Getagged: Gabriele D’Annunzio
60. Ge”türkt”
Einer anonymen Postkarte verdankte die Florentiner Gazzetta della Domenica 1880 eine Meldung, die Aufsehen erregte: Der bekannte junge Dichter Gabriele D’Annunzio, stand darauf, sei vom Pferd gestürzt und im Alter von nur 16 Jahren gestorben. Die Zeitungen berichteten betroffen.
Der zu diesem Zeitpunkt mitnichten bekannte Jungspund erfreute sich indes bester Gesundheit. Er hatte die Karte selbst geschrieben, um das Interesse an seinem ersten Gedichtband Primo Vere zu steigern. Mit Erfolg. Die getürkte Schlagzeile brachte ihn dem angestrebten Ruhm ein Stück näher. / Isabella Pohl, Der Standard
32. Kunst als Sport
Im alten Griechenland gehörten literarische Veranstaltungen untrennbar zu Sportwettkämpfen, bei denen bekleidete Autoren genau so beliebt sein konnten wie nackte, von Olivenöl glänzende Athleten. Die Sieger beauftragten große Dichter wie Pindar mit dem Abfassen der Siegerhymnen, die bei üppigen Banketten von Knabenchören gesungen wurden.
Kritik konnte brutale Formen annehmen: Als der sizilianische Diktator Dionysius im Jahr 384 v.d.Z. mittelmäßige Gedichte vortrug, bekam er von entrüsteten Sportfans Schläge und sein Zelt wurde verwüstet.
Im 20. Jahrhundert war Lyrik eine Olympia-Sportart, bei der Medaillen gewonnen wurden. 1912 in Stockholm waren Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei und sogar Architektur olympische Veranstaltungen im Rahmen des sogenannten Pentathlon der Musen, bei dem alle Beiträge “direkt von der Idee des Sports inspiriert” sein sollten.
Bei sieben Olympiaden erhielten Autoren – fast immer Lyriker – Medaillen wie Sprinter, Gewichtheber und Ringer. !928, 1936 und 1948 gab es sogar spezielle Wettbewerbe für epische und lyrische Dichtung.
Baron de Coubertin gewann sogar 1912 die erste Goldmedaille für seine “Ode an den Sport”, die er unter doppeltem Pseudonym Französisch und Deutsch eingereicht hatte.
Aber schon 1912 gab es Kritik wegen der Beschränkung auf das Thema Sport und weil der Amateurstatus bei den Künsten nicht anwendbar sei.
Tatsächlich beteiligten sich die berühmtesten Künstler nicht an den Spielen. 1924 in Paris gewann eben nicht T.S.Eliot oder Jean Cocteau, sondern ein gewisser Géo-Charles (eigentlich Charles Louis Prosper Guyot), den man heute nur in seiner Heimatstadt Grenoble kennt, wo ihn ein kleines Museum als “Pionier der athletischen Kunst” rühmt. Der einzige bedeutende Dichter, der es versuchte, war der Protofaschist Gabriele d’Annunzio, der aber leer ausging. 1932 war der Dramatiker Thornton Wilder Mitglied der Jury in den Spielen von Los Angeles und entschied sich für eine deutsche Ode auf das Bergsteigen.
1936 in Berlin räumten Deutsche und Italiener die Lyrikmedaillen ab.
Erst 1952 wurden die Künste endgültig gestrichen. / TONY PERROTTET, New York Times 1.7.
Beim englischen Wiki gibt es Listen der Sieger in den olympischen Künsten 1912-1948.
1928 in Amsterdam gewann Ernst Weiß die Goldmedaille in der Disziplin Epische Werke für den Roman “Boëtius von Orlamünde”. 1936 ging Gold an Felix Dhünen-Sondinger (D) und Bruno Fattori (I). Den Wettbewerb für Orchestermusik gewann 1936 übrigens Werner Egk.
In einem Punkt hat der NYT-Autor nicht gründlich recherchiert. Viele Werke seien nicht erhalten:
Many of the poems from these seven Olympic Games have vanished and are now known only by their titles. Sport historians are still searching in vain, for example, for the intriguing-sounding verse, “A Rider’s Instructions to His Lover,” by the German poet Rudolf Binding (silver, Amsterdam, 1928).
Bindings “Reitvorschrift für eine Geliebte” verschwunden? Liegt doch in jedem zweiten Antiquariat rum. Ob es freilich spekulative Erwartungen erfüllt, darf bezweifelt werden. Eine Kundenbeschreibung im WWW weiß:
Viele Sätze, die dem belesenen Reiter geläufig sind, stammen aus diesem Buch. Da ist “der Tänzer an deiner Hand” oder “Reiten ist Wille ins Weite, ins Unendliche” usw. Es ist ein adliges, ein edles Buch im alten Sinne.
123. «Ob etwas Poesie sei, oder nicht»
Novalis schreibt in seinen «Fragmenten und Studien 1799–1800»: «Kritik der Poesie ist Unding. Schwer schon ist zu entscheiden, doch einzig mögliche Entscheidung, ob etwas Poesie sei, oder nicht.» Was Salvatore Quasimodo (1901–1968), den Literaturnobelpreisträger von 1959, angeht, fällt diese Entscheidung leicht. Gianni Selvanis zweisprachige Auswahl von zwanzig Gedichten («Das Leben ist kein Traum», Piper 1960) war ein Konzentrat. Jetzt hat die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung eine Edition vorgelegt, die mit Fug und Recht als ultimativ bezeichnet werden darf.
Es sei vorweggenommen, dass Christoph Ferber mit jedem der italienisch und deutsch vorgestellten 112 Gedichte ein höchst differenziertes Gespräch geführt hat. Und das heisst: Exakte Übersetzungen wechseln ab mit Passagen, die als ein «Weiterdichten» der italienischen Originalversion verstanden werden können, wie Hugo Friedrich im Rahmen seiner nach wie vor unentbehrlichen Studie «Die Struktur der modernen Lyrik» angedeutet hat. Die Kommentare von Antonio Sichera und das Nachwort von Georges Güntert liefern die Schlüssel zu einem Opus, das von der Wahrheit der Poesie Zeugnis ablegt. Dass diese Wahrheit sich sowohl hinter einer Geheimschrift verbergen als auch im Klartext offenbaren kann, erweist sich als evident. Sicheras Kommentare spiegeln eine äusserst penibel erstellte Quellengeschichte. Das Lesen mutiert zu einer Lektion. Namen wie Ugo Foscolo, Giovanni Pascoli, Giacomo Leopardi und Gabriele D’Annunzio verweisen auf eine breite Skala von Einflüssen, die es letzten Endes auch fraglich erscheinen lassen, Quasimodo ausschliesslich einer Strömung der modernen Lyrik zuzuordnen. Ein Kästchendenken verbietet sich. Es wäre sogar ein Verstoss gegen das Freiheitsprinzip hermetischen Dichtens. / Hansjörg Graf, NZZ 17.5.
Salvatore Quasimodo: Gedichte. 1920–1965. Italienisch – deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber. Mit einem Nachwort von Georges Güntert und Kommentaren von Antonio Sichera. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2010. 336 S., Fr. 31.40.