich. Dieser Antrag kömmt mir sehr bedenklich vor.
Das “Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache” von Klappenbach / Steinitz hat sogar 3 Bedeutungen:
-
- zweifelhaft, nicht ganz einwandfrei
- besorgniserregend
- zweifelnd, voll Sorge, Vorbehalt
Das ist vielleicht alles noch zu einseitig-negativ: seit wann ist Zweifel etwas Negatives? Ich zweifle an der Weisheit der Regierung (sie sollte froh sein, ist sie aber nicht). Ich stelle den Antrag, eine vierte, positive Bedeutung anzuerkennen: be-denklich, wert, bedacht zu werden. Bedenken 1) über etw. nachdenken, etw. überlegen; 2. jmdn. mit etw. beschenken. Liebe Leute, beschenkt die Liste, bedenkt das Jahrbuch: es hat es verdient!
(Wer den Link nicht bis zu Ende gelesen hat, sei versichert, daß die Formulierung über die “Bedenklichkeit” der Liste nicht Breuers, sondern meine ist. Breuer erklärt vielmehr verschiedene Ursachen des Fehlens. Ich benutze seine Liste zum Selber-Bedenken!)
57. Rumänien vorn!
Benn habe Brecht überholt, meldete eine durchaus verdienstvolle Lyrikzeitschrift, die es versteht, jedes neue Heft in die Medien zu bringen (jüngst wegen eines bayrischen Kreuzzugs gegen dieselbe). Ich sage garnichts dagegen, das ist auch eine Kunst. Wie jetzt so damals griffen es Spiegel & Co. auf. (Auch eine sich “jung” und “frei” nennende Zeitung, die hämisch getitelt haben soll: “Zwei Faschisten vorn”. Der zweite war Ezra Pound, der die Umfrage nach dem außerdeutschen Dichter gewonnen hatte. “Faschisten” lassen die sich nicht nennen, aber haben doch ihre Freude dran. Hallo Jungs: tut mir leid, aber die beiden kann ich euch grad nicht überlassen!)
Vielleicht war die Datenbasis jener Lyrikzeitschrift ja zu schmal. Statistiker können das exakt ausrechnen. Seis drum. Auch meine “Umfrage” ist keineswegs repräsentativ. Seit die Lyrikzeitung ins Bloggen kam, zählt WordPress die Schlagwörter (sie nennen sie “tags”). Seit Sommer 2009 also kam dieses Rangliste zusammen:
- FRIEDERIKE MAYRÖCKER 61
- PAUL CELAN 59
- ULF STOLTERFOHT 52
- FRIEDRICH HÖLDERLIN 49
- OSKAR PASTIOR 49
- JOHANN WOLFGANG GOETHE 48
- JAN WAGNER 47
- BERTOLT BRECHT 46
- GOTTFRIED BENN 44
- HERTA MÜLLER 44
- RON WINKLER 44
- ERNST JANDL 43
Da ich praktisch jede mir vorfallende Nennung des Namens Benn hier vermelde, geht das Rennen hier also anders aus. (Und ich habe nicht 50 oder 70 Leute befragt, sondern 2743 Artikel, wenn ich den vorliegenden nicht mitzähle. Insgesamt 6238 Tags. Das Rennen geht weiter.)
Die “Nationenwertung” aber geht klar für 1. Rumänien, 2. Schwaben, 3. Österreich aus!
Unter den 10.387 Meldungen des alten Archivs bis Sommer 2009 seit Januar 2001 sieht es übrigens so aus:
- Benn 110
- Brecht 64
Sonst, Stichproben:
- Hölderlin 251
- Kling 147
- Mandelstam 77
Also wer da einen Trend sehen will: bittesehr!
26. Breuer liest
Ich fiebre Rolf Bosserts gesammelten Gedichten in Ich steh auf den Treppen des Winds entgegen, die Gerhardt Csejka 2006 herausgab und die der Postbote zusammen mit einem Brief Hans Benders überreicht. Rolf Bossert (1952–1986), von dem Name und einzelne Gedichte (gelesen, beispielsweise, in Der Große Conrady und Hans Benders Was sind das für Zeiten) mir seit Jahren geläufig sind, dem ich aber bis heute, wie, beispielsweise, auch Horst Samson oder William Totok, nicht die Aufmerksamkeit schenkte wie anderen rumänendeutschen Dichtern, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben: Klaus Hensel · Franz Hodjak · Johann Lippet · Georg Maurer · Herta Müller · Oskar Pastior · Carmen Elisabeth Puchianu · Dieter Schlesak · Klaus F. Schneider · Werner Söllner · Ernest Wichner · Richard Wagner, deren Gedichtbücher und Romane mich seit vielen Jahren begleiten. …
Samson schreibt:
Ich bin – nach Günter Eichschem Vorbild – mit einem Teil meines „Frühwerks“ seit einiger Zeit auf Lesersuche. Das klappt schlecht. Ich gebe das zu, denn obwohl ich durchaus bereit bin, meine Bücher sogar zu verschenken, will sie kaum einer haben. Ich kann das verstehen, wenn ich es auch nicht verstehe. Klar ist mir auch in diesen Jahren des Exils nicht entgangen, dass das Leben hier im Westen vor allem ein Kampf ist, ein Kampf gegen den Staub und das Papier und die Lyrik.
Spontan wähle ich Samsons Nummer in Neuberg und höre die automatisierte Stimme eines Anrufbeantworters. Am späten Nachmittag erreiche ich Samsons sehr freundliche Frau, mit der ich mich angeregt über Lyriker (vor allem Horst Samson) und Lyrik (vor allem Horst Samsons Gedichte) unterhalte. Danach lese ich viele Gedichte in Und wenn du willst, vergiss ein zweites Mal. Der Abend ist bereits jetzt gerettet. (Was morgen sein wird, darauf pfeif ich in diesem Augenblick mit dem Wind, der durch Bosserts und Samsons Verse weht, und vergessen wird hier gar nichts. Jedenfalls nichts Lyrisches.)
/ THEO BREUER, Titel-Magazin
Rolf Bossert: Ich steh auf den Treppen des Winds
Gesammelte Gedichte 1972-1985
Herausgegeben von Gerhardt Csejka
Frankfurt/M.: Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung 2006. 352 Seiten. 24,90 Euro
Horst Samson: Und wenn du willst, vergiss
Gedichte aus den Jahren 1981 bis 1994
Ludwigsburg: Pop Verlag 2010. 130 Seiten. 14,90 Euro
1. Windschiefes Lyrikhaus mit risk und fun
Während es im Vorwort von Der Große Conrady heißt, daß man, vor allem (aber nicht nur) im Kompartiment der zeitgenössischen Gedichte eher auf Dokumentation als auf Kanonbildung aus sei, da wohl erst die Nachwelt mit naturgemäß distanzierterem Blick feststellen könne, welche Verse die Zeiten überleben, schlagen Michael Lentz und Michael Opitz als Herausgeber der Anthologie In diesem Land. Gedichte aus den Jahren 1990 bis 2010 (bewußt an Adolf Endlers und Karl Mickels In diesem besseren Land von 1966 sowie Hans Benders In diesem Lande leben wir von 1978 anklingend) den umgekehrten Weg ein und betonen, daß sie Gedichte ausgewählt haben, von denen [sie] überzeugt sind, dass sie bleiben werden.
Während meiner Non-stop-Rundfahrt durch In diesem Land lese ich dieser Aussage zum Trotz eine Reihe von Gedichten, die ich nicht so geglückt finden kann, um davon aus zugehen, daß sie in 25, 50 oder 100 Jahren noch gelesen werden. Ich wette jedenfalls: nein. Davon abgesehen, stellen die fulminanten, originellen, schönen In-diesem-Land-Gedichte locker und wie selbstverständlich die absolute, nein, totale Mehrheit – schon der energisch zu packende, erdige Auftakt mit Henning Ahrens’ Bekenntnis ist verheißungsvoll, und Jürgen Becker, Elke Erb, Gerhard Falkner, Heiner Müller, Thomas Kling, Helga M. Novak, Brigitte Oleschinski, Oskar Pastior, Ernest Wichner, ach, es ist müßig, sie alle aufzuzählen, folgen mit zum Teil spektakulären Versfolgen. …
Sind bis zu rund 10 Seiten pro Autor, bei jeweils vier Gedichten, womöglich zuviel für einen Überblick dieser Art mit einem Umfang von nahezu 650 Seiten und dem Anspruch, daß unsere Anthologie das dichterische Schaffen der letzten zwanzig Jahre resümiert und das Spektrum durchaus weit zu fassen? Gewichtungen von einer bis fünf, sechs Seiten hätten viel freien Platz schaffen können für das Drittel, das 50 Lücken schließen würde. Denn auch Gedichte von C. W. Aigner, Beat Brechbühl, Ann Cotten, Guillermo Deisler, Peter Engstler, Ludwig Fels, Franzobel, Nora Gomringer, Hadayatullah Hübsch, Sabine Imhof, Ulrich Koch, Jean Krier, Nadja Küchenmeister, Thomas Kunst, Philipp Luidl, Rainer Malkowski, Jörg Neugebauer, Andreas Okopenko, Vera Piller, Hendrik Rost, Helmut Salzinger, Robert Schindel (Die Lyrik hat es schwer, aber sie wird nicht untergehen), Johann P. Tammen, Christian Uetz, Günter Vallaster, Christoph Wenzel und Ulrich Zieger wären alles andere als fehl am Platz in einer mit repräsentativem Anspruch antretenden Lyrikauswahl deutscher Gedichte der Jahre 1990 bis 2010. …
In diesem Land ist ein windschiefes Lyrikhaus mit löchrigen Wänden und einer Reihe fehlender Ecksteine, die den ganzen Bau auf riskante Art und Weise in Umsturzgefahr bringen. Aber – in einem solchen Haus, in dem ich so manches Erwartete nicht vorfinde und in dem der Boden unter den Füßen nachgibt, halte ich mich immer wieder gern auf, no risk, no fun, lobe den Hausherrn über den grünen Tee und führe entflammte Gespräche. / The Breuer*), Poetenladen
Michael Lentz · Michael Opitz (Hg.), In diesem Land. Gedichte aus den Jahren 1990-2010 von 101 Autorinnen und Autoren, darunter Marcel Beyer, Nico Bleutge, Mirko Bonné, Thomas Brasch, Ulrike Draesner, Anne Duden, Hans Magnus Enzensberger, Hartmut Geerken, Eberhard Häfner, Ulla Hahn, Wolfgang Hilbig, Rainer Kirsch, Wulf Kirsten, Karin Kiwus, Uwe Kolbe, Christine Koschel, Michael Krüger, Richard Leising, Kito Lorenc, Christoph Meckel, Franz Mon, Herta Müller, Monika Rinck, Tom Schulz und Paul Wühr, Nachwort der Herausgeber, 637 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2010.
*) den Tippfehler will ich dann doch stehen lassen
30. Hand des Dichters
Oft ist es auch die Hand des Dichters, die einen sinnlichen Kontakt mit den Dingen herstellt und die orientierenden Zeichen entwirft, die es für einige Augenblicke ermöglichen, mit der Welt in Berührung zu kommen: „Eine Hand winkt flattert flackert / eine Stille blickt mich / mit forschenden Augen an // diese dunkel gekleidete Stille / ist mir Geliebte / und Abendkühle zugleich“.
Die Hand ist seit jeher das zentrale poetische Wahrnehmungsinstrument, das Werner Lutz zur Erkundung der Welt einsetzt. In seinem jüngstem Band „Kussnester“ (Waldgut Verlag) spricht er vom „Glücksgefühl der Hand“, das nicht nur erlaubt, „Linien zu ziehen durch den Morgen“, sondern ans Herz der Dinge rührt. Damit nimmt Lutz eine Maxime Paul Celans auf: „Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte.“ Während Celan bald nach der Niederschrift dieses Satzes seine Gedichte in verzweifelte Negativität trieb, beharrte Lutz von Beginn seiner künstlerischen Arbeit an auf der sinnlichen Energie des poetischen Hand-Werks. Es ist mittlerweile schon über ein halbes Jahrhundert her, seit er von den berühmten Dichterkollegen Hans Bender und Rainer Brambach entdeckt wurde. Man mokierte sich damals über den „störrischen Kerl“, weil er sich zunächst gegen die Veröffentlichung seiner Gedichte wehrte. Es dauerte bis zum Jahr 1979, bis im Suhrkamp Verlag Lutz´ Debütbuch „Ich brauche dieses Leben“ erscheinen konnte. Die Wahrnehmungsgeduld und die Sehnsucht nach einer innigen Verbindung zu den Dingen hat er sich bis heute bewahrt. „Fast klösterlich“, nennt Lutz sein Schreib- und Malerleben in seiner kleinen Basler Dachwohnung, „nur die Kutte fehlt.“ Was indes nicht fehlt, ist die kontemplative Innigkeit, mit der sich dieser Meister der Stille den Naturstoffen widmet – und sich schliesslich in die Lüfte erhebt: „Es fliegt sich leichter / mit leeren Händen“. / Michael Braun, Basler Zeitung 3.9.
140. Nach fünfzig Jahren funktionslos geworden
sei die Literaturzeitschrift “Akzente”, legt zumindest Matthias Beilein anlässlich seiner kenntnisreichen Besprechung einer Monografie über diese Zeitschrift von Susanne Krohne nahe, die im Hanser Verlag erschien. IASL online