Getagged: Günter Grass

107. Dieses sogenannte Reale

Korbinian Frenzel: Wenn wir noch mal auf die generelle Bedeutung von Gedichten schauen – das letzte Mal, dass ein Gedicht öffentlich wirklich hohe Wellen geschlagen hat, war das Gedicht von Günter Grass, „Was gesagt werden muss“. Darin hat er ja Israel schwer angegriffen. Sie haben damals eine Art Gegenposition eingenommen, nicht inhaltlich, sondern eher in der Frage, was Dichtung soll. Sie legt sich, haben Sie damals geschrieben, nicht mit der Realität an. Darüber bin ich ein bisschen hängen geblieben, über dieser Formulierung, weil das für mich so klingt wie ein literarisches Biedermeier, wo man sich wohl fühlen kann.

Durs Grünbein: Nein. Ich habe mal an anderer Stelle gesagt, in einem Gedicht, um es vielleicht mal so kurz wie möglich für mich, übrigens nur für mich zu definieren, was das ganze soll, gefragt, was es eigentlich ist, das Poetische: Es geht auch um die Besonnenheit traumdichter Bilder in der Bananenrepublik des Realen. Ich habe also gesagt, okay, dieses Reale, was uns immer umgibt, dass wir auch alle sehr gut kennen, das wird ein bisschen, wenn man diesen Abstand hat, selber zu einer Art Bananenrepublik. Ich sage damit, dass eigentlich die Dichtung mit ihren Möglichkeiten es schafft, qua Fantasie dieses sogenannte Reale immer neu zu durchkreuzen, und das ist sehr wichtig. Das ist kein Biedermeier, sondern das ist eine Art Souveränitätserklärung.

Wer sagt mir denn, dass das, was mich umgibt, politisch umgibt, etwa das Ewige ist oder so, dass es immer so bleiben muss und so weiter? Ich kann also auch in politischen miserablen Situationen mittels Dichtung vorankommen. So war das immer in der Menschheit. Es waren oft kühne Dichterträume, die uns schon die Zukunft gezeigt haben und Möglichkeiten, aus diesem Schlamassel herauszufinden, weshalb ich dann immer enttäuscht bin, wenn die Dichtung direkt missbraucht wird für sehr direkte politische Botschaften. Das hatten wir auch oft gerade im 20. Jahrhundert, aber das sehe ich als Missbrauch der Poesie und das ist kein Biedermeier. Im Gegenteil! Das ist eine Art Unabhängigkeitserklärung, die sich durch Poesie herstellt.

/ DLR

82. Grass in Persien?

Iran lädt den deutschen Nobelpreisträger Günter Grass zum Fajr International Poetry Festival ein, teilte die iranische Nachrichtenagentur Mehr heute mit.

In seinem Gedicht “Was gesagt werden muss” (2012) drücke Grass die Sorge aus, die deutsche militärische Unterstützung für Israel (Lieferung eines U-Boots, das atomare Sprengköpfe tragen kann) könnte dazu benutzt werden, “das iranische Volk auszurotten” und betone, niemand im Westen traue sich, Israel in Zusammenhang mit Atomwaffen zu bringen.

Auch drei weitere Schriftsteller aus Europa, drei aus arabischen Ländern ebenso wie Schriftsteller aus den USA und anderen  Ländern werden erwartet.

Auf dem Festival wird es Wettkämpfe in Kategorien wie Kritik und Forschung, Klassische Lyrik, Kinder und Jugendliche und Moderne Lyrik geben.

Im vergangenen Jahr hatten 2000 Dichter aus Iran und 15 anderen Ländern teilgenommen. Das Festival findet jedes Jahr zum Gedenken an die Islamische Revolution von 1979 statt. Es wird im Mai stattfinden. / Temkin Jafarov, Saeed Isayev, Iranian.com

78. Alfred-Döblin-Stipendium

Alfred-Döblin-Stipendien in Wewelsfleth 2014

Acht Berliner Autorinnen und Autoren werden in diesem Jahr auf Einladung der Akademie der Künste und der Kulturverwaltung des Berliner Senats im Alfred-Döblin-Haus in Wewelsfleth (Schleswig-Holstein) drei Monate leben und arbeiten.

Das Alfred-Döblin-Stipendium erhalten:
Konstantin Ames, Artur Henryk Dziuk, Heike Falkenberg, Julia Kissina, Katerina Poladjan, Johann Reißer, Sebastian Unger, Senthuran Varatharajah

In dem von Günter Grass dem Land Berlin gestifteten Haus stehen den Stipendiatinnen und Stipendiaten drei möblierte Wohnungen zur Verfügung; darüber hinaus erhalten sie monatlich 1.100 EUR.

Der Jury, die über 85 Anträge zu beraten hatte, gehörten Jörg Feßmann, Frauke Meyer-Gosau und Regula Venske an.

102. Titanic

Noch einmal Satire:

Hochbetagter Günter Grass!

Im Fernsehgespräch mit Denis Scheck sprachen Sie u.a. über Ihr schriftstellerisches Selbstverständnis: »Ich habe erlebt, wie Gleichaltrige in diesen letzten Wochen des Krieges dahingemäht wurden, zerfetzt wurden, die alle keine Chance hatten, ihr Leben zu leben. Und das ist mir beim Schreiben oft bewußt, daß ich, das ist jetzt ein großes Wort, ›stellvertretend‹, aber doch ›ersatzweise‹ für viele schreibe, die nicht dazu gekommen sind.« Mal abgesehen davon, daß recht viele Ihrer Kameraden schon in Walter Kempowskis »Echolot« ihren Platz in der Literatur fanden, erstaunt es doch nicht wenig, wie offen ein ehemaliger Waffen-SS-Mann wie Sie jene würdigt, die an seiner Seite unter dem Banner »Für Führer, Volk und Vaterland!« gegen den Rest der Welt ins Feld gezogen sind.

Was, so war das ja gar nicht gemeint, sagen Sie? Stellvertretend oder ersatzweise wollen Sie natürlich auch all jenen eine Stimme geben, die Sie und Ihresgleichen damals aufs Korn genommen haben? Ach, Grass! Meinen Sie nicht, daß die sich nichts sehnlicher wünschen, als daß Sie endlich mal die Klappe halten?

Ihren Nobelpreis haben Sie doch schon!

Meint’s nur gut:

Titanic (http://www.titanic-magazin.de/briefe/2014/januar/#c19999)

75. Augustins Fundsachen

Im Fundus des Fundsachen-Sammlers Michael Augustin finden sich zahlreiche Gedichte, Kurzprosastückchen und Interviewschnipsel mit einschlägigen Selbstauskünften aller Art, von denen diesmal die schönsten und originellsten im Originalton zu hören sein werden.

Dass Maler malen, warum sie malen oder dass Komponisten das Komponieren zum Thema einer Komposition machen, dürfte eher selten vorkommen. Ganz anders verhält es sich dann doch bei ihren kreativen Kollegen von der “schreibenden Zunft”: Gedichte, in den Poeten Auskünfte erteilen über ihr Schreiben, über Beweggründe, Gefühle oder Techniken, füllen ungezählte Anthologien. In der heuitgen Ausgabe der “Fundsachen” geben sich unter anderem Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Monika Maron und Ingeborg Bachmann die Ehre.

Produktion: Radio Bremen 2014 http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/fundsachen/fundsachen-vom-schreiben100.html

Neue Sendezeit ab 07.01.2014
Sendezeit (14-tägig):
So., 16:05 – 17 Uhr
Wiederholung:
Do., 21:05 – 22 Uhr

17. Schön

Ein Kanzlerkandidat, der ein Grass-Gedicht rezitieren kann, macht natürlich Eindruck, zumal bei einem Feuilletonisten, der vorhat, ein Buch über diesen Kandidaten und seinen Wahlkampf zu schreiben. Peer Steinbrück hält jenes Poem aus Grass’ Tagebuch einer Schnecke gar für “eines der schönsten deutschen Gedichte”. Grass schrieb es an seinen Sohn Franz adressiert. Vor dem Hintergrund des SPD-Wahlkampfs 1969 handelt es davon, sich niemals unterkriegen zu lassen, niemals die Flinte ins Korn zu werfen, gerade auch dann nicht, wenn man sich eigentlich lange aufgegeben hat, “dann stehe auf und beginne dich zu bewegen, dich vorwärts zu bewegen…” / Die Zeit

9. Wenn du fertig bist

Am Anfang steht ein Gedicht. Peer Steinbrück trägt es in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus unvermittelt vor. Es stammt von Günter Grass. “Wenn du fertig bist, wenn man dich fix und fertig gemacht hat: flachgeklopft entsaftet zerfasert”, trägt Steinbrück vor. “Wenn du (. . .) für immer aufgegeben hast, (. . .) dann stehe auf und beginne dich zu bewegen, dich vorwärts zu bewegen.” / Südwestpresse

12. Stammtisch

Ts, ts:

Wenn am lyrischen Stammtisch nach dem möglichen Nobelpreisträger für Lyrik gefragt wird, fallen einige Namen. In der deutschen Literatur reicht keiner an Hans Magnus Enzensberger heran. Doch dass schon wieder ein deutschsprachiger Autor, noch dazu ein so schwer fassbarer intellektueller ausgezeichnet wird, ist unwahrscheinlich. Und Günter Grass, der die aufsehenerregendsten Gedichte der letzten Jahre geschrieben hat, wird dafür den Nobelpreis nicht ein zweites Mal erhalten. / Dieter Lamping, literaturkritik.de

85. Geht auch mit Mainz

In Mainz funktioniert der Bahnhof nicht mehr. Aus diesem Anlass habe ich, in der Tradition von Günter Grass, ein politisches Gedicht verfasst: Ein Bahnhof, wo nichts fährt, der ist sein Geld nicht wert. Ein Bahnhof ohne Züge ist eine schlimme Lüge. / Harald Martenstein, Tagesspiegel